werden . Das Ganze beständig an jene Karlsbader Etuis erinnernd , die in zwei zusammenpassenden Nußschalen eine Schere , einen Fingerhut , einen Bindlochstecher und eine Nadelbüchse enthalten , während man doch annehmen sollte , daß der Fingerhut allein schon ausreichen müßte , das Etui zu füllen . Nach dem Frühstück , dem namentlich unser Supercargo durch allerhand kulinarische Aperçus eine höhere Weihe zu geben wußte , stiegen wir auf Deck , und hatten nun die Wald- und Wasserlandschaft , die wir , während der letzten Stunde , nur in Ausschnitten kennengelernt hatten , in ihrer Totalität vor uns . Ein klarer , lichter Tag ; blauer Himmel und Sonne , und doch ein feiner grauer Nebelschleier , der , über Wasser und Landschaft liegend , alles milderte und dämpfte . An den Ufern hin – ein seltener Anblick im norddeutschen Flachland – standen hochaufgeschichtete Holzmeiler , bestimmt , zu Kohle verbrannt zu werden . Wie mir versichert wurde , eine Folge des Raupenfraßes , der nur noch diese Verwendung der geschädigten Kiefernwaldungen gestattet , oder sie doch als die vorteilhafteste erscheinen läßt . Zwischen den Holzmeilern , und auf eine weite Strecke hin mit ihnen abwechselnd , erhoben sich die Kolossalbauten der Berliner Eiswerke , die , halb wie Riesenschuppen einer Fabrikanlage , halb wie die Gradierwände einer Saline dreinschauten . Zu meiner Überraschung erfuhr ich , daß auch zu Zeiten Feuer in ihnen ausbricht . Eingesprenkelt in diese Meiler und Eiswerke , die auf weithin die Ufer beherrschen und ihnen den Charakter geben , präsentierten sich auch Villenanlagen , die in allen erdenklichen Spielarten , namentlich im italienischen und englischen Kastellstil , zu uns sprachen . Dicke und schlanke Flachtürme , mit Pfeilern , Sims und Balustrade . Alles in allem ein wunderbarer Anblick , der , nach mehr als einer Seite hin , zu denken gibt . Geflissentlich an den unübertroffenen Vorbildern Schinkels und seiner Schule vorübergehend , wie sie die Villenstraßen des Tiergartens aufweisen , gefällt sich der Bourgeois unserer östlichen Stadtreviere darin , seinen » Donjon « , und , wenn es sein kann , selbst seinen » Belfroi « zu haben . Und dieser Schiefheit des Gedankens entspricht die Ausführung , die er erfährt . Eine geschäftsbefreundete » Firma « , die ein Ignorieren nicht wohl gestattet , empfängt den Bau in Entreprise , und tot und steif werden nun die Rund-und Spitzbögen aus dem Nürnberger Spielkasten genommen . Eben wieder lag ein reichgegliederter » Tudorturm « , dessen hochaufgehißtes Banner allem Stolz von York und Lancaster zu trotzen schien , glücklich hinter uns , als die Wasserfläche des Langen Sees sich verbreiterte , und unseren Architektur-Unmut , soweit er überhaupt an Bord unseres Schiffes geteilt wurde , in dem Imposanten des landschaftlichen Bildes untergehen ließ . Wir waren in das eigentliche Regattaterrain eingefahren und befanden uns in Nähe jener haffartigen Stelle , wo sich , angesichts der Schmöckwitzer Brücke , vier über Kreuz gestellte Seeflächen : der Lange See , der Seddinsee , die Krampe und der Zeuthenersee , ein Rendezvous geben . Der Nordwester wuchs , rascher ging die Fahrt , feuchter und erquicklicher wurde die Luft . Das Bild nahm uns gefangen : wir waren begierig , es von einer Hochstellung aus besser überblicken zu können . Eine Strickleiter war nicht da , die wir hätten erklettern können ; so festigten wir , rechts und links , ein Klammer- und Hakenbrett an die zwischen Mast und Wanten straffgespannten Schrägtaue , und nahmen auf diesen