Klagetöne am Fortepiano vernahm , indem sie ein Lied , das sie selbst über ihren Zustand gedichtet und componirt hatte , mit dem himmelsüßen Ausdruck inniger Schwermuth sang , oder wenn er sie , beim raschen Eintritte in ' s Zimmer , mit zum Himmel gebreiteten Armen betend fand , so regte sich der wüthendste Schmerz von neuem . Er drückte sie an seine hochklopfende Brust , und doch schauderte seine sinnliche Natur bei der Annäherung des armen kleinen Ungeheuers zusammen . In seiner Brust war das Mitleiden kein milder Trieb ; es war Leidenschaft , ungestüme , zerstörende Leidenschaft , die seine Kraft zermalmte und sich in sich selbst aufrieb . Rührender noch war der Anblick , wenn die Unglückliche sich bestrebte , ihrem Hauswesen , wie in gesunden Tagen , vorzustehen , und ehe der Mechanismus der Gewohnheit ihren Bewegungen zu Hülfe kam , tappend umher irrte , und oft ganz entgegengesetzte Richtungen nahm . Als einst bei einem solchen Anlasse Lindenhain selbst in Laurettens Augen Thränen sah , stürzte er auf sie zu , und umarmte sie heftig . Laurette aber schämte sich ihrer Rührung , und behauptete , es sei ihr nur Staub in ' s Auge geflogen . Albertine gewöhnte sich allmählich an ihre Lage , und trug mit frommer Resignation , was nicht mehr zu ändern war . Überdem hatte sie die glückliche Gemüthsanlage , an allen ihren Lebenszuständen sich die beste Seite aufzusuchen und sie sich anzueignen . Sie litt jetzt nur noch in ihren Freunden , in ihrem Gatten . Sie entwarf sich einen neuen , ihrem Zustande angemessenen Lebensplan . Adelaide hatte ihr Unterricht auf der Harfe gegeben ; ihr glückliches Talent hatte dieses ihr Lieblingsinstrument sich bald zu eigen gemacht . Sie wechselte mit Musik und Handarbeiten , die sie zur Bewunderung fertig machte . Henriette oder Adelaide lasen ihr vor , oder sie überließ sich ihren eigenen Betrachtungen ; auch gewann sie bald die Fertigkeit , leserlich zu schreiben , und nie war ihre Phantasie reger und blühender gewesen , als da ihr die äußern Eindrücke versagt waren . An schönen Tagen saß sie in den Lauben ihres Gartens und übersah mit den Augen ihres Geistes die ihr bekannte schöne Gegend . Sie hatte in guten Tagen einen Schatz von Ideen und Kenntnissen gesammelt , mit dem sie nun in ihren Leidenstagen wucherte und diese versüßte . Wie ihr Freund Albert an ihr Theil nehmen mußte , sagt uns die vergangene Zeit . Schon war er im Begriff gewesen , die Gegend zu verlassen , weil er aus einigen Winken , die Henriette ihm , ohne es beinahe zu wollen , gab , geschlossen hatte , Lindenhain habe sich selbst nicht genug gekannt , als er seinen Vorsatz , Albertinen nicht mehr zu sehen , ihm ausredete . Als aber das Unglück über seine Freunde ausbrach , wich jede andere Rücksicht ; denn nun war alles anders , und jetzt war es ihm Pflicht , der Leidenden alles zu werden , was er ihr , seiner redlichen Überzeugung nach , seyn durfte . Wenn sie so im traulichen Zirkel um sie saßen und er auf ihre Rede lauschte ; wenn ihr heiterer Sinn und ihr heißes Gefühl für alles Edle und Große wie ein himmlischer Trost in seiner Seele aufging : dann bemerkte er nicht , daß ihre Gestalt verändert war ; dann war sie ihm schön , wie in den ersten Wonnetagen seiner Bekanntschaft mit ihr ; dann sah er nicht die tiefgenarbte Wange , den verzogenen Mund , den dicken rothen Kreis um das ehemals so schöne Auge , aus dem ihm der ganze Himmel gelacht hatte . Ganz anders wirkte der nemliche Anblick auf Lindenhain . Nie warf er den Blick auf Albertinen , daß er nicht zusammen schauderte ; sich ihr zu nähern , kostete ihm Überwindung ; nur was von schönen Lippen kam , fand er geistreich . Die Schärfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab , ging aber in Verdruß und Abneigung gegen den Aufenthalt in seinem Hause über . Die Eifersucht stachelte ihn jetzt nicht mehr , und es war