Feldzugs an der Donau glücklich entronnen , von der Seuche genesen und aus dem Toben des Meeres gerettet , schwang muthig den Bootshaken zur Vertheidigung , als ihn die schwere , noch Funken glimmende Keule des Roßhirten mit gewaltigem Schlage traf und in die Kniee schmetterte . - » Méricourt , zu Hilfe - man mordet mich ! « Der Colonel ließ die britische Dame von seinem Arm und war im Sprunge neben dem blutenden , betäubten Freund . Er führte keine Waffe , mit der Kraft seiner Arme allein warf er sich den Blutdürstigen entgegen . » Zu Boden mit ihm , Michael ! Tod dem Franzosen ! « - Es bedurfte des anregenden Zurufs des russischen Obersten nicht , der Tabuntschik schwang seine riesige Keule wild um das Haupt zum Todesstreich . Da fuhr es dazwischen wie ein Sonnenstrahl - wie ein Engelsbild aus Himmelshöhen zwischen den blutigen grausamen Mord : Iwanowna , die Fürstin , die Kapuze zurückgeworfen , die Hand drohend erhoben , das flammende Auge zürnend auf die Mörder gerichtet . » Zurück mit Euch ! - wage Keiner , sie anzurühren , so lieb ihm sein Leben ist ! sie stehen in meinem Schutz ! « Der Tabuntschik starrte sie erstaunt an . » Was haben Frauen zu thun bei dem Männerwerk ? - Sie müssen sterben zur Sühne für das heilige Rußland ! « » Sie werden nicht sterben , grausamer alter Mann ! Rußland führt mit feindlichen Soldaten , nicht mit Schiffbrüchigen Krieg ! - Zurück da , Ihr Sclaven - ich lasse Den zu Tode peitschen , der noch eine Hand zu erheben wagt ! - Graf Wassilkowitsch , schämen Sie sich dieser That gegen Hilflose ! « » Ich begreife , « sagte der Oberst , durch die alle seine Pläne durchkreuzende unglückliche Begegnung zum Vergessen aller Vorsicht aufgereizt , » daß die Fürstin Oczakoff ihre Bewunderer von Paris nicht als Feinde betrachten will . Indeß muß ich ihrer Menschenfreundlichkeit Einhalt thun ; ich führe seit heute Morgen das Kommando an der Küste und bin verantwortlich - « Die Fürstin , die bisher die Schiffbrüchigen nicht näher beachtet hatte , sondern blos auf ihre Rettung bedacht gewesen war , schaute sich bei den boshaften Worten des Obersten fragend nach ihnen um und ihr Blick begegnete dem feurigen festen Auge Méricourt ' s , der seit ihrem unerwarteten Erscheinen sich mit dem blutenden Freunde beschäftigt hatte . » Vicomte de Méricourt - Sie hier ? ! « Er beugte sich auf die Hand , die sie ihm unwillkürlich reichte . » Es ist eine traurige Begegnung , Fürstin . Lassen Sie mich , um früherer glücklicherer Erinnerungen willen , meine Schicksalsgenossen und jene Unglücklichen , die noch dort auf den Klippen um ihr Leben ringen , Ihrem Herzen empfehlen . Helfen Sie , so lange noch menschliche Hilfe möglich ist ! Wenn Sie hier gebieten , sind wir Ihre Gefangenen ! « » Ich kann in Ihnen nur Schiffbrüchige sehen , nicht Feinde , Herr Vicomte . Und wäre dies , so hätte ich für meinen Bruder den Tag von Inkermann zu lösen . Verfügen Sie über meine Diener . « Sie befahl mit strengem Ton dem herbeigekommenen Schloßvogt und jedem der Anwesenden , Hand anzulegen zur Rettung der Gefährdeten . Während eine Tragbahre geholt wurde , um den schwer verwundeten Genie-Capitain zu transportiren , hatte der Midshipman Frank und seine Matrosen das Boot zurückgeführt und mit einem langen Seil das Wrack mit dem Ufer verbunden . Es war , als ob der Orkan mit dem Untergang des Schiffs den Gipfel seines Tobens erreicht gehabt , denn von Minute zu Minute ließ jetzt seine Gewalt nach und vor der Wuth der Wogen schützte die Reihe der Klippen . Vier Fahrten des Kutters hatten jetzt alle noch am Bord Lebenden an ' s Ufer gebracht : - siebenundfünfzig Menschen , die von der Bemannung und