das Spezielle darin nachzuweisen , ist eine Aufgabe , der ich mich nicht gewachsen fühle . Der kurze faltenreiche Friesrock , das knappe Mieder , das Busentuch , die Schnallenschuhe , selbst die bunten seidenen Bänder , die , mit großem Luxus gewählt , über die Brust fallen , sind aller Orten in wenigstens ähnlicher Weise vorkommende Dinge , wogegen mir der Kopfputz und die Halskrause von dem sonst Herkömmlichen abweichend erschienen . Die Halskrause wird nicht allgemein getragen ; wo sie sich findet , erinnert sie lebhaft an die getollten Ringkragen auf alten Pastorenbildern : steife Jabots , die dem , der sie trägt , immer etwas von dem Ansehen eines kollernden Truthahns geben . Allgemein aber ist der spreewäldlerische Kopfputz , und ich versuche seine Beschreibung . Eine zugeschrägte Papier- oder Papphülse bildet das Gestell , darüber legen sich Tüll und Gaze , Kanten und Bänder , und stellen eine Art Spitzhaube her . Ist die Trägerin eine Jungfrau , so schließt die Kopfbekleidung hiermit ab , ist sie dagegen verheiratet , so schlingt sich noch ein Kopftuch um die Haube herum und verdeckt sie , je nach Neigung , halb oder ganz . Diese Kopftücher sind ebenso von verschiedenster Farbe wie von verschiedenstem Wert . Junge , reiche Frauen schienen schwarze Seide zu bevorzugen , während sich ärmere und ältere mit krapprotem Zitz und selbst mit ockerfarbenem Kattun begnügten . Die wendische Predigt entzieht sich unserer Kontrolle , das Schluchzen aber , das laut wird , ist wenigstens ein Beweis für die gute Praxis des Geistlichen . Er steht zudem in der Liebe seiner Gemeinde , und wo diese Liebe waltet , ist auch unschwer das Wort gefunden , das eine Mutter , die den Sohn , oder eine Witwe , die den Mann begrub , zu den ehrlichsten Tränen hinreißt . Und nun schweigt die Predigt , und eine kurze Pause tritt ein , während welcher der Geistliche langsam und sorglich in seinen Papieren blättert . Endlich hat er beisammen , was er braucht , und beginnt nun die Aufgebote , die Geburts- und Todesanzeigen zu lesen , alles in deutscher Sprache . Bemerkenswert genug . Die Predigt , die mehr dem Ideale dient , durfte noch wendisch sein ; aber sowie sich ' s um ausschließlich praktische Dinge zu handeln beginnt , sowie festgestellt werden soll , was im Spreewalde lebt und stirbt , wer darin heiratet und getauft wird , so geht es mit dem Wendischen nicht länger . Der Staat , der bloß mit deutschem Ohre hört und nicht Zeit hat in aller Eil auch noch wendisch zu lernen , tritt mit der nüchternsten Geschäftsmiene dazwischen und verlangt deutsches Aufgebot und deutsche Taufscheine . Wer wollt ' ihm das Recht dazu bestreiten ? Und nun ist der Gottesdienst aus , und steif und stattlich gehen die Männer und Frauen an uns vorüber . Ihre Köpfe sind charaktervoll , aber nicht hübsch ; ihre Haltung voll Würde . Wir warteten die letzten ab und kehrten dann erst in unsern Gasthof zurück , wo wir uns eine halbe Stunde später durch Kantor Klingestein – eine Spreewaldsautorität , an die wir von Berlin her empfohlen waren – begrüßt sahen . Er übernahm unsere Führung . 