war überall sichtbar , und verbreitete eine ängstliche Unruhe , jede Lücke auszufüllen , die das unterdrückte Gefühl nur noch stechender hervorrief . Ihr Kinder , sagte endlich der Graf , so geht es nicht . Das Herz widersteht in ernsten Augenblicken künstlichen Spielereien , darum laßt uns das Übel recht scharf ansehen , man gewöhnt sich ja an den häßlichsten Anblick . Seraphine lehnte sich an ihn , und weinte sanft , während er fortfuhr mit Ernst über den Krieg zu reden , und die Herrlichkeit eines ehrenvollen Todes herauszuheben . Die muthige Seele meiner Seraphine , sagte er , sollte nicht vor dem schönsten Lohne zurückbeben , der einen tapfern Krieger erwartet . Ich habe das Leben immer heiter angesehen , der letzte Augenblick wird mich ja auch nicht tauschen . Gott weiß es , ich denke nicht leichtsinnig daran , ich werde ihn auch nicht vermessen herbeiführen ; allein überraschen sollte er wohl Niemand unter uns ! Darum laßt uns recht still und innerlich froh seyn , wie Menschen , die am Ziele einer langen Fahrt noch einmal einander die Hände reichen , und wehmüthig und getrost auf die getrennten Lebenswege blicken . Ach , setzte er hinzu , es giebt Leiden ganz andrer Art ! Ich habe gestern mein armes Kind gesehen , das in dumpfem Jammer hinwelkt , und den Todeskampf wohl tausendmal besteht . Jugend und Lebenslust ringen wie Gewapnete mit den kalten Stürmen , die über ihre Blüthen hinfahren , und zuweilen dringt ein lauter Schrei aus der Tiefe ihres Elendes , daß man wohl fühlt , wie die Seele noch nicht vom Leibe scheiden will . Ich habe den Anblick nicht ertragen können , am wenigsten aber , wenn in andern Stunden die erschöpfte Natur so in sich abgeschlossen , so kalt und gleichgültig in die dunkle Nacht hinstarrte , und alles , alles in ihr schwieg . Gott ! sagte er bewegt , gieb uns einen klaren , besonnenen Tod . Alle Blicke richteten sich auf ihn , wie er mit gefaltnen Händen recht verklärt zum Himmel sah , und eine große Thräne über sein glänzendes Angesicht rollte . Gewiß , sagte die Gräfin nach einer Weile , ich scheue die Schmerzen nicht , die mich jetzt fast auflösen . Man fühlt in ihnen Gottes Hand , und das Herz wendet sich liebreich und ergeben zu Allem , was einem auf Erden theuer ist ; allein mich ängstet im voraus die Unlust , das Einerlei , die rechte innere Müdigkeit , die bei manchen Gemüthern auf solche Erschütterung folgt , und die ich ganz von fern kommen sehe . Denkt euch , wie farbelos alles , in dem grauen Winter vor mich hintreten wird ! Kein lebendiger Odem kann die ermüdenden Frauengesellschaften beleben , in denen die Langeweile sich so gern als Kummer und Trübsinn bewähren möchte , wenn die schlaffen Züge nicht unverkennbar ihre Spuren trügen . Manche stille Seele weint dann wohl im Verborgenen , und gedenkt seliger Stunden , aber das entzweiet vollends mit der Gegenwart , die Blicke auf das zu lenken , was nicht mehr ist . Oft , sagte Stephano , der während dem mit dem Gelehrten gekommen war , söhnt man sich aber auch mit ihr aus , wenn man sich lange in andre Zeiten verlor , und nun plötzlich zu ihr , wie zu der alten Heimath , zurückkehrt , in der zwar wenig von der verlassenen Herrlichkeit zu finden ist , die indeß zu uns gehört , und der Leib unsrer Zeiten ist . - Nun , dieser Leib , sagte der Gelehrte , sieht freilich ziemlich zerbrechlich aus ; ich wollte das dürre Gerippe zerfiele , und der jugendliche , lebendige Gott schritte wieder wie ein starker und gläubiger Held durch die