, den Menschen zu predigen : Glaubt doch nicht , daß die Geschichte morgen aufhört ! Die größten Ideen haben Jahrhunderte gebraucht , um sich geltend zu machen . Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles fertig werden , was wir jetzt für nöthig denken ? Wir wollen fest im Auge behalten das edlere Ziel und nichts thun , nichts Anderes befördern , als was zu jenem Ziele führt . Müssen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben , so thue man es ja ! Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nöthig sein . Wenn ich unsern Feldzug für einen unermeßlich langen halte , so geh ' ich auch viel weiter als Die , die sich für liberal halten . Ich bin nicht blos für die Einschränkung der fürstlichen Gewalt , ich bin sogar für die Republik , ich bin für die sociale Änderung unseres Gesellschaftslebens . Ich sage nicht , daß diese Änderung wirklich eintreten wird ; ich sage nur , daß ich sie mir möglich denke und so lange unter der Republik nichts Wildes , Thierisches , Unsittliches gelehrt wird , sie für anstrebsam halte . So bin ich freisinniger als manche Überhitzte , die sich mit weniger Änderungen begnügen , wenn sie nur gleich Morgen eingeführt sind . Arbeitet ! würde ich den Arbeitern sagen . Bildet Euch und die Eurigen ! Stärkt Euch in einer freien Gesinnung ! Macht Euch klar über Euren Lebensberuf ! Stiftet Vereine , aus denen Ihr Alles entfernt halten müßt , was einer Verschwörung gleich sieht ! Wenn Euch Einer auffordern will , für morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen , so sagt : Wir warten bis über acht Tage ! Da kommt es von selbst und viel größer und besser als morgen ! Nur nicht geistig die Hände in den Schooß legen . Denken , sich bilden , stark und gewissenhaft im Kampf der Meinungen , keine Gelegenheit abweisend , die Gesinnung offen zur Schau zu tragen ! So kommt das Gute von selbst . Das ist meine Lehre . Bester Freund , polterte Leidenfrost sogleich auf . Diese Lehre ist zum Auslachen ! Damit soll Einer in die Willing ' sche Maschinenfabrik kommen ? Solche himmlische Güte wäre selbst für Willing , den die Umstände zwingen , vorsichtig und behutsam zu sein , zu schmachtend . Mein lieber Wildungen , Ihr Gleichniß von den Gärten im März paßt nicht . Denn so stumm und dumm , wie die Bäume im März dastehen und sich die Schneiderei des Gärtners gefallen lassen müssen , stehen die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da . Die schlagen Purzelbäume unter der Hand . Das ist ein großes Stiergefecht , wie es jetzt hergeht . Die großen Büffel wollen Farbe sehen , um Muth zu bekommen . Roth ist die Losung ! Ohne Muth und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande . Die Menschen müssen selbst Geschichte machen , sonst geschieht nichts . Die Gesinnung allein reicht nicht aus . Sollen sich die Väter von ihren Enkeln verspotten lassen ? Nichts rächt sich in der Geschichte mehr als der versäumte Augenblick . Wer die Krisis unbenutzt vorübergehen läßt , holt sie niemals wieder ein . Und haben wir nicht der Fälle genug erlebt , daß die Machthaber der Welt vollkommen wissen , welche Halfter sie den störrischen Völkern überwerfen sollen ? Aus dem politischen Hader wurde die Debatte in das Religiöse hinübergespielt und ganze Epochen sind darüber eingeschlafen . Die Jesuiten , die Armeen regierten die Welt . Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes . Warum sollen wir sie in den Schooß legen ? Gesetzt auch , wir wollten uns mit frommem Glauben auf bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begnügen , es würde nichts helfen . Die Stunde hat ihre dringende Mahnung . Wir wollen träumen und die Posaune ruft uns vom Lager auf . Es brennt da , wo wir sitzen , über und unter uns . Es müssen Entschlüsse gefaßt werden . Ich gesteh ' , ich hasse Alles , was unlogisch ist . Ich hasse auch verkehrte Theorieen und gäben sie sich noch so sehr das Ansehen der Volksbeglückung . Man will damit nur dem Muthe und der Ehrlichkeit aus dem Wege gehen . Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach . Wer sie schwierig macht , meint es nicht redlich . Schwierig nenn ' ich die gewöhnliche ordinaire Communisterei . Solche Sätze hinstellen , die ihre Unmöglichkeit in sich selber tragen , heißt die Menschen nur verwirren . Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf dem Dache , während einer in der Hand viel vortheilhafter ist . Die Communisterei ist von Stubenhockern ausgegangen , die unterleibskrank sind . Rühren und tummeln muß man sich und die Welt für kein Schlaraffenland halten . Gebratene Tauben in die Luft gemalt , sind geschmacklos . Wir leben in einem wilden Chaos , in das nie , nie volles Licht kommen wird . Arkadien ist vor der Schöpfung gewesen und mag nach der Schöpfung kommen . Hier auf Erden gibt es nur Reibung , Lärm , Zorn , Leidenschaft , Drängen , Stoßen . Das Einzige , was wir erreichen , ist : Leidliches Glück ! Das leidliche Glück muß man am Zipfel festhalten , wenn ' s an uns vorübergeht . Es kommt nicht alle Tage . Was du der Stunde ausgeschlagen , bringt keine Ewigkeit dir mehr zurück , sagt der Dichter . Wollen Sie Ihre Million gut anwenden , Wildungen , so lassen Sie dafür Waffen kaufen , Pulver und Blei . Die Trommel wirbt an . Major Werdeck wird Generalissimus und wenn wir Alle erliegen , wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem Henkerplatze erbleichen , so ist doch Muth und Poesie dagewesen und der moralische Sieg unwiderleglich . Allgemein war man der Ansicht , daß Leidenfrost in seiner gewohnten Weise hier übertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionstheorie ehrlich meine . Und dennoch blieb er dabei . Worauf anders , sagte er , soll man denn hinauskommen , wenn man sieht , wie wenig uns die Debatte weiterbringt ! Was hatten wir durch einige thatsächliche Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen ! Und wie kommen wir immer wieder zurück , je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Löwen ist ! Aber noch mehr , halten Sie mich für keinen Phantasten oder für keinen plumpen und gedankenlosen Radikalen ! Tod ! Der Tod ! O , Gott , der Tod ist jetzt unsere einzige Loosung . Ich versichere Sie , wenn man im Volke lebt wie ich , so bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemüthern Aller . Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore : Kein Spaziergang ist so besucht , wie es die Kirchhöfe sind . Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters , die an die christliche Märtyrerzeit erinnert . Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich bestattet , zu sehr geehrt , gepriesen oder woran liegt diese Geringschätzung des Lebens ? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauspiel , von dem man Jahre lang sprach : jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich wie die Amputationen in einem großen Lazareth . Man erzählte sonst Wunder davon , wenn einer großartig und gefaßt in den Tod ging . Jetzt knirschen sie alle die Zähne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist ' sche Prinz von Homburg aus dem Leben . Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt es , daß wir nach so verweichlichten Zeiten plötzlich eine so spartanische bekommen ? Bietet das Leben so wenig Freude ? Hat man vergessen , daß wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen , worin bedeutende Köpfe die persönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten ? Wie kommt es , daß man nun so gern stirbt , so gern sein Leben an eine Idee setzt , so muthvoll auf Die blickt , die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden , wenn wir fallen , sei es im Kampf , sei es von der Hand des ungroßmüthigen Siegers ? Der Zug zum Tode ist wehmüthig genug jetzt in unserm Leben da . Die Geschichte will ihn , die Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht , diesen grauenvollen Tod , der Niemanden schont , Niemanden achtet , Jeden wie ein Dieb in der Nacht überfallen kann . Unenträthselt ist noch , wie diese Pest aus Asien mit dem erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam . Ich vergleiche diese Zeit mit dem Mittelalter , wo die Menschen hinstarben , den Kornähren gleich , die der Schnitter niederwirft . Damals rückten die Menschen näher zusammen , schlossen Bundsgenossenschaften , Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern , demüthig , pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche . Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern . Nach fünfhundert Jahren ist es nun wieder so . Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten , keine Geißelbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften , sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und Unrecht . Es werden bald genug üppige , feige Zeiten kommen , die Das , was wir in diesen starken versäumten , nicht einholen . Also nichts in die Länge ziehen ! Nichts auf die Zukunft verschieben ! Fordern , sagen was man will und für Recht hält , und dann als Mann dafür einstehen und sterben . Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten . Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin , Das , was Leidenfrost von der Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thränen sprach , zu bestätigen . Ja , es ist ein anderer Geist , sagte er sinnend , über uns Alle gekommen . Ich sehe Das am Leben des Kriegers . Wie schonte man sich sonst , wie vermied man die Gefahr ! Was mislich und schwer auszuführen war , muthete man Niemanden zu . Jetzt drängen sich zehn heran , wo man nur Einen begehrt . Niemand verzieht die Miene , wo es eine That gilt . Man scherzt , man schlägt sein Leben muthwillig in die Schanze , es ist , als gehörte man schon einer doppelten Welt an , der irdischen und einer himmlischen ... Und woher kommt diese Erscheinung ? rief Siegbert begeistert . Von der Bildung kommt sie . Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten . Die Frage vom Proletariat hat nicht feige , sondern tapfer gemacht . Eine Idee , eine Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben . Man fühlt sich als Glied der Gesellschaftskette , man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte . Das Vereinsleben , die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt . Wer klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich , wo es etwas Allgemeines gilt ? Stirbt man , so hat man sich für eine Idee hingegeben . Glaubt Ihr denn , daß es ohne Wirkung für die untern Klassen ist , wenn sie geschichtliche Thatsachen erfahren und von alten Zeiten hören , wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht ? Allein grausam wäre es , wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und mächtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren wollten ! Man verachte das Leben , aber man jage Niemanden in den Tod , ehe man ihn nicht theilnehmen ließ an einer möglichen Verbesserung des Lebens ! O diese Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen ! Schon jetzt ist es grauenhaft , wie kalt man hinopfert , wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen , ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet , die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern . Wenn dieser zweideutige Heroismus überhand nähme ! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es lieb gewänne , nicht blos selbst zu sterben , sondern auch sterben zu sehen ... Nein , nein , Leidenfrost , lassen Sie uns versuchen , eine mildere Formel zu finden , die das große Räthsel unserer Zeit löse und die Menschenlebenfordernde Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt ! Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich , seine Einmischung , seine Theilnahme an diesem Gespräche hochgebildeter Männer entschuldigend , auf Siegbert ' s Seite , ohne jedoch die drohende Stellung eines bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrost ' s Meinung ganz überflüssig zu finden . Es ist schlimm genug , sagte er , daß derselbe Arm , der kaum stark genug ist , seine Arbeit zu verrichten , nun auch noch die Waffe führen soll , und daß dasselbe Leben , das so arm an Freude ist , sich auch noch hinzugeben hat gegen die Tyrannen . Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stände , die von der überlieferten Ordnung der Dinge unverhältnißmäßige Vortheile für sich und die nächsten Ihrigen ziehen . Unsere Civilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen . Das höchste Recht , der Gipfel des Rechts , die Consequenz des Rechtes ist zum größten Unrecht geworden . Daß ein Vater seinen Kindern die Früchte seines Fleißes hinterläßt , gehört ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten . Daß sich dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten wiederholen darf , ist der Fluch der Gesellschaft geworden . Die Könige denken nicht daran , daß sich das Erbrecht einmal modifizirt , die Adeligen denken es nicht , die Reichen nicht . Die Könige hat man aber gezwungen , ihr Erbrecht zu modifiziren durch die Constitutionen ; die Adeligen gleichfalls durch die Aufhebung der Leibeigenschaft ; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu modifiziren ! Was ist die Einkommensteuer ? Eine Lüge ! Eine Illusion ! Sie gibt ein kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die Lage Derer , die gegen die sich aufhäufenden Reichthümer nichts gegenüber zu stellen haben als die sich aufhäufende Armuth . Die Riesen , die sonst die Welt unsicher machten und Menschen fraßen , sind ausgerottet , wenn sie jemals lebten . Aber die viel größeren Riesen , die Capitale , sind da und Niemand kann ihre Existenz leugnen . Sie sind die wahren wilden Ungethüme , die die Gesellschaft unserer Zeit unsicher machen , die ihre Mitglieder in Höhlen locken , wo die Gebeine der Geopferten modern . Ich weiß , daß es eine gleichmäßige Vertheilung der Güter nicht geben kann . Ich bin kein so thörichter Communist , daß ich glaubte , mit der numerischen Anzahl der Menschen ließe sich in die numerische Anzahl der Werthe dividiren und was da herauskäme , wäre Das , was jedem Einzelnen gebühre . Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Fürsorge , die wir doch als Gottes Weltplan anerkennen müssen , darf nicht fortdauern . Der Staat darf keine Ausbeute Derer bleiben , die seinen Sprungfedern nahe stehen und die elastische Kraft derselben nur benutzen , sich selbst zu heben . Die Staatsmänner müssen Erfindungen machen , die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen , mit denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten . Machen Sie mich , meine Herren , mit diesen Arbeitern , Ihren Freunden , bekannt ! Ich will sie nicht lehren , übermüthige Forderungen zu stellen . Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase . Ich habe mich überzeugt , daß in Paris der Trägste und Genußsüchtigste am meisten jammert und künstliche Thränen in den communistischen Clubs vergießt . Ich stelle neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit , aber ich glaube , daß die Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen . Sie leiden am Kapital . Sie dienen nur dem Unternehmer . Sie sind dem Jammer der ungeschützten Production ausgesetzt . Sie erzeugen Werthe , ohne sie absetzen zu können . Sie können nicht von heute auf morgen denken , da sie in ewiger Ungewißheit über ihr Loos zittern müssen . Der Staat denkt an Alles , nur nicht an sie . Er beachtet sie nur , wenn sie als Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man fürchtet , daß sie sich zu Emeuten zusammenschaaren . Die social-demokratische Lehre will , daß der Staat des Mittelalters aufhöre und auf der Basis der Menschen , die arbeiten , neu erbaut werde . Es sind vielfache Vorschläge gemacht worden , diese Forderungen zu verwirklichen ; sie scheiterten , weil man glaubte , an die Stelle der früheren Isolirung die Allgemeinheit setzen zu müssen . Man irrte sich , meine Herren ! Die Allgemeinheit muß die vernünftige Isolirung mit in sich aufnehmen können . Die Isolirung liegt einmal im Menschen . Der Mensch wird immer darauf hinauskommen , eine Familie zu begründen . Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht überwuchern . Der Staat darf nicht dafür da sein , nur die Familie allein zu garantiren , er muß Institutionen bieten , die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen . Weist er diese Forderung als utopistisch zurück , wohlan , so ergreift die Flinte und sterbt eher auf der Barrikade , als daß ihr länger duldet eine Existenz , die nur den Rechnenmeistern , den Börsenmäklern , den Vornehmen zu gehören scheint ! In Rom , weiß ich , war es einst mit dem Volke ebenso . Es ruhte nicht , bis es gehört wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen . Es ist Dies dieselbe Frage , die im Großen sich jetzt wiederholt . Wir zertrümmern die Ordnung , die wir vorfinden , um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu gründen . Bricht nun vollends etwas Neues an , stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch nur wieder für die alten Regierungsmaximen , für die alten Börsenmäkler , für die alten Kapitalisten , wohlan , so müssen diese ewigen Feinde der Menschheit in Ketten gelegt und unschädlich gemacht werden , bis man sich verständigt hat , ob dies Alles nicht auch anders gestaltet werden könne . Diese Kammern sitzen auch hier und sprechen über links und rechts , über die Geschäftsordnung , über erbliche , nicht erbliche Pairs , über die Rechte der Krone , der Stände , der Wähler , aber Niemand denkt daran , den Staat von unten herauf neu zu bauen . Darum , weil die Nationalwerkstätten in Paris scheiterten , soll das Recht der Arbeit widerlegt sein ? Darum , weil ein Experiment misglückt , soll man ein anderes nicht versuchen ? Die Armuth , das Elend , die Verzweiflung der Massen ist da , also auch die noch immer nicht gelöste Aufgabe der Zeit . Ich fürchte eine Revolution der Massen , wie noch keine da war . Man beeile sich , ihren Gräueln , die nicht ausbleiben werden , bei Zeiten vorzubeugen ! Man organisire die Arbeiter zu Vereinen , stelle erleuchtete Köpfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem Nachdruck , den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert , den Menschen gegenüber , die jetzt den Staat machen , nicht mehr allein , nicht mehr hülflos , nicht mehr in dumpfer Verzweiflung ; Das ist die Meinung eines Arbeiters , der die Lage seiner Brüder kennt ! Louis Armand hatte diesen Vortrag , unterstützt von Siegbert ' s Nachhülfe , in ausreichendem Deutsch lebendig und erwärmt beendet und Dankmar gab ihm das Zeugniß , daß er auf Egon großen Einfluß müßte gewonnen haben , stimmte er doch fast wörtlich mit manchen zufälligen Bemerkungen des Prinzen zusammen , nur daß dieser - wie Dankmar hinzusetzte , - leider - noch immer zu glauben scheine , wie mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen könnte . Leidenfrost murmelte und brummte . Er meinte , seine Arbeiter wären keine Philosophen . Die wollten arbeiten , auch manchmal hungern , nur sollte Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrschen ! Die Communisten im Handwerkervereine wären Näscher , Faullenzer , Lärmmacher . Er nannte mehre . Doch unterbrach er sich selbst , da er Louis Armand ' s Äußerungen wegen einer gewissen sentimentalen Wehmuth seines Vortrages achten mußte . Auch Werdeck , an den nun die Reihe kam , sprach seine Zustimmung zu Vielem aus , was dieser ihm immer mehr gefallende junge Franzose gesprochen hatte . Der Major der Garde , ein Adeliger , Herr von Werdeck , in einer solchen Debatte mit einem Advokaten , einem Techniker ( so wollte sich Leidenfrost bezeichnet wissen ) einem Maler und einem Handwerker ... Das ist allerdings das Bild einer aufgeregten Zeit ! Die öffentlichen Angelegenheiten hatten Alle ergriffen . Jede Schranke war wenigstens für einige Zeit gefallen . Man kehrte zwar bald in seine alten Lebensstellungen zurück , aber Mancher behauptete sich doch noch auf dem vorgerückten Standpunkte und verbrannte wol gar die Schiffe , die ihn zu seiner früheren Existenz zurückführen konnten . Werdeck fühlte und sagte dies selbst . Er begann : Meine Herren , daß ich mich in Ihrem Kreise befinde , ist für mich eine Veranlassung , persönlich zu werden ; denn wenn irgend Jemand ein verlorener Posten ist , so bin ich es . Sie , meine Herren , können sich kaum so in der Nothwendigkeit , einen bestimmten Entschluß zu fassen , befinden , wie ich . Sie lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde , Ihrer Standesgenossen