mit mir , aber durch Blicke ... Durch Blicke ... Wie so Blicke ? ... Immer , wenn er mir im Feld begegnete , sah er mich mit seinen großen schwarzen Augen an ... Warum sah er Sie an ? ... Ich war damals Jäger gewesen und eben erst ins Kloster gegangen ... Oft war mir , wenn ich ihn grüßte , als wollt ' er mit mir reden ... Dann blieb ich stehen ... Aber er ging vorüber ... Das dauerte , bis seine schwere Krankheit kam ... Welche ? ... Die Zehrung ... Der starke Mann die Zehrung ! ... Wenn er hustete , krachte es wie ein Gewölbe ... Gott im Himmel ! ... Ich ließ ihm ein Mittel anbieten ... Ich dokt ' re schon lange ein wenig ... Es half nichts ... Er nahm ' s gar nicht ... Nahm ' s nicht ... Aus Stolz auf die Gelehrsamkeit ... auf seine Wissenschaften ... Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen ... Das sagte er mir einst , als ich das einzige mal mit ihm gesprochen hatte ... Warum sprach er mit Ihnen ? ... Er wollte mir für mein Mittel danken ... Wollte Ihnen danken ! ... Bruder , sagte er , ich werde sterben ... In drei Tagen bin ich todt ... Wußt ' er das ? ... Wollt Ihr mir einen Gefallen thun ? Sprach der Pfarrer zu Ihnen ... Und Sie thaten ihn ? ... Finster zuckten seine Augen ... Er mußte wieder heftig husten ... Als sich die Brust beruhigt hatte und er wieder sprechen konnte , schickte er seinen Vicar hinaus ... Seinen Vicar ... Namens Langelütje - Langelütje ... Nun sah er sich um und sprach mit seiner heisern Stimme : Bruder Hubertus , ich habe von Euch manches Gute gehört ! Aber auch Euch ist ' s schlecht im Leben ergangen ! Auch Euch haben Liebe und Freundschaft betrogen ... Was ? Wen hat Liebe und Freundschaft betrogen ? Aber nicht alle sind so versöhnlich wie Ihr ! ... Wer sind die Andern ? ... Wen hat die Liebe betrogen ? ... Andere bleiben , was sie sind , andere treibt die Rache - Wen hat die Rache getrieben ? ... Bei diesem Worte erstickte des Pfarrers Stimme und der Husten begann so heftig , daß es wol eine Viertelstunde bedurfte , bis er sich erholt hatte ... Nun erhob er sich von seinem Lager und flüsterte mir zu : Da ! Wenn ich todt bin , Bruder , seht - da hab ' ich eine Schrift ... Bickert ' s furchtentstelltes Antlitz bekam einen Ausdruck schärferer Fassungskraft ... Doch Hubertus merkte nichts davon ... Nur sorgen mußt ' er , daß Löb nicht vor Ansammlung von Mittheilungsstoff für die Rumpelgasse sein Pferd aus dem Auge verlor ... Er fuhr fort : Wenn ich todt bin , sagte der Pfarrer , da hab ' ich eine Schrift ... Schwört mir zu Gott dem Allmächtigen , daß Ihr diese Schrift nie erbrechen wollt ! ... Seht , sie ist mit meinem Kirchensiegel gesiegelt ... Bickert fühlte handgreiflich in der Erinnerung dies Siegel des lateinischen Briefes ... Tragt diesen Brief , sowie ich begraben bin , hört Ihr , nicht gestorben , sondern erst , wie ich begraben bin , so , wie sich einem Pfarrer geziemt begraben , versteht Ihr , nach Witoborn - hört Ihr , zum Bischof ... Warum zum Bischof ? brach Seligmann erstaunend aus , denn er war auf Testamentsgedanken gekommen und deutete im Ton an , ob katholische Pfarrer ein Testament nicht einfach bei den Gerichten niederlegen dürften ... Zum Bischof ! bestätigte Hubertus . Es war dies damals der Bischof Konrad ... Ein Freund meines guten Guardians , des Provinzials Henricus ... Ein sanfter , milder Greis , der den Pfarrer Perl getauft hatte , ihn im Seminar zu Witoborn unterrichtete , zum Priester weihte ... Ein guter , hoch in die Jahre gekommener , vergeßlicher Mann ... Er steht immer noch lebendig vor mir - mit einer Nase ... so lang ... Hätten Sie die Nase gehabt und gemerkt , was in dem Briefe stand ! ... Das erfuhr ich nie ... Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an den Bischof ... Dem gab ich ihn ... Der Bischof erbrach , sah eine lange Zuschrift in Latein , legte sie zum spätern Lesen zurück und plauderte mit mir ... Nun - und das ist alles , was ich mit Leo Perl im Leben zu thun gehabt habe ... Mit einer nur scheinbaren Geringschätzung sagte Seligmann : Was kann er geschrieben haben ? ... Er wollte damit nur verschleiern , daß man ja hier eine außerordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen hätte ... Hubertus zuckte die Achseln ... Warum war der Brief lateinisch ? ... Er hatte ohne Zweifel die Bestimmung , nach Rom geschickt zu werden ... Warum nach Rom ? ... Weil der Heilige Vater alle unsere Wünsche in dieser Sprache zu hören wünscht ... Warum schickte er seine Wünsche nicht selbst nach Rom ? ... Der Weg für einen Pfarrer geht nach Rom nur über seinen Bischof ... Wissen Sie was ? sagte Seligmann in immer mehr sich steigerndem Verlangen , hinter diesen letzten Willen seines leiblichen Vetters zu kommen ... Ich glaube , der Bischof hat den Brief gar nicht nach Rom geschickt ... Ich meine deshalb , weil er so vergeßlich war ... Nicht unmöglich ... Und wenn er ihn doch schickte , dann hat er vorher eine Abschrift genommen ... Was für Rom bestimmt ist , muß für Rom bestimmt bleiben ... Nein , ich sage , der Brief liegt noch drüben im witoborner Archiv und enthält die Anzeige , daß sein Vetter Löb Seligmann oder ein Kind von Henriette Lippschütz , Namens David Lippschütz , alle seine geheimen Ersparnisse erbt , die Bücher ausgenommen , die ein gewisses Fräulein Veilchen Igelsheimer kriegt , deren Liebe und Freundschaft ihn nicht betrogen haben , und die alten Kleider , die sind fürs Geschäft seines Vetters Nathan Seligmann bestimmt ... Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben ! ... sagte Hubertus , von der nicht ganz im Scherz gemeinten Rede erheitert ... Ihr erster Mann war der Regierungsrath von Asselyn , der Vater des Domherrn von Asselyn ... Sie kann vielleicht - Was kann die Frau , die ich ja heute noch sehen werde ? ... sagte Löb und wandte sich auf Hubertus ' Stocken um ... Hubertus zeigte aber eben nach dem Kloster Himmelpfort , das jetzt erreicht war und nur noch allein seine Gedanken in Anspruch nahm ... Wir sind am Ziel ! sagte er , ließ halten und setzte nur noch , schon im schnellen Absteigen begriffen , hinzu : Der Regierungsrath hat bald nach dem Tod des Bischofs alle Bibliotheken und Archive Witoborns zu ordnen gehabt ... Wenn er die Schrift damals noch vorfand , so liegt sie vielleicht in der Bibliothek des Königs ; sie war wie in Kupfer gestochen ... Diese Reden verhallten schon in den Zurüstungen des Aussteigens ... Die ernsteste und schwierigste Aufgabe war eben jetzt für Hubertus zu lösen , die , Bickert unbemerkt ins Kloster zu schaffen ... Er lehnte ein Vorfahren am Kloster entschieden ab und weckte erst jetzt damit in Seligmann ' s Zügen einen Anflug von Staunen und Mistrauen ... Es war dunkel geworden ... Das Wetter war ganz in Regen umgeschlagen ... Schwer senkten sich schon lange die Nebel über die nahen Höhen ... Einsam und still lag das Kloster ... Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf ... Um acht Uhr ging dort schon alles zur Ruhe ... Zwischen sechs und sieben fand der Imbiß zur Nacht statt ... Vorzugsweise hatte Hubertus beim Erzählen immer die Kirche im Auge behalten ... Am Zifferblatt der Kirchthurmuhr schien er die Minuten zu zählen , die noch übrig waren bis fünf ... Um fünf wurde meistens die Kirche geschlossen ... Zugänglich war sie überhaupt nur in einem Nebeneingang , der halb schon ins Kloster selbst führte ... An den beiden Pappeln , wo Stephan Lengenich so lange vergebens gewartet hatte , um den Pater Sebastus in seinem Wagen mitzunehmen , hielt nun auch Seligmann und sah , wie Hubertus , den Schlag öffnend , dem jetzt ruhig folgenden , immer stiller gewordenen Kranken den Arm bot , um ihm hinunterzuhelfen ... Schon läutete es drüben zur Vesper ... Hubertus wußte , den Strang zur Vesperglocke zog Pater Ivo ... Vor dem konnte er ruhig vorübergehen und sogar Bickert im Arme tragen , der Pater würde nicht aufgeblickt , sondern nur gesungen haben : Maria , Maienkönigin ! Hubertus wandte sich an den über das Geheimnißvolle im Benehmen des Mönches jetzt immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten : Guter Mann ! Ich danke Ihnen von Herzen ! Aber thun Sie mir jetzt nur noch einen Gefallen ! Warten Sie noch ein Viertelstündchen ... Ich muß - erst die Bewilligung - des Guardians - einholen ... Ein Viertelstündchen ! Dann vielleicht - komm ' ich zurück ... Wo nicht , nun dann ist alles gut , dann dank ' ich Ihnen herzlich und wollen Sie mir nur noch Eines zu Liebe thun , so sprechen Sie von unsrer Reise mit Niemanden , der nicht darnach frägt oder , besser noch , zu fragen ein Recht hat ! Vor Allem von der Unterkunft des Mannes hier im Kloster schon zu Niemand - Sie wissen , es ist wegen der Doctoren ! Wir sollen ja im Kloster nur - die Seelen heilen ! ... Seligmann , der nicht gern auf ungesetzlichen Wegen wandelte , versprach etwas befangen , warten und schweigen zu wollen ... Hubertus führte den Kranken langsam dem Kloster zu und verschwand mit ihm allmählich hinter Hecken und im Abenddunkel ... Jetzt erst bekam doch der ganze Vorfall mit seinem Samaritanerherzen etwas auffallend Abenteuerliches für Löb ... Perl ' s lateinischer Brief an den Bischof von Witoborn ... Die geheimnißvolle Uebergabe erst nach dem richtigen Begräbniß eines katholischen Pfarrers ... Die scharfe Betonung der Rache ... Nun dieser Abschied ... Er begnügte sich noch , in allem heute zu Erfahrung Gebrachten blos eine reiche Befruchtung der Phantasie , des Verstandes und des Herzens seiner kleinen Weisheit in der Rumpelgasse zu besitzen ... Aber das Dunkel der Nacht nahm jetzt zu ... Hier die Einsamkeit wurde gespenstisch ... Das Davonschleichen des Mönches mit dem Kranken , der , wie er erst jetzt bemerkt hatte , sogar seine Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte - alles das bekam etwas Beklemmendes ... Bei alledem verging die Viertelstunde ... Es verging auch eine halbe ... Hubertus kam nicht zurück ... Die bestimmte Weisung des Mönches , daß er weiter fahren konnte , wenn er nicht zurückkehrte , hatte Seligmann allerdings empfangen ... Indessen , gab er auch die Pferdedecke preis - er taxirte sie auf die Zinsen , die ihm die kleine Auslage vor Gott wieder einbringen würde - sein gefälliger Sinn bestimmte ihn noch zu bleiben oder wenigstens seinen Gaul nur langsam , und auch nur dem Kloster zu , sich in Bewegung setzen zu lassen ... Er sah sich dabei nach rechts und links um und spähte , ob nicht doch noch der Mönch zurückkam ... Alles blieb aber still und einsam ... In der Ferne sah er Häuser im Nebel schwimmen , aber in nächster Nähe befanden sich nur Felder , abgegrenzte Gärten , kleine Baumgruppen , keine Menschen ... So erreichte er eine