mir stürzet ? Tilie : Es sei dir Nacht , und nächtliches Entzücken , Das mild der Sterne Blumenglut ergießt , Erblühe dir aus meinen stillen Blicken . Und wenn du mir nicht in die Augen siehst , So will ich deinen Arm gelinde drücken . Damit sich nie das Leben dir verschließt , Sollst du an meinem Arme hängend fühlen , Wie warm mein Herz , will deines gleich erkühlen . So sprich mir dann von deinem jüngsten Leben , Von deiner Freud und Schmerzen Heiligkeit , Denn über dieser wunderbaren Zeit Kann nur der Schmerz , kann nur die Freude schweben . Dem Ältern sind die Stunden hingegeben , Er führet sie zu Frieden oder Streit , Er herrschet über sie . So Freud wie Leid Muß er allein sich selbst bestimmend weben . Um Vater , Mutter und das Vaterland Weint oft Eusebio so stille Tränen Und hat verloren , was er nie gekannt . Auch mich hält fest ein tief unendlich Sehnen , Der frühverlornen Mutter zugewandt ; Denn uns besitzt , was wir verloren wähnen . Besinne dich ein wenig , was du sagest , Denn selten , lieber Freund , sagst du das Rechte . So sollte ich mich besinnen , Römer , und wußte doch von nichts , kannte niemand mehr als sie . O , wie hat mich dies Weib gefangen genommen , und wie werde ich durch sie leiden müssen , Schmerzen , die sie nimmer verstehen kann . Sie heilt , wie die Natur , alle Wunden , ohne sich zu einzelnen hinzuwenden ; sie heilt mit einer eigentümlichen heilenden Kraft , mit einem Balsam , der wie ihre eigne Gesundheit in ihr lebt . So bin ich denn einem Wesen hingegeben , das in seiner eigentümlichsten Macht dasteht ; ich liege in der Wiege der Natur , ihr Fußtritt bringt mein Leiden mit leichten Schwingungen in die Träume der goldnen Zeit ; möge ich erwachend an ihrem Busen von einem Geiste beseelt sein , für den meine jetzige Sprache ein Stammlen des Kindes ist . Oder werde ich sterben , wenn ich an ihrem Busen erwache , und die Form aller Formen mir vor den Augen und der Quell aller Nahrung und Wollust zwischen meinen Lippen schwillt ? O wie werde ich dich dann nennen , Freund ! mit aller Macht des Worts , allem Zauber der Poesie nennen können . Godwi Godwi an Römer Ich habe dir gestern geschrieben , Römer , wie wir sprachen , und will gerne fortfahren , aber ich habe hier in jeder Minute stets so viel geliebt und gelebt , daß ein ganzes Leben der Erinnerung immer hinabsinken muß , um die Gegenwart zu umfangen . Wer in der reinen Natur und unter den Menschen Gottes lebt , o ! der ist so von der unendlichen Kraft durchdrungen , daß er keine Augen für die Handlung hat . Ich bin so gezwungen zu leben , daß alle Reflexion mir Mühe kostet , und wäre ich nicht so ungeschickt , und so verschroben , daß in jeder Minute des Alleinseins mir alles Genossene als Bedürfnis erscheint , weil ich noch nicht in mir selbst fortdauernd empfinde , daß diese Welt ewig in mir entzündet , so könnte ich dir nichts schreiben als abgebrochene Sätze und Ausrufungen , wie der , der , in dem tiefsten Schoße der Wollust versunken , sich selbst mit aller Äußerung in ihm auflöst , und keine Beschreibung als in der Anschauung des Genusses selbst geben kann . - Godwi Fortsetzung meines Tagebuchs Es ist eine Torheit , Römer , daß ich dir diese Szene zu schildern anfing , da es keine war - - Es ist , als wollte ein Maler ein wunderbar heiliges , lebendiges Leben im Mondschein , wo alle Gestalt leise zerrinnt , vor dir in bestimmten Formen hinzeichnen , wo der Mensch und alles Einzelne in das Ganze zerrinnt , wo nichts von dem Hintergrunde sich trennt , und alles in ein leises Gefühl des ewigen Gleichheit verschwimmt , und unser bestimmtester Begriff nur der des allgemeinen seligen Daseins des Lebens sein kann . Es war kein Umriß da und keine Fülle , und kein Selbstgefühl , es war alles eins , und ich fühlte Tiliens warmen Busen an meiner Brust , wir wandelten leise , als wollten wir den Schlaf des