und Ihre Einsicht erkennen . - Bereiten Sie Sich vor , den dankbarsten , den gerührtesten Sohn zu umarmen ! Meinen Sie ? - Nun , so bereiten auch Sie Sich vor , einen Mann zu erblicken , der Haus und Handlung verliert , und der dazu lächelt ! Wie freu ' ich mich dieser Ihrer Laune , mein Vater ! - Aber ich mich gar nicht Meinung von mir . - Was ? Erbittert wär ' ich gewesen ? Erbittert gegen einen einzigen Sohn , von dem Sie mir Dinge erzählt hatten , die mir Freudenthränen in ' s Auge lockten ? erbittert gegen ihn , über den Sie schon längst mein Wort hatten , dass , wenn er würde , wie ich ihn wünschte , es meine erste , herzlichste Sorge seyn sollte , wie ich ihn glücklich machte ? - Ein solches Wort , meinen Sie , spräche der alte Stark in den Wind ? Ein solches Wort könnt ' er brechen ? - Gehen Siel - Gehen Sie ! - indem er sich selbst zum Gehen anschickte - Sie haben mein Herz verkannt , meine Ehre gekränkt ; und nun komm ' ich Ihnen - er schien sich einen Augenblick zu besinnen - in vollen acht Tagen nicht wieder ! Der Doctor lächelte , und ergriff die Hand des Alten , um sie zu drücken ; denn Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte . Die Herzlichkeit des Gegendrucks , den er erhielt , überzeugte ihn von der grossen Zufriedenheit , womit sein vortheilhaftes Zeugniss über die veränderte Denkungsart des Sohnes war angehört worden . Gleich sehr überzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk , das ihm noch diesen Abend gebracht ward ; ein grosser Korb voll des herrlichsten alten Rheinweins , woran , wie die Träger sagten , sich der Herr Doctor erquicken sollte . XXXIII . Je wichtiger , durch die Erklärung des Vaters , der Punct von der Heirat geworden war ; desto begieriger ward der Sohn , die Meinung desselben über die Witwe zu wissen , und desto scheuer die Tochter , sie zu erforschen . Gleichwohl wagte sie am folgenden Nachmittage beim Thee einen Versuch , mit dem es aber nicht zum glücklichsten ablief . Wissen Sie schon , fing sie an , lieber Vater , was sich gestern für eine wichtige , für eine denkwürdige Begebenheit zugetragen hat ? Nein , sagte der Alte . Der edle Liebesritter Wraker hat seine reizende Dulcinea glücklich zum Altare geführt . Hat er ? - Der alte , armselige Stümper ! O spotten Sie seiner nur nicht ! Er soll sich so glücklich , so überschwenglich glücklich fühlen - - Je nun - er ist dem Himmelreich nahe . Dem künftigen , meinen Sie ? Ich zweifle , dass er daran noch denkt . - Doch was geht mich der alte Wraker an zusammt seiner Liebesgeschichte ? Ich sehe nur , wie mich mein guter Vater gelehrt hat , auf die unschuldigen kleinen Waisen , die doch nun wieder einen Beschützer haben . - Ach das liebe kleine Waischen von gestern ! Nicht wahr ? wenn doch auch das wieder einen Beschützer hätte ! Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink , und der Vater ward auf einmal sehr ernsthaft . - Dafür , sagte er , liessest du wohl äm besten den Himmel sorgen . In solche Sachen sich einzumischen - - Aber was will ich ? Ich bin wohl thöricht , sehr thöricht . Lieber Vater ! sagte die Tochter verlegen . Ich hätte beinah ' einer Frau , wie dir , eine Klugheitsregel gegeben . Als ob du deren bedürftest ! Von wem nähm ' ich sie lieber an , als von Ihnen ? Nein , nein ! Das hiesse ja wohl , dem Tage ein Licht anzünden . - Auch bist du für solche Thorheiten noch viel zu jung . Das Heiratstiften ist nur Sache für alte , abgelebte Matronen . Die spitzfindige Miene , die er bei diesen Worten zog , und die unwillige , ärgerliche der Mutter , machten der Tochter so bange , dass sie auf der Stelle verstummte . Es musste etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen seyn , das sie durch ihr Gespräch wieder aufgeregt hatte ; und das war ihr ausserordentlich traurig . - Um ' s Himmels willen ! fing sie an , sobald der Vater hinaus war : was hab ' ich gemacht , liebe Mutter ? Ja , der wunderliche , grillenhafte Alte , dein Vater ! Wird man je aus ihm klug ? - Ich glaube , wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte ; ich lernt ' ihn dennoch nicht aus . - Denke dir nur , was ich gestern , der Witwe wegen , für einen Verdruss mit ihm hatte ! Der Witwe wegen ? - Das ist das Unangenehmste , was Sie mir sagen könnten ! Er fand sie hier wartend , als er aus deinem Hause zurückkam . - Nicht möglich ! Sie wollte ihm danken , dass er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen : aber das verbat er , und hörte kaum danach hin ; er kam sogleich auf ihren ältesten Kleinen , den er bei dir hatte kennen lernen , und sagte von dem Kinde so viel Liebes und Schönes , dass er der guten Frau das Herz abgewann , und sie recht munter und zutraulich machte . Er zog sie dann aus einem Gespräch in das andre , und war so zufrieden mit ihr , so zufrieden - O mein Gott , liebe Mutter ! Sie machen mich unaussprechlich neugierig . Sagen Sie mir doch nur dies und jenes , was vorfiel ! Gerne . Wenn ich ' s nur wieder zusammenbringe ! - Von der Wirthschaft ihres Vaters , glaub ' ich , war gleich zuerst die Rede ; jaja ! Und sie wusste zu antworten ? wusste Bescheid ? Um Alles . Bis ins Kleinste hinein . Ah ! da begreif ' ich . Das wird ihm gefallen haben . Gar sehr . - Dann kam er auf den plötzlichen Wechsel , da sie durch ihre Heirat , von der Arbeit weg , mitten in lauter Vergnügen versetzt worden ; und meinte : dieser Wechsel sei ihr doch wohl äusserst reizend gewesen ? sie hätte wohl für keinen Preis auf ' s Land zurückgehen mögen ? Sieh den Alten ! Da legt ' er ihr eine Schlinge . Ob sie so etwas merkte , oder - Genug , sie ward ganz niedergeschlagen , und versicherte ihm , dass sie mitten im Wohlleben nie ohne Sehnsucht an das väterliche Haus zurückgedacht habe . Der Mensch , sagte sie , sei zur Arbeit geschaffen , und nur Arbeit erhalte ihn glücklich ; das Vergnügen , wie sie aus eigner Erfahrung wisse , sei nur Würze , und wolle nur als Würze genossen werden : wer es zur Nahrung missbrauche , zerstöre seine Gesundheit , und nehme dem Vergnügen selbst allen Reiz . Jetzt , da sie von sich selbst abhange , sei es ihr wieder vergönnt ein thätiges Leben zu führen , und eben jetzt , sobald sie nur von drückenden Sorgen frei sei , führe sie auch wieder ein glückliches Leben . Schön ! herrlich ! Das war ihm wie aus der Seele gesprochen . Damit fiel denn das Gespräch auf ihre Handlungsgeschäfte , in die sie sich schon so hineingearbeitet hatte , so vollkommen Bescheid darum wusste , dass er ihr recht grosse Lobsprüche ertheilte . Aber die lehnte sie alle ab , und gab sie ihrem Lehrer , wie sie ihn nannte , deinem Bruder zurück , von dem sie nun anfing , mit so herzlicher Dankbarkeit , mit so inniger Rührung zu reden , dass auch ich und dein Vater nicht wenig davon gerührt wurden . Sie konnte am Ende vor Wehmuth nicht weiter , und musste schweigen . Aber , liebe Mutter ! in dem Allen