Czar Nicolaus sind unserer heiligen Sache entstanden und haben unsere Pläne durchkreuzt , und wir können augenblicklich nur die welterschütternden Ereignisse beobachten und so viel als möglich die einzelnen Phasen für uns benutzen . Ich glaubte Michael , da er nur ein Knabe ist , noch nicht siebzehn Jahre , gesichert vor den Stürmen der Zeit in jener Anstalt zu Petersburg , wohin ihn das Testament seines Vaters bestimmt ; ich bedachte und ahnte nicht , daß er den Geist desselben und seine Gesinnung geerbt . Am Rande meines Lebens muß ich sehen , wie das Kind meines Blutes von mir abfällt und ein fanatischer Anhänger meines Feindes ist . In Odessa , wo ich größtentheils mich aufgehalten , seit ich meine Nichte bis dahin auf dem Wege zu ihrer Stiefschwester am Kaukasus begleitet , überraschte mich der jubelnde Brief des thörichten Knaben , daß sein Abgott , der Czar , ihm gestattet , in ein Regiment für die Krimm einzutreten , und daß er bereits auf dem Marsch hierher sei . Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag und machte das alte Herz erbeben . Ich eilte ihm entgegen , ich versuchte durch alle meine Verbindungen das Geschehene rückgängig zu machen - vergebens ! er weigerte sich , seinen Dienst zu verlassen oder zu vertauschen , ja , ich vermochte ihn nicht einmal dazu , die Strapazen , die seinen jungen Körper aufreiben müssen , sich zu erleichtern . So folgte ich , von Angst getrieben , schon von Kiew den Märschen seines Bataillons . « » Und nun ? « » Gott selbst hat entschieden ! Das Bataillon , zu dem er gehört , ist durch seinen Rathschluß in diesem Augenblick wahrscheinlich vertilgt aus der Reihe der Bestehenden - er vielleicht das einzige Leben , das von tausend mit Ihrer Hilfe gerettet ist durch mich . Seine Pflicht gegen den Kaiser und sein Vaterland ist erfüllt , sein neues Leben gehört mir , seinem Retter und einzigen Verwandten . Ich werde ihn mit fortnehmen aus diesem Lande , wo der Mensch nur die Zahl ist in den Augen seines Herrn , und ihn , fern von hier , nach einem ruhigern führen , wo meine letzten Tage seinem Glück geweiht sein und ihn Besseres kennen lehren sollen , als die Opferung für Zwingherrschaft und Tyrannei . « » Aber Wanda , Ihre Nichte ? « » Sie lieben sie ? « Eine dunkle Gluth überzog das edle Gesicht des jungen Tschetschenzen . - » Warum soll ich leugnen , wessen ich mich nie zu schämen brauche ? Es wird das Glück meines Lebens sein , daß ich nur einen Dienst ihren Freunden zu leisten hoffen durfte und jetzt sie selbst auslösen kann aus der Gewalt Derer , die für sie Fremde und Barbaren sind . Ehe der Mond noch ein Mal seinen Kreislauf vollendet , wird Gräfin Wanda in den Armen der Ihren sein . « » Und verloren für Dich , Thor , « sagte der Greis hastig . » Halte fest , was das Glück Dir bescheert , Du bist würdig , sie zu besitzen . « Djemala-Din sah ihm erstaunt , bestürzt in ' s funkelnde Auge . » Warum wollen Sie eine Hoffnung wecken , die nie verwirklicht werden kann ? « » So liegt es an Dir allein , Mann ! Keinem möchte ich Wanda lieber gönnen , als Dir , dem künftigen Führer eines freien und edlen Volkes , das Polen mit Strömen von Blut und unvergänglichem Haß rächt an den stolzen Unterdrückern , das allein Rußland ' s Macht bisher widerstanden hat . Nimm sie hin , die Tochter Polens , die Du Dir gerettet unter dem Mordmesser der Raubgesellen und die Dich liebt mit allem Feuer ihrer edlen Seele . Wanda denkt zu groß und hochherzig , um nicht dem Manne ihrer Liebe zu folgen auch über die Gränzen der hohlen Civilisation , und an ihrem Geist , ihrem Heldenfeuer und freien Sinn wird Deine eigene Seele und Begeisterung erstarken zum Kampf für die Freiheit . « » Glänzender Traum - hoch über dem Glück der Sterblichen , wie der Adlerhorst meiner Ahnen über den niedern Thälern der Kabardah ! « - Er preßte die Hände auf die stürmisch klopfende Brust . - » Welches Bild zeigst Du mir , o Vater - sie , die Tochter milderer Sitten und Künste , die Gattin des Nomaden ? - sie die Schöne und Zarte das Weib des Kriegers der wilden Berge , die Christin das Weib des Moslems - - « » Was kümmert das die Liebe ? ! Deine Sache , Fürstensohn der Abchasen , ist es , dem Polenkinde den Willkomm und das Haus zu bereiten unter Deinem Volke ; Deine Sache ist es , die Braut zu gewinnen , indem Du sie zurückbehältst in Deinen Bergen oder mit dem Säbel in der Faust aus dem Lager der Russen holst . Der Segen und die Einwilligung eines Greises , ihres liebsten Verwandten , sei mein Abschiedsgeschenk an Dich für ihre und Michael ' s Rettung . « - Er schrieb eifrig beim Licht des Feuers auf ein Blatt seiner Brieftafel , siegelte es und gab es dem ehemaligen Offizier . - » Das Wort des Bruder ihrer Mutter wird ihr weibliches Zaudern beseitigen , wo es die Erfüllung eines hohen Lebenszieles gilt . Möge der Himmel Euch schützen und Polens Tochter durch ihre Liebe sühnen , was Polens Söhne in den Reihen Rußlands gegen ein freies Volk gefrevelt haben . Danke mir nicht , Djemala-Din , mein Sohn - Dein und Wanda ' s Glück liegt in Deiner eigenen Männerhand . Von Deinen Bergen sende mir mit ihr den Gruß der Freiheit - und nun laß uns ruhen nach dem Sturm der Natur und der Seelen , denn die Ruhe thut diesem alten Körper noth ! « Er drückte ihn innig an seine Brust - dann schlich er nochmals zum Bett seines schlummernden Enkels und theilte mit dem Tscherkessenfürsten das Lager , das die Gastlichkeit der Mennoniten ihnen bereitet . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der wilde Schneesturm dauerte mit gleicher Heftigkeit , wie die Tataren es voraus gesagt , bis zum Nachmittag des andern Tages . Jeder Versuch , während des Morgens in ' s Freie zu dringen zur Aufsuchung der Verunglückten , scheiterte an der Wuth des Orkans und der grimmigen Kälte . Erst mit der beginnenden Dunkelheit legte sich der Aufruhr der Natur eben so vollständig und eben so plötzlich , als er entstanden , und konnte die Verbindung mit den nächsten Gehöften wieder hergestellt werden . Aber nirgends fand sich eine Kunde von dem unglücklichen Bataillon und die ganze männliche Bevölkerung der Kolonie und der in ihrer unmittelbaren Nähe liegenden Stanzia machte sich noch am Abend auf , beim Schein des hellen Sternenlichts die Spuren der Vermißten zu suchen . Djemala-Din und Bogislaw begleiteten sie , während der Graf bei dem von den ausgestandenen Leiden erkrankten Knaben zurückblieb . Eine Stunde weit von der Kolonie , mitten in der öden Steppe , fand man die Bestätigung des gräßlichen Unglücks , nachdem man schon lange vorher in einer tiefen Regenschlucht das zerschmetterte Gefähr des Grafen und mehrere Bagagewagen , so wie rings auf der weiten Schneefläche zahlreich Leichen Erfrorener vereinzelt entdeckt hatte . Ein Berg von Schnee , von dem Sturm zusammengewirbelt , wölbte sich hier gleich einer mächtigen