? « » Sehr alt und weiß alles . Er hat noch den Kaiser Napoleon gesehn , als er aus Rußland kam , und als Studente war er mit in Griechenland und ist auch mal mit in die Luft geflogen . Aber sie haben ihn wieder ' rausgefischt . Und ich hab ' ihn öfter sagen hören : Ein jeder hat so sein Schicksal , und wer Pastor in Pieskow werden soll , an den kann kein Türke ' ran . Und Feuer und Wasser auch nich . « » Ei , das muß ja ein reizender alter Herr sein , und wohl sehr aufgeklärt und freisinnig . Oder vielleicht auch ein bißchen zu sehr . Ist es so was ? He ? « Moll lächelte vor sich hin und schien ausdrücken zu wollen : auf eine so feine Frage laß ich mich nicht ein . Eine kleine Weile danach erreichten wir einen Wald , über dessen schmalen Fahrweg von rechts und links her eine Menge Wurzelwerk gewachsen war . Das gab nun ein entsetzliches Geholper und Gestolper , und ich flog hin und her , aber ich freute mich doch , aus Wind und Sonne heraus zu sein . Es waren hochstämmige Kiefern und Tannen gewesen , womit der Wald begonnen hatte ; bald aber kam Laubholz und inmitten desselben eine moorige Lichtung , auf deren höher gelegenen Stellen allerlei vertrocknete Büsche von Besen- und Heidekraut standen . Auch Elsen- und Birkenholz lag hier in Klaftern am Wege hin , und auf einer dieser Klaftern , die schon bis auf wenige Kloben abgefahren war , saß ein alter Herr mit Käpsel und Starbrille , neben sich ein Kind , eine zehnjährige Kleine , während ein großer Bastard-Neufundländer , dem die Schäferspitzkreuzung noch ein Erhebliches an Intelligenz und Entschlossenheit zugelegt hatte , zu Füßen beider sich ausstreckte . Die Kleine war reizend und schien dem Alten etwas zuzuflüstern . Als wir vorüber waren , sagte Moll mit halblauter Stimme : » Das war er . « » Wer ? « » Nu , der Emeritus . Er geht hier öfter ... « Aber eh ' er noch aussprechen konnte , war ich schon vom Sitz herunter und lief die paar Schritt zurück , um dem Unbekannten und doch bereits so Bekannten unter Entschuldigungen über meine Zudringlichkeit einen Platz auf dem Wagen anzubieten , immer vorausgesetzt , daß er denselben Weg mit mir habe . » Danke « , sagte der Alte . » Das Aufsteigen ist mir zu schwer und zu gefährlich ; ich sehe schlecht , und die scharfe Brille hilft auch nicht viel . Aber die Beine sind noch in Ordnung . Ist es Ihnen recht , so gehen wir ein Stück zusammen und plaudern ein bißchen . Ich plaudere gern . Irme steigt auf den Bock , das Kind kennt nichts Lieberes , und wir marschieren auf dem Fahrdamm hinterher . « Er schien meine Zustimmung als selbstverständlich vorauszusetzen , erhob sich also und nahm meinen Arm , und als gleich danach auch Irme zu dem artig beiseite rückenden Moll hinaufgeklettert war , setzte sich unser Zug in eine langsame Bewegung . Eine Fühlung zwischen dem Emeritus und mir war rasch gewonnen , und so nannt ' ich ihm meinen Namen und den Zweck meiner Fahrt . » Ach , das freut mich , daß jemand in unsere wenig gekannte Gegend kommt . Es ist ein eigen Land , ich kenn es und lieb es und möcht ' es für die Tage , die mir noch beschieden , mit keinem andern vertauschen ; aber es ist arm und unfruchtbar in jedem Betracht und ich fürchte fast , daß es auch an Historischem Ihnen nicht viel herausgeben wird . « » Es ist leider , wie Sie sagen . Ich war ein paar Stunden in Pieskow und dachte da wenigstens von den Löschebrands allerlei zu hören . Aber die Gruft ist zugeschüttet und die Grabsteine sind fort . Und