2. Lehde 2. Lehde Er übernahm unsere Führung , sagt ' ich , und nach kurzem Gange durch Stadt und Park erreichten wir den Hauptspreearm , auf dem die für uns bestimmte Gondel bereits im Schatten eines Buchenganges lag . Drei Bänke mit Polster und Rücklehne versprachen möglichste Bequemlichkeit , während ein Flaschenkorb von bemerkenswertem Umfang – aus dem , sooft der Wind das Decktuch ein wenig zur Seite wehte , verschiedene rot und gelb gesiegelte Flaschen hervorlugten – auch noch für mehr als bloße Bequemlichkeit sorgen zu wollen schien . Am Stern des Bootes , das lange Ruder in der Hand , stand Christian Birkig , ein Fünfziger mit hohen Backenknochen und eingedrückten Schläfen , dem für gewöhnlich die nächtliche Sicherheit Lübbenaus , heut aber der Ruder- und Steuermannsdienst in unserem Spreeboot oblag . Wir stiegen ein und die Fahrt begann . Gleich die erste halbe Meile ist ein landschaftliches Kabinettstück und wird insoweit durch nichts Folgendes übertroffen , als es die Besonderheit des Spreewaldes : seinen Netz- und Inselcharakter , am deutlichsten zeigt . Dieser Netz- und Inselcharakter ist freilich überall vorhanden , aber er verbirgt sich vielfach , und nur derjenige , der in einem Luftballon über das vieldurchschnittene Terrain hinwegflöge , würde die zu Maschen geschlungenen Flußfäden allerorten in ähnlicher Deutlichkeit wie zwischen Lübbenau und Lehde zu seinen Füßen sehen . Der Boden dieses Inselgewirrs ist fast überall eine Gartenerde . Der reiche Viehstand der Dörfer schuf hier von alters her einen Düngeruntergrund , auf dem dann die Mischungen und Verdünnungen vorgenommen werden konnten , wie sie dieses oder jenes Produkt des Spreewaldes erforderte . Die Wassergewächse , die von beiden Seiten her uns stromaufwärts begleiten , bleiben dieselben ; Butomus und Sagittaria lösen sich untereinander ab und nur hier und da gesellt sich , unter dem überhängenden Rande geborgen , eine wuchernde Vergißmeinnicht-Einfassung hinzu . Es ist Sonntag , die Arbeit ruht und die große Fahrstraße zeigt sich verhältnismäßig leer ; nur selten treibt ein mit frischem Heu beladener Kahn an uns vorüber und Bursche handhaben das Ruder mit großem Geschick . Sie sitzen weder auf der Ruderbank noch schlagen sie taktmäßig das Wasser , vielmehr stehen sie grad ' aufrecht am Hinterteile des Boots , das sie nach Art der Gondoliere vorwärts bewegen . Dies Aufrechtstehen und mit ihm zugleich ein beständiges Anspannen all ihrer Kräfte , hat dem ganzen Volksstamm eine Haltung und Straffheit gegeben , die man bei der Mehrzahl unserer sonstigen Dorfbewohner vermißt . Und zwar in den armen Gegenden am meisten . Der Knecht , der vornüber im Sattel hängt oder auf dem Strohsack seines Wagens sitzend mit einem schläfrigen » Hoi « das Gespann antreibt , kommt kaum je dazu , seine Brust und Schulterblätter zurechtzurücken oder sein halb krummgebogenes Rückgrat wieder geradezubiegen , der Spreewäldler aber , dem weder Pferd noch Wagen ein Sitzen und Ausruhen gönnt , befindet sich eigentlich immer auf dem Qui vive . Das Ruder in der Hand steht er wie auf Posten und kennt nicht Hindämmern und Halbarbeit . Wenn es schon ein reizender Anblick ist , diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehn , so steigert sich dieser Reiz im Winter , wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuhläufer wird . Das ist dann die eigentliche Schaustellung ihrer Kraft und Geschicklichkeit . Dann sind Fluß und Inseln eine gemeinschaftliche Eisfläche , und ein paar Bretter unter den Füßen , die halb Schlitten halb Schlittschuh sind , dazu eine sieben Fuß lange Eisstange in der Hand , schleudert sich jetzt der Spreewäldler mit mächtigen Stößen über die blinkende Fläche hin . Dann tragen sie auch ihr nationales Kostüm : kurzen Leinwandrock und leinene Hose , beide mit dickem Fries gefuttert , und Spreewaldstiefel , die fast bis an die Hüfte reichen . Es ist Sonntag , sagt ' ich , und die Arbeit ruft . Aber an