ein ... In dem Dünkel und Siegesübermuth , der sie , wie damals alle diese abenteuernden Fremden , gegen jede Vorsicht blind machte , steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung , daß sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von spätern Zeiten abhängig machen müßte ... Nun ging unser Leichtsinn so weit , daß der eine künstliche Pacten schloß mit Siegeln von Aemtern , die nirgends existirten , der andere Correspondenzen mit der Familie eröffnete , der dritte falsche Dimissorialen des Pfarrers von Schloß Neuhof brachte , die nothwendigen Depense , die dem Freiherrn gestatteten , sich andernorts trauen zu lassen - kurz , wie es nur in einer Zeit möglich war , wo täglich die größten Ereignisse sich drängten , Throne wankten , Völker in Bangen und Zagen lebten . Wir erfanden und setzten dies Abenteuer unserer noblen Passionen wie eine Fastnachtsposse in Scene « ... Löb Seligmann schauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten , der einst solcher Streiche fähig gewesen ... » In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt , eine höchst geniale Natur ... Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude « ... Löb ' s Athemzüge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar . Er mußte aufstehen und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still , um nichts zu versäumen , und horchte zitternd ... » Perl war « , las der Provinzial , » aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts gebürtig und seines Zeichens Rabbiner . Sein Aeußeres war ein gar stattliches . Nach Paris kam er , um in den dortigen Bibliotheken talmudische Manuscripte zu lesen . Ich lernte ihn kennen und schätzen . Im Geiste der Zeit , der nicht mehr der Geist des Deismus , sondern ein Bestreben war , irgendwie aus dem Deismus herauszukommen , standen wir uns nahe . Frömmler waren wir natürlich am wenigsten ; das Leben nahmen wir leicht - ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines Alcibiades nichts nach « ... Alcibiades ! wiederholte sich Löb und wußte jetzt ein höheres Wort zur Bezeichnung des Leichtsinns ... » Wir hatten aber ein Bedürfniß des Positiven . Freilich - wir suchten es eher in Indien und an den Quellen des Ganges , als in Judäa und an den Quellen des Jordan . Leo Perl war halb aus Scherz halb ernsthaft Kabbalist , was mich als Curiosität anregte . Er sprach die meisten lebenden und mehrere todte Sprachen . Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Büchern und mikrologischen Studien ; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geselligkeit fremd , jedoch seine zähe Lebenskraft , sein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ... « Gott im Himmel ! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem Worte : Zähe Lebenskraft ... » Zugleich war Perl gefällig und interesselos , wie ein Kind ... Ihm verdank ' ich nicht nur den größten Theil meiner Ausbildung , die Läuterung meiner Lebens- und Kunstansichten - sogar meine Existenz « ... Ein Mensch ! rief Seligmann schmerzbewegt ... » Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct-Zeno an seinem Geburtsort aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege , diese einträgliche Stelle mit Hülfe des Kaisers von Oesterreich aus der Säcularisation zu retten und für mich zu gewinnen . Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld ist es nicht , wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an äußere Beweise meiner Dankbarkeit fügen kann . Plötzlich zog er sich von uns allen zurück ... Trotzdem , daß er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde « Löb saß wieder zusammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang ... » Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensätze . Der gewaltige Mann lebte höchst mäßig , entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur . Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit « ... Wie Veilchen ! sagte Löb ... » Er aß trocken Brot und sprach anerkennend über die , denen nur Trüffeln mundeten « ... Wie Veilchen ! ... » Er erklärte sich für unfähig , einen vernünftigen Satz zum Druck zu stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist « ... Wie Veilchen ! ... » Perl war der strengste Kritiker , der jemals beizende Lauge im Urtheil über ein Ganzes mit der Fähigkeit verband , doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht und die Schönheiten des Details zu erkennen « ... Das wurde Löb zu hoch und - » beizende Lauge « führte ihn sogar zerstreuend auf Veilchen ' s Spitzenhandel ... » Er tadelte in kleinen Aufsätzen ein Buch so , daß man dennoch den Verfasser lieb gewann . Alles das geschah mit so viel Bonhommie , daß man vor Lachen gesund wurde , wenn man seine Scherze las « ... Seligmann hauchte wieder für sich hin : Wie Veilchen ! ... » Ich nannte ihn den zwölften Apostel , den Christus zum Ersatz für Judas Ischarioth hätte nehmen müssen . Auch versicherte er mich , sein Vorgänger Judas Ischarioth wäre der unglücklichste aller Menschen auf Erden gewesen : er wisse bestimmt , er hätte Christus geliebt : er hätte ihn mehr geliebt , als Johannes ; er hätte Jesus nur verrathen , um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen ; er hätte sich erhängt aus Verzweiflung , weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen . Würde ihn Jesus , sagte Perl , drei Jahre lang um sich geduldet haben , wenn er nicht Eigenschaften an ihm erkannt hätte , die wenigstens denen der andern Apostel gleichkamen ? ... So zwischen Ernst und Scherz , bald durch seine Behauptungen erschreckend , bald wieder wohlthuend , konnte Leo Perl plaudern . Wir gewissenlosen Cavaliere - immer ist es mir , als hätten wir nicht Ursache gehabt , uns der spätern Wendung seines Schicksals so zu rühmen , wie wir ' s zu unserer Beruhigung oft im Stillen thaten « ... Leo Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen ... sagte ein dumpfe Stimme , die wol Terschka ' s sein konnte ... Dies Wort schien auf die bindende Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein ... Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ ! erwiderte der Präsident mit parodirender Ironie ... » Leo Perl « , fuhr der Provinzial fort , » wurde von uns überredet , in den Betrug der Maldachini miteinzutreten . Ganz in der Laune , die wir an ihm kannten , griff er zum Champagnerglase und sagte lachend zu . Wir verlangten von ihm nichts Geringeres , als sich in ein Priestergewand zu hüllen und in einer entlegenen Kapelle , auf den Gütern eines der Mitverbündeten , bei nächtlicher Weile den Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen . Aufrichtig gesagt , ich erstaune noch jetzt über seine Zustimmung ... Ich kannte sonst die Gewissenhaftigkeit , die ihn beseelte , bei aller Leichtigkeit in der Beurtheilung anderer « ... Auch für Löb verlor sich sein : Wie Veilchen ! und der Spinozismus jetzt in drei bis fünf Jahre Gefängniß ... » Perl war des Ritus so kundig , wie oft kein - Domdechant « - Der Provinzial mußte wol im Lesen lächeln ... Seine Stimme klang heller ... » Die vermessene , wahnwitzige Scene ging vor sich bei Lichterglanz und unter Assistenz eines Meßners , den eine Person spielte , die ich Ihnen nicht nennen will « ... Eines Priesters also ! sagte Terschka bedeutungsvoll , ohne den Dechanten selbst zu nennen ... Wie es scheint ! bemerkte der Präsident und setzte mit Bitterkeit hinzu : Sie suchen für Ihre Casuistik irgendeine geheime Schraube ! Was das bürgerliche Recht mit dem Zuchthaus bestraft , wird bei uns das kanonische nicht zum Sakrament erheben ! - Doch lesen Sie ! Ich bitte ! ... » Eine katholische Trauung muß in dem Ort stattfinden , wo man lebt ; dafür hatten wir die Demissorialien . Sie findet in der Regel des Morgens statt ; dafür hatten wir wiederum einen Erlaßschein . Das in der Waldkapelle bei Nacht verbundene Paar bestieg eine Kutsche und reiste auf Schloß Neuhof . Dort lebte es dann so , wie es der Freiherr gewünscht hatte . Einstweilen noch kehrte die Maldachini in ihre Stellung zur Bühne zurück . Sie genas später eines Knaben , der auf den Namen der Mutter getauft und von einer Dame erzogen worden ist , die ich - gleichfalls nicht nennen kann « ... Frau von Gülpen ! blitzte es in Löb auf ... Doch nahm er diesen Gedanken zurück , da er nur die große Anzahl » Nichten « kannte , denen Frau von Gülpen eine so liebende Tante war ... Länger dauerte freilich der Nachklang desselben Namens - bei Bonaventura ... » Die Kämpfe der Maldachini , sich anerkannt zu wissen , gingen mit der Zeit aufs Aeußerste . Sie wurden um so gefährlicher , als sie Verdacht schöpfte und mit Entdeckung drohte . Nur weil ihr Perl öfters in wirklicher Priestertracht entgegentreten konnte , wurde sie beruhigt . Der Kronsyndikus hatte in seinen Neigungen keinen Bestand ; bald wurde er gegen sie wie gegen alle ; sein Leben auf Neuhof steigerte sich ja bis ins Sinnlose « - ... Löb füllte die Pause , die entstand , mit der Empfindung : Muß ein Sohn das von seinem Vater hören ! ... » Bald erfuhr auch diese seine vermeintliche Gattin die gewöhnliche Tücke seines Sinnes . Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und bestand mitten in dem Gewühl der Flucht des westfälischen Hofes von Kassel 1813 ihre Entbindung . Der Kronsyndikus , sich an den Zusammenbruch des Königreichs Westfalen haltend , verstieß sie ... Hülflos wurde sie von den Mitgliedern ihrer Gesellschaft in den allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgerissen ... Wir verloren sie aus den Augen und das für immer . Eines Tags erzählte mir Ihr Vater lachend , sie wäre in Paris eine Herzogin geworden ... Damals aber brach die Zeit an , wo über uns alle ernstere Stimmungen kamen . Unsere mannichfach neubedingten Lebensstellungen riethen uns , unsere Aufführung zu regeln und so entstand das Bedürfniß , auch über diesen Jugendstreich den Mantel der Vergessenheit zu breiten - zumal , da ich später von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr , daß er diese Ehe - « An dieser Stelle war es plötzlich dem Horcher , als hörte er eine Bewegung , die nicht von den Männern im Nebenzimmer kommen konnte , obgleich auch drinnen die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen auszudrücken schienen ... Aengstlich sprang Löb zur Seite und hielt die Decken , die ihm entgleiten wollten ... Alles war wieder still . Glücklicherweise ... Denn gerade die ihm werthesten Stellen der Bekenntnisse des Dechanten konnten ihm verloren gehen ... Der Provinzial hatte inzwischen nicht weiter lesen können , denn Terschka sprach ... Terschka sprach von der Ehe und forderte Bonaventura auf , zu sagen , worin die katholische Ehe ein Sakrament wäre , ob durch den Priester oder durch die Verbundenen ? ... Die Lehre der Kirche läßt es kaum zweifelhaft ! lautete die leise und mit tiefster Erschütterung gegebene Antwort des Domherrn ... Der Präsident bat um genauere Erklärung ... Doch an dieser so hochwichtigen Stelle mußte Löb Seligmann den Schrecken erleben , daß sich jenes Geräusch wiederholte ... Es schien sogar aus dem dritten der dunkeln Zimmer zu kommen ... Bebend sprang er zur Seite und fiel fast über die Franzen seines improvisirten Hohenpriestermantels ... Dann aber war wieder alles still ... Dafür aber waren die Männer nebenan im lebhaftesten Streit über die Ehe und das Sakrament ... Der katholische Glaube in allen Subtilitäten , deren Kenntniß plötzlich von Terschka mehr im Scherz als im Ernst angedeutet wurde , regte den Präsidenten so auf und veranlaßte seinerseits für die Rückhaltsgedanken der Kanonisten so heftige Wortbezeichnungen , daß der Provinzial mit entschiedener Stimme einfiel und rief : Lesen wir wenigstens den Brief ! ... Dann fuhr er fort : » Die Trauung selbst war allerdings eine Scene , die uns alle mit Schrecken überrieselte ... Die nächtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klänge der Orgel « ... Löb Seligmann konnte nicht nachfolgen ... Der Himmel strafte ihn für die Schuld seiner Väter ... Das Geräusch nahm zu , er hörte einen leise auftretenden Fußtritt - er bekam Gesellschaft ... Unwillkürlich mußte er sich zur Erde ducken hinter einem der größern Sessel ... Es kam Jemand , der gleichfalls die Vortheile der