es muß doch seinerzeit eine berühmte Familie gewesen sein . « » Gewiß , gewiß , und ich habe sie selber noch in guten Umständen gekannt , wenigstens unsre Pieskowsche Linie , trotzdem es schon auf die Neige ging . Und das alles seit Anno 93. « » Ei , das klingt ja gerad ' , als ob wir in Frankreich wären . In Frankreich , wie Sie wissen , datiert alles von Quatre-vingttreize . Steht es damit in irgendeinem Zusammenhange ? « » Nicht in dem geringten . Es handelt sich bei diesem Anno 93 um nichts mehr und nichts weniger als um die Pieskowsche Glocke , von der eine alte Prophezeiung sagte : › solange die klingt , so lange dauert der Löschebrandten Glück . ‹ Und die Prophezeiung hielt auch Wort , und die Löschebrands waren nicht bloß die Herren hier um den Schermützel herum , sie waren auch große Herren überhaupt und galten bei Hof und waren versippt und verschwägert mit allem , was reich und vornehm im Lande war . Ihr Liebstes aber war der › Dienst ‹ , und weil es immer schöne , stattliche Leute waren , so waren ihnen auch die schönsten und stattlichsten Regimenter immer nur gerade gut genug , und alles , was als Löschebrand in der Saarow-Pieskowschen Taufliste stand , stand zwanzig Jahre später in der Rangliste der Garde du Corps und Gensdarmes . Es waren echte Junkers , eigensinnig und hochmütig , und ließen die Leute reden , und trotzdem sie nach Sitte jener Zeit über ihre Mittel hinaus lebten und eine wunderliche Wirtschaft führten , erhielten sie sich doch in einem guten und zuletzt wenigstens in einem leidlichen Vermögenszustande , weil sich in alten Familien immer wieder was zusammenerbt . « » Aber freilich ... « » ... Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht , und als Pfingsten 93 kam und am Abend vorher das Fest eingeläutet werden sollte , da klapperte die Glocke , die beim Volke seit lange nur › der Löschebrandten Glück ‹ hieß und sieben Menschenalter lang über den Schermützel hin geklungen hatte . Das gab nun ein Kopfschütteln im Dorf und allerlei Sorg ' und Furcht im Schloß , aber Sorg ' und Furcht konnte den Spuk nicht bannen , und obwohlen der alte Gottlob Ernst von Löschebrand , der erst Anno 19 starb und den ich selber noch gekannt habe , die Glocke mit sechs Pferden und einer schwarzen Decke darüber ( als ob es ein Leichenzug wäre ) nach Berlin fahren und einen frommen Spruch mit eingießen ließ – einen frommen Spruch , an den er nicht recht glaubte – so war es doch von dem Tag an vorbei mit der › Löschebrandten Glück ‹ und ist seitdem auch nicht mehr aufgekommen . « All die Zeit über war mir der Neufundländer unausgesetzt zur Seite gewesen und nur ein paarmal bis an den Wagen vorgesprungen , um nach Irme zu sehn . Der Emeritus aber öffnete mir immer mehr das Schatzkästlein seiner Erinnerungen , und als er hörte , daß ich zunächst nach Groß-Rietz wollte , riet er mir , bei seinem alten Freunde dem Kantor vorzusprechen und ihm Grüße zu bringen , » der werde mir mit Rat und Tat behilflich sein und mir zeigen , was zu zeigen sei « . Dabei waren wir aus dem Walde heraus und bis in die Front eines etwas zurückgelegenen und hinter Efeu halbversteckten Steinhäuschens gekommen , über dessen Heckenzaun fort ein kleiner Pfirsichbaum blühte . » Wie schön « , sagte ich . » Wem gehört dies Idyll an der Heerstraße ? « Der Alte lächelte vor sich hin . » Es wird wohl das des alten Emeritus sein . « Und wirklich , es war es . Eine Minute später schritten Großvater und Enkelin auf das Häuschen zu . Der Neufundländer folgte , verstimmt über die zu rasch abgebrochene Bekanntschaft . Irme drehte sich noch einmal um und nickte ; dann verschwanden alle drei hinter dem Heckenzaun und Moll und ich waren wieder allein . » Er ist auch nur arm « , sagt mein Philosoph in ernster Betrachtung . » Und dabei neunundsiebzig . Es is doch eigentlich eine traurige Geschichte . « » Warum ? Er sah ja nicht traurig aus . Ganz und gar nicht . Aber Sie sind ein Mammonsjäger , Moll ; Ihr drittes Wort ist immer Geld , und da kann ich schließlich nicht mehr mit . Ich hab Ihnen heute früh recht gegeben , aber Sie gehen ja viel zu weit und vergessen , daß ein Unterschied ist zwischen Pauvre-sein und Arm-sein . Arm-sein ist nicht so schlimm . Achten Sie mal darauf , immer die , denen das Leben das Leben schwer macht , das sind die tüchtigsten und klügsten . War nicht die Pieskowsche Wirtin eine kluge Frau ? « » Ja , ja . « » Nun sehen Sie , so viel Schneid ist immer nur bei der Armut . Die Not lehrt beten , sagt das Sprichwort , aber sie lehrt auch denken , und wer immer satt ist , der betet nicht viel und denkt nicht viel . « » Ich bin aber doch lieber satt . « » Ehrlich gestanden , ich auch . Darin stimmen wir nun wieder zusammen . Aber es ist doch auch was mit der Armut , oder wenn man so will , sie hat auch ihre Vorzüge . « » Man bloß nich viele ... « » Nein , viele nicht . Aber doch welche . Sehen Sie , Sie haben viel gelesen und sind eigentlich , wenn es nicht grad Ihre schwache Stelle trifft ( Sie wissen schon welche ) , für einen gebildeten Fortschritt . Und nun frag ich Sie , wo säßen wir noch und wo wären wir noch , wenn es keine Not in der Welt gebe . Die Not ist der große Treiber oder der eigentliche › Motor ‹ , wie manche sagen , und daß ich hier jetzt mit Ihnen herumkutschiere trotz Ostwind und dieser Stichsonne ( fühlen Sie mal wie mir die Haut schon abschülbert ) ist eigentlich auch bloß aus Not . « » I nu ja , man kann es auch so sagen . Aber ich bin doch mehr fürs Amoene . Sehen Sie den hübschen Turm da vor uns ? Das ist Groß-Rietz ; da kann man doch wieder ein Glas Bier kriegen und ein Rührei mit Schinken . « » Und da finden wir auch was in Schloß oder Kirche . Ja , Sie lachen Moll und denken , › ach das sagt er schon den ganzen Tag ‹ ; aber Sie sollen sehen , hier gibt es was . In Groß-Rietz nämlich hat der Minister Wöllner gewohnt , freilich erst als er in Ungnade gefallen war , und ist auch bald nachher gestorben . Wer in Ungnade fällt , heißt es , der lebt nicht mehr lange . Nu , mir könnt ' es nicht passieren ; in Ungnade-fallen und Pensioniert-werden ist eigentlich immer mein Ideal gewesen . Aber der eine denkt so und der andre so ... Haben Sie schon mal von dem Minister Wöllner gehört ? « » Nein . Wer war er denn ? Ich habe bloß noch von die Manteuffels gehört . Und einer hieß der kleine Manteuffel . Es muß also wohl schon vorher gewesen sein . « » O lange vorher . Er war Minister bei Friedrich Wilhelm II. oder wie die Leute sagen beim dicken König . Und sie sagen auch , er hätt ' ihm immer Hokuspokus vorgemacht und Geister und Gespenster , und alles immer mit Weihrauch und Glasharmonika . Na , vielleicht war es nicht so schlimm . Und das können Sie glauben , Moll , er war gescheiter als manche , die jetzt über ihn lachen . Is auch gar nicht zu verwundern . Denn wie ging es denn ? Erst war er bloß Hauslehrer und soll auch ein paarmal gepredigt haben und noch dazu ganz gut ; aber zuletzt dacht ' er doch