Namen » Borkenhagen « - » Himmelpfort « - » Westerhof « fielen ... Nun schienen sie Anlaß zu Mittheilungen zu werden , die ihn interessirten und die vielleicht mit seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen ... Deutlich unterschied er die Stimme Terschka ' s ... Deutlich die des Präsidenten ... Zwei andere wußte er noch nicht recht hinzubringen ... Eine davon war ihm nicht gänzlich unbekannt ... Kämpfend mit sich , was zu thun sei , ob er rufen oder schweigen sollte , ging er noch einmal leise durch alle Zimmer zurück , suchte überall , wo ein Ausweg sein konnte , seine Befreiung , fand diese aber nicht und beredete sich , entschlossen zu sein , zu rufen , zu klopfen , durch die geheime Tapetenthür mit seiner » fragwürdigen « Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten ... In Wahrheit aber setzte er sich hin , um - zuzuhören ... Jetzt erkannte er auch die dritte Stimme ... Den ehemaligen Vicar von Sanct-Zeno , den Neffen des Dechanten , den Domherrn von Asselyn ... Der Vierte war ohne Zweifel der Provinzial ... Sollte er da seinen hülfestehenden Septimenaccord einsetzen und ein so schönes Quartett stören ? ... Und es kam denn so , daß er auf einem Polstersessel dicht an der Thür verblieb ... Es kam denn so , daß er zum Horcher wurde mit und wider Willen ... Es kam denn so , daß er Dinge hörte , die ihm vor Frost die Erinnerung an den noch nicht überstandenen Februar weckten ... Es kam denn so , daß er eine der schweren Seidendamastdecken von den Tischen zog und , trotz der in ihnen befindlichen Motten , sie um sich schlang und sich einhüllte und daß er sogar noch eine zweite holte und sich wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit den Urim und den Thumim ... Denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer über die Brust hinweg ... Der Präsident von Wittekind sprach mit einer , wie es schien , höchst erregten und von seiner gewöhnlichen kalten Art ganz abweichenden Stimme fest und bestimmt die deutlich hörbaren Worte : Ja , Herr von Terschka ! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmächtigten , den man in dieser betrübenden Angelegenheit mir von Rom aus schicken würde ! ... Hm ! Hm ! ... Daß es aber Sie sein würden , gesteh ' ich , hätte ich nicht erwartet ... Seligmann brauchte nur von » Rom « zu hören , um mit gespannterer Aufmerksamkeit zu folgen ... Herr Präsident , antwortete Terschka mit seiner Löb bekannten leutseligen Harmlosigkeit , die nur zuweilen , wie Löb gleichfalls hätte bestätigen können , unter vier Augen nachdrücklich abgelegt werden konnte ; Herr Präsident , bei meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag , den ich vorgestern durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe , nicht so auffallend ... Ich kenne ja auch selbst sehr genau das außerordentlich liebenswürdige Mädchen , das halt so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist ... Seligmann rüstete sich auf Vervollständigung seiner genealogischen Kenntnisse , die in diesen hohen Kreisen immer empfehlend sind ... Ich muß Sie , lieber Sohn , sprach der Präsident und redete damit ohne Zweifel den Domherrn von Asselyn an , ich muß Sie mit dem Gegenstand unserer Verhandlung bekannt machen , welcher Sie jetzt nicht nur in Ihrer Eigenschaft als mein Sohn und Freund , sondern auch als geistlicher Rather und zuverlässiger Zeuge beiwohnen ... Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten Schreiben ausdrücklich ... Diese Worte brachen für Löb nicht ganz verständlich ab ... Eine Pause deutete die stumm bejahende Geberde des Pater Maurus an , der demnach zu den drei Löb jetzt bekannten Personen wirklich die vierte war ... Mein Vater , fuhr der Präsident mit Erregung fort , hat leider aus dem himmlischen Gnadenschatz alle die Spenden nöthig , die er uns Sündern bietet ... Ich spreche dies mit Schmerz , aber offen aus ... Zu einer ganz besondern Kränkung für mich müssen die lebenden Zeugen seiner Verirrungen dienen ... Doch werden diese befriedigt werden und sie sind es zum Theil schon - - Nur Ein Verhältniß bot und bietet noch immer Schwierigkeiten . In Rom befindet sich eine Frau , von der man behauptet , sie hätte Ansprüche , sich die zweite Gemahlin meines Vaters nennen zu dürfen . Sie soll auch in der That von einem frühern Pfarrer - dieser - Gegend - ich glaube - Leo Perl - Seligmann erbebte bei Nennung dieses Namens . Jetzt verwarf er alle Ermahnungen seines Gewissens , die ihm unausgesetzt zuflüsterten , sich ein Zimmer weiter zu setzen und sich nicht in die Geheimnisse der vornehmen Welt zu drängen ... Nicht wahr ? unterbrach sich der Präsident , als suchte er sich der Richtigkeit des Namens zu vergewissern ... Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geistlichen nicht mehr , der sie traute ... sagte Terschka ... Der sie traute - haha ! Das ist es ! Mit meinem Vater nämlich , lieber Sohn ! Es handelt sich um eine Frau , die nichtsdestoweniger , daß sie sich Frau von Wittekind-Neuhof zu nennen berechtigt sein will , doch 1813 von Kassel aus nach Paris flüchtete und dort eine neue Heirath vollzog mit einem spanischen Granden , leider einem Granden ohne Vermögen , dessen langer Titel sie lockte ... Von der schweren Sünde der Bigamie , scheint es , will die römische Curie die Herzogin von Amarillas freisprechen und sich jetzt plötzlich für die erste Ehe entscheiden ... Herr Präsident , nein ! sagte eine rauhe Stimme ... Ohne Zweifel war es die des Mönches ... Bigamie ! ... Zwei Männer auf einmal ! ... Löb Seligmann schauderte vor einer Situation , die ihn zum Zeugen solcher Enthüllungen machte ... Der Präsident , sich in seiner Anklage gegen Rom mäßigend , fuhr fort : Allerdings gestehe ich , Herr Provinzial , nicht völlig klar zu sehen in dem Interesse , für welches Herr von Terschka auftritt , und wieder in dem , für das Sie beauftragt sind . So viel weiß ich und will es nicht leugnen , daß diese Frau von Wittekind-Neuhof zwei Kinder von meinem Vater besitzen soll ; als Herzogin von Amarillas war sie gewissenlos genug , sie beide zu opfern ... Mein Vater , von dem muß ich es leider ebenso eingestehen , machte sich keine Sorgen um die Folgen seines - Temperaments - Er überließ diese Kinder , denen ich ihr Dasein und eine gewisse Berechtigung auf meine Anerkennung als natürliche Geschwister nicht im mindesten abstreiten will , dem Zufall , der sie dann auch wirklich seinen Augen entrückte ... Jetzt soll eines dieser Kinder entdeckt sein . Von wem entdeckt ? Entdeckt in einem Augenblick , wo die Herzogin von Amarillas in Wien aufzutreten gedenkt , in Wien , wo , wie überall , Gesetze gegen Bigamie herrschen , falls - die Curie nicht hilft . Doch , wie gesagt , räthselhaft sind mir diese Entdecker einer Schwester - die ich haben soll . Es ist eine gewisse Angiolina - Pötzl , glaub ' ich , ein Mädchen , das , wie Herr von Terschka sagt , zufällig vom Grafen Hugo vor Jahren gefunden worden - es war ja wol mein ' ich bei einer - Kunstreitergesellschaft - ? Auf dies auffallend scharf betonte Wort trat eine Pause ein ... Terschka schien die Frage überhört zu haben ... Graf Hugo , fuhr in immer mehr sich steigernder Schärfe der Präsident fort , hat