spanischen Wände des Schlosses genießen wollte ... Schon war seine Gesellschaft im zweiten Zimmer ... Sie kam leise auftretend jetzt ins dritte ... Es war eine Dame ... die Herrin des Schlosses selbst ... die Präsidentin ... Löb sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel , wenn die hohe Gönnerin ihn hier ertappte ... Die Decken waren ihm schon entglitten ... Fast fiel die vornehme Frau über sie ; sie legte sie murmelnd auf die Tische ... Sie schien hier schon orientirt zu sein ... Es war die Mutter des Domherrn - und doch so völlig eine andere ... Löb kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd , wie die Frau sich wundern würde , wenn sie seinen Hut - Gott sei Dank ! - Sein Hut war in einem Schlosse , wo er sich so heimisch fühlen durfte , auf seinem Zimmer geblieben ... Die Präsidentin nahm wie er an der Wand Platz und schien so vertieft in die Worte , die der Provinzial las , daß er es wagte , zwischen zwei Uebeln das geringere zu wählen : Entdeckt zu werden oder über Leo Perl nicht völlig ins Reine zu kommen ... Er mußte letzteres vorziehen ... So kroch er auf allen Vieren in das nächste Zimmer , richtete sich dort behutsam auf , schlich in das erste Zimmer zurück und fand jetzt , wie er erwartet hatte , einen Drücker an der Thür , die auf den Corridor führte . Ein Griff war eben erst aufgesetzt worden ... Sanft folgte jetzt die Thür dem Druck seiner Hand und nun sah er wohl , nun fehlte der praktikable Handgriff draußen ... Leise zog er die Thür wieder an sich und verschwand und war befreit ... Die hellste Mittagssonne schien ... Sie schien so frühlingsahnungsreich , so erlösend von allen Banden des Winters und des Todes , daß er von einem Traum erwacht zu sein glaubte ... Zu dem , was ihm noch an Vervollständigung der merkwürdigsten Geheimnisse seines Lebens fehlte , legte er das Gefühl hinzu , doch lieber im Sichern zu sein , lieber unentdeckt auf Fährten , die ihn leicht aus seiner gegenwärtigen glänzenden Laufbahn entfernen konnten ... Schloß Neuhof wurde ihm zum » Schloß Avenel « . 21. Benno - Benno - mein brauner Zigeunerknabe ! Du , du also der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen , betrogenen , bemitleidenswerthen Frau - ! ... Du , der Bruder einer Angiolina , die das Schicksal in die wildesten Strudel warf und die die Gräfin von Salem-Camphausen werden kann , wenn ein ruchloses Gaukelspiel - - doch , doch nicht ganz misglückte ... » Was du auch in diesen Tagen von mir hören dürftest , ich war schwach « - » um der Liebe willen « - hatte der Onkel geschrieben - Nein , Onkel ! Das war die Liebe nicht , deren heiligste Forderungen du nicht verstandest ! Das war ein Hohn , gesprochen den Gesetzen der Natur ! Die Natur willst du preisen ? Nur in den Sinnen findest du sie ! ... Onkel , Onkel , Theurer , dessen weiße Hand ich so gern küssen mochte , warum hast du uns das gethan ! ... So tiefschmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freudig rief es in Bonaventura ' s Innern , während auch nicht einer der Hörer die Menschlichkeit besaß , zu fragen : Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens , der doch jetzt vielleicht siebenundzwanzig Jahre zählen müßte ? ... Sind euch die Sünden des Mannes , dessen Leben so grauenvoll da aufgedeckt liegt , so schon geläufig , daß nicht Terschka , nicht der Präsident , nicht der Provinzial fragt : Wo ist das zweite Kind ? Der Sohn ? Was wurde aus dem ? ... Hatte also Benno Recht , so oft er sprach : Alles das muß in den Beichtstühlen verborgen bleiben ! ... Terschka , der glatte , jedem ausweichende , immer lächelnde Sendbote , der jetzt vielleicht sogar das Herz einer Armgart bestrickte - wie hält er so seltsam geheimnißvoll die Fäden aller dieser Wirren in der Hand ... Er nennt vielleicht doch plötzlich Benno bei dem Namen , der ihm gebührt - Benno , dessen Ehrgefühl so krankhaft ist , wie Verdacht in der Liebe ... Nimmermehr dürfen diese Schleier gehoben werden , ohne daß Benno es will ... Nie , nie darf ihn dieser gräßliche Fluch seines Daseins überraschen auf dem Boden , auf