früher da gesessen . - » Der englische Garten ist göttlich « , sagt ' er abgehend zum stillen Gärtner an der Pforte , » abends erschein ' ich gewiß wieder , liebster Mann . « Er machte auch zur versprochenen Zeit die Gartentüre auf . In der Villa war Musik . Er verbarg sich und seine Wünsche in die schönste Grotte des Parks . Aus der Felsenwand hinter ihm drangen Quellen und überhängende Bäume . Vor ihm goß der glatte Fluß seinen langen Spiegel durch ein Auen-Land . Windmühlen kreiseten ungehört auf den fernen Höhen um . Ein sanfter Abendwind wehte das rote Sonnengold aus den Blumen höher um die Hügel . Eine weibliche Statue , die Hände in ein Vestalinnen-Gewand gehüllt , stand mit gesenktem Haupte neben ihm . Die Töne der Villa hingen sich wie helle Sterne ins Quellen-Rauschen und blitzten durch . Da Gottwalt nicht wußte , welches Instrument Klothar spiele : so gab er ihm lieber alle in die Hand ; denn jedes sprach einen hohen , tiefen Gedanken aus , den er dem Herzen des Jünglings leihen mußte . Er entwarf sich unter süßen Klängen mehrmals den Umriß von der unerhörten Seligkeit , wenn der Jüngling auf einmal in die Grotte träte und sagte : » Gottwalt , warum stehest du so allein ? Komme zu mir , denn ich bin dein Freund . « Er half sich durch einige Streckverse an Jonathan ( so wollt ' er im Haßlauer Wochenblatte den Grafen verziffern ) , die ihm aber schlecht gelangen , weil sein innerer Mensch viel zu rege und zitternd war , um den poetischen Pinsel zu halten . Zwei andere Streckgedichte , unter welche er jene absichtlich im Wochenblatte zum Scheine mischen wollte , als sei alles Dichtung , waren viel besser und hießen so : Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest . So steht Gott am Himmel , und die Ströme der Zeiten stürzen und reißen , und auf allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens . Die Liebe als Sphinx Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an , und ihr schönes Angesicht lächelt . Aber verstehst du sie nicht : so erhebt sie die Tatzen . Eben kam der Gärtner und befahl ihm an , sich wegzumachen , weil man den Garten schließe . Er dankte und ging willig . Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in der Theaterschneiders-Gasse nahe vor einem sechsspännigen Fackel-Wagen vorbei , worin Klothar saß nebst andern , so daß er im Garten manches , sah er , vergeblich empfunden . Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder , zwar ohne diesen zu sehen , der ihn sah , aber doch um ihn sich nahe zu denken . Tags darauf hatt ' er das Glück , den Grafen , der mit einer alten krummen Dame englisch sprach , auf einem Garten-Gange zu treffen und vor dessen ernstem schönen Gesicht den Hut mit Liebes-Augen zu ziehen . Er suchte ihm noch sechs oder sieben Male aufzustoßen und zog ebensooft - aus Unbekanntschaft mit der Garten-Kleiderordnung - den Salutier-Hut , was zuletzt dem Grafen so verdrüßlich fiel , daß er unter Dach und Fach auswich . Auch der Gärtner , der längst über ihn und seine scharfen Beobachtungen des Landhauses seine eignen angestellt , wurde konfus und glaubte , etwas zu vermuten . Noch spät abends kam ein Läufer vom polnischen General Zablocki - der in Elterlein das bekannte Ritterschloß hatte - mit dem Befehle , sich morgen ganz früh Punkt 11 Uhr einzustellen , um etwas zu machen . » O Lieber , wenn doch mein Klothar ein Instrument bei mir bestellte ! Gäb ' es denn eine holdere Gelegenheit ? « dacht ' er . Punkt 11 Uhr kam derselbe Läufer und bestellt ' ihn ab . Aber an der Wirtstafel vernahm er , welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwärts weggezogen war . Die Tischgenossenschaft vereinigte sich nämlich , das göttliche Gemüt einer gewissen » Generals-Wina « zu erheben ... Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen Menschenbrust , ewige Wünsche , ewige Schrecken , ewige Bilder - so auch ewige Töne . Der Laut Wina , ja nur der verwandte Winchen , Wien , Mine , München , erfaßte den Notar ebensosehr , als wenn er an - Aurikeln roch , auf deren Duft-Wolken er sich so lange in neue ausländische Welten verschwamm , bis er entdeckte , daß er nur die frühesten seines Lebens tauig ausgebreitet sehe . Und die Ursache war eben eine . In seiner Kindheit war nämlich , da er an den Blattern blind dalag , ein Fräulein Wina , die Tochter des General Zablocki , dem das halbe Dorf oder die sogenannten Linken gehörte , mit der Mutter zum Schultheiß gekommen . In der Familie hatte sich erhalten , daß das kleine Mädchen gesagt , der arme Kleine sei ja sehr tot , und sie woll ' ihm alle ihre Aurikeln geben , weil sie ihm keine Hand geben dürfte . Der Notar beteuerte , daß er sich es noch klar und süß erinnere , wie ihn Blinden der Aurikeln-Geruch durchdrungen und ordentlich berauscht und aufgelöset habe , und wie er ein peinliches Schmachten gefühlt , nur eine Fingerspitze des Kindes , dessen süßes Stimmchen ihm fern , fern herzukommen schien , anzurühren , und wie er die kühlen Blumenblätter an seinen heißen Lippen totgedrückt . Diese Blumen-Geschichte mußt ' ihm , erzählt ' er , in der Krankheit und nachher in der Gesundheit unzählige Male erzählt werden , er habe aber Wina nie aus seiner Kindheits-Dämmerung gelassen und sie später nie angesehen , weil er es für Sünde gegen dieses für das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte Wesen gehalten . Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flügel zusammenstellen , um wie auf einem Minervens-Schilde eine Schönheit emporzuheben durch Wolken hindurch , über schwache Monde , mitten unter die Nacht-Sonnen hinein : so hob doch Walt die ungesehene , süß sprechende Wina viel höher , nämlich in das dunkle tiefste Sternenblau , wo das Höchste und das Schönste glüht und strahlt , ohne Strahlen für uns Tiefe ; gleich den großen Zentral-Sonnen Herschels , welche durch ihre unendliche Größe ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und ungesehen in ihrem Feuer schweben . Gottwalt fragte , ob diese Wina die Tochter Zablockis sei . Er hörte , es sei diese eben die Braut - Klothars . Welche Überraschung , sich einen männlichen , markigen , scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken , mit dem Dämpfer , der das Schmettern zu Nach- und Widerklängen erweicht , einen Heros neben einer heiligen Jungfrau - und auf der andern Seite sich die Braut eines Freundes zu denken , diese höhere geistige Schwester , diese Gott geweihte Nonne im Tempel der Freundschaft ( denn für eine schöne Seele gibt es keine schönere als des Freundes Geliebte ) - - mehr Liebe und Freuden-Träume konnte eine einzige Nachricht schwerlich einem Menschen zuwerfen als die neue dem Notar , die neueste ausgenommen , daß heute beim General die Ehepakten aufgesetzet worden oder doch würden . Der Notar , der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wußte , fuhr ordentlich vor der aufgeschobenen Herzens-Szene zusammen , die ihm entgangen war ; » ich glaube , ich sterbe « , dacht ' er , » vor Liebe gegen zwei solche Menschen , die ich auf einmal in ihrer fände ; den Kontrakt würd ' ich ohnehin mit zehntausend Fehlern aufsetzen , und stände mein Kopf darauf . « Er hörte aber noch mehr . Der Graf , sagte die Wirtstafel , heirate sie bei seinem Reichtum nur der Schönheit und Ausbildung wegen , denn er habe zehnmal mehr Geld als der General Schulden . » Was tuts « , sagt ' ein unbeweibter Komödiant , der Väter machte , » die Hehre soll die Liebe und Charis selber sein . « - » Zwar die Mutter in Leipzig , glaub ' ich « , versetzte ein Konsistorial-Sekretär , » konsentiert bequem , da sie lutherischer Konfession ist , so gut wie der Bräutigam ; aber der Vater « - - » Wieso ? « fragte der Komödiant . » Tochter und Vater sind nämlich Katholiken « , antwortete der Sekretär . - » Wird sie die Religion changieren ? « fragte ein Offizier . » Das weiß man eben nicht ( sagte der Sekretär ) ; bleibt sie inzwischen bei ihrer , so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen ; und beide müssen durchaus zweimal kopuliert werden , einmal von einem lutherischen Geistlichen , hernach von einem katholischen . « - » Ihr Konsistorien « , sagte