Brettern hüben und drüben unseren Stand . Kapitän Backhusen , den Tubus in der Hand , gab nicht nur die Orders , sondern auch die Informationen . » Das ist die Krampenbude , das ist Philippshütte , das ist der Schmöckwitzer Turm ; hier in Front aber , wo Sie die Rohrinsel schwimmen sehen , das ist › Robins-Eiland ‹ , wo unser Flaggenschiff an den Regattatagen zu liegen pflegt . Dahinter steigt der Müggelsheimer Forst an , und wo er sich wieder senkt , das ist Kahniswall . « » Kahniswall ? « fragte ich einigermaßen überrascht . » Gewiß , Kahniswall . Kennen Sie es ? Eine Kolonistenanlage ; früher ein Fischerhaus . « » Ja , dann kenn ' ich es . Nicht von Ansehn , aber aus einer Erzählung . Und Robins-Eiland , das dort im Rohrgehege mit den drei Pappelweiden schwimmt , muß dann just die Insel sein , wo meine Robinsonade spielt . « Wir steigen wieder auf Deck , und die Aufforderung erging an mich zu erzählen , wobei es nicht an Zweifeln und scherzhaften Vorwürfen fehlte , ihnen , » den Halbautochthonen dieser Gegenden « , etwas Neues über die nördliche Wendei verraten zu wollen . » Wir wissen hier Bescheid , wie in unserer eigenen Tasche ; wir könnten Zivilstandsregister führen und Chroniken schreiben , und nun kommen Sie , um uns auf unserem eigenen Terrain eine Niederlage zu bereiten . Kahniswall , eine Robinsonade ; was ist es damit ? « » Ich habe vor Jahren , als ich Geschichten aus dem Teltow sammelte , durch Güte eines Freundes davon erfahren . Es war eine briefliche Mitteilung und trug die Überschrift : › Der Fischer von Kahniswall . ‹ « » Nun so lassen Sie hören . « » Gut denn . « Der Fischer von Kahniswall Der Fischer von Kahniswall » Fischer Kahnis hielt eine Fähre , da , wo der Rahnsdorfer Spreearm in den Seddinsee eintritt . Das Häuschen , das er bewohnte , war des sumpfigen Untergrundes halber von ihm selber auf einem eigens hergerichteten Damm oder Wall aufgeführt worden , und weil alles damals noch ohne feste Bezeichnung war , erhielt diese Wallstrecke , wo sein Häuschen stand , den Namen Kahniswall . Die Kolonisten von Gosen und Neu-Zittau , seine nächsten Nachbarn , vergaßen über diesen Ortsnamen sehr bald den Namen dessen , der Wall und Häuschen erst geschaffen hatte , und nannten ihn , nach seiner Schöpfung , den › Fischer von Kahniswall ‹ . Diese Bezeichnung verblieb ihm auch sein lebelang , trotzdem er , bei jungen Jahren schon , die nach ihm benannte Heimstätte verließ . In der Geschichte jedoch , die Sie nun hören sollen , werd ' ich ihn , der Kürze halber , einfach bei seinem Namen nennen . Kahnis hatte eine junge Frau , eine Kossätentochter aus Schmöckwitz , die sehr blond und sehr hübsch war , viel hübscher als man nach ihrem Geburtsort hätte schließen sollen . Er war , bei Beginn unserer Erzählung , drei Jahre mit ihr verheiratet und hatte zwei Kinder , Krausköpfe , die er über die Maßen liebte . Seine Hanne aber liebte er noch viel mehr . Hatte sie doch , allem Dreinreden unerachtet , aus bloßer Neigung zu ihm – er war ein stattlicher Spreewende – eine Art Mesalliance geschlossen . So kam der Oktober 1806 . Eh ' der Unglücksmonat zu Ende war , waren die Schelmen-Franzosen in Berlin , und drei Tage später auch in Köpenick . Hier sah sie nun unser Kahnis . Es waren Kürassiere von der Division Nansouty . Als er hörte , daß ein paar Schwadronen auch auf die umliegenden Dörfer gelegt werden sollten , überkam ihn ein eigentümlich schreckhaftes Gefühl , eine Eifersuchtsahnung , ein Etwas , das er bis dahin nicht gekannt hatte . Wer wollt ' es ihm verargen ? Er