Terschka , zu Bonaventura ' s Schmerz kein Priester , sondern ein Laie , sollte jetzt sagen , wie weit seine Aufträge gingen ... Der Provinzial schien eine völlig neutrale Rolle zu spielen ... Terschka drückte eine der Federspalten , die er auseinander getrieben hatte , nach der andern wieder zusammen ... Während der ganzen Sitzung , die er durch seine Geistesgegenwart zu beherrschen schien , hatte sein Inneres keine Ruhe gefunden ... Wie - stand es mit ihm ? ... Am Morgen der Jagd war er im Kloster Himmelpfort gewesen ... Er fuhr dorthin voll äußerster Entschlossenheit ... Er wollte sich von seinem Orden losreißen , wollte sich der Gräfin Erdmuthe anvertrauen , wollte sich in ihren Schutz begeben und die Rolle eingestehen , die er auf Roms Betrieb hatte spielen sollen und die durch seine Freundschaft für ihren Sohn gehindert wurde - er wollte die Confession wechseln - wenn anders der trunkene Taumel , der ihm zu allen diesen Entschlüssen den Muth gab , andauerte und andauern durfte , - das Entzücken über Armgart ' s Hingebung - Armgart ' s , die schnell , schnell erobert werden mußte vor - den Enthüllungen , über die ihr Schaudern , hatte er einmal ihr Ja errungen - bei seinem Charakter zu spät kam ... Den Widerspruch ihrer katholischen Gesinnung glaubte er , einmal im Besitz dieser Eroberung und mit Hülfe der Mutter , nicht ernstlich fürchten zu brauchen ... Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stifte Heiligenkreuz zurückbegleitet ... Er mäßigte seine Leidenschaft und unterließ doch nichts , was den Wahn des bethörten Mädchens verstärken , ihren Entschluß , ihn durch sich selbst von ihrer Mutter abzuziehen , befestigen konnte ... Zitternd war sie an seiner Seite hingeschritten ... Im Waldesdunkel , vom Reiz der Einsamkeit verführt , wagte er , zärtlicher ihren Arm zu ergreifen ... Da erschreckte ihn der Mönch , der ihnen gefolgt war , Bruder Hubertus ... Dieser gesellte sich zu ihnen , ließ sie nicht wieder allein , ja Armgart hielt ihn absichtlich , nur um nicht von einem Thurm , auf dem sie sich zu befinden glaubte , himmelhoch niederzustürzen ... Armgart versprach zur Jagd zu kommen ... Sie wollte , verfolgt von ihrem Gelübde , sich besinnungslos in den Strudel des Lebens stürzen ... Sie irrte dahin , nur um alles vergessen zu können , was sie ihrem Opfer zu Liebe that und thun zu müssen glaubte ... Ein nicht erfülltes Gelübde ! ... Einst hatte sie aus Dank über eine Krankheit , die Paula bestanden hatte , Gott gelobt , funfzigmal an einem Tage die Antiphon Salve regina in deutscher Uebersetzung und einen Monat lang zu sprechen . Als sie diese Pflicht nachlässig betrieb , wurde sie sogar von Müllenhoff ' s mildem Vorgänger als im Stande der Todsünde befindlich erklärt ... Terschka blieb die Nacht beim Verwalter des Stiftes ... Die Furcht , der Mönch mit seinen Erinnerungen würde sich ihm aufs neue anschließen , bestimmte ihn , nicht sogleich wieder den Weg zurückzunehmen ... Am Morgen darauf mußte er zum Provinzial Maurus , dann zur Jagd ... Er fuhr sich selbst mit einem Jagdwagen und jagte querfeldein wie ein von Furien Verfolgter ... Wieder redete ihn auch im Kloster Franz Bosbeck an ; wieder fragte er nach seinen Verwandten ... Und wenn ihm der Lästige das Dreifache in Aussicht gestellt hätte von dem , was er für seine Erben in Bereitschaft zu halten erklärte , er würde ihn wild angeschnaubt haben : Gehen Sie nach Böhmen ! Meinen Namen tragen dort Hunderte ! ... Beim Pater Provinzial bebte er erwarten zu dürfen , daß er als Priester begrüßt , für etwaige Renitenz von den Vätern vielleicht selbst mit Enthüllung seines zweideutigen Ursprunges