Rede gestanden und nur zuletzt eingeräumt , daß ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen Mittheilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer über die Vergangenheit erfüllten . Wie man aber , fügte Louis Armand hinzu , wie man aus Trauer leichtsinnig , aus Schmerz verschwenderisch werden kann , begreif ' ich nicht . Die Freunde hatten Louis um Aufklärung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte ihnen gesagt : Alle guten Vorsätze , die Egon für sein Hauswesen gefaßt , sind plötzlich verschwunden . Jede Mahnung an die Ersparnisse , die er sich auferlegte , wies er ab . Menschen , die ihm verhaßt waren , die er nicht mehr um sich leiden mochte , behielt er . Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte , sagte er scheinbar scherzend , aber doch voll Ernst : Bester Freund , die Rücksicht auf Ahnen ist kein leerer Wahn ! Mein Vater hat Das so geordnet . Ich will es so lassen . Und nun statt irgend etwas von Dem , was er sich vorgenommen , wahrzumachen , erlebt ' ich , daß er den Bankier von Reichmeyer zu sich kommen ließ , sich erst mit ihm über dessen Ansprüche verständigte und sogleich ein neues bedeutendes Anlehen schloß ... Darüber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun , wie Egon plötzlich einige neue glänzende Equipagen zeigte , seinen Stall von Lasally und dem pferdekundigen Levi neu ergänzen ließ , die Zahl seiner Bedienten vermehrte und ihnen allen eine Livree vorschrieb , die er selbst zeichnete . Alles Das in einem Zeitraum von vierzehn Tagen , mitten in der raschen , ihm von Justus , dem Volksmanne , erwirkten Nachwahl , mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes der Stände . Auch die Beziehung zu Pauline von Harder , zu Guido Stromer , zu der Zeitung » Das Jahrhundert « war zur Sprache gekommen . Niemand begriff , wie nun sich Egon jener Frau so eng anschließen konnte . Alle Welt wußte bereits , was sie der Mutter des Fürsten und ihm selbst schon angethan hatte , und dennoch dieses enge Band ! Über Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon gesagt : Lieber Freund - diese traulichen Bezeichnungen dauerten natürlich noch fort - Lieber Freund , du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nähe ! Dieser Stromer ist Pfarrer , Vater , Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in eine Laufbahn , bei der er Würde und Alles daran gibt ! Ich streite ihm die bedeutendsten Gaben nicht ab . Er hat unfehlbar einen reichen , cultivirten Geist und viel Beruf , Dinge , die in der Menschenbrust schlummern , auszusprechen . Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen Beispiele vorgekommen ist , so ist es bei diesem Guido Stromer . Ein Gelehrter , ein Stubenmensch , ohne Weltton , ohne Lebensauffassung , wird plötzlich , wie soll ich ' s nennen , wild ! Es fällt ihm ein , daß er schwärmen könne , und wie schwärmt er ? Die Seinigen läßt er daheim , seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern . Das sind die gefährlichsten Repräsentanten des Geistes , die , alles Charakters baar , nur nach ihren persönlichen Stimmungen sich bald für Dies , bald für Jenes erklären . Weiß er nicht jeder Auffassung eine gefällige Form zu geben ? Erfüllt er nicht die innere Leere seines Charakters dadurch , daß er mit Haut und Haar in jede fremde Natur hineinspringt und aus ihr , sie lobpreisend , hervorkokettirt ? Gib diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln , irgend eine reelle Aufgabe des Lebens durchzuführen , er wird sie verfahren und wenn er sie nicht ehrlos mit Füßen tritt , sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwürdigen ! Unfähig , irgend eine geschlossene Production hervorzubringen , raisonnirt er nur und läßt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen , wie die Facetten eines Diamanten . Dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugänglich . Wer seinen Styl lobt , dem gibt er alle seine Ideen preis . Wer vollends sagt , daß seine stumpfe Nase griechisch , seine geschlitzten Augen kaukasisch , seine Hände ebenso