Ausweg gewiesen , den er zuweilen im Drange und in der geheimen Noth dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich zu öffnen gedacht hatte . Jetzt war er sicher , wie es ihm zukam , als ein Edelmann zu sterben - und er war des Daseins und des Lebens von Herzensgrunde müde . Stolz , sicher , mit festem Blicke des blitzenden Auges die Anwesenden messend , durchschritt er den Saal und näherte sich dem Gesandtschafts-Sekretär . Graf Aurel wünscht Ihnen , Herr Marquis , eine Mittheilung zu machen ! sprach er mit lächelnder Miene zu dem jungen Diplomaten , der sich bei diesen Worten zum Erstaunen der Nächststehenden sichtbar entfärbte , aber , schnell wieder gefaßt , sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer begab . Es entstand eine kleine Bewegung , man sah sich nach den betheiligten Personen um ; indeß es waren alles Leute von Welt , die Formen der guten Gesellschaft zogen sich über der augenblicklichen Störung , deren Ursache Niemand mit heftiger Neugier auf die Spur zu kommen suchte , schnell wieder zusammen , und da der Abend schon vorgerückt war und man im Berka ' schen Hause um des Grafen willen nie spät zusammen blieb , fiel es nicht auf , daß Graf Aurel und der Marquis sich bald empfahlen und auch Renatus seine Gattin zum Aufbruche anmahnte . Früh am anderen Morgen , als Renatus noch mit Cäcilie beim Frühstücke war , meldete man ihm den Besuch eines seiner Kameraden . Cäcilie wunderte sich über den frühen Besuch , indeß er flößte ihr keinen Argwohn , keine Besorgniß ein , und auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht auf . Es war ein Vetter des Grafen Aurel , der mit Renatus in demselben Regimente diente und mit dem der Freiherr immer auf gutem Fuße , in einem angenehmen kameradschaftlichen Verhältnisse gestanden hatte . Der Besuch währte für die frühe Stunde ungewöhnlich lange , so daß Cäcilie , als Renatus endlich zu ihr wieder zurückkam , sich erkundigte , was der Rittmeister ihm gebracht habe . Er sagte , sie solle nicht neugierig sein , und klagte sich an , daß er sie verwöhnt habe ; da er das alles aber freundlich , ja , scherzend aussprach , gab sie sich auch bald zufrieden , und es war davon die Rede nicht mehr . Der Tag verging unter Besorgungen aller Art äußerlich in gewohnter Weise . Am Vormittage erhielt Renatus einen Brief von Paul , in welchem dieser ihm anzeigte , daß er und die Gräfin Haughton für Valerio die nöthigen Schreiben besorgt hätten und daß er den jungen Mann , da in drei Tagen das nächste Packetboot nach London abgehe , angewiesen habe , sich für die heutige Abendpost zur Reise nach Hamburg einschreiben zu lassen . In einem Billet von Valerio , das beigefügt war , ersuchte dieser den Freiherrn , ihm persönlich Lebewohl sagen zu dürfen , und Renatus war jetzt dazu geneigt , dem Verlangen zu willfahren . Valerio war , da er am Nachmittage zu dem Freiherrn kam , weich und sehr bewegt . Nicht als ob er in sich unsicher oder in seinem Vorhaben und in seinen Hoffnungen schwankend geworden wäre , nur der Abschied von den Seinen schien ihm schwerer zu fallen , als man es erwartet hatte . Er hatte , wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusammenstoßes gethan , den Freiherrn als einen Fremden mit seinem Titel anreden wollen ; aber da er nun vor Renatus hintrat , fiel es ihm auf , daß dieser bleicher und sehr ermüdet aussah , und weil der Jüngling meinte , es sei der Kummer über ihn , der den Freiherrn also verwandelt habe , warf er sich demselben mit Leidenschaftlichkeit an die Brust . Ich lerne es nicht , ich lerne es nicht , Dich als einen Fremden anzusehen ! rief er mit überströmender Empfindung - habe ich Dir doch mehr , weit mehr zu danken , als wenn Du mein Bruder wärest , und ich habe Dir es schlecht gelohnt ! Renatus drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernsthaft zu . Valerio wollte , daß er ihm ganz ausdrücklich seine Verzeihung aussprechen solle , und der Freiherr that es . Er zeigte sich ebenfalls erschüttert , schloß Valerio ' s Haupt in seine Hände und küßte ihn , da sie schieden , als ob er segnend einen Sohn entließe . Cäcilie weinte , indeß es wurde ihr doch leichter , da sie sich jetzt sagen konnte , ihre große Bangigkeit und die Schwermuth ihres Mannes , die ihr im Lauf des Tages aufgefallen war , würden durch die Trennung von Valerio herbeigeführt . Sie verließ den Gatten so wenig als sie konnte , und er schien es gern zu sehen , daß sie blieb , selbst als er am Abende lange Zeit schreibend an seinem Arbeitstische saß . Ein paar Mal meinte sie ihn seufzen zu hören , und sie wollte ihn fragen , was ihn drücke , aber sie unterließ es , weil sie wußte , daß er dies nicht liebe , daß er eben jetzt , am Ende des Jahres , der unerfreulichen Geschäfte die Menge habe . Abends , als sie den Thee einnahmen , zu dem Vittoria sich eingestellt hatte , war Renatus ruhiger , als in den ganzen letzten Wochen . Er schien die Andern und sich selber zerstreuen zu wollen und machte die Unterhaltung fast ganz allein . Er kam mehrmals auf seinen Vater , auf seine verstorbene Mutter , auf die Zeit zu sprechen , in welcher er noch ein Knabe gewesen und Vittoria in sein Vaterhaus gekommen war . Dann erging er sich in Betrachtungen über das , was man in dem Leben des Menschen die höhere Fügung nenne , und über die geheimnißvolle Grenze zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen Müssen . Es war das schon ein Lieblingsthema seines Vaters gewesen , und Renatus hatte , wenn er sich dem Nachdenken und Sprechen über dasselbe hingab , es stets geliebt , den Menschen mit einem Baume zu vergleichen . Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm genehme Bild zurück . Wie kann von einem freien Willen die Rede sein , sagte er , wo wir , wie der Baum , unser eigentliches Wesen und Gepräge als ein angestammtes in uns tragen und Boden und Luft , die wir auch nicht frei erwählen , unsere Entwicklung bedingen ? Der Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine Aeste nach der Sonne wenden ; das ist seine ganze Freiheit , und selbst diese geringe Freiheit ist Naturnothwendigkeit . Alles für ihn und Alles für uns ist vorbestimmtes Müssen . Wir genießen und erleiden , was uns zuerkannt ist , wir können dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen , gleichviel , ob wir ' s aus den Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Allweisheit zugetheilt erhalten . Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig , sie war dazu , wie sie es zu nennen pflegte , sich nicht wichtig genug . Cäcilie aber meinte es sich erklären zu können , wie ihr Gatte eben heute zu solchen Betrachtungen gedrängt werde , und sie bemerkte zu ihrem Troste , daß ihn dieselben sichtbar beruhigten . Er verlangte , als man sich schon trennen wollte , die beiden Frauen noch singen zu hören , und da Vittoria , von der Musik erschüttert und an Valerio erinnert , plötzlich zu weinen begann , schloß Renatus sie in seine Arme und sprach ihr liebreich und tröstend Muth ein . Du bist auch ein armer , aus seiner Heimatherde unfreiwillig herausgenommener Baum , sagte er , und Du hast eben deßhalb des Erleidens auch Dein Theil gehabt . Laß uns hoffen , daß es dem jungen Stamme , den wir jetzt Luft und Erde nach seinem Belieben suchen lassen , besser gehen werde , wenn es uns im Augenblicke auch schwer gefallen ist , ihm seinen Willen zu vergönnen . Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig . Er hatte Cäcilien gesagt , daß er in der Frühe ein wichtiges Geschäft zu ordnen habe , und da sie wußte , wie drückend solche Angelegenheiten in der Regel für ihn waren , fiel es ihr nicht auf , daß er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst genoß . Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte , sah Cäcilie , daß er in voller Uniform war . Der Gedanke , daß Renatus eben jetzt zu seinem Chef gehe , um ihm die üble Lage , in der er sich befinde , zu entdecken und mit ihm Rath zu halten über die Schritte , die er thun solle , ein öffentliches Aufsehen möglichst zu vermeiden , fuhr ihr erschreckend durch den Sinn . Sie wollte ihn fragen , aber sie fürchtete , ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen , und von Liebe und Mitleid überwältigt , schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihn . Er drückte sie mit tiefer Inbrunst an sich , sie gaben sich die zärtlichsten Namen , Cäcilie mußte weinen . Wir lieben einander doch ! rief sie endlich , als wolle sie ihm den Trost vorhalten , der ihnen schon über manchen Kummer fortgeholfen hatte . Ja , und ich liebe Dich sehr , denke daran und vergiß das nicht ! gab Renatus ihr zurück . Auch ihm war das Auge feucht geworden , aber er riß sich los und ging die Treppe festen Schrittes hinunter . Cäcilie trat an das Fenster und sah , wie er in den Wagen stieg . Er blickte noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grüßte mit der Hand . So schieden sie . Dreizehntes Capitel Am Mittage durchlief das Gerücht die Stadt , daß der Major Freiherr von Arten im Duell erschossen sei . Man erzählte es Paul , als er eben in die Börse eintrat , denn man wußte , daß er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe . Trotz seiner gewohnten Festigkeit bemerkte man , daß ihn die Nachricht sehr erschrecke . Er suchte sich so schnell als möglich frei zu machen , gab seinem Disponenten die nöthigen Anweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte und fuhr augenblicklich nach dem Artenschen Hause . Alles war dort in der völligsten Zerstörung . Vittoria lag in heftigen Krämpfen , Cäcilie rang an der Leiche ihres Gatten , die man vor einer Stunde in seinem Wagen nach Hause gebracht hatte , verzweiflungsvoll die Hände , ihre Mutter und ihre Schwester waren bei ihr . Die Gräfin Berka war die Einzige , die ihrer selber Herr war und große Fassung zeigte . Sie war es auch gewesen , die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen von ihm an seine Gattin zurückgelassenen Brief aufgefunden hatte . Ein paar andere Briefe hatten daneben gelegen , einer davon war an Paul gerichtet , und Hildegard , welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu haben schien , händigte ihm denselben aus . Er lautete : » Wenn Sie diesen Brief empfangen , bin ich nicht mehr am Leben , und es sind die Wünsche eines Hingegangenen , die er Ihnen überbringt . Möge Ihr großer Sinn sie Ihnen heilig machen . Die Vorsehung , die uns aus Einem Stamme erstehen ließ und unsere Lebenswege dennoch trennte , hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander angenähert , als wolle sie mir den Pfad zeigen , auf dem ich zu gehen , und die Weise angeben , in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem Augenblicke zu verhindern habe , in welchem der Letzte Derer , die bis jetzt den Namen unseres Hauses mit Recht besessen , von der Erde scheidet . Das Blut der Freiherren von Arten fließt in Ihren Adern ; meines hingegangenen Vaters Ebenbild , die Züge unserer Ahnen leben in Ihnen , und selbst - ich habe , da der Himmel mir keine Kinder gegeben hat , dies stets mit schmerzlicher Rührung wahrgenommen - in Ihren Söhnen leben sie noch fort . Wie mein Vater in dem Sinne und nach dem Ehrengebote unseres Standes und unseres Hauses handelte , als er es sich versagte , Sie öffentlich als seinen Sohn anzuerkennen , so handle ich , ich bin deß sicher , in seinem Geiste und in dem Geiste unseres Hauses , wenn ich danach trachte , den edlen , alten Namen der Freiherren von Arten-Richten nicht untergehen zu lassen . Meine Vermögensverhältnisse , die Sie kennen , machen es für die Baronin Cäcilie unmöglich , die Richtener Güter zu behalten , und ich weiß es aus dem Munde meines verstorbenen Lehrers und Erziehers , des Caplans , daß Ihre Mutter am Vorabende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat , nach dem Besitze des Schlosses zu streben , das sie Ihnen an jenem Abende als Ihres Vaters Haus bezeichnete . Es war das eine Vorstellung , die mir alle Zeit quälend gewesen ist , seit sie , es war als ich in den russischen Feldzug ging , zuerst in mir erweckt wurde , und sie hat mich , wie eine unheimliche Ahnung , stets befallen , so oft ich in Ihre Nähe gekommen bin . Dieses Geständniß , welches Ihnen zu machen ich jetzt kein Bedenken trage , wird Ihnen Vieles in meinem Verhalten gegen Sie erklären , das Ihnen vielleicht bisher nicht verständlich gewesen ist und Sie zu nachtheiligen Ansichten über mich verleitet haben mag . Was mich einst von Ihnen fern hielt , führt mich jetzt , da ich mein Leben und das Schicksal unseres Hauses in großem Ueberblicke betrachte , auf Sie und zu Ihnen zurück . Ich habe Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen , der sich als den ersten Edelmann seines Landes anzusehen geruht und dessen Gnade ich mich versichert zu halten Ursache habe , die Verhältnisse unseres Hauses aus einander gesetzt . Wenn dieser Brief in Ihre Hände kommt , hat Seine Königliche Hoheit auch mein Ansuchen bereits empfangen , und ich zweifle nicht , daß es bei ihm eine geneigte Stätte finden und daß Er Selber wünschen wird , den Namen eines alten Geschlechtes , das schon vor den Hohenzollern in unserer Heimath angesessen gewesen ist , auch für die Zukunft zu erhalten . Richten muß verkauft werden ; kaufen Sie es an ! Vereinigen Sie die Güter wieder , deren mich zu entäußern ich gezwungen war , und führen Sie in Sich und Ihren Kindern den Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort . Unser Wappen wird in Ihren Händen wohl aufgehoben sein . Sie haben sein fortis in adversis ! beherzigt und bewährt . Und so empfangen Sie mit dem Segen und den Wünschen , die ich Ihnen über mein Leben hinaus für das Gedeihen unseres Geschlechtes zurufe , auch meine letzten Bitten . Es sind ihrer nicht viele , und sie sind selbstverständlich . Nehmen Sie Sich berathend und hülfreich meiner theuren Cäcilie , meiner Witwe an ; stehen Sie auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne mit Ihrer Erfahrung großmüthig zur Seite und sorgen Sie dafür , daß ich in unserer Familiengruft in Rothenfeld bestattet werde . Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen zu seinen Vätern versammelt werden ! Und damit Lebewohl ! Möge der neue Stamm , den Sie begründen , glücklicher sein , als ich es gewesen bin ! Des Himmels Segen über sein Gedeihen ! « Schweigend und in tiefe Gedanken versunken , hielt Paul das Blatt eine Weile in seinen Händen ; schweigend und in tiefe Gedanken versunken stand er an des Freiherrn schöner Leiche . Cäcilie war wie vernichtet . - Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg , in dem Renatus ruhte , nach Rothenfeld gebracht . Cäcilie hatte gewünscht , die Leiche ihres Gatten zu seiner letzten Stätte zu begleiten , und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist , um die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause einzuladen . Man mochte sie nicht in das verödete Schloß nach Richten gehen lassen . - Im Frühjahr kam Richten zum Verkauf . Es war zwischen den Freunden , zwischen Steinert , Herbert und Paul , von Anfang an fast selbstverständlich gewesen , daß Einer von ihnen , daß Paul es an sich bringen müsse . Er hatte schon lange daran gedacht , einen Landbesitz zu erwerben , auf welchem er alljährlich ein paar Monate mit den Seinen in ruhiger Zurückgezogenheit verleben könne , und bei seinem großen Vermögen war es ohnehin gerathen , einen Theil desselben in Grund und Boden festzulegen . Allerdings gab es südlichere Gegenden , deren Naturschönheit verlockender gewesen wäre ; aber die Aussicht , Steinert und Herbert zu Nachbarn zu bekommen , die Gewißheit , daß ihre Aufsicht und Erfahrung seinem Besitze zu Statten kommen werde , waren hoch zu veranschlagen , und über dies alles hinaus , Paul läugnete sich das keineswegs fort , wirkten seine Jugend-Eindrücke bestimmend auf ihn ein . Es war ein eigenartiges Empfinden , mit welchem er den Kauf-Contract über die Richtener Güter unterzeichnete , eine ergreifende Erinnerung , mit welcher er als Besitzer mit den Seinen in Schloß Richten einzog . Die Erntezeit war , als er in Richten eintraf , schon vorüber , denn es hatte der unerläßlichen Instandsetzungen in dem seit Jahren nicht bewohnten Schlosse doch so viele gegeben , daß trotz der Bemühungen der beiden Herbert ' s der Monat August herangekommen war , ehe man daran denken konnte , das Schloß mit Behagen zu beziehen . Nun hatten die neuen Eigenthümer sich in demselben heimisch eingerichtet , und am ersten Sonntage , den man mit Ruhe dort verlebte , waren die befreundeten Familien von Neudorf und von Rothenfeld mit ihren verheiratheten Kindern und Enkeln nach Richten herübergekommen . Mit großer Genugthuung , aber doch innerlich bewegter , als er es zeigte , saß Paul an dem Mittage mit seiner Familie und seinen Gästen auf der Terrasse , die nach dem Parke hinunterführte . Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende der Terrasse , das Herbert nicht verändern lassen , ein Frühstück für die große , buntgemischte Gesellschaft aufgetragen . Es waren stattliche Greise , tüchtige Männer und Jünglinge , heitere Matronen , fröhliche junge Frauen und dazu Kinder beiderlei Geschlechtes , die sich in ihrer lauten Lust kaum Genüge zu thun wußten . Seba mit ihrem sanften Ernste saß an Eleonorens Seite ; sie konnte nicht aufhören , an die Baronin Angelika zu denken , die hier an derselben Stelle einst ihre Eltern bewirthet , die hier in solcher milden Herbstessonne die letzten Tage ihres Lebens zugebracht hatte , und auch in Herbert tauchte ein altes , schönes Erinnern mit seiner stillen Wehmuth auf . Fast in Allen lebte mehr oder weniger deutlich das Bewußtsein der großen Wandlungen , welche sich in ihnen selber und während der letzten vierzig Jahre auch in der Erkenntniß und in dem Gemeingefühl der ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten . Während man in gutem Gespräche so beisammen saß , brachte der Diener dem neuen Besitzer von Richten die Briefe , welche von seinem Geschäftsführer ihm regelmäßig nach dem Gute gesendet wurden . Paul legte sie ruhig zur Seite , da er in diesem Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten vermochte ; nur ein Brief schien ihm durch Form und Siegel aufzufallen , und er eröffnete ihn . Er kam aus dem Kabinette des Kronprinzen . Eine flüchtige Röthe und ein feines Lächeln flogen über das Angesicht des Lesenden . Seba und Davide blickten ihn fragend an . Es ist eine Gnade , die man mir anzuthun denkt , sagte er gelassen . Der König ist , wie es in dem Schreiben heißt , nicht abgeneigt , mich in Anerkennung meiner Verdienste um die heimische Industrie und als jetzigen Besitzer der Güter eines edeln Hauses unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten , wie der Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten hat , in den Adelstand zu erheben . Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann fragend auf den Sprechenden . Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt . Die Sache kommt mir nicht unerwartet , sagte er . Der Staat ist klug genug , sich der Besitzenden so viel als möglich versichern und den finanziellen Schwerpunkt so viel als möglich dem Bürgerthum entziehen zu wollen . Ich hatte es für sehr wahrscheinlich gehalten , daß man mir dieses Anerbieten machen würde . Und Du hast es nicht gehindert ? fragte Steinert , dessen fester , aber eben deßhalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich nicht gleich in die Handlungsweise des Freundes zu finden wußte . Wie sollte ich ablehnen , was man mir noch nicht angeboten hatte ? entgegnete Paul . Aber sei unbesorgt , alter Freund , ich gehöre weder zu