der Vicomte ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam machte , und wie jeder Augenblick Zögerung Alles verderben könnte . - » Eh bien , « sagte der leichtherzige Franzose , » wir wollen den Russen eine doppelte Niederlage beibringen . Wollen Sie Ihren russischen Liebhaber aufgeben , Madame , und mit uns kommen , so verspreche ich Ihnen ein Lagerleben , so gut es sich haben läßt . Es fehlt uns teufelsmäßig an schönen Frauen ! « - Celeste reichte ihm die Hand . » Ah bas ! Wenn wir uns vertragen wollen - ich bin der vergoldeten Gefangenschaft bei diesen Barbaren herzlich müde ! « - Der Offizier gab ihr den Bügel und schwang sie vor sich in den Sattel . - » Wohlan , das nenne ich mir einen glücklichen Streifzug , und nun , Messieurs so rasch als möglich auf und davon , Jeder , so gut er kann ! « Der Trompeter blies , der Colonel , Hunter und de Sazé trieben , so rasch es ging , die Leute vor sich her , dem Thor und dem Felsenwege zu , während von drüben her einzelne Schüsse der wüthenden Gegner herüber knallten ; - mit Kummer und Schmerz schaute der deutsche Arzt nach dem Felsenplateau des alten Schlosses , wo das Gewühl der Feinde die Gestalt des heldenmüthigen Mädchens ihm verbarg , und schwankte , ob er bleiben oder fliehen sollte , dann trieb der Zuruf des Vicomte und das Gedränge ihn hinab und nur die düstre Flamme allein , die in den Nachthimmel emporloderte , belebte noch , sich rasch verbreitend , die Stätte , während unten im dunklen Thal die Signale schmetterten und die Colonne sich eilig in Marsch setzte , verfolgt von den Flüchen der Russen , die nicht wagen konnten mit dem feindlichen Detachement sich zu messen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am Vormittag , der der Nacht des Ueberfalls folgte , hatte Schloß Aju ein sehr verändertes Aussehen . Eine Ssotnie Kosacken war in der ersten Morgendämmerung eingetroffen und von dem Grafen sofort zum größten Theil zur Verfolgung des feindlichen Streifcorps abgesandt , das so glücklich für die Schiffbrüchigen seinen Zug bis über das Yaila-Gebirge ausgedehnt hatte ; bald darauf eine Compagnie russischer Jäger und diese hielt jetzt das Schloß und die Küste besetzt . Drüben auf dem nachbarlichen Felsenplateau dampften noch die Ruinen der Villa , die der Brand ganz in Asche gelegt . Die Spuren des nächtlichen Kampfes zeigten sich noch auf verschiedenen Stellen , aber die Leichen waren bei Seite geschafft . Aus der Flurhalle im Erdgeschoß des Thurmes schallte ein leiser monotoner Gesang , die Todtenklage der Krieger der Steppe um die vier gefallenen jungen Landsleute , deren Leichen sie hier gefunden und auf dem Steinflur der Halle neben einander gelegt hatten , von Leichtern umstellt . Auf der untersten Stufe der breiten Steintreppe saß Nursädih , das schwarze Mädchen , das Haupt des schwer verwundeten Bruders in ihrem Schooß und jede Pflege ihm widmend , die sie ihm gewähren konnte . Mit den Stücken ihres zerrissenen Yaschmals hatte sie seine Wunden verbunden , Niemand leistete ihr Hilfe , Niemand kümmerte sich auch um sie , als das tatarische Mädchen , das mitleidig ihr Wasser gebracht . Der Graf schritt finster und unruhig mit dem Capitain der Jäger im Hofraum auf und ab , diesem seine Dienstanordnungen ertheilend . Er schien mit sich selbst zu grollen über die nächtliche That und vermied so viel , als möglich davon zu sprechen . Das Verschwinden der Fürstin hatte ihn nicht weniger