zart und weiß , wie sie roth sind , wären , dem stellt er alle seine Eingebungen , das ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfügung . Er wird roth , wenn man seine Manschetten lobt . Kurz er ist ein Mann , der aus der Concentration eines gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird . Anstößig ist schon die geringe Achtung , in die er sich versetzt durch sein leicht entzündliches Herz und die Narrheit , mit der er sich in jede Frau , die einmal seine jeanpaulisirende Schreibweise lobte , verliebt stellt . Egon hatte damals über diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck gesprochen , die sich Stromer ' s zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne , während er doch glaube , daß dieser wildgewordene Pedant selbst den Fräuleins Wandstabler nachliefe , wenn diese ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel , wenn auch nur von 175 Graden , ansähen . Egon erzählte dann auch , daß er die liebenswürdige Tochter des Justizraths Schlurck zuweilen bei Paulinen träfe und verlangte von Dankmar eine genauere Angabe der eigenthümlichen Beziehungen , in denen er zu diesem bildschönen Wesen gestanden hätte . Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich auf Das , was Egon von der Hohenberger Reise schon wußte . Auf die Frage , die er dafür an Egon richtete , ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und Helene ziehen könne , wollte seinerseits wieder der Prinz nicht antworten . Man scherzte , man lachte , man war über die Maaßen vertraut gegen einander und doch hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrängt , wofür sie keinen Namen anzugeben hatten ... Die vier Gefährten stiegen nun die Stufen hinunter , die in den Rathskeller führten . Wie die in einem Gewichte gehende Thür hinter ihnen zufiel , sahen sie am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Thür huschen . Kommen auch Damen in den Rathskeller ? fragte Dankmar erstaunt und wandte sich zu dem Küfer , der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte Kabinet führte . Es sind wol Fremde ! sagte der Angeredete lachend . Ein Herr mit zwei Damen will dort Champagner trinken . Wohl bekomm ' s Ihnen ! sagte Leidenfrost . Worüber werden wir uns denn einigen ? Sie waren in der grünen , gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die kräftigen neu gebeizten Eichenstühle um einen runden Tisch . Der Major war noch nicht da . Der Kellner aber sagte , daß er des Majors Geschmack kenne - Rüdesheimer . Bringen Sie Rüdesheimer ! antwortete Dankmar , und so viel Beefsteaks , wie Sie fertig haben . Das ist vernünftig , sagte Leidenfrost , denn ich esse deren mindestens zwei . Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben , daß ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann . Sie sind ja so einsylbig , Louis ? fragte Siegbert . Was haben Sie ? Ich war bis jetzt in der Kammer , antwortete Louis Armand . In der Abendsitzung ? Nun , wie war es ? rief man einstimmig . Die Regierung verlangt eine Abänderung der Geschäftsordnung . Das Ministerium will zu jeder Zeit die Erlaubniß haben , vor , während und nach der Debatte seine Meinungen zu äußern ... Empörend ! unterbrach Dankmar . Als wenn das Ministerium die Kammer bei sich zu Gaste hätte und nicht die Kammer das Ministerium ! Aber der Antrag geht nicht durch . Das Ministerium machte die äußersten Anstrengungen . Das glaub ' ich wohl , ergänzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch , der ihm so glatt , so eben schien , daß er vielleicht an seine Schwefelhölzer dachte ; eine Debatte kann da im besten Abschluß sein , die Halben , die Furchtsamen sogar sind vielleicht für die populaire Auffassung gewonnen , man will abstimmen und plötzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien an , sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen , die von ihnen abhängig sind und gegen sie stimmen wollten . Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht , ergänzte Dankmar . Das läßt sich leicht erklären , sagte Leidenfrost . Sie wissen , daß sie unhaltbar sind und ergreifen die erste Gelegenheit , sich aus allen Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen . Es hieß nun : Sprach Egon nichts ? Louis erzählte , daß Justus , der eine Partei in der Kammer zu vertreten scheine , Egon veranlassen wollte , diese Debatte kurz durch einige treffende Worte zu beenden . Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus ' Benehmen , seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt . Befremdet aber hätte es ihn , wie Justus selbst , daß Egon ihm Auseinandersetzungen machte , die nicht mit der Majorität übereinzustimmen schienen . Man behauptete erstaunt , daß sich Louis wol geirrt hätte und war der festen Meinung , Egon hätte nur nicht sprechen wollen , würde aber mit der Majorität stimmen . Louis konnte nichts erwidern , denn er erzählte , in Mitte der heftigsten Debatte wäre er gegangen , da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen wollte . Die Sitzung könnte sich so , wie sie angefangen , bis in die Nacht hinziehen ... Indem trat der Major von Werdeck ein . Er kam in seiner Uniform , die ein Mantel verhüllte , grüßte sehr freundlich , bot Louis Armand , der ihm vorgestellt wurde , leutselig die Hand und fragte , ob er es mit der Wahl dieses kleinen Closetts recht getroffen hätte ? Man fand dies kleine grüne , blendendhelle Kabinet allerliebst und kündigte dem Major an , daß man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte , als man Rüdesheimer bestellte . Wohl , sagte er , die Traube vom Thurm des alten Brömsers gehört in diese Kellerhöhle . Er soll uns die Zunge lösen und die Flammen der Mittheilung schüren . Wissen Sie schon , daß das Ministerium diese Nacht nicht überlebt ? Wir hörten eben , daß es aus einer Frage der Geschäftsordnung eine Kabinetsfrage gemacht hat , sagte Dankmar . Es ist ein Coup der Verzweiflung , meinte Werdeck . Die Herren nehmen den ersten besten Strick von unten und warten nicht erst , bis die seidene Schnur von oben kommt . Hanf oder Seide , es thut hier denselben Dienst . Der Kellner brachte die Beefsteaks . Man setzte sich um den runden Tisch . Louis , voll Spannung und schüchtern , doch bald von Werdeck ' s feinem weltmännischen Tone ermuntert . Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn , bewunderte seine Fertigkeit , sich deutsch auszudrücken , pries die politische Haltung seines Freundes , des Prinzen Egon , der unstreitig der Volkssache große Dienste leisten würde , und dafür sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden . Denn man wisse Alles , was Egon und Louis zusammen erlebt hätten . Louis wagte so viel Zugeständnisse kaum anzunehmen . Er erwiderte , und wenn diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht hätte , als daß die Stände einmal ein wenig durcheinander gerüttelt worden , so wäre Das schon ein Resultat . Siegbert thaute ein wenig auf . Bewegt von dem Vorfalle mit Olga , vorwurfsvoll über sich selbst und ernst gestimmt , hatte er zuweilen empor geblickt und seine Gedanken , wie manche mathematische Denker pflegen , an der Decke gesammelt . Da fiel ihm auf , daß hinter dem Blechschirm , der die Gasflamme umgab , die Wölbung dieses Raumes in dem ihm und dem Bruder so wichtigen Kreuze zusammenlief . Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerksam ... Wohl ! sagte Dankmar , Das weißt du nicht , daß wir hier auf eignem Grund und Boden sind ? Dies kleine Luftloch führt durch die dicke Zwischenmauer in das Rathhausarchiv , in die Aktensammlungen unserer wohllöblichen Gegnerin , der ehrsamen und tugendbelobten Stadt . Wir wollen , wenn wir auf dies Kreuz blicken , denken : in hoc signo vincemus ! In diesem Kreuze werden wir siegen ! wiederholte der unterrichtete Werdeck . Wie ist es denn mit Ihrem Proceß ? Man zündete sich Cigarren an , stellte die Gläser , Leidenfrost füllte sie . Wir erwarten in diesen Tagen die Entscheidung erster Instanz , sagte Dankmar . Daß wir durchfallen weiß ich schon . Nur die Entscheidungsgründe sind mir noch unbekannt . Ich will sie Ihnen sagen , Wildungen , fiel Leidenfrost ein . Man wird Ihnen erwidern : Schickt denn das Beinhaus und die Gruft Uns die Begrabenen zurück ? Sonst , wenn Ein Mann gestorben , war es aus mit ihm : Jetzt steigen sie mit zwanzig Todeswunden An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab Und treiben uns von uns ' ren Stühlen . Das hört ' ich einmal im Theater , sagte Werdeck . Ist Das eine Reminiscenz Ihres Schauspielerlebens , Leidenfrost ? Heute hätten Sie den Propst Gelbsattel so hören können , sagte Leidenfrost ausweichend , ehe Sie kamen , Dankmar . Er saß da , wie Macbeth , als er Banquo ' s Geist an seiner Tafel erblickt und ein andermal wurd ' er wehmüthig . Es war mir , als hört ' ich : Du Geist des alten Ritters Wildungen ! Du kommst in so fragwürdiger Gestalt ! Laß mich in Kummer nicht vergehen ! Nein , sag : Warum dein fromm Gebein , verwahrt im Tode , Die Leinen hat zersprengt ? Warum die Gruft , Worin wir ruhig eingemau ' rt dich sahen , Geöffnet ihre schweren Marmorkiefern , Dich wieder auszuwerfen ? Was bedeutet ' s , Daß , todter Leichnam , du , in vollem Stahl Auf ' s neu des Mondes Dämmerschein besuchst , Die Nacht entstellend ; daß wir Narren der Natur So furchtbarlich uns schütteln mit Gedanken , Die uns ' re Seele nicht erreichen kann ? Bravo ! rief man allgemein . Zum größten Erstaunen Louis Armand ' s , der diese Art deutschen Humors beim grünen Römerglase noch nicht kannte , hatte Leidenfrost wirklich so gesprochen und fast gespielt , als wenn er einen Geist im Mondenlichte vor sich herschreiten gesehen hätte . Dankmar erzählte nun zuvörderst vielerlei von den Schwierigkeiten , von den unglaublichen Chikanen , die seinem Processe in den Weg gelegt wurden . Schlurck führte die Sache des Magistrats mit dem ganzen Aufwande seines berühmten Scharfsinnes . Die Regierung hatte einen nicht minder gewandten Rechtsgelehrten für ihre Ansprüche beauftragt . Dankmar sagte , er hätte Analogieen in dem bekannten Wallenstein ' schen Processe gefunden , der von Menschenalter zu Menschenalter verschleppt wurde und jetzt in Böhmen in vollem Gange und endlicher Entscheidung wäre und die Rückgabe der den Erben Wallenstein ' s ungerechterweise entzogenen Güter zur Folge haben würde . Soll ich Ihnen aufrichtig sagen , mein verehrter Freund , begann Werdeck , was mir an Ihrem schon so berühmt gewordenen Processe nicht in den Sinn will ? Sagen Sie es offen , Herr Major ! antwortete Dankmar . Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Ansprüche . Ich fühle , wie außerordentlich günstig Ihnen der Umstand sein wird , daß die fürstliche Gewalt gleich in den ersten fünfzig Jahren gegen die Besitzergreifung der Johannitergüter durch die Communen protestirte und diesen Proceß nie ganz hat einschlummern lassen , ja selbst Vergleiche und gütliches Abfinden ausschlug . Freilich , sagte mir kürzlich ein Rechtsgelehrter , es früge sich , ob ein Dritter von einer die Verjährung hintertreibenden protestation eines Zweiten Vortheil ziehen könne ... Das ist allerdings die Hauptfrage ! sagte Dankmar . Allein auch hier werd ' ich meinen Mann stehen ... Meinen Mann stehen ! Den Ausdruck hab ' ich nur hören wollen ! sagte Werdeck . Wieso diesen Ausdruck ? sagte Dankmar , und die Andern hörten voll Theilnahme . Sehen Sie , mein Theuerster , sagte Werdeck , es liegt etwas Kühnes , etwas Tapferes in Ihrem Proceß und doch findet er nicht bei Jedem die Sympathie , die Sie wol voraussetzen möchten . Man läßt Ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren ; aber ... kein Mensch wünscht eigentlich , daß Sie Ihren Proceß gewinnen . Siegberten war es , als wenn ihm ein Stein vom Herzen fiel . Er hatte längst dasselbe Gefühl gehabt . Ja , sagte er und reichte Dankmarn bewegt die Hand , ja Bruder , Das ist das Gefühl , was auch mir vom ersten Tage an , wo du in der Freude deiner Entdeckung mir dein Unternehmen ankündigtest , die Lust an ihm benahm . Es schnürte mir die Brust zu , mit dir darüber zu sprechen und ich sollte doch deine Freude theilen . Ich konnte nicht ! Ich sollte deine Hoffnungen