Zusammengekauertes daliegen , das genau den Eindruck eines toten Elefanten auf mich machte . Nun sind Elefanten ja unzweifelhaft große Tiere , wenn ihnen aber obliegt , als Berg- und Felstrümmer landschaftlich zu funktionieren , so kommt die Landschaft und kommen sie selber zu kurz . » Ist er es denn wirklich ? « bracht ' ich endlich heraus . » Es ist wohl bloß der kleine ; es sollen ja zwei sein . « » Ja zwei sind es , und der andre war auch größer . Aber den haben sie ja zersprengt , und was nu noch davon da is , das is nicht viel , un is bloß Scheibenständer und Kugelfang , wenn die Rauener ihr Freischießen haben . « » Aber im Granit kann sich doch keine Kugel fangen . « » Is schon richtig . Aber das ist ja gerade das Gute . Sehen Sie , so ' n richtiger Kugelfang is eigentlich gar kein Kugelfang . Das heißt , er is es zu sehr . « » Wie denn ? « » Ja , wie soll ich es sagen ? Es is damit wie mit dem Schiffsjungen , dem der silberne Teekessel ins Meer gefallen war , und der dann ärgerlich und pfiffig fragte : » Is das verloren , wovon man weiß , wo ' s is ? « Und so kann man auch beim richtigen Kugelfang fragen . In ' n Sand stecken sie drin , und jeder weiß ganz genau , wo sie sind . Aber weg sind sie doch . Und nun sehen Sie sich die klugen Rauener an ! An den Granit schlägt die Kugel und klatsch , da liegt sie . Und wenn sie mit Schießen fertig sind , suchen sie die platten Kugeln wieder auf . Und liegen alle da wie die Pflaumenkerne . « » Hören Sie , Moll , das gefällt mir . Können wir diesen Kugelfang nicht sehen ? Ich meine den Stein . « » O gewiß . Er liegt ja hier gleich nebenan . Und ich brauch ' auch nicht abzusträngen . In den Sand hier stehen die Pferde wie ' ne Mauer . « Diese prusteten und rieben sich vergnügt und wie zum Zeichen des Einverständnisses die Köpfe , Moll und ich aber gingen nach rechts in das Gehölz hinein , wo wir alsbald auch den andern Stein fanden , der mal der größere gewesen war . In seiner Front erkannt ' ich leicht die beiden Erdwandungen einer mehr als hundert Schritt langen Schießallee , während sich am Stein selber unzählige Kugelspuren zeigten . » Und dies ist also der große Stein . War er viel größer als der andere ? « » Nein , ich hab ' ihn zwar nicht mehr gesehn , aber die Leute sagen es ja . « » Was ? « » Nu , daß er nich viel größer war ... Und so um die zwanziger Jahre rum wurd ' er in drei Stücke gesprengt , gerad so wie Sie ' ne Birn ' in drei Stücke schneiden : links ' ne Backe un rechts ' ne Backe , und in der Mitte das Mittelstück . Un aus ' s Mittelstück haben sie ja nu die große Schale gemacht , die jetzt auf ' n Berliner Lustgarten steht , und die linke Backe , das is das Stück , das wir hier sehen , un die rechte Backe , die werd ' ich Ihnen nachher zeigen . « » Ist es nötig , sie zu sehen ? « » Ja , die müssen Sie sehen . Ich zeig Ihnen alles , wie sich ' s gehört . Und es heißt auch die › Schöne Aussicht ‹ . « Alsbald saßen wir wieder in unsrem Wagen und fuhren jetzt im Zickzack auf eine sandige Höhe hinauf . An höchster Stelle hielten die Pferde wie von selbst und Moll sagte : » Hier ist es . Dies ist die › Schöne Aussicht ‹ . « » Und die Backe ? « » Die liegt hier . « Und dabei wies er auf ein sonderbares Granitmobiliar , das mich , auf den ersten Blick wenigstens , an Stonehenge erinnerte , jenen alten Druidenplatz in der Nähe von Salisbury , den man in Kunstatlassen und illustrierten Architekturgeschichten abgebildet findet . Im Quadrat standen vier Steinbänke , dazwischen präsentierte sich ein großer , runder Steintisch , alles aus dem Granitstück