an . Ich dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein . Ich fühle vollkommen , wie sehr meine Stellung exceptionell ist . Es ist ein gehässiger Anstoß , den ich nach allen Seiten gebe . Vor einigen Monaten fiel es nicht auf , daß ein Offizier Politik trieb . Man hatte das Heer aufgegeben , gedemüthigt , man wollte es dem allgemeinen Bürgergeiste unterordnen und sah es gern , wenn der Offizier auf diese Calamität einging , gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der allgemeinen Debatte anschloß . Der Hof gewann dadurch die Beruhigung , daß die Zugeständnisse , die man gegeben hatte , auf einer innern Nothwendigkeit beruhten . Wenn der Adel , wenn der Offizierstand politisirte , dachte man , so merke man nicht , was oben die Angst des Gewissens sprach . Ja man hat uns sogar aufgefordert , uns an der Debatte zu betheiligen . Man hat es gewünscht , daß wir uns hier und dorthin wählen ließen und nicht nur unsere Fachkenntniß geltend machten , sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen Dingen dem alten Stock- oder Zopf-Soldaten bewiesen , wie wenig sein Kastengeist noch für diese Zeit ausreiche . Bald änderte sich Das . Die Ausschweifungen jener Demokratie , die man die einfache Straßenherrschaft nennen mußte , machten das demokratische Princip selbst verdächtig . Manche zogen sich zurück , um nicht mit dem Pöbel in Berührung zu kommen ; Andere , weil sie sahen , daß die Politik der Fürsten bereits eine andere war als selbst vorläufig noch die der Ministerien . Es galt nun für guten Ton , als Offizier sich von allen öffentlichen Kundgebungen fern zu halten , höchstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen , der zuerst von den Gutsbesitzern , Landräthen , den Pensionairs angeschlagen wurde . Auch ich zog mich zurück und folgte dem Beispiele fast jedes höheren Militairs und trat in den Reubund . Meine Herren , der Mensch muß sich immer am Gegentheil seines Wesens prüfen ; noch klarer aber wird er sich , wenn er die scheinbar gleichartigen Elemente , die sich an seine Natur ansetzen wollen , nicht ertragen kann . Ich entdeckte jetzt erst in den Berathungen des Reubundes meinen Unterschied von den gewöhnlichen Persönlichkeiten . Ich sah überall Egoismus und Furcht . Ich sah Menschen , die sich mit Leidenschaft auf die Principien der Stabilität warfen , nur um sich und den Ihrigen ihre zeitlichen Vortheile zu erhalten . Die einzigen Doktrinaire darunter waren Adelige , die aber zuletzt auch für die Besteuerung ihres Grundbesitzes fürchteten . Besonders verletzten mich die ausrangirten alten Offiziere , die in der Angst , ein Pensionsgesetz könnte ihnen die Belohnung für Das , was sie mit Gott für König und Vaterland gethan zu haben glaubten , verkürzen , sich zu den seltsamsten Demonstrationen hergaben . Ich widersprach . Erst ausführlicher , dann immer kürzer und kürzer , zuletzt in Epigrammen . Ich schied aus . Wenn ich nun dem Beispiele aller meiner Waffengefährten folgen wollte , so mußte ich die ganze Gährung der in mir aufgeregten Begriffe gewaltsam niederschlagen und mich mit einem blinden Demokratenhaß darauf beschränken , nichts sehnlicher , als einmal ein allgemeines Blutbad abzuwarten , wo die Spitzkugeln und Bayonette Alles durchbohren und aufspießen sollten , was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen Principe unserer Zeit steht . Ich gehöre zu diesen Bauchschlitzern nicht . Ich habe meine eigne Idee über den Adel sogar . Ich glaube , daß der Adel nur darum vorhanden ist , daß er erblich , traditionell jene Vorzüglichkeit des Berufes für das allgemeine Wohl empfängt , die bei Dem , für dessen Erziehung Eltern nichts thun können , eine aus ihm selbst geborne zufällige , oft auch ausbleibende Vocation ist . Ich erkenne in meinem ziemlich alten Adel die Mission nicht eines Genusses , sondern einer Aufgabe . Ist dies schon Thorheit in den Augen meiner aristokratischen Waffengefährten , so wächst sie zum Verbrechen , da ich mir eine Vermittelung mit den Ideen des Jahrhunderts möglich denke . Ich läugne nicht , der Krieger ist in einer verzweifelten