der Passagierzahl übrig geblieben waren ; mehr als Dreihundert hatten ihr Grab in den Wellen gefunden . Lieutenant Hunter war der Letzte , der das Wrack verließ . Jetzt standen sie , in Gruppen zusammengedrängt , durchnäßt , frierend und trostlos , an jenem Feuer , das ihr Verderben , wenn nicht herbeigeführt , doch beschleunigt hatte , und harrten der Entscheidung ihres Schicksals . Schweigend und mit gewaltsam zurückgedrängtem Zorn hatte Graf Wassilkowitsch die Anstalten des jungen Mädchens und die Landung der Schiffbrüchigen beobachtet . Die Furcht vor der Herrin hatte all ' die Diener und Leibeigenen , die seine Befehle und Anreizungen gegen die Feinde aufgestachelt , von ihm abfallen gemacht bis auf den Tabuntschik , welcher in finsterer Haltung , auf seine Keule gestützt neben ihm stand . Erbitterung , die geweckte Grausamkeit und der Haß gegen seinen persönlichen Feind kämpften in seinem Innern mit der Besorgniß , seinen Wünschen und Absichten bei der Fürstin durch ein schroffes Entgegentreten zu schaden . Dennoch siegte die Eifersucht und er beschloß , seiner neuen Stellug Gehorsam zu verschaffen . Mit diesem Entschluß nahte er sich der Dame , als diese eben den Befehl ertheilt hatte , die Geretteten hinauf nach dem alten Schloß zu führen . » Ich bedaure , « sagte der Oberst ernst , » meine Gegenwart in diesem Augenblick der Fürstin Oczakoff aufdringen zu müssen , doch weiß sie selbst , daß ich nicht eher Gelegenheit hatte , meine Ehrfurcht zu bezeigen . Darf ich fragen , was ihre Absichten in Betreff dieser Gefangenen sind ? « Die Fürstin sah ihn ruhig und kalt an . » Diese Leute , Herr Graf , « entgegnete sie , » sind für mich unglückliche Schiffbrüchige , nicht Gefangene , bis der General-Gouverneur , an den ich sofort Nachricht senden werde , über sie entschieden hat . Diese Herren aber hier « - sie wies nach den Offizieren - » werden vorläufig meine Gäste sein , wie Sie , Herr Graf . « Der Oberst konnte ein höhnisches Lächeln nicht unterdrücken . » Ich bedaure , « sagte er , » diesen Edelmuth nicht theilen zu können . Diese Herren gehören zu den Feinden des Landes , sind auf einem Kriegsschiff an unserer Küste in Gefangenschaft gerathen und ich will sie sofort als Gefangene behandelt wissen . « » Mit welchem Recht maßen Sie sich an , auf meinem Eigenthum so zu handeln ? « » Mit dem Recht , das mir die Ordre des Generall-Gouverneurs als Kommandant dieser Küstenstrecke giebt . Ihr Bruder selbst , Fürstin , überbrachte heute Morgen diese Ordre und Ihr Schloß steht unter meinem Schutz und meinem Befehl . « Die Fürstin schaute ihm trotzig in das tückisch blickende Auge . Die Blutfarbe ihres Gesichts färbte sich mit höherem Roth , die schön geformte Oberlippe schwellte sich im Gefühl zornigen Widerstandes . » Sie irren , Graf Wassilkowitsch ; noch bin ich die Herrin ! « » Zwingen Sie mich nicht , « sagte der Oberst erbittert . » Ihren Dienern diesen Befehl , der im Namen des Kaisers lautet , zu zeigen . Sie werden nicht wagen , ihm als Rebellin zu trotzen . « Er hielt ihr die Ordre entgegen . » Ich werde es ! « entgegnete sie stolz und gebieterisch . » Diese Ordre ertheilt Ihnen ausdrücklich , wie ich von meinem Bruder weiß , den Befehl in unserem Eigenthum von dem Augenblick an , wo die Truppen zur Besetzung eintreffen , - nicht eher . Bis dahin , Oberst Wassilkowitsch , erinnern Sie sich , daß Sie allein die Eigenschaft eines Gastes meines Bruders für mich haben , und wagen Sie nicht , diese zu mißbrauchen ! « » Ich würdige ganz das Unwillkommene derselben , « sagte der Russe höhnisch , diesmal in französischer Sprache , um von den fremden Zeugen dieser Scene verstanden