wohl › es käme nicht viel dabei heraus ‹ und heiratete lieber ein junges Fräulein von Itzenplitz . Auch die Mutter , heißt es , war ihm nicht unhold . › Nicht unhold ‹ darf man am Ende sagen und ist ein statthafter Ausdruck . Und als er nun das junge Fräulein geheiratet hatte ( die Mutter nahm es alles in die Hand ) , da wurd ' er Minister und regierte den preußischen Staat . Und das kann doch schließlich nicht all und jeder . « Ich hatte hierbei Molls unbedingte Zustimmung erwartet , aber diese blieb aus , und während er es vorzog hin und her zu diplomatisieren , fuhren wir bereits in Groß-Rietz ein und hielten alsbald vor einem Häuschen , das uns als das des Herrn Kantors bezeichnet worden war . Ich stieg ein paar Stufen hinauf bis in den Flur und wollte klopfen , aber ein Choral , der eben auf einem kleinen Klavier gespielt wurde , hielt mich davon ab . Endlich schwieg es drin und ich trat ein . Ein alter würdiger Herr empfing mich und hörte wohlwollend aber verlegen meinem Vortrage zu , was mich schließlich selber verlegen machte . So sehr , daß ich , wie gewöhnlich in solcher Lage , vom Hundertsten aufs Tausendste kam . In diesem Momente höchster Bedrängnis erschien die Frau Kantorin und sah mit dem den Frauen eigenen Scharfblick auf der Stelle , daß es sich hier unmöglich um etwas Bedenkliches handeln könne . Sie lud mich also zum Sitzen ein , was seitens ihres Mannes noch nicht geschehen war , und stellte nun ihre Fragen so geschickt und so freundlich , daß ich mich rasch wieder zurechtfand . » Ich fürchte nicht , Ihre Zeit allzulang in Anspruch nehmen zu müssen , eine Stunde wenns hoch kommt . Ohnehin hängt die Sonne schon über den Dächern drüben und wenn wir auch Mondschein und sogar Vollmond haben , so lassen sich doch alte Bilder in solcher Beleuchtung nicht allzu gut studieren , die Fenster mögen so hoch und breit sein wie sie wollen . Oder irr ' ich mich , wenn ich annehme , daß sich die beiden Wöllnerporträts in Ihrer Kirche befinden ? « » Eines war in der Kirche , das in roter Uniform . Aber der Herr von der Marwitz hat es , als er das letzte Mal hier war , ins Schloß bringen lassen , und da hängen sie nun alle zusammen . « » Ich wußte nur von zweien . « » Ja , zwei Wöllnerbilder ... Ede , du könntest ins Schloß gehen und um den Saalschlüssel bitten ; es wär ' ein Herr da , der die Bilder sehen wollte ... Ja , zwei Wöllnerbilder , eines als Minister und eines aus seiner Hauslehrerzeit , als er noch in Groß-Behnitz war . Ach du lieber Himmel , Groß-Behnitz ! Wie sich doch alles ändert im Leben . Das war das Itzenplitzische Lieblingsgut , und nun hat es Borsig , und der hat es auch nicht mehr , und ist bloß noch Sommersitz und Villa für seine Witwe . Kennen Sie Groß-Behnitz ? « Ich nickte . » Das also sind die beiden Wöllnerbilder . Und auf dem zweiten , in einem Talar oder Roquelaur , sieht er eigentlich aus , als ob er ein Beichtvater wär oder sonst was Katholisches . Und auch sehr hübsch . Es sind aber außerdem noch zwei Bilder da , die mit dazu gehören , zwei Frauenbilder , und die Leute sagen , das eine sei die Frau Generalin v. Itzenplitz , die ja so große Stücke von ihm hielt , und das andere sei das Fräulein v. Itzenplitz ( die Tochter der Gnädigen ) , die dann der Hauslehrer Wöllner , oder vielleicht war er auch schon Domänenrat , geheiratet hat . Aber da kommt Ede . Bringst du die Schlüssel ? « » Nein . Aber es sei schon gut . Und der Herr sollte nur kommen . « Auf diese Zusage