edel an dem Kinde gehandelt , das von jener sogenannten Frau von Wittekind , meiner Stiefmutter - auf der Landstraße verlassen wurde - bei jener damaligen Flucht der kasselschen Oper - Ich vergaß Ihnen nämlich zu sagen , lieber Sohn , Frau von Wittekind-Neuhof war ursprünglich eine italienische Sängerin ... Hörten für Löb Seligmann die Gewissensscrupel schon lange bei Nennung des Namens Leo Perl auf , so fühlte er nun vollends die behaglichste Wärme , sowol unter seinen bunten Decken und auf dem gepolsterten Sessel , wie vor Antheil an dem Vernommenen selbst ... Ein Uebergang der Enthüllungen in die Sphäre der Oper ... Eine italienische Sängerin ... Er gedachte der Henriette Sontag , die eben damals eine Gräfin Rossi geworden war ... Graf Hugo , fuhr der Präsident fort , hat sein Pflegekind lieb gewonnen , so lieb , daß er nicht abgeneigt sein soll , aus ihm seine Gemahlin zu machen ... Vortrefflich ginge das , wenn Angiolina Pötzl eine rechtmäßige Freiin von Wittekind wäre ... Herr von Terschka stellt mir das Ansinnen , diese Wendung der Dinge möglich zu machen ... Ich weiß nicht , ob dies auch der Antrag des Grafen Hugo selbst ist , und offen gestanden , ich kann es kaum glauben ... Würde er seine Schwiegermutter in Wien mit einem Proceß auf Bigamie empfangen wollen ? ... Auf diese scharf betonte Hervorhebung aller Dunkelheiten der in Frage stehenden Situation trat eine Pause ein ... Aber mochte sich auch Seligmann diese Pause mit noch so viel stürmischen Passagen füllen , sein musikgeübtes Ohr hörte nimmer die Accorde , die in Bonaventura ' s Innern auf und nieder wogten und riefen : So sprichst du , du - von der Bigamie ! Du , mit dem sich vielleicht auch - meine eigene Mutter in gleicher Sünde befindet ! ... Graf Hugo , fuhr der Präsident fort , wird ja nun jetzt so reich , daß er für sein Pflegekind unmöglich blos eine Ausstattung , unmöglich nur Geld begehren kann ... Meine junge Stiefschwester soll schön und geistig gebildet sein ... Herr von Terschka verglich sie schon lange mit jener abenteuernden Lucinde , von der Sie vielleicht schon hörten , lieber Sohn , vom Anlaß zum Tod meines armen Bruders Jérôme ... Ich meine jene Dame , von der man ja sagt , daß sie plötzlich jetzt in Witoborn wieder aufgetaucht ist ... Wieder trat auf diese gelegentliche Anmerkung eine Pause ein ... Seligmann fand schwerlich ein Tonbild der Orkane , die bei diesen Worten tausend Instrumente durch das Herz eines der Hörer stürmten ... Lucinde in Witoborn ! ... Bonaventura schien auf diese Mittheilung eine auffallende Bewegung gemacht zu haben ... Ja , sagte wenigstens Terschka wie zu einem , der daran zweifelte , das genannte Fräulein war vorgestern auf Münnichhof ... Aber Sie erwähnen sie nicht zu ihrem Vortheil , Herr Präsident ! ... Es ist eine Reihe von Jahren her , daß Graf Hugo und ich allerdings Ihrem Vater und diesem Mädchen , seiner damaligen Begleiterin , am Strande der Ostsee begegneten ... Wir kauften dort Pferde ein ... Mein Freund , der Graf , besprach mancherlei , was zu seinen hiesigen Erbschaftshoffnungen gehörte und worüber der damalige Vormund und Onkel der Gräfin Paula , Ihr Herr Vater , Auskunft geben konnte ... Die Rede kam auf jenes schöne Mädchen , das unter seinem Schutze reiste ... Ich verglich sie allerdings mit Angiolina ... Der Kronsyndikus gerieth über meine Analyse in die größte Verwirrung ... Die Nacht soll er eine aufgeregte Scene gehabt und nichts , als von seiner zweiten Gemahlin gesprochen haben und das wie von einem Wesen , dessen Vorhandensein sein Gewissen drückt ... Nur irren Sie sich in einigen