Heil ; ich und mein Diener gehen bereits zu Fuß und das Gefähr ist so überladen , daß die Pferde es kaum noch fortzubringen im Stande sind . « Der Offizier überlegte finster einige Augenblicke , dann sagte er heftig : » Die Jugend wird immer entarteter , Herr , und vermag Nichts mehr zu ertragen . Ich kann ihm nicht helfen - legt ihn zu Boden , Leute , und mag er erfrieren . Mein Befehl lautet : Vorwärts ! « » Nicht an der Jugend Ihrer Soldaten liegt es , Herr , « entgegnete der Graf , » aber der Doppelmarsch in diesem Schnee und gegen den Sturm erschöpft jede Kraft . Wie weit rechnen Sie noch die Entfernung ? « » Der Teufel weiß es in dieser höllischen Steppe . Ich hoffe , es sind keine sieben Werst mehr , aber es ist unmöglich , sich in dieser Fläche zu orientiren , und ich wünschte , wir hätten landeskundige Führer mitgenommen . Ihr Postillon ist der Einzige , der uns Auskunft geben könnte , der Bursche versteht aber kaum ein Wort reines Russisch . « » Hören Sie , wie es in den Lüften braust ! « » Bei Gott - es erhebt sich ein Wirbelwind , der uns den Schnee aufrühren wird . Fest an einander geschlossen , Leute , und vorwärts ! Wer fällt , mag liegen bleiben . « Er wollte davon sprengen , der Graf fiel ihm in die Zügel . » Der Himmel stehe uns bei , ich fürchte , es kommt ein Schneesturm ! Formiren Sie Quarré-Colonnen , es ist unsere einzige Rettung und der Rath eines alten Soldaten ! « Die Kommandorufe der Offiziere erschollen in dem Heulen und Brausen , das sich ringsum erhob , das in den Lüften sauste , aus der Erde empor zu wirbeln schien , von allen Seiten , gleich einem höllischen Concert von tausend Teufelsstimmen . Die ganze Steppenfläche rings umher schien lebendig zu werden und sich in die Lust zu erheben , der Schnee wirbelte in so dichten Massen , daß kaum zu athmen war und die ganze Umgebung eine einzige große Lawine schien . » Michael , mein Kind ! mein Sohn ! halte Dich fest an mich ! Hierher ! hierher ! « Einen Augenblick versuchten die Trommeln zu wirbeln dumpf und hohl ; - Kommandorufe tönten zwischen dem Toben der Natur halb erstickt , aber das Geheul des entfesselten Orkans , vermischt mit hundertfachem Jammerruf und Hilfsgeschrei , überwältigte jeden einzelnen Laut . Die Bespannungen der wenigen Gefähre , welchder der Colonne folgten , standen schnaubend und zitternd , dann versuchten sie wie toll ihre Banden zu sprengen und stürmten in rasendem Lauf , die dichten Menschenhaufen zur Seite schleudernd , davon . Nach dem ersten furchtbaren Stoß schwieg minutenlang der Sturm , gleichsam als schöpfe er neuen Athem , und in dem hellen winterlichen Sternenlicht , das noch immer die Steppe erhellte , sah man weiße Massen sich bewegen und einzelne Gestalten nach allen Richtungen hin zerstreut über den Schnee flüchten . » Halt ! - Still gestanden ! - Zum Quarré ! « klang die mächtige Stimme des Führers und gehorsam selbst in der Todesgefahr ordneten die noch nicht niedergeworfenen oder zersprengten Züge sich um den Befehlenden . Das Quarré war noch nicht geschlossen , als der Sturm auf ' s Neue losbrach und im Nu die ganze Fläche ein unermeßlicher Schneewirbel war . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Schlitten des jungen Offiziers war kaum zwei Werst hinter dem Bataillon , wie der Sturm losbrach . Im Augenblick , als der erste heulende Ton durch die Luft fuhr , stürzte sich der alte Tatar von seinem Sitz und warf sich vor die Pferde , diese in die Nüstern packend und dem Postillon zuschreiend , aus allen Kräften sie festzuhalten . Hierdurch gelang es , sie auf einer Stelle zu fesseln und die so nothwendige Richtung zu behalten . Denn selbst die sonst so sichern Thiere verläßt häufig bei so plötzlichen und schrecklichen Naturerscheinungen ihr Instinct . Unwillkürlich seitwärts sich neigend , suchen sie der fessellosen Wuth des Orkans auszubeugen , lenken von der rechten Straße ab und kommen oft , ohne daß der von dem wirbelnden Schnee betäubte und geblendete Reisende es merkt , mit kreisförmiger Wendung in eine gerade entgegengesetzte Richtung , je nachdem der Wirbel sie irre leitet . Unsicher , ohne Pfad , scheu vor den empörten Elementen , weichen sie zuletzt willenlos jedem Impuls des umspringenden Sturmes , bis sie entkräftet im tiefen Schnee stecken bleiben oder in eine der Regenklüfte stürzen , welche den Steppenboden durchfurchen . Es ist nicht selten , daß Reisende am Eingange der Dörfer elend umkamen , weil sie nicht wußten und nicht sahen , wie nahe sie dem Rettungshafen waren . Schrecklich ist das Schicksal der Heerden , die auf offener Steppe von einem solchen Schneesturm überrascht werden , besonders wenn er von der Richtung , des Hofes her weht , dem sie angehören . Die Pferde springen wild auseinander , rennen meilenweit , es ist unmöglich , sie zusammen zu halten . Die Schafe drängen sich dicht an einander und folgen trotz aller Anstrengung der Hirten den leitenden Thieren in der Richtung des Sturmes . Die Hirten , selbst der Wuth des Orkans preisgegeben und vor Kälte erstarrt , geben endlich das fruchtlose Bemühen des Widerstandes auf und folgen der von der dämonischen Gewalt fortgetriebenen Heerde , so lange es ihre Kräfte gestatten oder bis sie selbst von den wandelnden Lawinen verschüttet werden . Die Kirgisen der nogaischen Steppe verloren vor einigen Jahren in einem solchen Sturm Tausende von Pferden , Schafen und Kameelen . Als der erste Stoß des Orkans vorüber war , ließ der Tatar den Pferden die Zügel schießen und sie jagten mit rasender Schnelle über die Fläche dahin . Zwei Mal wiederholte sich dies Spiel , der Schlitten schnellte bereits hin und wieder über einen unter der Schneedecke liegenden Gegenstand , ohne daß die Fahrenden in ihrer rasenden Eile sich von der Natur desselben überzeugen konnten . Der Offizier glaubte mehr als ein Mal Rufen und menschliche Stimmen durch dies Toben der Elemente zu vernehmen , Gestalten und Schatten durch die Schneewirbel schwanken zu sehen - aber vergeblich war sein Haltruf , denn der alte Tatar trieb die ohnehin rasenden Rosse zu immer neuer Eile . Jetzt - dort - ganz deutlich hörte er den Hilferuf - gleich darauf eine schwache Salve von Gewehren - Gestalten taumelten um ihn her . - » Haltet ein - das ist unser Schlitten ! Halte ihn fest , Bogislaw . Das Erbarmen muß der eigenen Rettung weichen ! « Ein kräftiger Mann warf sich vor die galoppirenden Pferde und ließ sich von ihnen fortschleifen , ein Zweiter , eine schwere Last auf den Armen , schwankte hinter dem Schlitten d ' rein . » Schieß ' ihn nieder , Gospodin ! « schrie der Tatar ; » nieder , oder wir sind verloren , wenn sie sich an uns anhängen ! « Aber der Offizier hatte bereits selbst in die Zügel gegriffen und die Pferde zum Stillstand gezwungen . » Wenn Gott Ihnen barmherzig sein soll in Ihrer Todesstunde , so üben Sie selbst Barmherzigkeit ! « flehte eine tiefe Stimme neben ihm . » Nehmen Sie meinen Enkel , einen Knaben , in Ihren Schlitten und retten Sie ihn , ich will gern hier sterben und Sie segnen in meiner letzten Noth ! « - » Graf Lubomirski ? - ich kenne