unterstützen . Der eigene Muth des Herzens reichte nicht aus dafür . Wir wollen , rief eine Stimme in mir , diese Reichthümer für uns , wir wollen sie zu persönlichem Zwecke . Wir wühlen in Akten und alten Erinnerungen und entziehen allgemeinen Zwecken , sie mögen auch Misbräuche befördert haben , Mittel , die , wenn sie z.B. der Staat gewinnt oder wenn die Stadt sich in der Lage sieht , diese Fonds besser zu verwenden , doch gegebenen und umfassenden Schöpfungen zu Gute kommen . Man wünscht uns in die Augen Glück zu Aussichten , von denen hinter unserem Rücken Niemand will , daß sie sich verwirklichen . Ihr Herr Bruder sagt ' es , bemerkte Werdeck . Und ich versichere Ihnen , es ist fast die allgemeine Stimme . Dankmar schrak fast zusammen . Es liegt etwas Furchtbares in diesem Drucke , der auf unser Gemüth lastet , wenn man so plötzlich über unser innerstes Wollen und eigenstes Schaffen ein Urtheil hört , das sich für das allgemeine der Welt ausgibt . Man hat in der Stille sein Werk gezeitigt , man hat es den nächsten Freunden und Theilnehmenden enthüllt , es gehört nun dem Allgemeinen an . Die Urtheile fließen anfangs spärlich . Sie sind wohlwollend , sie scheinen befriedigt . Da geht es plötzlich wie ein Vorhang auf . Das Werk , das vergessen , unbeachtet geblieben schien , hat Alle im Stillen interessirt und nun bricht ein Lärm , ein Durcheinander von Meinungen , Ansichten , Widerlegungen auf uns ein , daß man erschrocken fast die Besinnung verliert und sich vorkommt wie überfallen von einer heimlichen Verschwörung . In dieser peinlichen Lage war Dankmar , als ihm Max Leidenfrost beisprang , den grünen Römer auf den Tisch schlug , das lange Haar zurückstrich und ausrief : Das unterschreib ' ich nicht ! Wer wird sich denn erstens an die Menschen kehren , was die sagen und die meinen ! Können Unbilden durch die Jahrhunderte jemals gerecht werden ? Wenn wir zugeben , daß Jahre die moralischen Fragen zudecken , beseitigen , entfernen , dann ist ja unser ganzer Kampf um die großen Ideen des Weltalls nichts , und an die elektrische Strömung der Offenbarung , die wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen soll , kann dann schon kein Mensch mehr glauben . Das Erbrecht ist eine der wunderbarsten Strömungen der Zeiten . Wollen wir ' s , weil es mit Unrecht verbunden wäre , abschaffen , so gebt etwas Neues dafür ! Aber etwas Vernünftiges , Cohärirendes ! Cohäsion muß sein . Zusammenhang ist Leben ! Bis jetzt bin ich noch der Meinung , daß man mit der Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menschheit aus ihren sittlichen Fugen bringt . Das sag ' ich trotz meiner Schwefelhölzer , mit denen ich Taktik studire , um unseren Aristokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern , mit einer Armee , die sich finden muß . Man lachte , weil man Leidenfrost ' s strategischen Selbstunterricht kannte . Louis Armand aber meinte , das Erbrecht wäre doch der eigentliche Grund aller Leiden der Menschheit . Ihm verdanke man die Aufhäufungen der Kapitalien , ihm die ungerechte Vertheilung der Lebensgüter , ihm den Fluch , der auf ganzen Generationen läge . Das Erbrecht wäre ein fortlaufender Protest gegen das Glück der Menschheit . Wohlan ! rief Dankmar , sich sammelnd . Da wären wir ja gerade bei unserm Gegenstand . Heute wollten wir uns über den Feldzugsplan jedes aufgeklärten und ehrlichen Mannes in dieser Zeit unterrichten , sogar Verabredungen für irgend eine gemeinschaftliche Unternehmung treffen und nun ist meine eigene und meines Bruders persönliche Angelegenheit förmlich ein Symbol der Frage unseres Jahrhunderts , wie sie einmal ungelöst dasteht . Es ist unwiderleglich ; um das Recht der Person , um die nachwirkende Kraft der Vergangenheit handelt sich Alles . Ist der Staat etwas Allgemeines , das aus dem Wohle jedes Einzelnen und dem Wohle von Familien , Geschlechtern , Gruppen und Sippen oder nur aus lauter sich selbst bestimmenden Individuen zusammengesetzt ist , die nur lose zusammenhängen und sich nicht gegenseitig bedingen ? Wenn mein Proceß unpopulair