Tumule , aus dessen Grund menschliche Glieder und Waffen hervorragten . Die Steppenwölfe umheulten den riesigen Grabeshügel und flohen bei der Annäherung der Lebenden . Mit rüstiger Kraft , von Stunde zu Stunde sich ablösend , ging man daran , die Lawine zu öffnen - je weiter man kam , desto schrecklicher , herzzerreißender wurde das Schauspiel , das sich den Blicken bot . Haufen von Leichen übereinander liegend , starr und eisig , daß bei den Stößen der Schaufeln und Hauen die Glieder wie Glas absprangen , enthüllten sich den Augen . Als der Morgen tagte , stieß man auf das Schrecklichste . In dichtem Haufen gedrängt , aufrecht , fest an einander gepreßt und durch ihre Masse sich haltend , viele noch die Gewehre in den erstarrten Händen , standen mehr als dreihundert Leichen , - ein Quarré von todten Kriegern , in ihrer Mitte der Podpolkawnik , ihr Führer , gleich als erwarteten sie den Feind . Und der Feind war über sie gekommen , aber nicht der , dem Menschenkraft und Menschenmuth widerstehen konnte im ehrlichen Kampf . Die grause Kälte hatte ihre Kraft gebrochen , die Grabeslast des Schnee ' s ihren Muth mit dem Leben getödtet . In den starren Augen schien noch der Trotz des Kriegers zu funkeln , die Reihen schienen nur des belebenden Kommando ' s zu harren , um sich neuem Leben zu entfalten . - Aber der Kommandoruf , der sie weckte , sollte nur die Posaune sein des ewigen Weltgerichts , die die Gräber öffnen wird und die Todten laden zum Gericht des Herrn ! Der junge Tschetschenze floh schaudernd von der schrecklichen Grabstätte . Noch am selben Tage schied er von dem Grafen und seinem frühern Schulgenossen und setzte die Reise nach Perecop und Kertsch fort ; denn der Gedanke , die Geliebte schutzlos unter seinen tapfern aber wilden Landsleuten zu wissen , drängte ihn zur fieberhaften Eile . Ende Februar langte er in Chassaw-jurth an , wo der Fürst Tscheftsawadse sich aufhielt , und seine eigene Ungeduld beschleunigte die Verhandlungen . Der 22. März war der Tag , den der Emir selbst zur Auswechselung der Gefangenen an den Ruinen des Forts von Schoib-Kapu an der Gränze der großen Tschetschnia bestimmt hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Krankheit des jungen Unterfähnrichs , des Einzigen , welcher aus jener furchtbaren Nacht von dem Bataillon das Leben gerettet , fesselte ihn wochenlang an das Haus des menschenfreundlichen Mennoniten und mit ihm den alten Grafen , seinen Großvater und dessen treuen Diener . Nur langsam ging die Kräftigung des Jünglings wieder vor sich und sehnsüchtig saß er am Fenster des kleinen Stübchens , das ihre Wirthe ihm eingeräumt , und schaute den Kolonnen nach , die Tag um Tag vorüber nach dem Süden zogen zu Kampf und Ruhm . Der alte Revolutionair sorgte mit der Aufmerksamkeit und Liebe einer Mutter für jedes Bedürfniß , für jede Pflege des Enkels , während jedes seiner Worte ihn für seine Pläne zu gewinnen berechnet war . Das Schweigen des Jünglings galt ihm als Zugeständniß für die Erfüllung seiner Wünsche , und schon bereitete er ihre Abreise nach Odessa vor , um von dort nach Frankreich oder der Schweiz zu gehen , als an einem Morgen der Unterfähnrich plötzlich verschwunden war . Ein zurückgelassener Zettel zeigte ihm die Täuschung , in die er sich gewiegt , die Worte lauteten : » Tausend Dank und Segen für Deine Liebe , Großvater , aber Michael Lasaroff hat das Herz eines Russen und sein Platz ist in Ssewastopol ! « Fußnoten 1 Station . 