Plan , Bickerten weiter zu entführen , von ihm zu beschleunigen war ... Um nach Witoborn zu kommen , nahm er den Feldweg und über die Kirchhöfe hinweg ... Auf das vergoldete Holz und Gestein , auf die welken Kränze , hier und da auf die grünen Hängetannen blickend , sagte er sich : Der Abend deines Lebens ist längst da und wie kommst du noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen Dingen ! Längst dem Leben entrückt , kannst du vom Abenteuer nicht lassen ! Sonst , unter dem milden Pater Henricus ganz nur den stillen Werken des Klosters hingegeben , regt dich jetzt dieser schroffe und gewaltthätige Pater Maurus auf , läßt dich umirren wie einen verstörten Geist , treibt dich an die Bahre deines bösesten Feindes , des Kronsyndikus , nun gehst du schon mit Nachtunholden , die der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht ! Vielleicht fliehst du wirklich noch mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der weltlichen Obrigkeit und flüchtest dich in die den Franciscanern erlaubte Alcantariner Regel , die ein Heiliger stiftete , der vierzig Jahre lang nur knieend schlief , der in die Speisen , wenn sie ihm zu gut dünkten , Asche warf , der der Zeitgenosse Karl ' s V. im Kloster St.-Just , der heiligen Therese und - des Don Quixote war ! ... Sonst stand Hubertus bei jedem Kinde , das ihm begegnete , still und konnte mit ihm plaudern , heute hafteten seine Gedanken nur an dem Namen Lucinde , Picard , Terschka - Von diesem letztern glitt noch alle Annäherung ab , wie Stahl vom spiegelglatten Eise ... So verloren in seinen Gedanken war er , daß er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte , der beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhöfen auf die Wallanlagen von Witoborn ihm in einem Einspänner , auf Schloß Westerhof zu vorüberjagend freundlichst nickte ... Der kleine Mann in einem blauen , am Kragen mit Pudelpelz besetzten Mantel , aus dem die weißesten Vatermörder wie Bram- und Reffsegel lugten , war Löb Seligmann , der vielgeschäftige Gütermakler , der neulich neben dem hochgemuthen Küfer gestanden hatte , als dieser sein Todtengericht hielt ... Hubertus wandte sich links den Mühlen zu , die von dem Witobachgrund herüber schon mit Donnerton hörbar wurden ... Es that ihm wohl , diese wilde Musik zu hören , die vorzugsweise durch die mittlere Mühle , ein gewaltiges an einem alten Thurm gelegenes Werk , hervorgebracht wurde ; unmittelbar war noch ein weitrauschendes Wehr benachbart , das gestellt und dann in andere Abzüge gelenkt werden konnte ; selbst im Winter fror hier nicht die Witobach ... Aus diesem Thurm heraus kam in weißen , gleichfalls vom Brande Spuren tragenden Müllerkleidern Hedemann ... Beide begrüßten sich , ohne sich vor dem Lärm des Wassers und der Mühle verständigen zu können ... Hedemann sprach vom Landrath , vom Brande ; aber Hubertus mußte den Kopf schütteln . Mindestens dreißig Schritte weit hatten beide über schmale und glatteisende Stege hinwegzuschreiten , um eine Stelle zu gewinnen , wo sie sich verständlich machen konnten ... Der Landrath war noch in dieser Nacht gestorben ... ... Sein Diener kam vom Schloß , erzählte Hedemann , und holte ihn ab ... Dann wurde es immer schlimmer und schlimmer mit ihm ... In seiner Erschöpfung blieb er und so hat er denn die ewige Ruhe ... Was an der Ehre nagt , geht langsam , aber es trifft ... konnte Hubertus hinzufügen nach den Verhältnissen , die er kannte ... Für Bickert und Lucinden schien ihm diese Wendung besorglich ... Wie leicht konnte nun der junge Enckefuß selbst erscheinen ... Vom Brand erzählte Hedemann mancherlei , was zwar schon Hubertus wußte , sich aber doch berichten ließ , - um alles noch nach anderer Auffassung zu hören ... Die Volksmeinung wollte sich noch immer für den in der Kapelle zurückgebliebenen Kohlentopf entscheiden ... Im Laboratorium war nichts versehrt ... Gerade dorthin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schränke , die verbrannt sein sollten ... Die Glocken läuteten von allen Seiten ... Die kirchen- und altarreiche Stadt wurde zu den vielen stillen Messen gerufen , die täglich vor der einen täglichen großen gelesen werden ... Ins Münster mußte man niederwärts steigen ... In eine alte Vorkapelle führten erst mehrere Stufen ... Hier standen Grabmäler und Standbilder aus ältester Zeit ... Dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich war alles ; dem Innern des Münsters selbst fehlte nicht das Licht ... Die Fenster waren nicht bunt ... Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig ... Nur der Hochaltar , der fast schon in der Mitte der Kirche begann , trug Embleme Jahrhunderte alter Auszeichnungen ... Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen ... Hubertus wandelte , an jeder dieser Kapellen sich verneigend , auf dem steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betstühlen nach einer Knieenden in schwarzen Kleidern , die er unfehlbar anzutreffen erwarten durfte ... Von den Vorgängen auf dem Schlosse des Grafen Münnich konnte er nichts wissen ... Eine der Bänke zum Knieen nach der andern musterte er ... Mit dem Schein eines bloß äußern Interesses durfte er nach seinem Stande nicht in dem heiligen Bau umherwandeln ... Seinen Rundgang mußte er durch ein Niederknieen da und ein längeres Beten dort an den Kapellen erklärbar finden lassen ... Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht ... Wir sehen nur , daß er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zurückbleibt ... Wer ihn beobachtete , konnte annehmen , daß er durch die ganze Kirche , wie dergleichen oft geschieht , in dieser Form einen Rosenkranz abbetete ... Lucinden entdeckte er nicht ... Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der » Wandlung « vorüber , schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem : Ite , missa est ! angekommen sein ... Da fiel neben der letzten Kapelle und schon dicht wieder am Eingang sein Blick durchs Fenster auf einen eben vorrollenden Wagen , dessen Kutscher eine Livree trug , die ihm als die gräflich Münnich ' sche bekannt war ... Sollte er dort vielleicht eine Erkundigung einziehen ? ... Wie er im Begriff war , die Kirche zu verlassen und der düstern Vorkapelle sich zuzuwenden , begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt , einen schwarzen Mantel von schwerem Pelz übergeworfen - wofür hatte die gute Wally Kattendyk nicht alles gesorgt ! - den Sammethut zierte eine niederwärts gehende geschwungene Reiherfeder ... Das waren ja die Formen , die er suchte ... Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Vorüberschreitenden bestätigte seine Voraussetzung ... Wohl konnte Lucinde auf den ersten Blick sehen , daß die Messen bald vorüber waren ... Aber auch stille Gebete genügten für ein längeres Verweilen in der Kirche ... Sie mußte es sein ... Hubertus , der sich an den mächtigen Pfeilern des mittlern Schiffs hin nachschlich , bemerkte , wie sie die entlegenste Gegend der Kirche suchte , einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern , wo ein alter Taufstein stand ... Alles war in diesem kleinen Viereck dunkel und still ... Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier ... Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden ... Das Schreckliche ist geschehen ! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden Lippen vor sich hin ... Hubertus rückte näher ... Was wird kommen ? fuhr sie mit angsterfüllter Stimme fort ... Hubertus , der sich in diese wunderliche Form der Zwiesprache nicht sofort finden konnte , erzählte das in dieser Nacht von ihm Erlebte ... Oft mußte er dabei in seinem Bericht innehalten , denn bald ging ein Meßner vorüber , bald ein Geistlicher , bald ein Singknabe , der von hier zum Orgelchor stieg ... Die Vorübergehenden mußten denken : Zwei Seelen das , die sich heute dem heiligen Ansgarius gewidmet haben ! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof von Bremen stand über ihnen ... Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus ' schen Mittheilung ... Lucinde sagte : Geben Sie doch in diesem Fall jede Rücksicht auf die Gesetze preis ! Was ist denn überhaupt Strafe ? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern ? Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe , daß diese Brandstiftung aus dem Gehirn eines gewiß einst seiner Strafe nicht entgehenden Bösewichts entsprang , aber ehrliche Leute in Verdruß bringen kann , so glauben Sie mir ' s ! Entfernen Sie diesen Menschen auf ewige Zeiten aus dieser Gegend , ja aus unserm Welttheil ! Welche Macht Sie auch über ihn gewinnen , Sie finden einen mit abergläubischer Schwäche gepaarten verstockten bösen Sinn , den Sie zu heilen und zur Besserung zu führen nur die kostbare Zeit verlieren ! Seine That mag Gott richten ! Theilweise hat er sie ja schon selbst gebüßt durch seine Beschädigung und gesühnt sogar durch Aufopferung ! ... Hubertus hörte in dieser Rede alles wieder , was er von Klingsohr über Lucindens wilde Natur wußte ... Noch machte er gegen die mächtig bestürmende Kraft ihrer Worte die Einrede : Aber der Schurke legte Feuer an ! Was war seine Absicht ? Welchen Gewinn konnte er daraus ziehen ? Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstände am Stehlen ? flüsterte Lucinde . Untersuchten Sie , wo er etwas geborgen hat , was er sich aneignete ? Mit diesen Forschungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich schwöre Ihnen , Sie erhalten einst die Aufklärung - ich würde sie Ihnen schon jetzt geben , wenn - Sie ein Priester wären ! Der Laienbruder mußte in diesem Augenblick ein Gebet murmeln . Denn die rings stehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an ... Schon befürchtete er , daß eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz nehmen würde ... Wie war sie zu verscheuchen ? Er sah sie mit seinem Todtenkopfantlitz aus der Kapuze , die er über sich gezogen hatte , an ; da erschrak sie , daß sie zurückfuhr und sich entfernte ... Es war Frau von Sicking selbst gewesen ... Sie hatte Lucindens Anwesenheit draußen vom Kutscher erfahren , der das Fräulein in erster Morgenfrühe zu ihr zurückbringen sollte ... Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder ... Anreden durfte sie die Betende nicht ... Der schreckhafte Mönch vertrieb sie in der That zu einem Altar , der den Schmerzen Mariä gewidmet war ... Sie liebte Gottes Wort in einnehmenderer Erscheinung ... Lucinde hatte ein scharfes Auge ... Sie erkannte Frau von Sicking nur etwas von der Seite aufblickend ... Mit bebender Stimme sprach sie zum heiligen Ansgarius : Ich lasse Sie nicht , wenn Sie mir nicht versprechen , die Gefahr noch heute zu entfernen ! Diesen Menschen vor allem , so weit Sie können ! Unbekümmert um seine ruchlose That sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewähren ! Ist Ihnen dieser Mensch noch vor kurzem von Werth gewesen , warum wollen Sie ihn jetzt aufgeben ? Hubertus murmelte ein Gebet , denn Lucinde mäßigte sich nicht ... Warum antworten Sie nicht ? unterbrach sie ihn . Sie wissen doch wol , was weltliche Gerechtigkeit ist ! Sie , der Sie Ihre Liebe geopfert bekamen , ohne den lachenden Triumph der Mörder gestraft zu sehen ! Erst die göttliche Gerechtigkeit strafte die Buschbeck ... Waren Sie nicht der gottberufene Richter des Paters Fulgentius ? ... Den Kronsyndikus strafte Gott dadurch , daß er den gefürchtetsten Tyrannen zum Kinderspott machte ... Hat Klingsohr eine Schuld auf sich , so sehen Sie ja sein tägliches Elend ... aus dem ich übrigens Sie und ihn befreien will ... Hubertus betete ... Diese Seele riß zu ungestümen Thaten hin ... Sie können Frost und Hitze ertragen ... Sie werden dem Pater Sebastus zur Seite stehen müssen , wenn er nach Rom - ohne - Schuhe gehen will ... Kennen Sie - auf dem Schlosse - Wenzel von Terschka ? ... fragte der Mönch , dieses Mädchens entschlossene Rücksichtslosigkeit zu allem für fähig haltend und zunächst in der That nur um ihrem Drängen auszuweichen ... Unwillig über die unerwartete Querfrage , schwieg sie ... Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes , den ich nannte ? wiederholte Hubertus ... Was soll das ? ... Das ist ein Cavalier aus Wien ... ein Böhme ... War der Mann nie in Rom ? Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf ... Sie kommen nicht selbst auf Westerhof ? ... Doch ! ... Ich denke ... warum ? antwortete sie endlich ... Hubertus überlegte , ob er nicht Lucinden zur Vertrauten des Interesses machen sollte , das er , wie an Bickert , so auch an Wenzel von Terschka nahm ... Frau von Sicking ' s Andacht mußte eben gestört worden sein ... Sie erhob sich und blickte auf die noch immer Betende , deren Geflüster ihr nachgerade auffallen konnte ... Als sie näher kam , hatte wieder Hubertus kein anderes Mittel , sie zu entfernen , als seinen Blick ... Frau von Sicking ging an einen andern Altar ... Ich beschwöre Sie , betete Lucinde , verlieren Sie keinen Augenblick ! Jeder Moment des Zögerns ist verderblich - Wollen Sie mir nur eines versprechen ? - mußte Hubertus , und jetzt fast , der äußern Umgebungen wegen , nothgedrungen , sagen ... Sie haben mächtige Verbündete , große Beschützer ... Wollen Sie für uns sorgen , wenn wir in den Orden der Alcantariner treten und unbeschuht nach Rom entfliehen ? Lucindens eigene Wege deuteten schon lange nach Rom ... Sie kämpfte einen Augenblick , sagte dann aber doch - so mächtig fühlte sie sich in ihrer Anlehnung an Nück : - Ich verspreche es Ihnen ! Nun erklärte sich Hubertus bereit , daß er sofort einen Wagen suchen wolle , mit dem er Jean Picard nordwärts den Bergen zu fahren könne ... Aufklärungen über die Absicht des Verbrechers würde er nicht früher begehren , als bis er in Sicherheit wäre ... Durch den Preis , den er in Aussicht stellen würde , nach und nach die Erbschaft zu gewinnen , hoffe er , sprach er , ein Mittel in der Hand zu haben , ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu führen ... Das Geld befinde sich noch auf dem Gericht in Witoborn und könne ihm vielleicht am besten durch einen Advocaten zukommen ... Hubertus nannte den auch hierorts allbekannten Nück ... Nein , nein ! lehnte diesen Namen Lucinde ab ... Hubertus hatte kein Arg und erklärte , sich auch sonst wol helfen zu können ... Damit erhob er sich und ließ die Beterin allein , die es auch ihm wie so vielen - » angethan « hatte ... Allmählich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult , vor dem sie kniete , schlug erschöpft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angsttropfen befeuchtete Stirn ... Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen ... Frau von Sicking riß sich aus ihrer Anbetung los und schloß sich Lucinden an , die wie aus einem Traum erwacht sie begrüßte ... Beim Austreten aus dem Münster erzählte sie , daß sie bei Gewittern und Feuersbrünsten in einen Zustand gerathe , der sie zwänge , sich in den dunkelsten Winkel zu flüchten ... Sie wäre in dem gestrigen Tumult aufgesprungen , hätte sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen , auf alles Rufen und Klopfen keine Antwort geben können , bis erst im Schlosse alles still geworden und der Feuerschein nachgelassen hätte ... Dann hätte sie ihren Versteck verlassen . Die Gräfin Münnich hätte sie gezwungen , die Nacht auf dem Schloß zu bleiben ; doch schon in aller Frühe wäre sie wieder aufgebrochen ... Sie hätte das Gelübde gethan , sämmtlichen Altären des Münsters nach der Reihe ihre Verehrung zu bezeugen ... Darum auch wäre sie zuerst in den Münster gegangen ... An alledem war nichts Unwahres , aber Frau von Sicking hatte gestern doch schon manches über Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger Zurückhaltung . Ihre Erzählung der Vorfallenheiten auf Schloß Westerhof , während beide im eigenen Wagen auf ihre Besitzung zurückfuhren , hatte die geheime Absicht , den frühern Beziehungen Lucindens zu Gräfin Paula näher zu kommen ... Lucinde merkte dies allmählich , merkte auch die der Gräfin Paula nicht eben günstige Gesinnung der Frau von Sicking , die mit großer Schärfe urtheilen konnte ... Als sie Lucinden zur Chocolade festhielt , immer wieder von Paula und den zweideutigen und höchst » incorrecten « Visionen derselben begann , fiel ihr eine seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung , auf die Teppiche , über die sie hinschritten , auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gothischen schwarzen Möbeln , bilderbeladenen Wänden , auf die mit rothem Sammet überzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen Bonaventura ! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn ? Fährt sie deshalb so oft zu Müllenhoff ? ... Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloß Westerhof zur Condolenz und forderte ihren Besuch auf , sie dorthin zu begleiten ... Die eben auf einem silbernen Plateau überreichte neueste Post für Frau von Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu verbergen ... Bei alledem aber , durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des Laienbruders , durch - auch ihre Zähmung des » Bruder Abtödters « doch ermuthigt und auf ein günstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend , warf sie schon voll Uebermuth auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin , wie - die Schöne , die vom Ball kommt , ihren Fächer , hinter dem sie eine Eroberung machte ... Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit Cherubimköpfen umrahmte Spiegel ... Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen , als daß sie schon heute diese Scene wagen sollte . 19. Auch diesen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorüberfahren ein Gruß gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wägelchen jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ... Löb Seligmann grüßte in der allerglückseligsten Laune ... Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend , die er im Lauf dieses Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr verließ , beim Rasiren seines Barts , beim Kämmen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewöhnliche Anzahl von grauen Löckchen bemerkt ; doch kamen sie nur als ein zufälliger Tribut an seine Jahre , nicht als Folge von Kummer und Sorge ... In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrängnissen erfüllten Sphäre , die wir schildern , war er die zufriedenste , frohste , vielleicht die einzige » gesunde Natur « , wenn nicht am Körper doch an der Seele ... Das Vertrauen , das ihm zuerst Terschka schenkte , das sich dann dem ganzen Adel der Gegend mittheilte , gab ihm einen Schwung , der nur von jener ihm manchmal eigenen Rührung über sich selbst gemildert wurde ... Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmuth wie sonst beim Hinblick auf Kocher am Fall , auf den Korb der Hasen-Jette , auf die schwachen Beine David ' s , auf die Blüte des Ghetto , Veilchen , die unter der Geldgier seines so unpoetischen und ihm unähnlichen Bruders Nathan schmachtete , kamen ihm jetzt seltener . Nur der hierortige Mangel an Opernmusik , die sonst seiner Seele ein so nothwendiges Labsal war , war eine Lücke in seinem Dasein . Von der classischen Anmuth der Arie : » Ha , das Gold ist nur Chimäre ! « war er musikalisch tief überzeugt - die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwärtigen glänzenden Einnahmen weniger - aber er mußte sie sich allein trällern . Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume , der Ertragsfähigkeit der Güter , der einschmeichelnden Ueberredungskünste bald beim Bauer , bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim . Er ließ ihn nach Witoborn kommen und » schlachtete « , wie der Kunstausdruck lautet , bereits im voraus die Güter des Grafen Hugo ein , noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war . In Terschka hafteten aus den Lebenssphären seiner frühesten Kindheit andere Eindrücke vom Judenthum , als er sie durch Löb Seligmann empfing . Heyum Picard und - Löb Seligmann ! ... Letzterer mit den rührendsten Gleichnissen und Sprüchen aus dem Talmud , die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten - ! Löb citirte sie zuweilen mit einer gewissen jungfräulichen Verschämtheit ... » Wir haben ein Sprichwort , Herr Baron - ! « Das die stehende und mit Erröthen gesprochene Phrase , mit der Löb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte - wie einen Traum aus der Menschheit kindlichsten Tagen ... Eine wunderbare Kunst besaß Seligmann , alle Verhältnisse , in die das Leben ihm einen Einblick gestattete , - bis auf den Grund auszukosten . Selbst einen so entschieden negativen Umstand , wie den , daß Armgart von Hülleshoven damals , als er sich die Rettung der kleinen Pensionärinnen von Lindenwerth vor Wassersfluten so angelegen sein ließ , unter den zur Villa Dahinwatenden nicht anwesend war , benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntschaft , ja zu dem seelenvollsten Genuß , Nachgenuß der Thatsache : Also , Fräulein , Sie waren damals nicht dabei ! ... Dabei sein Auge ! ... In seinem