ein wahres , tief in mein ganzes Wesen eingewebtes Gefühl zum Grunde liegt . - Bald eile ich über die Alpen , dann in jene Gegend , wo auch milde Lüfte schmeicheln , auch Mandelbäume blühen , und Rebenhügel winken , und wo mehr ist als italiänischer Himmel , weil Amanda dort lebt ! Dem ausdrücklichen Verlangen meines Vaters Genüge zu leisten , mußte ich hier auch Biondina di Monforte sehen , eine Bekanntschaft , die ich sonst gern vermieden haben würde . Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Güte aufgenommen , und ohngeachtet meines Widerwillens gegen sie , konnte ich mich nicht enthalten , die Reize zu bewundern , die , trotz des herangenahten Alters , noch jetzt an ihr sichtbar sind , und die , was auch die Kunst für Theil daran haben mag , von einer seltnen Begünstigung der Natur zeugen . Jedoch fand ich auch dagegen , einen Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen , der mich unwiderstehlich von ihr zurückzog , und der , wie ich fest überzeugt bin , auch bei der schönsten Blüthe feuriger Jugend eben dasselbe Gefühl in mir hervorgebracht haben würde . Mit inniger Befremdung , erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so mancher Scene , wo mein Vater , nach einer mehr als zehnjährigen Entfernung seines Umgangs mit ihr , als der schönsten Zeit seines Daseins mit einem Enthusiasmus , einer Rührung gedacht hatte , der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten Manne doppelt auffallend war . Bedenke ich aber , wie er hier , in diesem Paradiese , noch vom Abendroth der Jugend beglänzt , von Liebe und Stolz zu süßem Genuß eingeladen , sich einem seeligen Rausche hingab , der ihm die magische Binde so fest um die Augen legte , daß er die unweibliche Anmaaßung und Herrschsucht dieser Frau nicht sah , und alle ihre Fehler den Umständen und der Umgebung aufbürdete ; so wird es mir wiederum sehr begreiflich , daß ihm die hier verlebte Zeit stets für die Blüthe seines Lebens galt . Diese Frau war es , welche meinem Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab , und durch diese Kränkung in das stolze und heftige Gemüth dieses Mannes einen unauslöschlichen Haß gegen den Begünstigten pflanzte . Dieser Haß ward durch mich , in dessen Anblick er die Züge seines Feindes wieder fand , aufs neue belebt , und die Begierde , sich durch den Sohn , an dem Vater gerächt zu sehen , ließ ihn mancherlei Pläne entwerfen , deren Ausführung ihm um so mehr am Herzen lag , da Amanda , deren seltnen Werth er unwillkührlich anerkennen mußte , ihn durch ihr Betragen gegen mich , immer mehr mit Haß und Rache entflammte . O ! wie willkommen , wird ihm in mancher Rücksicht der Befehl meines Vaters gewesen sein , wodurch er auf meine schnelle Abreise drang , ohne damals mir selbst die Gründe dieses Verlangens anzugeben ! - Und dem Haß dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern ? Auf seine Bitten , welche die Furcht , sie früh oder spät mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu sehen , ihm eingab , konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer entsagen ? - Sieh ' Barton , wenn ich mir denke , wie Albret selbst das Gelingen seines Plans triumphirend verbreitete , wie Amanda es Nanetten bestätigte , wie ich auf meinem letzten , dringend an sie geschriebenen Brief , voll feuriger Liebe , keine Antwort erhielt , dann glüh ' ich von