neuen Zeiten . Das wird er , das wird er , riefen die jungen Krieger ! Ja das wird er , sagte der Graf , glauben sie nur , das Alte wird wieder neu , freilich anders , aber was jetzt hier glüht , ist doch auch schön und Gott wohlgefällig . Es regt sich in der Asche , fuhr der Gelehrte fort , vieles kann wieder kommen , was man oft thöricht verloren giebt ; ob jetzt ? das weiß Gott ! Allein gewiß ist es , der Phönix hebt die Schwingen , durch einen kühnen Flug kann er sich frei machen ! Es ist Schade , fiel Stephano ein , daß der Herzog nicht mitgeht ! Warum ? unterbrach ihn Rodrich schnell , das Volk liebt ihn nicht , das Heer kennt ihn kaum , was soll er nützen ? Nun , erwiederte der Graf , sein Name deutet darauf , in solcher Zeit ziehen sich alle Bande fester , das Vertrauen wächst mit der Gefahr , und : Herren Auge , Gottes Auge ! Sonst war es so , erwiederte der Gelehrte , und mich dünkt , der giebt sein Land verloren , der die Armee verlassen kann . Wirklich ? sagte Rodrich lächelnd . Der Cardinal , habe ich gehört , hat den Bruder auch heldenmüthig zum Aufbruche ermuntert , und sich edel genug zur Verwaltung des Reiches erboten . Wer weiß , erwiederte Stephano beleidigt , stände es dann nicht gut . Sein fester Blick würde die Frechen und Kindischgesinnten zügeln , die des Herzogs Gleichgültigkeit unbeachtet läßt . - Es sind große Opfer für den Glanz dieses Hauses gefallen , sagte der Graf , dem Cardinal ist nichts zu werth , was er dieser Idee nicht gern unterwürfe . Gewiß ist es , er bleibt den Winter über hier . Ohne Absicht geschieht das nicht . Nun Gott möge alles nach seinem Willen lenken ! Der Herzog kann nicht mitgehen , die Stände wollen es nicht , und er darf hoffen , daß er auch unsichtbar bei jedem unter uns ist . Seraphine hatte unterdeß mit Florio geredet , und konnte nicht genugsam ihr Gefallen über ihn ausdrücken . Nein , sagte sie zu Rodrich , es ist etwas so Eigenthümliches , Fremdes , ja Veraltetes in ihm , daß ich bald ein Kind , bald einen Heiligen zu hören glaube , so unschuldig und doch so besonnen , so klar und tief sieht er die Welt an . Ich möchte zuweilen über ihn lachen , und doch muß ich ihn unwillkührlich verehren . Er sagte nur wenige Worte , aber das liegt so rücksichtslos auf gesellschaftliche Formen , so offen da , daß es überall anerkannt werden muß . Ich glaube , sie sollten alles von sich werfen , und mit ihm in ihre Berge flüchten . Aber das Paradies ist nun wohl für sie verschlossen , sie können nicht mehr von der Welt lassen , und doch sind sie weder heiter genug , um unbefangen , noch fest genug , um ruhig in ihr zu leben . Sie wissen , es ist nicht meine Art , Gemüther zu sichten und zu zerlegen , um einen Beitrag meiner Seelenkunde herauszuheben , wobei die Eitelkeit gewöhnlich alle Liebe und Theilnahme niedertritt , und die natürlichsten Gefühle in Kunstworte zwängt ; aber sie geben sich dem blödesten Auge preis . Ich kann sagen , es stört mich oft recht wehmüthig , wie bei einem leisen Ruf von außen , ihr wilder Sinn so flammend losbricht , und auch , wenn sie nichts sagen , so schwer und trübe in ihnen arbeitet , daß sie mir wie ein feuriger Berg erscheinen , dessen frische grüne Decke die Menschen vertrauend lockt , sich an ihn zu lehnen , bis er dann unversehens alles in Asche und Glut verschüttet . Ach , und der Augenblick wird kommen , und sie werden mit verloren gehen ! Wenn ich denke , fuhr sie nach einer Weile fort , in welcher beide schwiegen , wie es sie und