bedroht werden würde ... Gefesselt an Leib und Seele folgte er in die Bibliothek ... Pater Maurus theilte ihm ein über Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit , demzufolge er sich mit ihm verständigen sollte zur Beantwortung der Frage , die da lautete : Ist Angiolina Pötzl , wie sie von einer Theaterfamilie genannt wurde , die rechtmäßige Tochter der in zweiter Ehe sich Herzogin von Amarillas nennenden Fulvia Maldachini ? Welche Umstände haben bei der Trauung derselben mit dem Kronsyndikus Wittekind obgewaltet ? ... Höchstes Erstaunen ergriff ihn beim Lesen der genaueren Motivirungen ... Angiolina eine Tochter des reichen , vor wenig Tagen bestatteten Kronsyndikus ! Eine Tochter seiner Gönnerin in Rom ! ... Hatte man das Interesse des Grafen Hugo für sein Pflegekind wahrgenommen und dem nachgeforscht ? Warum das ? ... Graf Hugo war es nicht , der ihm die Frage stellte : Ist Angiolina eine mir ebenbürtig Geborene ? ... Rom fragte es , sein General ! Terschka hätte in der Stimmung , in die ihn die Furcht vor dem endlichen » Ablaufen seiner Stunde « , jetzt die Leidenschaft für Armgart versetzte , nichts gethan , den Vätern der Gesellschaft Jesu zu dienen , wenn ihn nicht die ganze Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfüllt hätte ... Und Pater Maurus , als Inhaber der Beichte des Kronsyndikus , die er der darin vorgekommenen Reservatfälle wegen seinem General in Rom , dem General der Franciscaner , hatte zuschicken müssen , schwieg zu allem und schon mußte er Terschka mindestens für einen Affiliirten der Jesuiten halten ... So entschloß sich dieser , an einem der nächsten Tage auf Schloß Neuhof ganz im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schönen Angiolina zu sprechen ... Er machte die Jagd mit , umschwärmte Armgart mit seinen Huldigungen , begrüßte mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden , zeigte beim Brande , über den er kein Arg hatte , seinen Thateifer und kam auf Schloß Neuhof mit dem Schein einer völligen Unbefangenheit an ... Er stellte sich , wie wenn der empfangene Auftrag ihm höchst lästig wäre und er nur opponirte , um seinen Auftraggebern die unerläßliche Schuldigkeit zu thun ... Den Präsidenten brachten aber seine Aeußerungen über die Legitimität der zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung ... Ueberhaupt hatte dieser die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden , als er erwartete ... Sein Ehrgefühl litt unter dem Ruf seines Namens schon lange und vollends gereizt war er über die Sprödigkeit , mit der man ihm und seiner Gattin hier entgegenkam ... Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater Gefallen ... Fast betroffen war er von dem innigen Händedruck , mit dem ihn dieser begrüßt hatte ... Die Anrede : Mein Sohn und Freund ! war so aufrichtig betont , daß Bonaventura aufs lebendigste für ihn Partei ergriffen hätte , wäre ihm nicht - der Gedanke an Benno , der nun in wirkliche und nach seiner Ueberzeugung legitime Verwandtschaft mit ihm trat , zu bestimmend gewesen ... Terschka sagte auf die ganze Eröffnung des Onkels Dechanten mit einer spitzen und ironischen Betonung : Ich bewundere den Muth dieser Geständnisse ! Aber - die Ehe gilt ... Herr von Terschka ! rief der Präsident voll äußersten Unwillens ... Gewöhnen Sie sich doch an diese Vorstellung ! lächelte Terschka , Sie sollten Angiolina kennen lernen ! Olympia in Rom - ? Nein , da ist zu viel Kälte ! Lucinde Schwarz hier - ? Nein , da ist der Verstand zu zergliedernd ... Ei , und ich versichere Sie , ich gönne es Angiolinen , zu erfahren , daß sie an Jahren älter ist , als wofür sie gilt ... Das Fräulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunst ! Ich weiß es ... Es war nur die Schuld Ihres Vaters , daß das kaum geborene Kind , dessen Alter , wie man in solchen Lagen gewohnt ist , falsch angegeben wurde - unter - Die Gaukler gerieth ! ergänzte der Präsident . Ich werde Sorge tragen , daß an Angiolina Pötzl nachgeholt wird , was versäumt wurde ! ... Thun Sie das nicht , Herr Präsident ! erwiderte Terschka ... Fräulein von Wittekind entbehrt nichts , als ihren legitimen Namen ... Sonst ist ausreichend für sie gesorgt ... Am wenigsten gönnen Sie ihr doch wol eine solche Mutter , die man bei ihrem Erscheinen in Wien mit einem Proceß auf Bigamie begrüßen würde ! ... Sie kennen die Herzogin von Amarillas ? fragte jetzt Bonaventura , um den Eifer der Streitenden zu mildern ... Als ich in der römischen Armee diente , sah ich sie oft und ich gestehe Ihnen gern , die Gründe nicht zu begreifen , die man haben kann , eine hochgestellte Dame mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen - ... Diese Gründe sollten Ihnen unbekannt sein ? ... Vollkommen ! sagte Terschka und stutzte über einen wie Hülfe suchenden Blick , den der Präsident auf den Provinzial warf ... Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters einen noch heftigern Ausbruch der mühsam unterdrückten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu ... Die Hauptangelegenheit , das Austauschen der vor Jahren stattgehabten Vorgänge war ja beendet ; das Aussprechen der Legitimität der zweiten Ehe hing von einer Entscheidung der römischen Gewissensräthe ab ... Ihn zog es nun nach Westerhof zu Paula , die nach dem schreckhaften Erlebniß dieser Tage seines Zuspruchs bedurfte ... Und Benno , Benno war auf dem Schloß ... Benno hatte die mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs , die jetzt einer neuen Anordnung gleichkam , auf heute Nachmittag anberaumt ... Wie bebte er dem ersten Gruße des Freundes - nun Bruders entgegen ... Da wir unter uns sind , lieber Sohn , begann aufs neue der Präsident , dem Bitteblick erwidernd und das » unter uns « seltsam betonend , so will ich eine Vermuthung aussprechen . Ich gelte schon lange für keinen guten Katholiken ... Als hätte der Präsident das Erschrecken seiner lauschenden Gattin gesehen , verbesserte er : Ich kenne wenigstens meinen Ruf ... Die Regierung schenkte mir Vertrauen und ich habe als Patriot diesem Vertrauen zu entsprechen gesucht ... Das Zeugniß kann ich mir geben , daß ich darum meine Religion ebenso liebe wie andere . Nur die Anmaßungen der römischen Curie zu beseitigen , lag in meiner amtlichen Stellung und auch hier verfuhr ich mit Ueberzeugung . Zum Kirchenfürsten ging ich , weil es meine Gattin wünschte . Ich habe ihm offen ins Auge sehen können . Wenn ich es nicht gethan haben sollte , war es , um einen Gebeugten nicht zu kränken . Wir gehören einem gemeinsamen Staate an , der die gegebenen Zustände schont , ohne sich den Verbesserungen zu verschließen . Wollte der Himmel , die Nothwendigkeit der letztern würde nicht zu dringend ! Verurtheilen Sie mich nicht , Herr Provinzial ! Ich frage Sie - welch eine Institution ist allein schon unsere Beichte , die die geheimsten Athemzüge bis nach Rom vernehmen läßt ! ... Ein Rauschen an der Wand verrieth den Schrecken der Gattin ... Erkennen Sie darin keinen Segen ? erwiderte der Provinzial mit düster zusammengezogenen Augenbrauen ... Der Präsident beherrschte sich und fuhr fort : Es ziemt mir nicht , Behauptungen auszusprechen , die ich nicht beweisen kann ! So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie einblicken lassen , daß ich vollkommen zu verstehen