die Stimme - herein , herein ! jeder Augenblick ist Todesgefahr - aber ich lasse Sie nimmer im Stich ! « Der alte Pole , noch ungewiß , wer sein Retter sei , warf den leblosen Knaben in den Schlitten und sich darüber hin . » Wenn Du noch einen Augenblick zögerst , Gospodin , so sind wir geopfert ! « jammerte der alte Tatar . » Dort kommen sie und sie werden uns Schlitten und Pferde nehmen - die Last ist ohnehin für die Thiere zu groß ! « Massen schneebedeckter Gestalten stürzten herbei , wildes Geschrei ertönte , jeder der Unglücklichen drängte nach dem Mittel der Rettung . - » Vorwärts ! - vorwärts , ohne Erbarmen ! « rief der treue Jäger , indem er hinten auf die Kufen des Schlittens sprang und mit gewaltigem Faustschlag einen der Elenden in den Schnee schleuderte , der sich bereits dort angeklammert . Durch die halb betäubten , erstarrten Soldaten flog das Dreigespann mit der Doppellast davon querfeldein - hinter ihnen her Flüche und Verwünschungen , das Geheul des neu emporwirbelnden Sturmes - rings um sie ein fliegendes Meer von Flocken und spitzen , schneidenden Krystallen , daß oft kaum die Hand vor den Augen zu sehen war . Von Straße , von Pfad keine Spur , die hatte längst der wirbelnde Schnee begraben . Zum Glück vermochte der greise Führer in den Pausen des Sturmes nach den Sternen die Richtung zu finden , und obschon die Pferde von Schnee und Wind ermattet und durch die schwere Last gehemmt wurden , kamen sie doch rasch vorwärts und ließen die unglückliche Schaar weit hinter sich in dem weißen Grabtuch des Schnees . Die Hand des Herrn , die aus Flammengluth und Wogendrang errettet , war über ihnen und führte sie glücklich aus der eben so schrecklichen Gefahr des eisigen Todes unter den wandelnden Schneebergen . Nach zahlreichen Gefahren und Leiden hielten , etwa eine Stunde nachdem der Schlitten das Bataillon verlassen , die Pferde vor der offenen Fenze eines großen Gehöfts , in die sich zahlreiche Heerden schon beim Beginn des Sturmes glücklich geflüchtet hatten und wo sie jetzt im Schutz der langen , niedern , ein weites Viereck bildenden Stall- und Scheunengebäude kauerten . Der alte Tatar führte die Pferde in das Gehöft und auf den Ruf der Reisenden eilten die Bewohner und die versammelten Hirten aus dem Schutz des Hauses den Erschöpften zu Hilfe . Zwei Stunden darauf saßen , wie in jener Winternacht in dem Krug der polnischen Wälder , Graf Lubomirski und der junge Offizier , in dem Jener zu seinem freudigen Staunen Djemala-Din , den kaukasischen Prinzen , wiedergefunden , am warmen Heerdfeuer des Mennoniten Hesekiah zusammen . Der wackere Jäger Bogislaw , der so manche Gefahr mit ihnen und für sie treulich bestanden , wachte jetzt bei Michael Lasaroff , dem jungen Unterfähnrich , den sie starr und leblos in das Haus getragen und der endlich durch die angestrengte Anwendung aller Hilfsmittel wieder in ' s Leben zurückgerufen , sich in diesem Augenblick unter der Obhut der Frauen des Hauses und unter hoch aufgethürmten Betten im tiefen Schlafe befand . Draußen tobte der Schneesturm noch immer mit gleicher Heftigkeit und die des Landes Kundigen erklärten , daß er mindestens vierundzwanzig Stunden in derselben Weise anhalten werde , während welcher Zeit es unmöglich sei , den Schutz des Gehöftes zu verlassen . Selbst die aufopfernde Menschenliebe der Mennoniten hatte es daher nicht wagen können , den im Schneegefilde dem Verderben preisgegebenen Truppen irgend eine Hilfe zu bringen und vergebens hatten der Graf und der junge Kaukasier eine bedeutende