seh ' ich noch nicht den mindesten Anlass zu einem Streite . Der ist auch gar nicht gewesen . Nicht ? - Aber Sie äusserten doch - - Höre nur erst zu Ende ! - Als die Witwe hinweg war , ging dein Vater hier noch eine Weile herum , und sprach sehr rühmlich von ihr ; und dann auch von deinem Manne , der sich auf die Menschen sehr gut verstehe , und ihm diese wackere Frau zuerst in dem rechten Lichte gezeigt habe . - Ewig Schade , setzte er hinzu , dass sie an einen Menschen , wie diesen Lyk , hat gerathen müssen , der ihrer so wenig werth war , und der sie sammt ihren Kindern an den Bettelstab hätte bringen können . - Da nutzt ' ich denn die Gelegenheit , und fing an : Was meinst du , Vater ? das wäre so recht für unsern Sohn eine Frau gewesen . Und da sie jetzt Witwe ist ; so dächt ' ich immer , wir machten ihm einen Antrag darüber : denn sie ist doch noch jung , und es gäbe gewiss eine recht gute Ehe . Ah liebe Mutter ! das , fürcht ' ich , war zu rasch , war zu deutlich . Freilich wohl ! Aber , du lieber Gott ! ich sah das Eisen so herrlich glühen , dass ich ' s für Sünde gehalten hätte , nicht zum Hammer zu greifen und ein wenig zu schmieden . Ja , wenn nur nicht die Funken umherflögen ! Es ist so eine Sache damit . - Aber was hatt ' er denn gegen die Heirat ? Was bracht ' er denn vor ? Das ! sagte Madam Stark , und fuhr mit der flachen Hand über den Theetisch . Wie ? Er antwortete nicht ? Kein Sterbenswörtchen , Aber da für sah er mich an - du weisst , wie er einen ansehen kann ! - mit einem paar Augen ! - Ich dachte Wunder , was jetzt herauskommen würde ; aber nichts ! nicht ein Laut ! Er zog mir nur ein saures , äusserstsaures Gesicht , und ging mit Kopfschütteln davon . Das ist doch seltsam , sehr seltsam . Was gäb ' ich darum , dass er gesprochen hätte ! Abends bei Tisch kam denn so etwas hervor . Da war er wieder in seiner gewöhnlichen Laune , und schwatzte von der Thorkeit des Heiratstiftens , wobei des Danks so wenig und des Undanks so viel zu gewinnen stehe , und von alten Mütterchen , denen ihr eigenes Liebesfeuer ausgegangen wäre , und die so gern ein fremdes anzündeten , um sich daran zu wärmen und an die eignen bessern Tage dabei zurückzudenken ; kurz , so ärgerliches und spitzfindiges Zeug , dass ich ' s machte , wie er , und ihm auch ein recht saures Gesicht zog , und auch mit Kopfschütteln davonging . Immer gut , liebe Mutter ! Immer besser , als wenn Sie gesprochen hätten ! - Aber wenn ich doch nur begriffe - ! Und hiemit fingen die Damen an , sich in scharfsinnigen Muthmassungen über die eigentliche Ursache zu erschöpfen , warum dem Alten die vorgeschlagene Heirat mit der Witwe so missfalle - denn dass sie ihm missfalle , setzten sie als erwiesen voraus . - Waren ' s etwa die beiden kleinen Kinder der Witwe ? Das glaubte die Doctorinn nicht . War ' s noch ein Rest des alten Vorurtheils gegen sie ? Das glaubte Madam Stark nicht . Waren ' s die zu geringen Vermögensumstände der Frau ? Das glaubten die Damen alle beide nicht . - Kurz , der Alte war ihnen auch diesmal , wie sonst schon öfter , ein Räthsel . Als der Doctor hinzukam , wurden diese Muthmassungen um noch eine vermehrt . Er sah von der Witwe und ihren Umständen ab , und glaubte , dass dem Vater nicht sowohl die Heirat missfalle , als das Vorschlagen derselben , das Anmahnen und das Bereden dazu . Er will gewiss , sagte er , dass der Bruder völlig frei , ohne fremden Einfluss und