, daß ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit herumgezerrtes Heer , ein Heer , das etwa einem Parlamente verpflichtet wäre und nicht wüßte , wer ihm Befehle zu geben hat , sich bald auflösen würde . Ich weiß aber auch , daß Heere , die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe festhielten , wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden ; denn mögen unsre alten Obersten noch soviel in den Kasernenhöfen fluchen , mögen sich die Leutenants noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehäusern Muths erholen , mögen die jungen avancementssüchtigen Referendare und Assessoren , die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten , noch so bramarbasiren , ich sehe doch , daß der Unterbau morsch ist . Die Gesinnung des gemeinen Soldaten steht nicht so fest , wie sich die Offiziere den Anschein geben , sie überall vorzufinden . Das Reglement des Schießens reicht aus . Die Attake wird schon schwieriger sein und für einen Feldzug voll Mühen und Entbehrungen glaub ' ich bei unsren Armeen ohne große neue volksthümliche Begriffe nicht einstehen zu können . Leidenfrost pries die Krieger , die es in zweifelhaften Momenten mit dem Volke hielten . Sagen Sie Das nicht , alter Freund , bemerkte der Major . Ich habe die Art , wie in Frankreich die Regimenter schwanken , nie billigen können und immer eine moralische Abneigung empfunden , wenn es hieß : Die Linie ging über ! Glauben Sie mir , Leidenfrost , Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden Zuge zum Tode so rührend gesprochen , daß ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt begreife , warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohlthat sein kann . Allein nicht blos dieser Zug , der mir vorkommt , als sollt ' ich sagen : Unsre Zeit ist gleich einem Standbilde von Marmor , dessen Augen ohne Augensterne sind ... nicht nur , daß diese todten Augen uns rühren , rührend ist auch in dieser Zeit der Jammer der Pflicht . Die Pflicht , meine Herren , ist die Thräne im Auge des Kriegers . Es liegt etwas Majestätisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort . Lassen Sie mich wieder ein Bild brauchen . Diese schweren Pflichterfüllungen erinnern mich an jene sterbenden Gladiatoren , die hingesunken , erschöpft und todesmatt an der Erde liegen , noch einmal die Arme stützen , um sich zu erheben und doch schon den Kopf sterbend sinken lassen , freie Menschen , die gefangen in der Lage waren , gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute , die in gleichem künstlichen und beklagenswerthen Ingrimm ihnen gegenüberstanden , bekämpfen zu müssen , eine Zeitlang , der Ehre wegen , standhalten und dann gern sterben , um ein Leben voller Schande und Sklaverei loszuwerden für ewig . Der Major schwieg . Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszüge hatte sich verloren . Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem Blicke , der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte . Die rechte Hand hielt mechanisch den grünen Römer , ohne daß ihn Werdeck zur Lippe führte . Ein tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Körper und dessen lebhafte Bewegungen gelähmt . Leidenfrost reichte dem Major die Hand über den Tisch . Es lag etwas so Schmerzliches in dieser Begrüßung , daß es Allen auffiel und dem Major Veranlassung wurde , in seiner gerührten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen : Daß ich hier unter Ihnen bin , meine Herren ... Ich dank ' es nicht dem Geist , sondern dem Herzen ! Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman erzählen , der mich an ihn fesselt ! Sie wissen sicher , welche abenteuerliche Bahn seine Jugend durchlief ! Er ist ein Soldatenkind und führt den Namen Leidenfrost nur - aus Gefälligkeit . Leidenfrost . Leiden im Froste ! Wo gab es grimmigere Leiden im Froste als 1812 ! Ein hülfloses kleines Kind , ein Mädchen , liegt in den Armen eines sterbenden Wanderers , der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und die Erlösung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand , in deren Schrecken er sich auf seiner Flucht verirrte . Unter Leichen , unter Eis und blutgetränktem Schnee verschmachtet der Vater jenes Mädchens und die Kleine ist dem Tode nahe , als ein vorüberziehender , halberfrorener , fliehender deutscher Soldat das hülflose Schreien des Kindes hört und es aus den Armen des todten Vaters nimmt . Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des Todten zum Besten des Kindes an und trägt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Rußlands Schneefelder und Eissteppen . Er gedachte eines Knaben , den er selbst daheim bei seinem jungen Weibe eben vor seinem Ausrücken unter Napoleon ' s Fahnen zurückgelassen hatte . Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hieß Brüning . Sein Knabe hieß Maximilian , nach seinem König ; es war ein Baier . Seinen Pflegling aber , den er aus Rußland hinweg auf den Armen trug , nannten entweder Er oder Andere Josephine Leidenfrost . Wenigstens tauchten beide Kinder , Max Brüning und Josephine Leidenfrost , unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf . Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben . Der verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen . Dort brach seine Kraft zusammen ; er verfiel dem Typhus , sein Pflegekind , die kleine Tochter des sibirischen Flüchtlings , eines Polen , wurde dem Kloster übergeben . Da suchte den erkrankten Soldaten im Frühjahr 1813 sein Weib auf , dag zu Fuß , elend und arm , ihren Knaben in einem Tuche , das sie über die Schultern band , tragend , durch Franken , Thüringen und Sachsen nach Gnesen wanderte , wo sie wußte , daß ihr Gatte Brüning krank darniederlag . Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn , sie pflegt ihn , erkrankt selbst , stirbt und ihr genesener Gatte ... begräbt sie . Seinen Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst tritt unter die neuentfaltete preußische Kriegsfahne , folgt der Proklamation von Kalisch ; ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Brüning etwas vernommen . Es ist der Vater unsers Max da . Der Major schwieg eine Weile . Die Andern blickten theilnehmend erstaunt auf den Maler , der mit gestemmten Händen den Kopf hielt und in seinen Römer blickte , wie auf den Grund eines räthselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen blickt , wo die Sage von verschütteten Horten erzählt ... Der Major fuhr fort : Max , das Soldatenkind da , und Josephine , die Polin , galten für Geschwister , ohne es zu sein . Sie liebten sich wie sich Kinder lieben , die zusammen lernen und spielen , und die Nonnen flößten Beiden die ganze Schwärmerei in die jungen Herzen , die sie , der Welt entsagend , nur in ihren Träumen oder in ihrer Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten . Es war leicht erklärlich , daß man Max als Katholiken erzog , ebenso , daß man auch ihn Leidenfrost nannte , weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen Namen stolz waren . Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefährliches Element unter den Nonnen . Man führte ihn nach Warschau in ein Mönchskloster . Entführen hätt ' ich sagen sollen . Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und Hinterhalt genug nöthig gemacht haben . Dort im Warschauer Kloster erzählt die Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Brüning , genannt Leidenfrost , Streiche , die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden . Josephine blieb bei den Nonnen , bis Sibylla , die Äbtissin , eine herrliche , verständige Dame , den geringen Beruf des Mädchens für die geistliche Welt erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte . Äbtissin Sibylla gehörte dem altpolnischen Adel an . Josephine und Max sahen sich wieder und die Liebe des jungen Halbnovizen für seine Namensschwester wuchs . Ich will die Abenteuer nicht ausmalen , die der romantische Sinn der zusammenerzogenen , für Geschwister geltenden jungen Leute ... Der Major unterbrach sich : Hab ' ich nicht Recht , Max ? Leidenfrost hob den Kopf und schüttelte ihn lächelnd : Ich bin stumm gewesen und höre nur ! sagte