glaube , welche Zusammenhänge diesen Belästigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen . Sie glauben , ich würde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas , sich meine zweite Mutter zu nennen , anerkennen ? Ich würde nicht meine Geschwister an mein Herz ziehen ? Sie irren sich ! Ich bin bereit dazu , wenn die Ehe wirklich nach bürgerlichen , allgemein gültigen , deutschen Gesetzen als richtig geschlossen gelten könnte . Sie kann dies aber nicht - und ich glaube nicht daran , daß auch irgend Jemand von den Betheiligten in Wahrheit interessirt ist , daß dies geschieht ... Nicht Angiolina , nicht Benno - ? rief es in Bonaventura ' s Innern ... Oder glauben Sie , Herr von Terschka , daß Sie Instructionen erhalten werden , noch eine gerichtliche Untersuchung über den Vorgang , den uns in so edler Offenheit der Dechant erzählt hat , in Angriff zu nehmen ? Grell aufgedeckt , aller Welt bekannt soll dieser Vorfall werden ? Was schrieben Ihnen darüber - die Jesuiten ? ... Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf , um auf dies leicht hingeworfene , doch alle erschreckende Wort lächelnd wiederholen zu können : Die Jesuiten ! ... Die Jesuiten ! bestätigte der Präsident . Sie sind kürzlich wiederhergestellt worden . Sie sind schon mächtig genug . Aber die Macht des Ordens ist ihm noch nicht die alte . Die übrigen Orden wuchsen inzwischen in zu großer Autorität für ihn empor . Von den frommen Vätern des heiligen Franciscus droht allerdings seinem Ehrgeiz wenig Gefahr . Ihr General , Herr Provinzial , wird den Einblick in die Beichte meines Vaters verweigert haben ; aber doch sind Sie angewiesen , die Bemühungen des Herrn von Terschka zu unterstützen . Ich weiß das ! Bestreiten Sie es nicht ! Die Dominicaner hätten es nicht gethan . Sie würden Ihnen , Herr Provinzial , geschrieben haben : Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab , die den Jesuiten gegenüber eine bei uns niedergelegte Beichte compromittiren könnten ... Herr Präsident ! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura , der ihm beistehen sollte ... Ich klage Sie ja nicht an , Herr Provinzial ! fuhr der Präsident fort und strich sich seine dünnen grauen Haare , als hätte er das Gefühl , wie sie sich unter seiner zunehmenden Erregung aufsträubten ... Ich sage nicht , daß Sie heute überhaupt schon zu Herrn von Terschka ' s Beginnen ein Ja oder ein Nein verriethen . Sie ließen ihn einfach gewähren . Ich will Ihnen aber nur Eines sagen , was Sie überraschen soll ... In tiefstem Frieden über alles , was uns hier beunruhigt , lebt in Rom die Herzogin von Amarillas ... Ohne Sorge rüstet die hochgestellte Frau sich zu einer Reise nach Wien ... Cardinal Ceccone hat sich seit Jahren an sie und ihren Umgang gewöhnt - Olympia , seine - Nichte - Sie kennen ja die Sage über Olympia - beherrscht die römische Welt und beherrscht ihn und die Herzogin - Ceccone , wie uns Männern vom Regiment wol auf unsere alten Tage geschieht , ist der Inquisitionen und Dolche müde . Er hat das Seinige für die dreifache Krone gethan . Aus Furcht ist er sogar - Affiliirter der Jesuiten geworden - Und doch , doch thut er dem Orden nicht genug ... Ceccone schließt Concordate , bekämpft die Revolution , bereichert den Index der verbotenen Bücher , verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme , selbst die , die der Mutter Kirche ergeben sind , Ceccone läßt Donner und Blitz vom Vatican selbst über die neuen Eisenbahnen rollen - dem General der Jesuiten ist alles das noch nicht genug . Man erwartet , daß Ceccone nach Wien geht . Die Diplomatie und Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm Lande vermitteln . Aber die Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr . Ihnen scheint er für Deutschland , für Europa entscheidend . Jetzt oder erst in einem Jahrhundert ! So wollen sie den letzten Rest von Selbständigkeit , den sich der Heilige Vater noch durch seine nächsten Organe erhält , vernichten ... Nur den Befehlen des Al Gesù soll er folgen ... Nur eine Politik , eine Diplomatie nach kirchlicher Autorität vertreten ... Erst sollen Priester , Mönche , Bischöfe sprechen , dann Staatskanzler ... So stechen sie jetzt dem Cardinal , einem alten Richter und Advocaten allerdings voller Weltlichkeit , in die Ferse durch die Drohung : Die Frau , ohne die du nicht sein kannst , die Frau , die der Deckmantel deiner zärtlichsten Fürsorge für Olympia ist , verfällt einem Schicksal , das sie und Olympia und dich selbst an den Pranger stellt ; sie war die Gattin zweier zu gleicher Zeit lebender Männer ! Wozu würde sich nicht Ceccone entschließen , wenn er solche Gefahren von seiner Ehre , von der Ehre der Frauen , die er schätzt und liebt , abwenden muß ! Welche Dispense sind da nicht nöthig , um solche Verbrechen zu sühnen ! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Theil des geistlichen Ministeriums in Rom , der sich mit den Herzens- und Heirathssachen von hundertunddreißig Millionen Kindern der Kirche beschäftigt ! Erkennen Sie nun die Möglichkeit , wie zuletzt dem Staat über solche Intriguen die Geduld reißt ! ... Ich nehme von dem nichts zurück , was ich für die Freiheit der gemischten Ehen gethan habe ... Das Rücken des Stuhls , auf dem der Provinzial saß , übertönte ein fortgesetztes Rascheln , das an der Wand hörbar wurde und immer noch Niemanden auffiel ... selbst nicht dem Präsidenten , der es ausdrücklich hören sollte ... Wie ergriff jedes dieser Worte Bonaventura im Hinblick auf die Empfindungen , die - darüber eben auch - seine Mutter hätte hegen müssen ... Terschka wagte nicht zu widersprechen ... Vollkommen von der Wahrheit dieser Enthüllungen überzeugt , sah er im Geist wieder seinen löwenmuthigen General , hörte die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden , sah den Feldherrnblick , der im Al Gesù das Nächste und Entfernteste vom kleinsten Menschen-bis zum größten Staatenschicksal zu benutzen versteht ... Wohlan , fuhr der Präsident fort , ich bin beruhigt , wenn mir Herr von Terschka sein Ehrenwort gibt , vorläufig nichts weiter in dieser Sache zu thun , nicht in Witoborn oder sonst auf den Archiven verdächtigende Nachforschungen anzustellen , sondern vorläufig nach Wien oder - Rom hin zu berichten , daß dieser Handel von unsern Auffassungen und Gesetzen abgemacht und die Herzogin von Amarillas nicht die Frau von Wittekind ist ... Was nur lähmte Terschka die ihm sonst so geläufige Zunge und ließ ihn über die scharfe Betonung des Wortes : » Sein Ehrenwort « erschrecken ? ... Der Präsident sagte noch einmal : Geben Sie Ihr Ehrenwort ! ... Terschka schwieg ... Ihr Ehrenwort ! Als Cavalier ! ... Als Terschka auch jetzt noch sinnend niederblickte und schwieg , sprach der Präsident mit ergrimmter leiser Stimme : Ich vergesse - - Herrn von Terschka bindet an die Obern das Gelübde des Gehorsams ! ... Die Wirkung dieser Worte war mächtig ... Der Präsident erhob sich ; alle andern blieben sitzen wie gelähmt ... Terschka bleich mit halbgeöffnetem Munde ... Der Provinzial mit hoch aufgezogenen Augenbrauen ... ... Bonaventura mit einer Ahnung , die im Hinblick auf - den ketzerischen Grafen Hugo im Nu - die volle Wahrheit erkannte ... Nehmen wir ein Frühstück , meine Herren ! sprach im Gefühl seines