beunruhigt , denn die sorgfältigste Nachforschung in dem ganzen Gebäude hatte keine Spur von ihr gegeben und das Räthsel , wie der französische Offizier entkommen und zu der raschen Hilfe gelangt , blieb ungelöst . Die Flucht der Französin war ihm gleichgültig . Plötzlich erhoben sich am Thor streitende Stimmen , wie als wollten sie Jemand am Eintritt hindern . Dann kam durch die Pforte ruhig und ernst auf seinem kleinen Steppenpferde Iwan , der greise Jessaul , und blieb erst in der Mitte des Hofes halten , als der blutige Tabuntschik hastig hinzutrat und die Zügel seines Pferdes ergriff . Die Blicke der beiden Greise , als sie sich kreuzten , waren , finster , doch drückten die des Roßhirten eine gewisse trübe Theilnahme aus , die des Kosacken Zorn und Mißtrauen . » Kehre um , Iwan , « sagte der Tabuntschik , » und verlaß diese Mauern . Deine Augen sind alt und ich möchte sie nicht getrübt sehen von dem Anblick , der Dich bedroht . « Der Jessaul lächelte düster . - » Wann ist Iwan , dem Zaporoger , den sie den Teufel nennen , Gutes geworden , wo der Herr der Finsterniß in Deiner Gestalt ihm entgegentrat ? - Wo ist Wanka , mein Enkel , und Alexis und die Andern , daß sie ihrem Ataman das Roß halten ? « Seine Augen suchten im Kreise , doch Niemand antwortete ihm . Die Offiziere , die Soldaten und die Leute vom Schloß waren näher getreten und bildeten einen Kreis um den Alten . » Du bist der Kosack des Fürsten Oczakoff ? « fragte der Oberst , während der Greis vom Pferde stieg . » Was bringst Du für Botschaft - wo ist der Fürst ? « Der Alte , statt ihm zu antworten , neigte horchend den Kopf - die Töne des Todtengesanges schallten leise aber deutlich aus der Halle des Thurmes her ihm entgegen . Sein benarbtes , durchfurchtes Gesicht erbleichte bei ihrem Anhören . - » Was ist das ? bei den heiligen Märtyrern , das ist die Todtenklage vom Ufer des Don - - « Er wollte vorwärts , der Graf vertrat ihm den Weg . » Antworte mir zunächst , welche Botschaft bringst Du ? « » Ich will die Fürstin Oczakoff sprechen ! Laß mich vorbei , Herr , in meinem alten Haupte brennt es , wie jene Flammen der Steppe , aus denen ich Dich mit meinen Enkeln einst rettete . Jane Klage - - « » Sie gilt der gerechten Strafe von Rebellen gegen den Befehl des Kaisers , « sagte der Oberst mit der ganzen Gefühllosigkeit der russischen Aristokratie gegen den niedern Mann . » Die Fürstin Oczakoff befindet sich nicht mehr im Schloß , darum - - « » Iwanowna Oczakoff ist hier , « sagte eine klare , feste Stimme , und zurückprallend erblickte der Graf auf der obersten Stufe des Thurmportals die edle Gestalt der Fürstin , in dunkle Gewänder gehüllt , auf den Arm ihrer gleich gekleideten Dienerin gestützt . Das schöne Gesicht war bleich , um den Mund lag ein Zug tiefen Schmerzes , auf der gewölbten Stirn und in den dunklen Augen aber unbeugsame Entschlossenheit . Die Fürstin schritt langsam und ernst die Stufen herab , ohne den Obersten eines Blickes zu würdigen , und durch die sich ehrerbietig öffnenden Reihen zu dem greifen Krieger , dessen Hand sie ergriff . - » Vater Iwan , « sagte sie feierlich , » der Allmächtige , der über uns Alle gebietet , hat vier Deiner Enkel nicht im Kampf für das heilige . Rußland , dem Du sie geweiht , aber im Kampf für Treue und Ehre lassen durch die Hand böser Menschen . Der Wille des Herrn , sei gelobt ! « » Amen ! « Es klang wie der Ton der Schollen , die auf den