die Person des Bischofs zu tun gewesen war , so ließ sie jetzt der Ärger alle guten Vorsätze vergessen , und Minckwitz selber erteilte Befehl oder gestattete doch wenigstens , daß das bischöfliche Schloß , die Domkirche , das Rathaus und das Domherrenviertel geplündert werde . Was sich denn auch unverzüglich ins Werk setzte . Selbst die kirchlichen Gefäße , die Patenen und Abendmahlskelche , wurden nicht verschont und das Zerstörungswerk geschah um so gründlicher und rücksichtsloser , als sich unter den Plünderern bereits sehr viele befanden , die Gegner und Verächter der katholischen Kirche waren . Im Kreise der Anführer aber richtete sich das Hauptaugenmerk auf ihre beim Domkapitel aufbewahrten Verschreibungen und Schuldscheine , die nun , soweit sie zur Stelle waren , entweder vernichtet oder mitgenommen wurden . Weniger glücklich war Minckwitz in Person , der den im Dom aufbewahrten Domschatz in seine Gewalt zu bringen hoffte . Die Sakristei , darin er ihn mutmaßte , wurde bis unter den Fußboden untersucht , aber ein Fleckchen übersah er : den durch die geöffnete Sakristeitür gebildeten Winkel . Und gerade hier stand der Kasten , der den Domschatz bewahrte . Zuletzt richtete sich die Stimmung , wie man kaum anders erwarten konnte , gegen die Stadt selbst , und als einer aus der Rotte bemerkte , » daß die Bürgerschaft an dem Scheitern ihres Anschlages eigentlich schuld sei , weil ihr Widerstand dem Bischofe Zeit zur Flucht gegeben habe « , fiel man ohne weitres über die Bürger her . Einer , der sich widersetzen wollte , verlor sein Leben , und nur zwei Häuser entgingen der allgemeinen Plünderung : eines dadurch , daß der Brauer , der es bewohnte , die heiße Malzbrühe den Anstürmenden auf die Köpfe goß , ein andres dadurch , daß man von innen her ein langes weißes Laken aushängte , wie wenn ein Toter im Hause sei . Nach ein paar Stunden endlich hatte sich das Unwesen ausgetobt und der ganze Zug zog wieder heimwärts und nahm des Bischofs Bruder gefangen nach Sonnenwalde mit . Der Bischof Georg von Blumenthal sucht Schutz beim Kurfürsten und Nickel von Minckwitz wird flüchtig Der geflüchtete Bischof eilte geraden Weges nach der Grimnitz , wo sich Kurfürst Joachim eben aufhielt . Dieser , nach empfangenem Bericht , befahl einem seiner Diener , dem Martin Böhme , mit acht Reitern den Räubern nachzusetzen , um wenigstens in Erfahrung zu bringen , wo sie den Raub zu bergen gedächten . Dies märkische Detachement aber , das für seine Aufgabe viel zu schwach war , wurde zu Dobrilug von den Minckwitzischen überrascht , und Martin Böhme selbst fiel , als er eben sein Pferd besteigen wollte , durch einen Dolchstoß von Schliebens Hand . Seine Reiter wurden gefangengenommen und erst nach Jahresfrist von Sonnenwalde wieder entlassen . All dies machte den größten Lärm , und als Luther in Wittenberg davon hörte , war er höchst unzufrieden und schrieb an einen Freund : » Ich habe hier weiter nichts erfahren , als daß Nikolaus von Minckwitz mit einer zusammengebrachten Schar die Stadt Fürstenwalde , den Sitz des lebusischen Bischofs , überfallen hat . Ich weiß nicht , aus welchem Grunde und zu welchem Zweck . Es mißfällt mir aber außerordentlich , wenn es gleich heißt , daß alles ohne Mord und Brand geschehen und daß vielmehr nur geplündert worden sei . Wenn ich von Mißfallen spreche , so heg ' ich ein solches nicht bloß darum , weil sich das Unternehmen gegen die staatliche Gewalt richtete , sondern namentlich deshalb , weil es das Evangelium mit einer neuen großen Gehässigkeit belastet . So zwingt man uns , die Unschuldigen , für die Freveltaten anderer zu büßen . Gäbe doch Christus , daß dem ein Ende sei , vor allem aber , daß jener Minckwitz nicht noch Schlimmeres begehe . Was übrigens den Lebuser Bischof betrifft , so soll er in der ganzen Mark überall verhaßt sein . « In dieser Annahme » von dem allgemeinen Verhaßtsein des Bischofs « mochte Luther im großen und ganzen recht haben ; andrerseits aber war es nicht minder gewiß , daß er , der Bischof , beim Kurfürsten Joachim in hohen Gnaden stand . Ungesäumt ließ dieser letztere denn auch einen Befehl ergehen , in welchem er das ganze märkische Land aufforderte , seine Kraft einzusetzen , um vor Sonnenwalde zu ziehn und das alte Minckwitzen-Schloß zu zerstören . Es fehlte nicht an Geneigtheit , diesem Befehle nachzukommen , und bloß aus der Stadt Wittstock erschienen 140 wohlbewaffnete Bürger , die der Havelberger Bischof in Person dem Kurfürsten und seinem Heere zuführte , welches letztre sich bei Berlin zusammenzog und nach der Angabe mehrerer in dem spätern Prozeß als Zeugen auftretenden Edelleute , aus 6000 Reitern und 40000 Mann Fußvolk bestand . Aber auch Minckwitz war nicht müßig . Er suchte nicht bloß sein Schloß , das ohnehin für fast uneinnehmbar galt , in noch besseren Verteidigungszustand zu setzen , sondern ging auch außer Landes , um Truppen anzuwerben , mit denen er , wenn Joachim vor Sonnenwalde zöge , seinerseits in die Mark einfallen wollte . Keinenfalls war Minckwitz gefährdeter als der Kurfürst , eine Meinung , die Luther teilte . » Dem Anschein nach « , so schrieb er , » befindet sich der Markgraf in größerer Gefahr , als Minckwitz , denn dieser hat seine Burg befestigt und ist bereit , den Angriff des Markgrafen auszuhalten . Er selbst soll jedoch außer Landes gereist sein und will vielleicht , während der Markgraf belagert , allerlei anderes ins Werk setzen . Und wer weiß , ob nicht Gott damit anfängt , den Markgrafen heimzusuchen wegen seiner schamlosen Pläne , deren er so viele hegt und so ohne Ende . Ich bitte Gott um Frieden , und hätte dem Markgrafen alles andere als den Krieg geraten . Alle Leute sagen , die Burg des Minckwitz sei nicht einzunehmen , wenn die Soldaten sie treu verteidigen wollen . « Dieser Ansicht schien sich schließlich der Kurfürst selber zuzuneigen , denn anstatt das erwähnte stattliche Heer , dessen Zusammenziehung ihm 50000 Gulden gekostet hatte , gegen Sonnenwalde marschieren zu lassen , ließ er es nach vierzehntägigem Zusammen sein wieder auseinandergehen und entschloß sich , zu Minckwitzens Bestrafung , einen andern , ungefährlicheren Weg einzuschlagen . Er reichte nämlich Klage gegen ihn als Landfriedensbrecher beim Reichskammergericht zu Wetzlar ein und hatte denn auch die Genugtuung , die Reichsacht über denselben ausgesprochen zu sehn . Der Verklagte war nun vogelfrei , dem Anschein und dem Wortlaute nach ein toter Mann . Aber über bloße Worte kam es nicht recht hinaus . Der Bischof Georg von Blumenthal dringt in den Kurfürsten Joachim auf energisches Einschreiten gegen Nickel Minckwitz Nickel Minckwitz , während die Reichsacht über ihn verhängt war , trieb sich in deutschen Landen umher und suchte bald hier bald dort Sicherheit vor den Nachstellungen des Kurfürsten und des Bischofs von Lebus . Im Jahre 1532 durchzog er Niedersachsen und Holstein . Eine Zeitlang hielt er sich bei dieser Gelegenheit in Lübeck auf , dessen Magistrat ihn aber auf ein von Cölln an der Spree her erhaltenes Warnungsschreiben » einem bekannten Ächter keinen Aufenthalt gestatten zu wollen « zu schleuniger Abreise veranlaßte . Minckwitz begab sich nun ins Mecklenburgische , woselbst ihn Eggert von Quitzow auf Vogtshagen und die Parkenthine zu Dossow in Schutz nahmen . Einst sah er sich hier durch den bischöflich Ratzeburgischen Hauptmann – der als solcher in direkten Diensten des Bischofs Georg stand – in der Gegend von Vogtshagen überrascht , war aber glücklich genug , uneingeholt das Schloß erreichen zu können , dessen Brücke nun hinter ihm aufgezogen wurde . So viel Glück dies einerseits war , so war doch andrerseits des Minckwitzen Aufenthalt durch eben diesen Vorfall verraten worden , und Bischof Georg forderte , sobald er davon gehört hatte , des Kurfürsten ernste Verwendung bei den Herzögen Albrecht und Heinrich von Mecklenburg . Joachim zeigte sich auch willig , und alsbald wurde der Hauptmann zu Ruppin , Matthias von Oppen , ferner der Hauptmann zu Zehdenick , Hans von Hake , und der kurfürstliche Rat Franz Neumann an den Mecklenburgischen Hof abgesandt , nicht um Minckwitzens direkte Verhaftung und Auslieferung , sondern nur um einen Befehl an den Eggert Quitzow und die Parkenthine » den Geächteten nicht länger bei sich hausen zu lassen « auszuwirken . Aber aller angewandten Mühen ungeachtet , gelang es der Gesandtschaft nicht , die Herzöge nach Wunsch umzustimmen , die sich vielmehr einer um den andern aus der Residenz entfernten . Als sich die kurfürstlichen Räte schließlich überzeugen mußten , daß sie den Zweck ihrer Sendung nicht erreichen würden , ent schlossen sie sich ebenfalls zur Abreise . Joachim benachrichtigte nunmehr den Georg von Blumenthal von diesem entschiedenen Mißerfolg , empfing aber nur ein in herben und doch zugleich klug berechneten Ausdrücken abgefaßtes Antwortschreiben , worin er seitens des Bischofs zu ferneren und kräftigeren Maßregeln in dieser Angelegenheit aufgefordert wurde . » So nun Herzog Heinrich « , schrieb der Bischof , » nicht begnügig Antwort gibt , so achten wir dafür , daß statt seiner wenigstens Herzog Albrecht etwas thu , auf daß Eure churfürstliche Durchlaucht nicht in Schimpf besitzen bleib und bei die Leut verachtet werd , dieweil der eine Parkenthin zu unserm Hauptmann gesagt hat : › er acht ' Eure churfürstliche Durchlaucht nicht besser als seine Bauern ‹ . « Nickel Minckwitz demütigt sich vor dem Kurfürsten und der Streit wird geschlichtet Es war dies Schreiben , wie schon angedeutet , auf die Schwächen und Empfindlichkeiten des Kurfürsten sehr geschickt berechnet , und wohl möglich , daß es in dem gewünschten Sinne gewirkt und energischere Schritte veranlaßt hätte , wenn nicht eben jetzt von anderer Seite her ein Ausgleich gekommen wäre . Die Zeit war nämlich nun da , wo der seit Jahren beim Reichskammergericht schwebende Prozeß , über die bereits stattgehabte Reichsacht-Erklärung hinaus , einer endgültigen Entscheidung entgegensah , einer Entscheidung , von der nicht bloß Nickel Minckwitz , sondern , was wichtiger war , auch die verschiedenen Freunde , die sich für ihn verbürgt , allerlei zu befürchten hatten . Und dies wurde schließlich Grund , daß man Minckwitz bestimmte , sich vor dem Kurfürsten zu demütigen . Es geschah dies zeremoniös , im Stil einer Staatsaktion , und am 22. Oktober 1534 erschien Beklagter auf dem Schlosse zu Cölln an der Spree vor großer und feierlicher Versammlung , um zunächst vor dem Kurfürsten einen Fußfall und gleich danach vor dem Bischof und der Gesamtheit der Stände » demütiglich Abbitte zu tun « . Und nachdem dies vorüber , erklärten Minckwitzens in Person anwesende Freunde : Graf Mansfeld , Graf Eberstein-Naugard , vier Grafen Schlick , Johann Burggraf zu Dohna auf Königsbrück , ein Herr von Biberstein , Jan von Schönburg zu Hoyerswerda , acht Ritter und fünfundzwanzig andre angesehene Edelleute , » daß sie sich verpflichteten , dem Kurfürsten