Antrieb handeln , und eine Wahl ganz nach seinem eigenen Herzen treffen soll . - Hätte der Doctor noch hinzugesetzt : dass vielleicht das Kopfschütteln des Alten weniger der Witwe , als dem Sohne , gegolten , und dass seiner geäusserten Unzufriedenheit wohl nicht so sehr Missbilligung jener , als Misstrauen gegen diesen , zum Grunde gelegen ; so hätt ' er vermuthlich , statt der halben , die volle Wahrheit getroffen . Der Alte konnt ' es für möglich halten , dass der Sohn sich zu dieser Heirat bereden liesse , aber zugleich nach seinem Charakter für wahrscheinlich , dass er in der Folge diesen Schritt bereute , und dann seine Ehe unglücklich würde . - Auf dem Heimwege wurden Doctor und Doctorinn einig , dass der Bruder nur das vortheilhafte Urtheil des Vaters von der Witwe , nicht den kleinen Vorfall mit der Mutter , erfahren müsse . Sein Muth , wie beide sehr richtig urtheilten , war eher zu stärken als niederzuschlagen . Übrigens , da jetzt Alles erschöpft war , was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte ; so hielten sie es für nothwendig , dass der Bruder ein Ende machte , und so bald als möglich dem Vater vor Augen träte . XXXIV . Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt , und liess gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen , ob er so glücklich seyn könne ihn ohne Zeugen zu sprechen . Er ward augenblicklich angenommen , und fand das Wort des Doctors bestätigt : dass wenn er jetzt dem Vater vor Augen , träte , er einen ganz andern Blick von ihm sehen , wenn er jetzt mit ihm redete , einen ganz andern Ton von ihm hören würde . Der Empfang war bei allem Ernste so gütig , und die Frage : welche Wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die Landluft auf ihn gehabt habe , ward mit so vieler Theilnahme vorgebracht , dass die Ängstlichkeit des Sohnes sich um ein Grosses verminderte . Um sein Herz noch mehr zu erleichtern , trat er sogleich auf den Vater zu , und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an , die aber der Vater grossmüthig genug war ihn nicht vollenden zu lassen . - Hast du , fiel er ihm in die Rede , mit deinem Schwager gesprochen ? Hat er dir meine Absichten mit dir entdeckt ? Ja , mein Vater . Und deine Meinung darüber ? - Ich habe für meine Erkenntlichkeit keine Worte . - Er ergriff die Hand des Alten , und küsste sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung , als Rührung . Hast du auch die Bedingungen erfahren , die ich dir mache ? Ich werde sie heilig erfüllen . Nicht bloss als Ihre Befehle , auch als Wünsche meines eigenen Herzens . Thätig zu werden , ist jetzt mein einziger Trieb . - Und da mich Ihre Einsicht , Ihr väterlicher Rath , wie ich hoffe , bei jedem wichtigern Schritte leiten wird ; so verspreche ich mir den besten , glücklichsten Erfolg meiner Bemühungen . Es wird mein eifrigstes Bestreben , mein Stolz , meine höchste Zufriedenheit seyn , Ihnen Freude zu machen . Die werd ' ich haben , wenn es dir wohlgeht . - Aber warum erwähnst du einer der Hauptbedingungen nicht , deiner Heirat ? - Hast du noch keine Wahl getroffen ? Mit der gewöhnlichen Schüchternheit , womit Fragen dieser Art pflegen beantwortet zu werden , sagte der Sohn : Ich habe . Kenn ' ich deine Geliebte ? Mit noch größerer Schüchternheit brachte er die Antwort hervor : Seit Kurzem . - Aber äusserst schnell flossen ihm am einmal die Worte , als er anfing die Tugenden seiner Geliebten zu preisen , und auf die Bosheit gewisser Elenden zu schelten , deren tückischen , giftigen Pfeilen auch die reinste unbefleckteste Tugend nicht entgehe . Diese Vorrede , sagte der Alte , könnte mir bange machen . - Ich bitte um den Namen deiner Geliebten . Es half dem Sohne nichts , dass er den Namen der Witwe nur mit ganz leiser , gedämpfter Stimme aussprach . Er war genöthigt , ihn desto lauter zu wiederholen . Also die ! sagte der Alte ernsthaft , indem er mehrere Schritte umherging : die Witwe ! - Ist das bloss Nachricht , die du mir giebst ; oder - - Es ist Vortrag meines innigsten , herzlichsten Wunsches , für den ich um Ihren gütigen Beifall , um Ihre väterliche Bestätigung bitte . Unter Euch selbst , hoff ' ich , ist doch schon Alles ausgemacht ? Ihr seid einig ? - Wie freute sich jetzt der Sohn , dem Rathe seines Schwagers gefolgt zu seyn ! und dem Vater mit voller Wahrheit betheuren zu können : auch nicht das erste Wort von Liebe sei zwischen ihm und der Witwe gewechselt worden ; auch nicht einmal vorläufig , unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters . Um so besser ! sagte der Alte . So braucht nichts erst zurückzugehen . Zurückzugehen , mein Vater ? - Sollt ' es denn das ? Müsst ' es denn das ? Ich sehe den Gang , den diese Liebe genommen , ganz deutlich . Du hast an der Witwe mit einer Rechtschaffenheit , einem Edelmuthe gehandelt , wovon dein Herz dir das Zeugniss giebt , dass sie dir zur Ehre , zur grössten Ehre gereichen . So ist natürlich ihr Anblick dir werth geworden ; denn er erinnert dich an die beste That deines Lebens : aber eigentliche herzliche Leidenschaft , eigentliche innige Liebe , die bis in das Alter ausdauren , und dich für Alles entschädigen könnte , was du ihrentwegen entbehren und aufopfern müsstest - nein , mein Sohn ! die kann ich hier unmöglich voraussetzen ; unmöglich ! Warum unmöglich , mein Vater ? - Und was müsst ' ich denn ihrentwegen entbehren ? Was müsst ' ich ihr aufopfern ? - Ich sehe nichts . Ist dir der Reichthum nichts , den so manche Andre dir zubringen würde ? - Die Witwe an sich selbst ist ohne Vermögen . Wahr ! aber - - Was von den armseligen Trümmern des ehemaligen Lykischen Reichthums auf ihr Theil kömmt ; ist nach unsern Rechten die Hälfte . Wie viele der Fonds , die ich aus der Handlung herauszuziehen vielleicht gezwungen bin , glaubst du damit decken zu können ? Ich werde mich einschränken , mein Vater . Ich werde die Handlung so viel als nöthig , und mein Hauswesen auf ' s äusserste einschränken . Ich werde im höchsten Grade sparsam und thätig werden . Gut ! Aber das Alles , wirst du am Ende fragen , und muss jetzt ich fragen : für wen ? - Für eine Frau , die schon jetzt nicht die jüngste mehr ist , und von deren Schönheit vielleicht nach wenig Jahren kaum noch einzelne Spuren da sind . Ist ' s denn ihre Schönheit , auf die ich sehe ? - Gott ist mein Zeuge ! noch hab ' ich sie mit keiner andern verglichen . Was mich gerührt und mich ihr auf ewig gewonnen hat , sind die Tugenden , die sie in so mancher traurigen , prüfenden Lage bewiesen , und von denen ich Monate lang ein naher , glücklicher Zeuge gewesen . Der Alte ging von neuem umher , und schwieg . - Sie hat Kinder , fing er dann wieder an . Die vermehren meine Liebe zu ihr . Es sind ein paar Engel . - Aber Engel , die Bedürfnisse haben . - Lass das Wenige , was aus der Verlassenschaft des Vaters für sie übrig bleibt , durch Zufälle schwinden ; so haben dich diese Kinder Vater genannt , und du wirst verpflichtet seyn als Vater für sie zu sorgen . Das werd ' ich gewiss , und werd ' es mit Freuden . Mit Freuden ? - Was du ihnen zuwendest , werden deine eigenen Kinder verlieren . An fremdes Blut wirst du thörichter Weise wegwerfen , was deinem eigenen zu Gute kommen könnte . - Ich bitte dich : wie kannst du einen solchen Gedanken nur fassen ? ihm nur einen Augenblick Raum bei dir geben ? Der Sohn kannte den Vater zu gut , um nicht äusserst betroffen zu werden . - Sie reden da nicht aus Ihrer eigenen Seele , mein Vater ; unmöglich ! - Was heisst das ? Aus welcher , als aus seiner eigenen , kann man reden ? Sie schaffen Sich eine fremde , enge , äusserst beschränkte Seele , die Sie mir als die meinige leihen . Aus ihr nehmen Sie das , womit Sie mich zu verwirren oder zu überzeugen glauben . - Ich sehe , loh habe Ihre Achtung ganz , und habe sie auf immer verloren . Ich werde meinen eigenen Weg gehen müssen . Ich will es . - Mein einziger Wunsch zu Gott ist - indem er die Hände mit Kraft in einander faltete - dass Sie noch lange , lange leben , und noch mit eigenen Augen sehen , wie sehr Sie Sich in mir irrten , wie sehr Sie mir Unrecht thaten . - Er wandte sich von dem Vater ab gegen das Fenster mit einem ganz zerrütteten , von den widrigsten Empfindungen zerrissenen Herzen . Mehr , als einen solchen Beweis seiner Gesinnung und der gänzlichen Umwandlung seines Charakters , konnte der Vater nicht fordern . - Nach einer tiefen , feierlichen Stille , worin er dem Sohne Zeit liess sich wieder zu sammeln , rief er ihn sanft bei seinem Vornamen : Karl ! Durch das Weiche , Zitternde dieses Tones fühlte sich der Sohn gleichsam unwillkürlich herumgerissen . Wie ward ihm , als er den guten , ehrwürdigen Alten dastehen sah , die Augen mit Thränen gefüllt , und die Vaterarme weit gegen ihn offen haltend ! Karl ! , rief der Alte noch einmal : warum hast da dich mir so lange verborgen ? - Und nun stürzte der Sohn , von Empfindung überwältigt , obgleich noch ungewiss was er zu hoffen habe , auf den Vater zu , ergriff mit beiden Händen eine der seinigen , und bedeckte sie ihm mit Küssen . Willst du , sagte der Alte , in dieser schönen , uns beiden gewiss unvergesslichen Stunde , mir schwören , mir heilig schwören , dass du nie anders denken willst , als du dich jetzt erklärt hast ? dass du nie , auch nicht im Innersten deines Herzens , der guten Lyk ihren , Mangel an Vermögen oder ihre Kinder vorwerfen willst ? dass du Liebe und Tugend ihr für mehr als alles Vermögen anrechnen und Ihre Kinder stets so ansehen willst , als ob sie die deinigen wären ? - Der Sohn war nicht bloss gerührt , er war erschüttert . - Ich will , ich will ! stammelte er , und vermogte kein Wort weiter hervorzubringen . Ich nehme deine Rührung für Eidschwur . - Und nun warf er die eine Hand ihm auf die Schulter , zog ihn an sich , und küsste ihn wiederholt und von Herzen . - Wegen der Art , wie ich dich setze , verlass dich auf mich ; ich bin kein ungrossmüthiger Vater : und so nimm mein Haus und meine Handlung hin , und obendrein - meinen zärtlichen Vatersegen zu deiner Liebe ! - Ein so rascher und so mannichfaltiger Wechsel der Gefühle war mehr , als das Herz des Sohnes ertrug . Statt dem Vater zu danken , wankte er rückwärts , um einen Stuhl zu gewinnen , auf den er sich halb athemlos hinwarf . Ein plötzlich hervorbrechender Strom von Thränen