Wochentagen ist die Straße , die wir jetzt still hinauffahren , von früh bis spät belebt , und alles nur Denkbare , was sonst auf Knüppeldamm und Landstraße seines Weges zieht , das zieht dann auf dieser Wasserstraße hinab und hinauf . Selbst die reichen Herden dieser Gegenden wirbeln keinen Staub auf , sondern werden ins Boot getrieben und gelangen in ihm von Stall zu Stall oder von Wiese zu Wiese . Der tägliche Verkehr bewegt sich auf diesem endlosen Flußnetz und wird nur momentan unterbrochen , wenn auf blumengeschmücktem Kahn , Musik vorauf , die Braut zur Kirche fährt , oder wenn still und einsam , von Leidtragenden in zehn und zwanzig Kähnen gefolgt , ein schwarzverhangenes Boot stromabwärts gleitet . Einzelne Häuser werden sichtbar ; wir haben Lehde , das erste Spreewaldsdorf , erreicht . Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat , ein Venedig , wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag , als die ersten Fischerfamilien auf seinen Sumpfeilanden Schutz suchten . Man kann nichts Lieblicheres sehen als dieses Lehde , das aus ebenso vielen Inseln besteht , als es Häuser hat . Die Spree bildet die große Dorfstraße , darin schmalere Gassen von links und rechts her einmünden . Wo sonst Heckenzäune sich ziehn , um die Grenzen eines Grundstückes zu markieren , ziehen sich hier vielgestaltige Kanäle , die Höfe selbst aber sind in ihrer Grundanlage meistens gleich . Dicht an der Spreestraße steht das Wohnhaus , ziemlich nahe daran die Stallgebäude , während klafterweis aufgeschichtetes Erlenholz als schützender Kreis um das Inselchen herumläuft . Obstbäume und Düngerhaufen , Blumenbeete und Fischkasten teilen sich im übrigen in das Terrain und geben eine Fülle der reizendsten Bilder . Das Wohnhaus ist jederzeit ein Blockhaus mit kleinen Fenstern und einer tüchtigen Schilfdachkappe ; das ist das Wesentliche ; seine Schönheit aber besteht in seiner reichen und malerischen Einfassung von Blatt und Blüte : Kürbis rankt sich auf , und Geißblatt und Convolvulus schlingen sich mit allen Farben hindurch . Endlich zwischen Haus und Ufer breitet sich ein Grasplatz aus , an den sich ein Brückchen oder ein Holzsteg schließt , und um ihn herum gruppieren sich die Kähne , kleiner und größer , immer aber dienstbereit , sei es um bei Tag einen Heuschober in den Stall zu schaffen oder am Abend einem Liebespaare bei seinem Stelldichein behilflich zu sein . 3. » Die Leber ist von einem Hecht « 3. » Die Leber ist von einem Hecht « Die letzten Häuser von Lehde liegen hinter uns , und wieder dehnen sich Wiesen zu beiden Seiten aus , nur hier und da durch Erlengruppen oder ein paar einzelnstehende Eichen unterbrochen . In südöstlicher Richtung geht es stroman , eine Biegung noch und jetzt eine zweite , bis sich unser Flachkahn durch allerlei Tang und Kraut in einen schmalen und gradlinigen Kanal einschiebt , der die Verbindungsstraße zwischen den zwei Hauptarmen der Spree bildet . Dieser Kanal , eine halbe Meile lang , zählt mit zu den besonderen Schönheiten des Spreewaldes . Im allgemeinen wird sich sagen lassen , daß eine mit dem Lineal gezogene Linie landschaftlich ohne Reiz sei , jede Regel aber hat ihre Ausnahme ( gewißlich hat sie sie hier ) und ein Vergleich mag diese Wasserstraße beschreiben . Jeder kennt die langgestreckten Laubgänge , die sich unter dem Namen » Poetensteige « in allen altfranzösischen Parkanlagen vorfinden . Ein solcher Poetensteig ist nun der Kanal , der eben jetzt in seiner ganzen Länge vor uns liegt , und ein niedriges und dicht