hin erhoben wir uns , die Frau Kantorin und ich , und gingen nunmehr auf das Schloß zu , das mit seiner großen Renaissancetreppe noch aus der Zeit König Friedrichs I. zu stammen schien . Ein Diener wartete schon und schloß einen Hochparterresaal auf , aus dessen Fenstern ich einen Blick auf einen von Treibhäusern eingefaßten Garten hatte . Dieser Blick war hübsch , aber der Saal selber zeigte nichts als eine Stehuhr , eine Porträtbüste Friedrich Wilhelms II. und jene vier Bilder , über die mir die Frau Kantorin einen vorläufigen kurzen Bericht gegeben hatte . Der letzte Glutschein der untergehenden Sonne fiel auf drei Bilder ; das vierte ( kleinere ) hing an einer Schmalwand unmittelbar daneben und war das Wöllnerbild aus seiner Ministerzeit . Er trägt auf demselben gepudertes Haar , einen roten Uniformrock und einen blauen mit Silber gestickten Kragen . Ebensolche Rabatten und Aufschläge . Die Nase dicklich , die Lippen wulstig , die Augen groß und hervortretend . Alles in allem entschlossen und charaktervoll , aber ohne Wohlwollen . Auf diesem kleineren Porträt ist er ein mittlerer Fünfziger , auf dem größeren , im rechten Winkel daneben hängenden aber erscheint er als ein jugendlicher und in der Tat schöner abbéhafter Mann , wie man ihnen auch heute noch innerhalb der katholischen Geistlichkeit in Österreich und Süddeutschland zu begegnen pflegt . Er zeigt sich , seinen damaligen Studien entsprechend , mit einem Mikroskop beschäftigt , zwischen dessen Gläser er eben einen zu beobachtenden Gegenstand gelegt zu haben scheint . Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Bildern ist unverkennbar : derselbe sinnliche Mund , dazu dieselben großen Vollaugen . Und doch welch ein Unterschied ! Auf dem Ministerporträt alles abstoßend , hier alles anziehend bis zum Verführerischen . Dazu gut und , soweit meine Kenntnis reicht , in einzelnen Partien sogar vortrefflich gemalt . Von welcher Hand , würde sich durch Kunstverständige leicht feststellen lassen , da , nach Antoine Pesnes Tode , wohl nur wenige Maler in Berlin existierten , die so zu malen imstande waren . Die beiden Itzenplitzischen Frauenporträts , die dieselbe Wand schmücken , sind in Ausdruck und Vortragsweise nur Durchschnitt . Alles Interesse verbleibt also ihm , und wer die Geschichte dieses vielfach verkannten und unterschätzten Mannes dermaleinst zu schreiben gedenkt , wird an diesen Groß-Rietzer Bildnissen nicht vorübergehen dürfen . Sie lehren uns manches in seinem Leben und Charakter verstehn . Inzwischen war die Sonne gesunken , und als wir jetzt aus dem Saal auf die große Freitreppe hinaustraten , stand der Vollmond bereits in aller Klarheit am Himmel . Ihn als Leuchte zur Seite , gingen wir auf die nahegelegene Kirche zu , hinter deren Fenstern ich ein paar Epitaphien und Trophäen in ihrem flimmernden Schmucke von Waffen und Goldbuchstaben erkannte . Dieser flimmernde Schmuck aber war nicht das , was meine Schritte hierher gelenkt hatte , vielmehr hielt ich mich jetzt auf die Mitte des Kirchhofs zu , wo von einer Gruppe von Ahornplatanen umstellt , ein großer Granit , ein Doppelgrabstein lag , auf dem einfach die Namen standen : » J. C. v. Wöllner u. C. A. C. v. Wöllner , geb . von Itzenplitz . « Sonst nichts , weder Spruch , noch Inschrift . Um die Stätte her war braunes Laub hoch zusammengefegt und predigte wie der Stein selber von der Vergänglichkeit irdischer Dinge . Moll war uns auf den Kirchhof gefolgt . Er schien einen Augenblick