Summe für Den geboten , der als Führer zum rettenden Hort die Unglücklichen aufsuchen wollte . Die Kälte war zur Nacht so heftig geworden , das Schneetreiben so wüthend , daß selbst das kühnste Herz verzagte vor dem gewissen Tode . Man hatte sich begnügen müssen , am Eingang des Dorfes Wachen aufzustellen , die alle Viertelstunde abgelöst werden mußten , und von Zeit zu Zeit Gewehre abschossen . Aber man wußte , daß bei der Macht des Sturmes der Schall kaum über den nächsten Umkreis dringen konnte , daß Alles vergeblich und das Schicksal der Unglücklichen wahrscheinlich längst entschieden war : - ein Grab unter dem Leichentuch der Schneelawinen , - ein Riesengrab für tausend muthige , treue Kriegerherzen , die noch vor wenigen Stunden auf dem Wege zur Ehre und Pflicht so lebenswarm geschlagen . Diese Gewißheit warf die Schatten trüber Stimmung über alle Mitglieder der Versammlung , selbst über die sonst für das Schicksal ihrer Zwingherren ziemlich gleichgültigen Tataren . Die Mennonitenfamilie hatte im gemeinsamen Gebet die Unglücklichen dem Schutz und Erbarmen des Höchsten empfohlen und die Männer saßen still in den großen Küchenraum umher , dem Wüthen des Orkans lauschend . Djemala-Din hatte dem Grafen mitgetheilt , daß er auf dem Wege zum Kaukasus sich befinde . Der Emir Schamyl hatte , wie wir bereits aus der Unterhaltung der russischen Offiziere auf der Mastbaftion am Tage des ersten Bombardements wissen , neben der Summe von 40,000 Rubeln die Kurückgabe seines ältesten Sohnes als Lösegeld für die Fürstinnen Tscheftsawadse und Orbelian verlangt , und der Kaiser dem jungen Manne freigestellt , ob er dem Verlangen seines Vaters Folge leisten wolle oder nicht . Was Djemala-Din von sich gewiesen , als die Boten seines Vaters ihn zur heimlichen Flucht zu bewegen suchten , erschien ihm jetzt , wo er die Gräfin Wanda am Kaukasus wußte , in einem anderen Lichte , und er hielt es für eine Pflicht der Ehre und Liebe für sie , sich selbst zur Befreiung ihrer Verwandtinnen zu opfern . Die Hoffnung , sie wiederzusehen , von ihren Lippen den Dank für das Opfer zu empfangen und im Hintergrunde der unbestimmte Traum , sie dennoch dort auf dem Felde wilder Abenteuer für sich zu gewinnen , wie sie selbst ihn durch ihre Phantasieen angeregt , machten ihm den Entschluß leicht . Erst hier , am Heerde des Mennoniten in der wilden Steppe , wo das Schicksal ich so wunderbar mit dem Verwandten der Geliebten zusammengeführt , vernahm er zum ersten Male , daß auch sie selbst in den Felsennestern seiner Heimath als Gefangene schmachte . Die Aufregung , in die ihn diese Nachricht versetzte , war zu sichtbar und groß , um von dem Greise mißverstanden zu werden , der bereits auf dem Schloß in Volhynien die entstehende Liebe des jungen Mannes beobachtet hatte und ihn achtete und schätzte . Obschon Gräfin Wanda ihm Nichts vertraut , beurtheilte er doch die hochherzige romantische Richtung ihres Geistes und Herzens zu richtig , um zu zweifeln , daß sie die Gefühle des jungen Tscherkessenfürsten erwiederte , und das tiefe Nachdenken , in das er so eben versunken , galt zum großen Theil der seltsamen Schicksalsverkettung des jungen Paares und seiner Zukunft . » Ihre Lage , Prinz , « sagte er endlich , » wird eine äußerst schwierige sein . Sie wissen , daß der Kampf zwischen den freien Bergvölkern und den Russen auf ' s Neue heftig entbrannt ist . Sefer-Pascha und Beisched-Pascha haben ihnen schon im Sommer bedeutende Hilfsmittel zugeführt , die russischen Festungen am Schwarzen Meere sind sämtlich