mit zweihundert wohlgerüsteten Pferden auf ihre Kosten und Gefahr vier Monate lang getreue Kriegsdienste leisten zu wollen , eine Verpflichtung , die durch Minckwitzens Tod nicht aufgehoben werden solle . « Zugleich verbürgten sie sich für diesen letzteren dahin , daß er ( Minckwitz ) sich an niemanden räche , auch alle Orte , wo der Kurfürst verweile , desgleichen auch die Stadt Fürstenwalde für immer meiden solle . Die Handlung schloß damit , daß der Kurfürst und der Bischof ihm Verzeihung angedeihen ließen und ihn wieder in Gnaden annahmen . Ja Joachim , so wenigstens wird erzählt , soll entzückt von der klugen Art , die der Beklagte während all dieser Vorgänge gezeigt , ihn schließlich zur Tafel gezogen haben . Und als sie nun becherten und der Kurfürst ihn fragte : » was er denn wohl getan haben würde , wenn ihm die geplante Gefangennehmung des Bischofs geglückt wäre « , soll er im Übermute geantwortet haben : Si pervenisset in meam potestatem testiculos episcopales ipse amputassem – eine Antwort , die nach Sitte der Zeit , unter allgemeinem Ergötzen , und nicht zum wenigsten des Kurfürsten selbst , entgegengenommen wurde . So verlief die Fehde . Der alte Queiß war längst vorher gestorben , und längst hingestorben seitdem ist der Queißen altes Geschlecht . Auch von dem Herrenhause , darin der Streit entstand , ist nichts mehr da ; was jetzt diesen Namen führt , ist ein verhältnismäßig moderner Bau , wahrscheinlich aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. Alles was auch nur entfernt an Mittelalter und Rittertum und Auflehnung erinnern könnte , hat die Zeit getilgt , und nichts ist mehr vorhanden , als ein » Institut « , in betreff dessen ich in einem Nachschlagebuche das folgende fand : » Das für weibliche Erziehung strebsame Fräulein Michelsen hat 1856 in Blossin eine Näh- und Strickschule errichtet . « Tempora mutantur . Die wendische Spree An Bord der » Sphinx « Vor Anker in Köpenick Vor Anker in Köpenick ( Reisevorabend ) Am 6. abends war ich in Köpenick . Ich hatte die Wahl , ob ich von der Land- oder Wasserseite her an Bord gehen wollte , entschied mich aber für letzteres . Alle Dinge haben ihr Gesetz . Wer zu einer Parforcejagd geladen ist , muß in einem roten Frack kommen oder wegbleiben . Also zu Wasser . Ein Boot führte mich um die Schloßinsel herum bis an die Ankerbucht , in der die » Sphinx « still und friedlich unter einem Dach weit vorgestreckter Ulmenzweige lag . Ein leiser Rauch stieg anheimelnd aus ihrem Küchenschornstein auf . Nach kurzem Anruf faßte ich eines der zwischen Mast und Schiffswandung straff ausgespannten Taue und kletterte die Stufen , bloße angenagelte Brettstücke , hinauf . Ich fand die Reisegesellschaft bereits versammelt . Es waren : Kapitän Backhusen , Leutnant Apitz , Supercargo Nettermann . Zu diesen drei Herren , die sich als Mitglieder des Seglerklubs bereits bei mancher Regatta bewährt hatten , gesellte sich , als einziger Nicht-Gentleman an Bord , das Faktotum Mudy . Er vereinigte in sich alle niedrigeren Schiffsgrade vom Vollmatrosen bis zum Kajütenjungen , und führte jeden dieser Titel nicht nur als scherzhaften nom de guerre , sondern mit allervollster Berechtigung . Mit dem Stoßruder in der Hand hatte er sein halbes Leben auf Rüdersdorfer Kalk- und Linumer Torfkähnen zugebracht . Seine Dienste , wie immer die der Subalternen , waren unentbehrlich . Er war auch Koch . Nach Begrüßung und Vorstellung durch den Kapitän , baten alle drei Herren , sich auf eine gute halbe Stunde verabschieden zu dürfen , da eine , meine eigenen Interessen mitberührende Frage , die der Verproviantierung , noch zum Abschluß