2 Tumulen , alte mongolische Grabhügel . 3 Kohlsuppe und Grütze . 4 Brüderchen - häufige Anrede gegen Untergebene . 5 Menoniten . 6 Oberst-Lieutenant . 7 Unter Kosziusko am 17. Juli 1792 . Das » Finis Poloniae ! « in der zweitgenannten Schlacht gegen Suwaroff am 10. October 1794 ist bekannt . II. Nicht auf den Schlachtfeldern allein stirbt man den Heldentod für ' s Vaterland ! Wir haben unsern Lesern im ersten Band unseres Buches , das sich seinem Ende naht , versprochen , sie noch ein Mal in das Kabinet des mächtigen Monarchen zu führen , gegen den in diesem Augenblick das halbe Europa in Waffen stand . Der Kaiser war seit mehreren Tagen leidend - die in Petersburg mit großer Heftigkeit herrschende Grippe hatte auch ihn ergriffen , und die Rastlosigkeit , mit der er seine Thätigkeit fortsetzte , die Aufregung , der er sich über die politischen Ereignisse innerlich hingab , und die geringe Schonung seiner Gesundheit hatten das Uebel von Tage zu Tage gesteigert . Obschon bis jetzt noch keine Gefahr vorhanden war und sein Leibarzt Dr. Mandt dies auch anerkannte , hatte dieser doch um Erlaubniß gebeten , einen zweiten Arzt zuziehen zu dürfen und der Kaiser die Berathung seines gewöhnlichen Leibarztes auf Reisen , des Dr. Karell , bewilligt . Am Tage vorher hatten beide Aerzte dem kaiserlichen Herrn ernste Vorstellungen gemacht und erklärt , daß , wenn er nicht eine größere Vorsicht eintreten lasse , sie für die Folgen nicht stehen könnten . Trotz der Bitten der Aerzte und seiner Familie hatte der Kaiser sich geweigert , sein gewöhnliches Kabinet zu verlassen , das für seinen Zustand durch die Ecklage und die großen Fenster , auf die der Wind von zwei Seiten stieß , sehr unvortheilhaft war . Es herrschte in dem Zimmer kaum 10 bis 12 Grad Wärme , während draußen der Thermometer auf 20 bis 23 Grad unter Null zeigte . Der Kaiser hatte eine schlaflose Nacht gehabt , nachdem er den ganzen Abend vorher mit dem Staatskanzler Graf Nesselrode gearbeitet und nachher noch mehrere geheime Berichte und Depeschen durchgesehen . Er hatte sich am frühen Morgen ankleiden lassen und schon um 7 Uhr nach seinem alten Freunde und Vertrauten , dem General-Adjutanten Grafen Orloff gesandt . Der riesige Graf - er war einer der größten und stärksten Männer Rußlands und tödtete im Jahre 1851 , nach Staraia-Russia gesandt , um einen Aufstand in den Militair-Colonieen zu dämpfen , mit einem einzigen Faustschlag einen jungen Soldaten , der aus dem Gliede hervortrat - saß seinem kaiserlichen Herrn gegenüber an dem großen Arbeitstisch , der mit Papieren bedeckt war . Sein Antlitz war ernst und sorgenvoll , das des Kaisers blaß , nur von Zeit zu Zeit durch die Anstrengungen des Hustens oder die innere Aufregung mit fliegender Röthe bedeckt . » Einhundertdreiundzwanzigtausend Mann - es ist nicht möglich , « sagte der Monarch heftig . » Dolgorucki muß sich irren ! « Der Graf reichte ihm das Memoir , das er in der Hand hielt . » Der Feldzug an der Donau kostet uns 60,000 , - Silistria allein den sechsten Theil . Die Almaschlacht zählt mit 6000 , Balaclawa und Inkermann 9000 , - in Ssewastopol sind in den drei Monaten 18,000 gefallen , mehr als eben so viel sind dem Typhus und der Cholera unterlegen oder untauglich . « » Es ist schrecklich - aber unsere Gegner haben fast eben so viel verloren . Welches furchtbare Resultat und für was ? « Der General