gewölbtes Laubdach über uns , so gleiten wir im Boot die Straße hinauf , die nach Art einer Tute sich zuspitzend an ihrem äußersten Ausgang ein phantastisch-verkleinertes und nur noch halb erkennbares Pflanzengewirr zeigt . Alles in einem wunderbaren Licht . Endlich erreichen wir diesen Ausgang und fahren in abermaliger scharfer Biegung in einen breiten , aber überall mit Schlangenkraut überwachsenen Flußarm ein , der uns in weniger als einer Stunde nach der » Eiche « , einem mitten im Spreewald gelegenen und von der Frau Schenker in gutem Ansehen erhaltenen Wirtshause führt . Dasselbe zeigt den echten Spreewaldsstil und unterscheidet sich in nichts von den wendischen Blockhäusern des Dorfes Lehde . Nichtsdestoweniger scheinen statt Sorben oder Wenden eingewanderte Sachsen von Anfang an an dieser Stelle heimisch gewesen zu sein , denn nicht nur daß die fast allzu germanisch klingenden » Schenkers « in dritter Generation schon in diesem Hause haushalten , auch ein alter , mühsam zu entziffernder Spruch über dem Eingange läßt über den deutschen Ursprung der ganzen Anlage keine Zweifel aufkommen . Der Spruch aber lautet : Wir bauen oftmals feste Und sind nur fremde Gäste ; Wo wir sollten ewig sein Da bauen wir ja ewig ein . Frau Schenker ist eine freundliche Wirtin und eine stattliche Großmutter ; ob deutsch oder wendisch , sie hängt am Spreewald und schreibt der Spree , neben allem sonstigen Guten , auch wirkliche Heil- und Wunderkräfte zu , worüber wir uns in einen scherzhaften Streit mit ihr verwickeln . Inzwischen ist die Tafel gedeckt worden , und wir blicken auf eine reizende Szenerie . Der Tisch mit dem weißen Linnen steht unter einer mächtigen und prächtigen Linde , zwischen uns und dem Fluß aber wölbt sich eine hohe Laube von Pfeifenkraut , vor derem Eingange – wie Puck auf seinem Pilz – Frau Schenkers jüngste Enkelin auf einem Baumstumpf sitzt und das lachende Gesicht unter dem roten Kopftuch halb verborgen in Neugier auf die fremden Gäste herüberblickt . Und nun das Mahl selber ! Das wäre kein echtes Spreewaldsmahl , wenn nicht ein Hecht auf dem Tische stünde . Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einer Schleie , Der Fisch will trinken , gebt ihm was , daß er vor Durst nicht schreie . Und mit diesem zeitgemäßen Leberreime ging es an die Entpuppung des Korbes , der bereits während der Fahrt mehr als einen interessierten Blick auf sich gezogen hatte . Das erste Glas galt wie billig der Wirtin , andere folgten , bis zuletzt die Mahlzeit und die lange Reihe der Toaste mit dem Jubelhymnus abschloß : Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Störe , Es lebe Lehrer Klingestein , der Kantor der Kantöre . 4. In Kätner Posts Garten 4. In Kätner Posts Garten Es war inzwischen Nachmittag geworden und wir schickten uns zur Weiterfahrt an . Noch viel war zu sehen : Die Dörfer Burg und Leipe , und in der Nähe des ersteren ein Stück Hügelland , darauf das Schloß des letzten Wendenkönigs gestanden haben soll . Die Kanäle vor und neben uns wurden immer flacher und seichter , endlich saßen wir fest . » Es geht nicht « , murmelte Bootführer Birkig . » Es muß gehn « , erwiderte der Kantor wie Blücher auf dem Marsche nach Waterloo . Und siehe da , es ging . Aber nicht auf lange , die Richtung war uns verloren gegangen , und wir wären mit unserm » frisch Wasser unterm Kiel « um nichts gebessert gewesen , wenn nicht der Kantor – unser Columbus jetzt – unerschütterlich gegen Westen gezeigt und einer beinah meuternden Mannschaft gegenüber auf seinem Willen