neuem , wie in den ersten Zeiten jener unseeligen Auflösung ; selbst der Anblick des südlichen Himmels , und der milden , lachenden Natur , die mich hier umgiebt , vermehrt nur die Bitterkeit , womit ich jener nordischen Kälte und Unnatur gedenke , die mich , ach ! all zu früh ! aus dem schönsten Wahn meines Lebens weckte , und ich eile , mich zwischen engen , düstern Wänden einzuschließen , weil ich den Contrast der heitern , mich umgebenden Welt , mit der zerstöhrten , die ich im Busen trage , da minder lebhaft zu fühlen glaube ! Vierzehnter Brief Amanda an Julien Ich schreibe Dir in der seltsamsten Mischung von Wehmuth , Ueberraschung , Schmerzen und Freuden . Ein Augenblick , ein Zufall hat mir so viel Aufschluß über Zweifel gegeben , die lange mein Leben verbitterten ; hat so viele Bilder der Vergangenheit lebhaft vor meinem Geist geführt , daß ich vor Unruhe und Träumen kaum zu mir selbst kommen kann . Und warum jetzt diese Entwickelung , diese oft mit heisser Sehnsucht gewünschte Befriedigung ? Warum jetzt erst ? Warum sehen wir das , was wir so sehnlich wünschten , meist erst dann geschehen , wann unsre Freude darüber nicht mehr ganz rein sein kann ? Doch dürfen Klagen nur das herrliche Gefühl , den süßesten Genuß des Herzens verbittern , der in dem Gedanken der Ueberzeugung liegt , uns von einem Wesen geliebt zu sehen , welches uns selbst das Geliebteste war ? - Nein ! ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Gegenwart , ohne ängstliches Untersuchen , dessen was ist , und was hätte sein können , will ich mich , dankbar und frei , jetzt ganz diesem schönen Gefühl hingeben , eines der seeligsten , welches das Menschenherz zu empfinden vermag ! - Vor einigen Tagen , erhielt ich von Nanetten , die mehrere Jahre lang für mich so gut , wie aus der Welt verschwunden war , einen Brief , in welchem sie mir , ohne sich über ihr langes Schweigen zu rechtfertigen , oder unsre vorigen Verhältnisse zu berühren , eine leichte Skitze ihres bisherigen Lebens gab , und mir dann auf eine lustige Art ankündigte , wie sie in kurzer Zeit , von ihrem Mann begleitet , den sie mir aber nicht nannte , auf ihr so lang verlassenes Gut reisen wollte , wo sie mich ganz gewiß zu sehen hoffe . Meine Freude , diese fröhliche , liebe Gestalt aus einer schönen , längst entflohenen Zeit mir auf einmal wieder erscheinen zu sehen , war äußerst lebhaft , und ich entwarf sogleich einen Plan , wie ich sie auf eine ihr angenehme Art empfangen und überraschen wollte . Um meine Ideen auszuführen , mußte ich auf das Gut reisen , um dort vor ihrer Ankunft die nöthigen Anstalten zu treffen . Die Zubereitungen zur Reise , gaben mir Veranlassung , noch einige von Albrets Papieren zu ordnen , welche ich noch undurchgesehen , aufbewahrt hatte . Ich that es , und ein Brief von Eduards Hand fiel mir in die Augen . Mit lautpochendem Herzen , las ich die an mich gerichtete Ueberschrift - ein schlimmes Verhältniß hatte ihn in Albrets Hände gegeben . - O ! Julie , was fand ich ! - Wahrheit , Irrthum , Sehnsucht , Liebe , - o ! unendliche Liebe ! - Ich kann Dir nichts weiter sagen , ich bin verwirrt , beklommen ! -Wie Unrecht habe ich ihm , habe ich mir gethan ! Lies hier einige Strophen , die ich in Eduards Briefe gefunden habe . Diese Blüthen seiner lieberfüllten Phantasie , werden Dir am lebhaftesten schildern können , was ich jetzt