stattliche Allee , die zum Kloster führte , und hielt auch hier noch eine Weile ... Da er durchaus Niemanden zurückkommen sah , fuhr er die Allee entlang dem Kloster zu und bekam immer mehr Mistrauen über all die sonderbaren Umstände , unter denen Hubertus seinen Pflegling mitgenommen ... Warum das alles so heimlich ? sagte er sich ... Von jener Vorsicht , die man im Kloster wegen der Aerzte zu nehmen hätte , war er anfangs entschiedener überzeugt gewesen , als jetzt ... Inzwischen stand er dicht an der stattlichen Treppe , die zum geschlossenen Portal der Kirche führte ... Als es noch immer still blieb , wollte er endlich weiter fahren ... Aber sein wißbegieriger Sinn bestimmte ihn , noch einmal einen Versuch zu machen , ob er nicht etwas von den beiden Verschwundenen in der Kirche selbst entdecken sollte ... Die Pferdedecke war an sich verschmerzt , er hätte aber doch gern gewußt , wo sie geblieben ... Dicht an dem Ende der stattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die Einfriedigungsmauer des Klosters ... Einige Schritte entfernt lag eine Thür , von der er durch den Besuch bei Pater Sebastus wußte , daß sie in einen kleinen Vorhof , dann zur Linken ins Kloster , zur Rechten durch einen Gang in die Kirche führte ... An diese Thür ging er und drückte , mit einiger Beklemmung über seinen Antheil an den Ursachen , die den Pater Sebastus in Haft gebracht hatten , auf die Klinke ... Die Thür ging auf ... Alles war still ... Vorsichtig trat er einige Schritte weiter bis an den Gang zur Kirche ... Da hörte er plötzlich einen lauten , entsetzlichen Schrei ... Gellend , markdurchdringend ertönte es ... Der Schrei kam von der Kirche her und war wie die Stimme eines Erstickenden ... Unmittelbar darauf hörte man noch ein furchtbares Krachen , das weit in der Kirche widerhallte ... So bang ihm jetzt zu Muthe wurde und so fern ihm jede Melodie der Ermuthigung ins Ohr klang - etwa ein » Frischgewagt ! « aus » Maurer und Schlosser « - er war mit zwei Schritten , die auf dem Steinboden ängstlich knirschend widerhallten , dennoch vollends der Thür der Kirche - noch näher getreten ... Da hörte der Tollkühne eine leise Stimme singen , hörte einen Schlüsselbund drehen , sah Jemand aus der Kirche kommen und huschte erst jetzt zurück auf den kleinen Vorplatz , von dem man in die Halle trat , wo sich die Gänge links und rechts theilten ... Bei alledem dachte er : Ei was ! Du kannst ja ein Verlangen tragen , dir die Kirche anzusehen ... So blieb er stehen ... Und was kann denn auch so Entsetzliches geschehen sein , da ja ein so ruhiger Zeuge zugegen war ! ... Die Kirchthür wurde zugeschlossen ... Ein Mönch ging vorüber und sang für sich ganz ruhig und friedlich ... Wie er Löb Seligmann erblickte , rief er allerdings plötzlich : Husch ! ... Dies Husch ! war eigen ... Husch ! husch ! wiederholte der Mönch und wehte doch nur durch die Luft , wenn auch schon ganz dicht unter Seligmann ' s Nase ... Wie ein Donnerwetter sprang Löb denn nun doch von dannen , ließ die Mauerthür offen , rannte an seinen Wagen , sprang auf diesen hinauf , ergriff die Peitsche und lenkte den Gaul lieber von der Treppe ein wenig abwärts ... Niemand kam ihm nach ... Löb mußte annehmen , daß seine Aufgabe erfüllt war , und fuhr von dannen ... Noch einmal fuhr er die ganze Länge der Kirche vorüber und seltsam ! nun war es ihm , als sähe er an einem vergitterten Fenster der untersten Gewölbe einen Lichtstrahl ... Er hielt sich indessen nicht mehr auf ... Der entsetzliche Schrei , das furchtbare Krachen , das so