war gerade gescheit genug , um zu wissen , daß die Weiber , in ihrer ewigen Neugier , das Fremde und Aparte lieben , und so sehr er seiner Hanne unter gewöhnlichen Verhältnissen traute , so wenig glaubte er ihrer sicher zu sein , wenn es sich um einen Wettstreit mit den Nansoutyschen Kürassieren handelte , die alle sechs Fuß maßen und einen drei Fuß langen Roßschweif am Helme hatten . Ich muß sagen , daß er sich hierin , wie in vielen anderen Stücken , als ein einfacher , aber sehr verständiger Mann bewies . « Kapitän Backhusen nickte zustimmend . » Kahnis sann also nach , wie er der Gefahr entgehen könne , überschlief es und sagte dann anderen Tages früh : › Hanne komm ' ; ich mag die Kerls nicht sehen . Sie haben keinen Herrgott und stehlen Kinder . Hier an der Straße sind wir nicht sicher vor ihnen . Ich weiß aber einen guten Platz , wo sie uns nicht finden sollen . Ewig wird es ja nicht dauern . ‹ Daß er aus eifersüchtiger Furcht seinen Vorschlag machte , davon schwieg er . Er verfuhr wie immer die Ehemänner in ihrer Bedrängnis und tat alles › um der Kinder willen ‹ . Hanne war eine gute Frau und zärtliche Mutter ; zudem hielt ihre Erkenntnis gerade die Höhe von Schmöckwitz . Sie gab also unserem Kahnis einen herzhaften Kuß , zum Zeichen , daß sie mit allem einverstanden sei . Und das ist immer das Beste , was Frauen tun können . « Kapitän Backhusen nickte abermals zustimmend . » Gesagt , getan . Viel Zeit war ohnehin nicht zu verlieren . Unsere Fährleute gingen rasch ans Werk , und das Einschiffen ihrer Habseligkeiten begann . Das große Fährboot hatte ja Platz vollauf . Betten und Wiege , die Bibel und die Kuckucksuhr , die Kinder und die Ziege wurden geladen , und ehe die Sonne unter war , fuhren alle Insassen von Kahniswall , nichts weiter als die kahlen Wände zurücklassend , nach der Insel im Seddinsee hinüber . Da der Seddinsee nur eine Insel hat , so muß es Robins-Eiland gewesen sein . Hier bezogen sie zunächst ein Camp , in dessen Mitte Kahnis aus Balken und Bohlen eine Wohnstätte zusammennagelte , die halb Blockhaus , halb Bretterhütte war . Der Winter setzte alsbald hart ein ; aber wer wie Kahnis drei Jahre lang von dem Fährpfennig der Gosener Kolonisten und dem Marktertrage seines Fischkastens gelebt hatte , der war eben nicht verwöhnt . Zudem verstand er sich darauf , den Unbilden der Witterung zu begegnen . Schilf , das er in dichten Bündeln auf sein Block- und Bretterhaus packte , dazu ein darüber gebreitetes altes Segeltuch , gaben Schutz gegen Regen und Kälte ; eine Feuerstelle war bald aufgemauert und lange bevor die Ostersonne im Seddinsee sich spiegelte , fand Kahnis , daß die alte Kuckucks-Wanduhr auf der Insel gerade so gut schlüge , wie daheim auf Kahniswall . Die Ziege gab Milch ; an Fischen und Sumpfvögeln war Überfluß , und als die Brutzeit herankam , lagen die Enten- und Kiebitzeier zu vielen Hunderten rings um die Insel her . Allsonnabendlich brachte er seine Fische nach Köpenick , kaufte Wochenbrot , und beobachtete das politische Wetterglas , vor allem die Köpenicker und ihre Einquartierung . Was er da sah und hörte , machte ihn nur fester in seinem Entschluß , das Kriegswetter erst vorüberziehen zu lassen ; das Franzosenzeug war gerade so , wie er es sich gedacht hatte , aber das Weiberzeug war viel schlimmer . Er beglückwünschte sich deshalb zu seiner Inseleinsamkeit , und fuhr jedesmal fröhlich wieder heim . Im Spätsommer Anno acht hieß es : › Jetzt ziehen sie ab ‹ . Kahnis aber schüttelte den Kopf und sagte : › Sie sind noch da ; und wenn sie