mich treffen kann , wenn ich den geliebten Mann niemals , niemals wiedersehe ! Mein Gott , was würde dann auch aus ihnen werden ! Sie ständen ganz allein , ach und ich könnte nicht mehr in einer Welt leben , die ohnehin immer trüber wird , und die nur die sanfte Heiterkeit des reinsten Gemüthes erhellt . Sie bog sich zurück , und ließ ihre Thränen still fließen , während Rodrich halb erweicht , halb erbittert , über die eigne feindselige Natur schweigend vor sich hinsah . Die Stunden waren indeß unbemerkt entflohen . Der letzte Augenblick nahete , ohne daß es Jemand unter ihnen einfiel , den vertraulichen Kreis zu eröffnen . Stephano hörte zuerst das langsame Rollen der schwer bepackten Wagen , die immer häufiger durch die Straßen fuhren . Bald ward nun alles lebendiger . Niemand konnte das verworrene Rufen , das Klirren der Waffen länger überhören . Die Artillerie zog mit klingendem Spiele vorüber , das Geschütz dröhnte dumpf auf dem Steinpflaster . Alle fühlten mit Angst und Freude , daß auch ihre Zeit bald kommen mußte , indeß wagte Niemand die augenblickliche Stille zu unterbrechen , die recht ängstigend fast jede Bewegung gefangen hielt . Endlich stellten sich die Regimenter auf den Straßen . Marketenderinnen und anderes Gesindel lärmte frech vorüber , ihre derben Späße fuhren schneidend durch Seraphinens heilige Wehmuth . Sie verhüllte das Gesicht , und kämpfte sichtlich , die schickliche Haltung zu gewinnen ; auch gelang es ihr bald , sich ruhig zu erheben und mit erheiterten Mienen an das Fenster zu treten . Der dämmernde Morgen stritt noch mit dem Mondenlichte . Die Gestalten traten wunderbar aus dem magischen Scheine hervor . Seraphine ward von dem Anblick der rüstigen Schaaren überrascht , die mit ihren glänzenden Waffen so kampflustig da standen , und jeder Trauer zu spotten schienen . Handwerker und Bürger , Männer und Frauen hatten sich herzugedrängt , jeder brachte das Seinige sogleich herbei ; manche stille Thräne , mancher laute Zuruf ward gefühlt und erwiedert . Die Offiziere flogen die Reihen herauf , während Blick und Gruß der gläubigen Geliebten Trost verhieß . Alles sah schön aus in dem Augenblick , wo Thorheiten und Fehler vor der beginnenden kräftigen That verschwinden . Solchen Reiz giebt der edle Wille , und so tief lebt Freiheit und Recht in der Menschen Brust . Und als nun die Trommeln gerührt wurden , und ein langes : lebt wohl , lebt tausendmal wohl , nebst dem lauten Hurrah der jubelnden Knaben nachhallte , als die betagten Mütter betend zu dem klaren Himmel aufsahen , und behagliche Krämer und Meister schon in Gedanken den ersten Bericht von der Armee lasen , sagte der Graf fest : Laßt uns thun was seyn muß , die Reihe ist nun an uns . Seraphine wollte den letzten Moment durch keine Schwäche trüben , der Anblick so vieler Tapfern , die heiter und vertrauend dem dunklen Ausgang entgegen sahen , hatte ihr Muth gegeben . Sie wandte sich beherzt zu dem Gemahl , der sie still bewegt an sein Herz drückte ; ihre Thränen stockten , sie hatte keine Worte , Alle schwiegen gerührt ; da schmetterten die Trompeten , die Pferde stampften wiehernd vor dem Hause , Weiber und Kinder schrien in unvernehmlichen , herzzerreissenden Tönen . Der Graf drückte noch einen Kuß auf Seraphinens bleiche Wange , und eilte , ohne sich umzusehen , aus dem Zimmer . Stephano und der Gelehrte reichten einander die Hände , indem der erstere sagte : es hat Punkte gegeben , wo wir von einander abwichen , allein was mich jetzt