gespenstisch in den Gewölben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt polizeigemäßer Beruhigungen ... Noch drei Stunden brauchte er , bis er Schloß Neuhof erreicht hatte ... Noch einmal mußte er tränken und füttern , bis er die schönen Tannen des freiherrlich Wittekind ' schen Parks sah ... Dann ließ ihm allerdings die Präsidentin im Seitenflügel ein freundliches , wohlgeheiztes Mansardenzimmer anweisen , ließ ihm ein Essen vorsetzen und ihn auf morgen bescheiden ... Vom Brand auf Westerhof war , wie er an der Bedienung sah , auch hier alles erfüllt ... Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener ... Löb konnte von alledem als Kenner berichten ... Indessen - er hatte den Muth verloren , sich als einen Eingeweihten der Kirche zu bekennen ... Schon einmal war ihm die Begegnung mit einem Mönche übel bekommen ... Dies stille Husch ! Husch ! Jener Schrei , das Krachen , das Licht im untern Gewölbe - Es kam ihm eine Vorstellung , als setzte ihn das Schicksal vielleicht einmal selbst in Musik und verwandelte ihm sein jetzt sich so heiter anlassendes Leben in eine Oper mit tragischem Ausgang ... Er riegelte die Thür zu und entschlief mit gespannter Erwartung auf die kommenden Enthüllungen ... Er faßte den Vorsatz , durch taktvoll diplomatisches Beherrschen seines Mittheilungsdranges , der Sphäre , in der er hier leben durfte , nach allen Richtungen hin Ehre zu machen . 20. Das mußte man aber sagen - mochte auch der Kronsyndikus die letzten Jahre seines Lebens in Geistesschwäche zugebracht haben , überall sah man die von früher her stammenden Spuren seiner rastlosen Natur . Die Güter der Dorste-Camphausens waren dagegen im Verfall . Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen , die selbst noch aus der winterlichen Decke in ihrer Bedeutung für die Zeit des Wachsens und Blühens vielversprechend hervortraten ... Auf den Feldern , obschon sie hoch gelegen waren , bemerkte man selbst noch in den schneebedeckten Furchen die sorgfältige Cultur ... Kalköfen , Ziegeleien fanden sich auch hier , doch alles in stattlicherer Erscheinung , als bei den Dorstes . Der Holzschlag in den Waldungen war nach der Regel , mit Schonung und Voraussicht auch für künftige Zeit ... Die Buschmühle , wo einst der Deichgraf gehaust , war ein Meyerhof von ganz besonderer Pflege . Daß dem Deichgrafen dafür gleichfalls ein Ruhm gebührte , wurde nicht mehr viel erwähnt . Raschlebend ist unser Geschlecht oder - entschuldigt sich die Gegenwart durch die Sorgen , die auch ihr genug aufgebürdet sind ? Traurige Kränze , die auf Friedhöfen Niemand mehr erneuert ! Trauriger Herbst , der zwischen verrosteten Gittern Jahre lang hängen bleibt , bis der Wind zu Hülfe kommt und auch mit diesem einst so blühenden Frühling die Erde düngt ! Der Park schien unverfallen ... Die Ulmen , unter deren Schatten Lucinde so oft dahingehuscht , standen hoch und auch ohne Blätter stolz und vornehm ... Die Tannenbäume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens ... Die Pavillons verriethen Bewohner , wie sonst . Nur der Teich war noch nicht aufgethaut ; das große Geflügelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus ; seine Bewohner mußten gegen die Kälte geschützt werden ... Wie stattlich war das Schloß ! Wie gewandt waltete schon der Erbherr ! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern in der Frühe schon alles in Bewegung ! ... Frau von Wittekind schritt trotz der Kälte und der feuchten Luft über den Hof und konnte , resolut wie sie war , Löb von der Verlegenheit befreien , eben die nähere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundländern zu machen ... Gut geschlafen , Herr Seligmann ? lächelte sie ... Sie bleiben doch den Tag über hier ? ... Wir haben viel zu plaudern ... Aber erst nach Tisch ! ... Machen Sie sich ' s bequem ! ... - Sie sind unser Gast ! ... » Sie sind unser Gast ! « - Seit dem : » Speisen Sie bei mir in Drusenheim ! « das ihm im Herbst Bernhard Fuld so vielverheißend und so wenig erfüllend zugerufen , nahm Löb diese Phrase nicht mehr allzu wörtlich ... Schon wußte er auch , Frau von Wittekind war genau ... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr darüber , als ihr Gatte ... Löb sollte sein Urtheil über noch weitere Verbesserungen der großen Besitzungen geben und Vorschläge zu Verkäufen machen ; an baarem Gelde war Mangel ... Auch in des Kronsyndikus echtem Testamente standen nicht kleine Legate zu bezahlen ... Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid , in das sie sich schon in aller Frühe geworfen hatte , stattlich von den weißen Wänden des Schlosses ab ... Sie schlüpfte behend über den mit Kieselsand bestreuten Hof . Ein eigenthümlicher Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das noch schöne dunkle Haar der schlanken Frau , die gegen die gedrücktere und durch die Jahre verkümmerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche hervorhob ... Löb sollte sich erst , da Besuch erwartet wurde , auf den Nachmittag zu umständlicheren Conferenzen bereit halten ... In den Zimmern , wo einst Lucinde und Klingsohr jene verhängnißvolle Abendstunde zubringen durften , wurde schon eine Tafel hergerichtet ... Noch waltete dabei die Lisabeth , die den Makler scheu von der Seite anblickte ... Löb wußte , daß sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Küfer nachtrug . Sie war fast eine Dame geworden ... Nur durch die Angst , die letzte Stunde ihrer hiesigen Wirksamkeit dürfte bald geschlagen haben , mochte sie heute etwas freundlicher gestimmt sein , als schon lange in ihrer Art lag ... Löb suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und plauderte sich gern aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein ... Das Schöne und Vornehme übte einen besondern Reiz auf sein ästhetisches Gemüth ... Silberne Geräthschaften , die man in die obern Zimmer trug , reizten seine Neugier nach dem Glanz , nach den Farben , dem Marmor , die oben verschwendet sein sollten ... Nur umschnoberten ihn noch die fatalen Hunde und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern wach , auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieses Schlosses Neuhof ... Erschreckt umherirrend und doch träumerisch alles bewundernd und taxirend kam Löb auf die große Treppe . Stufe für Stufe zählend , schlich er hinauf ... Eine hohe Flügelthür stand mit beiden Schlägen offen ... In diese trat er behutsam ein , seine Neugier durch Bewunderung maskirend ... Ein zuletzt vollkommen natürliches Staunen ergriff ihn über all diese Pracht ... Er hatte viele Herrenhöfe besucht ; aber diese Schönheit an Stuccaturen und Malereien , an bronzirten Marmortischen , in denen man sich hätte spiegeln und rasiren können , war ihm noch nicht vorgekommen ... Reizend war eine links gehende Galerie , an den bemalten Wänden mit seidenen Divans und Glaskronen und Bronzeleuchtern geschmückt ... Die Malereien stellten Scenen , wie er sich ganz richtig sagte , aus dem Olymp vor ... Wie drang da der Klang des Liedes : » Vom hoh ' n Olymp herab ward uns die Freude ! « das manchmal die Studenten im Roland am