nicht mehr da sind , so kommen sie wieder ; Hanne , wir wollen bleiben , wo wir sind . ‹ Und darin war unser Robinson auf Robins-Eiland klüger als mancher Allerklügste . Denn sie kamen wirklich wieder . Kahnis freilich , als er so sprach , hatte nicht seine Klugheit , sondern nur seine Neigung befragt . Das Wahre von der Sache war : er wollte nicht mehr fort . Aus dem Schlupfwinkel , den er zwei Jahre früher als ein Flüchtling betreten und zunächst nur wie einen Lagerplatz eingerichtet hatte , war längst ein ansehnliches Gehöft mit Stube und Stall , mit Kammer und Keller geworden , das nicht mehr inmitten einer schilfbewachsenen Insel , sondern im Zentrum eines von Garten- und Ackerstreifen durchzogenen und von einem Schilfgürtel nur eben noch eingefaßten Wiesenrondells lag . Hier gruben und pflanzten Mann und Frau wie die ersten Menschen , und als endlich , nach zweimaliger Entscheidung , nach Leipzig und Waterloo , wirklich der große Friede kam , und Kahnis nun ehrenhalber sagen mußte : › Hanne , jetzt ist es Zeit ‹ , da senkte diese den Kopf und erklärte , daß sie bleiben wolle . Das war es , was er zu hören gewünscht hatte . Nun gestand er ihr auch , daß er nicht aus allgemeiner Franzosenfurcht , sondern aus ganz besonderer eifersüchtiger Sorge vor den Nansoutyschen Kürassieren auf die Insel gezogen sei . Hanne machte kein Aufhebens von diesem Geständnis . Sie nahm nur das Schmeichelhafte heraus und entschlug sich aller tugendlichen Empfindsamkeit . Viel Nachdenken war überhaupt nicht ihre Sache . So gingen die Jahre . Die Kinder wuchsen heran , verließen Haus und Insel ; endlich starb auch die Frau . Kahnis stellte den Sarg auf sein bestes Boot und fuhr quer über den See , um der Toten auf dem Schmöckwitzer Kirchhof ein christliches Begräbnis zu geben . Denn in Lutheri Catechismo von Jugend auf fest , war er , der seit langen Jahren mehr mit Gott als mit den Menschen gelebt hatte , in seinem Glauben immer lebendiger geworden . Am Ufer warteten die Träger , Schmöckwitzer Kossäten . Als sie den Sarg niederließen , da , zum ersten Male , kam ein Schwanken in sein Herz , und er erschrak , wenn er an die Öde von Robins-Eiland dachte ; denn er war nun ganz allein . Aber die Anhänglichkeit an den Boden , den er sich errungen hatte , siegte auch diesmal , und guten Mutes kehrte er in seine Einsamkeit zurück . Die Insel war seine Welt geworden . Sein Leben blieb dasselbe : allwöchentlich fuhr er zu Markt und bot seine Fische feil , wie er es vierzig Jahre lang getan hatte . Er war wohl gelitten in Köpenick ; sie kannten ihn alle ; und nur zu Zeiten blieb er aus . Dann lebte er mit den Köpenickern in Fehde . Oft um kleiner Dinge willen , aber auch um großer . 1848 ließ er sich ein halbes Jahr lang nicht sehen und kam erst wieder , als › Vater Wrangel ‹ , dessen Bild er damals mit einer breiten Goldborte an die Stubentür klebte , seinen siegreichen Einzug gehalten hatte . Die Köpenicker , als sie ihn wiedersahen , vergaßen allen politischen Hader und sagten nur : › Alte Leute sind wunderlich . ‹ Meine Geschichte geht zu Ende . – Es war am ersten Sonnabend des Monats Oktober 1850 . Kahnis blieb aus . Die Köpenicker rechneten nach , worin sie ' s wohl wieder versehen haben könnten , konnten aber nichts finden . Daß Kahnis einmal eines von ihm und seiner Laune ganz unabhängigen Zwischenfalles halber fehlen könne , das fiel niemanden ein . Darin waren die Schmöckwitzer klüger . Diese , als er Tages darauf in ihrer Kirche fehlte , wußten , was geschehen war . Sie fuhren hinüber und fanden