empfinde : An Amanda 1. Oefters wünscht ' ich mir schon in seeligen Stunden der Liebe , - an ihr bebendes Herz , leise das Haupt hingesenkt , - öfters wünscht ' ich mir dann des Todes freundliche Nähe , räthselhaft fühlet das Herz welches die Liebe erfüllt ! wünscht ' ich feig , und voll Furcht , an ihrer Seite zu sterben , daß ich der Schmerzen vergeß ' , über den Himmel um mich ? Oder erzeugten den Wunsch des Dankes zarte Gefühle , gern zu vergehen auch da , wo ich zu leben begann ? oder erlieget der Geist dem süßen Taumel der Liebe wähnet im seeligsten Wahn , länger ertrage ichs nicht ? 2. Immer sind wir vereinigt , so fern das Schicksal uns trennte , Liebste ! ich komme zu dir , oder ich rufe dich her . Ist mir ' s im Herzen so weh , und füllen mir Thränen das Auge eil ' ich geistig zu dir - lieblicher Tröstung gewiß . Schlägt mir voll Freude das Herz , und lieb ' ich das freundliche Dasein , ruf ' ich , Amanda ! dich her , - höherer Freude gewiß ! 3. Einst , o ! zürntest du mir , daß einer Andern ich kos ' te , aber es waren doch stets , Auge und Seele bei dir . Mit verstohlenem Blick , hieng ich am zürnenden Auge , schuf mir durch liebende Qual , grausam der Liebe Genuß . 4. Oft erscheinest du mir , ein überirrdisches Wesen , das nur Seegnungen hier , spendet in Menschengestalt . Aber gedenk ich des Bundes , der uns ' re Herzen verbindet , wähn ' ich , stolzer , daß hier , dich nur die Liebe verweilt . 5. » Wende , so bat ich dich einst , nie wieder dein Auge voll Seele nach dem Himmel hinauf , ach ! ich erliege dem Blick ! Leben und Liebe , und Hoffnung , ach ! Alles wohnt dir im Auge , was nur belebet und stärkt , alles was freut und erquickt . Ungenügliche ! willst du die Geister , die Engel , den Himmel , was kein Auge noch sah ' , auch noch vermählen dem Aug ? Wend ' , ich bitte nicht wieder , zur Heimath dein himmlisches Auge , ich ertrage das nicht , willst du denn sterben mich seh ' n ? « 6. Herzlich haß ich der Menschen Gewühl , seit ich , Liebste dich kenne , meinem Herzen so nah , bist du dort immer so fremd . Einsam war es um uns , da lernt ' ich dich , Einzige kennen , Einsamkeit ! mache aufs neu , uns mit einander bekannt ! Funfzehnter Brief Amanda an Julien Heute erhielt ich diesen Brief von Eduard selbst . - Wie sonderbar , ist in meinem Leben , das Licht vertheilt ! Welche lange , tiefe Schatten , und welche zauberisch glänzende Beleuchtung ! - Und so ist es ; wir harren Jahre lang auf einem einzigen Moment , und dann überrascht er uns doch unerwartet , und im Gedränge von Andern nicht minder wichtigen . Ich bin in Verwirrung , und doch bin ich ganz frei von jeder Schuld . Ich liebe Antonio ; mein Herz , von seiner Liebenswürdigkeit , seinem Werth durchdrungen , hat sich der süßen Neigung hingegeben . Für ihn belebt mich wahres inniges , gegenwärtiges Gefühl , für Eduard vielleicht nur der Nachklang eines ehemaligen , ein Spiel der Phantasie . Und doch , wie schlug mein Herz , als ich die Züge seiner Hand erkannte , wie ergriff , durchglühte mich , der Inhalt seines Briefs ! - O ! warum bist du selbst mir jetzt fremd , mein einziger beßter Freund ! - Komm , eile zu mir , du , dem ich mehr , als mir selbst vertraue , der mir Jugend und Liebe wiedergab , komm , Antonio , löse alle Zweifel , mit deinem reinen , umfassenden , menschlich fühlenden Gemüth ! Laß mich ruhig sein , Julie , laß mich hoffen , daß die Stille meiner Seele zurückkehrt , und glauben , daß sich alles lösen wird . Was ich so tief empfand und als richtig erkannte : daß Wahrheit jedes Verhältniß rein erhält , und auch das Verworrenste leicht und natürlich löset , das will ich nun auch üben und durch die That beweisen . Alle meine Verhältnisse sind rein , und sie sollen es bleiben . Bald schreibe ich Dir wieder . Sechszehnter Brief Eduard an Amanda Die Auferstehung der Todten ist mir seit diesen Tagen gewiß geworden ! - Oder , ist das nicht eine Auferstehung zu nennen , wenn der Geist und die Liebe , welche eh ' mals den Gegenstand unsrer zärtlichsten Neigung zu beseelen schienen , nach einer langen Verborgenheit , wo sie sich in undurchdringliche Schleier hüllten , wieder lebendig werden in der lieblichsten Verklärung , der vollen Glorie des Wahren und Schönen ? - O ! es liegt eine Seeligkeit darinnen , sich getäuscht zu haben , wenn uns die Wahrheit in solchen reinen Formen erscheint ! Sie erstaunen , Amanda ! und wissen nicht , ob ich in frommer Begeisterung oder in verworrenen Träumen spreche , aber ich bin noch nicht am Ende . Denken Sie sich das Bild der Geliebten , in der Seele eines innigen , unverdorbenen Jünglings ; denken Sie es sich in aller Bezauberung einer ungetrübten Phantasie , in der Unschuld und Liebe des ersten , aufkeimenden Seelengefühls - denken Sie sich dann dies Bild durch Mißverständnisse , durch den Nebel unglücklicher Verhältnisse , getrübt und entstellt ; lassen Sie es so , als eine Schreckensgestalt , eine Zeitlang die edelsten Ahndungen und Kräfte des Jünglings zerstöhren - und auch , durch Zeit und Anstrengung von diesem Zustande geheilt , ihm immerfort wie eine dunkle Wolke , seine heitersten Pläne und Empfindungen trüben - - und nun zerreissen Sie auf einmal den Nebel , durchblitzen Sie die Finsterniß , daß er die holde Gestalt in ihrer vorigen Klarheit und Schöne wieder erkennt ; - so haben Sie mein Gefühl der Auferstehung , meine Seeligkeit im Wiederfinden der Wahrheit , Sie haben den Schlüssel zu diesem Allen , in - meiner Bekanntschaft mit Antonio ! Ja ! Amanda ! er ist es , der Dich mir wieder gegeben hat , und mit Dir , Jugend , Glauben und Liebe ! - Ja , als er mir alles , was er von Dir wußte , einfach und ehrlich gesagt hatte , und nun Dein Bild , rein wie die Gestalt der Madonna vor Raphäls Geist , wieder vor mir stand , da ward es mir so heilig in der Seele , und das leise Ahnden einer unsichtbaren Macht erfüllte mich mit Schauer . Wieder , wie eh ' mals belebt mich jenes Vertrauen , jene Liebe , die uns über die Erde erheben . So folgte ich mechanisch einer Menge Menschen , die sich in einer Kirche versammelten , wo das Fest eines Heiligen gefeiert ward . Des Tempels majestätischer Bau , die Musik , das große Schauspiel eines zahlreichen , in Andacht versunknen Volks , alles dies mußte mich nur noch mehr beflügeln ; mein Herz vereinigte sich mit der Rührung der Andern , ich fühlte die Gegenwart himmlischer Mächte , und die Liebe machte mich zum innigsten , glaubensvollsten Beter , unter der ganzen hier versammelten Menge . O ! Amanda ! ich eile , ich fliege zu Dir ! Fühlst Du noch Liebe für mich , so laß uns vereint in dies Land zurückkehren , hier wollen wir leben , und eine glühende Gegenwart soll das Andenken einer kalten Vergangenheit auf ewig aus