Sarg fallen . Der Greis hatte sein Haupt gebeugt und folgte , vor sich hinstarrend , der Hand , die ihn zu den Leichen der Seinen führte . Zu ihren Häupten kniete er nieder und vereinigte seine tiefe Stimme mit der Klage der Steppenkrieger , die die seltsame Todtenfeier bildeten . Unterm Bogen der Pforte war die Fürstin stehen geblieben und hatte Sergei Popotoff gewinkt . - » Bereite Alles zu meiner Abreise , « befahl sie ruhig und gemessen , » in einer Stunde laß den Wagen bereit sein . « Der Graf hatte das Gefühl von Scheu und Grauen , das ihn bisher zurückgehalten , trotzig überwunden und näherte sich bei diesen Worten der jungen Herrin . - » Die Fürstin Oczakoff , « sagte er finster , » wird mir als Kommandant dieser Truppen erlauben , eine Escorte zu ihrer Disposition zu stellen und die Frage an sie zu richten - - « Die Fürstin richtete sich empor , ihr vernichtender Blick streifte mit dem Ausdruck verächtlichen Widerwillens den hochmüthigen Mann . - » Wagen Sie nicht , mich anzureden , Herr , « sagte sie stolz und kalt . » Iwanowna Oczakoff hat Ihnen keine Antwort zu geben . Ich werde in Baktschiserai mein Thun rechtfertigen . « - Sie wandte ihm den Rücken . - - - Zwei Gründen später verließ ein verschlossener Wagen den steilen Felsweg und schlug die Straße nach dem Innern der Halbinsel ein . Drei bewaffnete Diener folgten ihm . Ehe die Fürstin das Schloß verlassen , hatte sie Sergei , dem Kastellan , auf ' s Strengste befohlen , das arme Mohrenmädchen , das ihren verwundeten Bruder nicht verlassen wollte , in seinen Schutz zu nehmen und ein reiches Geldgeschenk an den Wundarzt der Jägercompagnie diesen vermocht , Jussuf alle Sorgfalt seiner Kunst angedeihen zu lassen . Der Graf hatte alsbald nach jener Zurückweisung zornknirschend sein Pferd bestiegen und eine Recognoscirung der Küste angetreten - er wünschte weder der Fürstin , noch ihrem Bruder jetzt zu begegnen . Als der Wagen den Fuß des Felsenkammes erreichte , fand sich der greise Jessaul zu den Begleitern und küßte schweigend die Hand , die die junge Fürstin ihm reichte . Er kam von dem breiten Grab , das die Kinder der Steppe am Ufer der Bucht gegraben und in das sie seine vier Enkel unter den Gebräuchen ihres Volkes eingesenkt . - Am Abend scharrte man unfern von ihnen in eine weite Grube die verstümmelten Leichen der gemordeten Schiffbrüchigen ; jene die von ihrer tapfern Hand bei der Verteidigung gefallen , hatte das Voll mit sich hinweggeschleppt . Da ruhen sie in unbekanntem Grabe , der heldenmüthige wackere Jüngling , der tapfere verdiente Offizier . Kein Denkstein , wie sie auf den Leichenfeldern vor Sebastopol an Kampf und Glorie mahnen , erinnert an sie . Die rauschenden Wellen flüstern dem britischen Knaben im kühlen , Felsengrabe den Gruß von seinem tapferen Führer auf dem kühlen Grunde des Meeres ! - - - - - - Wenige Worte werden genügen , die verspätete Rückkehr der Fürstin in das Schloß Aju-Dagh zu erklären . Als sie und der französische Offizier von der Begleitung der englischen Dame zu der entfernten Hütte in den Uferfelsen zurückkamen , in der aus Gründen , die wir hier noch nicht zu erwähnen haben , Iwan , der Jessaul , mit zwei Pferden harrte , fanden sie die Grotte , welche den Zugang zu der geheimen Treppe des Thurmes bildete , von Leuten des wilden Haufens eingenommen , den der Graf für seine Zwecke aufgeboten . Vergebens harrten sie in einem nahen Versteck des Abzugs der