zu Reflexionen in dem eben angedeuteten Sinne geneigt , gab es aber doch auf und begnügte sich schließlich mit einer einfachen Wetterbetrachtung : » Ich dachte , der Wind würd ' uns einen Regen zusammenfegen . Aber es is nichts . Sehen Sie sich bloß den Mond an ; er hat nich mal ' nen Hof und steht so blank da wie ' n Zehnmarkstück . « » Es ist richtig . Aber Moll , warum sagen Sie bloß Zehnmarkstück ? « » Jott , ich dachte , vor die Gegend ... « Und damit gingen wir auf das Gasthaus zu , wo mein Mammon- und Adelsfreund schon ein Zimmer für mich und zwar » auf der rechten Giebelseite « bestellt hatte . » Gott , Moll , das ist ja die Mondseite . « » Na , denn tauschen wir . Ich habe es gern , wenn er mir so prall aufs Deckbett scheint . « 4. Blossin 4. Blossin In aller Frühe brachen wir auf und machten den Weg vom Tage vorher wieder zurück , einzig und allein mit dem Unterschiede , daß wir statt um die Nordspitze des Schermützel um seine Südspitze herum fuhren . Es waren dieselben Bilder , und Wagen und Gespräche mahlten ruhig und unverändert weiter . Aus der Reihe der letztern war eins über Zahnweh unbedingt das wichtigste , weil Moll ein Mittel angab , wie diesem Urfeinde der Menschheit beizukommen sei . Man müsse sich nämlich alle Morgen beim Waschen erst die Hände trocknen und dann das Gesicht ; das sei probat und er wenigstens habe seitdem Ruhe . Gegen Mittag erreichten wir Storkow , eine der beiden Hauptstädte dieser Gegenden , und fuhren eine Stunde später um den großen Wolziger See herum , an dessen Westufer ich in einiger Entfernung unser eigentliches Reiseziel erkannte : Dorf Blossin . Dieses , trotzdem es nur klein und bloßes Filial zu Friedersdorf ist , ist doch nichtsdestoweniger als der Punkt im Beeskow-Storkowschen anzusehn , dem der Ruhm einer eminent historischen Örtlichkeit in erster Linie zukommt . Es wohnten hier nämlich die Queiße , von deren Schloß oder Herrenhaus aus die berühmte Fehde des Nickel Minckwitz ihren Ursprung nahm , eine Fehde , die mit der derselben Epoche zugehörigen des Michel Kohlhaas eine gewisse Verwandtschaft hat . Ich schildre nunmehr diese Minckwitzfehde nach den Aufzeichnungen Wohlbrücks und Engels . Ursach der Fehde . Heinrich Queiß auf Plössin ( jetzt Blossin ) führt Beschwer über seinen Schäfer und erhält kein Recht Der beinah achtzigjährige Heinrich von Queiß , Gerichtsherr zu Plössin und Lehensträger des Bischofes von Lebus , war aus einem unbekannt gebliebenen Grunde mit seinem Schäfer in Streit geraten , so daß dieser letztre sich an seines Guts- und Gerichtsherrn Familie tätlich vergriff . Aber nicht genug damit , er ging in seiner Rache weiter , überfiel – nachdem er vorher die Flucht ergriffen und in Friedersdorf und Dolgenbrod einen Bauernhaufen um sich versammelt hatte – Dorf und Feldmark Plössin und trieb seines Herrn Schafe fort . Heinrich von Queiß verklagte nunmehr den Aufrührer bei dem Bischof von Lebus , der denn auch seinem zu Storkow ansässigen Amtshauptmann Order zugehen ließ , nicht nur die weggetriebenen Schafe wieder herbei , sondern auch den Schäfer selbst vor seines Grundherrn Gericht zu schaffen . Der Amtshauptmann aber erwies sich als säumig in seiner Pflicht , und da mittlerweile von seiten des rachsüchtigen Schäfers wiederholentlich versucht worden war , Plössin in Feuer aufgehen zu lassen , so wurde der von Queiß immer dringlicher in seinen Vorstellungen beim Bischofe . Dieser , so wenigstens scheint es , war anfänglich zu helfen