bestanden hätte . Zwar war es zunächst ein allerschlimmster Platz , an den wir gelangten , ein Wasserkreuzweg , von dem aus Kanälchen und kleine Flußarme nach den verschiedensten Seiten hin abzweigten , aber dieser Moment äußerster Not und Verwirrung bezeichnete doch auch zugleich den Moment unserer Rettung . Just an der Stelle , wo zwei Flußarme fast in spitzem Winkel einander berührten , stand ein Bauern- oder Kätnerhaus , dessen weißgetünchtes Fachwerk aus Geißblatt und Fischernetzen freundlich hervorblickte , während sich uns in Front des Hauses , in einem halb ans Ufer gezogenen Kahn , ein streng und doch zugleich auch freundlich aussehender Mann präsentierte , der , von eben diesem Kahn aus , dem Treiben seiner im Flusse badenden und nach allen Seiten hin jubelnd umherplätschernden Kinder zusah . Es waren ihrer sieben , das älteste elf , das jüngste kaum vier Jahr alt , und aus Lachen und Kinderunschuld wob sich hier ein Bild , das uns auf Augenblicke glauben machte , wir sähen in eine feenhafte Welt . Und daß wir diese Welt nicht störten , das war ihr höchster Zauber . Ungeängstigt und von keiner Scham überkommen , spielten die Kinder weiter und tauchten unter und prusteten das Wasser in die Höh ' wie junge Delphine . Das älteste Mädchen war eine Schönheit ; ihre Augen lachten und das lange , aufgelöste Haar schwamm wie Sonnenschein neben ihr her . Bootführer Birkig rekolligierte sich zuerst und rief das uns sowohl wie das Bild auf einen Schlag entzaubernde Wort über das Wasser hin : » ob man uns einen Kaffee kochen wolle ? « Das bereitwilligste » Ja « klang zurück , und einige Minuten später sprangen wir ans Ufer , hinter dessen Büschen jetzt die Kinder in allen Stadien der Toilette standen und lagen , eines , das jüngste , noch platt im Sande . Der im Kahne stehende Häusler oder Kätner aber , der sich uns bald danach als Kätner Post vorstellte , war uns um ein paar Schritt entgegengekommen und bat uns , in seine Wohnung einzutreten . Wir zogen indes einen Platz im Freien vor und machten es uns auf einem von Kirschbäumen beschatteten Rasenplatze bequem . Was an Tisch und Bänken im Hause war , stand bald draußen , und zuletzt erschien auch ein blaugemustertes Kaffeeservice , das unverkennbar einer besseren Zeit angehörte . Der Kätner entstammte nämlich einer alten Spreewalds-Honoratiorenfamilie , daraus selbst Geistliche hervorgegangen waren , und ein leiser Unmut über ein gewisses Zurückgebliebensein hinter diesen historischen Rangverhältnissen lag auf seinem Gesicht . Er sprach dies auch unumwunden aus und verriet überhaupt eine Nervosität , wie man ihr bei Leuten seines Standes nur selten begegnet . Ich nahm ihn darauf hin von Anfang an für einen Konventikler und fand es bestätigt , als er eine Weile danach anfrug , ob es uns vielleicht genehm sein würde , seine Kinder ein mehrstimmiges Lied singen zu hören , auf das sie leidlich eingeübt seien ? Wir bejahten die Frage natürlich und alsbald klang es mit jener unwiderstehlichen Innigkeit , wie sie nur Kinderstimmen eigen zu sein pflegt , durch die sommerstille Luft : Jesu geh voran Auf der Lebensbahn , Und wir wollen nicht verweilen Dir getreulich nachzueilen . Führ ' uns an der Hand Bis in ' s Vaterland . Eine Pause trat ein , und erst als Kätner Post uns gemustert und sich über unsere Teilnahme vergewissert hatte , gab er aufs neue das Zeichen und sang nun selber mit : Soll ' s uns hart ergehn Laß uns feste stehn , Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen , Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu Dir . Rühret eigner Schmerz Irgend unser Herz , Kümmert uns ein fremdes Leiden , O so gib Geduld zu beiden , Richte unsren Sinn Auf das Ende hin . Ordne unsern Gang , Jesu , lebenslang ; Führst Du uns durch rauhe Wege , Gib uns auch die nöt ' ge Pflege , Tu uns nach dem Lauf Deine Türe auf . Das Lied hätte die doppelte Zahl von Strophen haben können , wir wären willig gefolgt . Es hatte jeden von uns ergriffen , am meisten den Nestor unseres Kreises , der fast verlegen vor sich niedersah und auf unsere wiederholte Frage nach dem » warum « endlich antwortete : » Sie sind alle bewegt durch das Lied . Ich bin es doppelt und muß es sein . Daß Ihnen dieses Lied hier begegnet , ist zu bescheidenem Teil mein Verdienst . Es sind jetzt gerade fünf Jahre , daß ich auf einer ähnlichen Reise , wie diese , in eine Dorfschule trat und das schöne Zinzendorfsche Lied in jener rhythmischen Form singen hörte , darin Sie ' s eben vernommen haben . In dieser Form wirkte das längst Bekannte wie neu auf mich und riß mich nicht nur fort durch seine Kraft und Innigkeit , sondern veranlaßte mich auch , es nach meiner Rückkehr in einem mir zu Gebote stehenden Fachblatte zu veröffentlichen . Ich weiß , daß es seitdem vielfach Eingang gefunden hat ; hier aber trat es mir zum ersten Male wieder lebendig entgegen und bestätigte mir die Lehre : man streue nur gute Körner aus und sorge nicht , was aus ihnen wird ; irgendwo gehen sie auf , und wenn es im stillsten Winkel des Spreewalds wäre . « Die Sonne neigte sich und mahnte zum Aufbruch . Noch reizende Partien kamen , aber der Höhepunkt des Festes lag hinter uns . In Dorf Leipe , das wir auf unserem Rückweg passierten , trafen wir hauptstädtische Gesellschaft , die der wachsende Schönheitsruf des Spreewaldes herbeigelockt hatte . Wir schlossen uns ihnen an , und Boot an Boot ging es nunmehr wieder auf Lübbenau zu . Wort und Lachen klang herüber und hinüber , und ein kalter Grog , der , als die Sonne nieder war , aus Rum und Spreewaldwasser gebraut wurde , hielt die Kühle des Abends von uns fern . Aber nicht auf lange ; Plaid und Paletot forderten endlich ihr Recht und lautlos glitten die beiden Boote nebeneinander her . In die Stille hinein klang nichts mehr als der taktmäßige Ruck der Ruder und das leise Plätschern des Wassers . Es schlug zehn von dem am Abendhimmel aufdunkelnden Turm , als wir im Schatten der Lynarschen Parkbäume wieder anlegten . Der » braune Hirsch « nahm uns eine Viertelstunde später in seine gastlichen Betten auf , Bootführer Birkig aber ging seinem Dienste nach , um mit Horn und Spieß für Lübbenau und seine Spreewaldgäste zu wachen . Zwischen Spreewald und wendischer Spree Eine Osterfahrt in das Land Beeskow-Storkow 1. Rauen und die Markgrafensteine 1. Rauen und die Markgrafensteine Es ging , weil die Spree hier sieben Arme hat , über sieben Brücken , und als die letzte Brücke hinter uns lag , lag auch schon die weite Landschaft vor uns , hell und klar und sonnig , und so trocken , daß der Staub aufwirbelte , wie zur Sommerzeit . Aber ein Blick auf die Bäume zeigte zur Genüge , daß der Sommer noch ausstand , und daß nichts heraus war als ein paar ärmliche Palmsonntagskätzchen . Ich hatte gleich anfangs meinen Platz neben dem Kutscher genommen , der eigentlich kein Kutscher war , sondern ein Fuhrherr , und durch gute Haltung in jedem Augenblicke den Beweis führte , daß er bei den Potsdamer Ulanen gestanden . Er hieß Moll , entsprach durchaus seinem Namen und gab was auf Bildung , Bücher