Männer , aus deren Reden die Fürstin den Anschlag entnahm , welcher die Schiffbrüchigen bedrohte . Es wäre Wahnsinn gewesen , sich der Entdeckung Preis zu geben , und der französische Offizier wurde durch die Sorge für seine schöne Beschützerin nun dennoch gezwungen , in der Stunde der Gefahr , die jene ihm sorgfältig verbarg , sein zu sein von seinen Unglücksgefährten . Im Schutz der Nacht wandte sich , als die Bande am Ufer von ihrem Posten nicht wich , das Paar nach dem Innern , und umging die Felsen , um auf dem gewöhnlichen Wege das Thor des Schlosses oder sonst eine Zufluchtsstätte zu erreichen . Hierbei war es , wo der französische Offizier auf das Streifcorps unter de Gazé stieß , das Mistreß Duberly und der Jessaul so glücklich schon diesseits des Yaila-Gebirges gefunden . Unter dem Schutz des alten Kosacken kehrte die Fürstin zu dessen verborgenen Aufenthalt zurück , während der Colonel mit den Husaren zur Befreiung der Engländer eilte . Fußnoten 1 Führer einer kleinern Abtheilung Kosacken . 2 Die Dame spricht in ihrem später veröffentlichten Tagebuch : » Journal kept durind de Russian War etc. « sehr viel von ihrem Pferde , aber sehr wenig von ihrem Manne ! D.V. Während des Winters . I. Wiederum in der Steppe . Es war ein frostheller Nachmittag im Januar , gegen Ende des Monats , als ein Schlitten vor einer Stanzia1 auf dem Wege nach Perecop hielt , in der nämlichen Gegend , die wir im Sommer in den Gefahren des Steppenbrandes gesehen . Die unermeßliche Eintönigkeit der Steppe war geblieben und schien nur die Farbe geändert zu haben . Das in Myriaden Krystallen glitzernde Eistuch des Schnees spannte sich über die weite Fläche , nur an einzelnen Punkten des Horizonts unterbrochen durch die lichten Schatten einer der aufsteigenden Moginen2 . Im Schlitten , in den dunklen Bärenpelz gehüllt , saß ein junger Offizier in Ulanenuniform , seine Waffen und sein Gepäck füllten den Vordertheil , auf dessen Brett der Führer des Gespanns gesessen . Der Wirth und Aufseher der Stanzia stand bereits an der Thür , vor der sich auch viele andere Personen versammelt hatten : Knechte , Muschiks und Tataren , darunter einige Kosacken , die hier zu Depeschendienst stationirt waren . Die Leute beeilten sich , mit der Unterthänigkeit des niedern Russen gegen Jeden , der Offiziere-Uniform trägt , herbeizuspringen , die Pferde abzuschirren und dem Reisenden herauszuhelfen . » Ich wünsche Ihnen Gesundheit , Euer Wohlgeboren , « sagte der Stationsaufseher , die Pelzmütze in der Hand . » Wenn Sie weiter wollen , so muß ich Ihnen gehorsamst melden , daß keine Pferde auf der Station sind . Aber ich hoffe . Euer Gnaden werden die warme Stube nicht verschmähen und einen Napf Blinh und Kascha3 oder ein Glas warmen Getränkes . « Dem jungen Offizier schien die Nachricht , daß keine Pferde zu haben seien , höchst gleichgültig , denn er kannte die auf allen Stationen sich wiederholende Ausrede , dagegen die Aussicht auf die warme Stube nicht unangenehm , weil ein eisig scharfer Wind über die Steppe zog und die Kälte fortwährend zunahm . Ohne zu antworten , trat er in die Küche und durch deren erstickenden Rauch in die wohlgewärmte , für den Aufenthalt der Reisenden bestimmte Stube , denn das Stationshaus war auf kaiserliche Kosten erbaut und hatte die vorgeschriebenen Einrichtungen . Er setzte sich auf die Bank am Ofen , zog die Uhr und sagte einfach zu dem ihm gefolgten Aufseher : » In