könnte . Schwerlich gibt es eine anspruchlosere Tochter der Natur als die gute Leukonoe . Was sie zu geben hat , ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes , daß sie sich schämen würde , einen größern Werth darauf zu legen , als meine Ziegenhirtin auf ihren Topf mit Milch . Meine Treue bleibt dir also auf rühmlichere Gelegenheiten vorbehalten ; auch wollt ' ich wetten , du bist von der Unmöglichkeit meiner Untreue so völlig überzeugt , daß es lächerlich wäre , wenn ich jemals damit groß gegen dich thun wollte . Es gibt nur Eine Lais , die alle Arten von Reizen in sich vereiniget , und auf alle mögliche Weise liebenswürdig ist . Ueber wen wollte sie eifersüchtig seyn ? Das ist eine Leidenschaft , die sie ihren Liebhabern überläßt . Aber wehe dem , der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie darüber nimmt ! Ich weiß wohl , du wirst die stolze Ruhe , womit ich dich in der Welt herumschwärmen sehe , mit dem verhaßten Namen Kaltsinn belegen ; aber ich hülle mich in meine Unschuld . Denn ich bleibe dabei , der ruhige Liebhaber ist der einzige zuverlässige Liebhaber . Bei allem dem ist es nicht einmal wahr daß ich so ruhig bei deiner Reise nach Athen bin als ich vorgebe : nicht , weil du gerade so viel Anbeter dort zurücklassen wirst , als Männer die dich gesehen haben ; und wer wird dich nicht sehen wollen ? Die ganze Welt soll vor dir knien , das ist es ja eben was ich will ! Was ich befürchte ist bloß , daß du gerade den Einzigen , dessen Eroberung dir schmeicheln würde , nicht erobern wirst . Denn daß du sie bereits gemacht hättest , ist doch wohl nur Scherz . Arme Laiska ! Ich fühl ' es schon in allen Nerven , wie es dich kränken würde , vergebens nach Athen gereist zu seyn ! Aber ich fürchte ! ich fürchte ! Diesen Kopf zu verrücken , würde der Göttin selbst , deren sichtbare Statthalterin du bist , nicht möglicher seyn als dir . Ich werde deinen nächsten Brief mit Zittern erbrechen , und kann ihn doch kaum erwarten . 25. Lais an Aristipp . Aber wer sagt dir denn , wunderlicher Mensch , daß ich mir nur im Traum einfallen lasse , den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrücken zu wollen ? - Und wenn ich es könnte , würdet ihr andern desto weiser seyn ? Daß ihr doch alle , ohne Ausnahme , wie es scheint , gar viel dabei zu gewinnen glaubt , wenn ihr einen großen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen könntet ; als ob er nicht immer um eben so viel größer bliebe als ihr , wenn er auch auf derselben Fläche mit euch steht . Wie konntest du dir einbilden , ich werde nicht merken , warum du so ängstlich für den Ruhm meiner Reizungen bekümmert bist ? Aber sey ohne Sorgen , mein Freund ! Ich mache keinen Anspruch von einem Manne wie Sokrates anders als nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden , und es würde mir unendlichemal weniger schmeicheln , wenn ich , um sein Herz zu gewinnen , ihm vorher den Kopf verrücken müßte . Glücklicher Weise ist die Sache bereits entschieden ; mein Spiel ist gewonnen , und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden , weil ich es ohne hetärische Winkelzüge aufrichtig und redlich gewonnen habe . Doch alles an seinem Ort und zu seiner Zeit ! Es gefällt mir hier so wohl , daß ich gute Lust habe , ein Tagebuch über meinen hiesigen Aufenthalt zu schreiben , und du sollst sehen , daß der weiseste aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt . Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier , und von diesen ist kein einziger vorbeigegangen , ohne daß ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen hätte . Allenthalben , wo ich zu sehen bin , ist er auch ; in der großen Halle , in der Akademie , im Odeon , auf dem Ziegelplatz , im Piräos , unter den Propyläen , überall wo ich hingehe , find ' ich ihn immer schon da , oder bin doch gewiß , daß er wie gerufen kommen wird . Du lachst , Aristipp , daß ich so einfältig bin , etwas auf meine Rechnung zu setzen , was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu thun pflegt . - » Man ist es , sagst du , zu Athen gewohnt , ihn aller Orten zu sehen , wo viele Menschen zusammenkommen ; und er würde gar nicht mehr bemerkt werden , wenn er nicht so viel und so laut spräche , daß man ihn wohl hören muß , man wolle oder nicht . « - Aber , mein schöner Herr , daß er mich in acht ganzen Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte , wenn unser Zusammentreffen bloßer Zufall wäre , das sollst du mich nicht bereden ! Und daß er immer nur mit mir spricht , kommt wohl auch daher , weil sonst niemand mit ihm reden mag ? Und daß er , seit ich zu Athen bin , täglich ins Bad geht , und Sohlen unter die Füße bindet , und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt , hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht ? - Höre , Aristipp ! ich sage dir , verkümmere mir meine Freude nicht , oder wir bleiben nicht lange gute Freunde ! Das muß ich den Athenern nachrühmen , sie betragen sich , auch seitdem der erste Taumel vorüber ist , mit vieler Urbanität und Artigkeit gegen mich und meine Grazien . Aber freilich , immer in Ungewißheit zu schweben wie ich heiße ? Wer ich bin ? Wo ich herkomme ? Was ich zu Athen zu suchen habe ? Wie lange ich bleiben werde ? Wie es mir da gefällt ? - und einander über alle diese Fragen keine Antwort geben zu können , ist mehr als man einem so lebhaften und wißbegierigen Volke zumuthen kann . Ueber den letzten Punkt erhalten sie zwar bei jeder Gelegenheit die verbindlichsten Erklärungen ; aber über alles Uebrige mußten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht , die sie von meinen Leuten in größtem Vertrauen erhielten , behelfen : daß wir sehr weit herkämen , daß ich mich eines Gelübdes gegen die große Göttermutter von Berecynth99 zu entledigen hätte , und daß ich nach Athen gekommen sey , weil ja niemand sagen könnte , er habe etwas Sehenswürdiges in seinem Leben gesehen , wenn er Athen nicht gesehen hätte . Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus : aber wie das Aufsehen , das ich gegen meine Absicht erregte , immer auffallender wurde ; wie man überall von nichts als der schönen Unbekannten sprach , und tausenderlei lächerliche Sagen , Vermuthungen und Hypothesen über sie herumliefen , fanden endlich die Gynäkonomen100 für nöthig , ihr Amt zu verrichten , und sich etwas näher , wiewohl sehr manierlich , nach meinem Namen und Stande zu erkundigen . Um ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden , fiel mir in der Eile nichts Besser ' s ein , als mich ( mit deiner vorausgesetzten Erlaubniß ) für eine Cyrenerin , Namens Anaximandra , eine Verwandte von Aristipp , Aritadessohn , auszugeben , die , wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen , für gut gefunden hätte , auszuwandern , und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten . Die Herren zogen sich nach Empfang dieser Auskunft mit allem möglichen Atticism wieder zurück , und seitdem begegnet mir , wie mich dünkt , jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und Achtung ; so groß ist der Credit , in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten Kechenäern gesetzt hat . Du kannst dir leicht vorstellen , daß ich mich , um meinen neuen Namen und Stand gehörig zu behaupten , bei meinem Verehrer Sokrates nach dir erkundigen mußte . Um dich weder zu stolz noch zu demüthig zu machen , will ich dir nicht wieder sagen , was er von dir urtheilt . Genug , ich sagte ihm : da du , bei vielen Fähigkeiten und guten Eigenschaften , von etwas leichtem Sinne wärest , und das Vergnügen vielleicht etwas mehr liebtest , als einem edeln emporstrebenden Jünglinge zuträglich sey , so hätte die Familie geglaubt nicht besser thun zu können , als wenn sie dir auf einige Zeit das Glück um Sokrates zu seyn verschaffte ; - und er versicherte mich dagegen , die Schuld werde nicht an ihm liegen , wenn die gute Absicht deiner edeln Familie verfehlt werden sollte . Das lass ' dir gesagt seyn , Vetter Aristipp ! Wenn ich Lust hätte , dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten Classe , und den übel verhehlten kleinen Entwürfen ihrer Väter , einige Aufmunterung zu geben , so würde mein Aufenthalt zu Athen eine Kette von Lustpartien , Gastmählern und Vergnügungen aller Gattung seyn . Die allgemeine Schwärmerei , die meine Erscheinung erregte , ging anfangs so weit , daß ich sogar einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann . Ich glaube , wenn ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz genommen hätte , niemand würde mir das Recht dazu streitig gemacht haben . Dieser Grad von Berauschung konnte natürlicher Weise von keiner langen Dauer seyn : dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen , bei allen , die sich durch persönliche oder angeerbte Vorzüge dazu berechtigt halten , eher zu als abgenommen . Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel möglich , und bleibe meinem Plan getreu . Des Sokrates wegen bin ich nach Athen gekommen , und ihm vorzüglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet seyn . Ich habe mir alle Einladungen in die Häuser meiner Verehrer verbeten , und sehe , außer an öffentlichen Orten , keine Gesellschaft als in meiner eigenen Wohnung . Denn ich habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates ( der mir die strengste Verschwiegenheit versprochen hat ) ein ganz artiges kleines Haus mit einem geräumigen Saale gemiethet , wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft von ältern Freunden des Sokrates einfindet , unter welchen er selbst nur selten fehlt . Die jüngern sind ( zu großer Unlust des schönen Phädrus , meines erklärten Anbeters ) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen . Ich wollte , du könntest sehen , wie hübsch ich mich als Wirthin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht weisen Männern ausnehme , von denen der jüngste seine funfzig Jahre auf dem Rücken hat ; und wie stolz würdest du erst auf deine neue Base seyn , wenn du sie mit solchen Antagonisten über das selbstständige Schöne und Gute , über den Grund des Rechten , über das höchste Gut und über die vollkommenste Republik ganze Abende lang disputiren hörtest , und bemerktest , mit welcher Natur oder Kunst ( wie du willst ) sie diesen spröden Materien ihre Trockenheit zu benehmen , und die graubärtigen Streithähne selbst in gebührender Zucht und Ordnung zu erhalten weiß . Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen ; er , dessen scharfer Blick , treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer Gesellschaft macht . Der undankbarste Stoff wird unter seinen Händen reichhaltig , und die scherzhafte sympotische Manier101 , womit er die subtilsten Probleme der Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprächen zuzurichten weiß , scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner , wenigstens immer zu größerm Vergnügen der Zuhörer , zu lösen , als durch eine ernsthaftere und schulgerechtere Analyse geschehen würde . Aber Ehre dem Ehre gebührt ! Die schöne Anaximandra thut natürlicherweise ihre Wirkung , und seine ältesten Freunde versichern mich , daß sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgeräumt und jovialisch gesehen haben , als - seit dem Tage meiner Ankunft in Athen . Nenn ' es nun und erkläre dir ' s wie du willst ; ich streite nie um Worte , aber du wirst mir erlauben , daß ich mich an die Erklärung halte , die für meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist . Ich gefalle mir so wohl zu Athen , daß ich , wenn mir Eurybates reinen Mund hält , und nicht etwa ein neidischer Dämon mir jemand , der mich zu Korinth gekannt hat , in den Weg wirft , große Lust habe , meinen Aufenthalt noch um mehrere Tage zu verlängern . Mein geheimes Liebesverständniß mit dem alten Spötter ( denn bis zu Erklärungen über einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es zwischen uns noch nicht gekommen ) geht noch immer seinen Gang , und ich schließe aus dem Vergnügen , das ich an seinem Umgang finde , daß ihm der meinige wenigstens eben so angenehm seyn müsse . Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat , glaube ich doch etwas Neues für ihn zu seyn ; und bei aller seiner anscheinenden Beschränktheit , hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere Empfänglichkeit und einen reinern Sinn für alles Menschliche gehabt als er . Wünsche mir Glück , Aristipp ! heute hab ' ich einen ganzen Morgen mit meinem Liebhaber Sokrates auf der Burg von Athen unter vier Augen zugebracht ; denn die ehrliche Haut Simmias von Theben und den feinen wohlerzogenen Kritobul , die ihn begleiteten , rechne ich für nichts , weil sie so bescheiden waren uns fast immer allein zu lassen . Wir besahen alle Merkwürdigkeiten des Orts , der das Sublimste und Schönste , was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben , in keinem größern Raume vereiniget , als gerade nöthig war , um dem Auge alles unter einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen . Mir war als ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal sähe , da ich sie mit Sokrates sah , wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war . Am längsten verweilten wir , wie billig , unter den Propyläen , wo die schönsten Bildsäulen von Phidias , Alkamenes , Myron und Menon uns ein paar Stunden unterhielten . Sokrates , wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer , sprach von diesen Werken mit der verständigen Bescheidenheit eines Mannes der den Meißel seit vierzig Jahren nicht geführt hatte und , seinem eigenen Urtheil nach , nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war . Indessen schien er mir Bemerkungen zu machen , wovon auch ein Meister hätte Vortheil ziehen können . Ich fragte ihn , in welche Rangordnung er die genannten Künstler stelle . Frage lieber dein eigen Gefühl , war seine Antwort . - So ist Phidias der erste . - Unstreitig , erwiederte er . In Phidias findet sich alles , was den großen Künstler macht , beisammen ; er ist , so zu sagen , ein Homer , der statt in Versen , in Marmor und Elfenbein dichtet . Ihm allein scheinen die Götter , die er bildete , wirklich erschienen zu seyn : Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu göttlichen zu veredeln . Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie übrig gelassen . Menon , vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias , ist gegen diese drei - nichts als ein Lehrling . Eine Diane von Myron veranlaßte mich , den Wunsch hören zu lassen , daß ich die Grazien sehen möchte , welche Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte . Sie sind nicht werth von dir gesehen zu werden , versetzte er ; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen ; aber seitdem ich deine Grazien kenne , würde ich die meinigen noch zehnmal steifer und steinerner finden als sonst . - Meine Grazien ? sagte ich verwundert : es sind allerdings drei liebliche Mädchen ; aber doch - » Ich rede nicht von deinen Aufwärterinnen , schöne Anaximandra : ich meine deine eigenen Grazien « - Mache mich nicht stolz , Sokrates ; ich dachte nicht daß du auch schmeicheln könntest . - » Zum Beweise daß ich weder schmeichle noch scherze , will ich mich näher erklären . Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt , die dich aus allen Schönen , die mir jemals vorgekommen sind , auszeichnen , und dir gerade das sind , was der Liebesgöttin die Grazien . Das erste ist ein dir eignes , kaum sichtbares , deinen Mund , deine Augen , dein ganzes Gesicht sanft umfließendes Lächeln , das nie verschwindet , es sey daß du sprichst oder einem andern zuhörst , auch sogar dann nicht , wenn du etwas Mißfälliges siehest oder hörest , zu trauern oder zu zürnen scheinst ; das zweite , eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit im Gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Körpers , die dir , wenn du gehest , etwas Schwebendes , und wenn du in Ruhe bist , das Ansehen gibt , als ob du , ehe man sich ' s versehe , davon fliegen werdest ; eine Leichtigkeit , die niemals