zu bringen sei . Mudy werde mittlerweile die Honneurs machen , wenn ich es nicht vorzöge , mich im Köpenicker Schloßpark zu ergehen . Ich entschied mich für den Park . Mudy blieb mir immer noch ; man hat nirgends so viel Zeit zu Personalstudien , wie an Bord eines Schiffes . Eine schmale Falltreppe führte mich ans Ufer ; dann , meine Richtung auf das Schloß zu nehmend , erreichte ich ein großes , von einem Kiesweg eingefaßtes Wiesenrondell . Um diesen Kiesweg herum , in weiter gespanntem Bogen , wuchsen Buschwerk und Unterholz auf , aus deren dichtem Gewirr einzelne alte Bäume , Eichen und Akazien , emporstiegen . Die Akazien füllten die Luft mit Wohlgeruch . Es war ein köstlicher Abend . In den Nischen des Buschwerks standen halbzerbrochene Sandsteinfiguren , Urnen und trauernde Engel , anzeigend , daß hier in halbvergessenen Tagen irgendein prinzeßlicher Vorleser , irgendein Mitglied von Hofstaat oder Kapelle begraben worden sei . Nun schlugen die Nachtigallen darüber . Eine dieser Begräbnisstätten – nicht aus Pietät , sondern aus Gärtnerlaune – war von einem Blumenbeet umgeben . Alles Grün fehlte ; nur Lilien , weiße und rote , drängten sich dicht durcheinander . Diese prätentiöse Pracht wirkte beinah unheimlich . Ein junges Köpenicker Paar ging an mir vorüber , das vielleicht Auskunft geben konnte . » Wer liegt hier ? « fragt ' ich . » Da liegt der Flötenspieler « , lautete die Antwort . Und dabei kicherten beide . Ich schlenderte noch den Kiesweg auf und ab , als ich meine Reisegefährten von der Schloßbrücke her zurückkommen sah . Es folgten ihnen drei paar Träger mit großen Deckelkörben , die den angekündigten Proviant herantrugen . Die Körbe über den schmalen Steg hin direkt an Bord zu schaffen war unmöglich ; ihr Inhalt mußte also vom Ufer aus in Einzelstücken herübergereicht werden , etwa wie sich Bauarbeiter die Steine zureichen . Dies gab mir Gelegenheit , die Verproviantierung der » Sphinx « im Detail kennenzulernen . Der Eindruck , den ich davon empfing , war ein gemischter , denn alles Tröstliche , was er mit sich brachte , wurde durch ebensoviel Beängstigendes balanciert . Durch welche Gegenden mußten wir kommen , um zu solchen Vorsichtsmaßregeln gezwungen zu sein ! Es wurden eingeschifft : 120 Flaschen Tivolibier , 120 Flaschen Sodawasser , 30 Flaschen Bordeaux , 3 Filets , 2 Schock Eier , 1 Butterfaß , 1 Zuckerhut , 1 Baumkuchen , 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner . Mehr noch als diese durch Zahl oder Gewicht bemerkenswerten Quantitäten imponierte mir die Liste » Kleinigkeiten « ; sie füllte einen halben Bogen und wies über hundert Nummern auf . Ich zitiere daraus nur folgendes : eine Muskatnuß , ein kleines Reibeisen dazu , Salbeiblätter um Aal und Dilldolden um Schlei zu kochen . Alle diese Dinge , groß oder klein , verschwanden ohne Schwierigkeit in dem Rumpf des Schiffes ; die Butter , das Fleisch erhielten ihren Platz auf großen Eisblöcken , und eh ' eine halbe Stunde um war , war auch die letzte Flasche » gestaut « . Damit hatten die Vorbereitungen ihr Ende erreicht ; Ruhe trat an die Stelle der Arbeit , und während Mudy im Vorderraum des Schiffes sich um den Tee bemühte , saßen wir auf der Rundbank zwischen dem Steuer und dem Kajüteneingang und plauderten . Es war um die elfte Stunde ; in der dunklen breiten Wasserfläche spiegelten sich die Sterne , zugleich auch die Lichter aus Häusern und Villen , die , im Grünen halbversteckt , das Ufer des Flusses einfassen . Ich fragte nach dem Schiff , nach seiner Bauart , nach seinen Schicksalen , vor allem auch nach dem Seglerklub , dem die » Sphinx « als eines der schönsten Boote