einer Stunde , Brat4 , lasse die Pferde auspannen . Einstweilen gieb mir , was das Haus vermag . « » Aber ich versichere Euer Wohlgeboren , es ist ein Huf im Stalle ... « » Mir gleich . In einer Stunde ! Dienst des Kaisers ! « Er hielt ihm die offene Ordre entgegen . Der Postmeister krümmte sich wie ein Wurm . - » Der heilige Michael möge mir beistehen , - wo soll ich die Pferde hernehmen ? Der Dienst ist jetzt unaussprechlich schlimm seit dem Kriege . Die letzten sind heute Mittag mit dem Herrn fort , der das Bataillon begleitete . « Sein flehender Blick traf auf eine sehr unempfindliche Miene ; der Offizier hatte seine kleine Kabardiner Pfeife auf ' s Neue gefüllt und sich bereits auf die Bank gestreckt . - » Was giebt es Neues von Ssewastopol ? « » Die Heiligen mögen es schützen ! « entgegnete der Wirth . » Es kam heute Morgen ein Courier hier durch , dem Sie vielleicht begegnet sind . Er ging auf der großen Straße nach Petersburg . « » Ich komme nicht von dort . Welche Nachrichten ? « » Schlimm genug . Die Arbeiten der Feinde in den Laufgräben haben wieder begonnen und die Feinde viele Verstärkungen erhalten . General Osten-Sacken , der , wie Euer Wohlgeboren wissen werden , jetzt das Kommando in Ssewastopol führt , soll viele nächtliche Ausfälle machen , bei denen sich unsere Truppen mit Ruhm bedecken . « » Sind die Großfürsten noch in Ssewastopol ? « » Ja , Euer Wohlgeboren . Ich habe gehört , daß Seine Kaiserliche Hoheit , der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch , die Vertheidigung der Nordforts kommandirt . Euer Vohlgeboren werden sich selbst davon in einigen Tagen überzeugen können ? « Der Offizier schüttelte den Kopf . - » Ich gehe nicht nach Ssewastopol . « Der Aufseher schante ihn erstaunt an - das war in diesen Tagen eine seltene Antwort . - » Darf ich mir die Freiheit nehmen , Euer Wohlgeboren zu fragen , wohin Ihr Weg führt ? « » Ich will nach dem Kuban und gehe daher nach Kertsch . Hat unsere Armee in der letzten Zeit Verstärkung erhalten ? « » Es kommen täglich Truppen , trotz der strengen Kälte . Das dritte Infanterie-Corps ist seit Weihnacht auf dem Durchmarsch . Fast täglich kommen Abtheilungen vorbei , noch heute Mittag passirte ein Bataillon . « » Sie werden einen schlimmen Tag haben . Wie weit ist die nächste Stanzia ? « » Acht und zwanzig Werst , Herr ! Es ist die Colonie der Frommen5 . « » Zum Henker ! Ein schlimmer Marsch - es wird nicht viel weniger sein , als 24 Grad . « Der Wirth zuckte bedenklich die Achseln . - » Wenn es nur das Schlimmste wäre ! « » Wie meinst Du das ? « » Die Tataren , die das Wetter kennen , fürchten einen Sturm , und ein Schneesturm ist ein bös Ding in der Steppe . Die Heiligen mögen uns bewahren ! « Der Offizier , der einen tüchtigen Schluck von dem heißen , stark mit Rum versetzten Thee genommen , der eben herein gebracht worden , sah ihn lächelnd von der Seite an . - » Du meinst wegen der Pferde ? es hilft Dir Nichts , Brüderchen , ich bleibe doch nicht . « » Die Heiligen sollen mich vergessen , wenn ich Euer Wohlgeboren nicht die Wahrheit sage . Der Graf , welcher dem Bataillon sich angeschlossen , um des jungen Fähnrichs , seines Enkel willen , hat die letzten Pferde genommen und sie doppelt bezahlt . Die armen jungen Leute . Ich glaube , die Hälfte der Offiziere ist kaum aus den Anstalten in Petersburg gekommen . « Der Reisende wurde aufmerksamer . - » Waren es neue Truppen ? Wer