wenigstens jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Präsident und wollte , scheinbar unbefangen , vorangehen , um die Thür zu öffnen ... Die drei Priester waren zwar auch aufgestanden , blieben aber noch immer wie erstarrt stehen ... Kein Wort kam von ihren Lippen ... Das Wort des Präsidenten konnte für einen Scherz gelten - aber man erkannte zu deutlich - der Falsche , Abtrünnige , der » Segestes « , wie ihn sein Vater genannt hatte , war zu diesem Kampf wohlgerüstet erschienen ... Um die Vernichtung Terschka ' s , der , mit tausend Dolchen durchbohrt , sich am Stuhl zu halten suchte , zu mehren , ging der Präsident in leichtem , scherzendem Ton zu den Worten über : Will Graf Hugo seine Güter hier selbst antreten , so würde er allerdings gut thun , sich erst in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu begeben und Sie - Herr Pater Stanislaus , werden schon dafür sorgen ... Ein Einspruch gegen diese Worte , die nur wie ein ironischer Scherz fielen , war nicht möglich ; denn schon hatte der Präsident geklingelt , schon traten Diener ein . Nicht lange , so erschien Frau von Wittekind . Man setzte sich zu Tisch . Der Präsident entwickelte eine Heiterkeit , eine Fülle von Kenntnissen , die ihn scheinbar zum Sieger über seine Gegner machte , trotzdem , daß er ahnte , wie ohne Zweifel mit der Zeit zwei legitime Geschwister sich ihm zur Seite stellen würden ... Bonaventura brach früher als die andern auf ... Wie hätte er mit Terschka noch länger allein sein können ... ! Wie noch länger den Blick ertragen mögen , der in Terschka ' s Augen der der tiefsten Vernichtung war ! ... Welche Enthüllungen ! ... Terschka ein Jesuit ! ... Abgesandt zur Convertirung des Grafen Hugo ! ... Und mit welchen Mitteln sollte er ihn bekehren ... Mit welcher Kunst der Verstellung ! ... Bonaventura ' s Erschaudern über Rom konnte bei der einen Thatsache nicht verweilen , denn schon die andere verdrängte sie ... Sah er auch im katholischen Sakrament der Ehe , das abweichend von den sechs andern , sich ohne den Priester , rein nur durch die Liebe vollzog , wieder seine vollen schönen großen Rosen in den Münstern glühen , was sollte er - mit Benno beginnen ? ... Sollte er ihn lind und sanft auf seine Jugendtage zurückführen ? Auf einen Kronsyndikus als Vater ! Auf eine in Rom unter Verhältnissen , die sich aller klaren Beurtheilung entzogen , lebende Mutter ! Auf eine Schwester in zweideutiger Lebensstellung ... Benno war , jetzt begriff er es ganz , älter , als man geglaubt ... Wie auch anders konnte Benno in seinen Erinnerungen das Bild einer schönen Frau haben , die aus einer prächtigen Kutsche stieg und ihn so oft voll Schmerz und Liebe betrachtete ! ... Wer konnte dies anders gewesen sein , als die Frau , die eine rechtmäßige Geburt verbergen mußte und sicher den erlebten Betrug erst spät ahnte ... Als sie in die allgemeine Flucht des westfälischen Hofes gerissen wurde , blieb ihr kaum darüber ein Zweifel ... Da sie die tiefere Kenntniß der ihr beistehenden Kirchenlehre nicht besaß , ergriff sie Furcht , Haß , Scham , sodaß sie nichts mehr vom Vergangenen besitzen mochte und in ein neues Lebensverhältniß trat , leichtsinnig genug vielleicht ... Erst hatte Max von Asselyn , der aus Spanien zurückkam , Benno als seinen Sohn mitgebracht , dann erzogen ihn die Hedemanns , dann kam er in die Dechanei ... Alles das war verabredet um des Dechanten willen , dessen Existenz von einer plötzlich streng gewordenen Censur abhing . Ein Zug der Natur war es , daß sich Benno so eifrig die Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte , sich in ihr zu vervollkommnen ... Und neben Angiolina - neben einer zweiten Lucinde , neben einer in gewissem Sinne zweiten Rivalin Paula ' s - Graf Hugo liebte sie - dann noch Lucinde selbst ... Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch allein an dieser ... Gefolgt war sie ihm aufs neue ... Ewig sie sein Schatten ! ... Auf Schloß Münnichhof , unter dem Schütze einer Frau von Sicking , wagte sie zu erscheinen ... Nichts fürchtete sie von Klingsohr , nichts von allem , was Bonaventura über ihr Leben aus ihrer unvergeßlichen Beichte wußte ... Es durchbebte ihn , gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens ... Das war sie und das blieb sie und - zum Hasse , zum glühenden Hasse Lucindens konnte er sich nicht einmal erheben ... Nur fliehen mußte er sie ... Wer weiß , ob sie nicht rücksichtslos auf Schloß Westerhof erschien , Paula sich vorstellte und die Schmerzen , die sonst die Leidende in ihrer Nähe fühlte , erneuerte ... Wie er im verschlossenen Wagen seines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder , da war es ihm doch , als müßte Lucinde ihm nachfliegen , umschwärmt von Raben , mit einem Zauberstab auf die Brandstätte deutend als den Anfang all des Unheils , das sie ihm vorausgesagt hatte ... Indessen - auf den Feldern lag ein so milder Sonnenschein ... Der Frühling fing an sich so mächtig zu regen ... Die Wälder in der Ferne hatten in einer Nacht einen Schein bekommen , als trieben die Bäume schon ihre verjüngenden Säfte ... Heller , hoher Mittag war es ... In der Ebene mußte er den Schlag öffnen , um ganz die Sonne hereinzulassen ... Und wenn es ihm allmählich wurde , als müßte schon die Lerche seines Frühlingsliedes steigen , so war es , weil sich zuletzt doch siegreich nur noch allein Paula ' s Bild in milder Anmuth auf sein inneres Auge senkte ... Das Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schläge , nur noch das Zucken seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes - dann zogen die drohenden Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und all sein Leben ruhte im Blick hinüber auf Westerhof ... Dennoch , dennoch klagten die innern Melodieen : Muß ich es ewig sehn ! In deine Locken Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand ! Der Myrte silberweiße Blütenflocken - Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land ! Unsterblich Loos , an Sterbliche gegeben , Dich zu umfangen für ein ganzes Leben ! O lächle nicht zu hold ! Du kannst nicht wissen , Wie Lächeln wird zu Hoffnungdämmerschein ! Wie sich das Licht entringt den Finsternissen Und hüllt die Welt in Rosenwolken ein ! Du ahnst es nicht , wie deinem Zauberworte Zu sel ' gen Träumen sich erschließt die Pforte ! Es kann nicht sein ! Es soll nur still verhallen ! Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag ! Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen ! Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag ! ... Und rief ' s die Welt im Chor - Dennoch entsage ! Spräch ' immer nur des Echos leise Klage - - In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Meßner Tübbicke angehalten ... Dieser bat ihn aufs dringendste , erst nach Sanct-Libori zu fahren , wo Norbert Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete ... Eben entbot er ihm einen Vicar und vielleicht , bat er , hätte der Domherr auch die Freundlichkeit , den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstützen ... Beichten , Messen , alles würde in Stocken gerathen , wenn die Krankheit andauerte ... Bonaventura mußte den Umweg über Sanct-Libori nehmen ... Sonntag war vor der Thür , aber nichts erschreckte ihn mehr , als die Aussicht auf Beichthören ... Er billigte