der Offizier , » bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler , nichtsnütziger , langweiliger Schnickschnack , der mich ordentlich revoltiert ; wie stecht ihr ab gegen einen Feldprediger ! « - So beklommen , als ( nach der medizinischen Geschichte ) Leute erwachen , die in ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten , der in der Nacht die Blüten auftat und sie mit seinem Duft-Frühling überfiel : so stand Walt , mit der süß-nagenden Geschichte am liebewunden Herzen , vom Tische auf . Er wollte , er mußte die Brautleute sehen . Wina , die er früher als der Graf wenigstens gehört , konnt ' er ordentlich bitten , ihn dem Bräutigam , und diesen , den er längst gesehen und gesucht , ihn der Braut vorzustellen . Sehr hatt ' ihm an der Wirtstafel die Bemerkung gefallen , daß Wina eine Katholikin sei , weil er sich darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte . Auch daß sie eine Polin war , sah er für eine neue Schönheit an ; nicht als hätt ' er etwa irgendeinem Volke den Blumenkranz der Schönheit zugesprochen , sondern weil er so oft in seinen Phantasien gedacht : Gott , wie köstlich muß es sein , eine Polin zu lieben - oder eine Britin - oder Pariserin - oder eine Römerin - eine Berlinerin - eine Griechin - Schwedin - Schwabin - Koburgerin - oder eine aus dem 13. Säkul - oder aus den Jahrhunderten der Chevalerie - oder aus dem Buche der Richter - oder aus dem Kasten Noäh - oder Evas jüngste Tochter - oder das gute arme Mädchen , das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem Jüngsten Tage . So waren seine Gedanken . Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum - so kühn und leicht , als lieb ' er selber , war ihm - und doch war ihm wieder , als wenn er zwar alle habe , aber keine - er wollte Winen eine Brautführerin zuführen , in die er selber sterblich verliebt wäre - er lechzete nach dem Bruder , nicht um ihn darüber zu belehren oder zu vernehmen , sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an seine zu haben - ein großer Regenbogen abends in Osten spannt ' ihn noch höher . Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offnes Farben-Tor für ein unbekanntes Paradies - es war der alte glänzende Siegesbogen der Sonne , durch welchen schon oft so viele schöne , tapfere Tage gegangen , so viele sehnsüchtige Augen gesehen . Auf einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein , drei Wünsche zu befriedigen , zwei laute und einen stillen . Nr. 20. Zeder von Libanon Das Klavierstimmen Es ist bekannt , daß nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch einen Tag lang stimmen muß , um zu erben . Längst hatt ' ihn außer Vult noch sein Vater , der nicht erwarten konnte , wie der sogenannte Regulier-Tarif oder die geheimen Artikel Fehler setzen und strafen würden , um Verwaltung dieses Erb-Amts als des kürzesten angelegen , um hinter die Ehrlichkeit des sel . Testators zu kommen ; aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt , den alten gebenden Mann für einen Schelm zu halten . Aus schönern Gründen hingegen konnt ' er jetzt stimmen , wenn er wollte ; diese waren die dreifache Hoffnung , er werde , da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum mußte angeboten werden , in die vornehmsten Häuser und Zimmer kommen - die schönsten Töchter vorfinden ( denn Töchter und Instrumente sind nicht weit auseinander ) - und wohl auch die köstlichen Mahagonipiano von Schiedmaier aufdecken , auf deren Tasten Klothar und Wina die beringten Finger gehabt . Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen . Er zeigte seinen Willen den Testament-Exekutoren oder dem regierenden Bürgermeister Kuhnold an . Dieser eröffnete ihm , daß er nach dem geheimen Regulier-Tarif 4 Louis aus der Erbschaftskasse erhalte , weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder Bezahlung aussetzen wollen . Wie ein Vater ermahnte er ihn , sein Ohr unter dem Stimmen nicht zu zerstreuen , und er würde ihm deutlicher raten , sagt ' er , wenn es seine Pflicht erlaubte . » Auch ich geb Ihnen ein Instrument « , setzt ' er mit einem wohlwollenden Lächeln dazu . Walt - in die Liebe verliebt - erinnerte sich mit Vergnügen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Töchter . Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt . Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast ernsthaften Kautelar-Bogen voll Predigten über Saiten-Nummern , Saiten-Sprengen und falsche Temperaturen , samt dem Flehen , doch nur einen Tag lang kein Dichter zu sein . » Sondern Instrumente , statt zu machen wie ein Notar , zu stimmen wie ein ordentlicher Regensburger Komitial-Mensch . « Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhäuser ; aber darunter war weder sein Wohnhaus - Neupeter war zu stolz dazu - noch Klothars und Zablockis ihre , doch sonst hohe genug . Als er am Morgen zuerst bei Kuhnold - nach der ancienneté des Meldens hatt ' er zu hausieren - als Stimmer ankam : fand er im netten , glatten Klavier-Zimmer statt der Dlles . Kuhnold den obengedachten hinkenden grämlichen Notar , den der Fiskal Knoll , als der Kardinalprotektor der sieben Erben , hergeschickt zum Zeugen aller Fehler , weil ein Notar , wie Deutschland weiß , zwei Zeugen schwer wiegt , folglich für das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz des Widerspruchs , jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist , wonach so lange schon die Weltweisen wettrennen , um solche nur zu sehen ; daher der Jurist in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Säkuln . - Auch war Knoll weitläufig schriftlich darauf bestanden , den Stimm-Tag durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagen - was sich , replizierte Kuhnold , ja von selber verstanden hätte . Das heiter-geordnete Zimmer ohne Töchter trug indes überall die Farben-Asche weiblicher Schmetterlingsflügel , bunte Arbeiten und Arbeitszeug schöner Finger . Das Pianoforte war fast wie gestimmt , nur zu hoch um einen Ton - eine Stimmgabel lag dabei - auf den Tasten waren die Nummern der Saiten , auf dem Sangboden neben den Stiften das Tasten-Abc mit schwärzerer Dinte retouchiert - für Stille war in der Nachbarschaft gesorgt und Kuhnold kam zuweilen nachschauend , aber ohne ein Wort zu sagen . Er bot den Notarien ein Frühstück an . » Wollte Gott « , dachte Walt , » eine oder die andere Tochter trüg ' es herein ! « Eine runzlige , ehrliche , männliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht ' es so freundlich , als sei sie in der Tat der Wirt . - - Redlicher Bürgermeister von Haßlau , lasse mich in dieser Minute , wo ich eben die folgende Nummer und Naturalie Großmaul oder Wydmonder samt Dokumenten von dir und der Post erhalte , die Geschichte mit der Versicherung stören , daß ich wissen würde , wie hoch ich dich zu stellen habe - wärest du auch weniger der Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars- , schon daraus , mein ' ich , daß du erstlich einen ganz alten ( wahrscheinlich beweibten ) Bedienten hast , und daß er zweitens noch vergnügt aussieht . Beide Notarien frühstückten , und der Exekutor sprach , während die Wachparade gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen , mit einem Geschrei auf der Trommel , das nicht bloß an die Haut des sie überziehenden Tiers erinnerte , vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen zuließ . Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog : so versicherte Kuhnold , jetzt höre niemand sein Wort , geschweige den zärtesten Mißton . So ging der ganze Vormittag unter fehler- und töchterlosem Stimmen vorüber und beide Notarien zum Essen , jeder ganz verdrüßlich , der hinkende darüber , daß er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mögliche Niederschreiben , der stimmende , daß er niemand gesehen . In gewissen Jahren versteht das männliche - und das weibliche Geschlecht unter » niemand « das eigne , und unter » jemand « das andere . Zu Buchhändler Paßvogel zogen darauf beide Notars . Dem Flügel des Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu . Statt des Stimmhammers mußte Walt mit einem Gewölb-Schlüssel drehen und arbeiten für