schwieg . » Ich muß der Sache klar in ' s Auge sehen , « fuhr der Kaiser fort , » ich habe gestern bis 11 Uhr mit Nesselrode gearbeitet , um nochmals alle unsere Aussichten zu prüfen . « » Euer Majestät reiben sich auf mit dieser rastlosen Thätigkeit bei Ihrem Unwohlsein . Ihr Leben ist das schätzbarste Gut Rußlands . « » Wer weiß - wer weiß , alter Freund ! Wir sind Beide Soldaten und wissen , wie leicht jede Lücke sich schließt . Hätte nur Kleinmichel mich nicht mit den Straßen im Stich gelassen , die Sache stände anders . Wer hätte von Oesterreich Das gedacht ! « » Ich habe Euer Majestät stets gewarnt , sich nicht von Meyendorf täuschen zu lassen . Er über Wien - Nesselrode über London . Er war Metternich nicht gewachsen und verließ sich blind auf seine Verwandtschaft . « » Ich weiß , daß Du die deutsche Partei nicht liebst , « sagte kopfschüttelnd der Kaiser , » Meyendorf trifft keine Schuld , Du selbst hast bei diesen undankbaren Oesterreichern Nichts ausgerichtet . Was geschehen ist , läßt sich nicht ändern . « » Euer Majestät erinnern sich , daß ich im Jahre 49 gegen die Hilfe ohne Bedingungen war . Großmuth in der Politik ist immer ein Fehler und das Möglichste zu fordern nie ein Schade ! « Der Monarch lächelte bitter . » Das ist das Prinzip , nach dem Du beim Vertrag von Adrianopel1 gehandelt . Und was nützen uns jetzt diese Zugeständnisse ? Hab ' ich nicht auf den undankbaren Allianztractat vom 2. December , den Oesterreich mit Frankreich und England geschlossen , mich bereit erklärt , alle jene alten Rechte zu opfern ? Ich will Dir sagen , Alexei Feodorowitsch , wie es ist . Man will in Wien den Frieden nicht , man glaubt die Gelegenheit günstig , die Donau zu gewinnen und schämt sich nicht , dafür die Liberalen Deutschlands in Bewegung zu setzen . « » Sire , Ihr Schwager hält fest ! Er ist ein Ehrenmann auf dem Thron . « » Ich weiß es und vertraue auf ihn . Oesterreich ' s Intriguen am Bundestag scheitern an Preußens Festigkeit , und die französischen Noten werden ihre Abfertigung finden . Rußland ist in der Schuld Preußens und möge es nie vergessen , wenn die Zeit kommt , wo die andern Mächte sich für seine jetzige Neutralität zu rächen suchen2 ! « Der alte General schwieg - es war offenbar , daß er erwartete , der Kaiser solle ihn um einen Gegenstand befragen , und dieser zauderte ganz gegen seine Gewohnheit damit . Er legte wiederholt die Hand auf den Tisch und ballte sie , gleich als bemühe er sich , einen Entschluß zu fassen . Endlich wie erzürnt über sich selbst , heftete er seine Augen fest auf den Grafen und sagte mit leiser , kaum hörbarer Stimme : » Ich habe Dein Billet von gestern Abend erhalten . Der Agent ist zurückgekehrt ? « » Ja , Sire ! « » Und er bringt die Antwort auf unsere Vorschlage ? « Der General nickte stumm . » Heraus damit , Mann - man hat in Paris abgelehnt - man fordert größere Vortheile ? - Heraus damit , Orloff , « fuhr er heftig fort , als der Graf trübe das Haupt schüttelte - » Du kennst mich und weißt , daß ich Alles ertragen kann . « » Euer Majestät sind noch so angegriffen und aufgeregt - « » Gehörst auch Du zu Denen , die unter dem Vorwand , mich zu schonen , Glied um Glied martern können ? Nicht den Diplomaten verlange ich , sondern den Freund und seine Wahrheit . Sprich denn , « - er lächelte seltsam - » vielleicht hab ' ich wenig Zeit mehr , sie zu hören . « » Sie wissen , Sire , daß mein Bote ein