ihm eben recht , wenn Albert und der ganze Zirkel um Albertinen versammelt war , weil er sie dann unterhalten wußte und seine Gegenwart um so entbehrlicher war . Er wurde ein Jäger ; und zwar so leidenschaftlich , wie er alles in sich aufnahm . Oft kam er erst heim , wenn die Andern den Abendtisch schon verlassen hatten , oder er blieb auch Nächte aus , worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter , als seufzend sagte : » Ach , ich kann es ihm ja nicht verdenken ! « - Adelaidens zarter , herrlicher Sinn glänzte in seinem strahlendsten Lichte . Ihre Lage war delikat und ihr Verhältniß zur Familie forderte eine feine Behandlung . In ihrem offnen , unbefangenen Betragen gegen Lindenhain veränderte sie nichts ; es blieb sich gleich . Gleichwohl hatte sie ihn unsäglich geliebt und war zu einiger Erwiederung berechtigt . Jetzt hatte sie der Hülfe bedürftigen Albertine alles zugewendet , was ihr schönes Herz zu geben hatte ; und mehr noch , als kalte Principien , gab ihr ihre schöne Natur ein , was sie dieser , da Finsterniß ihr Auge deckte , jetzt seyn mußte . Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen ; er weinte laut , wie ein Kind , und drückte sich so klagend über ihren Zustand aus , daß ihr Gemüth aus seinem Gleichgewicht kam , und wenn sie ihn zu trösten bemüht war , oft laut in seinen Schmerz einstimmte . Neun und zwanzigstes Kapitel Die trübe Scene ein wenig zu erheitern , wollen wir einen Vorfall berichten , der alle in Verwunderung , einige in Freude , andere in Verdruß versetzte . An einem schönen Morgen kam ein ärmliches Fuhrwerk , von lebensmüden Pferden gezogen , vor das Schloß . Aus Decken und Mänteln wickelte sich eine weibliche Gestalt heraus , die verschleiert , wie sie war , von Niemand sogleich erkannt wurde . Gerührt warf sie sich Albertinen in die Arme , die sogleich am holden Lispeln , an dem warmen poetischen Ausruf , Tante Elisen erkannte . Die Gute weinte Albertinens Unglück die heißesten Thränen , und dann ging ihre Bewunderung wieder bis zur Anbetung , als sie Albertinens himmlische Resignation sahe . Durch Henrietten erfuhr sie Adelaidens Geschichte , und auch diese umfaßte sie mit einer hohen Begeisterung , die der Vergötterung nahe kam . Ihre eigne Geschichte machte alle traurig ; nur ein Gesicht verzog sich zum Hohn . Wer in dem Kreis der Guten das seyn konnte , errathen wir nur zu leicht . » Waren Sie denn nicht mit ihm verheirathet , liebe Tante ? « fragte Albertine . - » Was man so recht eigentlich verheirathet nennen möchte , « antwortete Elise , » waren wir nie . Wie möchte die Liebe dies erdrückende Joch tragen ! - Kein Priester sprach den Seegen , kein Ringewechseln bestätigte den Bund der Liebe . Lasen Sie nie das Paradies der Liebe , mon Neveu ? « fragte sie Lindenhain . - » O ja doch , ja ! « antwortete dieser lachend , » ich fange an zu merken . « - » Nun « - fuhr Elise fort - » muß die Liebe , wie sie im Menschen das Höchste und Lieblichste , die schönste Blüthe des Lebens ist , so auch das Freieste unter der Sonne seyn . Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe . Warum trüge der Gott der Liebe Flügel , als zum Flattern ? Daß er sich im Flattern übe , Darum , darum trägt er sie ! Wer mag ihn festhalten ? Und wie wohlthätig ist die Trennung , wo er nicht mehr weilt ! « Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus , daß die gute , gar zu majorenne Elise über ihr Vermögen zu Gunsten ihres flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe . Seine Sinnlichkeit , das Streben nach heimlichen Genüssen , und eine affectirte Geringschätzung jeder ökonomischen Rücksicht bei großer Geldgier , hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt , aus welchen er sich durch Elisens Gutmüthigkeit zu ziehen hoffte , als Antonie ihn abwies . Elise gab , bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen kam ; mit diesen im Koffer , hatte er sich von ihr entfernt , sie wußte nicht , ob zur großen Nation hin , oder nach dem andern Freihafen für Leute seiner Art , nach Amerika ; sie wußte nicht , wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes werde aufgehen lassen . So viel wußte sie , daß sie arm , verachtet und ausgelacht zu den ihrigen zurück geflüchtet sei , aber reich beladen mit den Erzeugnissen Wassermannischen Geistes , womit sie nun einen Buchhändler zu beglücken und sich ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte . Dämmrig accompagnirte ihre Erzählung mit einem leisen Gemurmel zwischen Gesang und Rede , welches ihr höchst anstößig war . » Und sein Drama von Schafen und Böcken ? « fragte Dämmrig . - » Erscheint ! « - » Und dein übermenschlicher Roman , worin nichts natürlich zugeht , wo eine Komode die prima Donna ist ? « - » Erscheint ! « - » Spotte nur , spotte ! Einen Schrank , einen Klotz kann man immer noch vernünftiger , als einen alten Ritter , worein ihr so verliebt seid , redend einführen . Im weiten Reiche der Phantasie , in ihren Schöpfungen ist alles Leben . Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt , wie der Glaube , Berge . « Dreißigstes Kapitel Lindenhains Vermögenszustand reichte für den Aufwand eines noch so vergrößerten Familienzirkels zu ; und großmüthig , wie er war , kümmerte es ihn wenig , ob das Kapital durch zurückgelegte Zinsen vergrößert wurde . Elise war überdem allen von Herzen willkommen ; sie war eine so gute Art von einer Närrin , daß so leicht kein Spott über sie laut wurde . Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr um sich , die das Vorleseramt ausschließend übernahm . Sie fühlte , was sie vortrug , und ihr angenehmes Organ fügte sich in alle Modulationen des Ausdrucks leicht ein . So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit für den liebenden Kreis , der immer mehr an Festigkeit gewann . Obgleich für jeden besondere Wohnungen bestimmt waren , schloß sich doch der Kreis immer um Albertinen , der in ihrer Dunkelheit jeder gern die hülfreiche Hand reichen wollte . Henriette hatte sich eine Zeit her auf die Porträtmalerei , worin sie sehr glücklich war , gelegt ; aber auf die Länge verdroß es sie , ein glückliches Talent blos im Dienst der Eitelkeit zu verwenden , und die Vorwürfe derer , die ihres Lebens Frühling in verschönter Gestalt hingezaubert haben wollten , wenn der Herbstwind schon über die kahlen Scheitel wehte , wurden ihr zum Ekel . Sie gab also das Porträtmalen wieder auf ; und da sie überdem schon ein hübsches Kapital erworben hatte , so schränkte sie sich blos auf einzelne größere Sachen ein , die sie den Kabinetten der Freunde zum Andenken bestimmte . Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und vergaß beinahe des bessern . Lindenhains Launen sahe sie als natürliche Folge ihrer Lage an , und ertrug sie still , ohne Widerrede . Denn selten sprach er mit ihr , daß er nicht , ohne es selbst zu wollen , ihr etwas Unangenehmes sagte . Er verfiel oft in einen wirklichen Sergeanten-Ton , der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt . Dann seufzte sie still und dachte : er liebt mich nicht mehr ! Wer weiß , wie entsetzlich ich auch aussehe ! Sie waren es insgesammt nun schon gewohnt , daß er in ihrer Mitte fehlte ; und Albertine war froh , wenn sie nur , wenn auch spät , seine Stimme wieder hörte . An einem düstern December-Abend saßen sie um ein schönes , freundliches Kaminfeuer versammelt . Draußen stürmte es mit Schnee und Regen . Schon einigemal war Albertine vergebens der Thüre zugeeilt , was sie in ihrer Trübsal doch nie unterließ , weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden schien . Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen : » Nein , er ist es noch nicht ! « wieder zu ihrem Sitz begeben , als der Jäger verstört in ' s Zimmer trat und Albert etwas zuflüsterte , worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das Zimmer verließ . Blinde hören sehr scharf . » Was ist ' s mit dem Grauschimmel ? Mein Mann pflegt ihn zu reiten ! « und schon irrte sie zur Thüre hinaus . Unter den Domestiken war ein confuses Durcheinanderlaufen , und so erfuhr sie , der Grauschimmel sei allein zu Hause gekommen ; Sattel und Zeug sei naß und in Unordnung . Albert hatte ihn schnell wieder bestiegen , und war schon fort ; alle männliche Domestiken waren ihm mit Fackeln und Leuchten gefolgt . In dem Forst bei dem Förster fanden sie ihn nicht . Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend ; aber nirgend fanden sie eine Spur . Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte , wäre vermessen beschreiben zu wollen . Mit kräftiger Stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes ; es blieb todtenstill , nur der Widerhall antwortete . Gegen Morgen kam er in eine entferntere , wenig gangbare Gegend ; es war ein See , mit einem Kranz von Hügeln umgeben . Auch hier rief er den Namen ; da schlug Perdrix , Lindenhains Lieblingshund , an , und kam von dem See her auf ihn zugestürzt . Eine fürchterliche Ahndung , was geschehen seyn könne , flog Albert durch die Seele . Er folgte der Weisung des treuen Hundes , und - o des Jammers ! - Lindenhain lag todt in dem See ! - Vom jähesten Abhang des Hügels herunter war er vom stolpernden Pferde gestürzt ; der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so unglücklich um den Kopf gewickelt , daß er , der arme Einhändige , sich nicht hatte befreien können . Tief mit dem Kopf war er in ' s Moor gesunken , und so war der vollblütige Mann schnell am Schlage gestorben . Hier ruhe die Feder , die schon zu viel Leiden schilderte . Dem Jammer Raum zu lassen , bleibe eine Lücke in dieser Geschichte , die das Trauerjahr in sich faßt , das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde . Ein und dreißigstes Kapitel Albertine hatte den langen , trüben Winter hindurch einem verzehrenden Nervenfieber fast unterlegen . Was Liebe , was Freundschaft vermag , gewährten ihr die seltenen Freundinnen . Das zarte Gemüth der Leidenden untergrub seinen Frieden durch unverdiente Vorwürfe , es habe nicht genug geliebt und dadurch den Gatten von sich entfernt , dessen Bild jetzt in unumwölkter Klarheit in Albertinens Seele lebte . Alle seine kleinen Unarten und üblen Gewohnheiten waren ihr mit in die Gruft gesenkt ; seine Tugenden nur , seine Großmuth , sein männlicher Sinn , seine frühere Liebe , sein Feuereifer für ' s Edle und Schöne , der gebildete Geist , die warme Vaterlandsliebe , standen in edler Schöne hoch emporstrebend um das Grab , das seine Fehler deckte . » Mein Unglück , meine darauf entstandene düstre Stimmung entfernten ihn , und darum - o Gott ! darum - war sein Ende so unglücklich ; darum ging er in der Kraft der Jahre zu Grunde . O , ich habe nicht genug geliebt ! O , daß ich mit ihm stürbe ! « rief sie oft verzweifelnd aus . » Selten , meine Albertine , verdienen wir den Vorwurf , daß wir zu wenig lieben , « sagte Adelaide tröstend . » Ach , wir lieben viel zu viel , kommen den Männern mit viel zu viel ermüdender Liebe entgegen . Mit viel zu viel Liebe tragen wir ihre Unarten . O , wären sie unsrer nicht so bis zum Übermaß gewiß , die Geschlechtsverhältnisse würden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter seyn . Die Launen einer Ungetreuen , die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das grillenhafte Wesen des Mannes stärker , als die ausharrendste Liebe der Gattin . Nein , Albertine , ihre Freunde , ihr innigstes Bewußtseyn geben Ihnen das Zeugniß , daß Sie nicht zu wenig liebten . Auch wäre es schrecklich , wenn unserm Menschen-Elende noch die Verantwortlichkeit für alle zufälligen Folgen unsrer Worte und Handlungen aufgebürdet