gefertigt , das man von dem Stein unten abgesprengt hatte . Der Wagenplatz , auf dem ich saß , war höher als das Steinmobiliar und gönnte mir einen freieren Umblick . Alles in der Welt aber hat sein Gesetz , und wer auf der » Schönen Aussicht « ist , hat nun mal die Pflicht , sich auf den Steintisch zu stellen , um von ihm aus und nur von ihm aus die Landschaft zu mustern . Und so tat ich denn wie mir geboten und genoß auch von diesem niedrigen Standpunkt aus , eines immer noch entzückenden Rundblicks , ein weitgespanntes Panorama . Die Dürftigkeiten verschwanden , alles Hübsche drängte sich zusammen und nach Westen hin traten die Türme Berlins aus einem Nebelschleier hervor . Aber mehr als die Fernsicht interessierte mich , was in verhältnismäßiger Nähe gelegen war , und ich rief Moll , auf daß er mir die Namen der bunt umhergestreuten Ortschaften nenne . » Da der Turm hier hinten dem Rauenschen « , hob er ciceronehaft an , » is der von Markgraf-Piesk , und der hier unten über die Pieskesche Heide weg , das ist der von Schermeusel-Piesk . « » Ich glaube , Sie spaßen . « » I , wie werd ' ich denn ! Es gibt hier lauter solche Namen , un is einem orntlich ein bißchen genierlich . « » Und hier links der Turm zwischen den zwei Pappeln ? « » Das is Pfaffendorf ; na das geht noch . Aber das andere , gleich dicht daneben , das is Sauen , und hier rechts weg is ' ne Kolonie von des Alten Fritzen Zeiten her und heißt Schweinebraten ! « » Aber Moll , ist es denn möglich ? « » Ach Gott , hier is alles möglich . Und warum heißt es so ? Weil sie keinen haben . Und wollen sich wenigstens einen vorstellen oder dran erinnern . « » Aber warum sich erinnern an das , was man nicht haben kann . Ich finde , das ist gegen die Lebensweisheit . Freilich jeder hat so seine eigne . Und nun sagen Sie mir , das große Wasser hier vor uns , was ist das ? « » Das ist der Schermützel . « » Ah , das ist schön . Und das daneben , das sind wohl die Güter , die die Löschebrands hier hatten ? « Er bejahte . » Nun sehen Sie , da müssen wir hin . Ich denke mir , daß ich da vielerlei finden werde : Gräber und Türkenglocken , und Denkmäler und Inschriften . Und vielleicht auch einen Pfeiler mit ein paar eingemauerten Nonnen , oder ' ne Sakristei mit ' nem vergrabenen Schatz . « Er lachte . » Nei , so viel finden Sie nich . Un ' nen vergrabenen Schatz erst recht nich . Oh , du meine Güte ... « » Nun , wir wollen sehen , Moll . « Und damit fuhren wir weiter auf den Schermützel zu . 2. Am Schermützel 2. Am Schermützel Nur von dem höchsten Punkte der » Schönen Aussicht « aus hatten wir den See vor Augen gehabt , als wir nun aber , am Hügelabhange hin , ihm direkt zufuhren , verschwand er wieder und überließ mich auf eine halbe Stunde nicht nur dem mahlenden Sande , sondern auch allerhand philosophischen Betrachtungen , in denen Moll so stark war . Er sprach unter anderm eingehend über das Glücksrad und den Wechsel aller Dinge , wovon auch der Schermützel , übrigens zu seinem und der Anwohner Vorteil ein Lied zu singen wisse . Jetzt bring er zum Beispiel 2000 Taler Pacht und werd ' es bald noch höher bringen , um die Zeit aber , als die Franzosen im Lande gewesen seien , sei der ganze See , der damals dem Fiskus gehört , um die Summe von 2000 Taler an einen Meistbietenden verkauft worden . Und noch dazu wie ? Der Meistbietende sei nämlich ein Herr von Löschebrand auf Saarow gewesen ( nicht der alte Rittmeister , der jetzt auf dem Reichenwalder Kirchhof liege , sondern sein Vater oder Großvater ) , ein pfiffiger alter Junker , der sich denn auch einen richtigen