niedersetzte , trat Valerio bei ihm ein . Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend im Arten ' schen Hause gesehen , als der Jüngling mit seiner Mutter und mit Emilio unter großem Beifalle verschiedene Terzette gesungen hatte . Das war aber über anderthalb Jahr her , Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen , der frühe Bart der Südländer kräuselte sich bereits voll auf seiner Oberlippe , und die bürgerliche Kleidung veränderte ihn noch mehr , so daß Paul ihn mit der Bemerkung empfing , daß er ihn kaum wiedererkenne . Das darf mich nicht wundern , entgegnete der junge Mann , denn ich habe ja nur einmal die Ehre gehabt , Sie im Hause des Herrn Majors von Arten zu sehen ; trotzdem aber habe ich eine Bitte an Sie zu richten . Es fiel Paul auf , daß Valerio von seinem Bruder in so gezwungener Weise redete , und es lag überhaupt etwas ihn Befremdendes in der ganzen Haltung des Jünglings . Er nöthigte ihn also , sich zu setzen und ihm zu sagen , was er wünsche . Ich würde es nicht wagen , Sie mit meinen Angelegenheiten zu behelligen , hob Valerio fest und ohne alle Verlegenheit an , wären Sie nicht ein paar Jahre lang mein Vormund gewesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es einmal zufällig erfahren , daß Sie auch in Ihrer Jugend aus Verhältnissen entflohen sind , die Ihnen unerträglich geworden waren . Ich befinde mich in der gleichen Lage ... Durchaus nicht ! fiel ihm Paul in die Rede , und da Valerio vor diesem Worte inne hielt , sagte Jener : Sie haben eine Mutter am Leben , sind unter dem Schutze eines älteren Bruders in eine gewiesene Laufbahn getreten , in welcher Ihr Name Ihnen von Nutzen ist : das sind Vorzüge , deren ich mich nicht erfreute . Wenn Sie dieselben augenblicklich etwa nicht hoch anschlagen sollten , werden Sie bei der Laufbahn , die Sie erwählten , wahrscheinlich später anders darüber denken ! Erlauben Sie mir , Ihnen eine Bemerkung zu machen , sagte der junge Mann . Ich habe die militärische Laufbahn nicht erwählt , ich bin zu ihr durch meine Mittellosigkeit gezwungen worden . Meine ganze Seele war von meiner frühesten Kindheit an nur auf Ein Ziel , auf die Kunst gestellt . Als Knabe wollte ich Maler werden , weil ich ein Höheres nicht kannte . Und was hinderte Sie daran ? fragte Paul . O , rief Valerio , ich war ja ein Herr von Arten ! Ein Edelmann , ein Herr von Arten kann kein Maler werden ; er kann malen , sagte mir der Major , wenn er Zeit und Lust dazu hat , so viel er mag . Ein Herr von Arten kann nicht von seiner Hände Arbeit leben , kann nicht um Geld für Krethi und Plethi Bilder malen . Ein Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern , von seinen Renten oder in seines Königs Dienst . Ueber Paul ' s Antlitz flog ein leises Lächeln ; es entging der feinen Beobachtung des Jünglings nicht , und durch dasselbe noch ermuthigt , sagte er : Das Testament des Freiherrn Franz , das mich und meine Mutter ganz von dem guten Willen seines Sohnes abhängig macht , hat Sie wahrscheinlich , als Sie es kennen lernten , über Verhältnisse aufgeklärt , die mich , seit ich darüber nachzudenken vermochte , viel beschäftigten , und - er stockte ein wenig , setzte jedoch mit Selbstbeherrschung hinzu : die ich seit gestern verstehen gelernt habe . Vor sechs Jahren indessen , als wir Richten verließen , war ich ein Knabe und hatte zu gehorchen . So wurde ich für den Soldatenstand bestimmt . - Aber , fiel ihm Paul , der die Unterredung nicht über die Gebühr verlängert zu sehen wünschte , in die Rede , Sie sind nicht in Uniform ! Was bedeutet das ? Ich bin aus dem Kadettenhause ausgestoßen , antwortete Valerio , ohne eine Miene zu verziehen , und ich bin überhaupt ein Ausgestoßener ! Ich führe den Namen der Freiherren von Arten jetzt nicht mehr ! Sie führen den Namen Ihres Vaters nicht mehr ? Was wollen Sie damit sagen ? fragte Paul , dem die Festigkeit des Jünglings Wohlgefallen an ihm einzuflößen anfing . Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann hin . Er war von Renatus an Valerio geschrieben . Der Freiherr hielt dem jungen Manne in strengen , trockenen Worten noch einmal den Fehltritt vor , dessen derselbe sich schuldig gemacht hatte , erwähnte des Streites , der gestern zwischen ihnen vorgefallen war , sprach von der Unmöglichkeit , daß er Valerio , wie dieser und seine Mutter es forderten , seine Einwilligung zu einer Künstler-Laufbahn auf der Bühne geben könne , so lange er den Namen eines Herrn von Arten trage , und wies ihn an , reiflich zu überlegen , was er jetzt anzufangen denke , da der Freiherr sich weder in der Lage , noch veranlaßt fände , ihn lange und kostspielige Versuche mit seiner Berufswahl anstellen zu lassen . Paul fragte , weßhalb der Freiherr ihm dies geschrieben und nicht gesagt habe . Valerio entgegnete , er habe des Freiherrn Haus mit Bewilligung seiner Mutter gleich gestern verlassen , um es nicht wieder zu betreten . Und was beabsichtigen Sie jetzt zunächst ? erkundigte sich Paul , der nun einsah , daß die Sache ernster war , als sie ihm zuerst erschienen . Ich will einen Namen nicht mehr führen , sprach Valerio mit einem Selbstgefühle , das seine ohnehin edle Gestalt noch höher adelte , den man mich nur aus Gnade bisher hat tragen lassen . Ich habe dem Major geschrieben , daß ich entschlossen sei , fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir meinen Weg zu suchen , wo er für mich zu finden ist . Mit meiner Stimme , mit meiner musikalischen Begabung und mit meiner Begeisterung für die Kunst kann es mir nicht fehlen , mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere Zukunft zu bereiten , als sie mir im Heere und im Dienste werden könnte . Mein eigenes Bewußtsein und meines bisherigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch sind mir dessen Bürge . Der junge Mann brach ab , als schäme er sich dieses eigenen Lobes . Paul schwieg ebenfalls . Wie jedem auf sein eigenes Leben achtsamen Menschen , war es Paul bisweilen wohl begegnet , daß er in irgend einem bestimmten Augenblicke bei irgend einem ganz plötzlich eintretenden , unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt hatte , als habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewußt , daß und wie dies eben jetzt geschehen müsse ; aber nie zuvor war er von diesem Eindrucke so betroffen worden , wie von dem Gegenbilde , welches Valerio ' s Vorhaben ihm zu seinen eigenen Jugenderlebnissen jetzt vor Augen stellte . Ihm , dem unbezweifelten Erben seines Blutes , dem Sohne seiner Liebe , hatte der Freiherr Franz einst den Namen derer von Arten aus Standesrücksichten versagt , während er mit eben diesem Namen , aus denselben Standesrücksichten den im Ehebruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet gehalten hatte . Und vor Paul , der einst entflohen war , weil sein Vater ihm die Anerkennung und seinen Namen geweigert hatte , stand jetzt eben jener dem Freiherrn untergeschobene und von ihm doch anerkannte Sohn , entschlossen , den Namen Arten von sich abzuwerfen , um in Freiheit der ihm angeborenen Begabung zu entsprechen . Schnell wie diese Gedanken in Tremann sich erzeugten und an einander reihten , entstand durch sie doch eine Unterbrechung in dem Zwiegespräche ; und mit unruhiger Spannung blickte Valerio zu dem älteren Manne hinüber , bis dieser die Frage an ihn richtete , welchen Beistand und welche Hülfe er von ihm begehre . Ich habe davon sprechen hören , daß Sie Mitbesitzer der Schiffe sind , die zwischen Hamburg und England den Personenverkehr besorgen , sagte der Jüngere . Meine Mittel sind beschränkt ... Er hielt inne , und eine heiße Röthe überflog sein schönes Antlitz ; er war des Bittens , er war es noch nicht gewohnt , Hülfe begehren zu müssen . - Ich möchte nach London gehen , den Unterricht des dort lebenden größten Sängers zu genießen . Verschaffen Sie mir eine freie Ueberfahrt , und - in Ihrem Hause lebt die Gräfin Haughton ; sie hat sicherlich Verbindungen in England . Ich möchte , bis ich zur Bühne gehen kann , Unterricht zu ertheilen versuchen , portraitiren . Ich treffe gut ! Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen , und er wartete mit sichtbarer Unruhe auf die Antwort Tremann ' s , als dieser statt derselben die Frage an ihn richtete , ob der Major von Arten von diesen Absichten und von dem Besuche , welchen Valerio ihm jetzt eben mache , unterrichtet sei . Der Jüngling verneinte dies . So erlauben Sie , versetzte Paul , daß ich mich erst mit dem Herrn Major verständige , ehe ich Ihnen sage , ob ich etwas und was ich für Sie thun kann . Valerio erhob sich . Sie weisen mich zurück ! meinte er , und man konnte ihm den gekränkten Stolz und die schmerzliche Enttäuschung in jeder Miene ansehen . Nein , entgegnete ihm Paul , aber Sie sind unmündig . Ich muß erst wissen , wie Ihr Vormund über Ihre Plane denkt . Valerio blieb zögernd stehen ; er schien etwas sagen zu wollen und den Muth dazu nicht zu finden . Endlich stieß er rasch die Worte hervor : Entflohen Sie denn mit Erlaubniß ? Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem schönen , ruhigen Ernste : Nein ; aber ich hatte Niemandem von meinem Vorhaben gesprochen und von Niemandem Hülfe dabei begehrt ! Ich verließ mich auf mich selbst ! Valerio schlug beschämt die Augen nieder . Paul hatte indeß durchaus nicht beabsichtigt , ihn zurückzuscheuchen , und stets zum Begütigen geneigt , fügte er sofort hinzu : Ich war ein Kind , das man zur Verzweiflung getrieben hatte . Ich wußte , ich übersah nicht , was ich that , denn ich kannte vom Leben und von der Welt weit weniger , als Sie , und ich tadle es durchaus nicht , daß Sie Sich an mich wandten , im Gegentheile ! - Er sann einen Augenblick nach , blickte auf einen Kalender , der zur Seite seines Schreibtisches hing , und sagte dann : Kommen Sie morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir , und Ihre Hand darauf , junger Mann , jetzt , da Sie mit mir über Ihre Zukunft Rücksprache genommen haben , treffen Sie keine Entscheidung über Sich , ohne daß ich davon weiß ! Er hielt ihm die Hand hin ; Valerio schlug mit neu belebter Hoffnung herzhaft in die dargebotene Rechte . Dann hieß Paul ihn gehen , und kaum hatte der Jüngling ihn verlassen , so setzte Jener sich nieder , an Renatus zu schreiben . Zwölftes Capitel Der Verkehr und der Zusammenhang zwischen den Familien von Paul und von Renatus , die nach Eleonorens Genesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten , waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in den letzten beiden Jahren auf jene Einladungen zu großen Festlichkeiten beschränkt , mit denen man sich gleichgültigen Herzens und oft widerwillig genug gegen die große Anzahl derjenigen sogenannten guten Freunde abzufinden sucht , die zu sehen oder gar zu sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die man doch nicht durch gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden werden lassen mag . Wenn man einander traf , ergingen Vittoria und Cäcilie sich immer in Erklärungen und Betrachtungen darüber , wie es habe geschehen können , daß man einander so lange nicht gesehen , und Seba ' s und Daviden ' s Arglosigkeit war stets bereit , die Gründe gelten zu lassen , welche von Jenen vorgebracht wurden . Paul aber , der , ohne von Natur zum Mißtrauen geneigt zu sein , die Menschen besser als die Frauen kannte , sah und beurtheilte die Gründe , aus welchen Renatus sich von ihm zurückhielt , in einer anderen Weise . Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau , als dieser selbst , und Renatus wußte , daß Paul ein guter Rechner sei . Es konnte also dem Freiherrn , der sich für verpflichtet erachtete , einen Aufwand zu machen , welcher bei Weitem über seine Mittel ging , in keinem Falle erwünscht sein , einen Beobachter neben sich zu haben , der nach seinen Grundsätzen eine solche Handlungsweise entschieden tadeln mußte , und Paul trug seinerseits auch kein Verlangen danach , näher in die gegenwärtigen Verhältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden . Was er davon gelegentlich und zufällig erfuhr und sah , bestätigte ihm nur die Lehre von der wachsenden Schnelligkeit , mit welcher die einmal ins Gleiten gerathene Lawine dem Abgrunde zurollt . Was geschehen würde , darüber war Paul schon