Hüneneck sangen , in seine Seele ! ... Das war nun diese » Freude « aus - » Olim ' s Zelten « . Leider machte er diesen Schnitzer zum Staunen und zum Lachen seines Neffen David Lippschütz , als er später diese Vorfallenheit in einem Briefe nach Kocher meldete - Er verwechselte » Olim ' s Zeit « mit der Zeit des Olymp ... Allerdings war auch hier eine Olim ' s Zeit ! Für so verfängliche olympische Gegenstände , wie an diesen Wänden von Künstlerhand wiedergegeben waren , würde die Gegenwart nicht einmal die raschbereiten Künstlerhände aufgefunden haben ... Sie glichen den Fresken über Alexander und Roxane , die sich zu Rom von Rafael ' s Hand im Hinterzimmer der Galerie des Fürsten Borghese befinden . In jetzt unverfänglicher , rein kunstkennerischer Stimmung verlor sich Löb immer weiter im Corridor und kam in einen großen Saal , der seinerseits etwas Schauerliches hatte - durch seine riesigen Dimensionen und seine Unwohnlichkeit und Kälte ... Der Saal war rings mit Spiegeln belegt ... In ganzer Figur , von seinen etwas zu kurzen schwarzen Beinkleidern an mit den hervorstehenden Knieen bis zum Scheitel seines heute ohne zu laute Musikbegleitung frisirten Haares , sich in Lebensgröße betrachten zu können - reizte Löb ... Er mußte im ganzen Saal auf den Fußzehen die Runde machen ... Alles war still ... Er griff an den Girandolen die Glastropfen an und ließ sie hin und her baumeln ... Er erfreute sich an dem hellen Ton , den sie von sich gaben ... Dann taxirte er das Krystall , die Bronze , den Sammet , und war besonnen genug , die Kunst der Decoration höher anzuschlagen , als den massiven Werth ... Viele der Bronzirungen zeigten stark den » Zahn der Zeit « , jenen Begriff , den Veilchen in ihrem Humor vorgeschlagen hatte zum Namen des Nathan Seligmann ' schen antiquarischen Geschäfts zu wählen ... In das Geschäft : » Zum Zahn der Zeit « gehörte bei näherer Besichtigung fast jeder dieser Plüsch- und Seidenstühle ... Und so bekam Löb auch Handelsideen zum besten seines Bruders ... Darüber verging eine geraume Zeit ... Als er sich dann endlich auf den Weg machte , um umzukehren , erschrak er bei einem flüchtigen Blick in den Hof ... Er sah aus einem eleganten Wagen einen Mönch aussteigen ... Bruder Hubertus das ? sagte er sich und die Erinnerung an die gestrigen Erlebnisse ergriff ihn mit schreckhafter Macht ... Hubertus war es aber nicht ... Löb besann sich , es war Pater Maurus , der Provinzial und Guardian selbst ... Kam er etwa , um sich nach ihm zu erkundigen ... Die Diener verbeugten sich tief ... Löb beruhigte sich ... Der Klosterabt schien mit freiherrlich Wittekind ' schem Wagen aus seiner Zelle abgeholt worden zu sein ... Vor Neugier und Gewissensbissen gerieth Löb bei dem Gedanken an seinen Rückzug in einen falschen Corridor ... Es liefen deren zwei in den großen Ballsaal ab ... Einer sah dem andern so ähnlich , daß Löb nicht wußte , war er durch den linken oder durch den rechten gekommen ... Als er seinen Irrthum erkannte , mochte er nicht den weiten Weg umkehren , sondern hoffte , eine der mehreren kleinen Thüren , die er hier sahe , verbände vielleicht beide Corridore ... Er drückte eine derselben auf ... Siehe da ! Das war ja ein ganz seltsames Gemach ... Er trat einen Schritt vor , orientirte sich im Dunkeln ... da - o Himmel ! - fällt die Thür hinter ihm in ein Schloß , zu dem er keinen Drücker findet ... Im Dunkeln durchtastet der plötzlich zu allen Schrecken nun auch noch selbst Gefangene die ganze Länge der Ritzen an der Thür dahin , reißt sich an der Spitze eines