zuverlässiger und gewandter Mann ist . Er hat mit - dem Kaiser selbst verhandelt . « » Nun , und ? « » Er hat eine vollständige Zurückweisung erfahren . « Die Hand des Monarchen ballte sich krampfhaft : » Weiter - die Details ! « » Sire - sie sind eine Beleidigung ; ersparen Sie einem treuen Diener den Schmerz , sie zu wiederholen . « » Nichts da - ich muß Alles wissen , jedes Wort , jede Sylbe ! « Die Stimme klang ungeduldig . » Die Instruction ist an Boucquenai3 bereits abgegangen , sich jetzt mit unserm Zugeständniß der Auslegung nicht mehr zu begnügen - es sei zu spät . « » Was verlangt man ? « » Sire - der Kaiser Napoleon kann Euer Majestät nicht vergeben , daß Sie so lange mit seiner Anerkennung gezögert - er haßt Sie ! « » Ich weiß es - ich wußte es längst ! « » Euer Majestät verletzten vielfach seinen Ehrgeiz - er will jetzt der erste und wichtigste Mann in Europa heißen , und das kann er nicht , so lange Euer Majestät da sind . « » Will er mich vielleicht tödten lassen ? « sagte der Kaiser spöttisch . » Das nicht , Sire , dem das Leben der Monarchen gehört Gott . Aber er will Rußlands Schande für den Frieden - er verlangt - « » Sprich ! « - Die Augen des Herrn waren mit unwiderstehlicher Majestät auf den Grafen gerichtet , der finster die seinen niedergeschlagen hielt . » Sire - dieser Mann stellt eine Alternative , die Moskau und Paris vergessen machen soll und von Rußland nicht angenommen werden kann , so lange noch ein Tropfen russisches Blut in uns lebt . Er verlangt die Uebergabe Ssewastopols und der Südflotte an seine Armee oder - « Das Auge blieb fest auf ihm haften . - » oder Ihre Thronentsagung . Er könne und wolle sich nur mit einem andern Regenten Rußlands verständigen , weil Euer Majestät wohl wüßten , daß Sie ihn persönlich beleidigt hätten , - die Hand der Großfürstin - « » Still - kein Wort mehr ! « Er winkte gebietend mit der Hand , stützte die mächtige Stirn auf die Linke und versank in ein kurzes Nachdenken . » Der Aufruf der Reichswehr , « sagte nach einer Pause der General , » wird uns noch eine halbe Million Soldaten geben . Euer Majestät werden zwei Drittheil Ihrer Armee im Süden concentriren können . Preußen und Kronstadt sichern Petersburg - Ssewastopol wird sich halten , bis unsere Operations-Armee genügend stark ist , um alle Feinde mit einem Schlage zu vernichten . « Der Kaiser lächelte matt . - » Du weißt es besser , Orloff ! Wir haben zehn Jahre zu früh unser Werk begonnen - aber ich wollte es noch selbst thun . Ich glaubte Rußland vor jenem Fluch der spekulativen Civilisation noch schützen zu können und unterliege ihm . Eine Eisenbahn nach dem Süden - und Europa hätte bereits eine andere Gestalt . Der Traum der Wiederherstellung der christlichen Macht am Bosporus ist zu Ende - ich glaubte , das Testament meines Ahnen durch erhabene Absichten adeln zu können , aber ich bin an den Mitteln gescheitert . « » Wir werden einen ehrenvollen Frieden erzwingen . « » Höre mich an . Wir haben drei Schlachten verloren , weil unsere Kräfte den Gegnern nicht gewachsen waren . Das war unser Fehler und unser Unglück beim Beginn und es ist nicht wieder gut zu machen . Die Feinde haben das Meer als ihre Straße , - die unsere braucht die vierfache Zeit , sie werden uns also immer voraus sein im Ersatz ihrer Lücken und Hilfsmittel . Hier liegt der Vertrag dieses nur durch seine Schmach mächtigen Englands mit Sardinien - : es lauft 15,000 