durchdringt und fortreißt , das fühlen sie , und das wollen wir in der Erinnerung festhalten und Freunde bleiben . Florio ging schweigend neben Rodrich ; nur einmal sagte er mit gefaltnen Händen : Ach ! nun fühle ich auf ' s neue , wie sich Herz vom Herzen reißt , und die Wunde so still ausbluten muß , bis sie in sich selbst heilt . Lebe wohl ! sagte Rodrich stockend , schwang sich auf ' s Pferd , und war bald mit Stephano den Zurückbleibenden aus den Augen . Der lustige Gruß der Reiter , verwehete schnell die leichten Wolken auf ihrer Stirn . Ihre Herzen waren weich und offen , die klaren Luftströme zogen erfrischend durch sie hin . Alles blickte sie in dem herbstlichen Morgenglanz so reif und kräftig , und doch so scheidend an . Die Erde dampfte und thauete in unzähligen Tropfen nieder , als weine sie ihren Kindern nach . Da hoben die Reiter folgendes Lied an , das , wie ein Gespräch , von dem Einzelnen angefangen , und von der ganzen Schaar beantwortet wurde . Was zieht dich so lustig zum Thore hinaus , Was locket dich über die Brücke ? Was reißt dich von Weib und Kind und Haus , Zu jagen nach schönerem Glücke ? Der Krieg , der Krieg , der lustige Krieg , Der locket den Reiter , der ruft ihn zum Sieg . Ach wende die Augen , sieh jenseit dem Fluß , Sieh Wellen in Wellen sich kreisen , Es schäumet die Brandung , es sprudelt der Guß , Laß schweigen die lustigen Weisen , Und schlängen die Wellen auch Habe und Gut Der Reiter blickt vorwärts , lacht spottend der Flut . Die Brücke sieh fallen , zerbrechen den Steg , Kannst nimmer zur Heimath nun wandern . Die Kindlein , sie jammern auf schlüpfrigem Weg , Die Mutter verhöhnt dich mit Andern . Laß brechen , laß brechen , was halten nicht kann , Verloren hat niemals , der wieder gewann . Halt an die Zügel , halt an , um Gott ! Sieh vor dir die Todten-Gebeine , Es öffnen die Thüren , dem Frevler zum Spott , Die Gräber , im stummen Vereine . Wen kümmern die Gräber , wer achtet den Tod ? Es treibet den Krieger ein göttlich Gebot ! Der Graf trabte indeß munter vor seinem Regimente her , welches , ohne achtet er das Haupt-Corps führte , so selten und so spät als möglich , von ihm entfernt seyn durfte . Stephano und Rodrich ritten an seiner Seite . Alle drei hörten dem Liede zu , als der Wind rauschend durch die trocknen Blätter fuhr , und sie kreisend des Grafen Wange streiften . Das ist wohl gar der Tod , sagte er lachend , indem er ein welkes Blatt zerdrückte ; nun , setzte er hinzu , das Lied hat Recht , wer achtet den Tod ! Die beiden konnten nicht lachen . Seine Worte waren ihnen schwer auf ' s Herz gefallen . Rodrich dachte an Seraphinens prophetische Klagen ; seine Blicke richteten sich wehmüthig auf den heitern Greis . Das mögliche Unglück schien ihm gewiß , schien ihm so nahe , daß er kaum dem innern Drange widerstand , ihn an sein Herz zu drücken . Lieber Sohn , sagte der Graf , der seine Bewegung wahrnahm , laß dich das nicht irre machen , in der Jugend hält man viel auf solche Zeichen , im Alter weiß man , daß sich der menschliche Verstand überall anhängt , wo er nicht hindurch kann , und in den engen Schranken alles zu sehen meint , was ihm Gottes Hand verbarg . Das Geheimniß deuten zu wollen , führt auf böse Trugschlüsse oder kindische Spielereien . Wer nicht alles weiß , darf niemals glauben die dunklen Worte zu verstehen , die wohl zuweilen in und um uns erschallen , und die nur an die unsichtbare Weisheit erinnern , und zur Demuth und Standhaftigkeit ermuntern sollen . Laß jetzt deine Gedanken sich lieber auf die thatenreiche Gegenwart lenken ! Viel Sinnen in das Blaue hinein , macht den Blick unsicher und die Tritte schwankend . Kinder , ich kann euch nicht sagen , fuhr er nach einer Weile fort , mit welchem Blick ich die Gegend umher betrachte ! Keine frühern Erinnerungen knüpfen mich an sie , ich bin nicht alt geworden mit diesen Bäumen , ihr Schatten und ihre Früchte haben erst spät den Fremdling erquickt , und dennoch hält sie mein ganzes Herz gefangen . Ich könnte die Erde küssen , die mich so gastlich aufnahm , wo mir so viel , so viel Freuden erblüheten ! Ja ich will sie schützen als mein köstlichstes Gut ! Wir wollen ihr eine Vormauer seyn , an der die räuberischen Hände zerbrechen sollen ! Wachend und schlafend habe ich nur den einen Gedanken . Wohl tausendmal schlage ich den Feind im Traume . Nun es wird geschehen , bei Gott , es wird ! Jetzt dringen wir in Eilmärschen vor . Rechts deckt uns das Meer , links die feste Gebürgskette , so sind wir über den Gränzen , in Feindes Land , ehe es die weisen Staatsräthe noch ahnen . Die Armee ist frisch , kräftig , zu Anstrengungen gewöhnt , von den Einwohnern geliebt . In solchen Zeiten wird es dem Landmanne erst anschaulich , was der Soldat im Frieden bedeutet . Sie haben einen Respekt vor ihm , der zugleich Liebe ist und Dankbarkeit . Das fühlt der Reiter besonders , der überall einen gewissen Stolz hat , der ihm wohl ansteht , und nur in einzelnen seltenen Fällen Übermuth wird . Rodrich glaubte nichts Herrlicheres gesehen zu haben , als dies wachsende Feuer , das in den schönen , beweglichen Zügen des Grafen spielte . Er selbst ward wie neugeboren , heiter , in sich gewiß . So ging es mehrere Tage . Das thätige Leben , der Wechsel der Gegenstände , die Neuheit der ungewohnten Verhältnisse , alles that ihm wohl , trieb ihn aus sich selbst heraus , und gab seinen Gedanken einen äußern , festen Halt , an dem sie wuchsen und reiften , und eben deshalb beruhigter in sich selbst zurück gingen . Er stieß auf nichts , was ihn zurück drängte , oder feindlich erbitterte . Stephano war ein gefälliger Freund , ihre beiderseitige Wünsche für den Augenblick erfüllt , des Grafen Achtung und Freundschaft zwischen ihnen getheilt , die Unterhaltung durch ihn bestimmt , leicht und unterrichtend . Alles traf zu um das Verhältniß rein zu erhalten , und Rodrich eine thätige Ruhe kennen zu lehren , die seiner Natur eigentlich fremd , und nur durch die Umstände erzeugt war . Nach mehreren Märschen mußten sie indeß das Regiment verlassen , um die wechselnden Hauptquartiere schicklich und passend wählen zu können . Es ward nun immer reicher , vollwichtiger um sie her . Im buntesten Gewühl fremder und doch innig verbundener Gemüther , in der wilden Lustigkeit und dem Ernste anstrengender Berathschlagungen , in dem Zusammenklang alles dessen , was den Soldaten ausmacht , dehnte sich Rodrichs Seele , die Schranken traten immer weiter und weiter zurück , er umfaßte die Weltgeschichte , in dem lauten , ans Herz dringenden Ruf der Gegenwart . Was längst gewesen , ward ihm wieder neu . Die nie verschollnen Nahmen ewiger Helden erklangen in seiner Brust , der allmächtige Geist hob sich , und trat die nichtigen Wünsche nieder . Was seine Blicke bis jetzt wie Irrlichter verlockt , die schwankenden Vorstellungen unsichrer Größe , drängten sich hier in einen gewichtigen Gedanken zusammen . Das Leben faßte ihn recht herzhaft an , und er begegnete der wohlthuenden