zu werden , » um so mehr , als ich Personen hier sehe , welche der Fürstin Oczakoff willkommener zu sein scheinen , obschon sie die Feinde ihres Landes sind . Ich werde meine Maßregeln danach nehmen . « Der französische Colonel trat einen Schritt vor gegen den Grafen , doch die Hand Iwanowna ' s hielt ihn mit einer Bewegung zurück . Ihr schönes Gesicht flammte in edlem Stolz , ihr großes , volles Auge schien Feuer zu sprühen . - » Das Haus meiner Väter schützt den Gast , selbst wenn er nicht besser als ein Strandräuber und Meuchelmörder wäre , « sagte sie fest . » Hüten Sie sich , Graf Wassilkowitsch , daß ich diesen Männern nicht sage , wer dieses Feuer angezündet und auf bübische Weise Hunderte von ihnen in ' s Verderben gelockt hat ! - Ich bitte um Ihren Arm , Herr Vicomte , meine Diener werden für Ihren Freund sorgen ! « Sie wandte sich mit einer unnachahmlichen Geberde verachtenden Stolzes von dem Grafen ab zu den Fremden und reichte dem Vicomte die Hand . Der Oberst sah sie knirschend die Terrassen emporsteigen . Sein dämonischer Blick voll Haß und Groll verfolgte sie , bis sie im Eingang verschwanden , dann - während Sergei , der Kastellan , die Geretteten von den Dienern des Schlosses hinauf führen ließ und vier derselben die Trage mit dem Verwundeten so sorgsam als möglich aufnahmen , - stieg er selbst auf der andern Seite hinan , nur von Michael , dem Tabuntschik , und der Pariserin begleitet . An dem Feuer , das die Fregatte in die Bucht gelockt , das so vielen Tapferen das Leben gekostet , blieben nur einige in Hütten zerstreut umher wohnende Eingeborene zurück , um das entfernte Wrack mit gierigen Blicken zu überwachen , und zu erwarten , was der finstere Wellengott bei seiner Zertrümmerung an die Küste führen würde . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Sturm hatte ausgetobt , nur die Trümmer , welche rings die Brandung an ' s Ufer geworfen , und ein Theil des noch immer zwischen den Felsen festgeklemmten Vorderkastells der einst so stattlichen Fregatte zeigte von den Verheerungen , die er angerichtet . An der ganzen Küste entlang hatte er mit gleicher Heftigkeit gewüthet , so daß die ältesten Leute sich nicht eines ähnlichen erinnern konnten . Die Ufer der Krimm waren mit den Trümmern zu Grunde gegangener feindlicher Schiffe bedeckt . Bei Eupatoria waren zwei Linienschiffe , darunter der » Heinrich IV. « , zwei Dampfer und dreizehn kleinere Schiffe gestrandet ; bei Sebastopol vierzehn und außerdem mehrere bei Balaclawa und an den Felsenküsten der Ostseite . Aehnlich war die Verheerung im Lager der Alliirten ; die Zelte waren umgestürzt , die Hütten zerstört worden , eine allgemeine Verwirrung und Betäubung herrschte und die französische Armee dachte bereits an jene Schrecken der Natur , die vor zweiundvierzig Jahren so furchtbar für Rußland aufgetreten waren . Der Sturm hatte sich zwar in der Nacht gänzlich gelegt , aber ein unfreundliches Wetter war eingetreten und der Winter hatte begonnen . Es schneite und regnete fortwährend . Im Schlosse Aju waren die Schiffbrüchigen , so gut es ging , untergebracht und Alles war zu ihrer Verpflegung und Unterstützung gethan , wie die Herrin befohlen . Im Uebrigen aber zeigten die Diener und Eingeborenen eher mürrischen Groll über den Zwang , dem sie sich beugen mußten , als Theilnahme , und mancher Blick des Nationalhasses ward getauscht , als die Erschöpften erst sich wieder zu fühlen begannen . Die britischen Matrosen und Soldaten , die von der Fregatte gerettet worden , standen während des Tages in einzelnen Gruppen in den Hallen und dem Hofe des Schlosses umher , betrachteten mit Mißmuth die hohen Mauern