Punkten ! fiel der Präsident mit seiner frühern Schärfe wieder ein . Sie verglichen jene Lucinde weniger mit Angiolina , als mit jener so bekannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom ... Und darüber kam der Schrecken meines Vaters ; der Name Fulvia Maldachini war der frühere Name der Herzogin von Amarillas ... Seligmann sah jetzt große , wirkliche , echte , italienische Oper ... Maldachini ! ... Welch ein Klang - schon - beim Hervorruf ... Der Stand der Dinge ist der ! fuhr der Präsident fort , der immer mehr sogar in eine drohende Vortragsweise kam . Mein Vater hat vor einigen Jahren , als er noch bei Geisteskräften war , eine Generalbeichte beim ehrwürdigen Pater Maurus niedergelegt . Diese war so inhaltsreich , daß sie vom Herrn Provinzial nach Rom geschickt werden mußte . Dort scheint sie einflußreichen Personen bekannt geworden , Personen , die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas mehr Interesse zu haben scheinen , als die vielleicht sehr vernünftige Frau selbst , die wenigstens seit Jahren nicht die mindeste Erinnerung an Schloß Neuhof verrathen hat . War ihr Gedächtniß zu schwach für zwei Kinder , die sie in Deutschland zurückließ , wie sollte es jetzt aufleben für das Bekenntniß einer Schuld , die vielleicht die römische Curie , aber nicht die bürgerliche Gesetzgebung verzeiht ! Der Herzog von Amarillas war arm . Ein echter Grand von Spanien , besaß er nur seinen Namen , der in seiner ganzen Vollständigkeit acht bis zehn Güter repräsentirte , die im Monde liegen . Mein Vater schickte damals Summen nach Rom . In frühester Zeit wurden sie erbeten , in späterer gefordert ; dann plötzlich verhallte alles , was dort für ihn drohend vorhanden lebte ... Wer aber nun jetzt es ist , der dort plötzlich wieder Sprache gewonnen hat , wer nun jetzt durch Sie redet , Herr von Terschka - Angiolina ist so liebenswürdig , unterbrach Terschka aufs eiligste , daß ihr die Auszeichnung , mit Ihnen verwandt zu sein , wol zu gönnen wäre ... Wer ist Ihr Auftraggeber ? drängte der Präsident ... Ich - wich , ohne Zweifel lächelnd , Terschka aus - ich kann nur sagen , man wünscht , daß ich in aller Stille die Verhältnisse sondire , namentlich das Factum herstelle , ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmäßige Stiefmutter ist , Herr Präsident ! Die weitern Folgerungen daraus , gesteh ' ich , liegen mir ja noch gänzlich fern ... Löb erkannte ganz seinen diplomatischen Terschka ... Nun wohl , Herr Provinzial , wandte sich der Präsident an den Mönch , Sie sehen , es geschieht alles , um das Siegel zu brechen von jener Beichte , die Sie empfingen ... Ihr Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt , den Inhalt dieser Beichte zu erzählen , aber prüfen sollen Sie denselben ; so ungefähr , denk ' ich , schrieb man Ihnen ... So leg ' ich denn in Ihrer Gegenwart , lieber Sohn , in Ihrer , Herr von Terschka , die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor , die leider nicht mehr am Leben sind ; sie haben der sogenannten Vermählung meiner Stiefmutter beigewohnt ... Dann aber bitt ' ich Sie , Herr Provinzial , lesen Sie sich in die Handschrift des edeln Dechanten von Sanct-Zeno Herrn von Asselyn in Kocher am Fall , meines Schwagers , wie ich ihn nennen darf , hinein und theilen Sie uns hernach diese Zuschrift mit , die ich gestern Abend auf eine Stafette , die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte , erhalten habe ... Sie wird uns über diese Ehe und über Leo Perl ' s dabei gespielte Rolle die genügende Auskunft geben ... Löb mußte aufstehen ... Es war in der