und Zeitungen . Aber er hatte sich seinen guten Verstand und sein eigenes Urteil nicht weggelesen und hielt vielmehr umgekehrt mit einem gewissen Eigensinn an seinen einmal gefaßten Ansichten fest . Selbstverständlich immer unter Wahrung artiger Formen . Er war gesprächig und mitteilsam , aber doch zugleich auch reserviert und lächelte viel . Als wir aus der Flußniederung auf die Höhe gekommen waren , wies ich auf einen Hügelzug , der sich in geringer Entfernung vor uns ausdehnte : » Was sind das für Berge ? « » Die Rauenschen . « » I , die Rauenschen . Wo die Braunkohlen herkommen ? « Er stimmte zu . » Das ist mir lieb , die mal zu sehen , obwohl ich keine brenne ; sie stauben zu sehr . Dann ist wohl auch Rauen selbst hier ganz in der Nähe ? « » Versteht sich . Der dicke Turm da . Das is es . « » Na , dann vorwärts . Aber in Rauen müssen wir einen Augenblick halten . Ich glaube , da gibt es was . « Er war einverstanden und zeigte nur dann und wann mit dem Peitschenstock auf das eigentümliche Treiben an dem uns immer näher kommenden Hügelabhang . Ein einziges Pferd zog eine lange Reihe von Wagen und ließ mich erkennen , daß dort ein aus irgendeinem Bergstollen herausführendes Schienengeleise liegen mußte . Von der entgegengesetzten Seite her kamen leere Wagen zurück , und in einem dem Höhenzuge vorgelegenen Sumpfstücke stand ein Storch und sah sich ernst und nachdenklich um . Es war , als such ' er nach einem Wahr- und Erkennungszeichen und könne nicht einig mit sich werden , ob es auch die rechte Gegend sei . Moll , dem ich meine Bemerkung mitteilte , fand es auch und verbreitete sich dann eingehender über Störche , namentlich aber darüber , daß es doch eigentlich ein merkwürdiger und zugleich auch höchst anspruchsloser Vogel sei , der immer wieder ins Beeskow-Storkowsche komme , während ihm doch die ganze Welt offenstehe . All das sprach er in sehr gebildetem Deutsch , mit einem Dialektanklange , der weder märkisch noch berlinisch war , obwohl er von beiden einen Beisatz hatte . Dies fiel mir natürlich auf und ich sagte : » Sie sprechen so anders , Moll ; wo sind Sie eigentlich her ? « » Ich ? Ich bin aus Hinterpommern . « » Ist es möglich ? « » Ja , was will man machen . « » Und von wo denn ? « » Von Köslin . Das heißt ein bißchen ab , so nach ' m Gollenberg zu . « » Da sind Sie ja Nachbar von Bismarck . « » Nei , der liegt mehr rechts weg , so zwischen Rummelsburg und Schlawe . Meine Gegend ist doch noch anders . Und ich sag ' Ihnen , eine propre Gegend . « » Ich dacht immer , es wäre da nicht viel los . « » Ja , das haben mir schon viele gesagt . Aber es ist nicht so . Da is mehr los als hier . Denn was haben Sie denn hier ? Eine Kussel und dann wieder ' ne Kussel . Und mal ' ne Kräh und wenn ' s hochkommt ' ne Bockmühle . « » Nu gut . Aber was haben Sie denn ? Ist es denn besser bei Ihnen ? « » Nu , besser is es schon , denn schlechter is nich möglich . Und das macht alles der Charakter . Der Charakter ist immer die Hauptsache . Sehen Sie , bei uns gibt es lauter orntliche Menschen . « » Und alle zehn Schritt ' nen Edelmann . « » Ach , lieber Herr , ein Edelmann is gar nich so schlimm . Ich bin auch für Freiheit ; aber was so ' n richtiger Edelmann is , na , viel tut er woll freilich auch nich , aber er tut doch immer was . Und der Bauer is auch janz anders bei uns . « » Ich hab ' immer gefunden , der Bauer ist überall derselbe . Der Bauer ist überall hart . « » Is schon richtig . Aber doch alles mit ' n Unterschied . Un warum is er hier so hart , ich