erleichterte ihn ; während der Alte , der sich neben ihm setzte und ihm selbst seine Thränen trocknen half , ihm unablässig zuredete : Lass doch ! lass ! Sei ein Mann ! Trockne ab , lieber Karl ! Wir müssen ja wahrlich zu deiner Mutter , um ihr Theil an unsrer Freude zu geben . - Wer weiss , wie lange und wie ungeduldig sie unser schon wartet ? - Und wenn mich nicht Alles täuscht ; so finden wir dort noch , zwei Andre , die unser beider Erscheinung mit Sehnsucht entgegenharren . XXXV . Wirklich hatten sich bei der Mutter auch der Doctor und die Doctorinn eingefunden , um von dem Ausgange der Unterredung , von der sie wussten dass sie vorfallen würde , desto eher unterrichtet zu seyn . Wie gespannt ihre Erwartung war , lässt sich aus dem grossen Antheil , den sie bisher an dem Bruder genommen , und aus der mannichfaltigen Mühe , die sie sich seinetwegen gegeben hatten , ermessen . Sie glaubten überwiegende Gründe zu haben , den besten Ausgang zu hoffen ; und doch liessen sie , eben wegen der Grösse ihres Interesse , sich ein wenig in die Furcht und Ängstlichkeit der Mutter hineinziehen , die , weil ihr Interesse das noch grössere , noch lebhaftere war , nichts als traurige Ahnungen hatte . - Desto angenehmer war für Alle der Überraschung , als jetzt der Vater in Gesellschaft des Sohnes hereintrat , und ihnen , sogleich durch sein Lächeln seine Zufriedenheit , durch seine feuchten , gerötheten Augen seine Rührung verrieth . Er hielt den Sohn an der Hand , der sein Gesicht noch mit dem Tuche verdeckte , und führte ihn der Alten mit den Worten zu : Hier , liebe Mutter ! hier bring ' ich dir einen guten , einen würdigen Sohn , der auf dein Alter Bedacht nimmt , und dich von den Wirthschaftsorgen befreien will , die dir schon lange zu lästig fielen . Er will sie einer jungen , wackern Frau übertragen , die er dich bittet zur Tochter anzunehmen , und deinen Muttersegen über seine Liebe zu sprechen . - Errathen wirst du wohl seine Wahl nimmermehr ; - und du gewiss auch nicht , indem er sich gegen die Tochter umwandte , und beide zwar anlächelte , aber ihnen zugleich mit dem Finger drohte . Der Sohn konnte unter den Segenswünschen der Mutter , und den Antheilsbezeugungen der Schwester und des Schwagers seine Augen so bald nicht trocknen . - Alle vereinigten sich endlich , dem Vater zu danken und ihm zu liebkosen , der sie der Reihe nach küsste , aber in seine gewöhnliche muntre Laune für diesen Abend nicht wieder hineinkam . Die Empfindungen , die bei der Unterredung mit dem Sohne ihn tief durchdrungen hatten , waren von zu ernsthafter Natur gewesen , als dass er sogleich wieder zu den muthwilligen kleinen Scherzen hätte zurückkehren können , womit er sonst seine Gespräche zu würzen pflegte . Er liess es sich nicht nehmen , am folgenden Tage in eigner Person den Freiwerber seines Sohnes zu machen . - Ob Madam Lyk von diesem Besuche angenehm oder unangenehm überrascht war ; ob sie eine bejahende oder verneinende Antwort gab ? wird wohl niemand erst fragen . - Die Ehe ward eine der glücklichsten in der Stadt . Die Familie hing , jedes Glied mit jedem , durch die zärtlichste Liebe zusammen . Herr Stark erfreute sich , bis in ' s höchste Alter hinauf , des Wohlstandes und der vollkommenen Eintracht aller der Seinigen , und genoss das süsse , kaum mehr gehoffte Glück , Enkel an seine Brust zu drücken , die nicht bloss seines Bluts waren , sondern auch seinen Namen trugen . ENDE .