Lage . Man hat uns einen Eid abgenommen , der nach jesuitischer Moral wol gelöst werden könnte , ja es ist immerhin möglich , daß ein Einzelner sich durch eine tiefere moralische Betrachtung von den Banden einer mathematischen Eidesformel loszulösen vermag ; allein es ist mit solchen Verpflichtungen , wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre , die zum Duell führen . Man verwirft das Duell und kann sich ihm doch nicht entziehen . Der Fahneneid ist einmal geschworen , geschworen unter andern Verhältnissen , wie sie jetzt stattfinden . Ich würde ihn so , wie ich ihn geschworen , nicht wiederholen . Aber er ist geschworen . Nun kann man sagen : Tritt aus den Reihen der Krieger , die nur den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen , aus ! Dies ist aber für Den , der den Beruf des Militairs einmal gewählt hat , gerade so , als wenn ein Prediger die Kanzel nicht mehr besteigen soll , auf der er anders predigt , als das Consistorium will . Der , der sich als Christ fühlt , wird sich aufs Äußerste sträuben , aus der Gemeinde auszutreten . Der Lebenslauf , den man wählt , kann mit Jemandes ganzer Natur zusammenfallen . Ich bin ein Krieger . Ich bin kaum etwas Anderes . Ich habe früher wenig Avancement gehabt , die Friedenszeit war Schuld daran . Warum soll ich das Feld räumen ? Warum soll ich nicht hoffen , die politische Debatte dringe so weit durch , daß unser Eid modifizirt wird und man uns von der Einseitigkeit unseres Gelöbnisses freispricht ? Auch drängt es mich , das Beispiel einer Gesinnung zu geben , wie sie sich leider in unseren Reihen so spärlich nur gesäet findet . Ach , meine Herren , welche Geistlosigkeit , welche blinde Leidenschaft , welche brüske Impertinenz , welch brutales Nichtdenkenwollen in meiner täglichen Nähe ! Tritt irgend ein unabhängiger , junger Mann von freiem Urtheil in den Dienst , entdeckt man irgend einen Unteroffizier , der eine Broschüre , eine Zeitung liest , erhält man einen Reservisten , der sich wohl gar schon compromittirt hat , wie wird er empfangen ! Da stellt sich der alte Oberst in dem Kasernenhofe hin und hält eine Rede im Bauernstyl vom Siebenjährigen Kriege und weckt den rohen , gewaltsamen Sinn der Menge zur rohesten und ungeschlachtesten Kundgebung durch Schimpfreden , Kraftworte und Polissonerieen , die aus dem Munde oft weißhaariger alter Krieger kommen ! Die jüngeren Offiziere greifen diesen Ton auf und setzen ihn in ihrer kleinen Sphäre fort . Da hab ' ich einen Sergeanten , Heinrich Sandrart . Vermögender Leute Kind , hatte er etwas Lockeres und klapperte gern mit seinen Mutterpfennigen , ließ sich auf Bällen sehen und war verliebt ... Louis schlug die Augen nieder . Dieser junge Mann ist nicht Demokrat , fuhr Werdeck fort , aber meine Leutenants machen ihn dazu . Raucht er eine Cigarre , so fragen sie ihn , ob er Das im Klub gelernt hätte . Bläst er die Flöte in der Kaserne , so läßt man ihm sagen , er sollte sich Das aufsparen , bis er wieder in seinem Dorfe wäre . Der junge Mann dauert mich . Er liebt unglücklich ... Louis gerieth in größere Spannung . Genug , brach aber der Major ab , solche und ähnliche Fälle beweisen , wie sehr man schon eine gewisse träumerische Selbstständigkeit an dem Krieger als unzulässig verfolgt ; wie nun erst , wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wol gar sich einfallen läßt , wie es Manche schon in meinem Bataillon thaten , daß sie sich Staatsbürger nennen , die nur momentan unter den Waffen ständen ! Ob es jemals möglich werden dürfte , die Armeen auf demokratische Grundlagen zu organisiren , daß darüber die unerläßliche Disciplin nicht zu Grunde ginge ; ob es jemals möglich werden dürfte , den Adelsgeist , der hier und da sein Gutes hat , dem großen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen , Das möcht ' ich wol wissen . Ich gestehe , daß ich ein Grauen empfinde vor dem Tage , der früher oder später kommen wird , wo wir Soldaten in der Lage sein werden , gegen den Geist der Zeit einzuschreiten und gegen bessere Überzeugung mit der Waffe aufräumen zu müssen . Ich läugne gar nicht