ist , wie Sie sagen , Herr Major , und wie ich es selber fühle , seitdem Siegbert ' s Takt mich irre macht , so sollte Vieles unpopulair sein , was sich von der Vergangenheit als reines Personeninteresse forterbt ... Die Monarchie und der Adel vor Allem , brach Leidenfrost hervor . Ob der alte Ritter Wildungen seine Erbschaft antrat oder nicht , bleibt sich doch wol gleich , sogut wie Einer zufällig seine Krone verliert und darum ihr Recht nicht aufzugeben braucht . Beweist man Jemanden , daß ein Recht schädlich ist und der Verlust seiner Krone ein Glück für die Völker , gut , so ist sein Personenrecht todtgeschlagen ; aber wer beweist Ihnen , daß Ihre Million , die Sie beanspruchen dürfen , ein Nachtheil für den Gegner ist ? Ich will gerade , daß dies Ihr lebendiges Beispiel den Aristokraten und Monarchen zeige , was sie an sich selber nicht glauben wollen , daß das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings seine Grenzen haben sollte . Ah , sagte Louis , da geben Sie doch schon von dem Erbrechte etwas heraus ! Sie wollen nur eine Consequenz ziehen , nur eine Lektion geben . Nur vernünftig , nur poetisch beschränke man das Erbrecht ! fuhr Leidenfrost fort . Es muß durch Ideen , nicht durch willkürliche Taxen oder Klugheitsregeln beschränkt werden . Wer eine Million erbt , muß dem Staat nachweisen , daß er diesen oder jenen allgemeinen Gebrauch von seinem Vermögen anstellt . Er behält dabei nach dem Willen des Erblassers den Genuß . Ruhm aber ist auch Genuß ; Dankbarkeit , Ehre , Achtung ist auch Genuß . Nur nicht das Erbrecht völlig aufheben ! Das hieße jedes Band der Liebe , Zärtlichkeit , der Hoffnung aus dem Leben nehmen , zu geschweigen , daß uns kein Schneider mehr einen Rock borgen würde , wenn er immer beim Maßnehmen auf unser Gesicht sähe , ob wir nicht etwa den hippokratischen Zug haben und einen Tag nach dem ersten Sonntag , wo wir den neuen Rock tragen , seine Rechnung durch den Tod quittiren . Man sieht aus den Widersprüchen , in denen Ihre Gedanken noch mit sich selbst befangen scheinen , lieber Leidenfrost , sagte Dankmar , wie schwierig diese Fragen sind , und wenn wir geschellt haben , die Trümmer unsrer Beefsteaks beseitigt sehen und eine Ergänzung des Rüdesheimers vor uns steht , so wollen wir uns an unsre heutige Aufgabe machen , umsomehr , als der Willing ' sche Maschinenbauer- und der Handwerkerverein , die tüchtigsten und maßgebendsten Mustervereine im ganzen Staate , uns drängen , ihnen eine Parole zu geben . Louis hatte die Schelle gezogen . Der Kellner kam , räumte ab , ergänzte was fehlte und entfernte sich . Mein Proceß , begann jetzt Dankmar , der Werdeck ' s und der Freunde Interesse an diesen Erörterungen nicht zu schüren brauchte , da sie ihm Alle in dem eifrigsten Streben , sich klar zu werden , entgegen kamen , mein Proceß ist denn nun also ein Bild unsrer Zeit geworden . In Ihrem Sinne , Leidenfrost , zieh ' ich gleichsam die humoristische Consequenz aller Thorheiten unsrer Epoche . Ich sage gleichsam den überlieferten Halb- und Scheinrechten : Da ist ja nun auch ein Recht , das dreihundert Jahre alt ist , wie Eure Gewalt . Ich will es haben und fort mit Denen , die von meinem Rechte Vortheil genossen ! Steht auf ! Ich setze mich mit meinem Bruder dahin , wo Ihr sitzt ! Wir wollen für uns allein , was durch den Lauf der Zeiten allgemeiner wurde ! Der Major Werdeck sagt , daß diese Sprache unpopulair ist und ich stelle mich auf seine Seite . Ich weiß , nicht nur die Schlurck ' s und Gelbsattel ' s sind gegen mich ergrimmt , sondern viel achtbare Menschen und wenn sie einen Titel in den alten Papieren , hier über uns in dem Archive vielleicht , finden könnten , die alle unsre Hoffnungen zu Schanden machten , sie thäten es nicht mehr wie gern . Deshalb hab ' ich mich entschlossen , auch nicht persönlich zu erben . Was heißt Das ? fragte man . Nicht persönlich ? Mein Bruder ist schon davon unterrichtet , er kann es erklären ! sagte Dankmar und füllte rundum die Gläser . Dankmar hat einen kühnen und großen Gedanken , ergänzte Siegbert , dessen Ausführung welthistorisch sein könnte , wenn es noch möglich wäre , daß ein Einzelner etwas Welthistorisches durch seinen einfachen Willen hervorriefe . Einfacher Wille ? berichtete der Bruder . Vergiß nicht , daß ich von mir und dir eine Million in Händen habe . Geld ersetzt den Glorienschein der alten Propheten . Sie machen uns neugierig , sagte Werdeck . Was projektiren Sie denn ? Dankmar weiß , daß ich mich in den Gedanken des Reichthums nicht finden kann . Für unsre gute Mutter ist leidlich gesorgt . Der Bruder und ich , wir Beide werden uns schon im Leben zu behaupten wissen . Aber ... Ihr wollt den Proceß aufgeben ? fragte Leidenfrost . Das nicht , antwortete Siegbert . Nur eine andre Wendung soll er erhalten . Warum sprichst du dich nicht selber darüber aus , Dankmar ? Deine abenteuerliche Chimäre , die Erbschaft nicht für uns , sondern für den Templer- und Johanniterorden , der in alter Weise nicht mehr existirt , zu verwenden , mußt du mit eigenen Worten wahrscheinlich machen . Du verstehst zu überreden . Natürlich erregte die Erwähnung eines Ordens große Spannung . Eh ' ich spreche , sagte Dankmar , thu ' mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen und sage mir erst , was er für die Pflicht des ehrlichen Mannes in diesen schwierigen Tagen hält ! Da werdet Ihr sehen , daß guter Rath theuer ist und meine Vorschläge vielleicht noch das Billigste sind . Indessen lass ' ich Euch die Vorhand . Wißt Ihr Besseres , wohlan , so folg ' ich Eurem Plane . Soll zugeschlagen werden ? Soll nur zugeschaut werden ? Soll die Flamme der Empörung lodern ? Soll das Blut ... Bruder ! rief Siegbert . Was sprichst du ? Sind wir hier sicher ? Diese Wände sind elephantendick , sagte Leidenfrost . Nur der Akustik dieses Kreuzes da oben trau ' ich nicht ... Man blickte hinauf zur Gasflamme . Wie ruhig da die Flamme emporzüngelt ! sagte Dankmar . Oben könnte uns höchstens eine Ratte belauschen und käme sie der Öffnung zu nahe , würde sie sich die Nase verbrennen . Wir haben hier kein andres Ohr als unser eignes . Siegbert , sage du , was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes scheint , aber drücke dich so aus , daß wir den Arbeitern , dem Handwerker , dem Bauer wie dem Dichter und Denker davon eine Anweisung zum Handeln , zum Glauben und Hoffen geben können . Es entspann sich zwischen diesen fünf Männern jetzt eine Erörterung von den eigenthümlichsten Folgen und einem Ernste , der uns zur Pflicht macht , jede ihrer Äußerungen auf das Gewissenhafteste zu berichten . Achtes Capitel Die neuen Templer Siegbert zuerst lehnte jede Gewalttätigkeit ab . Er läugnete nicht , daß ihm der ganze status quo unserer Verfassungen , politisch und gesellschaftlich , misfalle und das Meiste davon überlebt scheine ... Aber , sagte er : Ich kann mir unser Leben nur so denken wie einen Garten , den der Gärtner im März zum Frühling und Sommer vorbereitet . Der Schnee ist geschmolzen , mildere Lüfte wehen aus Westen , wenn auch noch sturmartig , doch nicht mehr schneidend . Schon bricht neben dem Laube , das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist , der kleine grüne Keim des neuen Wachsthums an den Zweigspitzen der Sträucher und Bäume hervor . Der Gärtner schont aber weder das Alte , noch das keimende Neue . Er hat die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt , was ihm überflüssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint . Da liegt der Boden voller Äste und nicht blos voll alter , schon verdorrter , sondern auch manches vorwitzige Frühlingsreis mußte schon mit . Unsere Gartensäge ist die Debatte und das Gesetz . Ich verwerfe jede Gewaltthat . Der Mensch ist immer ein wildes Thier . Er mag nur einmal Blut vergießen , so edel , so großherzig , wie nur je ein Timoleon Tyrannenmörder war , das geleckte , gekostete Blut macht ihn sogleich wild . Es fließt sogleich mehr , als sollte . Ausrotten können wir nur das Todte , d.h. es aus dem Wege schaffen ; ausrotten können wir nur das falsche Wachsthum , d.h. es im Keime ersticken . Ich bin dafür