frische Soldaten , wes es einst die Deutschen für die Urwälder Amerika ' s gekauft hat . Einem Palmerston ist das erlaubt . Ich aber durfte den Plan der revolutionairen Propaganda , den der ungarische General mir brachte , nicht annehmen , denn ich hätte mit dem Geist meines ganzen Lebens gebrochen . Kampf gegen die Revolution , so lange diese Hand den Degen halten kann . « » Ssewastopol wird den Feind ermüden ! « » Es wird und muß fallen . Totleben und meine braven Soldaten haben das Unglaubliche geleistet , aber alle menschliche Kraft hat ihre Gränzen . Dolgorucki hat Dir zwar die amtlichen Rapporte vorgelegt - dies geheime Memoir , das mir der Großfürst Nicolaus gesandt , den ich selbst zum Ingenieur gebildet , giebt mir das wohlgeprüfte Urtheil bewährter Männer - Totleben ' s selber . Ssewastopol ist mit der Sappe vertheidigt worden und wird durch die Sappe fallen . Die Feinde kannten seinen schwachen Punkt nicht , weil weder Raglan noch Canrobert Ingenieure und Feldherrn sind , und deshalb bat es sich gehalten . Sobald der Angriff auf die Schiffervorstadt und die Korniloffski-Bastion concentrirt wird , ist das Schicksal der Festung entschieden . « » Die Engländer haben diesen Posten und sie sind weder geschickt noch kräftig genug , um sie den dort fürchten zu müssen . Die übersandten Pläne des Barons Osten-Sacken für das System vorspringender und deckender Contre-Approchen und Feldschanzen sind vortrefflich . « » Sie können die Vertheidigung verzögern , aber nicht den Fall hindern . Der Korniloff-Hügel beherrscht die Südseite und die Rhede . « » Euer Majestät sagen selbst , daß der Feind falsch operirt . « » Aber er wird seinen Fehler verbessern . General Niel ist bereits in den letzten Tagen des Januar im Lager angekommen , und er ist der beste Ingenieur , den die Franzosen haben . Dieser Bericht der Spione hier meldet , daß er bereits vorgeschlagen hat , die Angriffsfronte zu ändern . « » So muß man die Entscheidung auf einen Wurf setzen . Lassen Sie Menschikoff nochmals mit seiner Gesamtmacht angreifen , von der ganzen Garnison unterstützt . Mögen sie sterben , sie Alle für Rußland , wenn sie nur den Feind mit vernichten . « Der Kaiser war aufgestanden - er trat jetzt um den Tisch und legte dem riesigen alten Krieger die Hand auf die Schulter . » Das kannst Du rathen , Freund ! ich habe andere Pflichten . Hundertachtundzwanzigtausend Mann tapferer Soldaten stehen in und um Ssewastopol - sie mögen für ihr Vaterland sterben , aber sie dürfen nicht leichtsinnig geopfert werden und Rußlands Existenz am Pontus mit ihnen . Oesterreich und dem Halbmond müssen wir dort auf alle Chancen gewachsen bleiben und hier können wir keine Truppen mehr entbehren , denn Frankreich agitirt unaufhörlich in Stockholm , und Finnland ist jeder Invasion offen . « » Aber was beschließen dann Euer Majestät ? « » Ich will den Frieden möglich machen ! « Der Graf sah den Czaren starr und offenbar ihn nicht verstehend an . - » Wollen sich Euer Majestät näher erklären ? « » Später - wir wollen ausführlicher berathen - ich weiß ja jetzt Deine Antwort von Paris . « » Sönnen Sie sich Ruhe , Sire - Sie bedürfen derselben . Ich beurlaube mich . « Der Kaiser winkte ihm freundlich ; er hatte ihm den Rücken gekehrt und stand vor dem Regal , das seine Handbibliothek enthielt . » Ich werde Dich rufen lassen , wenn es Zeit ist ! « Der General entfernte sich - unter der Thür rief ihn