angehört . Kapitän Backhusen , im allgemeinen kein Mann der Rede , war plötzlich in seinem Element und nahm gern das Wort . » Ich weiß nicht , um welche Zeit der Klub ins Leben trat , aber seit einer Reihe von Jahren ist er da . Er hat wohl an hundert Mitglieder oder mehr , und die Zahl seiner Boote wird nicht geringer sein . Zwischen Treptow und dem Eierhäuschen ankert seine Flottille , die eine Musterkarte schöner und lieblicher Namen aufweist : Sturmvogel und Greif , Komet und Blitz , Libelle und Forelle , Undine und Albatros . Wir haben Korsos und Regatten , Preisrichter und Preisverteilungen ! Chronometer , Flaggen und Becher . Der große Ehrenbecher muß von Jahr zu Jahr immer neu erworben werden ; da dies selten glückt , so wandert er meist von Hand zu Hand . Aber das weckt keinen Neid ; es herrscht eben ein kameradschaftlicher Geist . « » Die Folge gemeinschaftlich überstandener Gefahren . « » Was Sie scherzhaft aussprechen , trifft doch schließlich im Ernste zu . Aller Sport , der sonst nur Spiel wäre , hat seine Gefahr , aber keiner mehr als der Segelsport . Ob es an uns liegt oder an der Perfidie unserer Gewässer , lass ' ich dahin gestellt sein ; nur so viel , es vergeht kaum ein Jahr , wo nicht die Spree hier herum ihr Opfer fordert . Und immer nimmt sie uns die Besten . Ein solcher war auch Heinecke , der auf Neu- Spreeland wohnte , unser Seglerveteran . Dazu aller Menschen Freund . Er hatte ein neues Boot bauen lassen , fuhr hinaus , kenterte und ertrank . Das machte einen großen Eindruck . › Wenn das dem passieren konnte ‹ sagte sich jeder und sah einen Augenblick mißtrauisch auf die eigene Kraft . « » Und der Unfall ereignete sich hier , auf der Spree selbst ? « » Nein , weiter aufwärts auf der Müggel . Sie ist das tückischste unter allen Wässern . Gerade so tückisch , wie sie unschuldig aussieht . Plötzlich springt ein Wind auf , wirft sich in die Segel und legt das Boot auf die Seite . Wer sich dann an Mast und Planke hält , der mag gerettet werden ; wer es aber durch eigene Kunst ertrotzen will , der ist verloren . Er verfitzt sich im Kraut und geht in die Tiefe . Die guten Schwimmer und die guten Segler , gerade sie sind es , die der Müggeltücke verfallen . « » Aber muß es denn immer die Müggel sein ? « » Nein . Es ist freilich die schönste Wasserfläche weit und breit , nicht zu sprechen davon , daß die Gefahr ebenso anzieht , wie sie schreckt . Aber dennoch ist das Ansehen der Müggel im Niedergehen . Sie muß mindestens die Herrschaft teilen . Wir bevorzugen jetzt die wendische Spree . Dort finden auch unsererseits die Regatten statt , deren ich schon flüchtig gegen Sie erwähnte . « » Man hört so selten davon . « » Gewiß . Die Berliner haben keinen Sinn dafür . Man merkt ihnen nicht an , daß sie von den Fischerwenden abstammen . Aber was sie in ihrer Totalität vermissen lassen , das suchen die einzelnen wieder auszugleichen . Und diese einzelnen sind wir . Ich wollte , Sie wären einmal zugegen , wenn der Mai anbricht und an unsern Ankerplätzen alles Leben und Erwartung ist . Wir sind dann in derselben Erregung , wie wenn Oxford und Cambridge an der Brücke von Twickenham ihren Wettkampf führen . « » Und der Schauplatz dieser Wettkämpfe ist jetzt die wendische Spree ? « » Ja , oder doch zumeist . Es ist dasselbe Terrain , das Sie morgen kennenlernen werden . Trotz der Müggel eine pompöse Wasserfläche ; die Themse bietet nichts Ähnliches . Bei Café Lubow , halben Wegs zwischen Köpenick und Grünau , beginnt unsere Segelbahn , durchschneidet der Länge nach den Langen See und läuft dann an der Krampenbude vorbei auf unser Flaggenschiff zu , das weithin sichtbar , im breiten Seddinsee das ersehnte Ziel aller unserer Anstrengungen bildet . Das Ziel und den Drehpunkt . Jetzt , mit seitwärts gedrücktem Steuer , die Biegung um das Flaggenschiff herum , und mit verdoppeltem Eifer geht es die Segelbahn bis Café Lubow zurück . Eine Strecke von rund drei Meilen . Ich darf sagen , es wird dabei mehr Kunst gezeigt , als mancher von uns Spreefahrern erwarten möchte . « » Und wer entscheidet über Sieg und Preis ? « » Die Schiedsrichter . Und dieses Schiedsrichteramt ist nun freilich das Schwerste von allem . Es handelt sich nämlich immer wieder darum , durch minutiöseste Rechnungen festzustellen , wie viele halbe und viertel Sekunden Vergütigung jedes Boot im Verhältnis zu seiner Größe zu empfangen oder zu gewähren hat . Nur nach dem Resultat dieser Berechnung werden die Preise verteilt , so daß es vorkommen kann , daß das drittschnellste Boot leer ausgeht und das drittlangsamste gewinnt . « » Es würde mich freuen , an einer dieser Regatten teilnehmen zu dürfen . « » Da lad ' ich Sie auf nächstes Jahr an Bord der › Sphinx ‹ . Sie sollen uns willkommen sein . Ja , es ist ein Vergnügen , wie es kein größeres gibt , solche Wettfahrt mit vollen Segeln , zumal wenn es stark windet , und nun allerhand Unberechenbarkeiten hier zu Havarien führen , dort Boot und Mannschaft mit Niederlage bedrohen . So das letzte Mal . Wir musterten einunddreißig Fahrzeuge , ein wundervoller Anblick ; aber nur fünfundzwanzig erreichten das Ziel . Die anderen sechs hatten Schiffbruch gelitten . Der › Elektra ‹ , unserm schönsten und größten Boot , brach der Mast glatt über Deck ab und stürzte samt der Takelage in den Seddinsee ; der › Styx ‹ rannte fest ; der › Forelle ‹ platzte von dem mächtigen Segeldruck die Wantenverbolzung und hob sich aus dem Schiffskörper heraus ; der › Sturmvogel ‹ zog Wasser und mußte Gummiplatten auf die Lecks nageln , um sich zu halten . Ein nicht geringerer Unfall traf die › Undine ‹ . Ihr riß der Leitwagen aus , der das Segel hält , und zwar gerad ' in dem kritischen Moment des Lavierens . Aber Willy Krüger , der sie führte , setzte sich als lebender Ballast auf den Leitwagen und ließ sich halb durch die Wellen schleppen . So glückte es ihm , die Regatta wenn nicht siegreich , so doch ruhmreich mit auszusegeln . « » Das klingt gut . Es würde mich nach dem allen kaum wundernehmen , Ihren Seglerklub zu einer Vorschule für unsere Flotte heranwachsen zu sehen . « » Ich sage dazu nicht nein . Ein jeder nach seinen Kräften . Wie Sie wissen , haben die Mittelgrafschaften Englands ihren vollen Anteil an dem Flottenruhm der Nation . Lord Nelson war ein Predigerssohn . Das Binnenland hat die Sehnsucht nach der See , und aus dieser Sehnsucht erwächst immer das Beste . Nicht aus der alltäglichen Routine . Wollen Sie glauben , daß wir zwischen Café Lubow und der Krampenbude mehr als einen Chinafahrer ausgebildet haben ? « » Sie scherzen . « » Durchaus nicht . Ich nenne Namen . Einer dieser Chinafahrer war Viktor von Gräfe , der , zur Mehrung des von Vater und Bruder her ererbten Ruhmes , das Seine getreulich beigetragen hat . Wenigstens nach unserer Vorstellung . « » Und zwar als Chinafahrer ? « » Gewiß . Es mögen jetzt zwanzig Jahre sein , daß er in Stettin eine Brigg bauen ließ , sie befrachtete und mit ihr nach England ging . Er war Schiffsreeder und Kapitän zugleich . Mit ihm war unser alter Eichmann , ein Freund und Klubgenosse , der die Dienste eines Steuermanns versah . In England wurde die Fracht gewechselt ; dann ging es in großer Tour erst bis Ceylon , dann von Ceylon bis Hongkong . In den ostasiatischen Gewässern verblieben die Freunde