zerstört oder in den Händen Ihrer Landsleute und die Schlacht am Ingur hat auch dort die russische Macht gebrochen . Ich weiß , daß von den alliirten Flotten nach dem Beginn der besseren Jahreszeit eine große Expedition an die östlichen Küsten des Schwarzen Meeres ausgeführt werden wird und daß England Ihren tapfern Vater unterstützt . Er wird von dem Erden seiner Macht mit Recht fordern , daß er in dem neuen und günstigen Kampf für die Freiheit an seiner Seite steht , daß er sich würdig zeigt der großen Aufgabe , die Unabhängigkeit der Stämme , die ihm einst gehorchen werden , gegen die Tyrannei zu vertheidigen . Ich bin ein Greis , Freund , und fühle , daß dieser Krieg der Fürsten , von dem wir so viel für die Sache allgemeiner Freiheit hofften in einer Versöhnung ihrer Interessen und ihrer Vortheile auslaufen wird , denn manche bittere Erfahrung hat mich belehrt , daß Zwiespalt und Eigennutz noch nicht die Völker zu einer gemeinsamen Erhebung gegen die Unterdrückung reif gemacht . Aber es giebt Wehrfesten des glorreichen Kampfes , die , wenn der Sieg uns hier entrissen wird , diesen ewigen Streit fortführen und an denen die entarteten Völker Europa ' s sich immer auf ' s Neue ermuthigen . Eine solche stolze Feste ist der Kaukasus und sein Kampf - wollen Sie sich ihm weihen , wie Ihre Väter thaten , werden Sie eintreten in den Krieg gegen Rußland , das Sie bisher mit hundert Lockungen verführt und Sie jetzt verstößt und verhandelt gleich einer Waare um zwei werthloser Weiber und adliger Namen willen ? « Der junge Offizier sah einige Augenblicke ernst vor sich nieder , er fühlte , daß von seiner Antwort die Meinung des fanatische Greises , vielleicht die Hoffnung seiner Zukunft abhängig sein würde . Aber er empfand zugleich , daß jedes Ausweichen , jede Täuschung seiner selbst und seiner Liebe unwürdig sei . - » Djemala-Din , « sagte er fest und bestimmt , » wird nie sein Schwert im Kampf gegen den Czaren Nicolaus , seinen Freund und Wohlthäter , ziehen . « Der alte Pole schaute finster und halb verächtlich auf ihn . » So werden Sie ein Zwittergeschöpf sein zwischen Krieger und Sclaven , mißtraut von den Ihren , mißtraut von Ihren bisherigen Freunden . Sie werden untergehen in diesem Kampf , wo Sie ein Held Ihres Volkes sein könnten . Ich hatte es anders gehofft und gewähnt , daß die Tochter eines unglücklichen und dennoch forthoffenden und ringenden Volkes in dem Sohne des glücklicheren die Flamme seines Rechts durch ihre eigene Begeisterung geweckt habe . « Der Tscherkesse sah ihn erstaunt und zweifelnd bei dieser offenen Anspielung an . - » Darf ich Ihre Worte deuten , wie mein Herz es möchte ? - ich beschwöre Sie , Graf - - - « Der Pole unterbrach ihn . - » Hören Sie mich an , Djemala-Din , des Imam ' s Sohn und vielleicht die Hoffnung der Zukunft eines ganzen Volkes . Die Vorsehung hat uns eigenthümlich hier zusammengeführt und es ist eine seltsame Stunde und Umgebung , in der ich Ihnen hier meine Seele eröffnen will . Draußen der tobende Sturm , der die Söldner Rußlands unter seiner eisigen Last begraben , um uns seine demüthigen Sclaven , wir selbst kaum dem Tode entgangen und durch Sie Alles gerettet , woran das Herz eines Greises mit den Banden irdischer Liebe gekettet ist . In meine Knabenzeit drang der Donner des Heldenkampfes von Dubienka7 und des unglücklichen Rufs von Maccieiowice , wo mein Vater an der Seite von Polens größtem Helden verwundet wurde . Mit der Muttermilch hatte ich den Haß gegen die Unterdrücker meines Vaterlands gesogen , und