Gemüth blieb ' s eine Nachbetrachtung mit den schmelzendsten Accorden ... Angelika Müller , die kannte er aus der Dechanei und die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Püttmeyern - und Grützmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah er sich dessen ehemalige Wohnung und Stall an und knüpfte die Bekanntschaften seiner Nachfolger an und - Also das ist ein Vetter von Ihnen ? und ein einziges seelenvoll so durchempfundenes Verhältniß , erleichterte es auch sein Geschäft , das eben im Couragemachen zu Veränderungen und Expropriationen gemüthlich werthgewordenen Eigenthums bestand , so war es das doch nicht allein , was er dabei suchte ... Benno von Asselyn , mit dem er hier oft zu thun hatte , Benno , der ihn für seine Güterschlachterei als Student aus dem Roland » geschmissen « hatte , Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefühl , von einer Seelenerquickung , als sänge , da er ihn zum ersten male hier sah , sein ganzes Sein : » Ich komme aus der Normandie ! « ... Ebenso elegisch betrachtete er Thiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann ; auch » unbekannterweise « , aber um seines Sohnes willen , den Landrath von Enckefuß , an dem ihn seine Geldverlegenheit um so mehr rührte , als er , gelegentlich von diesem um Hülfe angesprochen , bedauerte erklären zu müssen , daß er » Geschäfte dieser Art « nicht mache ... Mit Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Kathedrale von Sanct-Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen ; das Sterbebett der Nachbarin Ley ; Treudchen und mit ihr der Blumenstrauß , den er an jenem Morgen für Veilchen gekauft hatte ... Alles das hob ihm Seele und Gemüth ... Mit besonderer Andacht besuchte Löb das große Dorf Borkenhagen . Er betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus , wo » denn also « Leo Perl , sein leiblicher Vetter , abgefallen vom Glauben seiner Väter , gelebt hatte und gestorben war ... Er betrachtete die Fenster , die Walleinfriedigung , den Brunnen und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Rückblick , daß der jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers öffnete und ihn fragte : Wünschen Sie etwas ? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf alle Töne des Gefühls unverdienter Kränkung , die nur jemals sein angebeteter Bellini componirt hat ... Von Veilchen wußte er über Leo Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein Freidenker und doch - ein Kabbalist gewesen . In Paris hatte er in alten Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt . Nun erschien ihm Leo Perl wie einer jener Rabbis , die durch gewisse Zahlenzusammenstellungen , die sie einer thönernen Figur auf die Stirn schreiben , diese lebendig machen . Eine solche Figur dient dem Zauberer , verrichtet ihm alle Geschäfte , macht das Schwierigste möglich und begehrt keinen andern Lohn dafür , als gut zu essen und zu trinken . Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn des » Golem « oder der Rabbi vergißt eine gewisse Formel , so wird das Thonbild zum leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt . Gott - so immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl ! ... Das war nun da die Kirche , wo dieser , ein Jude , celebrirt hatte ! Das war nun da der Friedhof , wo er begraben lag ! ... Und das waren die Lehmhaufen , aus denen er sich allenfalls so einen Golem hätte bilden können ! ... Im Kloster Himmelpfort , hieß es eines Tages im Wirthshause , lebten noch Mönche , die den Pfarrer Perl näher gekannt hätten ... Mit diesem Kloster kam Löb durch einen Besuch in Verbindung . Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn » Bei Tangermanns « , durch den Küfer Stephan Lengenich überrascht . Der » Gerechtfertigte « kam wieder aus dem Gefängnisse , das er jetzt wegen seiner Betheiligung an jener Versammlung im Roland hatte als Strafe für geheime Verbindungen verbüßen müssen . Der vierschrötige , feierliche , exaltirte Mann trat in einem großen kaffeebraunen Mantel bei ihm ein und gab sich in so fragwürdiger Schreckhaftigkeit , daß Löb Seligmann unwillkürlich an eine seiner Lieblingsopern » Zampa « und das erste Auftreten des furchtbaren Räuberhauptmanns denken mußte ... Der Küfer kündigte ihm an , daß er sein Begehren nach dem Stück Tuch vom Jagdrock des Kronsyndikus ( der bei seiner Ankunft noch lebte ) zwar für einige Zeit durch Veilchen ' s Beredsamkeit hätte fallen lassen können , aber nicht für immer und am wenigsten für jetzt , wo er seit einem halben Jahr schon wieder die ganze Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menschen hätte erfahren müssen . Er verfluchte den Verführer Hammaker , der seinen Lohn gefunden . Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim . Er war ganz in jener volksthümlichen Rachestimmung , die bei solchen Gelegenheiten unter welthistorischeren Bedingungen zu Masaniellos , John Hampdens und Andreas Hofers machen kann , in unserm Leben , wie es so kommt und geht , leider nur zu commandirenden Spritzenmeistern . Stephan Lengenich wollte zu näherer Auskunft über den Tuchstreifen ins Kloster zu dem Mönche Sebastus . Zitternd und doch voll hohen Interesses hörte Löb Seligmann die Proposition , ihn dorthin zu begleiten . Die wildesten Racheklangfiguren aus » Fidelio « und » Lucrezia Borgia « tanzten vor seinem Ohr und Auge ... Glücklicherweise - so kann man hier wol sagen und da leugnete Veilchen die unmittelbare Vorsehung ! - war der Kronsyndikus schon in den nächsten Tagen gestorben und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zähnen . Er kam , um einen Proceß gegen den Kronsyndikus einzuleiten . Eine festliche Einholung in die Keller der Moppes ' schen Weinhandlung , wo ihm seine unterirdische Stellung verblieben war , hatte er um diesen Proceß verschoben . Nicht eher wollte er mit Blumen geschmückt wie Bacchus auf einem Fasse in die Keller getragen werden unter Männergesangbegleitung - der junge Moppes hatte selbst eine Cantate dazu componirt - als bis er , endlich im Besitz des Tuchstreifens , zum Landvogt gesagt : » Schließ ' deine Rechnung mit dem Himmel , denn deine Uhr ist abgelaufen ! « Nun war die Uhr abgelaufen ... Stephan Lengenich sprach mit Advocaten , die ihm keine Ermuthigung gaben . Seine » Entlastung « konnte er nur an der Eiche selbst vollziehen ... So besuchte denn Löb Seligmann mit ihm das Kloster Himmelpfort , um auf alle Fälle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern . Beide trafen den Pater auf dem Krankenbett . Siech und elend blickte er sie an . Vor dem Küfer , gegen den er einst falsches Zeugniß abgelegt hatte , schlug er die Augen nieder . Auch auf Löb Seligmann besann er sich ; er hatte ihn einst trotz seiner Verehrung vor dem Judenthum in der Theorie , in der Praxis beim Zinngießer Klingelpeter zur Thür hinausgeworfen . Bekannt war ihm , daß Seligmann die Brieftasche bei Nathan , seinem Bruder , in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Küfer Kunde gegeben hatte ... Seligmann führte das Wort und erzählte , daß nur bisher durch Veilchen ' s Beredsamkeit , dann durch eine neue Haft , der Küfer in seinem Verlangen nach jenem Tuche wäre aufgehalten worden , nun aber begehre er dasselbe aufs bestimmteste von ihm . Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronsyndikus erhalten und gab das Tuch und ließ geschehen was wollte . Er fragte nach Veilchen . Löb erzählte von ihrer Güte und Milde . Klingsohr erwiderte : Euch Juden steht es besser an , wenn ihr dem Shylock gleicht ! ... Da Stephan Lengenich ! Macht damit was Ihr wollt ! Auch aus mir - und - meinem falschen Zeugniß ! ... Dumpfe Stille in dem Kämmerlein ... Der Mönch wandte dem Besuch den Rücken und streckte sich , lang wie er war , gegen die Mauer auf sein Lager ... Stephan Lengenich kannte sein Schicksal . Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der Regierung , einen gottesfürchtig gewordenen Mann , den man verhinderte , für die Sache der Kirche zu wirken ... Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch zu verklagen verbot seine ganze Stimmung ... Auch würde ihn die Kunde , er hätte bei weltlichen Gerichten einen Mönch des Meineids beschuldigt , daheim um seinen Triumph gebracht haben ... Pater , sprach er , Sie haben mir viel bitteres Leid angethan , durch das Unterschlagen dieses Tuchs vom Rock des Mörders Ihres Vaters , das ist wahr - jahrelang ... Aber ich -