lange nicht mehr im Zweifel ; wann und wie es geschehen würde , ließ sich fast auch mit Sicherheit berechnen . Richten war so verschuldet , daß die Zinszahlungen von einem Vierteljahre zum andern immer schwerer wurden . Steinert schrieb , daß es ein Jammer sei , in welcher Weise der Amtmann , dessen Reich in Kurzem dort zu Ende gehen mußte , auf dem Gute wirthschafte , und wenn Paul in den kaufmännischen Kreisen , in welchen er arbeitete , von den Wechseln auch nichts zu sehen bekam , die in den Händen der Wucherer auf Renatus in Umlauf waren , so erfuhr er doch hier und da , daß der Major von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen für sich machen ließ , und sein Zutrauen zu des Freiherrn Umständen ward dadurch natürlich nicht gehoben . Renatus selber war dabei nicht wohl zu Muthe . Er hätte es anders , er hätte gern geordnete Verhältnisse haben mögen , aber wie konnte er zu diesen je gelangen , ohne sein Leben völlig umzubrechen , ohne dem Grafen Gerhard und dessen Frau das Feld zu räumen , ohne sich ihrem Urtheil und dem Urtheil aller seiner Standesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu überliefern ? Daß Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde , daß sie ihn und die Schwester hasse , und daß Graf Gerhard ihm übel wolle , darüber war Renatus ganz im Klaren . Aber er sagte sich nicht , daß es in solchen Verhältnissen gerathen sei , die Trennung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollständigen zu machen . Er mochte in dem sehr angesehenen und viel besuchten Hause seines Onkels und seiner Schwägerin nicht fehlen ; er meinte , durch seine bloße Anwesenheit in demselben Hildegard ' s feindseligen Aeußerungen eine Schranke setzen zu können , und in der That hörte auch von der Gräfin Berka Niemand ein hartes Wort über den Freiherrn oder über dessen Familie . Sie beklagte ihre Schwester nur , und dazu hatte sie jetzt mehr als jemals Grund . Man wußte es in der Gesellschaft , daß die Vermögenslage des Majors von Arten sehr zerrüttet sei , man sprach über das immer noch fortdauernde bedenkliche Verhältniß zwischen Vittoria und dem Sänger , von Valerio ' s Entfernung aus der Anstalt , von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter beabsichtigten Trennung , und Renatus konnte sich endlich nicht darüber täuschen , daß man um alle diese Dinge wußte , daß Jeder sie nach seiner Weise beurtheilte und besprach . Er befand sich in einer Verfassung , in welcher nichts ihn überraschte und Alles ihm gleichgültig zu werden begann , weil er keinen rechten Ausweg mehr vor sich sah . Das Ende des Jahres stand vor der Thüre , es waren Forderungen aller Art in nächster Zeit zu befriedigen . Er wußte es , daß ihm dies unmöglich sein werde , daß Richten zum Verkaufe kommen mußte , und er konnte sich es nicht vorstellen , wie er leben solle ohne den , wenn auch nur noch anscheinenden Besitz dieses seines Stammgutes . Er wußte eben so wenig , wie er sich und die Seinigen von dem Einkommen erhalten solle , das seine militärische Stellung ihm eintrug und das obenein durch Abzüge aller Art verkürzt zu werden drohte , wenn man es erst erfahren hatte , daß er ruinirt sei . Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger , der auf leckem Boote im offenen Meere treibt , er mußte sich sagen , daß Rettung ihm nur durch ein Wunder werden könne , und wie er auf ein solches auch bisweilen hoffen zu können wünschte , er vermochte es nicht . In dieser Lage fand ihn die Anfrage , welche Tremann wegen Valerio ' s an ihn richtete , und wenn schon Paul durch dieses Ereigniß lebhaft an den Wechsel der Dinge und der Zeiten erinnert worden war , so war die Wirkung auf den Freiherrn noch weit stärker . Er hätte Valerio Vorwürfe darüber machen mögen , daß er sich an einen Dritten , daß er sich an Paul um Hülfe gewendet habe ; aber er ' fühlte sich jetzt dazu nicht mehr berechtigt . Er hatte den Brief noch nicht beantwortet , in welchem Valerio ihm , unter Emilio ' s Anleitung , den Vorschlag gemacht , daß er den Namen von Arten ablegen und unter dem italienischen Namen seines