Junkerspaß gemacht und die ganzen 2000 Taler in lauter ihm selber aufgezwungenen Bons und Lieferungsscheinen ausgezahlt habe . Natürlich seien die Scheine von dem Beamten untersucht und nachgezählt worden , und als sich bei der Gelegenheit ergeben , daß es nur 1998 Taler seien , habe der alte Saarowsche mit einem Gesicht , als ob es ihm nicht drauf ankomme , noch zwei blanke Taler zugelegt und dabei herzlich gelacht . Und so sei denn der ganze See damals für zwei Taler oder den tausendsten Teil von dem , was er jetzt Pacht bringe , verkauft worden . Unter solchem Geplauder waren wir , immer noch am Hügelabhange , bis an ein halb pavillon- , halb tempelartiges und zugleich völlig einsames Gebäude gekommen , das zwischen Kiefern und Laubholz hindurch auf den hier plötzlich wieder sichtbar werdenden See sah . Ich erfuhr , daß ein Herr von Bonseri dies Mausoleum ( denn ein solches war es ) errichtet habe , war aber unaufmerksam auf alles Weitre , weil die Schönheit des Schermützel und seiner Dörfer mich ausschließlich zu fesseln begann . Das nach rechts hin gelegene mußte Saarow sein . Ich erkannte deutlich das hohe rote Herrenhausdach , das über die Wirtschaftsgebäude wegragte , während ihm gegenüber , alles Pappelgestrüpps unerachtet , der kleine Pieskower Kirchturm immer deutlicher hervortrat . Beide Dörfer lockten mich , das eine wie das andere , da das Fuhrwerk aber geschont werden mußte , so beriet ich mit Moll und proponierte , daß er mit den Pferden unmittelbar auf das an unsrer eigentlichen Reiselinie gelegene Pieskow fahren solle , während ich meinerseits erst nach Saarow marschieren und von dort aus in einem kleinen » Seelenverkäufer « über den See hinüberkommen wolle . Das fand denn auch seine Zustimmung , wie jede den Weg kürzende Proposition , und während er sofort auf einem Schlängelweg bergab und auf die linke Schermützelseite zufuhr , hielt ich mich rechts , um auf einem am See hinlaufenden Wiesenpfade bis an den Fahrdamm und demnächst auf die große Saarower Dorfstraße zu kommen . Es war ein wundervoller Weg ; über dem blauen Wasser wölbte sich der blauere Himmel und zwischen den spärlichen Binsen , die das Ufer hier einfaßten , hing ein ebenso spärlicher Schaum , der in dem scharfen Ostwinde beständig hin und her zitterte . Holz und Borkestücke lagen über den Weg hin zerstreut , andre dagegen tanzten noch auf dem flimmernden See , der im übrigen , all diesem Flimmern und Schimmern zum Trotz , einen tiefen Ernst und nur Einsamkeit und Stille zeigte . Nirgends ein Fischerboot , das Netze zog oder Reusen steckte , ja kaum ein Vogel , der über die Fläche hinflog . Oft hielt ich an , um zu horchen , aber die Stille blieb und ich hörte nichts als den Windzug in den Binsen und das leise Klatschen der Wellen . Und endlich auch die Schläge , die vom Pieskower Turm her zu mir herüberklangen . Ich zählte zwölf , es war also Mittag , und ehe der letzte noch ausgesummt hatte , war ich auch schon bis an die Stelle heran , wo mein Fußweg in die vorerwähnte Saarower Dorfgasse mündete . Dicht am Eingange saß ein Mütterchen auf einem Strauch- und Reisigbündel , das sie sich aus der Heide geholt , und grüßte mich . Alte Weiber sollen kein Glück bringen , aber wenn sie freundlich sind und einem einen Guten-Tag bieten , so hat es mit der ganzen Jägerweisheit nicht viel auf sich . Und so blieb ich denn auch stehen und sagte : » Na Mutterchen , is wohl ein bißchen schwer ? Und die Sonne sticht heut so . Sie müssen die Kinder in den Wald schicken . Oder haben Sie keine ? « » Woll , Kinner hebb ick , un Enkelkinner ook . Awers se wulln joa nich . Un se künn ' ook nich . Se möten joa all in de School . « » Ja , ja . Alles muß in die Schule . Haben Sie denn auch ' ne Kirche in Saarow ? « » Nei . Wi möten nach Reichenwald . « » Richtig . Ich erinnere mich . Das ist da , wo sie den alten Rittmeister begraben haben . Haben Sie den noch gekannt ? « » O wat wihr ick nich ? He wihr joa so in mine Joahr . Woll hebb ick em kennt . « » Und wie war er denn ? « » Na , he wihr joa so wiet janz goot . Bloot man en beeten schnaaksch un wunnerlich , un ok woll en beeten to sihr för de Fruenslüd . Awers nu is he joa dod . « » Und hat wohl ein Denkmal ? Ich meine so was von Stein oder Eisen . Eine Figur oder einen Engel mit ' nem Spruch oder Gesangbuchvers . « » Nei . För so wat wihr he nich . « » Und is sonst noch was in Saarow zu sehn ? « » Ick glöw nich . Veel is hier nich in Saarow . En nijen Kohstall ... « » Aber drüben in Pieskow ? « » Joa in Pieskow . O woll , versteiht sich . In Pieskow da möt wat sinn . « » Na , dann werd ' ich mal sehn . Ich dank ' auch schön , Mutterchen . « Und damit ging ich weiter in das Dorf hinein . Wirklich in Saarow war nicht viel , und als ich mich genugsam davon überzeugt hatte , hielt ich mich auf den See zu , wo nach meiner Meinung eine Fähre sein mußte . Nach einigem Suchen sah ich ein angekettetes Boot liegen , und dicht daneben ein Häuschen , an das drei , vier Ruder angelehnt waren . Also hier war es mutmaßlich . Ich trat denn auch ein und fand eine Frau , die sich , auf eine Stuhllehne gestützt , von hinten her über ihren etwa zwölfjährigen Jungen bog und ein Exempel mit ihm rechnete , das diesem blutsauer zu werden schien . Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen hatte , sagte sie kurz aber nicht unfreundlich , » sie habe nur den Jungen zu Haus , ob ich mit dem fahren wolle ? « » Gewiß . « Und so stieg ich denn ins Boot und setzte mich so , daß ich dem Jungen , der rückwärts saß , grad ' in die Augen sah . Als wir schon abstießen , kam auch noch seine jüngere Schwester , nahm rasch ein zweites Ruder und setzte sich neben ihn . Ich sah bald , daß der Junge seiner Sache vollkommen sicher war und den Schermützel ohne sonderliche Mühe bezwingen würde , trotzdem uns der Wind entgegenwehte . Dieser , anstatt stärker zu werden , wurde schwächer , aber je mehr er sich legte , desto blendender wurde die Sonne , so daß ich im Sonnenlicht , das überall hinflimmerte , bald nichts weiter sah , als das Eingreifen der Ruder und die klugen und energischen Köpfe der beiden Kinder . Es entging ihnen auch nicht , daß sie mir gefielen , aber ich sagte nichts , und wir waren schon bis über die Mitte des Sees , als ich endlich fragte : » Wie tief ist denn eigentlich euer See ? « » Na , wie uns ' Huus . « » Oh , mihr , mihr « , flüsterte die Schwester . » Und könnt ihr denn auch schwimmen ? Oder du wenigstens ? « » Nei . « » Ja , da kannst du ja mal ertrinken . « » Oh , ick wihr doch nich . « » Nu nimm mal an , wenn euer Boot umkippt . « » Uns ' Boot kippt nich . « Und dabei sahen sie sich an und kicherten und ruderten weiter . Eine Weile verging so , während der Junge nachzusinnen schien , was nun er wohl zur Unterhaltung beisteuern könne . Dann sah er mit eins in die Höh ' und sagte : » Dat ' s ' ne Möw ' . « » Freilich . Ich kenne Möwen . Aber woher kennst du sie ? Sie sind ja nur selten hier . « » Wi hebben een . « » Lebendig ? « » Nei , utstoppt . Und wi hebben ook en Reiger , un is ook utstoppt un hatt ' ne Schlang in ' t Muul . « » Aber Vögel ausstopfen ist nicht leicht . Wer macht denn das hier ? « » Mien ' Vader sien Vader . De künn ' all so wat . « » Ist er tot ? « Er nickte . Da wir aber bereits in der Nähe des dichten Schilfufers waren , an dem er den Einfahrtspunkt nicht verfehlen durfte , so schwieg er jetzt , und sah bei jedem Ruderschlage nach rückwärts . Und nun war er heran , gab dem Boote geschickt eine Wendung und glitt zwischen dem knisternden Schilf hin auf die Pieskower Landungsstelle zu . Das Ufer war nicht hoch und erkletterte sich leicht . Als ich oben war , grüßt ' ich noch einmal zurück und schlenderte dann zwischen zwei Heckzäunen hin auf einen Grasplatz zu , der allem Anscheine nach die Mitte des Dorfes bildete . Häuser und Gehöfte faßten ihn ein , unter denen ich gerade der Kirche gegenüber auch ein preußisches Schulhaus in seiner eigentümlichen Mischung von Backsteinsauberkeit und Stiljammer erkannte . Die Nachmittagssonne stand prall auf die Scheiben und sah stechend und inspektionsmäßig in die langweilig leeren Räume hinein . Es kam niemand , als ich klopfte . » Wohnt hier der Lehrer ? « fragt ' ich endlich eine vorübergehende Frau . » Geihen ' s man in ' n Goarden . « Und richtig , da stand er in Front eines Bienenschobers und grub ein von ein paar kleinen Kirschbäumen eingefaßtes Stück Land um . Ich fand einen freundlichen Mann , der auch gleich bereit war , mir das zu zeigen , um was sich ' s einzig und allein für mich handeln konnte : die Kirche . Diese war keine von den altehrwürdigen aus Feldstein , die stets einen Reiz und eine Schönheit haben , sondern ein Neubau , den man hier unter Benutzung der alten Fundamente vor länger oder kürzer errichtet hatte . Von rechts her lehnte sich ein Turm an , eigentlich nur ein Türmchen von der Art , wie man ihnen auf Weinbergen und Wirtschaftshöfen als Eingang in Sprit-oder Eiskeller begegnet . Es war also mit nur geringen Erwartungen , daß ich die Kirche betrat . Aber freilich auch dies Wenige sollte kaum erfüllt werden . An der einen Wand hingen ein paar Totenkronen und Immortellenkränze , während über dem Altar ein Abendmahlsbild paradierte , darauf Judas um kein Haar breit schlimmer aussah als die zwölf andern , Christus mit eingerechnet . Ich übersah rasch , daß hier wenig zu machen sei , wollt ' aber das meine getan haben und sagte : » Sie wissen doch , daß es früher eine Löschebrandsche Kirche war und daß viele Löschebrands hier begraben wurden ? « » Ich habe davon gehört , unser alter Emeritus ... « » Und da wundert es mich , hier nichts als kahle Wände zu finden . Einer aus der Familie war mit Feldmarschall Illo verschwägert , ein andrer fiel bei Fehrbellin , und ein dritter soll sich gegen die Türken ausgezeichnet und dem Köprülü die große Prophetenfahne mit eigner Hand entrissen haben . Ich nenne nur diese drei . Nach meinen Erfahrungen nun auf diesem Gebiete geht man in unsren märkischen Familien über solche Dinge nicht gleichgültig fort , und wenn auch selbstverständlich die großen Geschichtsbücher nicht Zeit und Platz haben , ein Aufhebens davon zu machen , so tun es doch die Kirchen und Krypten überall da , wo solche Schwertmagen und Kriegsgurgeln zu Hause waren . Und da gibt es denn immer allerlei Fahnenfetzen und zerbröckelte Feldmarschallsstäbe , Kettenkugeln und Stulpstiefel , und unter Umständen auch wohl rostige Degen , mit denen ein Bruder den andern über den Haufen gestochen . Ist denn gar nicht so was hier ? Es ist doch eigentlich gênable für eine berühmte alte Familie , wenn all dergleichen bei Toten und Lebendigen fehlt . Es darf nicht fehlen . Es muß dergleichen geben . « » Und es hat auch dergleichen gegeben . Hier