That zu viel , was auf seine Wißbegierde einstürmte ... Ja er bedachte : Erfährt man je , daß du Zeuge dieser Familiengeheimnisse warst , so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich ebenso unschädlich , wie einen gewissen Lauscher in den » Falschmünzern « ... Er mußte seine Decken lüften , weil er in Transspiration kam ... Nach einer Weile , in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen oder - voll Besorgniß der Worte seines Onkels gedachte : » Lass ' aber alles das unter Priestern bleiben ! « und von Terschka ' s Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden mußte , begann die rauhe und strenge Stimme des Pater Maurus : » Mein insonderst geehrter Herr Präsident und lieber Herr Schwager ! Ich habe das alles geahnt , was nach dem Tode Ihres Vaters kommen würde ! Auch schon zu meinem Neffen , unserm guten Bonaventura , hab ' ich mich in einer vor kurzem abgegangenen Zuschrift darüber ausgesprochen ... Es ist ein seltsamer Vorgang , auf den Sie hindeuten , und wohl versteh ' ich Ihren Schmerz , Ihre tiefe Betrübniß ! Beschämung - sagen Sie ! Warum dies Wort - zu - Priestern ? Wir Priester der römischen Kirche sind - bei solchen Dingen in - - unserm Element - « ... Der Vorlesende stockte ... Der Präsident sagte , wie es schien , mit Lächeln : Sie werden hier eine Stelle finden , die Sie überschlagen dürfen ! Indessen - - Bonaventura mochte voll Besorgniß der Intoleranz des Provinzials gedenken ... Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten , der so freundlich mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am Fall zu Kocher besuchte , weil er zu sagen pflegte , » Reinlichkeit ist mein erstes Religionsdogma « ... » Denn « , fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung über diese Freimüthigkeiten zu lesen fort , » denn unsere ganze Kirche beruht ja auf dem Natürlichen im Menschen . Wer unsere Kirche schildern will , muß vom Fleisch beginnen und im Fleisch aufhören . Die katholische Kirche erbaute Gott zu einer Hülfe für die Sünder . Sie ist deshalb in allem der Gegenpol der nackten Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet . Bei den Protestanten ist die Sünde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im Geist endenden Lehrgebäudes ; aber bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben . Darum liebt der natürliche Mensch den Katholicismus und wieder der Katholicismus « - - Der Provinzial stockte und murmelte wieder ... Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen ... Lassen Sie das ! Lassen Sie das ! ... unterbrach der Präsident im Ton seiner andauernden Wallung ... Doch der Mönch fuhr fort : » Da hatt ' ich beim Abschied vom Obersten von Hülleshoven den Streit über die Frage : Was ist unser Genius ! Monika , des Obersten Gattin , schrieb mir einst : Unser Genius ist der Schutzgeist gegen unsere Schwächen ! Der Oberst sagte : Unser Genius ist der Fahnenträger unserer Kraft ! Beide haben Recht und beide Unrecht . Sie hätten sagen müssen , wie der Genius im Menschen entsteht ... Was ist der Genius - des Katholicismus - der Genius Napoleon ' s - der Genius Goethe ' s « ? - ... Wieder unterbrach der Präsident ... Wieder dachte Seligmann , wenn auch schon etwas schwieriger auffassend , an die Bereicherungen für Veilchen ... » Napoleon war körperleidend « ; fuhr Pater Maurus zu lesen fort . » Man kann leidend sein und doch sich ganz beherrschen . Die fallende Sucht aber kann man nicht beherrschen ; das ist ein entsetzliches Naturgebot . Napoleon ' s Kammerdiener Marchand mußte ihn oft einschließen ; des Kaisers Angst war : Jetzt überfällt dich dein Dämon ! Napoleon ' s Genius war demzufolge der Geist , der ihn trieb , diesem Dämon zu entfliehen . Daher seine Unruhe , daher seine Liebe zum Frieden und doch die Unmöglichkeit , beim Frieden zu verharren , daher sein Vorwärtsdrängen , seine Art zu kämpfen , seine Auffassung über Welt und Zeit , sein Aberglaube , sein Wallensteinglaube an Ahnungen , seine Besuche bei Kartenlegerinnen , seine glühende Neigung zu Frauen und doch seine Kälte im Augenblick der Liebe - Napoleon ist das Leben eines Mannes , der sich unter einem unglücklichen Naturgesetz weiß . Alles , was er that und sprach , war auf dies Naturgesetz : Entfliehe deinem Fluch ! bezogen . Goethe ist nicht anders zu verstehen , als aus einem Naturgesetz . Nur bezieht sich bei Goethe sein ganzes Denken und Fühlen auf ein anderes Factum - er hatte einen unehelichen Sohn . Diese Möglichkeit und sittliche Gêne mußte er durch sein ganzes Dasein , seine Dicht- und Weltauffassung vertheidigen . Legitim oder Illegitim - das wurde sein Grübeln und merkwürdig , sein schlechtestes Werk , die natürliche Tochter , war gerade aus den geheimsten Falten seines Herzens geschrieben ... Warum plaudere ich das alles ? Ich könnte bitter sein und es so ausführen : Unsere ganze römische Kirche ist mit der Zeit auch allein über den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut , daß wir Priester nicht heirathen dürfen ... « Der Provinzial sprach ironisch : Der Dechant gehört der philosophischen Zeit an ... Er will sie auch nur schildern , sagte der Präsident und beruhigte Bonaventura , der auf die Mittheilung nur der Hauptsachen aus einem Briefe drängte , der ihm in ängstlicher Weise eine krankhafte Aufregung des theuern Onkels verrieth ... » Ich schildere Ihnen die Zeit , in der unsere Sünden jung waren , die Zeit , in der ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde ... Es war gerade , als Goethe , unser damaliger Gott , den einzigen gefunden hatte , vor dem auch er zu Staub wurde . Dies eben war Napoleon , unsere zweite Gottheit . Es war in jenem Erfurt , da , wo Goethe schweigsam vor Napoleon stand , der Mann , der ewig die Natur suchte , vor dem Mann , der ewig die Natur floh . Ich befand mich gerade damals bei dem sogenannten Parterre der Könige als ein der Diöcese Dalberg ' s angehörender Priester . Ihr Vater war in Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone Westfalen bei den alten deutschen Ständen des Teutoburger Waldes ... Herr von Wittekind zog vor , in der Nähe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers zu leben . Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann wie aus der Ritterzeit ... Die eiserne Hand , die Götz nur künstlich führte , schlug Ihr Vater natürlich . Ich habe gesehen , wie er von einer Tischplatte die Ecke abbog gleich August dem Starken von Sachsen , dem er leider nur zu sehr glich , wenn ihm auch dessen Sinn für Größe , die stolze Haltung und Bedeutsamkeit der Gesinnung versagt waren . Ein Nimrod war ' s , der zuletzt in wilder Baulust den Rest von Muth austobte , der ihm vom Jagdtreiben übrig geblieben . Sein Park , sein Schloß , seine Oekonomie müssen ihm Summen gekostet haben ; aber er brachte sie durch Geiz wieder ein . Die Folgen seiner gewaltthätigen Natur , die genug von ihm verdeckt werden mußten , liegen Ihnen jetzt offen vor , die stärkste Prüfung , die der Kindesliebe beschieden sein kann « - Pater Maurus besaß den Takt , einen Augenblick innezuhalten ... Seligmann warf einen still beglückenden Rückblick auf seine eigene vorwurfslose Laufbahn als Garçon ... » Der Handel mit der Fulvia Maldachini « , fuhr der Mönch fort , » stammt aus jener Zeit einer wilden Philosophie , aus jener Zeit , wo auch in des sonst so strengen Napoleon Heergefolge ' der alte französische Leichtsinn sich wieder regen durfte . Seine Marschälle waren früher Perrükenmacher und Kellner . Als sie auf ihren Lorbern ausruhen wollten , konnten sie nur genießen , wie Perrükenmacher und Kellner , die das große Loos gewinnen , genießen . Napoleon hatte Verwandte , die er , um eine neue Legitimität zu begründen , auf Throne erhob , während seine Schwestern erklärte Courtisanen , seine Brüder Champagnerreisende waren . Der Hof des Königs von Westfalen riß in seinen Strudel Männer und Frauen vom deutschesten Ursprung . Ach , wir waren tief gesunken ! Und noch jetzt - im Vertrauen - wir sind ein liebedienerisches Volk , geborne Fürstenknechte ! Ich habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen , die einem Nero und Caligula ebenso zuvorkommend würden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel ... Ihr Vater , ein junger Witwer - kein Stand ist gefährlicher , als der der jungen Witwen und Witwer - genoß noch einmal seine Jugendjahre . Trotz seines Amtes war er ein Händelsucher , ein Wettrenner , ein Don Juan ... Damals also besaß ich am Münster von Witoborn ein Kanonikat , das ich in alter Weise von einem Vicar verwalten ließ ... Ich war Priester geworden , wie andere unter die Soldaten gehen . Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte , mein Bruder Max war ein Soldat . Als ich Priester geworden war , reiste ich in die Welt hinaus , war lange in Paris und kam nach Kassel , Erfurt und Witoborn - wie ein Abbé zurück . Goethe , Napoleon und - Grécourt waren meine Gottheiten ... Ich schloß mich meinem Landsmann , Ihrem Vater , an . Wittekind konnte so ansteckend lachen , daß man ihm gar nicht lange wegen seiner sonstigen Unarten zürnen konnte ... Wir waren ein Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen , da ich später mancherlei Unstern bestand , ich , ein Priester , ich entwarf nach Bildern aus Herculanum und Pompeji Zeichnungen , die in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen Rufs als lebende Bilder stellten , sondern die Gattinnen der Minister , die Töchter der Gesandten , Deutschlands ältester Adel ! « ... Eine Pause ließ Löb Zeit , sich die vorhin gesehene Galerie und die Frömmigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen ... » Eine der gefeiertsten Tagesschönheiten « , fuhr der Provinzial zu lesen fort , » war die Römerin Fulvia Maldachini . Sie war eine Sängerin in der italienischen Truppe , die König Jérôme neben der deutschen und französischen hielt . Das Repertoire überwachte der Kaiser selbst aus Paris oder aus dem Hauptquartier und verfuhr darin ebenso streng , wie bei Bildung der Ministerien , des Heers und jenes Schattens von Repräsentativverfassung , dem Ihr Vater seinen Kronsyndikus verdankte . Ich seh ' Ihren Vater noch , wie er die Syndikatsuniform zum ersten Mal anlegte und den Galanteriedegen umschnallte . Ungeduldig , sich bei Eröffnung der Landstände zu verspäten , war er nahe daran gegen seinen Bedienten die etwaige Schärfe des Spielzeugs zu versuchen . Der Maldachini sagte man nach , sie wäre besserer Abkunft , wäre durch Umstände veranlaßt gewesen , ihre Stimme zu verwerthen , eine Stimme , die uns Deutschen mehr Entsetzen , als Bewunderung einflößte . Sie hatte , so jung und schön sie war , in ihrer Kehle eine Tiefe , die mit Proserpina bis in den Tartarus hinunterstieg . Das Theater erdröhnte zwar von Beifall , wenn