wahren Vaters auf die Bühne gehen wolle , wenn Renatus ihm nur für die nächsten Jahre noch das ihm zustehende , freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen geneigt sei , welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz zu beanspruchen das Recht besaß . Renatus hielt das Schreiben Tremann ' s lange in seiner Hand . Die Wogen , die ihn bedrohten , stiegen immer höher , das Boot , das ihn trug , sank immer tiefer hinab , es war im Grunde ein Glück zu nennen , wenn er es , gleichviel wie erleichtern konnte ; aber es krampfte ihm das Herz in der Brust zusammen , als er sich dies nicht mehr wegzuläugnen vermochte . Er mußte froh sein , wenn er sich Valerio ' s auf gute Art entledigen konnte , er mußte den Handel - der Freiherr brauchte dieses Wort mit einem Gefühle tiefer Selbsterniedrigung - er mußte den Handel mit dem jungen Manne eingehen , obschon er zuverlässig wußte , daß er nicht im Stande sein werde , das Versprechen zu halten , auf welches Valerio sich stützen wollte , und das er ihm zu leisten sich endlich doch von der Noth gedrungen fand . Tremann ' s Vermittlung kam ihm dabei , wie unwillkommen sie ihn im ersten Augenblicke auch bedünkte , endlich als eine sehr erwünschte vor . Er schrieb ihm gleich in der Frühe des nächsten Morgens , daß er ihm für die Mittheilung danke , die er eben jetzt von ihm empfangen habe , und daß er ihn sogar bitte , mit dem jungen Manne , der sich seiner brüderlichen Fürsorge zu entziehen wünsche , in seinem Namen zu verhandeln . Da Valerio eine glänzende musikalische Begabung zeige , keine Neigung für die ihm bestimmte militärische Laufbahn hege , in der er sich ohnehin unmöglich gemacht habe , und da er sich zu keinem andern , seinem Stande angemessenen Lebenswege entschließen wolle , so finde er sich , so schwer ihm dies auch ankomme , doch genöthigt , der Entfernung Valerio ' s und seiner musikalischen Ausbildung - von der Bühne zu sprechen , konnte Renatus auch jetzt noch sich nicht entschließen - Nichts in den Weg zu legen . Daß Valerio den Namen von Arten unter diesen Verhältnissen nicht führen könne , verstehe sich von selbst . Gerade deßhalb sei er selber aber behindert , den Weg des jungen Mannes zu fördern , und er werde sich daher Paul und der Gräfin Eleonore verpflichtet fühlen , wenn sie Valerio die Hand zur Ausführung seines Vorhabens bieten wollten , bei welcher derselbe auf das ihm zustehende Jahrgeld rechnen könne . Dem Briefe war eine Summe als Reisegeld und als vierteljährige Pensionszahlung für Valerio beigefügt , und das ganze Schreiben war in einer Form gehalten , die man unter den obwaltenden Umständen schicklich nennen und gelten lassen konnte . Aber dem Freiherrn zitterte die Hand , mit welcher er die fünf Siegel mit dem Arten ' schen Wappen auf den Geldbrief drückte , und das alte fortis in adversis brannte ihm wie eine schwere Mahnung in die Seele . Er hatte sein Lebensschiff in einer Weise erleichtert , die er vor sich und seinem Gewissen nicht verantworten konnte , und er hatte dazu noch das Bewußtsein , sich auch damit keine wirkliche Rettung bereitet zu haben . Es litt ihn nicht in seinem Hause ; er mochte auch keinen der Seinigen sehen . Trotz des übeln Wetters machte er einen langen Spaziergang in den Park . Er hatte ein Bedürfniß , allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen . Als er am Mittage wiederkehrte , war Vittoria abwesend . Cäcilie sagte , die Mutter habe den Wagen anspannen lassen , um Valerio seinen Koffer hinzubringen , und auch um sich in der Stadt nach einer Wohnung für sich umzusehen . Der Wagen kam ohne Vittoria zurück ; sie hatte sich bei einer Freundin absetzen lassen , bei der sie speisen wollte . Der Freiherr und seine Frau nahmen ihre Mahlzeit einsam ein ; man war überzeugt , daß Vittoria mit ihrem Freunde und ihrem Sohne bei der Freundin zusammentreffe . Renatus äußerte sich heftig darüber ; Cäcilie , die seine Gereiztheit und seine Verdüsterung gewahrte , versuchte eben für diesen Tag und diesen Fall Vittoria zu entschuldigen . Am Abende war ausnahmsweise einmal eine