in dieser Kirche . Wenn ich sage › dergleichen ‹ , so mein ' ich nicht Degen mit Brudermord , denn ich will mir nichts an den Hals reden . Aber Grabsteine mit Inschriften und Engelsköpfen , und einen kupfernen Sarg mit einem Kuckfenster oben , all das und manch andres noch war da . Darüber ist kein Zweifel . « » Und Sie haben das alles selber noch gesehen ? « » Oh , nein . Es war das alles lange vor meiner Zeit , und das wenige , was ich davon weiß , weiß ich von unserm alten Emeritus und von der Mutter Rentschen , die noch die frühere Steinkirche gekannt hat und mal mit unten in der Gruft war , als sie die Särge schoben und zusammenrückten , um Platz für den letzten zu schaffen . Denn die Pieskowschen gingen eher ein als die Saarowschen . Und der mit dem Kuckfenster habe ganz bös ausgesehn und den Kopf geschüttelt , als ob er ' s nicht leiden wolle . Denn er sei schon bei Lebzeiten immer sehr stolz gewesen und habe sich nicht gerne beiseite schieben lassen . Es ist natürlich alles Dummheit und ungebildet , aber die Leute machen sich nun mal solche Geschichten . « » Und tun auch recht daran . Es liegt doch immer was drin . Und ist denn die Gruft nicht mehr da ? Den mit dem Kuckfenster säh ' ich gerne . « » Nein , die Gruft ist nicht mehr da , sie haben sie zugeschüttet . Aber hier rechts neben dem Altar , wenn Sie mit Ihrem Stock aufklopfen wollen , da können Sie ' s noch deutlich hören . Es klingt alles hohl . « Ich ließ auf diese Weisung hin meinen Stock auch wirklich fallen , und als ich mich überzeugt hatte , daß er recht habe , dankt ich ihm und verließ die Kirche mit dem Hoch- und Vollgefühle , die Löschebrandsche Gruftstelle nicht bloß hypothetisch ermutmaßt , sondern sie mit Hilfe des » hohlen Klanges « über jeden Zweifel hinaus historisch festgestellt zu haben . Es war nun Zeit , mich nach unsrem Wagen umzusehn , und ich hatt ' auch nicht lange danach zu suchen . Er hielt drüben an der andern Seite des Kirchplatzes , vor einem sehr niedrigen Hause , von dessen Dache sich das Moos mit der Hand wegfegen ließ . Es war ganz ersichtlich , der Krug , auch ein Schild schimmerte herüber , aber die Pferde waren nicht ausgespannt und fraßen einfach aus einer Stehkrippe . Neben der Tür bemerkt ' ich Moll , und als er mich kommen sah , kam er mir entgegen und lüpfte melancholisch den Hut . » Ich dachte , Sie wollten ausspannen , Moll . « » Ich wollt ' auch . Man bloß es ging nicht . Is das eine Gegend ! In Saarow is nichts , das kenn ' ich , und hier in Pieskow is gar nichts . « » Aber die Leute werden doch hier einen Stall haben ? « » Is schon richtig . Aber keinen Pferdestall . Alles , was sie haben , is ' ne Zieg ' und wenn ' s hoch kommt ' ne Kuh . Und wer ein paar Pferde hat , na , der hat auch ein bißchen Acker , und krügert nich und hat nich Lust zu dienern und zu katzenbuckeln und einem groben Knecht einen doppelten Bittern einzuschenken . « » Ich versteh . Aber wissen Sie , mich friert hier trotz aller Sonne . Kommen Sie , Moll , wir wollen es drin versuchen . Es wird doch wohl warm sein . « Und so traten wir in die Krugstube . Drinnen war es auch wirklich warm . Aber außer der dicken Luft rührte sich nichts , trotzdem sich drei Menschen in der Stube befanden . Auf einer Ofenbank , die Füße weit vorgestreckt , saß eine Frau von vierzig oder mehr und hatte beide Hände hoch unter ihre Schürze gelegt , als verberge sie was . Es war aber nur Angewohnheit . Ihr zur Seite räkelte sich ihre vierzehnjährige Tochter , ein hübsches , schlank aufgeschossenes Ding , und beschäftigte sich damit , einen blauen Wollfaden