aufrichtig bereit und sandte Befehl über Befehl an seinen Storkower Amtshauptmann ; als dieser letztre jedoch in seiner Säumigkeit beharrte , schob es der von Queiß auf Unaufrichtigkeit und bösen Willen beim Bischofe selbst und wandte sich deshalb an Heinrich Tunckel , obersten Münzmeister des Königreichs Böhmen und derzeitigen Landvogt der Niederlausitz , der in dieser seiner letztren Eigenschaft unstreitig die nächste höhere Behörde war . Und der Landvogt unterzog sich denn auch seiner Pflicht und ersuchte selbigen Tages noch den Bischof » sich seines Vasallen , des v. Queiß , mit größrem Nachdruck annehmen und ihn gegen den Übermut und die Schädigungen des rachsüchtigen Schäfers schützen zu wollen . « Der Brief , in dem dies Ersuchen gestellt wurde , war , wie die Chronisten melden , » in schicklichster Weise « geschrieben , nichtsdestoweniger empfand der stolze Bischof einen Groll darüber und äußerte sich einmal über das andre » daß er dem Queiß den getanen Schritt nicht vergessen und ihn seinerzeit zu züchtigen wissen werde . « » Der stolze Bischof « nennt ihn die Geschichte der Bischöfe von Lebus , und es mag hier eingeschaltet werden , wer dieser stolze Bischof war . Georg von Blumenthal , geb . 1490 auf dem Rittergut Horst in der Priegnitz , war nach dem Ableben des Bischofs Dietrich von Waldow seitens der Lebusischen Domherren einstimmig zum Nachfolger von Waldows erwählt worden , was als eine durchaus gerechtfertigte Wahl gelten konnte . Denn in früher Jugend schon hatte sich der nunmehr Erwählte durch Klugheit und Charakter hervorgetan . Er war mit siebzehn Jahren Sekretär im Dienste seines Vorgängers , mit dreiundzwanzig Jahren Rektor an der Universität zu Frankfurt gewesen , und hielt als solcher eine Rede , darin er die Studierenden zu Fleiß und gutem Betragen ermahnte . Bald danach empfing er den Grad eines Doktors beider Rechte . 1520 erwählte man ihn , den erst Dreißigjährigen , zum Bischofe von Havelberg , in welche Wahl jedoch Kurfürst Joachim , als Landesherr nicht willigte , trotzdem die Wahl bereits die päpstliche Bestätigung erfahren hatte . Dies führte zu Weiterungen , aus denen der Kurfürst anscheinend als Sieger , in Wahrheit aber als Besiegter hervorging , indem er dem Erwählten und durch die Kurie Bestätigten zum Ausgleich für einen freiwilligen Verzicht auf Havelberg nicht bloß das alsbald zur Erledigung stehende Bistum Lebus zusagte , sondern ihm nebenher auch noch seine geflissentlichste Verwendung für das mecklenburgische Bistum Ratzeburg in Aussicht stellte . Der Verzicht geschah , ebenso hielt der Kurfürst Wort , und wenige Jahre später war Georg von Blumenthal ein Doppelbischof geworden : ein Bischof von Lebus und Ratzeburg . Heinrich Queiß verbindet sich mit Nickel Minckwitz und Otto von Schlieben und rächt sich an dem Bischofe , der ihm sein Recht verweigert Aus solchen Erfolgen und solchem Besitzstande konnte schon ein » stolzer Bischof « geboren werden , und Georg von Blumenthal in seinem nur zu begreiflichen Unmut über die Kränkung , die der Appell an den niederlausitzischen Landvogt ihm bereitet hatte , beschloß jetzt den kleinen Vasallen , der ihm diesen Tort angetan , seine starke Hand fühlen zu lassen . Bis dahin war alles mehr oder weniger unverschuldete Säumnis gewesen , wenigstens soweit der Bischof in Person mitspielte , nunmehr aber schob auch dieser die Rechtsgebung absichtlich hinaus , behauptete , daß den Angaben des Queiß nicht ohne weiteres Glauben