weder an sich selbst vergessende Lässigkeit noch an Leichtfertigkeit streift , und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen Würde verbunden ist . « - Eine plötzliche Schamröthe ergoß sich , wie er dieß mit so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte , über mein ganzes Gesicht , bei dem Gedanken , daß ich mit einem so guten und ehrwürdigen Manne am Ende doch nur Komödie spiele . - Gut ; rief er , da haben wir deine dritte Grazie ! diese holde Schamröthe , die Tochter des zartesten Gefühls , die dem Adel deiner Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewußtseyns nichts benimmt , und sich dadurch so wesentlich vom Erröthen der kindischen oder bäurischen Verlegenheit unterscheidet . Ein Bildhauer , der Genie und Kunst genug besäße , dieses Lächeln , diese Leichtigkeit und dieses Erröthen zu verkörpern und in Gestalt dreier lieblicher Nymphen darzustellen , hätte uns die Grazien dargestellt . Gestehe , Aristipp , daß es keine sehr leichte Sache war , in diesem Augenblicke nicht ein wenig aus meiner Rolle zu kommen . Aber Sokrates selbst half mir ohne sein Wissen wieder hinein . Ich sage dir dieß , fuhr er fort , weder um deine Eigenliebe zu kitzeln , noch weil es mir im geringsten schwer gewesen wäre , meine Bemerkungen für mich zu behalten ; sondern , weil ich diese Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen möchte , ohne dir die hohe Bestimmung zu Gemüthe zu führen , um derentwillen die Götter so viel Schönheit und Würde mit so viel Reiz und Anmuth in dir vereiniget haben . Und nun , Freund Aristipp , setzte er sich mit mir unter den großen Oelbaum vor dem Tempel der Athene Polias102 , und begann , mit einer ihm nicht gewöhnlichen Begeisterung , eine lange Rede über - Schönheit und Liebe . Er setzte als etwas , woran ich nicht zweifeln könne , voraus , daß beide ohne Tugend weder zu ihrer Vollkommenheit gelangen , noch von Dauer seyn könnten . Er bewies , indem er die Begriffe in seiner etwas spitzfindigen Manier sonderte und entwickelte , daß das Schöne und Gute im Grund eben dasselbe , und Tugend nichts anders als reine Liebe zu allem Schönen und Guten sey ; eine Liebe , die vermöge ihrer Natur , gleich der Flamme , immer emporstrebe , durch nichts Unvollkommnes befriediget werde , und nur im Genuß des höchsten Schönen , zu welchem sie stufenweis emporsteige , Ruhe finde . - Und was meinst du , daß er mit dem allen wollte ? Nichts geringeres als mich überzeugen , » daß die Natur mich ganz eigentlich zu einer Lehrerin und Priesterin , ja noch mehr , zu einer unmittelbaren Darstellerin des Ideals der Tugend , mit Einem Wort , zur personificirten Tugend selbst bestimmt und ausgerüstet habe ; und daß es also die erste meiner Pflichten sey , die Erreichung dieses hohen Ziels zum großen Geschäfte meines Lebens zu machen . « Es würde mir kaum möglich seyn , nur den zehnten Theil der erhabenen Dinge , die er mir sagte , wieder zusammen zu bringen ; aber des Schlusses seiner Rede erinnere ich mich noch von Wort zu Wort . » Wenn , sagte er , die Tugend sich sichtbar machen könnte , was für eine andere Gestalt als die deinige könnte sie annehmen wollen , um alle Herzen an sich zu ziehen und fest zu halten ? Es hängt bloß von deinem Wollen ab , der Welt zu zeigen daß sie sichtbar werden könne : und wenn Tyche103 dich zur Königin des ganzen Erdkreises erhübe , wie wenig wäre das gegen die Höhe , zu welcher du dich aus eigener Macht , ohne etwas anders als dich selbst vorzustellen , erheben kannst , bloß indem du die Pflicht , die dir deine Schönheit auferlegt , in ihrem Umfang erfüllst . « Du wirst mir gern glauben , Aristipp , daß es mich einige Mühe kostete , die Bewegung zu verbergen , in welche mich diese sonderbare Anrede setzte . Was in seiner Moral überspannt war , that doch die komische Wirkung nicht , die es vielleicht in dem Munde eines andern gethan hätte . Ich fühlte es sehr wohl , aber ich hätte um alles in der Welt nicht darüber scherzen können ; denn ich fühlte zugleich daß etwas