als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar - aus demselben , aus dem einst Leo Perl gekommen ... An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht , wie er gefürchtet , vorüberzufahren ... Den Pfarrer fand er in der That im Fieber ... Müllenhoff behauptete , sich beim Brand erkältet und über das Fräulein Benigna von Ubbelohde geärgert zu haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen , die vor seiner Thür gestanden hatten , der Anlaß seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert hatte , auch die Anwesenheit des verunglückten Dieners auf Westerhof , auch die der Finkenhofer Lene und ihrer Umstände , da legte er sich ins Bett ... Der Geschäfte gab es für den Eiferer so viele ... Gerade war der Kirchenconvent gekommen ... Er kam , um Strafen zu verhängen , um die neue Tanzordnung für den Finkenhof zu ordnen , um den Jünglings- und Jungfrauenbund für die Ostern einzuleiten ... Bonaventura mußte alle diese Neuerungen auf einen andern Tag verschieben ... Müllenhoff , wie sich bei einer so markigen und kernhaften Natur erwarten ließ , wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem Lager . Vor Aufregung und Erhitzung durch den Thee , den ihm die Kathrein zu trinken gab , sah er wie zum Schlag treffen aus ... Bonaventura sprach ihm zur Beruhigung ... Besaß doch auch nur er diesen sanften Ton , der Herder ' s Behauptung widerlegen müßte , daß die Sprache von den Menschen erfunden ist ... Diesen Ton , der tröstend zu den Leidenden spricht , der wie ein Balsamhauch über brennende Wunden fährt ; den nicht die Zunge , den das Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt , wie der Schmerz seine Klage ... Diesen allein tröstenden Ton , den ein Arzt hat , wenn er , ein weiser Heilkünstler , in das Zimmer eines Kranken tritt ... den ein Vater hat , wenn er ein ' Kind an sein Herz zieht und es ermuntert nur ihm , ihm allein seine jungen Leiden anzuvertrauen , ihm allein die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern ... Müllenhoff meinte zaghaft : Ich möchte Ihnen wol beichten ! ... Bonaventura hielt dies Wort für ein Zeichen der Todeserwartung , für ein Begehren , schon die Sterbesakramente zu empfangen ... Er bat den excentrischen Mann , sich nicht aufzuregen ... So unterblieb das Abschütteln einer , wie es schien , drückenden Last ... Ein normirtes Vespergebet mußte Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten ... Das war unerläßlich ; - wer zählt die religiösen Pflichten , die sich an die Altäre der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knüpfen ! ... Kein Gotteshaus , und wär ' es noch so klein , es hat seine Ordnung und seine bestimmten Tage , die nur ihm allein angehören ... Geburtstage im Kalender der Heiligen ( die Geburt eines Heiligen ist sein Tod ) gibt es mehr , als Tage im Jahre ... So reicht die Zeit kaum aus für die Reihe der Zeugen und Bekenner , deren Gedächtniß die Kirche feiert ... Jede Diöcese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs , so festgeordnet auf Ort und Minute , wie die Astronomie die Constellation der Gestirne bestimmt ... Der Wittekind ' sche Wagen blieb zu Bonaventura ' s Verfügung ... Er fuhr damit nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der Stiftsdamen ... Gib Acht , du kommst nach Westerhof und triffst schon Lucinden ! ... Dieser Gedanke verfolgte ihn ... Lange aber hatte ihm eine einfache kirchliche Function so wohlgethan , wie heute nach allen Aufregungen dies stille Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts ... Und das hätte dann allerdings den Damen behagt , wenn Bonaventura ihnen Beicht abgenommen