Erschütterung mit wachsender Kraft . Überall fühlte er sich wohl , überall blitzten ihm die versprüheten Funken göttlicher Herrlichkeit entgegen , die hier in einer Flamme aufloderten . Er lernte die Welt wieder lieben , die er nie recht kannte , am wenigsten , wenn er sie aus dem Gesichte verlierend , sich selbst überflog . Es sah ihn alles so groß , so neu , wie aus langem Schlaf erwacht , mit frischen , lebendigen Augen an . Alle Klagen über gesunkene Weltherrlichkeit erkannte er als erste Regung des Erwachens . Er glaubte einzusehen , wie das tiefe , bis zum Schmerz beschämender Erniedrigung empfundene Bedürfniß großer Wirksamkeit , die That nothwendig herbei führen müsse , und wie der Geist nie lange in der Hülle schmachte , ohne sie zu sprengen und gewaltsam zu fodern , was ihm werden muß , sobald er es will . Noch war er nie so bleibend ruhig in sich selbst , so versöhnlich mit der Welt , so zuversichtlich und heiter gewesen , als in den stillen Abenden , die er mit Stephano allein bei dem Grafen zubrachte . Alles , bis auf die unbedeutenden Beschränkungen äußerer Bequemlichkeit , erinnerte sie an das erwünschte Ziel , dem sie mit jedem Tage näher rückten . Der Graf schürte die Flamme noch mehr an , indem er sich selbst wohlthätig erwärmte , und seine Pläne an dem stillen , inneren Lichte reisen ließ . So waren sie über die Grenzen , dem überraschten Feinde entgegen , in sein eignes Gebiet gerückt . Kaum hatte dieser so viel Zeit gewonnen , sich vor die Festungen zu werfen , und das Innere des Landes mit allen Kräften überwiegender Macht , und allen Vortheilen wohlgelegener , stark befestigter Plätze zu sichern . Der Graf sah mit Freuden , wie sein Gegner , immer stärker und stärker gegen seinen rechten Flügel anrückend , einen Hauptangriff von dieser Seite zu erwarten schien , indeß er sich links nur schwach gegen das Gebirge lehnte , das sich hier stark erhebend , weiteres Vordringen unwahrscheinlich machte . Auch rechtfertigten des Grafen Bewegungen diese Maaßregeln eine Zeit lang , und die Armee selbst glaubte , daß hier der Schlag fallen müsse , bis er durch eine geschickte Stellung den Kern der Truppen plötzlich links wandte , während leichte Corps den Feind von der andern Seite ungewiß hinhielten . Die Regimenter zogen sich , immer vorrückend , dichter und dichter zusammen . Alles ging den festen Gang auf Leben und Tod mit Zuversicht . Endlich kam der große Tag , des Grafen Pläne waren reif , alle Befehle in der Stille gegeben , Maaßregeln und Vorkehrungen getroffen . Das tiefste Geheimniß deckte die Zukunft , Niemand wußte , aber Jeder glaubte und wollte das Beste , darum blieben die Gemüther frei und sicher , und die Herzen voll Kampfeslust . So stand es in und um den edlen Grafen , als er am Abend vor der Schlacht seinen jungen Freunden entdeckte , daß noch in dieser Nacht ein Scheinangriff die feindlichen Anführer täuschen werde , indeß sie wenige Stunden darauf mit zusammengedrängter Kraft von der Gebirgsseite einbrechen , und wahrscheinlich alles aufreiben und sprengen würden , ehe noch ein Mann zu Hülfe eilen könne . Stephano ward deshalb sogleich zur Avantgarde verschickt , um jede Bewegung zu beobachten und dem Grafen nöthigen Bericht abzustatten . Er hatte mit gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort in sich gesogen , sein Herz zitterte vor innerm Entzücken , er konnte keine Sylbe hervorbringen , so wogte und brauste es in seiner Brust ; unwillkührlich faßte er Rodrich ' s Hand , um doch