ihn neben der Schwelle seiner Tür , auf einem Bündel Schilf sitzend , das er sich seit lange , als seine Altersbank , zurechtgelegt hatte . Es war ersichtlich , daß er , die warme Herbstsonne suchend , an dieser Stelle eingeschlafen war , um nicht wieder zu erwachen . Die Verwandtschaft der Frau richtete ihm ein groß Begräbnis her ; der Schmöckwitzer Küster schrieb an die beiden Söhne , die mit sieben Enkeln und anderthalbhandbreitem Krepp um den Hut , von Berlin und Rathenow herüberkamen , die ganze Köpenicker Fischerzunft aber , die , schon zwei Stunden vor Beginn der Feierlichkeit , bei der Insel angefahren war , folgte jetzt in dreißig Booten nach Schmöckwitz hinüber . Der Prediger , der den alten Mann sehr geliebt , und seiner Gemeinde als das Bild eines schlichten und frommen Christen oft empfohlen hatte , sprach über das Schriftwort : › Ei Du frommer und getreuer Knecht , Du bist über wenigem getreu gewesen , ich will Dich über viel setzen ; gehe ein zu Deines Herren Freude . ‹ Und denselben Spruch hat auch der Schmöckwitzer Tischler auf das Grabkreuz unseres Freundes geschrieben . « * » Dies Grab müssen wir besuchen , « rief jetzt Kapitän Backhusen mit Emphase ; » das ist mein Mann ; allein sein , nichts von der Welt wollen ! « Und Leutnant Apitz und unser Supercargo , trotzdem sie als Typen ausgesprochenster Gesellschaftsneigung gelten konnten , stimmten begeistert bei . Denn mit Nachdruck ausgesprochene Sätze sind ihres Einflusses immer sicher . Wir waren inzwischen bis in unmittelbare Nähe der Schmöckwitzer Brücke gekommen . Kapitän Backhusen gab ein Zeichen mit Horn und Sprachrohr , und gleich darauf , während die halbe Dorfjugend hinzudrängte , hob sich eine der Brückenklappen und gestattete uns , unter Salut und Zoll , die Einfahrt aus dem Seddinsee in den Zeuthenersee zu machen . Unsere erste Station war erreicht : Schmöckwitz . Die » Sphinx « legte an , wir stiegen ans Ufer , um auf eine halbe Stunde wieder terra firma unter den Füßen zu haben . Schmöckwitz , eine Art Kapitale dieser Gegenden , wirkt doch ganz nur wie ein Dünendorf an der Ostseeküste . Öd und ärmlich . Hinter Sandhügeln versteckt , in tiefen Löchern und Einschnitten liegen einzelne Häusergruppen , während sich alte und junge Kiefern , oft mehr waagrecht als aufrecht stehend , an den sandigen mit Strandhafer überwachsenen Abhängen entlang ziehen . Inmitten des Ganzen die Kirche , ein trister Bau , aus dem Anfang dieses oder vielleicht des vorigen Jahrhunderts . So wenig einladend nun das Äußere derselben war , so drang ich doch nach vielfacher auch auf diesem Gebiete gemachter Erfahrung , die jedes Vorwegurteil verpönt , auf Besuch des Innern . Denn die trivialste märkische Dorfkirche kann immer noch das Rührendste und die häßlichste immer noch das Schönste verbergen . Hier freilich war ein solcher Ausnahmefall nicht gegeben . An weißgestrichenen Wänden hingen die üblichen Gedächtnistafeln ; unter der Kanzel stand ein bestaubter Altar , beiden gegenüber aber , dicht gedrückt unter der Decke hin , blinkten die dünnen Röhren eines Harmoniums , dieses verkümmerten Enkelkindes der Orgel . In der Mitte der Kirche paradierte ein Kronleuchter , zum Andenken an die Jahre 13 , 14 und 15 gestiftet . Er zeigte die Form einer Kosakenmütze und war mit einem in Blech geschnittenen Eisernen Kreuz geschmückt . Derselben Zeit gehörte auch eine Landsturmfahne an , die auf ihrem roten Flanellappen einen schwarzen Adler und die Bezeichnung : » 1. Division , 1. Brigade « trug . Was hier so niederdrückend wirkte , war