würde . « Der Frühling kam in aller seiner Glorie herbei . Albertine saß in ihrer Laube am Rosengeländer und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen schwermüthiger Harmonie zu erheben . Sie hielt es beinahe für Versündigung an dem Verstorbenen , sich erheitern zu wollen ; nur Klagetöne hauchten ihre Lippen in die Harfe oder das Klavier . Albert war ihr Führer , ihr Begleiter . Die Liebe , die er gewaltsam in sich zurückgedrängt hatte , erhob sich jetzt , ungebunden von Pflicht , allgewaltig wieder in seiner Seele ; die reinste , die geistigste . Doch hielt er schonend der Traurenden auch die leiseste Äußerung zurück . Einst kam er frühe zur ungewöhnlichen Stunde . » Albertine , meine Freundin ! « rief er in den Vorsaal , worin sie eben war , hinein ; » ich bin sehr glücklich gewesen . An dem Ufer des Baches , wo mein Glück mich zuerst zu Ihnen führte , warf ich mich ermüdet an eben der Stelle hin , eine kleine Blumenpflanzung , die ich dort anlegte , zu besehen . Mein alter Tiras , der mich an dem glücklichsten Tage meines Lebens auch begleitete , grub sich neben mir ein Lager in das Moos . Da sahe ich , da fand ich - rathen Sie einmal , was ? « - » Trüffeln oder Pilze ! « sagte Albertine heiter . - » Nein , meine Theure , den Ring , der dazumal der Gegenstand ihres Spatzierganges war . Albertine , er ist in jedem Bezuge ein theures , theures Andenken ! « - Albertine streckte die Hand hastig darnach aus . » Ach , ich kann ihn nicht sehen ! « sagte sie schmerzlich ; » ich werde fühlen , ob er es ist ? « - » Albertine , dieser Augenblick sei mir der feierlichste und heiligste meines Lebens ! Mir sind Sie noch ganz so schön , als Sie es mir in den ersten Blüthetagen meiner Bekanntschaft waren ; aber noch unendlich liebenswürdiger erscheinen Sie mir durch die Schönheiten Ihres Gemüths , das ich in jener Zeit nur ahnete . Albertine , Sie bedürfen eines Führers , eines Beschützers in den mancherlei Verhältnissen Ihrer Lage . Und - darf ich mahnen an jene Zeit , als Sie Wittwe zu seyn wähnten , was Sie dem Überglücklichen zudachten ? Albertine , ich liefere den Ring nicht aus , er werde denn ein Verlobungsring ! « Albertine schwieg betroffen ; häufige Thränen drangen aus den geschlossenen Augen . Sie kannte Alberts feste , ruhige Besonnenheit ; es war gewiß nicht der Enthusiasmus des Mitleidens , der ihn bestimmte ; aber dem theuren Andenken des im Grabe Ruhenden thut es Abbruch , sagte ihr Zartgefühl . Albert fühlte sich in das Herz , dessen innerste Regungen er kannte , hinein , und begegnete fein und schonend den Einwürfen , die sie nicht sagte . Henriettens Dazwischenkunft entschied für Alberten . Albertine war in Liebe und Dankbarkeit aufgelöst , als der schöne Bund der Vernunft und Liebe an dem Altare ihrer eigenen Kirche , umgeben von ihren Lieben , rührend und feierlich geschlossen wurde . Zwei und dreißigstes Kapitel Der Tag sollte im stillen Kreise der Freundschaft zugebracht werden . Henriette und Adelaide feierten ihn durch Gesang , den die eine gedichtet , die andere componirt hatte . Albertine setzte sich an ' s Fortepiano und überraschte alle durch einen Gesang , der aller Herzen in Thränen auflöste . Er war Todtenfeier und Brautweihe , im rührendsten Verein . Sie hatte ihn in der Stille der Nacht vor ihrem Vermählungstage gedichtet , und ihr glückliches Talent hatte schnell die rechten Töne dazu gefunden . Der Tag sollte aber noch in mehrerer Rücksicht mit Ereignissen bezeichnet werden . Die stille Feier wurde durch die Ankunft zweier Fremden unterbrochen , die sich als der Baron und die Baronin Rothensee melden ließen . Sie sollten nicht angenommen werden , waren aber schon in Vorsaal eingetreten . Albert ging ihnen entgegen , und führte bald , zum Schrecken aller , wen anders , als die Frau Rosamund und den Baron Weißensee herein . - Mit edler Unverschämtheit