um ihren Zeigefinger herum und dann wieder abzuwickeln . Am erfreulichsten war das jüngste Mitglied der Familie , das auf einer Hutsche ritt und einem hölzernen Pferde das wenige von Haaren auszog , womit des Bildners Hand es an Hals und Hinterteil ausgestattet hatte . Mein » Guten-Tag « war nicht unfreundlich , aber doch gleichgültig beantwortet worden , und es schien in der Tat nicht als ob wir weiter kommen sollten . Endlich faßt ' ich mir ein Herz und sagte : » Die Sonne will auch gar kein Ende nehmen . Ich glaube Regen wäre gut . « » I , Sünn is ook goot . « » Oh gewiß . Aber alles zu seiner Zeit . Wir haben die Sonne nun schon vier Wochen , und nichts kommt ' raus und eigentlich müßte doch alles schon in Blüte stehn . « » Joa . Man blot in Pieskow nich . « » Aber das klingt ja , liebe Frau , wie wenn hier überhaupt nichts blühte . « » Na , binoah is et ook so . « Moll mischte sich hier in ' s Gespräch und entwickelte seine Lieblingsideen über den Segen des Kapitals und den Unsegen der Kapitalisten . Geld sei gut , das sei keine Frage , ja Geld sei sogar recht gut . Ohne Geld ging ' es eben nicht . Aber die reichen Leute , die bloß reich wären und kein Herz und kein Gewissen hätten und bloß immer reicher werden wollten , die verdürben alles und plünderten alles , und eh nicht ein richtiger Edelmann hier wieder in ' s Pieskowsche käm ' ... » I wo , « unterbrach ihn die Frau heftig und zog ihre Hände von der Schürze weg . » I wo . Wat salln wi mit ' n Edelmann ? Wat is Edelmann ! In olle Tiden , na doa gung dat und doa wihr dat nich anners . Awers nu ? Du mien Jott , de hebben joa alleen nix . Un wenn se wat hebben , na denn hebben se wat , und denn sind se groad so , as de annern sinn , de wat hebben . « Moll wollte replizieren . Aber sie ließ ihn nicht dazu kommen und sagte : » Nei , nei , loaten ' s man , wie weeten dat ; t ' is all dumm Tüg ; un man blot Geld hebben , is nich dumm Tüg . Un wenn wi so wat Adligs herkreegen , wat ook man ümmer upp Mosess ' n passen deiht , na dat helpt uns nich . De schinn uns blot . Glöwens man , ick weet dat ... Een von mine Schwistern is dröwen ... « » In Saarow ? « » I wo . Dröwen in Amerika . Doa verstoahn se ' t. Un worümm ? Wiehl se wat hebben . Un wo se wat hebben , doa künn se ook wat . Und ick woll , ick wihr ook all doa . Joa , min Seel . Un et kümmt ook noch so . Man blot , dat man ihrst röwer wihr . Nei , nei , mit Pieskow is nich veel . « Und dabei steckte sie die Hände wieder unter die Schürze . 3. Groß-Rietz 3. Groß-Rietz Eine halbe Stunde später verabschiedeten wir uns und fuhren aus dem unwirtlichen Pieskow , in dem nicht mal mehr ein Grabstein von besseren Zeiten redete ( wenn es bessere Zeiten waren ) , in die sandig hügelige Feldmark hinaus . » Hören Sie , Moll « , hob ich an , » das war ' ne forsche Frau . « » Woll , forsch war sie . Man bloß zu sehr , un eigentlich wütig ; un nahm ja gar keine Raison an . « » Ja hören Sie , das sagen Sie wohl ; Sie sind ein behäbiger Mann . Aber solch armes Volk , das jeden Tag seine Not fühlt , das wird eben wütend und mucksch und starrt vor sich hin . Übrigens lassen wir ' s , und sagen Sie mir lieber , was ist das mit dem alten Emeritus ? Der Pieskowsche Lehrer konnte ja gar nicht von ihm los . Ist er denn noch bei Wege ? « » Freilich . Und wir kommen sogar an dem kleinen Hause vorbei , das er sich aus Feldstein hat aufmauern lassen . Und hat selber mitgeholfen . Und wenn ich es so liegen seh ' in Kapperfolium und Efeu , muß ich immer an Robinson und Freitag denken . « » Und da wohnt er ? Und ist schon sehr alt