die melancholische Abwesenheit alles Freien und Selbständigen ; die Armut kann poetisch sein , die Armseligkeit nie . Wir traten auf den Kirchhof hinaus , dessen Gräber , wie die Häuser des Dorfes , gruppenweise versteckt in den Senkungen des Hügels lagen . Nur hier und dort ein Busch , ein Blumenbeet . Um den Eindruck zu bannen , den das Innere der Kirche auf uns gemacht hatte , forschten wir nach Kahnis ' Grab , freilich zunächst umsonst . Der Küster , der erst wenige Monate im Dorfe war , hatte den Namen nie gehört , zeigte sich indessen beflissen , in seiner Schulklasse zu fragen . Als er wieder zu uns trat , war er in Begleitung eines halbwachsenen Mädchens , dessen flachsblonde Zöpfe zu einer dichten Krone zusammengelegt waren . Sie begrüßte uns unbefangen , schritt auf einen abseits gelegenen , halbverwilderten Fliederbusch zu und sagte dann , indem sie die Zweige auseinanderbog : » Das ist Kahnis ' Grab . « Auf einem eingefallenen Hügel , der mehr mit Moos als mit Gras überwachsen war , lag ein halbumgestürztes Kreuz ; die Inschrift war längst vom Regen abgewaschen . Als wir neugierig fragten , » woher sie die Stelle so gut kenne « , zeigte sie , statt jeder anderen Antwort , auf ein Hänflingsnest , das sich in dem Gezweig versteckte . Die beiden Alten flogen auf , umkreisten aber die Stätte . Kapitän Backhusen , als er des geängstigten Pärchens ansichtig wurde , lüpfte den Hut und sagte dann : » Das sind wir dem Andenken Kahnis ' schuldig , den Frieden dieses glücklichen Haushaltes nicht länger zu stören . « Und damit traten wir unseren Rückzug an . Eine Viertelstunde später waren wir wieder an Bord der » Sphinx « und fuhren nun , unseren Kurs wechselnd , auf die Südspitze des Zeuthenersees zu . Auch hier noch ist der Segelklub zu Haus , dessen anwesende Mitglieder nicht ermangelten , mir » Hankels Ablage « , » Haches Gruß « , den » Gingang-Berg « und ähnlich wunderlich benannte Punkte vorzustellen . Aber der Zeuthenersee ist doch schon Vorterrain ; die Villen hören auf , der Einfluß der Hauptstadt schwindet und die eigentliche » Wendei « beginnt . Die Ufer still und einförmig . Nur dann und wann ein Gehöft , das sein Strohdach unter Eichen versteckt ; dahinter ein Birkicht , ein zweites und drittes , kulissenartig in die Landschaft gestellt . Am Horizonte der schwarze Strich eines Kiefernwaldes . Sonst nichts als Rohr und Wiese und ein schmaler Gerstenstreifen dazwischen ; ein Habichtpaar in Lüften , das im Spiel sich jagt ; von Zeit zu Zeit ein Angler , der von seinem Boot oder einem halbverfallenen Steg aus die Schnur ins Wasser wirft . Wenig Menschen , noch weniger Geschichte . Selbst der Feind mied diese Stelle . Darum fehlen hier auch die Schlachtfelder auf viele Meilen hin . In einer alten Chronik heißt es : » Der Dreißigjährige Krieg kam nicht hierher , weil ihm die Gegend zu arm und abgelegen war . « Er wußte wohl , was er tat . Wie ein Feuer ohne Nahrung , wär ' er in diesem See- und Spreegebiet erloschen . Der Grundzug der Wendei , wenigstens an dieser Stelle , ist Trauer und Einsamkeit . Um Mittag hatten wir die Südspitze des Zeuthenersees erreicht ; von fern her blickte der Königs-Wusterhausener Turm zu uns herüber . Dann fuhren wir in die Neumühler-Schmalung ein , die den Zeuthenersee mit dem Krüpelsee verbindet , endlich aus dieser Schmalung in den Krüpelsee selbst . Die Landschaftsbilder blieben dieselben und wechselten erst , als wir , bei Dorf Cablow , aus der bis dahin befahrenen Seenkette der wendischen Spree in diese selbst gelangten . Nicht viel