er . Es war mir doch , bemerkte der Major zur Flamme emporsehend , als hört ' ich ... doch ich bin bewegt und meine Phantasie überhört vielleicht , daß ich selbst der Sprecher bin . Genug , Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck , aber welche Kämpfe hat es gekostet , bis ich sie mir errang ! Ich lernte sie vor zwölf Jahren in Warschau kennen , hangend und bangend in Liebe um ihren theuren Max , der , um nicht Priester zu werden , vor zehn Jahren entflohen war , verkleidet als Bedienter eines russischen Vornehmen , Otto ' s von Dystra . Welch ' ein Verkehr hatte sich zwischen ihnen entsponnen ! Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach äußerer Bewährung eines innern Genius , der in ihm rauschte , ohne daß er ihn bändigen konnte . Was hatte er bei den Mönchen gelernt ? Nichts als nur schreiben , aber zierlich , malerisch schön ! Eine Künstlernatur lebte in ihm , ihm unverständlich . Er konnte kaum noch richtiges Deutsch , er mußte in Allem von vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln , seinen Geist zur Höhe zu bringen . Statt Maler Anstreicher , statt Bildhauer Drechsler ! ... Josephine galt in dem Hause , wo sie lebte , für eine Waise , ohne Lebensansprüche . Sie liebte Max und empfing seine Briefe , die sie beantwortete , wie Heloise die Briefe des Abälard beantwortete . Max raffte sich immer gewaltiger empor . Immer bedeutsamer wurde sein Talent . Er war Künstler , Maler ; er konnte stolz sein , Josephinen einst seine Hand zu bieten . Da sah ich dies reizende Mädchen in Warschau , wie ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin . Ich liebe Josephinen sogleich , trag ' ihr meine Hand an und trotzdem , daß durch die Papiere , die Brüning in Rußland dem todten Vater abnahm , des Mädchens wahrer Name , ihre adlige Herkunft allmälig entdeckt wird , schlägt sie meine Bewerbung aus und reist nach dieser Hauptstadt , um den inzwischen hier zur Geltung , zur selbstständigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen ... da ... Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten : Bin ich ein Thor , daß ich diese Erzählung begann ? Was führt mich darauf ! Die Freunde drückten ihren Dank , ihre größte Spannung aus . Louis Armand , der sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte , schien besonders bewegt ... Aber der Major sagte : Nur der Trieb , Ihnen zu sagen , warum ich gern mit Ihnen lebe , gern in Ihrem Kreise bin , meine Herren , öffnete mir die Zunge zu dieser Geschwätzigkeit ... O wohl ! lachte Leidenfrost auf . Mit den sogenannten Verstandesmenschen , wofür der Major gilt , geht gewöhnlich die ganze Logik durch und reißt der Verstand alle Stränge , wenn die einmal aufthauen und ihr Herz zeigen wollen . Die Geschichte ist ganz einfach . Josephine kommt hierher . Der Hauptmann von Werdeck bestürmt sie mit seiner Liebe . Ich sehe sie , sie sieht mich wieder . Nach sechs Jahren ! Abälard und Heloise ! Lacht nicht , Kinder , es ist zum Weinen ! Betrachtet mich ! Was ? Nicht wahr ? Ich bin häßlich . Diese Citrone , die ich hier fasse , ist mein Gesicht ! Diese Löcher sind meine Augen ! Diese getrocknete Zwetsche ist meine Nase ! Ideal und Wirklichkeit ! Josephine sieht mich wieder , entsetzt sich , erwacht von ihrem Jugendtraum und heirathet den Hauptmann von Werdeck , den sie liebt wie einen Gatten ; mich liebt sie noch jetzt ... wie einen Bruder . Als Max Leidenfrost diese Erzählung lachend , aber mit unterdrückten Thränen zum Besten gegeben hatte , waren Alle stumm , von Schmerz und rührender Theilnahme ergriffen . Genug ! Genug ! fiel er aber selber ein . Vorwärts jetzt ! Dankmar , sagen Sie jetzt Ihren Plan ! Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen über dies eigenthümliche Verhältniß zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg . Da ergriff Leidenfrost den Römer und sagte : Dir , holder Genius meines Lebens , dieses Glas ! Dir , Josephine , um die ich rang und arbeitete ! Dir , zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufälligen emporrichtete ! Du warst der Stern meiner Nächte , die Sonne meiner lichteren Tage ! Um dich darbt ' ich , um dich dient ' ich ! Und als ich ein Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte , da weintest du und verhülltest dich ! Lebewohl , Josephine ! rief ich und stürzte mich wie ein Wahnsinniger in ' s Leben ; ich trat meine Kunst mit Füßen . Ich wurde ein Verräther an mir selbst . Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeißeln . Ich ein Scheusal ? Eine Abirrung der menschlichen Formen ? Ich , ein Plastiker , unschön ? Da trieb es mich auf die Bühne . Schauspieler wurd ' ich , heute , um mich zu schminken und schön zu sein , morgen , um mir einen Buckel überzuschnallen , Gesichter zu schneiden , rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen : Jetzt bin ich erst häßlich ! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir ! Das bist du nicht selbst ! Du bist ein Adonis , ein Gott gegen diese Fratze ! Und so trieb ich ' s fort ; bis ich wiederkehrte , mich besann , mich ergab , ergab als - Menschenfeind . Ich fand die Geliebte , die Schwester ernst , vornehm , aber wieder gut . Sie war nicht die alte Josephine mehr ; sie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona ... Jagellona ? unterbrach Louis Armand . Jagellona von Werdeck , Franzos ! fuhr Leidenfrost fort . Jagellona , die Polin , die Adlige , wie es die Gesellschaft verlangte ! Aber sie hat noch ein Herz , noch Liebe . Sie liebt Ideen , Menschen , die Ideen tragen und verkörpern , sie liebt Polen und die Freiheit . Jagellona ist meine Josephine nicht mehr ; aber Werdeck wurde mein Freund - Dein Bruder , Max ! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die Hand . Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max ! Im Geiste ist Alles möglich ! sagte Leidenfrost . Stoßt an ... auf Jagellona ! Siegbert , der des Rühmlichsten genug von der Majorin zu erzählen pflegte , stieß mit Enthusiasmus an . Dankmar mit Vorwürfen , die er sich selbst über seine Zurückgezogenheit von der Gesellschaft machte , Louis mit der Frage auf den Lippen , wie denn wol der fernere Name dieser Jagellona heißen mochte ... Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich über diese ganze Unterbrechung und sagte entschieden : Und nun kein Wort mehr davon ! Ihr kennt jetzt die Tragödie , die ich in meinem Herzen spiele ... besser hoffentlich , als ich einmal sechs Monate lang früher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte . Jetzt zur Sache ! Dankmar Wildungen ! Unsre Stimmung ist hinlänglich feierlich ! Reden Sie ! Dankmar entschloß sich nun , in den angeregten Gegenstand einzulenken und sprach : Sie haben , Herr Major , in Ihren früheren Äußerungen das tiefe Weh dieser Tage ausgesprochen ! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt , wie lang die Bahn gemessen ist , die unser redlicher Wille durchlaufen muß , wenn er sich in eine That umsetzen will ! Hundert Gründe , etwas zu thun , tausend , etwas zu unterlassen . Das Ideal ahnen wir , aber Nebel umgeben die Sonne . Auf dem Wege zur Wahrheit hundert Lügen und Lügen nicht einmal , die wir verachten dürften , nein , wir sollen uns mit ihnen abfinden , sollen selbst lügen , um von ihnen ehrlich loszukommen ! Wir Alle hier sind Demokraten . Das Wort ist alt . Seine Geschichte lehrreich . Die Moral dieser Geschichte abschreckend . Ich gebe zu , daß die Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren , wenn auch nur Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit . Aber unverkennbar ist es , daß zu allen Zeiten sich in ein lauteres , reines Princip unlautere Elemente mischten . Könnten wir diese von unserer Debatte ausscheiden ! Das demokratische Princip galt bisher nur für kleinere Staaten , jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden , ein geschichtlicher Hebel . Da ist es fast so groß , so heilig zu erachten , wie eine Religion . Eine Religion muß unendlich einfach sein . Die Offenbarung gibt die Geschichte . Drei Sätze genügen . Das Übrige thut der Geist , die Gesinnung , die Hoffnung . Wir haben vier Meinungen gehört . Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden , und stritten wir noch länger darüber , so würde statt Einigung , Veruneinigung kommen . Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That , der Eine will nur die Gefahr des Experimentes wagen , der Dritte lieber mit dem Alten untergehen , nur um nicht das bedenkliche Neue zu versuchen . So werden wir uns nie vereinigen . So werden wir immer nur die Repräsentanten des Chaos sein , das jetzt in den Gemüthern gährt und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtstrahlen unzugänglich scheint , weil jede Subjektivität leidenschaftlich , reizbar , eigensinnig ist . Freunde , wir müssen unsre Lehre vereinfachen , aber die einfache Lehre kraftvoller durchsetzen ! Wir müssen es aufgeben , positive Schöpfungen hervorzurufen , und uns begnügen , nur den Geist , in dem sie erwachsen sollen , zu befördern . Keine Theorie ! Aber für den Geist der Theorie das Leben ! Hört mir zu , Freunde ! Die Stunde ist heilig ! Stoßt auf eine Idee an ! Ich wünsche , daß es so , wie in unsern Gläsern auch in unsern Herzen widerklingen möge ! Man stieß mit Dankmar , dessen Augen leuchteten , feierlich an . Vom Rathsthurm schlug es zehn . Als die Gläser gesenkt waren , begann Dankmar mit fester Stimme von der Notwendigkeit zu sprechen , über den Bund der Freimaurer hinaus einen neuen zu stiften , einen Bund , den er den der Ritter vom Geiste nannte . Neuntes Capitel Die Stiftung des Bundes Kaum hatten die beiden Schreiber , Schmelzing und Hackert , auf dem Estrich kauernd , die Gesellschaft , ehe noch Werdeck kam , unter sich in die kleine Trinkstube eintreten hören , als sich auch der Letztere sogleich von einigen Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fühlte . Noch wußte er nicht deutlich zu unterscheiden , wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte . Die Worte , die unten gesprochen wurden , bekamen durch die Wölbung und die Resonanz etwas Schnurrendes , ja Unangenehmes . Man mußte etwas von der Kreuzesform zurückbleiben , um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden . Für Schmelzing ' s Ohr waren diese Töne gerade so , wie er sie haben mußte . Er hielt sich so dicht an dem flammenden Kreuze , daß ihn Hackert einige male zurückzog und ihm durch die Fingersprache sagte : Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen , Schmelzing ! Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert ' s rothes Haar , dem das Sengen nicht viel schaden könnte , zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der unten gesprochenen Worte förmlich zurecht . Hackert sah diese Zurüstung mit Gleichgültigkeit . Er war ein Mensch des Augenblicks . Weil die Stimmen ihm im Ohre wehthaten , so gönnte er ihnen , daß Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen aufschrieb . Ruhig streckte er sich am obern Ende des Kreuzes hin , während Schmelzing am untern kauerte und bald horchte , bald schrieb , bald das Brot und den Wein zurechtlegte für ein geordnetes , später einzunehmendes Souper ; denn , deutete er Hackerten an , diese Sitzung da unten würde gewiß lange währen , es schiene heute ein Hauptschlag berathen zu werden . Hackert rieth hin und her , wer die Sprecher sein mochten ; endlich vernahm er in dem Durcheinander , bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten hörbar war , eine sanftere , mildere Stimme . Es war Siegbert ' s. Unwillkürlich kam es Hackerten , als müßte er nun durch das Kreuz sehen . Schon hielt er den Kopf hin , als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zurückfuhr . Das ist Siegbert Wildungen ! dachte er sich . Mein wackrer Freund , der so liebevoll für mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem Fortunaball so niederträchtig kränkte , daß ich ihn für immer vermeiden muß ! Und nun erkannte er auch Dankmar ' s Stimme . Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor , welche Rolle er hier spielte . Menschen , die ihm fremd , zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des bunten Lebens zu machen , wäre ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen . Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen hörte ; als er sich erinnerte , wie freimüthig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den verkleideten Prinzen Egon sich geäußert hatte ; als er sich vorstellte , in wieviel gefährliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch gleichfalls an jenem verhängnißvollen Abend geneigt gezeigt hatte , ihm zur Aussöhnung und Verständigung die Hand zu reichen , da befiel ihn über die Möglichkeit , ihre Äußerungen könnten ihnen Gefahr bringen , eine unbeschreibliche Angst . Er lauschte nochmals . Er glaubte , sich getäuscht zu haben . Aber es blieb unwiderleglich , daß die Brüder Wildungen unter ihm waren . Als man allgemein Guten Abend ! rief und einen Neuangekommenen begrüßte , hoffte er , das Gespräch würde sich in Allgemeinheiten verlieren . Er machte deshalb Schmelzing ein Zeichen , als wollte er sagen : Es sind wol die Rechten nicht ? Dieser aber bemerkte , daß gerade der Neuangekommene der Rechte wäre . Hackert möchte ihn jetzt nicht stören , sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen , damit sie hernach ihre Notizen vergleichen könnten ... Hackert , um Verdacht zu vermeiden , befolgte diese Weisung . Er zog eine pergamentne Schreibtafel und stellte sich , als wenn er außerordentlich begierig wäre , zu erfahren , was gesprochen wurde . In der That war er es auch . Noch immer hoffte er auf Allgemeinheiten und persönliche Gegenstände . Als er aber den Accent eines Franzosen hörte , den Staat , die Zeit , die Willing ' schen Maschinenarbeiter nennen hörte , stand es ihm in der That fest , daß die Polizei außerordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte , Gesinnungen dieser Art zu überwachen . Zugleich aber kämpfte gegen die offenbare Überzeugung , daß es sich hier um ein gefährliches Staatskomplott handelte , alles Das an , was er von Siegbert ' s mildem und Dankmar ' s besonnenem Charakter wußte . Unmöglich konnten sie gewaltthätigen Unternehmungen Vorschub leisten ; aber wenn sie sich hätten hinreißen lassen , wenn sie der Überredung eines ehrgeizigen Kriegers , eines französischen Emissairs hier Gehör gäben ? Hackert war von der Vorstellung der Gefahr , in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte , so ergriffen , von Theilnahme für die Brüder Wildungen so bewegt , daß er beschloß , Alles aufzubieten , um Schmelzing zu verwirren und für den Fall , daß wirklich Ernstes unten besprochen wurde , ihn in irgend einer Weise unschädlich zu machen . Zunächst fing er an , Schmelzingen an die Pennalhälften zu mahnen . Er gab ihm die größere und füllte sie mit dem etwas säuerlichen Haut-Sauterne , den die Polizei für diese Expedition auf Rechnung der » geheimen Fonds « setzte . Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus seinem kleinern Fingerhute trinken . Dem Essen , das Hackert vorzulegen anfing , sprach er eher zu , dabei aber unaufhörlich winkend , kein Geräusch zu machen und seine Aufmerksamkeit nicht zu stören . Hackert ließ sich aber nicht beirren . Er dachte , ich muß dich bei deinen schwachen Seiten fassen . Die nächste Schwäche des schleichenden , tückischen Schreibers war seine Eitelkeit . Hackert musterte den Mantel , auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen , da er zu kostbar wäre , als Fußdecke benutzt zu werden . Das hörte Schmelzing schon gern . Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn , wo er seine Halsbinden jetzt waschen ließe . Schmelzing antwortete auf alle diese Fragen mit der Fingersprache . Es bot einen eigenthümlichen Anblick , diese zwei Menschen am Boden kauernd zu sehen , zwischen ihnen ein flammendes Kreuz , oben Alles todtenstill , und sie Beide doch sprechend , die Finger reckend , die Arme bewegend , bald an die Brust , bald an ' s Kinn , bald an die Nase , die Ohren , die Haare fassend . Sie hatten sich in müßigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit in dieser Art der Mittheilung und des Gedankenaustausches angeeignet , daß sie sich nicht nur über äußere , sinnlich in ' s Auge fallende Gegenstände verständigten , sondern so auch über Ansichten und Empfindungen . Wissen Sie wohl , Schmelzing , sagte Hackert mit der Fingersprache , während er mit Herzklopfen hörte , daß eben Dankmar die Frage beantragte , welchen Entschluß man für die nächste Zeit fassen müßte ; wissen Sie wohl , was man von Menschen denken muß , die ihr Gehör verlieren ? Lassen Sie mich jetzt zufrieden ! antwortete Schmelzing mit der Zeichensprache , horchte und schrieb emsig . Nein , im Ernst , Schmelzing ! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren Rüdesheimer trinken ! Ich geb ' Ihnen mein Wort , es hat etwas auf sich mit dem Gehör . Schweigen Sie , Hackert ! Das Gehör , Schmelzing , ist der niedrigste , schlechteste und erbärmlichste Sinn des Menschen ! Männer von Geist verlieren immer erst das Gehör . Wirklich ? Wissen Sie denn , Schmelzing , daß der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt ? Sprechen Sie hier nicht von Sterben , Hackert ! Ich verbitte mir Das . Wie alt sind Sie , Schmelzing ! Neunundzwanzig , nicht wahr ? Schmelzing konnte nicht umhin , etwas zu schmunzeln . Er hatte sicher schon sein Vierzigstes auf dem Rücken . Vom dreißigsten Jahre an sterben wir allmälig ab und zwar an unsern fünf Sinnen . Zum Donnerwetter ! Seien Sie still , Hackert ! Hackert hörte , daß Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und ununterbrochen redete . Er ließ sich nun nicht stören , sondern wandte die ganze Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an , um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten . Gemeine Menschen , sagte er , sterben von oben herab , edle Charaktere von unten herauf . Wie so ? fragte Schmelzing , der dabei an seine Füße dachte , die ihm beim Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden . Was sehen Sie denn auf Ihre Füße , Schmelzing ? Ich rede ja von Ihrem Gehör . Lassen Sie mich in Ruhe ! Das Gehör ist wirklich das Gemeinste am Menschen . Nur bei den Dummen ist der Gehörsinn am schärfsten ausgebildet . Wie so ? Je furchtsamer ein Thier ist , desto besser hört es . Alle feigen Thiere , Hasen , Rehe , Maulwürfe hören gut . Wirklich ? Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hört darum so wenig . Plato und Aristoteles , kann ich Ihnen die Versicherung geben , Schmelzing , waren schon in ihrem dreißigsten Lebensjahre stocktaub , und wenn Sie ' s nicht wissen , wer Plato und Aristoteles waren , so sag ' ich ' s Ihnen , das waren die beiden weisesten von den sieben Weisen Griechenlands ! Sie wollen mir etwas weismachen , Hackert . Ich gebe Ihnen mein Wort ! Erst kommt das Gehör , dann ... Halt ! halt ! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten . Hackert horchte hin ; es war von den Willing ' schen Maschinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede . Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe . Gut zu hören , fuhr er fort , ist gemein ; dann kommt gut sehen , das ist weniger gemein , aber noch immer gemein ; dann kommt gut fühlen . Das ist Mittelsorte . Dann steigt ' s aber in ' s Feine . Erst gut zu schmecken . Dann aber das Feinste , Schmelzing ... Gut zu riechen ? fragte Schmelzing erstaunt . Der feine Mann hat seinen schärfsten Sinn in der Nase . Gehen Sie weg ! Glauben Sie Das nicht ? Sie wissen also nicht , daß alle Weisen Griechenlands am stärksten in dem Organe der Nase waren ? Ich meine doch , daß erst der Geschmack kommt , sagte Schmelzing , von diesen Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt . Ach , wie irren Sie sich , Schmelzing ! Geschmack ist fein , aber Geruch viel feiner . Ich rieche sehr fein . Wirklich ? Sehr fein ! Riechen Sie z.B. , ob Das hier Kohlen- oder Theergas ist ; ich meine das Gas , das von den drei Kreuzen kommt . Dafür kann ich nicht Chemie genug , sagte Schmelzing . Aber ich rieche , daß hier viel Mäuse und wenig Katzen sind ... Sehen Sie einmal an , das riech ' ich nicht , Schmelzing , sagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig . Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine künftige Verwesung schon voraus gerochen haben . An sich selbst , Schmelzing !