Musikschlüssel . Ein geschmücktes schönes Mädchen von 15 Jahren , Paßvogels Nichte , führte einen Knaben von 5 , dessen Sohn , in seinem Hemde herum und suchte leise singend eine leise Tanzmusik aus den zufälligen Stimm-Tönen zusammenzuweben für den jungen Satan . Der Kontrast des kleinen Hemdes und der langen Chemise war artig genug . Plötzlich sprangen die drei Saiten a , c , h , nach Haßlauer offiziellen Berichten , welche gleichwohl nicht festsetzen , in welchen gestrichnen Oktaven . » Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen , G. Harnisch « , sagte Paßvogel . » Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach . Es fehlt Ihnen nur mein p ! « - » Ich stimme am b « , sagte Walt , » aber für das Springen kann ich nicht . « - Da der hinkende Notar so viel Verstand besaß , um einzusehen , daß ein Stimm-Schlüssel nicht drei Saiten auf einmal sprenge : so stand er auf und sah nach und fands . » Aus dem Ach wird ja ein Bach ( scherzte der Buchhändler ablenkend ) . Was macht der Zufall für Wortspiele , die gewiß keine Bibliothek der schönen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe ! « Allein der hinkende Notar versicherte , die Sache sei sonderbar und protokoll-mäßig ; und als er noch einmal den Sangboden besah , guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche eine - Maus heraus . » Die hats gemacht « , sagt ' er , schrieb es nieder und schüttelte so , als ob er vermute , der Buchhändler habe sie aus Absichten in den Sangboden schießen lassen . Walt fragte auf einmal sich besinnend : » Stimm ' ich denn fort ? Ich sehe überall die Mausspuren , und alles springt . « Er legte den Gewölb-Schlüssel sanft hin . Paßvogel wollte als hitziger Mann ausfallen . Aber Walt entkräftete ihn durch die Erklärung , er wolle in der Stadt herumstimmen und zu ihm zuletzt , aber bei andern Saiten kommen . Sie gingen zu Hrn . van der Harnisch , der sich auch auf die Liste gesetzt . Er sagte , er erwartete jede Stunde sein Miet-Pantalon , und ließ beide fast eine ganze lauern . Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar , der noch dazu nicht faßte , wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte . Walt schrieb alles dem brüderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu , indes Vult dabei die Absicht hatte , dem Tage und Bandwurm , der an der Erbschaft fraß , ein Stück abzureißen . Endlich ließ er beide unverrichteter Sache abziehen , nachdem er sie ein paarmal gefragt , ob sie noch da wären , weil er sie nicht höre in seiner Blindheit . Sie kamen zu einer verwitibten schönen Stückjunkerin , die sich mit ihrem Stickrahmen ( eine Paukendecke stickte sie ) , sehr nahe an das gleißend-gebohnte Klavier setzte , das sie ihn vielleicht stimmen ließ , um ihn für sich zu stimmen . Er horchte so vergnügt auf ihre Anreden , daß er einmal den Stimmhammer auf den Sangboden fallen ließ und ein paar Saiten abdrehte . Am Ende des Geschäfts zeigte sie ihm das musikalische Würfelspiel und bat ihn , damit zur Probe zu komponieren . Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte ; er wollte noch länger vorspielen - denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen - aber der hinkende Notar setzt ' ihm die Testaments-Klausel entgegen . Die Stückjunkerin machte selber einige prüfende Griffe - der Schoßhund sprang empor und ging mit vier dergleichen über die Tastatur und verstimmte ein wenig . Walt wollte nachhelfen ; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen . Er ging ungern . Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren , also um 5 oder 7 Jahre jünger als eine Jungfrau von 30. Es freuete ihn , daß die Saite doch einmal der herrufende Klingeldraht der Schönheit geworden ; aber Himmel , dacht ' er , ein Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufälle gebrauchen ! - Er mußte zum Polizei-Inspektor Harprecht , der , wie sein Protokollist sagte , mit einer Herde Töchter geschoren sei . Harprecht empfing ihn sehr verbindlich , stäubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich zum Stimmen vor . Töchter waren nicht zu sehen . Walt stutzte und sagte mit langer sanfter Höflichkeit nein ; er setzte auseinander , daß er , da in der 6. Klausel nur von Klavieren die Rede sei , durch heutiges Stimmen - morgendes versprach er ihm gern - gegen die vielen noch restierenden Stimm-Häuser auf der Liste ( er wies sie vor ) verstoßen würde , die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne Geld besäßen . Auch der hinkende Notar sagte , unter Klavier könne nicht wohl ein Hackbrett begriffen werden . » Oft doch « , versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht , lächelnd bloß mit einem Mundwinkel , so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte ; allein er sei vielleicht so billig als einer ; und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument gemeinschaftlich gemietet für ihre Kinder , so begleit ' er ihn zum Stimmen desselben hin , um sich das Vergnügen seiner Gesellschaft etwas zu verlängern , dürf ' aber gewiß bei der Testaments-Exekution darauf antragen , daß das Kompanie-Instrument und also jeder Stimm-Fehler für zwei gelte , wobei ja Hr . Harnisch genug an Zeit und Mühe erspare und gewinne . - » Wahrlich « , versetzte Walt , » ich wollt ' , es wäre recht , ich fragte nichts darnach . « Harprecht drückte ihm die Hand und sagte , einen solchen jungen Mann hätt ' er längst zu finden gewünscht ; und alle gingen . » Eben jetzt « , sagte Harprecht unterwegs , » ist Tanz- und Klavierschule bei Knoll und alle meine Töchter . « Es wird nicht unter der Würde der Geschichte sein , hier anzumerken , daß Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palästra für ihre Jugend und deren partielle Gymnastik , ein passives Hammerwerk für ihr aktives , gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten , und daß das Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Häusern beider Dioskuren stand . Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der Gymnasiumsbibliothek für die gallischen Stunden seiner Töchter geborgt und sagte , er schäme sich dessen gar nicht . Der kürzere Weg zum Fiskal ging durch grüne , rote , blaue , bunte Gärten , denen der Vor-Herbst schon die Früchte färbte vor den Blättern ; und Walt , dem die Vesper-Sonne so warmfreundlich ins Angesicht fiel , sehnte sich in den Abend-Glanz hinaus . » Wären Sie imstande « , sagte Harprecht , » so auf der Stelle ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung , die man so lobt , auf was man will , zu machen - ? Etwa ein Gedicht über die Dichter selber , z.B. wie sie glücklicherweise so hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt , daß sie von der kleinen wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen ? « - Er sann lange nach ; und sah gen Himmel ; endlich schlug aus diesem der schöne Blitz eines Gedichtes in sein Herz . Er sagte , er hab ' etwas ; und bitt ' ihn bloß , sich zu dessen Verständnis an die astronomische Meinung zu erinnern , daß das , womit die Sonne leuchtet , nicht ihr Körper sei , sondern ihr Gewölke . Er fing an und deklamierte , in die Sonne schauend : Die Täuschungen des Dichters Schön sind und reizend die Irrtümer des Dichters alle , sie erleuchten die Welt , die die gemeinen verfinstern . So steht Phöbus am Himmel ; dunkel wird die Erde unter ihrem kalten Gewölke , aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine Wolken , sie reichen allein das Licht herab und wärmen die kalten Welten ; und ohne Wolken ist er auch Erde . » Hübsch und spitzig genug « , sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer Ironie , die er im Streckvers fand , die aber nicht der Dichter , sondern das Schicksal hineingelegt . - » In solcher Eile « , versetzte Walt , » kann man zwar wohl den Gedanken schaffen - denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu - aber gar zu schwer den rechten Vershau ; ich gäbe ein solches Gedicht nie öffentlich . « Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein , wo außer dem Kompanie-Spinett und dem Kompanie-Musik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester war , die mit Füßen und mit Händen sausen und brausen wollten - lauter hagere , schmalleibige , hänghäutige , mokante , scharfe Mädchen-Figuren von jedem Alter , worunter zwei Knaben mit turnierten . Sämtliche Tanzschule harrete auf ihre Klavierschule , die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete . Das Musikmeisterlein schwur , heute sei daran nichts zu brauchen , so toll klinge das Spinett . Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der Polizei-Inspektor über das Spinett gemacht , um , wie er sagte zum Fiskal , der ihn vertrauend machen ließ , dem jungen Universal-Erben etwas vorzuarbeiten - hatte aber die meisten Saiten zu tief herabgelassen - ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespannt - und in der Tat genug gefehlt . Walt fing an . Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei . Harprecht kegelte mit Saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr , wie er sagte , seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschäft zu versüßen durch Diskurse ; auch reicht ' er ihm die Saiten-Knäule , die er brauchte . Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus , daß er sogar , da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgültig war , teils in das stimmende Oktaven- und Quinten-Probieren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen versuchte , teils ins Einhämmern der Stifte , so unangenehm ihm auch die sämtlichen Mädchen erschienen , die sogleich in den jüngsten Jahren die venia aetatis13 , die einem Freiherrn über 300 fl . in Wien kostet , auf dem Gesicht als Brautschatz mitgebracht . Da aber jede Saite zersprang- und beinahe sein eignes Trommelfell , das er und andere spannten und aufschraubten - : so ersuchte er um erforderliche Stille . Man schwieg allgemein - er stimmte fort und lärmte allein - die Tanzschule samt dem Tanz- und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde entgegen - Walt durchschwitzte die Wind- und Meerstille - die Saiten sprangen jetzt statt der Tänzer - das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett - er hatte die annahende Nacht und die restierenden Stimmhäuser voll schönster Töchter und Zimmer im Kopfe - verdumpft hatt ' er sich schon längst , weil keine Anspannung so hart ins Gehirn drückt als die des Ohrs - an siebenundzwanzig Saiten-Sprünge hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht - - und nun läutete die Abendglocke . - Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief : » Der Donner unds ... Was ist das ? - Doch der bürgerliche und der kanonische Tag ist jetzt zu Ende , Herr Inspektor , und alles ; die Saiten zahl ' ich . « Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn . Kuhnold der geheime Artikel des Regulier-Tarifs eröffnet , welcher bestimmt verordnete , daß ihn jede Saite , die er im Erbamte des Stimmens zerrissen hätte , ein Beet der Erb-Äcker kosten sollte , so daß er jetzt , nach dem Protokoll des Hink-Notars , um zweiunddreißig Saiten oder Beete ärmer war . Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen . Aber als er dem regierenden redlichen Burgermeister in das traurige Gesicht recht sah , erriet er etwas , nämlich dessen ganze gestrige Güte , die ihm durch ein hochgespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die Entfernung der schönen Töchter sowohl die Gelegenheit zu Saiten-Rissen im eignen Hause abschnitt als auch ein großes Stück Zeit zu mehreren in einem fremden . Dieser erquickende Gewinn einer schönen warmen Erfahrung erstattete ihm den metallischen Verlust so reichlich , daß er den Abschied vom Bürgermeister mit einer frohen dankenden Rührung nahm , die jener nur halb zu verstehen scheinen mußte . Nr. 21. Das Großmaul oder Wydmonder Aussichten Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus , er finde darin nach einem solchen Stein- , Platz- und Mäuse-Regen des Schicksals ein sehr hübsches Stück Sonnenschein . Und Flora brachte das Stück , nämlich eine mündliche Einladungskarte - weil man ihn einer schriftlichen nicht wert halten konnte , so lieb ihm auch ein Expektanzdekret eines Himmels , ein