längere Zeit , wurden für die Linie Singapore-Kalkutta gechartert , und befuhren dieselbe eine Reihe von Malen . Ihre Ladung war abwechselnd Tee und Reis . Sie verdienten ein bedeutendes Stück Geld und trafen nach Ablauf von dritthalb Jahren wohlbehalten an unserer pommerschen Küste wieder ein . Ihre Studien zu solcher Weltumsegelung aber – denn ich glaube fast , daß sie ihren Rückweg um das Kap Hoorn nahmen – hatten sie auf der Müggel und dem Seddinsee gemacht . « Unter solchem Geplauder war Mitternacht herangekommen ; die Lichter am Ufer hin erloschen , nichts leuchtete mehr als die Johanniskäfer im Gebüsch und die Sterne zu unseren Häupten . Die Frische des Abends steigerte sich zu nächtlicher Kühle und ein Frösteln überlief uns , trotzdem längst energischere Getränke an die Stelle des von Mudy präsentierten Tees getreten waren . Kapitän Backhusen mahnte zum Aufbruch . In der Kajüte drückte noch die Schwüle des Tages , so daß wir übereinkamen , die Tür nicht zu schließen . Zum Schutze gegen Mücken und Motten wurde dicht am Steuer ein Windlicht aufgestellt , das wir unmittelbar darauf von all den Unholden umschwärmt sahen , die ohne diese Vorsichtsmaßregel unsere Nachtruhe gestört haben würden . So aber schliefen wir unbelästigt unserem ersten Reisetag entgegen . Von Köpenick bis Dolgenbrod Von Köpenick bis Dolgenbrod ( Erster Reisetag ) Als ich erwachte , war es heller Tag ; die schon ziemlich hochstehende Sonne füllte die Kajüte mit Licht , und an dem Lärm auf Deck , nicht minder an einer leichten Schaukelbewegung , ließ sich unschwer erkennen , daß unsere » Sphinx « bereits unter vollen Segeln war . Und so war es wirklich . Schloß Köpenick , selbst das preisrichternde » Café Lubow « , das am Abend vorher so oft genannt worden war , lagen längst hinter uns , und die Müggelberge links , die Spreeheide rechts , fuhren wir mit scharfer Morgenbrise den Langen See hinauf . Der Nordwest , der blies , sosehr er unserer Fahrt zustatten kam , ließ es doch wünschenswert erscheinen , unser Frühstück in der Kajüte zu nehmen , deren etwa nur zehn Fuß im Quadrat messender Raum schnell gelüftet war . Mudy trug auf , ein Riesentablett vor uns niedersetzend . Wir verfügten noch über all jene Herrlichkeiten , die auf Seereisen trotz ihrer Einfachheit die größten Luxusartikel bilden : frisches Wasser , frische Milch und – frische Semmeln . Mit letzteren hatte uns Köpenick noch in aller Frühe versorgt . Eine heitere halbe Stunde leitete den Tag ein , heiter und schönheitsvoll . In den Rahmen der offenstehenden Kajütentür stellten sich camera-obscura-artig die Veduten dieser Spree- und Müggelgegenden . Ruhig ging die Unterhaltung ; wenn sie schwieg , vernahmen wir deutlich jenen unbeschreiblichen Glucks- und Murmelton , womit sich ein scharfdurchschnittener Strom in nur halb gehobenen und unfertig bleibenden Wellen an die Planken eines Schiffes schmiegt . Unser Auge richtete sich zumeist auf die wechselnden und doch dieselben bleibenden Landschaftsbilder , die jetzt in immer heller werdender Beleuchtung durch unsere Tür hereinschienen ; nur von Zeit zu Zeit wandte sich der Blick auch unserer nächsten Umgebung , vor allem der Kajüte selber und ihrer kompendiösen Einrichtung zu . Es fehlte nichts . Von der in Zapfen hängenden , alle Bewegungen des Bootes mitmachenden Lampenvorrichtung an bis zu der kleinen Druckmaschine herab , die die Zigarrenspitzen abschneidet , war alles da . Flaschen , Gläser und Flakons standen eingepaßt in ihren Behältern ; überall Polster und Kissen , jeder Gegenstand des Komforts und der Toilette vertreten . Eß- und Spieltische konnten aufgeklappt oder ausgezogen