und die aufgezogene Zugbrücke und besprachen mit einander ihr Schicksal . Es war offenbar , daß , wenn sie irgend das Land gekannt und gewußt hätten , wohin sie sich wenden sollten , sie den Versuch gemacht haben würden , das Lager der Alliirten zu erreichen . Dasselbe Thema wurde mehrfach in dem großen Gemach abgehandelt , in dem die Offiziere ihren Platz und reichliche Brwirthung gefunden hatten . Bei aller Güte , welche die schöne Herrin des Schlosses für sie bewies , konnten sie sich doch nicht verhehlen , daß sie so gut wie Gefangene waren , und die Nachricht , daß vielleicht schon am andern , jedenfalls zweitfolgenden Tage ein russisches Detaschement erwartet wurde , machte dies Loos gewiß . Das Schicksal der Besatzung des Tiger bei der Strandung am Ufer von Odessa war unzweifelhaft auch das ihre , und wahrscheinlich ein härteres und mit größeren Unannehmlichkeiten verbunden , da seitdem durch die Belagerung Sebastopols die Erbitterung unter den Russen bedeutend gestiegen war . Auch die Fürstin empfand das Schwierige ihrer Lage . Sie hatte am Morgen einen der Kosacken mit der Anzeige des Strandens der Fregatte in das Hauptquartier nach Baktschiserai geschickt , doch wußte sie , daß die Truppen von Kaffa und Symferopol , welche dem Obersten untergeordnet worden , eher eintreffen mußten , als die Bestimmung des General-Gouverneurs , und daß Graf Wossilkowitsch dann das Recht und die Mittel in Händen hatte , seinen Absichten Gehorsam zu erzwingen . Der Verkehr zwischen dem alten und neuen Schloß schien während des Tages ganz abgebrochen , doch hatte sie theils selbst bemerkt , theils war ihr von Sergei und der tatarischen Zofe berichtet worden , daß drüben große Thätigkeit zu herrschen schien . Boten hatten zu Pferde das Thor der Villa verlassen und die Richtung nach Yalta und Alushta eingeschlagen . Eine neue Gefahr drohte von anderer Seite . Der Schiffbruch hatte , sobald sich die Nachricht verbreitete , eine Menge Bewohner der Gegend herbeigezogen , Fischer , Tataren , Leibeigene anderer Grundherren und eine der zahlreichen Zigeunerhorden , wie sie umherziehend einen Theil der Bevölkerung der Krimm bilden . Wohl an zweihundert wilde , ihrer Botmäßigkeit , die sich auf das kleine Gebiet des Schlosses erstreckte , nicht unterthane Männer lagerten , der Witterung trotzend , am Meeresstrand und theilten sich in die Beute , die theils das Meer an ' s Ufer geworfen , theils sie selbst aus dem Wrack plündernd geholt hatten . In Allen lebte offenbar Haß gegen die geretteten Feinde , durch die grausame Plünderungen , welche kurz vorher englische Schiffe an der unbeschützten Küste verübt hatten , zur grimmen blutdürstigen Erbitterung gesteigert . Der alte Tabuntschik ging wiederholt unter ihnen umher , und schien die Leute zu einem unbekannten Unternehmen anzuspornen und zu bereden , wie die häufig nach dem Schloß gerichteten Geberden bewiesen . Die Fürstin hatte daher strengen Befehl gegeben , alle Ausgänge des Schlosses sorgfältig zu schließen , und die gefährdeten nach der Terrasse hin zu verrammeln , so daß kein Ueberfall zu besorgen war . Am Vormittag hatte sie die Vornehmeren der Geretteten und die englische Dame empfangen , der sie Kleider und Wäsche gesandt und jede Höflichkeit erzeigt hatte , die ihr Geschlecht forderte . Seitdem hatte die Fürstin vermieden , mit den männlichen Gästen zusammenzutreffen - sie fürchtete , ihn wieder zu sehen . Die Lady war bei ihr geblieben . Es war am Nachmittag , als der Colonel in einem kleinen gewölbten Gemach am Lager seines verwundeten Kameraden saß , an dem er den Arzt abgelöst . Doctor Welland hatte die Nacht und den Vormittag bei dem