Waldes nicht erwecken . Mein Herz drängte sich in meiner Brust schüchtern hinüber zu dem ihrigen , dessen vollen Schlag ich fühlte , sie drängte sich im Gehen dicht an mich , und alle Fibern zitterten in mir . Ich wußte nicht , ob die Eichen oder unsre Locken so sanft über uns rauschten , ob Tiliens Blicke den Mond oder der Mond ihre Blicke anzündete . Ich war nie mehr - und doch nichts als ein Lebender . Das Äußre fühlte ich in meiner Seele in einem stillen Weben , und mich das Äußre bildend und von ihm gebildet . Es war , als habe ich ein Element um mich erschaffen , das seinen Schöpfer mit Wellen dankend umschlingt , und ihn von sich selbst trennend zur Einzelheit erhebt . - - Es war die letzte Empfindung des Geschaffenen , und die erste des Schöpfers . Mit dunkeln Wünschen ist die Ordnung in unserm Herzen angeknüpft , ihr stiller Strom fließt zu der Liebe hin , und kehrt mit allem Leben ewig in unser Herz zurück . Ich habe bis jetzt noch keinen Genuß im Leben gehabt , den mir die Reue über den Mißbrauch meiner Fähigkeit , mich zu freuen , nicht begleiten würde , wenn es nicht nichtswürdig und eine schnöde Verachtung der Gegenwart wäre , etwas zu bereuen . Schnell nieder mit der alten Welt , Die neue zu erbauen . Der , dem die Liebe sich gesellt , Darf nicht nach Trümmern schauen . Aus Kraft und nicht aus Reue dringt , Was die Vergangenheit verschlingt . Nie darf die Erinnerung mit Neid nach der Gegenwart blicken , auf den Gräbern wollen wir tanzen , wenn wir Leben kennen und sterben können . Ich stehe wieder wie ein Kind im Leben wie ein mächtigeres Kind eines mächtigeren Lebens . Und jetzt soll ich mich auf das Ehemals besinnen , da mir die Gegenwart meine ganze Möglichkeit so süß vereinzelt hinbietet ? Es ist mir , als ob alle dunkle sehnsüchtige Stunden meiner Jugend voreilige mutige Boten der Zukunft gewesen wären , die ich jetzt verstehe . Meine Liebe zu der Engländerin war voll Kenntnis , voller Übung aller selbstischen Bemühung des Herzens in der Leidenschaft . Es war eine Liebe , wie die des Naturforschers zur Natur , die er in Kabinetten mit seinem Leitfaden in der Hand überrascht , und in seinem Laboratorium chemisch in einem Schmelztiegel küßt . Jetzt hat mich die allgemeine Verbindung einer Schweiz umarmt . Das Leben wiegt sich wie ein Blumenkranz in meinen Locken , den Tilie hineingelegt . Ich fühle ihn nicht , und meine Phantasien wohnen in seinen Kelchen . Nie wird ihn mein Geist entblättern , denn mein Gemüt hat sich wie Dank und Rausch an Frühling und Liebe entzündet . Die Stimme meines stillen innern Danks spricht wie die Liebe im Liede der Nachtigall , aus Liebe , ohne Liebe zu dichten . Ich liebte die Engländerin , weil sie meinen Sinnen schmeichelte , weil sie meinem Bedürfnisse und meinem Geschmacke das Bild der Natur hinzureichen schien . - Aber sie kam nur von der mißverstandenen Kunst zurück - dies Bild war nicht rein , der Zwang hatte hie und da einen schmerzhaften Zug zurückgelassen - es war Genesung , die nimmer Gesundheit wird . Tilien liebe ich , weil sie so ist , denn die Gesundheit allein ist liebenswürdig . Sie war nie anders , sie ist nie so geworden , und wird nie anders werden . Sie ist so , und ewig so . Sie schafft sich ewig selbst , und weiß es nicht . Jede Minute ihrer Schönheit wird durch sie , und sie ist das Kind jeder Minute ihrer Schönheit . Wie die Liebe ihren Busen hebt , so ist ihr Busen das göttliche Gefäß ihres liebenden Herzens . Äußere Dinge bestimmen sie nur , insofern sie in die unwandelbare treue Folge der Lebensaussprache tritt , in deren sittewechselnden Bildungen sie eine wunderbar ehrwürdige Urgebärde geblieben ist . Sie selbst steht da wie die Natur im schönen Menschen ; ihre Gedanken , ihre Worte , Gebärden und Mienen , ihre ganze Erscheinung ist der heiligsten Anschauung fähig . Man könnte jede Folge ihrer Äußerung mit