hervorstehenden Nagels die Veranlassung zum schmerzhaftesten Au ! ein und steht mit einem blutenden Finger ... Was jetzt thun ? ... Klopfen ? ... Lärm machen ? ... Seine Neugier selbst an die Oeffentlichkeit bringen ? ... Großen Männern gehen ihre Schatten voraus , sagt Jean Paul , und lebhafte Phantasieen erfassen sofort die äußerste Möglichkeit ... Löb Seligmann sah sich vor Discretion , vor Scham und vor jetzt vielleicht erst kaum halb bestrafter Neugier stumm ringsum ... Er sah sich hier eines langsamen Hungertodes sterben - ganz wie Florestan in » Fidelio « ... Das Zimmer war ohne Fenster ... Es konnte nur benutzt werden durch Erleuchtung ... Höchst prachtvoll , wenn auch gleichfalls schon für das Geschäft » Zum Zahn der Zeit « brauchbar , war auch hier die Decoration ... Hier mußten sicher einst die üppigen Schönen auf schwellenden Divans geruht haben , wenn sie auf Bällen vor der Hitze des Tanzsaals flohen ... Das sind Cabinete , dachte er , wie die , in welche Don Juan die Tausend und Eins entführte ... Und um ihn her geigte und trompetete alles ... aber im Geist rief er mit dem Schrei der Zerline : » Hülfe ! Rettung ! « ... Mit der linken Hand , die er der Vorsicht wegen lieber jetzt mit einem glücklicherweise in der Tasche vorgefundenen Pelzhandschuh bewaffnete , rutschte er an den Wänden entlang , immer noch in der Hoffnung , einen Drücker zu einer nicht sofort ersichtlichen andern Thür zu finden , und schon gewöhnte sich sein Auge an die Finsterniß ... Und wirklich - die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke - und ein neues Zimmer ging auf ... Aber - auch dies Zimmer war ohne Ausgang ... Es war von gleicher Beschaffenheit , wie das vorige ... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet ... Gott meiner Väter ! seufzte Löb ... Er hatte manchen vornehmen Ball , selbst Bälle bei seinen Vettern Fuld , in der Ferne beobachtet ; er konnte sich denken , wie prachtvoll das sein mußte , wenn hier alles von Lichtern widerstrahlte , Eis herumgegeben wurde , lachend und reizvoll dahingegossen die Schönen auf den Divans lagen , die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie ... Da und dort sah er Spieltische ... Gold und Silber glänzte ihm unter den Karten entgegen - Aber links und rechts waren sämmtliche Drücker abgeschraubt ... Nur in der Mitte gingen die Thüren auf ... So zu einem dritten Zimmer , das er gleichfalls noch öffnete ... Die Luft war dumpf und stickig ... Hier war seit Jahren nicht gelüftet worden ... Löb wurde immer lebendigbegrabener ... Schon schickte er sich an , seinen Weg durch die drei Verließe zurückzunehmen und sein Heil , mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem Schlosse , in einem durchdringenden Hülferuf zu suchen , als er hinter der Wand , da , wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte , sprechen hörte ... Jehovah sei Dank ! war sein erstes Gefühl ... Er wußte , daß schon ein lautes Klopfen nun nicht mehr ohne Beistand bleiben konnte ... Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche Tapetenthür pochen oder sich vorläufig in Ruhe verhalten ? ... Das Gespräch nebenan schwieg plötzlich ... Leise wagte er auf den in den inneren Verbindungsthüren vorhandenen , aber überall festgeschraubten Drücker den wunden Finger zu legen ... Hier nun war die Thür verschlossen und sicher vermuthete man nebenan nur eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewärtig ... Wieder begannen die Stimmen ... Jetzt vernahm auch Löb Worte , hörte Namen , die ihm bekannt waren ... ja die