denen , die Gnaden zu erbitten , noch zu denen , die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind ! - Er schwieg einen Augenblick , dann sagte er : Der verstorbene Freiherr Renatus hat es auf seine Weise wohlgemeint und er hat als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste nur an sich und seine Ehre , an sich und seinen Stamm und an die Erhaltung seines Namens gedacht , nicht an mich , an meine Ehre und an meinen Stamm . Er konnte es sich von seinem Standpunkte aus nicht denken , daß ich keines andern Namens begehren kann , als dessen , welchen ich selber mir erschaffen habe , und daß derjenige , der mich aus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen , sondern sogar erheben zu können glaubt , mich und meine ganze Vergangenheit beleidigt ; denn er erniedrigt in mir nicht nur mich selbst , sondern alle Diejenigen , welche mit mir bisher als mit Ihresgleichen in achtendem Vertrauen verbunden gewesen sind . Und ich lebe der sichern Hoffnung : von uns Allen , die wir heute hier in meinem Hause beisammen sind , soll keiner je danach verlangen , etwas Anderes zu sein , als ein unbescholtener , unabhängiger Mann , ein nützlicher Bürger seines Vaterlandes ! Darauf laßt uns anstoßen , daß ein starker , freier Bürgersinn auch unter unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und daß er die Freiheit , deren wir nach allen Seiten noch bedürfen , heraufführen helfen möge über unser Volk und über die ganze Welt ! Er hob sein Glas , sie drängten sich Alle um ihn ; seine Brust athmete frei und stolz . Am Abende , da alle seine Gäste unter seinem Dache bereits die Ruhe gesucht hatten , trat er mit Daviden noch einmal aus seinem Zimmer auf die Terrasse hinaus . Er hatte seinen Arm um seines Weibes schlanken Leib gelegt , und in stillem Frieden wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder . Der Mond war inzwischen emporgestiegen , die Nacht war sehr warm , der volle Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte die ganze Luft . Fortgezogen von der Schönheit der Nacht , stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem Flusse zu , über dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene Brücke bauten . Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen . Das Schloß lag vor ihnen , der Mond erhellte es in seiner ganzen Stattlichkeit . Sieh , sagte Paul , hier habe ich gestanden , hier an dieser Stelle , mit meiner armen Mutter an dem Tage , ehe sie sich das Leben nahm . Aber es war ein rauher , kalter Abend , der Nebel stieg von dem Wasser empor , die welken Blätter flogen in der Luft empor . Ich wunderte mich damals über die vielen Schornsteine des Schlosses und über die vielen Fenster , denn ein so großes Gebäude hatte ich nie zuvor gesehen , und weil die untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte , fragte ich die Mutter , wer darin wohne . - Er hielt inne , dann sagte er sehr bewegt : Du kommst nicht hinein , sprach sie zu mir ; hinter den blanken Fenstern , in denen die Sonne sich spiegelt , werden glückliche Kinder wohnen ... ! Er konnte nicht weiter sprechen , trotz seiner Kraft überwältigte ihn diese Erinnerung doch . Davide umschlang ihn , in Verehrung , in Glück und Liebe zu ihm emporsehend . O , mögen sie immer , immer glücklich sein , die geliebten Kinder , denen Du dieses Haus bereitet hast ! rief sie mit hoffendem Wunsche aus . Sie werden es bleiben , sprach Paul , der sich schnell wieder ermannte , wenn Du mir hilfst , sie dahin zu erziehen , daß sie , in sich selbst beruhend , in der Arbeit ihren Beruf , in der Freiheit ihre Ehre , in der ganzen Menschheit ihre Brüder erkennen lernen , und wenn sie maßvoll und ohne Eitelkeit im Glücke , wie der Wappenspruch dieses Hauses lautet , » stark im Ungemache sind « . Laß uns danach trachten , laß uns darauf hoffen und vertrauen ! Fußnoten 1 Ich bin im dritten Kreis des ew ' gen , kalten , gottverfluchten Regens !