als ein neuer Stern seiner Hoffnung in Frankreichs Kaiser ihm aufging , stand der Jüngling unter seinen Adlern und focht seine Schlachten vom Ebro bis zur blutgetränkten Moskau und auf Deutschlands und Frankreichs Fluren , immer vertrauend und getäuscht von dem trügerischen Geschlecht der Napoleoniden , die aus den Freiheitshoffnungen der Völker nur eine Staffel ihres Ehrgeizes machen . Nach dem Fall des Kaisers lebte ich theils in meinem Vaterlande , das unter dem russischen Druck seufzte , theils auf Reisen durch England , Amerika und Italien , und trat hier in den Bund jener großen Gemeinschaft , die über die Welt verbreitet und deren Aufgabe ist , die Freiheit der Völker zu erringen und ihre Fesseln zu zerbrechen . « Er schien eine Antwort von seinem jungen Gefährten zu erwarten , doch dieser begnügte sich , ihm schweigend zuzuhören , und der alte Revolutionair fuhr fort : » In jener Zeit , während die Männer , die für die Freiheit standen und wirkten , gleich den gehetzten Thieren durch alle Länder Europa ' s verfolgt wurden , starb mein Weib , das ich mit meinem einzigen Kinde im Vaterlande zurückgelassen . Meine Tochter wurde von Fremden erlogen . Das Jahr 1830 kam , von den Barrikaden von Paris , die uns nur ein Königthum in anderer Gestalt erkämpft , eilte ich , ein Mann bereits in der Neige der Jahre , zum Vaterlande , das noch ein Mal seine Fahne erhoben zum blutigen Kampf . Ich focht in den Schlachten von Ostrolenka und Grochow und an meiner Seite Wanda ' s Vater , der Gatte meiner jüngeren Schwester ; auch Lubienski , in dessen Schloß in Volhynien wir jene Weihnachten zubrachten , war unser Waffengefährte . Sie wissen , wie auch damals Polens Stern durch die Uneinigkeit seiner Führer und die Wortbrüchigkeit Frankreichs den russischen Bajonnetten erlag . Aber noch ein anderer tiefgreifender Verlust traf mein alterndes Leben . Ludmilla , mein einziges Kind , das einzige Vermächtniß einer geliebten und hochherzigen Frau , die bei meiner Schwester lebte , in den Grundsätzen und Gefühlen ihrer ganzen Familie erzogen , häufte Schmach auf das Haupt ihres Vaters . Ein russischer Offizier , der im Schloß meines Schwagers im Quartier gelegen , der Vater Michael ' s , gewann ihr Herz , und als ich Polen verlassen mußte und sie mit mir nehmen wollte nach Frankreich , weigerte sie sich , mich zu begleiten , sie trotzte dem Vaterfluch und folgte dem Feinde ihres Vaterlandes , dem Offizier des Czaren . « Der alte Mann stützte das Haupt in die Hand und starrte in die Kohlen des Heerdes . - » Ich war einsam in der Welt - kein Kind , kein Vaterland , ein gefährdeter verbannter Wanderer auf dem Rundkreis der Erde , gehetzt im Kampf mit ihren Gewaltigen . Dieser Kampf allein war jetzt meine Liebe , mein Kind ! Sie , noch vor wenigen Tagen der Offizier eines jener Gewaltigen und bald vielleicht wie ich ein Kämpfer für die Freiheit - Sie ahnen nicht , auf welchem Vulkan die Throne Europa ' s stehen , wie unterwühlt der Boden unter ihren Füßen ist und wie mächtig und blutig von Stunde zu Stunde als Mene Tekel die Hand der Unsichtbaren an ihre Pforten klopft und an die Forderungen der Völker mahnt . Es ist ein Kampf auf Tod und Leben , der seit drei Jahrzehnten zwischen den Kämpfern der Freiheit und den Männern der Throne gefochten wird , mit tausend Waffen und Mitteln , im Dunkel der Nacht und der Verborgenheit , und gleich den Vulkanen und Erdbeben ausbrechend in hellen Flammen , wann und wo die Gegner es am wenigsten geahnt . Hundert Mal besiegt von den Schergen der Gewalt , hundert Mal fruchtlos durch Verrath und Zwiespalt der eigenen Glieder , findet die Sache der Freiheit gleich dem Proteus im Blut der Niederlagen neue Kraft und neuen Muth zum Kampf und sie erzieht die Völker für den dereinstigen Sieg . « » Und was verstehen Sie unter diesem ? - was ist die Tendenz jenes großen und geheimen Bundes , von dem wir selbst in der Abgeschiedenheit einer Garnison gehört haben ? « » Die Selbstherrschaft der Völker , ihre Befreiung von dem Joch der einzelnen Tyrannen , die allgemeine sociale Republik . « Der Offizier legte die Hand auf das Knie des Greises . » Das ist es , wo unsere Wege sich scheiden , Graf Lubomirski , « sagte er mit edler Ruhe . » Ich bin ein junger Mann und habe nur wenig beobachten können im Vergleich zu Ihrem langen und reichen Leben , aber ich fühle , daß das edle Wort Freiheit und Kampf für sie gar oft mißbraucht wird . Ich bin kein so entarteter Sohn meiner heimathlichen Berge und meines Volkes , daß ich nicht tief im Herzen sein heiliges Recht erkennen sollte , mit Blut und Gut seine Unabhängigkeit gegen den fremden Herrscher zu vertheidigen . Die Selbstständigkeit der Nationen und ihr heiliges Recht der Geschichte , des Glaubens und der Sitten - das ist die große Sache der Freiheit , und wo diese ihr Banner erhebt , ob an der Weichsel oder am Kuban , sie wird immer alle edlen Herzen für sich begeistern , - nicht das hohle Geschrei der Republik und des Socialismus . « » Wie Sie es nennen mögen - es ist gleich , die Streiter der Freiheit sind Alle Brüder einer großen Sache ! Ich habe mich nickt getäuscht , und Sie werden dennoch einer der Unsern sein im Kampf gegen Rußland , den gefährlichsten Feind der Umgeburt der Welt . « » Niemals , so lange Kaiser Nicolaus lebt , niemals wird Djemala-Din , Schamyl ' s Sohn , gegen den Mann das Schwert erheben , der sein Freund und Wohlthäter war . Erst wenn Dessen Augen geschlossen , dem er den Fahneneid geschworen , obgleich der Kaiser ihm diesen gelöst , wird den Sohn des freien Tscherkessiens Nichts mehr hindern , für die Unabhängigkeit seines Volkes gegen das russische Volk zu kämpfen . Bis dahin wird Schamyl , mein Vater , die Ehre seines Sohnes selbst ehren . « Der greise Agent und Kämpfer der revolutionairen Ideen war von der einfachen und edlen Erklärung und Auslegung des jungen Mannes ergriffen . Das Bewußtsein , daß auch ihn selbst im Grunde doch nur die Begeisterung für die Befreiung des eigenen Vaterlandes in die Reihen der revolutionairen Propaganda getrieben , bis das nationelle Streben in jenen socialen Tendenzen und dem alles Edlere und Selbstständigere zersetzenden Demokratismus untergegangen , war ihm noch nie so klar und deutlich vor die Seele getreten , als bei der schlichten Deutung des jungen Tschetschenzen über das , was er unter » Kampf für die Freiheit « begreife . » Was Sie unter socialer Republik , unter Demokratie verstehen , « fuhr der junge Mann fort , » ist mir nicht ganz klar - ich kenne und ehre die Einrichtungen im Lande meiner Väter und in dem , das mich erzogen . Wie soll ich Begeisterung hegen für Etwas , das mir unbekannt und ungewohnt ist . Jedes Land hat seine Sitte und für ihre Bewahrung opfert das Volk sein Blut . Die Edlen und Mächtigen werden immer Edle und Mächtige bleiben und ihre Stimmen im Rathe gehört werden , wie der Knecht ein Knecht . Die Fürsten sind die Statthalter Gottes auf Erden und ein heiliges Erbe der Völker . Ich bin ein Fürstensohn und werde , da mich Allah berufen , das Erbe meiner Väter zu wahren wissen . « » Sie