führt sie ? « » Poltawskische Infanterie , Herr . Podpolkawnik6 Galizin kommandirt das Bataillon . Es muß Noth haben vor Ssewastopol , denn die Truppen haben Ordre , doppelte Tagemärsche zu machen , und der Kommandant ist nicht der Mann , sie ihnen zu schenken . « Er legte das Stationsjournal vor den Reisenden , um seinen Namen zu erfahren : die Lieutenantsuniform und der Mangel aller Bedienung hatte ihm nicht besondern Respect eingeflößt . Der Fremde zog das Buch zu sich , blätterte darin und las gleichgültig die letzten Namen . Plötzlich sprang er hastig empor und den Finger auf die letzte Einzeichnung , fragte er : » Graf Ludomirski ? - wer ist das ? « » Der letzte Reisende , der Pferde erhalten : ich erzählte Euer Wohlgeboren bereits davon . Er folgt schon von Kiew aus dem Bataillon , bei dem , wie mir der Jäger sagte , sein Enkel eingestellt ist , aus Besorgniß für den Knaben . Als ob nicht jeder russische Vater so gut wie er seine Söhne für den Dienst gegeben ! « » Der Graf ist ein aller Mann ? - kannst Du mir ihn näher beschreiben ? « » Warum nicht , Väterchen , er ist kenntlich genug : zwei tiefe Narben im Gesicht , die eine bis über den kahlen Schädel . Den Jäger kenne ich - er kam im vorigen Sommer hier durch bei dem großen Steppenbrande mit einer Dame . « » Er ist ' s - unbezweifelt ! - Höre , Brat , die Ausflucht mit den Pferden muß aufhören ; ich muß auf der Stelle weiter . Ich will die Post nicht zur Krontaxe , sondern gebe Dir doppelte Bezahlung , wenn ich die Pferde binnen einer Viertelstunde habe , und ein gutes Trinkgeld obend ' rein . « Das Versprechen half - Furcht und Geld sind die Mittel , durch die bei den Russen Alles zu ermöglichen ist . Wenige Augenblicke darauf sprengte ein Kosack davon , um Pferde aus der Stepphe herbeizuschaffen . Dennoch schien der erweckte Diensteifer mit Besorgniß zu kämpfen , der Aufseher stand mit den Bauern und Knechten in lebhaftem Gespräch vor der Thür und schaute oft nach dem Himmel , den Worten und Zeichen eines alten Tataren horchend . Die Sache war aber schwerlich zu ändern , das Geld , das der Offizier so freigebig geboten , lockte und über die Fläche galoppirte bereits der Kosack mit einem jungen Burschen und den drei zur Beförderung des Schlittens bestimmten Pferden . Der Offizier stand trotz der strengen Kälte in der Thür des Hauses , um mit seiner Gegenwart die Vorbereitungen zu beeilen . Der Posthalter trat wieder zu dem Offizier . - » Ich halte es für Pflicht , Gospodin , Sie darauf aufmerksam zu machen , daß Ihnen Gefahr in der Steppe droht Muhamed , der Tatar , ist der beste Wetterkundige fünfzig Werst in der Runde , seit Michael , der Tabuntschik , zur Krimm gezogen , und er meint im Ernst , daß wir leicht einen Schneesturm haben können . « Der Ulan lachte ihm in ' s Gesicht . - » Schau Dich nur mn , Alter - es ist ja kein Wölkchen am Himmel . Hier ist Dein Geld und etwas darüber für die Kosacken und nun laß mich ungeschoren mit Deiner aufrichtigen oder erfundenen Besorgniß . « » Das ist es ja eben , Euer Gnaden , « sagte , demüthig dankend , der Mann , » daß , wer nicht ein Leben lang in der Steppe zugebracht hat , ihre Zeichen und Tücken nicht kennt . Ich habe gar schreckliche Stürme auch bereits bei heiterm Sonnenschein erlebt und die Heiligen mögen Euch vor einem ähnlichen behüten . Folgt meinem Rath und nehmt wenigstens einen der Eingeborenen noch zur Begleitung mit , denn der Abend kommt