unsrer Seele vertilgen ! Siebzehnter Brief Eduard an Barton Nein ! sie ist mit Nichts zu vergleichen , die Gewalt der Liebe ! - Wohl ist das eine Gottheit zu nennen , was alles um und in uns in einem Augenblick verändern , dem wüsten , kalten Leben einen heitern , glühenden Sinn geben kann ! - Und nun will ich ihr auch ewig ergeben bleiben , ewig ihr ehrfurchtsvoll huldigen , der Göttlichen , der Herzerhebenden ! Was geschehen ist , fragst Du erstaunt ? - Nichts ! - Nichts und doch Alles ; denn fühl ' ich nicht , wie Alles um mich her verändert ist , wie die Bäume und die Blumen wieder , wie ehedem vor meinem Blick in freudigen Tänzen sich bewegen , wie ich in dem Leben der Menschen , Geschichte und Zusammenhang sehe , und überall mir wieder Licht und Ordnung erscheint ! - Ach ! diese schöne Begeisterung war so fern , so fern von mir versunken , und es schien mir ganz unmöglich , jemahls wieder diese Höhe des Gefühls zu erreichen ! So vieles Irrdische , Todte , hielt mich lange , dicht umfangen ; ich war oft ganz darinnen vergraben , und sahe nun überall keinen Ausweg , keinen Zweck , keinen Geist ! - Schon hatte ich alles aufgegeben , und nun ! - steh ' ich nicht mit einemmal wieder auf jenen heitern Höhen der Begeisterung , und betrachte von da die Welt , die mir nun lauter liebliche oder rührende Bilder zeigt , und woraus alles Harte , Verworrene , Gemeine verschwunden ist ? Fühl ' ich mich nicht empor gehoben wie eh ' mals , über die Menge , die sich da unten um taube Nüsse zerquält ; und haßt , und liebt nicht mein frömmer gewordnes Herz die Menschen inniger , je mehr ich sie übersehe ? - Und wenn ich Dir alles erzähle , so wirst Du vielleicht lächeln , und wohl viele würden es . Auch kann ich mich recht gut in Deine Ansicht versetzen , aber dann bitte ich Dich , das einzige zu bedenken , was Dir alles ehrwürdig machen wird , nehmlich , daß alles , was ich empfinde , unwillkührliche , tief aus dem Herzen hervorquellende Wahrheit ist . Seit einiger Zeit , hatte ich die Bekanntschaft eines Fremden gemacht , der , gleich mir , auch erst seit Kurzem aus Deutschland , ob gleich aus einer ganz andern Gegend hier angekommen war . Wir waren bei Betrachtung der Kunstwerke in den Pallästen des Großherzogs öfterer zusammengetroffen , und hier , wo unser Sinn von den Eindrücken des Schönen eröffnet war , hatte sich eine schnelle Bekanntschaft zwischen uns entsponnen , die mit jedem Tage inniger wird . Wenigstens fühlte ich mich , durch den Geist und die Anmuth meines neuen Bekannten , so sehr angezogen und gefesselt , daß ich es kaum wahrnahm , wie ich ihm unvermerkt das Merkwürdigste meines vergangenen Lebens mitgetheilt hatte , ohne dafür von seinen Verhältnissen etwas mehr erfahren zu haben , als daß ich ihn oft mit feuriger Beredsamkeit , aber im-mer nur im Allgemeinen von seinem Aufenthalt in Deutschland hatte sprechen hören . - Er hatte meine Klagen und meine Unzufriedenheit , mit dem Leben und den Menschen oft angehört , ohne viel darauf zu erwidern , aber als ich gestern von einem solchen Moment ergriffen , wiederum ausrief : » O ! schöner Himmel und lachende Erde ! O Leben und Liebe ! warum seid ihr mir so fremd geworden ? Mein Herz ist todt und vernimmt eure schöne Sprache nicht mehr ! « da sagte er mit einer seltsamen Zuversicht : ich will Sie dem Leben zurückgeben ; Morgen sollen Sie geheilt