geladene Gesellschaft bei der Gräfin Berka . Cäcilie und Renatus hätten sich gern von dem Besuche derselben befreit . Weil sie aber die Sicherheit in ihren Verhältnissen verloren hatten , wollten sie durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen , sondern auf dieselben , wenn sie etwa gethan werden sollten , lieber durch persönliche Zurechtlegungen antworten , und etwas später , als die Einladung es bestimmte , langten sie in dem Berka ' schen Hause an . Die Gesellschaft war bereits versammelt , und täuschte die Verstimmung und Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte wirklich eine augenblickliche Pause in der Unterhaltung , genug , sie glaubten Beide zu bemerken , daß man bei ihrem Eintreten schwieg und daß man sie mit einer Art von Neugier betrachtete . Das raubte Cäcilien die Fassung , welche sie ohnehin den Tag hindurch nur mühsam in sich aufrecht erhalten hatte , und sich an die Schwester wendend , machte sie eine überflüssige und eben darum nicht geschickte Entschuldigung für ihr verspätetes Erscheinen . Hildegard , die gerade von den ausgezeichnetsten Personen ihres Kreises umgeben war , hielt Cäcilie mit der ganzen vornehmen Anmuth , die sie sehr wohl zu entwickeln verstand , die Hand entgegen und sagte freundlich : Wie magst Du darüber nur ein Wort verlieren ! Ich versichere Dich , ich habe den ganzen Tag an Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen , weil ich glaubte , Du würdest Dich nicht aufgelegt fühlen , auszugehen . Indeß es ist gut , daß Ihr Euch überwunden habt , es zerstreut Euch doch . Sei herzlich willkommen ! Sie küßte die Schwester dabei , was sie sonst in der Gesellschaft nie gethan hatte ; aber es überlief Cäcilie kalt bei ihren Worten , und sie wendete sich ängstlich um , zu sehen , ob Renatus Hildegard ' s Aeußerung nur nicht vernommen habe . Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fest , und Cäcilie konnte nicht gleich zu ihm kommen , denn Hildegard hatte den Arm der Schwester in den ihrigen gelegt und führte sie mit sich herum . Es war von ihr offenbar auf eine besondere Schaustellung abgesehen ; sie wollte darthun , daß sie ihre Schwester aufrecht zu erhalten und in Schutz zu nehmen denke . Aber weßhalb das ? Was bedeutet das ? fragte diese sich mit wachsender Beklemmung . Renatus seinerseits verstand eben so wenig , was die Gräfin Berka mit ihrer auffallenden Zärtlichkeit für Cäcilie , mit ihrer besonderen Zuvorkommenheit für ihn selbst beabsichtige , die ihm den ganzen Abend drückend blieb . Er fühlte sich so niedergeschlagen , so gepeinigt , so beunruhigt , daß er es bereute , gegen seine Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesellschaft gegangen zu sein . Er hatte keine Ruhe zu irgend einer Unterhaltung ; er ging , gegen seine sonstige Gewohnheit , von einer Gruppe zur andern , er hätte sich gern heiter , sorglos zeigen , sich und Andere täuschen mögen , und doch wußte er , daß in wenig Tagen oder Wochen seine Lage vor Aller Augen offen sein würde , daß der Concurs über ihn hereinbrechen müsse , dem durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu erheben für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war . Ein Schmerz , der sich bis zur Verzweiflung an sich selber steigerte , fraß an seinem Herzen , und mit ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein Alp das Bewußtsein über ihn : daß sein Unglück größer sei , als er selbst und seine Kraft . Zwischen dem kleinen Empfangszimmer und dem großen Saale befand sich ein Cabinet , das von beiden Seiten mit schweren Thürvorhängen versehen war . In der runden Vertiefung am oberen Ende stand ein Sopha . Es war , wenn man aus dem Saale kam , nicht sichtbar , und als Renatus vorhin durch das Cabinet gegangen war , hatte er es leer gefunden , da die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war . Sich einen Augenblick Ruhe zu verschaffen , trat er hinein und setzte sich in die Sopha-Ecke nieder . Aber kaum hatte er den Platz eingenommen , als sich zwei Männer plaudernd in die Brüstung der Thüre stellten , deren Stimmen Renatus sofort erkannte . Der ältere von ihnen , Graf Aurel , war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard , einer der bekanntesten Lebemänner der Stadt , der andere ein Gesandtschafts-Sekretär , dem Berka ' schen Hause eng befreundet . Sie sprachen in gleichgültiger Weise über die Verhältnisse der anwesenden Personen . Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen , wie Renatus aus den einzelnen , zu ihm dringenden Worten hatte entnehmen können , als er plötzlich seinen Namen zu hören glaubte . Er hätte diese Maßregel , wie die Gräfin richtig bemerkte , nur früher treffen müssen , sagte scherzend der Gesandtschafts-Sekretär . Was wollen Sie ? entgegnete der Graf ; die Baronin Vittoria soll ein bedeutendes Legat von dem verstorbenen Freiherrn in Händen haben , und der Major ist ruinirt ! Da hat er wohl ein Auge zugedrückt , und - der Graf lachte - die Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin ; er wird das Terzett , denn ein solches soll es in der That gewesen sein , nicht haben stören wollen . In diesem Augenblicke , noch ehe der in allen Nerven erbebende , unfreiwillige Hörer sich von seinem Sitze zu erheben vermochte , wurden die beiden Sprechenden in ihrer halblaut geführten Unterhaltung durch die herantretende Hausfrau unterbrochen , welche den Gesandtschafts-Sekretär aufforderte , irgend eine Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes , die er ihr bei seiner Ankunft mitgetheilt hatte , einem Kreise neugieriger Gäste bekräftigend zu wiederholen . Der junge Diplomat folgte der Gräfin Berka in den Saal , und Graf Aurel , der bei Hildegard ' s Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schritte zurückzuziehen wünschte , trat für einen Augenblick in das oben erwähnte Seitengemach . Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von erprobtem Muthe , aber er konnte sich einer Aeußerung des Erschreckens nicht erwehren , als er sich plötzlich und unerwartet dem Freiherrn von Arten gegenüber sah , dessen von der Blässe des Todes überzogenes , von Leidenschaft entstelltes Antlitz ihm versteinernd entgegenstarrte . Als ein Mann von Welt übersah er sofort die nothwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles , der den Freiherrn zum Hörer jener beleidigenden Worte gemacht hatte ; allein der Umstand , daß der Marquis sich bereits entfernt und daß jetzt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst zugegen war , ließ den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit irgend einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des Aeußersten denken . In Erwägung der fürchterlichen Lage , in welcher der Freiherr sich befand , schien es dem Grafen , dem ohnehin ein solches Begegnen mit den nächsten Anverwandten des ihm eng befreundeten Hauses höchst unwillkommen sein mußte , sogar von der Ehre als eine Pflicht geboten , selbst einen Schritt über das gewöhnliche Maß hinaus zu thun , und schon begann er an den noch immer ihm schweigend Gegenüberstehenden in diesem Sinne das Wort zu richten , als der Freiherr mit einer nicht mißzudeutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt . Die Lehne des Sessels , die Renatus ' Rechte umkrampft hielt , brach unter dem Drucke , als er mit hohler , vor innerem Grimme bebender Stimme die Worte hervorstieß : Sagen Sie Ihrem Partner , das Duett , das ich so eben von Ihnen Beiden vortragen hörte , sei eben so falsch , als der , der es anstimmte , ehrlos ist ! - und seiner selbst nicht mehr mächtig , den abgezogenen Handschuh dem Grafen in das Gesicht schleudernd , verließ er hoch aufgerichtet das Gemach . Ein Gefühl wilder Befriedigung war über ihn gekommen . Er hatte jetzt endlich einen Gegenstand gefunden , gegen den er die Empfindungen richten konnte , welche kurz zuvor in seinem Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren . Er fühlte sich befreit von dem Alpdrucke , der auf ihm gelastet hatte . Sein Schicksal selbst , jenes Schicksal , das über seinem Hause noch immer gewacht und die Glieder dieses Hauses vor offenbarer Schmach und Schande noch stets bewahrt , es hatte ihm den