rasch herbei und die große Spur , welche die Soldaten gemacht , könnte leicht verweht werden . « Der Offizier willigte nach einigem Bedenken ein , wenn die Sache ohne weiteren Zeitverlust geordnet werden könne , und der alte Tatar selbst war nach verschiedenem Hin- und Herreden gegen das Versprechen eines Trinkgeldes bereit , den Schlitten zu begleiten . Der Reisende , welcher daraus schloß , daß die ganze Warnung nur auf diesen Zweck hinausgegangen , befahl ungeduldig die Abfahrt , und die Troika galoppirte nach wenigen Minuten unter dem Schreien und Rufen des Postillons hinaus in die weite Schneefläche , während der Posthalter und seine Leute besorgt ihnen nachschauten . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Dunkelheit war bereits eingetreten - die Sterne funkelten und blitzten vom Himmelsgewölbe , scharf und eisig in einzelnen heftigen Stößen fuhr der Wind über die unermeßliche weiße Oede , durch die sich langsam der dunkle Zug des Bataillons fortschleppte . Die Leute waren seit dem Morgen marschirt und zum Tode ermüdet ; das schwere Gepäck , mit dem sie belastet , vermehrte die Erschöpfung , denn die Bagagewagen waren mehrere Märsche zurückgeblieben , um die angestrengte Eile des Zuges nicht zu stören , und nur wenige Schlitten und Karren mit den nöthigsten Bedürfnissen und Vorräthen begleiteten den Zug . Der Marsch der großen Colonne geschah stumm und still , kaum daß sich hier und da ein halb unterdrückter Fluch ober ein Scheltwort der Offiziere und Unteroffiziere , ein Antreiben der Führer der Gespanne hören ließ . Man fühlte die unheilschwere Ermattung , die über dem Ganzen lag , die Furcht vor einer drohenden Gefahr , obschon nirgends ein Anzeichen davon zu blicken war . Der russische Soldat ist ein eigenthümlicher Mensch : bis zu einer gewissen Gränze , und diese ist meistentheils die Gränze des Lebens , das Urbild passiven Gehorsams ohne Empfinden und eigenen Willen , sowohl im Ertragen aller Arten von Leiden und Gefahren , als im Widerstand gegen dieselben und im Handeln . Es fehlt ihm durchaus nicht an Vaterlandsliebe , an Gefühl und Opferungsfähigkeit für alle jene Güter , für welche der Mensch Blut und Leben einsetzt , aber selbst in seinem Angriff liegt eine gewisse Passivität , ein Fatalismus . Er nimmt sich nur selten die Mühe , sich Rechenschaft zu geben , und liebt es nicht , auf seine eigene Entscheidung sich verwiesen zu sehen . Wenn ihm das Kommando ertheilt worden ist , Etwas zu thun , wird er es ausführen , mit Gewalt oder mit List , die ihm keineswegs fehlt , und er bleibt dabei gleichgültig gegen alle Folgen für ihn selbst ; wenn ihn der Kaiser ruft , wenn der Pope ihm das Kreuz zeigt , wird er mit einem zähen Fanatismus in jede Gefahr gehen , dessen aufflammende Energie nicht , aber dessen Ausdauer eine Welt in Erstaunen setzt . Dieser Eigenschaften wegen ist der russische Soldat , wenn auch nicht der geschickteste , der glorreichste , so doch - in der Masse wenigstens - vielleicht der beste der Welt . Obschon die Colonne möglichst dicht geschlossen blieb , marschirten die Soldaten doch zwanglos und mit den üblichen Erleichterungen . Jeder hatte sich , so gut es ging und die Mittel ihm erlaubten , gegen den erstarrenden Hauch des eisigen Ostwinds zu schützen gesucht und war bemüht , in fortwährender Bewegung zu bleiben , und die Offiziere sorgten dafür , daß Keiner die Reihen verließ ; denn Zurückbleiben war in der