sein . Heute kam er zu mir und sagte , daß er mich in eine sehr angenehme Gegend führen wolle . Wir kamen an eine Stelle , die romantisch schön war . Eine Grotte , aus deren Tiefe ein Quell mit kühlendem , klaren Wasser hervor sprudelte . Der grüne , unbeschreiblich frische Rand des Ufers , und die röthliche Felswand der Grotte , welche mit überhangendem , grünen Gesträuch bewachsen war , spiegelten sich in der klaren Fluth , und bildeten einen reizenden malerischen Anblick . Hohe Pinien , die mit ihren schlanken , königlichen Wuchs und dunkelgrünen , schön geründeten Kronen , jedem Ort , wo sie stehen , ein romantisches , feierliches Ansehen geben , verschlossen die Aussicht , bis auf eine kleine Oeffnung , durch welche der Blick auf weite , helle Gegenden fiel , wo dichte Wälder von Fruchtbäumen , mit Saatfeldern vermischt , sich zeigten , wo das hohe Korn im Schatten der Bäume schwankte , und die Weinranken wie Kränze , von einem Baum zum andern voll Trauben hiengen , und eine immer fortgehende Laube bildeten . - Hier verweilten wir , und nach einem kurzen Schweigen sagte Antonio : » Ich habe ihnen ein Gemälde mitgebracht , und wenn es diesem nicht gelingt , ihr Gemüth zu erheitern , und sie wieder mit sich selbst zu vereinigen , so giebt es keinen Rath mehr für sie . « - Hier zog er eine Rolle hervor , die er sorgfältig auseinander wickelte , und dann an eine lichte Stelle der Grotte hielt , wo das Licht von oben herab , darauf fiel , und es mit einer unbeschreiblichen Glorie umgab . - Ich sah , und - erwarte nicht , Barton , daß ich Dir schildern soll , was in mir vorgieng ! - es war Amanda ! es war ihr Bild ! - ihr Auge , in dessen wunderbare , süße Nacht ich mich einst so gern verlohren hatte , blickte mich mit heiliger Liebe und Sehnsucht an , und wiederum ganz wie vormals , hatte ich alles andre vergessen , sah ' und fühlte in der ganzen Welt nichts mehr , als diesen Blick , der mich zu ihren Füssen warf . Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir selbst gekommen war , erhielt ich von Antonio alle Aufschlüsse , die ich nur wünschen konnte . Er erzählte mir , wie er Amanda ' s Bekanntschaft gemacht , wie er ihr Freund geworden sei , dem sie mit schöner Offenherzigkeit , die Geschichte ihres Lebens und ihrer Empfindung vertraut habe . Er wußte mir ihre Handlungsweise , wodurch ich mich für so tief und bitter gekränkt hielt , in ein so helles , richtiges Licht zu stellen , daß alle Wolken , die mir ihr Bild so lange verdunkelt hatten , auf einmal zerrissen , und mir ihr Wesen , wieder so rein , so wahr , so menschlich erschien , wie in den glücklichsten Stunden meines Lebens . - Mein letzter Brief an sie , worinnen ich sie so herzlich um Aufschluß gebeten , muß durch Zufall , Gott weiß , in welche Hände gerathen sein , denn sie hat nie einen solchen Brief erhalten , und so fanden wir uns beide durch ein unwürdiges , wesenloses Mißverständniß gekränkt und getrennt , das nur durch die Entfernung , Wesen und Gestalt erhalten konnte . - Doch warum noch länger an dieser quälenden Vergangenheit denken , da nun alles so neu , so schön und glücklich ist ? - Herrlich erscheint mir nun das Leben , jede Freude , jeder Eindruck findet mein Herz offen und fühlbar , seitdem ich es weiß , daß die alte Liebe in ihrem Herzen immer neu geblieben ist ! Antonio ist mein Nebenbuhler und ich würde