meine so schlimm-hart ? Weil er selber nichts hat . Es is ja die reine Hungerleiderei . Sehen Sie sich doch diesen Weg und diese Schonung an . Der reine gelbe Sand . Und wo der reine gelbe Sand is , is auch immer der reine gelbe Neid . Und gönnt keiner dem andern was . Und von was geben oder helfen steht nu schon gar nichts drin . « » Hören Sie , Moll , ich bin zwar selber ein Märker , aber ich glaube wahrhaftig , Sie haben ein bißchen recht . « » I , freilich hab ' ich recht . Es ist alles pauvre hier und von ' s Pauvre-sein is noch nie nich was Gutes gekommen . « Unter solchen Gesprächen waren wir bis in Rauen selbst hineingefahren . Auch dieses , wie der Hügelabhang draußen , zeigte den Bergwerkscharakter ; alle Häuser sahen rußig und schmucklos aus , und nur eine modische Petroleumlampe mit blauem Ständer und weißer Milchglasglocke war überall als einziges Zierstück in die Fenster gestellt . In der Kirche , die für das Fest geputzt und gesäubert wurde , trafen wir einen Ortsangesessenen , an den ich mich alsbald mit der Frage wandte : » was die Rauensche Kirche denn wohl habe ? « » Wir haben gar nichts als den alten Grabstein vorm Altar . Alles was in Schnörkelbuchstaben daraufstand , ist weggetreten ; aber die Rauener sagen , es wäre ein Bischof gewesen . Und ich denke mir , es wird wohl ein Bischof gewesen sein . « » Ein Bischof ? Hören Sie ... « » Ja , warum soll es kein Bischof gewesen sein ? Es waren ihrer ja so viele . Welche liegen in Fürstenwalde , welche liegen in Beeskow , und warum soll nicht wenigstens einer in Rauen liegen ? Er kann ja ' ne Vorliebe für Rauen gehabt haben . « » Glauben Sie ? « Diese letzten Worte waren schon vor dem vorerwähnten Altar gesprochen worden , und wir schoben jetzt eine längliche Strohdecke fort , unter der der angebliche Bischofsstein gelegen war . Er war wirklich ganz abgetreten , bis auf eine einzige den Schriftzügen oder Buchstaben nach aus der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts herstammende Zeile , die durch einen schmalen , nur etwa zwei Zoll breiten Vorsprung der Altarstufe geschützt und gerettet worden war . Diese Zeile lautete : » v. Wulffen , Tempelb ... « Es war also ein Tempelberger Wulffen , der hier begraben lag und kein Bischof dieses Namens . Wie denn solcher überhaupt nicht existiert hat , was sich aus dem vollständigen , uns von Wohlbrück in seinem Geschichtswerke gegebenen Verzeichnisse der Lebuser Bischöfe mit Sicherheit ersehen läßt . Aus dem Dorfe Rauen fuhren wir abermals in eine Schonung ein , zwischen deren Krüppelkiefern eine Fahrstraße sich ängstlich hin und her schlängelte , fast als ob jeder einzelne Baum zu schonen gewesen wäre . Wo so wenig ist , ist auch eine Kiefer etwas . Endlich aber passierten wir eine halb offne Stelle , die durch mehrere hier sich kreuzende Waldwege gebildet wurde . » Das ist er « , sagte Moll , und hielt sein Fuhrwerk an . » Wer ? « » Der große Stein . « » Der Markgrafenstein ? « Er nickte bloß und überließ mich meinem Staunen , das weniger an den rechten Flügel der Bewunderung als an den linken der Enttäuschung grenzte . Wirklich , ich war enttäuscht und würde , wenn es Moll vorgezogen hätte schlechtweg daran vorüber zu fahren , im günstigsten Falle gedacht haben : » ei , ein großer Stein . « Und das sollte nun einer der berühmten Markgrafensteine sein , eines der sieben märkischen Weltwunder ! Ich hatte mir diese Steine halb memnonssäulenartig oder doch wenigstens als ein paar von der Natur gebildete Riesenobelisken gedacht und sah nun etwas