Wahres daran war , das sich nicht wegscherzen lassen würde . In diesem Augenblick , glaube ich , eilten mir die Grazien , die er selbst mir zugegeben hatte , alle drei zu Hülfe . Ich legte meine Hand mit einem kaum merklichen Druck auf die seinige , und sagte , indem ich ihm mit ernstem Lächeln erröthend in die Augen sah : der Ort , wo wir sind , und die sichtbare Gegenwart so vieler Götter und Heroen , die uns umgeben , hat dich mächtig ergriffen , ehrwürdiger Sokrates ; du sprichst wie ein Begeisterter und beinahe wie ein Gott . Ich bin nur eine schwache Sterbliche : und doch schwebt auch mir ein hohes Ideal vor , das ich vielleicht nie erreichen werde . Ich hoffe dieses Morgens und aller andern Stunden , die ich in deiner Gesellschaft lebte , nie zu vergessen ; und wenn ich - Zu gutem Glücke zog mich Aristophanes , der auf einmal hinter den Säulen hervorrauschend auf uns zugelaufen kam , aus der Verlegenheit , meine Periode auszuründen . Da wir uns schon öfters gesehen hatten , hielt er sich berechtigt , mich im Ton einer alten Bekanntschaft anzureden , und darüber zu scherzen , daß er mich mit dem weisen Sokrates so allein überrascht hätte . Dieser antwortete ihm mit der gewandtesten Leichtigkeit in eben demselben Ton , und beide bewiesen mir ( da ich ihr wahres Verhältniß kannte ) durch ihr Benehmen gegen einander , daß die Attische Urbanität eine sehr preisliche Bürgertugend ist . Bald darauf gesellten sich noch mehrere Bekannte zu uns , und als sich der Komiker wieder entfernt hatte , sagte Sokrates lächelnd zu mir : an diesem Menschen könntest du gleich dein erstes Meisterstück machen , Anaximandra . - Ich würde schwerlich viel Ehre davon haben , versetzte ich , wenn Sokrates selbst in zwanzig Jahren nichts über ihn vermochte . - Keineswegs , erwiederte er , da du alles hast was mir fehlt . Schönheit , Anmuth und Jugend sind gar mächtige Anlockungen . - Aber ein so schlauer Vogel wie dieser , sagte ich , würde sich die Lockspeise belieben lassen und der Schlinge doch zu entgehen wissen . Wir stiegen nun durch die Propyläen wieder in die Stadt herab , und ich konnte dem Einfall nicht widerstehen , meinen Blumenkranz abzunehmen , und die Bildsäule des großen Mannes damit zu krönen , dessen königlichem Geist Athen ihren hohen Glanz über alle andern Städte in der Welt zu danken hat . So eben erhalte ich von Korinth Nachricht , daß der beschwerlichste meiner Nachsteller den Weg , den ich genommen , entdeckt habe , und morgen in Athen eintreffen werde . Er soll das Nest leer finden . Morgen mit dem frühesten fliege ich nach Korinth zurück . Aber damit sich doch die Athener eine Zeit lang meiner erinnern , muß ich noch etwas thun , das in ihrer Stadt vermuthlich noch nie gesehen worden ist . Ich habe alle Bekannten , die ich hier gemacht , junge und alte , zwanzig bis dreißig an der Zahl , zu einem kleinen Abschiedsfest einladen lassen . Ein halb Duzend Köche sind bereits in voller Arbeit ; denn ich werde meine Gäste mit einem Symposion in Korinthischer und Cyrenischer Manier bewirthen . Alle Götter der Freude sollen von der Partie seyn ; ich lasse die berühmtesten Citherspielerinnen und Auletriden104 dazu bestellen , und deine Grazien sollen alle ihre Talente in Gesang , Tanz und Mimik den Augen und Ohren der entzückten Cekropier Preis geben . Du siehst es will sich nicht anders schicken , als daß die edle Anaximandra von Cyrene , die mit dem Pracht und Vergnügen liebenden Aristipp verwandt zu seyn die Ehre hat , den Athenern ihre Dankbarkeit für die gute Aufnahme , die sie bei ihnen fand , auf eine seiner würdige Art beweise ; und muß ich nicht meinem erhabnen Liebhaber zeigen , daß seine Lehren und Ermahnungen auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen sind ? Denke ja nicht , daß ich seiner dadurch spotten wolle . Die Grazien haben auch ihre Philosophie , und er soll sehen , daß sie sich mit der seinigen , wenn sie anders nicht gar zu störrisch ist , ganz gut verträgt . Ob ich auch deinen sauertöpfischen