schönen abwechselnden Bildern allegorisieren . Wenn ich mir sie denke , wie sie sich bewegt , wie sie spricht oder singt , so sehe ich eine Reihe schöner weiblicher Gestalten in harmonischen Wellen vor mir hinschweben , die sich bald mit ihren zarten Armen , bald mit einzelnen Blumen oder Tönen , mit ganzen Blumen- und Tonfolgen , bald mit süßen durchsichtigen Liedern aus beiden gewebt berühren . Diese Gestalten bilden mir dann keinen Zirkel , sondern kommen unmittelbar aus der Natur , die sie umgiebt , und schweben wieder so aus ihr hinüber . So fühlte ich , als sie mir befohlen hatte , mich zu besinnen , und besann mich also nicht - Tilie : Hast du denn bald genug gedacht ? Ich fürchte , Du suchst so lange , bis du mehr als findest . Denn suchst du übers Finden , so erfindst du . Ich : Verzeih , ans Suchen dachte ich noch gar nicht . Tilie : Was dachtest du ? Ich : Ich weiß nicht , was ich dachte , Ich sprach mit dir , und diese ganze Welt , Der Wald , der Mond , sie lagen mir am Busen . Ich fühlte , daß sie mit mir sprachen , daß ich , Mit allem Leben innig tief verbunden , Doch keinem Einzelnen eröffnen könnte Und keinem das erwidern , was sie mir vertraut , Als dir , du liebe Tilie , dir allein . Tilie : So sprich mir nun von deinen Kinderjahren , Du hast dich schon besonnen ; was du fühltest , War Wahrheit , Leben ; wo sie einig sind , Kann sicher nur das Rechte einzig sein . Laß dies Gefühl um deine Worte währen , Und reine Dinge wird Otilie hören . Szene aus meinen Kinderjahren Oft war mir schon als Knaben alles Leben Ein trübes träges Einerlei . Die Bilder , Die auf dem Saal und in den Stuben hingen , Kannt ich genau ; ja selbst der Büchersaal , Mit Sandrat , Merian , den Bilderbüchern , Die ich kaum heben konnte , war verachtet , Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet . So daß ich mich hin auf die Erde legte Und in des Himmels tausendförmgen Wolken , Die luftig , Farben wechselnd oben schwammen , Den Wechsel eines flüchtgen Lebens suchte . Kein lieber Spielwerk hatt ich als ein Glas , Im dem mir alles umgekehrt erschien . Ich saß oft stundenlang vor ihm , mich freuend , Wie ich die Wolkenschäfchen an die Erde Und meines Vaters Haus , den ernsten Lehrer Und all mein Übel an den Himmel bannte . Recht sorgsam wich ich aus , in jenen Höhen Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen . Ich wollte damals alles umgestalten , Und wußte nicht , daß Änderung unmöglich , Wenn wir das Äußre , nicht das Innre wenden , Weil alles Leben in der Waage schwebet , Daß ewig das Verhältnis wiederkehret Und jeder , der zerstört , sich selbst zerstöret . Dann lernt ich unsern Garten lieben , freute Der Blüten mich , der Frucht , des goldnen Laubes Und ehrte gern des Winters Silberlocken . An einem Abend stand ich in der Laube , Von der die Aussicht sich ins Tal ergießt , Und sah , wie Tag und Nacht so mutig kämpften . Die Wolken drängten sich wie wilde Heere , Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite , Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere ; Es rollte leiser Donner in der Weite , Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre Von Tag zu Nacht , neigt sich zu jeder Seite ; Dann sinkt die Glut , es brechen sich die Glieder , Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder . Da fühlte ich in mir ein tiefes Sehnen Nach jenem Wechsel der Natur , es glühte Das Blut mir in den Adern , und ich wünschte In einem Tage so den Frühling , Sommer , Herbst , Winter in mir selbst , und spann So weite , weite Pläne aus , und drängte Sie enge , enger nur in mir zusammen . Der Tag war hinter Berge still versunken , Ich wünschte jenseits auch mit ihm zu sein , Weil er mir diesseits , mit dem kalten Lehrer Und seinen Lehren , stets so leer erschien . Der Ekel und die Mühe drückte mich , Ich blickte rückwärts , sah ein schweres Leben , Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter . Dann wünscht ich mich mit allem , was ich Freude Und wünschenswertes Glück genannt , zusammen Vergehend in des Abendrotes Flammen . Der Gärtner ging nun still an mir vorüber Und grüßte mich , ein friedlich Liedchen sang er , Von Ruhe nach der Arbeit und dem Weibe , Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte . Die Vöglein sangen in den dunkeln Zweigen , Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen , Und es begann sich in den hellen Teichen Ein friedlich monotones Lied zu regen . Die Hühner sah ich still zur Ruhe steigen , Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen . Und leise wehte durch die ruh ' ge Weite Der Abendglocke betendes Geläute . Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit , Und träumte mancherlei von Einfachheit , Von sehr bescheidnen bürgerlichen Wünschen . Ich wußte nicht , daß es das Ganze war , Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff . Des Abends Glut zerfloß in weite Röte , So löst der Mühe Glut auf unsern Wangen Der Schlaf in heilig sanfte Röte auf . Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wieder , Es ließ ein Leben ohne Kunst sich nieder , Die hingegebne Welt löst ' sich in Küssen , Und alle Sinne starben in Genüssen . Da flocht ich trunken meine Ideale , Durch Wolkendunkel webt ich Mondesglanz . Der Abendstern erleuchtet , die ich male , Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz , Die Göttin schwebt im hohen Himmelssaale Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz . Bald faßt mein Aug nicht mehr die hellen Gluten , Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten . Und nie konnt ich die Phantasie bezwingen , Die immer mich mit neuem Spiel umflocht ; So glaubte ich auf einem kleinen Kahne In süßer Stummheit durch das Abendmeer Mit fremden schönen Bildern hinzusegeln . Und dunkler , immer dunkler ward das Meer , Den Kahn und mich , und ach , das fremde Bild , Dem du so ähnlich bist , zogs still hinab . Ich ruht in mich ganz aufgelöst im Busche , Die Schatten spannen Schleier um mein Aug , Der Mond trat durch die Nacht , und Geister wallten Rund um mich her , ich wiegte in der Dämmrung Der Büsche dunkle Ahndungen , und flocht Aus schwankender Gesträuche Schatten Lauben Für jene Fremde , die das Meer verschlang . Und neben mir , in toter Ungestalt , Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt . Und es schien das tiefbetrübte Frauenbild von Marmorstein , Das ich immer heftig liebte , An dem See im Mondenschein , Sich mit Schmerzen auszudehnen , Nach dem Leben sich zu sehnen . Traurig blickt es in die Wellen , Schaut hinab mit totem Harm , Ihre kalten Brüste schwellen , Hält das Kindlein fest im Arm . Ach , in ihren Marmorarmen Kanns zum Leben nie erwarmen ! Sieht im Teich ihr Abbild winken , Das sich in dem Spiegel regt , Möchte gern hinuntersinken , Weil sichs unten mehr bewegt , Aber kann die kalten , engen Marmorfesseln nicht zersprengen . Kann nicht weinen , denn die Augen Und die Tränen sind von Stein . Kann nicht seufzen , kann nicht hauchen , Und erklinget fast vor Pein . Ach , vor schmerzlichen Gewalten Möcht das ganze Bild zerspalten ! Es riß mich fort , als zögen mich Gespenster Zum Teiche hin , und meine Augen starrten Aufs weiße Bild , es schien mich zu erwarten , Daß ich mit heißem Arme es umschlinge , Und Leben durch den kalten Busen dringe . Da ward es plötzlich dunkel , und der Mond Verhüllte sich mit dichten schwarzen Wolken . Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden In finstrer Nacht . In Büsche eingewunden , Konnt ich mit Mühe von der Stelle schreiten . Ich tappe fort , und meine Füße gleiten , Ich stürze in den Teich . Ein Freund von mir , Der mich im Garten suchte , hört den Fall , Und rettet mich . Bis zu dem andern Morgen War undurchdringlich tiefe Nacht um mich , Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle , Ich weiß nicht wo , voll tiefer Seligkeit , Befriedigung und ruhigen Genüssen , Die alle Wünsche , alle Sehnsucht löste . Als ich am Turm zu deinen Füßen saß , Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben , In dem von allen Schmerzen ich genas . O teile froh mit mir , was du gegeben , Denn was ich dort in deinem Auge las , Wird sich allein hoch über alles heben . Und kannst du mir auf jenen Höhen trauen , So werd ich bald das Tiefste überschauen . Ich glaube , daß es mir in jener Nacht , Von der ich nichts mehr weiß , so wohl erging ; Als ich erwachte , warf sich mir die Welt Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz . Es war der tötende Moment im Leben , Du , Tilie , konntst allein den Zauber heben . Mein Vater saß an meinem Bette , lesend Bemerkte er nicht gleich , daß ich erwachte . Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zügen Mit solchem Forschen , solcher Neugierd , daß Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte . Dann neigte er sich freundlich zu mir hin Und sprach mit tiefer Rührung : » Karl , wie ist dir ? « Ich hatte ihn noch nie so sprechen hören , Und rief mit lauten Tränen aus - » O Vater ! Mir ist so wohl , doch , ach ! die Marmorfrau - Wer ist sie ? - Wessen Bild ? - Wer tat ihr weh ? Daß sie so tief betrübt aufs holde Kind Und in den stillen See herniederweint ? « Mein Vater hob die Augen gegen Himmel , Und ließ sie starr zur Erde niedersinken , Sprach keine Silbe und verließ die Stube . In diesem Augenblicke fiel mein Los . Ein ewger Streit von Wehmut und von Kühnheit , Der oft zu einer innern Wut sich hob , Ein innerliches , wunderbares Treiben Ließ mich an keiner Stelle lange bleiben . Es war mir alles Schranke , nur wenn ich An jenem weißen Bilde in dem Garten saß , War mirs , als ob es alles , was mir fehlte , In sich umfaßte , und vor jeder Handlung , Ja fast , eh ich etwas zu denken wagte , Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche . Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel Und folgte still , wie die bescheidne Ferne , Der weißen Marmorfrau , die auf dem Spiegel Des Teiches schwamm . So wie der Wind die Fläche In Kreisen rührte , wechselte des stillen Und heilgen Bildes Wille , und so tat ich . Meine Stimme war nach und nach gesunken , und mein Gefühl konnte ich nicht mehr erreichen . Wir wendeten uns denn , es war spät in der Nacht und kühl , der Mond goß den kalten Tag der Geister durch die Nacht ; in sonderbar wilde fremde Formen zerriß sich das einsame traute Leben der Dämmerung , Schauer wehte aus den Gebüschen , und in den Gewölben der Eichen herrschte bange Geisterfeier . Godwi Godwi an Römer Ich bin krank , und diese Krankheit ist mir nicht schmerzlich , denn ich hoffte viel für meine Genesung , ich hoffte Genesung für meine Krankheit , und mein voriges Leben von ihr . Ich bin nicht in dem Zeitraume zwischen diesem und meinem letzten Briefe krank geworden ; ich bin es , seit ich dir von meinem Spaziergange mit Tilien in den Wald schreibe , nur in dieser Minute fühle ich es , daß ich es bin . Ich bitte dich , habe hier keine voreiligen bürgerlichen Gedanken , und denke nicht , daß ich mich sicher verkältet hätte . Es wäre mir fatal , wenn ich glauben müßte , daß in solchen Momenten man sich verkälten kann , in denen man glüht , und doch ist es leider so ; aber ich will es nicht haben , daß ich es glaube , und du sollst es mir zum Gefallen tun , und es nicht glauben . Meine Spannung , meine Überspannung , meine Abspannung und ein Schrecken , dessen Ursache nur in dem natürlichsten und künstlichsten Zustande uns eine ruhige Ansicht sein kann , hat mich krank gemacht . Tilie verpflegt mich und der Knabe . Der einzige Arzt in der Gegend ist der , der Tiliens Mutter , wie Werdo glaubt , umgebracht hat , und der Alte kann ihn daher nicht leiden ; doch hat