dem er lebt ... Erführ ' er davon , er stürmte fort von diesem Schauplatz der Lüge , die selbst deine spätere liebende Sorgfalt , Onkel , nicht veredelte ... Furcht war es , was dich bestimmte , Benno ' s Ursprung zu verbergen ... Die Zeiten hatten sich geändert , der Onkel wollte das Stift Sanct-Zeno erhalten , wollte , mußte die Pflichten eines Dechanten üben , erinnerte sich , daß er jetzt den unbescholtensten Priester zu spielen hatte ... Ohne Zweifel bat er den Bruder , der aus Spanien zurückkehrte , das Kind als sein eigenes mitzubringen - ohne Zweifel wurde deshalb selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen - Ja man gab ihn für jünger aus , als er war ... Benno ist älter , älter als du ... Daher die größere Reife seines Verstandes ... Alles , alles bot man auf , die Nachforschungen nach seinem Ursprung unmöglich zu machen ... Immer wieder mußten sie auf jene Scene zurückführen , bei der ein jetzt in Amtswürden stehender Priester als Meßner einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung unterstützte , einen Juden - der - dann ihn selbst getauft hatte ... und in einer Segnung - Hier verwirrten sich in Bonaventura die Vorstellungen ... Kaum hörte er noch der weitern Vorlesung zu ... Brachen doch alle diese Thatsachen auf ihn wie Blitze herein ... Und dazu dann noch die Nachricht : Lucinde ist dir gefolgt ! ... Eine Kunde , die ringsum alles in Nacht verdunkelte ... Diese Conferenz fand statt in jenem Zimmer , in dem einst Lucinde und Klingsohr sich hatten finden und vereinigen sollen , um den Kronsyndikus zu schützen ... Behagliche Wärme entströmte einem weißen Ofen ... Die Sonne schien hell und mild durch die Fenster ... Still war alles ringsum ... Auf dem Tisch , um den die vier Männer saßen , stand Schreibzeug , lagen Federn und Papierstreifen ... Terschka zerdrückte in seiner Ungeduld eine Federspalte nach der andern und kämpfte mit sich - seine Erinnerungen an das kanonische Recht nicht allzu sehr zu verrathen ... Scheu blickte er zu Bonaventura auf , als wollte er sagen : Das weißt du doch , daß das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den Ortspfarrer oder dessen zugestandene Stellvertretung und zwei Zeugen verlangt , daß es aber zum Stellvertreter sogar gestattet , einen noch nicht geweihten Priester zu nehmen ? Das weißt du doch , daß das , was an einer Ehe das Sakrament ist , sich durch die Verbundenen selbst vollzieht und nicht im mindesten durch den bei allen andern Sakramenten als die Hauptsache vorwaltenden Priester ? Das weißt du doch , daß sogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an sich ganz überflüssig sind , wenn ein sich selbst einander die Ehe gelobendes und vollziehendes Paar nur einer Messe beiwohnt ; ja daß auch eine Messe zwar gelästert und verunreinigt werden kann durch Misbrauch , aber dennoch ein Opfer bleibt , das , richtig ausgeführt , sich durch seine eigene Kraft vollzieht ? Die von einem Priester im Stande der Todsünde gelesene Messe ist wirksam - wie sollte die von einem Juden in Priesterkleidern gesprochene einfache Segnung nicht wirksam gewesen sein bei einem Act , wo die heilige Mystik des Priesterthums wegfällt ? ... Hier fand eine Trauung ohne Messe statt , in einer Abendstunde , die sonst nicht Sitte , aber wiederum nicht hindernd ist ... Endlich - schließt denn der Betrug , den man mit dem Pfarrer spielte , das gläubige und von Zeugen vernommene Ja ! der Braut und des Bräutigams aus ? Das Mysterium der Ehe liegt in denen , die aus sich selbst wie in Adam und Eva durch die Liebe ein Abbild der Menschheit wiedergeben wollen , nicht im ersten Priester des Paradieses , nicht in Gott , der sie zusammenthat ; die Liebenden opfern durch sich , durch die Ehe Gott ... In der Ehe empfängt Gott oder der Priester ; beide geben nichts ... Das alles sprach Terschka nicht ganz ... So heimisch war er nicht mehr in den Prüfungen , die einst » Pater Stanislaus « zu bestehen hatte ... Aber Bonaventura las es wie Ahnungen aus seinen Augen , er , der seinerseits allerdings so heimisch in diesen Anschauungen