der Kaiser nochmals zurück . - » Welcher von den Flügeladjutanten4 ist an der Reihe für die Depeschen ? « » Oberst Tettenborn , Sire . « » Laß ihn bereit sein , nach Baktschiserai abzugehen . - Ich halte es für das Beste , wenn Menschikoff auf seine Enthebung anträgt ; - er ist ohnehin leidend und es würde unserm alten Freunde doch gar zu wehe thun , wenn gerade er , der den Kampf so tapfer begonnen , unterliegen sollte . « Der Graf wagte nicht , Etwas zu sagen ; er verbeugte sich nochmals beklommen und verließ das Gemach . Der Kaiser ging einige Male , die Hände in einander verschlungen , auf und nieder - ein heftiger Hustenanfall nöthigte ihn , stehen zu bleiben . Dann trat er wieder zu dem Bücherschrauk und nahm ein Buch heraus , mit dem er sich an den Tisch setzte . Es war Stokes , des berühmten englischen Arztes Werk über die Brust- und Lungen-Affectionen . Der Kaiser las länger als eine halbe Stunde aufmerksam darin - seine mächtige Stirn hatte sich finster zusammengezogen , zuweilen perlte ein großer Schweißtropfen darauf . Das Rasseln der Gewehre der ablösenden Schildwachen draußen vor dem Palast unter seinen Fenstern weckte ihn aus den tiefen Gedanken , mit denen er über dem Buche saß . Sein Auge traf auf die Madonna von Murillo und von ihr auf das einfache Crucifix von Ebenholz mit dem bleichen weißen Christusbilde , das darunter hing ; seine Hände falteten sich , sein Haupt sank auf sie nieder - der Kaiser betete . Als er sich erhob , ruhte sein Blick wenige Momente ruhig und traurig auf dem Bildniß der Kaiserin und seiner Lieblingstochter , der verstorbenen Großfürstin Alexandra , das er selbst nach dem schönen Portrait von Brüllow in der Kapelle von Sarskojé-Sélo copirt , denn der mächtige Herrscher beschäftigte sich oft in den wenigen Erholungsstunden , die er sich gönnte , mit der schönen Kunst der Farben . Dann , den Kopf erhebend , sprach er fest sein Lieblingswort aus : » Und jetzt - im Dienst ! « Seine Hand drückte auf die Feder der kleinen Glocke - der dienstthuende Kammerherr trat ein . » Wollen Sie so gut sein , lieber Baron , « sagte der Kaiser freundlich , » und Befehl geben , daß mein Schlitten vorfährt ? « » Euer Majestät wollen ausfahren ? « stammelte dieser erschrocken . » Warum nicht ? - Die Garde-Reserven der Regimenter für Litthauen sind zur Revision in der Reitbahn kommandirt ; ich bin nicht gewohnt , auf mich warten zu lassen . Thun Sie also nach meinen , Wunsch . « Der Kammerherr entfernte sich - wenige Minuten darauf kehrte er zurück , um anzuzeigen , daß der Befehl ertheilt worden . Der Kaiser hatte bereits den Helm aufgesetzt und den Mantel umgenommen . - » Majestät , « sagte der treue Diener , » im Vorzimmer warten der Geheime Rath Mandt und Staatsrath Karell . Sie bitten , vorgelassen zu werden . « - Er hatte die Augenblicke benutzt , die beiden harrenden Aerzte von der Absicht des Kaisers in Kenntniß zu setzen . » Ich weiß , ich weiß ! « sagte dieser ungeduldig , » aber ich habe jetzt keine Zeit , später - am Abend oder morgen ! « Er ging an dem Kammerherrn vorbei durch die Reihe der Vorzimmer nach der großen Treppe zu . Im zweiten fand er die beiden Leibärzte . » Entschuldigen Sie , meine Herren , « sagte der Kaiser , halb scherzend , im Vorübergehen , » aber ich bin in großer Eile . Nachher stehe ich Ihnen mit Puls und Athem zu Diensten . « - Sein erster Leibarzt , Dr. Mandt , ein geborener Preuße , dem er stets