ihn fürchten , wenn ich mich jetzt nicht allzu glücklich fühlte ; aber dem Glücklichen , wohnt Stolz und Kühnheit in der Brust . - Vor einigen Tagen sagte er mir mit einem scherzhaften Ernst , der ihm sehr wohl stand : » Mit der Vergangenheit sind sie nun abgefunden , aber nicht mit der Gegenwart . Denn sie wissen , oder könnten es doch leicht gemerkt haben , daß mir selbst das Herz für Amanda geglüht . Es dulden , daß Amanda in einem schiefen , ungünstigen und unwahren Licht vor Ihnen erschiene , dies konnte und wollte ich nicht . Auch wünschte ich sie von einem Irrthum zu heilen , der noch immer wie eine dunkle Wolke über Ihrem Leben hieng , aber weiter wollte ich nichts . Von diesem Augenblick an , wollen wir nichts mehr von einander wissen , denn zwei Nebenbuhler können nie Freunde bleiben . Ein jeder versuche nun , sich der Neigung der Geliebten zu versichern , und wir sind einander wieder eben so fremd wie vorher . « - Mit diesen Worten verließ er mich , und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehn . Achtzehnter Brief Amanda an Julien Mein ganzes Wesen wird jetzt von einer unbeschreiblichen , nie gefühlten Reizbarkeit beherrscht , die , wenn sie Krankheit ist , wie Manche behaupten , mich glücklicher , als die vollkommenste Gesundheit macht . Ich denke fast gar nicht an meine Verhältnisse und an die Zukunft ; meine ganze Seele fühlt nur das schöne Bild von Antonios Werth und seiner Liebe , fühlt nur das Glück zu wissen , daß Eduard lebt , und daß er nicht der Liebe unwerth war . Empfänglich giebt mein Gemüth sich jedem Eindruck , jeder Erinnerung hin , wie das leichte Gesträuch der Birke , zärtlich bei jedem Lüftchen flüstert . - Ich bin hier auf Nanettens Gut ; in wenig Tagen wird sie mit ihrem Gemahl hier ankommen ; und ich will sie hier mit einem ländlichen Fest empfangen . Wie wird sie meine Gegenwart , meine Erklärung überraschen ! Wie ist nun alles zwischen uns wieder so neu , so jugendlich geworden ! Eine Menge Freuden sind wie junge Blumen , um mich aufgesproßt ! Gönne mir das Vergnügen , Dir mit froher Umständlichkeit , meine kleine Reise zu schildern . Ich reis ' te gestern Morgen von * * * ab ; der muntre Ton des Posthorns bewegte wieder mein Herz wie sonst ; ich sah das Leben wieder in dem schönen Gewand der Jugend , der Ahndung , der Liebe , und meine Sinne konnten die Sprache der Natur verstehen . - Nach einer langen , verheerenden Trockenheit , war jetzt gerade der erste Regen gefallen , und ein unnennbar frisches Grün labte mein Auge . Die klaren Regentropfen hiengen an den Bäumen , wie Freudenthränen . Wir kamen durch Buchenwälder , die mich in großer , schauerlicher Majestät umwölbten . In den Thälern zogen Wolken , weiß und dicht , wie Schnee ; oft sahen hoch oben , noch Bäume hindurch , und der Himmel schien herabgefallen , die Erde hinangestiegen zu sein . Aber von dem sehr heftigen Regen war der Fluß schnell angeschwollen , und wir waren genöthigt , einen weiten Umweg zu machen , der uns sehr verspätete , und wo wir uns von einer ganz andern Seite dem Ziel meiner Reise näherten . Schauerlich krümmte sich der Weg durch einen unendlichen Wald . Hoch stiegen düstre Tannen an der einen Seite gen Himmel ; unabsehbar auf der andern in die Tiefe . Endlich ward es lichter ; die Straße senkte sich , und wir hielten vor einem kleinen Wirthshause still . - Ich sah