breiter als ein Torfgraben , zieht sie hier die Grenze zwischen dem Teltowschen und dem Beskow-Storkowschen Kreis , bis sie , nach einer Wegstrecke von kaum einer Meile , bei dem Dorfe Gussow abermals zu einem See sich breitet , dem Dolgensee . Unsere Fahrt verlangsamte sich jetzt , da mittlerweile beinahe völlige Windstille eingetreten war ; erst eine bei Sonnenuntergang aufspringende Brise führte uns glücklich über den See bis Dolgenbrod . Es war völlig dunkel geworden , und nur der Schein weniger Lichter bezeichnete die Stelle , wo , hinter Bäumen und Rohrgehegen , das Dorf zu suchen sei . Wir selber warfen Anker inmitten dreier Torfkähne , die schon vor uns an diesem Platz ein Unterkommen gesucht hatten . Zugleich wurde die Sturmlaterne ausgehängt . Als ich mein Befremden über diese Vorsichtsmaßregel ausdrückte , zeigte Kapitän Backhusen auf eine dunkle sternlose Stelle am Horizont , die ihm Sturm zu bedeuten schien , zum zweiten aber auf die Torfkähne , zwischen denen wir allerdings wie eingeklemmt lagen . » Zieht ein Wetter herauf und diese drei großen › Christophs ‹ reißen sich los , so werden wir zerquetscht wie ein Polarschiff im Eismeer . Die Laterne tut nicht alles , aber viel . Zum mindesten zeigt sie uns die Stelle , wo wir untergehen . « Um diesen Trost reicher , suchten wir unser Lager . Müde von des Tages Last und Hitze , schliefen wir unbekümmert ein . Von Dolgenbrod bis Teupitz Von Dolgenbrod bis Teupitz ( Zweiter Reisetag ) Mit dem Frühesten war ich auf , zwischen drei und vier ; die Sonne kündigte sich erst durch einzelne Strahlen an , die von Zeit zu Zeit am Horizonte aufschossen . Aber so früh ich war , so war ich doch nicht der Früheste . Leutnant Apitz war mir zuvorgekommen und hatte , da er die Angelpassion mit der Segelpassion glücklich zu vereinigen wußte , seine Schnur seit länger als einer halben Stunde ausgeworfen . Mit ihm Mudy . Ein guter Frühfang hatte ihre Anstrengungen belohnt . In einer neben ihnen stehenden Wanne zappelte es bereits von Schlei und Hecht , von Giesen und Karauschen , die für unser Mittagsmahl einen vorzüglichen zweiten Gang in Aussicht stellten . Es war ein erquicklicher Morgen ; in dem fallenden Tau gab sich die Natur wie gebadet . Ein Flachboot strich hart an uns vorüber , in dem ein junger Dolgenbroder , mit angehängtem Fischkasten , stromabwärts fuhr . Er sah ziemlich spöttisch zu unserer Angelrute auf und grüßte . Leutnant Apitz aber war nicht der Mann , sich verwirren zu lassen . » Eingeborner Wende , was gelten die Fische ? « Der Angeredete nannte eine beliebige Summe . » Da lasse ich sie billiger und gebe noch eine Bleiflinke zu . « Damit griff Apitz in die Wanne und warf ihm die angekündigte Flinke ins Boot . In diesem Augenblicke stieg der Glutball der Sonne auf und durchleuchtete die dünnen Nebel . Wir sahen nun erst , wo wir waren . Am Wasser hin zog sich eine schmale Wiese , von Huflattich eingefaßt , der hier und dort in grotesken Blattbildungen kleine vorspringende Inseln schuf . Hinter dem Wiesenstreifen , immer den Windungen des Flusses folgend , stand eine Reihe von Häusern , jedes einzelne durch ein blühendes Mohnfeld von dem Nachbarhause geschieden . Die Bewohner schliefen noch oder hantierten in Küche und Kammer ; nur ein paar Blondköpfe waren aus dem Bett in den Garten gesprungen und spielten in ihren roten Friesröcken unter dem weißen Mohn umher . Im Rücken der Häuser stieg das Erdreich an , fast einen Damm bildend , auf dessen Höhe der Hanf in dichten Stauden stand . Hinter dem Damm aber lief die Dorfstraße , wenigstens klang von dort her ein leises Läuten herüber . Ich glaubte die Herde zu sehen , trotzdem sie meinem Auge verborgen war . Einsamkeit auch hier . Aber wenn sie am Tage vorher , an den Ufern des Zeuthenersees , wie ein wendisches Volkslied elegisch geklungen hatte , so klang sie hier wie ein Idyll aus alten Zeiten und schuf dem Herzen ein süßes Glück , wo jene nur ein süßes Weh geschaffen hatte . Ich wurde des stillen Lebens , das aus diesen Bildern zu mir sprach , nicht müde . Immer neues erschloß sich mir , das mein Herz bewegte . In Front jedes Hauses stand ein uralter Birnbaum , in der einen Hälfte abgestorben , aber in der andern noch frisch und mit Früchten überdeckt . In dem hohlen Hauptast bauten die Bienen , an dem Stamm lehnte die Sense , zwischen den Zweigen hing das Netz ; und in dieser Dreiheit lag ersichtlich das Dasein dieser einfachen Menschen beschlossen . Das Sammeln des Honigs , das Mähen der Wiese , das Fischen im Fluß , in so engem Kreislauf vollendete sich tagtäglich ihre Welt . Und so war es immer an dieser Stelle . Wie die Menschen hier , in Pfahlbauzeiten , im Gezweige gewohnt hatten , so wohnten sie jetzt unter dem Gezweig ; aber in ihm oder unter ihm , sie blieben wie die Vögel , die Nester bauen . Und in diesem Berührtwerden von etwas Unwandelbarem , in der Wahrnehmung von dem ewigen Eingereihtsein des Menschen in den Haushalt der Natur , liegt der Zauber dieser Einsamkeitsdörfer . Schon vor sechs Uhr war die » Sphinx « unter Segel . Aber der Wind ließ bald nach , so daß wir froh waren , inmitten einer eben zu passierenden Schmalung die großen Stoßruder benutzen zu können . Wir schoben uns nur noch von der Stelle . Dies dauerte Stunden . Erst bei Prierosbrück machte sich der Wind wieder auf und trieb uns nun in die » Schmölte « hinein , einen buchtenreichen , durch Schiebungen und Waldkulissen ausgezeichneten See , der , zugleich mit dem ihm anliegenden Duberow-Forst ( gemeinhin kurz » die Duberow « geheißen ) den inneren Zirkel der Wusterhausener Herrschaft , dieses großen , an die dreizehn Quadratmeilen umfassenden , und namentlich während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. aus adligen Gütern der Schlieben , Oppen und Schenken von Teupitz zusammengekauften Jagdreviers bildet . Mit der Einfahrt in die » Schmölte « waren wir , um es zu wiederholen , in den » inneren Zirkel « dieses Revieres eingetreten . Eine ausgestellte Schildwacht , wie sie nicht charakteristischer sein konnte , ließ uns keinen Zweifel darüber . Inmitten des Sees , auf einer wenig überspülten Sandbank , stand ein großer , ziemlich fremdartig dreinschauender Grauvogel , und salutierte auf seine Weise durch eingezogenen Hals und Fuß . Wir erwiderten seinen Gruß , das Geringste , was wir tun konnten ; denn wir waren im selben Augenblicke , wo wir ihn in seiner Schildwachtstellung passierten , zu einem fremden Volke gekommen , zu dem Volke der Reiher , das in der » Schmölte « seinen Fang und in der » Duberow « seine Nester hat . Der ganze innere Zirkel der Wusterhausener Herrschaft , eine große Reiherherrschaft ! Diese kennenzulernen , war seit lange mein Wunsch . In einer Bucht , die von zwei bastionsartig vorspringenden Waldstücken gebildet wird , gingen wir vor Anker . Ein Besuch des nahegelegenen Reiherhorstes entsprach unserem Programm . Nur der einzuschlagende Weg , den Leutnant Apitz » quer durch « genommen wissen wollte , führte zu einer lebhaften Debatte . Während diese noch schwankt , erzähl ' ich dem Leser von alten und neuen Reiherjagden , wie