etwas in der gewaltsamen Anspannung zu ergreifen , er schüttelte und drückte sie während große Thränen über das glühende , fast verschämte Antlitz des Jünglings rollten . Nun gehen sie mit Gott , sagte der Graf bewegt , und als wäre die Erde unter ihm verschwunden , so pfeilschnell war er ihnen aus dem Gesicht . Rodrich war heut still und innerlich , wie Jemand , dem das Größte im Leben plötzlich ganz nahe tritt . Der erwünschte Augenblick war anders , als er sich ihn gedacht hatte , unendlich schön , aber ernst und heilig . Er spürte nichts von der leidenschaftlichen Erschütterung , die ihn über sich hinaus zu nie gesehenen Thaten treiben sollte . Weit Geringeres hatte ihn sonst wohl heftiger fortgerissen . Jetzt war er ruhig und sicher , seit sich die großen Bahnen vor ihm erschlossen . Er erschien sich selbst ungewohnt , und was er that und sah , erfüllte ihn mit unbekannter feierlicher Ehrfurcht . So war ihm ein Theil der Nacht verflossen , als des Grafen Regiment einrückte , das im entscheidenden Augenblick den gewohnten Führer nicht entbehren sollte . Es ward nun alles lebendiger , als der Graf sich auf sein Pferd schwingend den Leuten zurief : nun Kinder in Gottes Nahmen vorwärts ! Wie ein freudiger Blitz fuhr es über alle Gesichter , die Alten sahen so vertrauend drein , tausend Grüße flogen ihm zu , sogar die an einander gewöhnten Pferde wieherten sich lustig entgegen . Doch bald ging es still und eilig vorwärts . Rodrichs Herz klopfte jetzt zum erstenmal heftiger . Man hörte stark feuern , des Grafen Blicke flogen nach dem Gebürge hin . Dampf und Rauch hüllten sie in dichte Nebel . Vor und hinter ihnen wimmelte es von heranrückenden Regimentern . Rodrich verlor sich immer mehr in die großen Erscheinungen . Indem ward das Feuer schwächer , als zöge es sich weiter hin , und sie sahen Stephano heransprengen , der ihnen zurief : die Pässe sind frei , die Höhen genommen , der Feind ist geworfen , aufgerieben , doch rechts wälzt es sich wie ein Gewitter heran . Vorwärts , vorwärts , rief der Graf , und alles drang in schneller Ordnung vor . Bald zogen sie zwischen den Gebürgen an Leichen und Verwundeten vorüber . Des Grafen Pferd stutzte und bäumte sich bei dem blutigen Anblick , auf Rodrichs Lippen schwebten jene Worte : Halt an die Zügel , halt an , um Gott , Sieh vor dir die Todten-Gebeine . Der alte , unerschrockne Held gab indeß dem Pferde unwillig die Spornen , und sie gelangten schnell in die weite unabsehbare Ebne , die sich nun vor ihnen hindehnte . Die Sonne drang am dunkeln Saum des Horizontes herauf , über der Erde schwebte und flimmerte es , wie tausend Luftgestalten , die ein klarer Morgen verjagte , die Trommeln schallten dumpf durch die tiefe Stille , die Infanterie marschirte auf , hell glänzten die polirten Bajonette . Die weißen Federbüsche der Cavallerie wogten wie ein bewegtes Meer im frischen Morgenwinde , alles stand in fester , geschlossener Ordnung zum Kampfe bereit , während ein feindliches Corps wild und verzweifelnd heranstürmte . Da schmetterten die Trompeten , wie Ein Leib bewegte sich die dichte Schaar . Sie stürzten auf einander ein ; der Sieg war leicht , der Widerstand schwach , doch bald drängten sich die Haufen immer dichter und dichter heran . Rodrich sah alle Kräfte in einem furchtbaren Momente gegen einander aufsteigen . Der alte heilige Schooß der Erde bebte , und nahm die kreisenden Kugeln mit dumpfem Gestöhne auf , um und neben ihm sank ein blühendes Leben nach dem andern , schwarze Rauchsäulen drängten sich zum Himmel und hüllten die blutigen Gestalten in schattige Wolken , das lichte Gewölbe über ihm war umzogen , die Erde mit Blut und Leichen bedeckt . Unheimlich und beengend trat die grause Wirklichkeit vor Rodrich hin . Wie gebannt mußte er neben dem Grafen halten , der von einer Anhöhe das Ganze scharf und ernst betrachtete . Der Sieg blieb eine Zeitlang ungewiß , Noth und Verzweiflung gaben dem Feinde ungewöhnliche Kräfte . Rodrich sah das , und kämpfte mit der stechenden innern Ungeduld und dem äußern Unvermögen , etwas Entscheidendes zu unternehmen . Jetzt , sagte der Graf , ist es Zeit . Die brennende Mittagssonne strahlt dem ermatteten Feinde entgegen , indeß wir , frisch und stark , ihr den Rücken zuwenden . Er eilte voran und sandte Rodrich , seinem fast umringten Regimente Unterstützung herbei zu führen . Wie eine Flamme riß dieser die Schaaren mit sich fort , durchdrang die Reihen , entwand einem gefallnen , sterbenden Jüngling die Standarte , und stürzte mit den jubelnden Reitern in die dichtesten Haufen . Bald darauf sah man den Feind wanken , die Reihen waren durchbrochen , die Ordnung nicht wieder herzustellen , die wilde Fluth , Gesetz und Maaß überspringend , rann unaufhaltsam aus einander . Mehrere Stunden wurden sie verfolgt , viele gefangen und getödtet , die Meisten retteten sich durch ungezügelte Flucht . Endlich ward alles still , die wachsende Schlachtwuth tobte nur noch im Innern der aufgeregten Gemüther . Bald lagerten sich die siegreichen Truppen auf einem frischen Anger , den Dörfer und klare Bäche durchschnitten . Rodrich hatte indeß mit steigender Angst den Grafen vergeblich aufgesucht . Auch Stephano fehlte . Er eilte unzähligen Todten und Verwundeten vorüber , zitternd , in jedem einen dieser Geliebten zu erkennen . Seine Unruhe ward bald allgemein gefühlt , tausend kreuzende Gerüchte , wo man den Grafen zuletzt gesehen und gesprochen haben wollte , verwirrten nur die Meinungen und erhöheten die laut geäußerten Sorgen . Der Abend brach unter ängstlichen Nachforschungen herein , da sah Rodrich aus der Ferne drei Gestalten langsam zu Pferde herannahen . Er eilte ihnen entgegen , und erkannte , im trüben Dämmerlichte , den schwer verwundeten Grafen , von Stephano und einem Diener unterstützt . Zusammengesunken , mit schlaffen herabhangenden Armen , ließ er sich fast bewußtlos von demselben Pferde schleichend forttragen , das sonst nur in raschen Sprüngen mit ihm über die blühende Erde hinflog . Rodrich weinte laut , als ihn der Tod aus den edlen Zügen so bleich und zerstörend anblickte . Er umfaßte den geliebten Kranken und wollte ihn still und behutsam in eine nahe gelegene Hütte tragen , allein der Graf verlangte in gebrochnen Tönen nach einem Zelte bei seinen Reitern gebracht zu werden . Stephano eilte voran , die nöthigen Anstalten zu treffen , und die Andern zogen schweigend an den bestürzten Regimentern vorüber , die den geliebten Feldherrn mit stummer Ehrfurcht begrüßten . Als sie nun aber vor dem Zelte anlangten , und der Graf in einem rückkehrenden Lebensblitz seine wackeren Kampfgenossen anredete , und sich und ihnen Glück zu dem wohlerfochtenen Siege wünschte , da hielt sich keiner länger ; tausend Thränen flossen , Aller Herzen ergossen sich in Klagen über das theure Opfer , das nun so blutend vor ihnen lag . Die alten Krieger drängten sich um ihn her , sie wollten noch einmal in das sterbende Auge blicken , das ihnen so oft Ehre und Sieg verhieß .