mich um , und es war als rauschten Schleier hinweg . Auf der einen Seite kühne , große Bergmassen ; auf der andern ein seeliges Thal , von Bächen umarmt , aus dessen Mitte ein Eichenwald würdevoll empor stieg . - O , Julie ! was fühlte ich , als ich es nun gewiß wußte , daß ich in * * * war , dem Ort , wo ich mich einst so seelig fühlte ! Ein wunderbarer Wahnsinn befiel mich ; alle Büsche , alle Felsen verklärten sich ; aus den Wolken , aus den Blumen sah ' die Liebe mich mit trunknen Augen an , in mir tönten freundliche Melodien , und ich konnte nicht mehr anders als in Rhythmus denken . Die Wirthin erinnerte sich , mich gesehen zu haben ; ich erkannte sie wohl , sie war mir sehr lieb ! - Ich setzte mich in dem dunkeln Buchengang , nicht weit vom Hause , der zu zärtlichen Gesprächen einzuladen schien . Der Mond warf aus seiner Wolke einen Silberblick auf den Berg , daß der weiße Fels am Gipfel desselben , wo ich einst Eduard gesehen , mir wie ein weißes Blüthenblatt der Vergangenheit in die Seele schien ; Alles erhöhete meine Stimmung . Und als nun später der Wirthin Mann zurückkam , und ein liebliches Kind ihm entgegen lief , er es liebevoll im Arm nahm , und die beiden in schöner Freundlichkeit vor der kleinen Thür des Hauses saßen , da schien es mir , als blickten selbst die Sterne zärtlich über diese Gebürge , und es war wohl kein Wunder , daß ich die ganze Nacht von Wiedersehn und Freude träumte ? - Welch ein seeliger Morgen war der folgende ! - Ich setzte mich unter eine hohe Linde , in deren weiten , grünen Welt ein fröhliches Summen lebte . Die heitre Herbstluft strich durch die Thäler , und strahlte in der Ferne , wie Silber . Es war Sonntag ; die rührende Stimme der ländlichen Glocke tönte durch die stillen Ebnen und rief die Bewohner der niedern Dörfer herauf . - Der Wald lockte mich unwiderstehlich mit seiner Kühlung , und ich gieng hinein . Ueber mir blickte die Sonne nur verstohlen , wie durch grüne Wolken hindurch , aber mein Herz war mit so freudigen Bildern erfüllt , daß ich die tiefe Einsamkeit und das wunderliche Rufen der Waldvögel nicht achtete , und ohne Furcht den Weg verfolgte . Und bald , bald stand ich wieder da , unter den Klippen wie einst , und unter mir der herrliche Grund in einem Meer von Sonnenstrahlen schwimmend . Dicht neben den Klippen , plauderte ein Maienwäldchen , mit dessen kindischen Zweigen und Blättern ein leichter Morgenwind sein Spiel trieb . Ich blickte auf sie hinüber , wie in das Land der Kindheit ; die Klippen , die undeutlich und wild sich um mich drängten , wurden mir zur Allegorie der späteren Zeit , und ich flüchtete mich schnell in die leichten Schatten des Wäldchens , wo ich mit dem lebendigsten Bewußtsein , alle holden Träume des Kinderlebens mir zurückrief . Ich gieng weiter . Am Fluß stand ich lange still , von dem Geräusch der Wellen angenehm betäubt . Träumend sah ich an den hohen Bäumen des Ufers hinab , und ihr kräftiges Ansehen , das Leichte , Gefällige ihrer Blätter , bewegte mich mit freudiger Rührung . Die festen , starken Stämme , standen ruhig in der sichern Erde , indeß die hohen , leicht bewegten Gipfel in reinerm Aether und Sonnenschein sich wiegten . So , dachte ich , ist der vollendetere Mensch ; mit seinem Willen fest auf sich selbst gestützt , steht er im Leben da , indeß die feinsten Getriebe der Seele , die holden Kinder