war , wie der Onkel Dechant - in den Wandgemälden Pompejis ... Der im Antlitz wie mit Purpur übergossene Präsident ersuchte den Provinzial weiter zu lesen ... Dieser that es - und in der That lächelnd : » Eine Scene war es , die uns sogar selbst mit Schrecken überrieselte ... Die nächtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klänge der Orgel ... Wir kamen von einem Mahl , das Graf Altenkirchen gegeben hatte ... Die Diener blieben zurück ... Wir erklärten gegen Mitternacht , vom Kapellenthurm aus im Walde über die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondstrahlen beobachten und eine Windharfe hören zu wollen , die über einen Durchhau der Tannen gespannt war ... Bereits war ich selbst voraus und fand Leo Perl im Ornat , einsam in der Kirche auf- und abgehend und mit sich selbst redend ... Wahrhaft schön sah er aus in seinem langen Kleide ; die Stola , reichgestickt , hing über seiner Schulter ... Graf Altenkirchen spielte die Orgel ... Fulvia Maldachini wurde vom Kronsyndikus geführt ... Baron von Liebetreu trug die Schleppe ihres Kleides ... Sie schwebte dahin , wie Juno , als sie Zeus vor allen Olympiern zu seiner Gemahlin erhob ... Bei ihrem Stolz und Glück hatte sie von allem kein Arg ... Die Worte , die der Priester deutlich sprach : Willst du diese gegenwärtige Signora Maldachini , Marchesina von Santalto , zu deiner Gattin nach Vorschrift der heiligen Mutter Kirche annehmen ? verstand sie nicht , aber den Gebräuchen paßte sie scharf auf ... Der Wechsel der Ringe , alles erfolgte nach Vorschrift ... Perl war so heimisch in dem , was er zu thun hatte , daß wir darüber erstaunten ... Auch nicht eine Eigenheit des Ritus ging verloren ... Wir gingen dann zum Schloß zurück ... Scheu und in der That schon erschreckt von unserm Frevel ... Die Windharfe , von goldenen Mondstrahlen beschienen , klagte geheimnißvoll über die Tannen herüber . Noch klang die Orgel hinter uns her ; Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt , um die Kapelle zu schließen ... Wir hörten das Rascheln unserer Schritte auf dem grünen Wiesenplan , wo uns die Leuchtkäfer umglühten ... ... Der Weg war nicht zu nah bis zum Schlosse ... Glücklicherweise war die Italienerin in einer so überspannten Aufregung , daß sie uns alle zu sprechen zwang ... Es ging französisch , italienisch , deutsch durcheinander ; aber wir fanden erst allmählich den Ton des Scherzes wieder ... Einer dann aber niemals mehr - Leo Perl « ... Der Provinzial hielt inne - um das Gericht Gottes zu bezeichnen ... » Der Freund « , fuhr er nach einer Weile fort , » hatte den Gedanken unsers Betruges , mein ' ich , ganz ebenso leichtsinnig ergriffen , wie wir ... Zusammengesetzt in seinen Principien aus Voltaire und dem Zufall , den die Kabbala lehrt , scherzte er über alles , was Plan und Absicht im Leben ... In Alles müsse man sich blind werfen ... Auch in die Ehe ... Und lächerlich war ihm die Anmaßung dieser Italienerin , die soviel Werth auf sich legte ... Er war eitel darauf , sich unsers Vertrauens zu erfreuen . Seine Lust an der Sache ging so weit , mit Befriedigung zu zeigen , wie vollständig ihm , einem Rabbiner , der Ritus unserer Kirche bekannt war ... Was konnte ihm geschehen bei einer Mitschuld so bedeutender Namen ! ... Man setzte voraus , daß in Paris der Kaiser selbst lachen würde , erführe er den Betrug ... Geld , glaubte man , würde ausreichen , den Handel , wenn er bekannt würde , niederzuschlagen ... Da mußte uns denn freilich überraschen , daß wir plötzlich unsers fröhlichen Doctor Leo Perl ' s Spur verloren ... Gleich nach der Trauung war er verschwunden ... Mit sich mehrender Verlegenheit suchten wir ihn ... Wir erschraken nicht wenig , als wir in Erfahrung brachten , daß er Christ geworden und noch mehr , daß er sich zu Witoborn im Seminar befand ... Sofort eilte ich ihn aufzusuchen und hörte zu meinem Erstaunen , daß Leo Perl katholischer Priester werden wollte ... Als ich mit ihm sprach , erkannte ich ihn nicht wieder . Scheu blickte er zur Erde und wich allem aus , was ihn an die Vergangenheit