Antisthenes zu der freundlichen Tugend bekehren werde , die , um die Herzen zu gewinnen , die Gestalt der Freude annimmt ? Wir wollen sehen . Ich melde dir von Eleusis aus , daß alles recht gut abgelaufen ist . Meine Gäste schienen von mir und meinem Gastmahl und den Talenten meiner Grazien bezaubert . Sogar die finstere Stirne des strengen Antisthenes entrunzelte sich . Den Sokrates allein glaubte ich bald ernsthafter bald ironischer zu sehen als gewöhnlich , und man hätte zuweilen denken sollen , er sey von der Polizei bestellt mich zu beobachten , so scharfe Seitenblicke heftete er von Zeit zu Zeit auf mich . Aber Anaximandra machte es wie Hippokleides105 und ließ sich ' s nicht kümmern ; oder vielmehr , sie begegnete ihm mit der zärtlichen Aufmerksamkeit einer guten Tochter , und schien nichts an ihm zu sehen , was ihre fröhliche Stimmung hätte unterbrechen können . Das Fest dauerte ziemlich weit in die Nacht , und Sokrates war einer der letzten , die sich zurückzogen . Nachdem die Gesellschaft sich in einzelne Gruppen getheilt hatte , und während die meisten den Spielen und Tänzen zusahen , fanden wir uns wie durch Zufall in einer Ecke des Saals allein . Ich lenkte das Gespräch mit guter Art auf dich , und bat ihn , mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke . Aristipp , antwortete er , ist ein junger Mann von vorzüglichen Anlagen ; als ein Liebhaber des Schönen möchte er auch wohl die Tugend lieben , wenn sie nur keine Opfer forderte . Seine Sinnesart ist edel ; aber was ihm immer gefährlich seyn wird , ist sein Hang zu einem freien Leben und zur Sinnenlust . Ich . Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt . Sollte er die Gelegenheit , weiser bei dir zu werden , so wenig benutzt haben , daß er sich erst zu Athen verschlimmert hätte ? Sokrates . Auch ich habe ihn nie über die Gränzlinien des Wohlanständigen hinausschweifen sehen , und über einen gewissen Punkt beschämt seine Unsträflichkeit unsre meisten Jünglinge . Aber sein letzter Aufenthalt zu Aegina machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nöthig war . Ich . Wie so ? Hat man dir vielleicht von seiner Anhänglichkeit an eine gewisse Lais von Korinth gesprochen ? Sokrates . Ich höre wenig auf Gerüchte . Sie soll außerordentlich schön , geistvoll und liebenswürdig seyn ; und eben darum halte ich sie bei der freien Denkart , wovon sie Profession macht , für eine sehr gefährliche Zaubrerin . Ich . Sokrates , du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal , und sie könnte sich nicht verzeihen dich länger zu täuschen . Ich selbst bin diese Lais , die du unter einem andern Namen liebenswürdig gefunden hast , und die dir in diesem Augenblick des Scheidens gesteht , daß sie dich allen Männern vorzieht , die sie jemals gesehen hat . Sokrates . Deine Aufrichtigkeit , schöne Lais , ist der Erwiederung werth : du sagst mir nichts Neues ; schon diesen Morgen wußte ich wer du warst . Du glaubtest ich schwärme ; jetzt begreifst du , daß ich bei ruhigem Muthe war . Lebe wohl , und erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias ! - Ich konnte mich nicht erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bücken , und so wahr mir Urania gnädig sey , eine Thräne , glaube ich , fiel auf sie herab . Er drückte die meinige und entfernte sich . 26. Aristipp an Lais . Es war der allesvermögenden Lais Anaximandra vorbehalten , uns an Sokrates eine Seite zu zeigen , die ohne sie entweder gar niemals , oder wenigstens in keinem so schönen Lichte , sichtbar geworden wäre . Die ganze Art seines Benehmens gegen dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwürdig ; und besonders am letzten Tage ist er so ganz Sokrates , so ganz , was nur er allein seyn kann , der seltenste , oder soll ich sagen seltsamste , Hermaphrodit von Vernunft und Schwärmerei , den die menschliche Natur vielleicht jemals hervorgebracht hat ! Wirklich glaube ich , daß du dir nicht zu viel schmeichelst , wenn du ihn ( wiewohl nur im Scherz ) unter deine Liebhaber