Ach , schweigen Sie von Verwesung , Hackert ! Sie haben gut reden ! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne , Schmelzing , und ich fürchte sehr , ich habe nur den gemeinen . Sie machen Possen ! Im Ernst , Sehmelzing . Ich sterbe umgekehrt ab . Ich rieche schon jetzt gar nichts . Mein Geschmack ist dürftig . Der Wein z.B. mundet mir keineswegs und doch seh ' ich an der Etikette , daß es der feinste ist , den der Polizeiminister kaum besser hat . Mein Gefühl ist leidlich . Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret und hören ist meine Leibpassion . Ich höre z.B. jetzt eben ... Was hören Sie ? Hören Sie nicht die Thür knarren ? Machen Sie mir keine Angst ! Lassen Sie Das ! Es ist möglich , daß ich mich täusche . Wissen Sie was , Schmelzing , ich will mich hinlegen und schlafen . Hier sprang Schmelzing auf . Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so eigenthümlich dargestellt , daß Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das frühere Nachtwandeln Hackert ' s dachte , von dem dieser behauptete , jetzt gänzlich geheilt zu sein ... Es fehlte nicht viel , so hätte Schmelzing nun laut gesprochen . Der Dialog über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen . Die beiden Sprecher hatten immer nur nöthig , auf die betreffenden Organe zu zeigen . Diese Andeutung aber , daß Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen könnte , diese Möglichkeit , verbunden mit so scharfem Gehöre , daß er eine Thür wollte knarren gehört haben , war Schmelzingen zuviel . Hätte er nicht das Geräusch gefürchtet , er hätte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenstecher , den er schon aus der Tasche zog . Hackert ließ in seinen Angriffen auf Schmelzing ' s Ruhe nach , denn Siegbert hatte aufgehört zu reden . Das Durcheinander von Stimmen , das herauftönte , brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort . Schmelzing war außer sich vor Zorn , als er auf seine leeren Blätter blickte . Es wurde unten ruhiger . Eine Stimme sprach , die Hackert nicht kannte . Es war dies die Stimme von Leidenfrost . Anfangs dachte er , der mag reden , soviel er will ! Plötzlich nahmen Leidenfrost ' s Äußerungen aber einen Charakter an , der Schmelzingen bestimmte unwillkürlich auszurufen : Herr Gott ! Nun kommt ' s ! In der That war Das die Rede eines vollständigen Demagogen . Ja , dachte Hackert , Das wird nun arg ! Es sind in der That die unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten . Wie kann Siegbert Wildungen ableugnen , daß er in Gemeinschaft eines solchen Aufrührers politische Berathungen gepflogen hat ! Und nun entschloß er sich rasch , Schmelzingen auf ' s neue in Verwirrung zu bringen . Die erste Schwäche des Schreibers , sein Ehrgeiz , war schon ergiebig gewesen . Er entschloß sich , mit einer neuen anzubinden . Schmelzing war verliebt . Hackert wußte Das nicht nur im Allgemeinen , sondern hatte sogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet , daß er einen Eindruck seiner hagern , gespenstischen Figur auf das junge , ihn verachtende Mädchen für möglich hielt . Ihm , Hackerten , war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges . Er liebte sie nicht , er fürchtete sich vor ihr ; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der Erinnerung an dies edle , sittenreine Mädchen . Sein Athem stockte , seine Brust beklemmte sich , wenn er ihrer gedachte , ihrer , die er verlassen , die er nie wieder aufgesucht hatte , auch im Geiste geflohen war ! Aber nun mußte er ihr Andenken heraufbeschwören . Wachrufen in der gemeinen Seele dieses dürren Schmelzing ! Er besann sich , ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wisse , dessen Namen er entweihen durfte , um Schmelzing ' s Phantasie zu verwirren . Er fand keine . Da hörte er , daß der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte , und ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und zeigte auf denselben Finger an Schmelzing ' s Hand . Schmelzing wollte nicht hören . Hackert wiederholte das Zeichen . Wo haben Sie denn Ihren Ring , Schmelzing ? sagte er . Zum Donnerwetter ! Welchen Ring ? Den Ring von Louise Eisold ! Ich einen Ring von Louise Eisold ? Wie Sie auszogen - Wie wir auszogen ? Den Ring , den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte ? Mir einen Ring ? Sie schlafen wol ? Schlaf ' ich ? Träum ' ich vielleicht ? Hackert , seien Sie still ! In meinem Leben nehm ' ich Sie nicht wieder hier mit ... Was wollen Sie denn ? Ich weiß doch , daß Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt , daß sie Ihnen noch einen Ring geben wollte . War ' s der nicht ? Mir einen Ring geben ? Sie verwechseln sich wol mit sich selbst ! Halten Sie mich für eitel ? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt , weil ich Ihr Freund bin . Lassen Sie mich in Ruhe ! Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen , die sie für Sie abschnitt . Köstliche braune Haare , Schmelzing . Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt ' ein Ring für Sie werden . Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr nach einem Mädchen , das Sie überraschen wollte ! Sie staunen , Schmelzing ? Sehen Sie , daß Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehör . Plato hatte auch kein Glück in der Liebe ; denn er war kurzsichtig . Man nennt Das die Platonische Liebe . Man muß ein scharfes Auge haben , um in ' s Herz zu sehen , und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hört ' s nicht , so war man freilich ein Esel . Vergeben Sie mir meine Freimüthigkeit . Hackert , Sie machen mich ganz confus . Aber wonach riecht Das hier ? rief Hackert plötzlich sich aufrichtend . Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein ... Eau de Cologne , Schmelzing ! sagte Hackert . Hier sind Frauenzimmer in der Nähe . Die Wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch . Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung . Hatte schon der Wein , die Erwähnung Louisen ' s , der Ring mit den Haaren , die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung seiner Empfindungen versetzt , so überfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de Cologne und von in der Nähe befindlichen Frauenzimmern ein förmlicher Schwindel . Hackert in aller Ruhe , trocken und kaustisch , blieb bei seiner Vorstellung von einem feinen Parfüm , stand auf und behauptete , der Duft käme von dem zweiten Kreuze her . Er blieb stehen . Fortgehen wollte er nicht . Schmelzing bekam sonst zu viel Gelegenheit nachzuschreiben . So setzte er sich dicht wieder in seine Nähe , umschlang Schmelzing , zog ihn an seine Brust und flüsterte ihm ohne Zeichensprache in ' s Ohr : O Schmelzing , was sind doch die Weiber für paradiesische Teufel ! Eau de Cologne ! Die künftige Seligkeit schlägt man um sie in die Schanze ! Aber man muß sich recht umarmen , sich richtig küssen , Schmelzing ! Die Meisten wissen gar nicht , was in den Lippen für Geheimnisse schlummern . Sie haben gute Lippen , Schmelzing ! Nicht lachen ! Nur nicht lachen hier ! Da hört alle elastische Kraft auf ! Ernsthaft , Schmelzing ! Und nun den Mund voller genommen ! Luft gepumpt , daß die Segel schwellen ! Schmelzing , Sie müssen wunderschön lieben können ! Wenn ich Louise wäre und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fühlten mich hier dicht am Herzen und ich sagte : Schmelzing ! Schmelzing ! Göttlicher Schmelzing ! Der verwitterte alte Schreiber zerfloß in der That bei diesen von Gebehrden unterstützten Schilderungen seines Collegen in völlige Besinnungslosigkeit . Das Portefeuille , der Bleistift waren ihm entfallen . Er hörte nicht mehr , er kicherte nur noch und meckerte . Dennoch mußte Hackert fürchten , daß er sich besinnen und ihn mit Gewalt von sich stoßen würde . In dem Augenblick kam seiner Keckheit ein weibliches Lachen zu Hülfe , das wirklich von der Seite des linken Kreuzes her emporschallte . Es klang ganz dumpf , ganz fern , aber Hackert hörte deutlich , daß weibliche Stimmen in der Nähe scherzen mußten ... Hören Sie , Schmelzing , rief er . Hören Sie ! Weiber ! Eau de Cologne , wie Sie ' s gleich gerochen haben ! Kommen Sie ! Kriechen Sie mir nach ! Kriechen Sie ! Schmelzing konnte sich in der That nicht mehr aufrechthalten . Seine Sinne waren so verwirrt , Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner Sehnsucht geweckt , daß ihm war wie einem Taumelnden . Er kroch auf allen Vieren hinter Hackert her an den linken Flammenschein . Anfangs hörte er nichts von dem Lachen , das Hackert vernommen haben wollte . Wie er aber so dicht an der linken Kreuzesöffnung war , wie vorhin an der mittleren , machte die Wölbung , daß man Ohrenzeuge einer , wie es schien , sehr heitern Scene war . Man hörte Gläser klingen , das Lachen von Frauenstimmen und eine männliche , etwas pathetische Stimme , die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien . O verdammt ! flüsterte Hackert , daß man nicht hinunterblicken kann . Nächst dem Genusse , selbst zu lieben , gibt es ja keinen größern , als Andre sich lieben zu sehen . Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl ? Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen . Ihr Rutschen , ihr Plaudern , sagte er , würde sie noch verrathen . Er fing wieder in der Zeichensprache zu gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Scene , die in diesem Gemache aufgeführt zu werden schien , daß er die Politik , die Demokratie , die Arbeitervereine vergessen hatte . Hackert ' s mephistophelische Natur war im vollsten Gange . Er bediente sich aller nur möglichen Einfälle und Schnurren , um Schmelzing zu betäuben . Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte sich aus . Schmelzing schnalzte mit der Zunge , wie ein Hecht , der vom Trockenen in frisches Wasser kommt . Sein ganzes Wesen schwänzelte . Hackert sagte , aufregend genug , mit der Fingersprache , in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr sagen , als man mit der Sprache sich zu sagen getraut : Ich wette , es sind sechs Mädchen , Schmelzing , und nur Ein Mann ! Gehen Sie weg , sechs Mädchen ? Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen . Es ist ein Herr , der nicht zu den jüngsten gehört . Zwei sitzen ihm auf dem Schooß . Eine , Schmelzing , legt sich ihm eben quer über die Schulter und eine hat sich einen Fußschemel heran gerückt und legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe ... Das sehen Sie Alles , Hackert ? Ich hör ' es ja , alter Freund ! Es sind Tänzerinnen ! Sie stehen jetzt auf und wollen ihm eine Polka vortanzen . Sie rücken die Stühle zurück . Platz gemacht ! Sie treten an . Ha ! Wie sie die Kleider fassen ! Sehen Sie , Schmelzing , nein sehen Sie diese Füße ! Sehen Sie die weißen Strümpfchen ! Die hat rothe Strumpfbänder mit einer emaillirten Schnalle ! Sehen Sie denn die Schnalle nicht ? Ich sehe die Schnalle , wie sie blinkt , Schmelzing ! Sie sind verrückt , Hackert ! Wo sehen Sie denn die Schnalle ? rief Schmelzing und verbrannte sich fast die Nase . Jetzt nehmen sie die Champagnergläser und tanzen an ihm vorüber , fuhr Hackert fort . Jedes mal , wenn Eine vor ihm vorbei kommt , muß er rasch trinken . Dann kommt die Andere , die Blaue ! Dann die Dritte , die Rothe ! Jetzt die Vierte , die Weiße ! Jetzt die Fünfte ... Halten Sie ein ! Es sind nur Drei ! Woraus merken Sie Das ? Sie sprechen ja so deutlich , daß man ihre Stimmen unterscheiden kann . Die Eine spricht ein Bischen tief . Das lieb ' ich , Schmelzing . Je tiefer die Stimme , desto mehr Feuer . Der Mann muß zweiten Tenor , die Frau zweiten Sopran sprechen , Das ist das wahre Duett der Liebe , Schmelzing . Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhöhe , Schmelzing ! Sie machen mich noch toll , Hackert ! Schmelzing mußte sich mit Gewalt losreißen . Hackert wühlte zu grausam seine Phantasie in Grund und Boden um . Er lag erschöpft . Hackert lehnte sich zu dem Lichtschimmer hin . Beide horchten . Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein , die unten völlig unbelauscht zu sein glaubten . Das Klingen der Gläser hatte aufgehört , das Lachen sich gemäßigt . Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen . Diese lautete eben : Aphroditische Wesen , sagte die männliche Stimme , lasset uns zum letzten male noch von dem Schaum opfern , dem die Göttin entstiegen ist , deren würdige Priesterinnen Ihr Euch nennen dürft ! Steige auf , cyprische Welle ! Lodre , brodle , schäume ! Ein Geräusch verrieth , daß ein Champagnerkork aufflog . Zwei Mädchenstimmen schrieen vor künstlichem Schreck ... Die Gläser her ! fuhr die männliche Stimme fort , das Glück verrauscht ! Kurz ist der Augenblick der Freude ! Mit Brotrinde umgerührt , sagte das eine Frauenzimmer , so dauert ' s länger . Künstlich ! Künstlich ! Allzukünstlich , Diotima ! sagte die männliche Stimme . Diotima ? fragte das Frauenzimmer . Ich heiße ... Man hörte nicht recht den Namen , den sie sprach . Pst ! rief Hackert . Sie heißt ... haben Sie ' s gehört ? Schmelzing nickte , als wollte er sagen , er verstünde Alles . Nein , Diotima , sagte wieder die pathetische Stimme . Was soll mir des Brotes Rinde ! Was soll mir der künstliche Perlenflor ! Die Natur verschmäht die Nachhülfe der Kunst . Oder bist du mehr für die Kunst , du schlanke Aspasia ? Spasia ? sagte Schmelzing . Das war deutlich . Aspasia ? wiederholte die andere Stimme . Ich heiße ... Man verstand wieder den Namen nicht . Wie ? bedeutete Hackert seinen Collegen . Spasia ! wiederholte dieser kichernd . Aspasia ! Mädchen ! Es sind die Namen , die Ihr in den Sternen führen werdet ; Plato ' s Freundinnen hießen Aspasia und Diotima . Plato ' s ! fiel Hackert zu Schmelzing ein . Verstehen Sie ? Das ist ein Gelehrter da unten . Plato hatte kein Glück in der Liebe , obgleich er kurzsichtig und harthörig war und sehr früh eine Brille trug . St ! winkte Schmelzing . Trinkt , Mädchen ! rief der Redner unten . Trinkt aus des Spitzglases unschöner Form ! Krystallene Schalen von gewobenem Glase , röthlich angehaucht , sind des Schaumweins würdigere Pokale ! Trinkt oder thut wie ich ! Ah ! riefen die Mädchen . Sie verschütten ja ... Das köstliche Naß auf des Hauses geheiligten Estrich ? So mußt du den Göttern opfern , Diotima ! Mit Erlaubniß , antwortete Diotima , zum Aufscheuern ist Champagner doch wol zu kostbar . Opfre ! schrie der Sprecher in der Trunkenheit . Diotima sträubte sich . Opfre ! Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen . Dann sagte sie mit gurgelndem trinkenden Tone : Da ! Nicht auf die Erde ! Die versteht ' s ! sagte Schmelzing , der für die Barrikaden und Arbeitervereine nun kein Ohr mehr hatte . O hätt ' ich Rosen , hätt ' ich Kränze , rief der Sprecher unten , könnt ' ich mich schmücken wie Apollo ! Und Ihr , Freundinnen , im griechischen Gewand , Ihr schrittet mir zur Seite , wie Priesterinnen ! Ha , könnte ich dieses dumpfe Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle ! Rufen möcht ' ich wie Faust nach dem Tranke der Hexe , damit ich losgebunden , frei , erfahre , was das Leben sei . Schmelzing zeigte nach dem Kopfe . Zu viel ? fragte Hackert . Zu wenig ! antwortete Schmelzing schüttelnd . Er hat entweder oder ist ! sagte Hackert bestätigend . Aber da oben , da oben , seht Ihr ' s ? rief die exaltirte Stimme plötzlich . Rasch fuhren die beiden Lauscher zurück . Unwillkürlich kam ihnen diese Bewegung . Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen . Aber die Stimme sprach : Seht Ihr ' s da oben , das Kreuz in der Mauer ? Bist du schon wieder da , nazarenische Mahnung ? Spukst du denn überall , trauriges Memento mori ? Hinweg von Griechenlands Göttersöhnen jagst du mich ? Nein ! Mit Rosen , nicht mit Dornen erlöst man die Menschheit . Küßt mich , Mädchen ! Nach Korinth ! Nach Korinth ! Die Trümmer des Altars , den Paulus zertrümmerte , den Altar des unbekannten Gottes helft mir suchen ! Es lebe der unbekannte Gott von Korinth ! Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns , den er bei dem Sprecher unten voraussetzte . Hackert aber sagte , daß er ihn für irgend einen verdorbenen , vielleicht abgesetzten Geistlichen halte , der hierher gekommen wäre , um beim Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den Rathskeller verirrt hätte , um im Champagner seinen Zorn zu ertränken . Die Mädchen schienen ihn zum Besten zu haben , sie lachten und neckten ihn , trotz der Zärtlichkeiten , die sie ihm gestatteten . Plötzlich schwieg der Sprecher . Die Gefährtinnen fragten ihn , ob er seinen Text zu Ende hätte . Er antwortete nicht . Sie stießen mit ihm an . Es klang hohl wider , aber er antwortete nicht . Sie plauderten vom Wetter , vom Putz , vom Theater . Er antwortete einsylbig . Sie erwähnten den Prinzen Egon , ihre große Freude , daß im Hause und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten bliebe , sondern diese noch vergrößert , noch erweitert würde . Alles würde prächtiger , herrlicher , glänzender ! Im Hause des Prinzen Egon ? fragte Hackert . Er ist wol eingeschlafen , sagte Schmelzing , der nur auf die Orgie selbst Acht hatte . Nein , nein , er brummt bald : Danke , Diotima ! bald : Danke , Aspasia ! berichtete Hackert . Er scheint nichts vertragen zu können , er wird einschlafen ... Und die Mädchen plündern ihn aus ? Das geschieht schon so - Aber im Rathskeller ! Seltsam ! Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter , der eigentlich mit diesen Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wäre . Wer sind sie nur ? Er klirrt mit einer vollen Börse . Die ganze Geschichte kommt mir lateinisch vor . Es ist als wenn ein schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette läge ! St ! St ! Die Mädchen beklagen sich über ihres Freundes schlechten Humor . Der Kellner wird bezahlt und scheint zu gehen . O , o , hörte man jetzt den Sprecher wieder , seht , seht das Kreuz ! Als wir eintraten , hatt ' ich es nicht bemerkt . Seit mein Auge darauf gefallen , ist der Blick verdunkelt . Aspasia , Diotima - Nenn ' uns Dorette und Florette ! Was ? rief Hackert nach diesen laut und ärgerlich gesprochenen Worten . Sind Das die ... Laßt mir den Traum , Euch für Wesen zu halten , rief der Redner , für Wesen , die früher lebten , ehe man die Pariser Moden erfand . Du bist schön , Aspasia , und bildsam . Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele . Ihr solltet Euch bilden , Kinder ! Es schlummern Ideale in Euch ! Du bist gerade wie unser Alter , sagte die Eine , wahrscheinlich die mit dem Seelenanflug ... Wie so ? Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen über ... Gingen mir die Augen über , Mädchen ? fragte der immer verstimmter werdende Enthusiast . Saht Ihr Perlen nicht blos im Glase ? Wo saht Ihr Perlen , ihr schlanken Bacchantinnen ? In meinem Auge ? Als ich zum Kreuze aufblickte ? Stummes Wahrzeichen , das du über uns schwebst , welche Freuden schließt der Himmel ein , an dessen Pforte du gezeichnet stehst ? Senke dich nicht herab , auf mich , todtes Holz ! Soll ich ' s tragen zur Schädelstätte ? Soll ich dir die Last abnehmen , Erlöser ? Kommt , kommt , Mädchen ! Das Haus fällt zusammen , hier ist ' s entsetzlich . Die Decke bricht ! Die Bogen wanken ! Hülfe ! Hülfe ! Kommt , kommt ! Schmelzing zitterte an allen Gliedern . Hackert horchte . Die Mädchen wollten so nicht fort . Sie glaubten ihren Freund verletzt zu haben . Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung . Sie verwünschten , daß sie seiner Einladung gefolgt wären und sich zu einem Abend verstanden hätten , der nun verdorben wäre . Seid Ihr von den thörichten Jungfrauen ? fragte der melancholische Sprecher . Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an ? Haltet Eure Lampen hell , Mädchen ! Der Bräutigam sammelt sich . Denkt Ihr , daß Euch ein Mann liebt , dessen Seele leer und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tänzer ist ? Ich zieh ' Euch ja nicht hinunter in den Abgrund meines Herzens ! Ihr bleibt ja oben , wo die Sonne scheint und grüne Sträucher stehen . Kommt an die Luft ! Unter die Sterne ! Hängt Euch an meinen Arm . Es scheint still draußen . Man wird mich nicht kennen . Rasch hinausgehuscht ! Klinkt die Thür auf ! Niemand da ? Niemand ? Leb ' wohl , du düstres Galiläa da oben ! Gekreuzigter ! Laß mich Arkadien suchen und weinet mit mir . Damit verschwanden die Sprecher . Erst Alles still . Man hörte den Kellner brummen , die Flaschen und Gläser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das flammende Kreuz . Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht . Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betäubt . Diesen melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten sie nicht erwartet . Hackert hatte eine Ahnung , was sie wohl bedeuten konnte , Schmelzing verstand sie nicht . Er war so abgekühlt , so getäuscht in seiner Spannung , so voll Ärger , daß er fast zum lauten Verwünschen dieser Störung fortgerissen wurde und zu dem mittleren Kreuze zurückschlich . Hackert , grübelnd über Den , der unten mit den Fräuleins Wandstabler eine solche Scene der Lust und Reue , ja die Monologe eines gefallenen Luzifers hatte aufführen können , kroch nach . Der , der eben am mittleren Kreuze sprach , war der Major von Werdeck . Man vernahm Ausdrücke wie : Todesverachtung ! Sein Leben in die Schanze schlagen ! Fast wüthend , daß ihm der ganze Abend mislungen war , ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing blindlings zu notiren an . Jetzt ergriff es Hackerten , als müßte er einen äußersten Entschluß wagen . Die Worte jenes übersättigten und vielleicht von Reue gequälten Mannes hatten eine eigenthümliche Wirkung in ihm hervorgebracht . Er war plötzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt . Es hatte etwas auch in sein Innerstes hineingegriffen , das er nicht gut enträthseln konnte . Übersättigung kannte er wohl . Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen , den er nicht zu fassen vermochte . Ungeduldig über das Nachdenken , in das ihn die Scene versetzte , verstimmt über das Scheitern seiner Störungen eines abscheulichen Spionengeschäftes war er nahe daran , Schmelzing von hinten zu packen . Wie , wenn ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortschleppte ? dachte er und erhob sich und schritt jetzt auf und ab , ohne sich um Schmelzing ' s wüthende Winke zu bekümmern . Bei diesen Wanderungen , die wiederum bewirkten , daß Schmelzing nicht aufhorchen konnte , kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz , wo ebenfalls gesprochen wurde . Er hörte überrascht hin und vernahm eine gebrochene französische Aussprache , wie an dem Mittelkreuz . Andere Stimmen mischten sich in den Vortrag des prononcirteren Franzosen . Eine gewichtige Baßstimme stimmte in die Äußerungen des Franzosen mit ein , während eine andre opponirte . Der Schall mochte ihn verführen , die Gesellschaft für zahlreicher zu halten , als sie war . Deutlich hörte er das Klappern eines Degens , mußte also annehmen , daß auch ein Offizier in der Nähe dieses dritten Kreuzes war . Bald unterschied er das Thema , das besprochen wurde . Es war ein politisches . Er hörte den Namen der Jesuiten nennen . Man bat mehrfach den Franzosen , sich offen über diese Gesellschaft auszusprechen . Man versicherte ihn , daß er sich unter Freunden befände , unter den aufrichtigsten Verehrern einer Politik , die nicht auf Kleinliches und Geringes , sondern auf Weltplane lossteuere . Als die Baßstimme mit priesterlicher Salbung sagte : Dies ist der berühmte General , der mit dem Jahrhundert Fangball spielt , gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches , der vielgefürchtete sogenannte Jesuitenfreund ... als Hackert diese Worte überlegte , für seinen Fall erwog , kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Gestikulationen , die nichts Anderes sagen wollten als : Esel ! Esel , die wir sind ! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit ! Da ist die Stelle , wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat . Ein Franzose , nicht wahr ? Ja wohl ! nickte Schmelzing . Ein Offizier ? Natürlich ! Donner ! Hier sind ja die Rechten ! Hier sitzen die Mordbrenner ! Ich bin starr , was ich gehört habe ... Königsmord ! Allmächt ' ger Gott ! Schmelzing ! Hier ist ' s ja ! Stimmen so heiser wie die Banditen ! Sie hören hier jedes Wort ! Kommen Sie einmal her ! Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor . Dieser , der ein Misverständniß für nicht unmöglich hielt , folgte . Als er den Franzosen husten und näseln , den Degen des Generals klappern hörte , war ihm kein Zweifel mehr . Die Phrase , die eben ausgesprochen wurde : Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen ! zog ihn wie auf ' s Commando sogleich zur Erde nieder . Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf , sondern mechanisch die Hand dem Ohre sogleich folgen läßt , so schrieb auch schon Schmelzing , während er sich noch niederließ . An den Wein und den Eßproviant , den Hackert in seine Nähe rückte , dachte er nicht ; so emsig holte er das Versäumte nach und schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf , denn sein Pergament füllte sich , Streifen auf Streifen . Er schrieb wie athemlos . Während Schmelzing die gemüthliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philanthropischen Gesellschaft , Herrn Sylvester Rafflard , die man in einer völlig abgeschlossenen Trinkzelle des vielgesuchten alterthümlichen Rathskellers veranstaltet hatte , Wort für Wort für die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von Hackert in seinem Amtseifer gestört wurde , wandte dieser ihm den Rücken und hörte , endlich freiathmend , die ihm nun allein vernehmbare Erzählung , die nach einem lebhaften Zusammenklang der Gläser eben der Offizier unter seinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte , nichts ihm verfänglich schien . Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle , wo ein Verhältniß erwähnt wurde , das dem seinigen zu Melanie Schlurck außerordentlich ähnlich sah . Als er hörte , daß dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede war , das dieser durch Bildung , Eifer und Anstrengung sich erobern wollte , entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehörte Seufzer , daß sich Schmelzing umwandte und ihm drohte . Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiser , weil wehmüthig . Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfrost ' s. Er war in ein düsteres , trübes Sinnen verfallen . Erst als Dankmar seine Stimme erhob und wieder kräftig über die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann , verstand Hackert deutlich , was verhandelt wurde . Dankmar ' s Rede konnte er sich natürlich nur in den Hauptideen merken . Wörtlich aber lautete sie , wenn wir wieder zu der Gesellschaft zurückkehren wollen , wie folgt . Zehntes Capitel Dankmar ' s Weiherede Das Erbe der Gebrüder Wildungen , sprach Dankmar , erscheint also im Lichte der öffentlichen Meinung als ein ungerechter Rückgriff in den Lauf der Zeiten ! Und doch ist es ein sprechender Beweis für den Kampf der Interessen , wie sie sich befehden , vernichten . Auch wir berufen uns auf dasselbe Siegel , von dem der Staat und die Kirche , das Allgemeine und die Gemeinde ihre Rechte herschreiben . Wir zeigen an einem grellen Beispiele , daß sich Gesetze und Rechte wie eine » ewige Krankheit « forterben . Ob wir gewinnen , ob wir verlieren , die Zukunft wird es zeigen . Man wird Lücken in meinen Beweisführungen entdecken , man wird Papiere finden , man sucht sie wenigstens , die unsere Ansprüche entkräften sollen . Gesucht nur oder gefunden , ich schwinge mich auf einen höheren Standpunkt und will in dem Wettkampfe , den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autorität täglich