sie ihn einigemal heimlich zu mir gebracht , nur um ihn zu fragen , ob meine Krankheit gefährlich sei ; aber er versteht nichts davon . Er sagt , es käme ganz allein von meinem Leben mit den seltsamen Menschen hier oben , die alle nicht klug seien , das habe mich angesteckt , und der Geist wirke auf den Körper , und - er wäre ein Schafskopf , dachte ich . Seine Arzneien glaubte ich lange genommen zu haben , und war meiner Genesung schon nah , da sagte mir der Knabe , daß die Tränke alle von Tilien seien ; er suche die Kräuter und sie koche sie . Ich habe nur einen Tag zu Bette gelegen , und länger konnte ich auch nicht ; denn könntest du wohl ruhig liegen bleiben wenn sich dir von jeder Seite deines Lagers eine weite , herrliche Aussicht öffnet , die mit allen Punkten ihres Eingangs dich ergreift , und mit Gewalt , den Eindruck und sich selbst immer mehr vereinzelnd , dich in den einzigen Punkt der Perspektive ihres Ausgangs hinreißt ? Ich habe mancherlei gedacht , indem ich so hinaussah , über Aussichten , ihre Ansicht und ihren Genuß , aber ich habe dennoch keine Ideen über Landschaften gehabt . Es ist wunderbar und macht mich immer für meine Nebenmenschen in der Gegenwart unnütz , daß ich nie eine Sache an sich selbst betrachte , sondern immer im Bezuge auf etwas Unbekanntes , Ewiges ; und überhaupt kann ich gar nichts betrachten , sondern ich muß drinnen herumgehen , denn auf jedem Punkte möchte ich leben und sterben , der mir lieb ist , und so komme ich dann nimmer zur Ruhe , weil mit jedem Schritte , den ich vorwärtstue , der Endpunkt der Perspektive einen Schritt vorwärtstut . Nur der Mensch kann glücklich und ruhig werden , der etwas ansehen kann , und der nicht den Drang in sich hat , daß ihm alle Ferne Nähe sei . Aus eben derselben Art zu fühlen kann ich auch nie spielen , weil ich platterdings mich nie entschließen kann , den anerkannten Zweck des Spiels für mich als Zweck und den Gewinst für mich als Gewinst gelten zu lassen . So stelle ich mir immer unter den Figuren des Schachbretts eine Menge Charaktere vor , die ich durch mein Spiel , gegen den gegenarbeitenden Mitspieler , der mir das Schicksal vorstellt , in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche , und so weiß mein Gegner nie , wie ich nur so dumm spielen kann , gerade wenn ich am zufriedensten bin , und mein Held recht herrlich dasteht . Es wird dann meistens ein Trauerspiel , und ich stehe recht gerührt und mit tiefen Betrachtungen über das Geschick auf , während mein Gegner mir vorwirft , daß ich geizig sei , und unzufrieden , wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet hätte . So wie mancher Dichter allein seine Werke versteht , und tief gerührt von seinen Geburten , dem Publikum die gutmütige Äußerung abgewinnt , wenn er nur etwas Lesbareres schrieb , da würde er nicht vor Armut Tränen weinen . Auch mit dem Billardspielen geht mir es so ; ich möchte immer gerne mit den schönen weißen Bällen irgend eine Gestirnstellung auf der grünen Fläche hervorbringen , und der andere stößt mir alles in die Löcher . Ich schrieb dir meine Krankheit mit Fleiß nicht eher , bis ich wußte , daß ich leben bleiben mußte , und wäre ich gestorben , so hättest du nichts davon erfahren , denn nur im Vergessen wird man glücklich . Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs , und - lebe wohl ! Godwi Fortsetzung meines Tagebuchs Ich fühlte plötzlich , daß ich mich in meiner Erzählung verloren hatte , und aus der Folge meiner innern Erneuerung getreten war . Ich hatte mich auf meiner Erzählung in mein wirres Leben zurückgetragen , ich hatte meinen Talisman abgelegt . Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd an . Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden , und schauerte , in alle Farben der wilden Welt gehüllt , vor dem Umriß meiner Lage , die mich so farbenlos wie ein Geist anredete - die Natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen leider oft so übernatürlich vor . Tilie , die an meinem Arme hing , schwieg . Ihr Anblick überraschte mich , und ihre Berührung machte mir bang ; die ganze Reihe von Bergen um uns her , deren Häupter unsre Nachbarn waren , verschwammen im Mondenglanz in die Wolken , und türmten sich regellos wie Dampfsäulen wechselnd in den Himmel . Eine unergründliche Tiefe zwischen Jetzt und Ehedem , wie die Täler zu meinen Füßen , ohne eine einzige Gestalt , wie siedende Kessel voll weißer Nebel und Dünste , ein ganzes Klima zu erschaffen . Alles um mich her , ohne eine einzige Stelle , etwas hinzustellen , alles so voll und so wogend wie ein Meer , und in mir die drückende Last und der Drang , mich ewig von den Erinnerungen zu trennen , die , ohne Frucht üppig in Blätter und geruchlose Blüten schießend , jedem Bessern die Nahrung stehlen . Alles das hatte mich zugleich umfaßt , meine ganze Vergangenheit , die ich durch meine lebhafte Erzählung erweckt hatte , ergoß sich mißgestaltend in meine Gegenwart , ich war ganz verloren , und wachte in dem abenteuerlichsten Traum . Ohne irgend etwas zu denken , meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd , blickte ich in den Wald , während ich mit vollem Bewußtsein neben Tilien in der herrlichen Nacht hätte gehen sollen . Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze , der , zwischen den Bäumen hin und her schwankend , in der Ferne zwischen die Blätter leuchtete , und das Grün der Bäume entzündend , schimmernde Zweige in der tiefen Nacht des Waldes erblühen ließ . Meine Zerstreuung suchte dies nicht näher zu erforschen , sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefühle , das mir so oft die erleuchteten Hüttenfenster auf meiner Reise einflößten . Unwillkürlich malte ich mir eine kleine Bauernstube , und fühlte das Behagliche der Ruhe nach der Ermüdung ; ich sah die Kinder rund um den Ofen , die Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen , und dachte gar nicht dran , daß hier auf eine Meile Wegs keine Bauernhütte sein könne . Ich wollte schon anfangen , Tilien meine Gefühle über die Hüttenfenster mitzuteilen , als es mir auffiel , daß sie so lange geschwiegen habe . Ach , es ist sehr traurig , wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht ; unsre Seele wird vom bürgerlichen Leben , wie von einem Tanzmeister , in eine wunderbare steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt , die , sobald wir in die Natur treten , zu höchstverderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen . Mit meiner Rückkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und nach alle seine Schwächen , so wie ein Weltmann nicht leicht einen französischen Pas und einen natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann . Ich war zu verwirrt , ich möchte sagen , zu erniedrigt , um Tiliens hohes , reines Leben voraussetzen zu können , und meine Frage , warum sie so lange geschwiegen habe , schien nur eine gewöhnliche Dame zu berühren . Ich vermutete , sie sei ängstlich geworden , meine Erzählung von der weißen Marmorfrau , die Nacht und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt , die uns Männern so hinreißend wird , weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist , in denen sich das eigne innere Verhältnis noch äußert . Es ist so selten , daß die bloße Liebe von beiden Seiten gleichtätig die Geschlechter näher verbindet , daß uns bis jetzt die raschere , bestimmtere Annäherung zugeteilt wurde ; ebendeswegen tut es uns äußerst wohl , wenn wir einmal der feststehende und nicht der bewegte Teil sind , wenn eine Bewegung der Luft , oder das Gewicht der Reife , die Rosen oder die Früchte , die wir pflücken wollen , uns entgegen bewegt . Tilie hatte im Gehen dann und wann ihre Hand fester auf die meinige gelegt . Ich : Wie