erinnerte ... Sind Sie aus einem Saulus ein Paulus geworden ? fragte ich ... Es gibt viel Wege nach Damascus ! war seine Antwort . Er deutete an , daß für ihn der Weg zur Erleuchtung über die Mondscheinnacht in Altenkirchen gegangen ... Hat Sie der Frevel so erschreckt ? fragte ich . Haben die Meßgewänder Sie zu unserm Ritus herübergezogen ? ... Er verrieth vollkommen , daß er sich hatte taufen lassen im Schauer über seine That , im Schmerz um seinen Leichtsinn und wie von Christus selbst darum angeredet und ermahnt ... Er sprach ganz wie Augustinus in seinen Bekenntnissen . Wie diesen sein künstlich sophistisches Redneramt mit Gewalt zum Ernste gezwungen , so geschah es ihm auch mit seiner falschen Rolle ... Die Windharfe hätte ihm , sagte er , gerufen , was dem Redner Augustinus , als er unterm Feigenbaum in Mailand über sein stetes Lügen und rednerisches Prahlen weinte , die Kinderstimmen aus dem Nachbarhause : Nimm und lies ! Nimm und lies ! ... Als ich seinen Entschluß lobte und ging , wollten Andere sagen , der Kronsyndikus , der die Entdeckung zu fürchten anfing , hätte ihn mit Geld bestimmt ... So viel ist gewiß , daß er später seine erste Messe im Münster von Witoborn lesen mußte , nur damit die gerade anwesende Maldachini ihn sah ... Mir gegenüber wollte Perl behaupten , die Ehe derselben wäre gültig ... In unserm lebhaften Streit darüber unterbrach uns der Besuch seiner Verwandten ... Eine Jugendgeliebte hatte Perl gehabt , an die er Briefe schrieb , wie Plato an Diotima ... Er gestand zu , daß sie ein ganz einfaches Judenkind wäre , doch malte er sie sich wie ein hohes Phantasiegebilde aus , das er dann freilich desto leichter aufgeben konnte ... Nun fingen die Verwandten an , ihn aufs heftigste zu bestürmen ... Seine Schwärmerei war keine nachhaltige ... Verstand und Phantasie wechselten von jeher bei ihm ... Endlich erschien ihm eines Tages aus einem , seinem Zimmer im Convict gegenüberliegenden Hause am Fenster seine ehemalige Geliebte , geschmückt wie Esther , das Haar voll weißer Perlen und vom bräutlichen Schleier umwunden ... War es Traum oder Wirklichkeit , der Eindruck auf ihn wurde so mächtig , daß er zum Rector , dem spätern Bischof Konrad , eilte und sich ihm zu Füßen warf mit der Bitte , ihn wieder freizulassen ; er könne nicht Priester werden ... Der gute Rector war gern bereit dazu ... Da aber soll der Kronsyndikus , Ihr Vater , dazwischengetreten sein , soll Leo Perl auf Neuhof entboten und ihn so in die Enge getrieben , ihn so eingeschüchtert haben , daß Perl ins Convict zurückfloh und wirklich Priester wurde ... Gleich nach der Messe im Münster erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre ... Seitdem sah ich ihn nicht wieder ... Er verfiel in Hypochondrie , blieb ein einfacher Landpfarrer und zeitlebens von einem verschlossenen Sinn ... Auch mich überschleicht Trauer und Wehmuth , gedenk ' ich jener Tage ... Um den Sohn der Fulvia , um Ihren natürlichen Bruder , tragen Sie keine Sorge ! Er lebt in Verhältnissen , die zur Grausamkeit machen würden , ihn über seine Herkunft aufzuklären . Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweisungen aus Rom . Diese werden , denk ' ich , nicht weiter gehen , als daß er die Wahrheit erforschen soll . Er hat Ihnen einen Bevollmächtigten der Ansprüche Angiolina ' s in Aussicht gestellt . Theilen Sie diesem von allen meinen Geständnissen , die ich vor Gott und meiner Ehre vertrete , so viel mit , als zu seiner Aufklärung nothwendig ist . Ich wünschte , es wäre ein Priester ; denn scheue ich mich auch nicht , vor meinen Mitleviten zu bekennen , was wir täglich ausrufen sollen : Mea culpa , maxima culpa ! so wünscht ' ich doch , die Gräber blieben unaufgedeckt . Was auf ihnen blüht , blüht gesund und schön und ist es auch Irrthum und Sünde - es ist ! So unser ganzes Leben . Würde man Wahrheit pflanzen wollen , gedeiht sie - - ? « ... Noch kamen einige Worte des Grußes an Bonaventura und - an die Lauscherin ... Das Bekenntniß war zu Ende ... Die Blicke aller Anwesenden waren auf Terschka gerichtet ...