sind Moslem ? « » Ich habe nach der Bestimmung des Kaisers die Religion meiner Väter nicht zu wechseln brauchen . Auch ohne den Namen eines Christen sind die heiligen und milden Grundlehren Ihrer Religion die meinen . In den Thälern des Elbrus und des Kuban , ist der Glaube der Nazarener kein Fremdling , sondern besteht seit Jahrhunderten , und meine Mutter war eine Christin . Aus meiner Knabenzeit weiß ich , daß Maria und der weiße Christ selbst von unsern mohamedanischen Stämmen heilig gehalten werden . Doch was sprechen wir von mir , dem Unbedeutenden , dessen Namen und Gedächtniß auch unter seinen Freunden bald verschollen sein wird - Sie selbst haben Ihre Erzählung noch nicht geschlossen , der Name zweier theurer Wesen fehlt darin und ich habe aus dem Munde Michael ' s den Namen seines Großvaters nur mit Liebe nennen hören . « Das lange von dem politischen Fanatismus und seinen Intriquen verschlossene Herz des alten Mannes öffnete sich wider Willen bei dem Namen seines Enkels , des Letzten aus seinem Blut . - » Die Härte gegen mein Kind , « sagte er traurig , » hat manche Nacht den Schlaf von meinem Lager gescheucht , obschon ich wußte , daß ich Recht gethan . Lasaroff , ihr Gatte , war ein eingefleischter Russe , aber sonst ein wackerer Mann , und seinen Bemühungen allein ist es zu danken , daß das Besitzthum meiner Schwester nicht confiscirt wurde und ihrer Familie erhalten blieb . Erst acht Jahre nach Polens Besiegung traf mich der letzte Gruß meines Kindes von ihrem Sterbebett , auf dem sie Michael das Leben gegeben . Der Vaterfluch hatte ihre früheren Kinder dem Tode geweiht , und sie bat mich sterbend um meinen Segen und meine Vergebung für das letzte . Der Tod sühnt alle Schuld , und dies alle Herz öffnete sich einer unendlichen Liebe für den ungekannten Enkel . Lasaroff , sein Vater , starb wenige Jahre nach seiner Gattin und Michael wurde nach seiner Bestimmung in einem der Corpshäuser in Petersburg erzogen . « » Und Ihre andere Familie ? Ihre Schwester ? « » Sie blieb bis zu ihrem Ende eine treue Tochter Polens , während ihr Gatte , der an meiner Seite gefochten , mit Rußland seinen Frieden machte , und ihr Sohn später im russischen Kriegsdienst stand und mit dem Gatten seiner älteren Stiefschwester wie - ich muß es zu unserer Schande sagen - so viele Polen im Kaukasus zur Unterjochung Ihrer freien Nation unter dem Doppeladler focht . Er fiel vor fünf Jahren als ein Opfer der Cholera und seine uns fremde Frau und seine Kinder sind die Erben der Guter in Polen . Aber meine Schwester hatte ein zweites jüngeres Kind , eine Tochter , Wanda , die Sie kennen , und in der ihr Geist , ihr Herz , ihre Vaterlandsliebe fortleben . Sie sah ich in Berlin und Paris , sie liebte ich und durch sie erhielt ich Nachricht von dem Letzten meines Blutes , von meinem Enkel , und blieb in Verbindung mit ihm . Es wird Sie nach dem , was Sie ausgesprochen , wenig kümmern , aus welchen Gründen ich vor fast zwei Jahren , durch eine frühere Bekanntschaft mit dem russischen Staatskanzler unterstützt , die Amnestie des Czaren annahm und nach Polen und Rußland kam . Nicht einer der geringsten war die Sehnsucht nach meinem Enkel und die Liebe zu ihm , die noch einmal das welke Herz des Greises erfüllte und belebte . « » Und darf ich fragen , welche Absichten Sie mit ihm hegen ? « » Ich will Ihnen nicht verhehlen , daß die politische Aufgabe , die mich in dieses Land geführt , mißlungen ist . Die Ereignisse sind uns aus den Händen gewachsen , andere und gefährlichere Gegner als