zu schenken sei , und verlangte von ihm ( dem Queiß ) , daß er sich dem Gerichtszuge nach Friedersdorf , allwo der Schäfer einen Unterschlupf gefunden , anschließen solle , damit gleich an Ort und Stelle Kläger und Beklagter einander gegenübergestellt und ihre Sache gehört werden könne . Dieser Aufforderung aber , weil er dem Bischof nicht traute , widerstrebte der von Queiß , und verlangte nur immer eindringlicher und hartnäckiger eine Verhaftung des Schäfers . Eine Folge davon war , daß der Zug selbst unterblieb . Erbittert über dies Verfahren entschloß sich Queiß » wegen ihm verweigerten Rechtes « Rache zu nehmen und wandte sich an Otto von Schlieben auf Baruth und den Ritter Nickel von Minckwitz auf Sonnenwalde , mit welchen beiden er übereinkam , den wegen seines Stolzes überall im Lande wenig geliebten Bischof in seiner Stadt Fürstenwalde heimzusuchen und nach Sonnenwalde hin gefangen zu setzen . Alle drei : Minckwitz , Schlieben und Queiß ( welcher letztere von jetzt ab zurücktritt ) hatten in Kürze 60 Reiter beisammen , mit denen sie den 7. Juli 1528 aufbrachen . Unterwegs aber vergrößerte sich ihr Zug bis auf 400 Berittene , darunter auch ein Kracht von Lindenberg und die beiden Löschebrands von Saarow und Pieskow . In der Nacht vom 8. auf den 9. Juli hielten sie vor Fürstenwalde . Die Tore waren selbstverständlich geschlossen , und Minckwitz ersann eine List , um ohne Lärm und Gefahr in die Stadt hineinzukommen . Er hatte nämlich erkundschaftet , daß einige polnische Frachtfuhrleute , die zu früher Morgenstunde weiter östlich auf Frankfurt und die Oder zu wollten , in einer Vorstadts-Ausspannung Quartier genommen hätten , und schickte deshalb den Herrmann Schnipperling , einen von Schliebenschen Diener , in eben diese Vorstadts-Ausspannung ab , um sich daselbst den Fuhrleuten als einer der ihrigen anzuschließen . Es gelang auch über Erwarten , und der Schliebensche , der durch Geld und gute Worte die Polacken leicht zu gewinnen gewußt hatte , war mit unter den ersten , die bei Tagesanbruch in das eben geöffnete Tor einritten . Unmittelbar hinter dem Tore floß ein breiter und sumpfiger Spreegraben , und als der Schliebensche des hier seines Dienstes wartenden Torwächters ansichtig wurde , ritt er an diesen heran und bat ihn , ihm den Sattelgurt etwas fester zu schnallen . Der Torwächter war auch bereit , ehe er aber den Riemen fassen und scharf anziehen konnte , stieß ihn der böse Schnipperling ins Wasser und schoß im selben Augenblick ein Pistol ab . Das war das verabredete Zeichen für die bis dahin in einem Kusselbusch versteckt gehaltenen Reiter , die nun in raschem Trabe das Tor passierten und über die lange Holzbrücke in die Stadt eindrangen . Anfangs versuchten hier die grade bei der Frühsuppe sitzenden Bürger einen Widerstand und schlugen sich tapfer mit dem Reitervolk herum , als ihnen Minckwitz aber zu rief : » es gelte dem Bischof und nicht ihnen « , ließen sie vom Kampf ab und gaben den Weg nach der bischöflichen Burg hin frei . Freilich ohne daß man auf Minckwitzischer Seite noch irgendeinen Vorteil davon gezogen hätte , denn als die Rotte bald danach in die Burg einstürmte , fand sie nur noch das leere Nest . Der Bischof hatte Zeit gefunden , seine Flucht zu bewerkstelligen , und nur wenige Dienstleute wurden zu Gefangenen gemacht , darunter Matthias von Blumenthal , des Bischofs Bruder . Das däuchte nun den Minckwitzischen zu wenig , und wenn es ihnen anfänglich unzweifelhaft nur um