sie ein : Perfido ! knirschte ; aber wie ein Dolch lag es neben jeder Note , die sie sang und besonders - wenn man einmal nicht applaudirte « - - Seligmann wußte nichts von Gluck und Piccini ... Aber Norma bot Vergleichungen ... Er verstand vollkommen dieses Knirschen , namentlich beim Nichtapplaudiren ... » Es galt für unmöglich , die Gunst der Maldachini zu gewinnen ... « las der Mönch . » Das gerade reizte den Kronsyndikus . Die Schönheit der Erscheinung , ihre Gestalt war mächtig , das Geheimniß , mit dem sie sich umgab , bestrickend . Sie nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an , namentlich seine Geschenke ; dafür war aber nicht mehr sein Lohn als ein Zunicken im Theater . Sie lehnte sich an den Hof , der sie beschützte , an die große Zahl ihrer Verehrer . Der Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwärmerei für sie . Feste bot er ihr , die sie annahm . Er ließ sie zur Fastenzeit , wo die Bühne geschlossen wurde , in den Sommerferien nach Neuhof in sechsspännigen Carrossen kommen ... Sie , Herr Präsident , und Ihr Bruder waren damals in Pensionen ... Die stolze Sängerin wohnte auf Schloß Neuhof wie eine Fürstin . Nichts aber entlockte ihr eine Zärtlichkeit , nichts eine Erwiderung der Liebesbetheuerungen , die ihr , wie mich Lauscher versicherten , der Freiherr auf den Knieen machte « - - Lauscher ! ... Seligmann bebte ... Hier , diese Cabinete waren doch wol die Orte , wo man auf Schloß Neuhof lauschen konnte ... » Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden . Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der That , der Freiherr von Wittekind beschloß , sie zu heirathen ... « Löb sah fast den Eindruck dieser Worte ... Sah fast Terschka ' s Lächeln ... Mit einer Stimme , deren Sicherheit deutlich verrieth , daß für ihn in allen diesen Mittheilungen nichts Neues lag , las der Provinzial weiter : » Dies Heirathsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage . Man hatte nicht im mindesten das Gefühl , daß diese Napoleonischen Zustände nur eine Episode wären . Ein völliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefühls trat ein . Fast wäre Ihr Vater seiner Leidenschaft erlegen , wenn nicht seine Freunde dazwischengetreten wären . Freiherr von Malstatt , Graf von Dohrn , Baron von Liebetreu , die Andern - alle widersetzten wir uns . Als Fulvia kalt blieb , höhnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren rothen Gewändern , mit dem grünen Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf , den Dolch im Busen , wie eine junge Medea zeigte und doch bestrickend schön , doch verheißungsvoll lächelnd wie der beginnende Frühling , da wurde zur Rettung Ihres , wie es schien , geradezu verlorenen Vaters ein Entschluß gefaßt . Wir verpflichteten uns , eine Farce aufzuführen . Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch , als soviel nöthig war , kräftig zu fluchen . Sie lebte unter uns , wie im Grunde damals alle diese Fremden ; sie lebten im eigentlichsten Sinne des Worts wie in der Verwirklichung eines Traums . So war auch ihr Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und Wald ; nur vom Geld sah sie , daß es das allbekannte echte Silber und Gold war . Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor , die aus Familienrücksichten einige Jahre lang geheim bleiben müßte . Fulvia , die die große Stellung ihres Verehrers kannte , die von seinen mächtigen Verwandten wußte , die einsah , daß für gewisse Vermögensverhältnisse auch in Rücksicht auf die vorhandenen Söhne erster Ehe Schwierigkeiten entstehen konnten , willigte