näherte sie sich ihrem beleidigten alten Freunde , der kein Wort zu sagen wußte und das Haupt tief auf die Brust herabsenkte , als sei er der Beleidiger . » Sie haben es mir wahrscheinlich gedankt , daß ich Sie von einer lästigen Hausgenossin befreite . Mein Gemahl , der Baron , ist im Stande , Ihnen jeden , mir zu Gunsten gemachten Aufwand zu ersetzen . Aber - ich sehe Sie alle versammelt ; nur Ihre Albertine fehlt ! « - » Hier , hier ! « sagte Dämmrig , aus seiner Verlegenheit hervortretend und Albertinen bei der Hand fassend . » Gott im Himmel ! « Rosamund wäre beinah einmal im Ernste ohnmächtig geworden ; sie drückte die Arme heiß weinend an ihr Herz . Albertine erkannte des Barons Stimme , faßte seine beinahe vor Schrecken erstarrte Hand und sagte sanft : » Sehen Sie mich doch jetzt recht an , Herr Baron ! Dies einzige sei meine Rache ! « - Der Baron trat erbleichend zurück und schob fast mechanisch den Hut vor die Augen . Albert war zu glücklich , um einen verjährten Streit aufzufrischen , und zu gastfrei , jemand unter seinem Dache zu beleidigen ; um so weniger , da die Fremden sagten , sie gingen in einer Stunde weiter , und Petersburg sei das Ziel ihrer Reise , wo sie sich mit ihrem Vermögen niederzulassen gedächten . Die Wahrheit war , daß sich das Hochfreiherrliche Paar auf der dortigen Bühne engagirt hatte . » Mademoiselle sind noch unversagt ? « fragte Rosamunde , sich an Lauretten wendend . Ergrimmt erwiederte diese , zu Aller Erstaunen : » Es ist heute mein Verlobungstag , und hier ist mein Verlobter ! « indem sie den Herrn Pastor Ehrich , der die Trauung verrichtet hatte , bis mitten in ' s Zimmer zog . Der zögernde , hocherröthende Mann stammelte unvernehmlich ein Kompliment an seinen Gutsherrn , das eine Bewerbung um die Cousine vorstellen sollte , der aber der Braut in dieser desperaten Situation kräftig nachhalf . - Die Hand der Dame wurde dem nothgedrungenen Bräutigam unverweigerlich zugestanden , und der Onkel , dem die gute Laune zurückgekommen war , sang in seinem gewöhnlichen heisern Falsett : » So werd ' ich armer Erdenkloß Mit Ehren meine Nichte los ! « Laurette nahm die Glückwünsche an ; der Bräutigam , der nicht wußte , wie ihm geschehen war , erwiederte sie mit stillen Bücklingen und niedergeschlagenem Auge , und wenn ein Laut aus seinem Munde kam , war er so weinerlich , daß jeder , der die Dame kannte , sich den Zusammenhang der Sache lebhaft dachte . Damit wir nicht nöthig haben , die schon zu häufig vorkommende Laurette wieder einzuführen , sei sie hiermit abgefertigt . Sie freiete und ließ sich freien ; war ihrem Manne , der ihre Keckheit ganz treuherzig für Verstand hielt , eine wahre Megäre ; ihren Stieftöchtern - denn der Mann war Wittwer - alles , was Wahrheit und Dichtung je von Stiefmüttern gesagt hat , und ihrem Gesinde ein Schrecken . Die Geburt eines Kindes kostete ihr das Leben . Sie starb unbedauert und über ihre Gruft weht der Wind in Nesseln und Dornen , die keine Freundeshand davon hinwegpflückt . - Drei und dreißigstes Kapitel Fried ' und Freude wohnte mit den Edeln . Keiner gewahrte , daß die , von der alles Glück ausging , selbst des schönsten beraubt war . Alberts unablässiges Streben war , einen Kreis von immer jungen Freuden um seine Theure zu ziehen , so daß sie , ihres Unglücks vergessend , ganz in seiner Liebe lebte , die nicht vulkanischer Natur , sondern ein ewiges ruhiges Feuer , wie jenes , das allen Dingen Leben und Gedeihen giebt , war . Ihren Nachbarn , auch den fernern , sich mitzutheilen , stifteten sie einige Feste , die sie Volksfeste nannten , woran alles , auch der Hüttenbewohner , auf der Güterbesitzer Kosten Theil nahm . Z.B. wenn der erste Schnee fiel , wenn das erste Gewitter war , wenn die Bäume blühten ; die Heut , die Kornerndte : dann war den Sonntag Tanz , und Bier und Braten im Herrschaftshause für die Gemeine , und Thee und Musik für die Herrschaft . Den Thee nannten sie die Wasser-Feten , der aber freilich mit allem verbrämt wurde , was der Wohlstand zuläßt . Als sie eines Tages im traulichen Zirkel versammelt saßen , forderte Albert den Onkel und die Tante auf , ihm etwas aus den Kinderjahren seiner lieben Albertine zu erzählen . Beide begannen zugleich und jeder bestritt die Erzählung des andern und berichtigte sie nach seiner Weise , bis Elise ihrem Bruder mit komischem Zorn ein an ihrem Busen abgewelktes Blümchen an den Kopf warf ( denn auch im Zorne war sie zart ) und sie die Erzählung allein über sich zu nehmen verlangte . » Albertine « - sagte sie - » war uns allen ein kleiner , vom Himmel gesandter Engel ; aber schon als Knöspchen war sie einst dem Welken nahe ; eine ruchlose Amme , die - ganz ungesund war - - die arme Albertine mußte mit dem unseligen Geschöpfe zugleich mediciniren , und dann ohne die natürliche Nahrung der Kinder aufgezogen werden « - Albert sprang mit ungewöhnlichem Feuer von seinem Sitze , umarmte plötzlich die Tante mit dem Ausruf : » Vortrefflichste Tante ! ist das wahr ? Wissen Sie das gewiß ? « Elise erschrak zum Erblassen und betheuerte die Wahtheit ihrer Erzählung , die dann auch Dämmrig bestätigte . Nun verlangte sie den Grund zu Alberts Freude zu erfahren . » Wie ! « rief er , wie außer sich ; » dann ist ja noch Hoffnung , freudige Hoffnung für meine Geliebte . Ein Mädchen meiner Familie befand sich im nemlichen Fall und wurde im drei und zwanzigsten Jahre von ihrer Blindheit hergestellt . Fort , fort zum Arzte , der dies Wunder bewirkte ! « Albertine hoffte nicht , aber sie ergab sich allem , was der sorgsame , liebevolle Gatte beschloß . - Sie reisten zum Arzt ; er sah , untersuchte und verzweifelte nicht . Die Schuldlose , die Reinste unterwarf sich einer Behandlung , wie das sich selbst bestrafende Laster sie erfährt , und in vierzehn Wochen - o , des schönen Lohnes ihrer frommen Resignation ! - sahe sie den ersten Lichtschimmer wieder . Still betend , begrüßte sie das ihr wieder auflebende Licht . Laut jubelnd trat Albert vor sie , als sie zuerst wieder sein Antlitz dämmernd erblickte . In einem halben Jahre kam sie sehend aus zwei recht schönen gestärkten Augen zurück . Ihr Dank , ihre Freude , als sie an den Busen der Freundinnen sank , grenzte an Verzückung ; sie erlag beinahe der Stärke ihres Gefühls . Zögernd aber und bänglich nahte sie sich dem Spiegel , den scheuen Blick kaum auf ihre Gestalt wagend . Albert gab es nicht zu , daß sie irgend etwas über ihre so sehr veränderte Bildung sagte ; er küßte allen Harm von der Lippe hinweg . Nur Freude , und wieder Freude , und überall Freude , sollte die Losung seyn ! Der Arzt wurde fast königlich belohnt . Henriette wurde bald nachher die glückliche Gattin von Albertinens Bruder , der von der seinigen , ihrer Unredlichkeit wegen , sich hatte scheiden lassen , und blieb so im Kreise der Guten , ein theures Mitglied desselben . Adelaide fand sich durchaus so im schönen Gefühle ihrer Tugenden glücklich , daß sie in ihrer Lage nichts zu verändern wünschte . Das schöne , jugendliche Mädchen schlug jede Verbindung aus ; sie gestand jetzt , daß ihre erste und einzige Liebe mit Lindenhain begraben sei ! Albertinens Kinder zu bilden , die lieblich wie junge Sprößlinge an den Wasserbächen emporblühten , war ihr ernstes und liebstes Geschäft . Albertine pries sich oft selig , daß sie durch kein Vorurtheil die schöne Emigrantin von sich entfernt hatte ; selig , daß sie durch Trübsal , die ihr , als sie da war , nicht Freude zu seyn dünkte , zu den schönsten Freuden des Lebens eingegangen war . - Und endlich sagen wir : Selig sind , die , wie diese , reines Herzens sind ; denn auch sie werden den Kelch reiner Freuden schmecken ! - Fußnoten 1 Die Weisheit . 2 Sind Ausdrücke , die irgendwo ein Dichter brauchte .