Schneewüste und der von Minute zu Minute sich steigernden Kälte der Tod . Neben einem jungen Unterfähnrich , der in Wahrheit noch Knabe war , schritt ein alter , aber rüstiger Mann , in einen Militairmantel gehüllt , der beim Aufwehen des Windes Civilkleidung zeigte . Seine Aufmerksamkeit war offenbar allein mit dem Jüngling beschäftigt , dessen Kräfte schwer erschöpft waren , der aber mit aller geistigen Energie dagegen kämpfte , die Spuren dieser Schwäche zu zeigen . - » Armer Junge , « sagte der Greis , » es ist unmöglich , daß ein Knabe wie Du dieser furchtbaren Anstrengung widerstehen kann . Lasse mich mit dem Oberst-Lieutenant sprechen , er muß Dir einen Platz auf dem Schlitten bewilligen , den ich bereits für die Kranken hergegeben . Du hast das erste Recht daran . « Der junge Mann hielt ihn am Arm zurück . - » Ich beschwöre Dich , Großväterchen , mach ' mir die Schande nicht . Was würden meine Kameraden in Petersburg sagen , die mich beneideten um die mir gewordene Auszeichnung , wenn ich schon auf dem Marsch unterlegen wäre ! Lieber sterben . « » Du wirst es und ich mit Dir , wenn Du eigensinnig beharrst . Du hast noch nicht die Kraft eines Mannes , und selbst Männer werden nicht lange mehr der Ermüdung und der Kälte widerstehen , wenn wir nicht bald das Ziel erreichen . Es war Wahnsinn von Dir , in Deinem Alter Dich zur Einstellung zu melden , und unverantwortlich , daß man Deinem kindischen Enthusiasmus gewillfahrtet . « Der Unterfähnrich versuchte , mit Aufbietung aller seiner Kräfte einen festen Schritt anzunehmen . - » Sage das nicht , Großväterchen , « entgegnete er . » O , wenn Du zugegen gewesen wärst , als der Kaiser unsere Schule vor dem heiligen Weihnachtsfest besuchte , wenn Du gesehen hättest , wie die Knaben den mächtigen Herrn baten , er möge ihnen erlauben , in die Arme einzutreten und für das Vaterland zu kämpfen , wie der Kleinste sich groß , der Jüngste älter zu machen suchte , welcher Jubel sich erhob , als der Kaiser bestimmte , daß dreißig der Besten das Patent erhalten sollten - o , Du würdest begreifen , wie stolz Diejenigen waren , auf welche die Ehre fiel . « Der alte Mann blickte finster vor sich hin . - » Ich hatte andere Pläne mit Dir - es traf mich wie eine Todesnachricht , daß Du so plötzlich und so jung in die Armee eingestellt worden . Sebastopol , Knabe , ist das unersättliche Grab . « » Und wäre es das , « fuhr der Jüngling fort , » ich führe den Namen Lasaroff und werde ihm keine Schande machen . Ich will dem Czar beweisen , daß ich bis zum Tode dankbar bin für die Gnade , die Dich wieder zu mir geführt . Wie gern hätte ich schon damals mein Blut für ihn vergossen , und seine Huld gab mir ja das Recht auf die Ehre , jetzt unter den Erwählten zu sein . « » Stütze Dich auf meinen Arm , Michael , « sagte der Greis , ohne auf die Begeisterung des Jünglings zu antworten . » Der Sturm nimmt zu und Dein Schritt schwankt - Du reibst Deine letzten Kräfte auf . « Ein Stocken in der Colonne entstand . Der Podpolkavnik kam langsam an der Seite herab geritten , hinter ihm trugen vier Soldaten einen Mann . » Wenn noch ein Raum ist in Ihrem Schlitten , Herr , « sagte der Kommandant , » so bitte ich Sie , dem Lieutenant Timotscheff ihn zu gönnen . Der Mensch ist völlig erschöpft und ohnmächtig und ich möchte ihn nicht gern zurücklassen . « » Das müßte natürlich sein Tod sein , « erwiderte der Graf bitter . » Versuchen Sie selbst Ihr