Patienten zugebracht , der im wilden Fieberwahnsinn ras ' te , bald sich noch von den Wellen umbraust , bald sich im Getümmel der Schlacht wähnend . Die Lebenskraft , der frische Muth , die den Gefahren und dem Elend des Donau-Feldzugs , dem Tode in den Laufgräben vor Sebastopol und den Schrecken der Cholera getrotzt hatten und glücklich entgangen waren , die ihn eben noch gerettet aus dem Toben des Orkans - sie lagen gebrochen jetzt von dem hinterlistigen Schlag eines Greises , und in wildem Gehirnfieber verzehrte sich Leben und Geist . Doctor Welland hatte alle mögliche Hilfe seiner Kunst aufgeboten , dem Manne , der ihn vor wenigen Monaten noch vor dem Tode des Verbrechers gerettet , jetzt selbst das Leben zu erhalten , und darüber noch nicht ein Mal Zeit gefunden , an die wunderbare neue Bewahrung des seinen zu denken und die beiden Schwarzen aufzusuchen , denen er sie verdankte . Er wußte , es war Jussuf , der On-Baschi , der den Colonel begleitete , und er mochte vielleicht ahnen , wer die schwarze Verhüllte war , die sich ihm in das tobende Meer nachgestürzt , obschon er ihre Gegenwart auf dem Schiffe erst nach dem Ausbruch des Sturmes bemerkt hatte . Seit sie auf dem Schlosse waren , schien sie auf ' s Neue verschwunden oder ihn wenigsten sorgfältig zu meiden , und mannigfache widerstrebende Gefühle hinderten ihn , den On-Baschi nach seiner Begleiterin zu fragen . Jetzt hatte der Arzt erschöpft sich einige Ruhe gegönnt , nachdem es ihm gelungen war , die wilde Aufregung des Fieberkranken zu besänftigen , der jetzt in apathischem Schlaf lag . Méricourt hatte bereits zwei Stunden an seiner Seite gesessen , fast eben so bewegungslos als der Kranke selbst - seine Gedanken waren bei dem unerwarteten Wiederfinden der Geliebten , seine Träume bei ihr , so nah ' und doch so fern , kaum durch Schritte getrennt , und doch durch Völkergeschicke geschieden . Er dachte an sie ! - Wenn des erprobten Mannes geharnischte Seele die Liebe erfüllt , geschieht es mit ihrer ganzen urewigen Gewalt , mit jener unermeßlichen geheimen Kraft des Lebens , die eine Bürgschaft ist für das ewige auf den Sternen . Blut , Ehrgeiz , Menschenhaß - selbst die Phantome mit jenen edlen Namen der Ehre , des Ruhms und des Vaterlandes - bauten Wälle zwischen ihren Herzen ; - Wälle und Mauern aber sind menschliche Erfindungen und scheiden nur Körper , nicht Seelen ! Er wußte , daß sie ihn liebte - was thut es , ob sein Arm sie umschlingt ? - Herzen lassen nicht von Herzen ! Ein leises Geräusch erweckte ihn aus seinen Träumen . Als er die Thür öffnete , stand das tatarische Mädchen vor ihm , das ausschließlich die Fürstin bediente . Ihre zitternde Hand hielt ein Billet , dessen Adresse sie ihm wies . Die Adresse lautete an ihn . Er riß es auf - es enthielt nur wenige Worte , Iwanowna unterzeichnet : » Folgen Sie der Ueberbringerin - ich muß Sie sprechen ! « - Er sah auf den schlafenden Freund . Dann winkte er der Tatarin , der er sich durch die Sprache nicht verständlich machen konnte , zu harren und ging , Jussuf zu holen , den er auch glücklich in der Nähe traf und zu dem Kranken sandte . Ein zweiter Wink an das Mädchen , daß er bereit sei , und sie ging voran bis zu jenem Erkerzimmer , dem Aufenthalt ihrer Gebieterin . Sie hob die Portiere und ließ ihn eintreten . Er fand sich getäuscht in seinem Hoffen , die Fürstin war nicht allein , die englische Dame , seine Reisegefährtin auf der gestrandeten Fregatte , bei ihr . Iwanowna Oczakoff stand in der Mitte des Gemachs , ihre gewöhnliche und ruhige Haltung war einer Erregung von Außen gewichen , verschiedenartige Gefühle schienen in ihr zu kämpfen , während sie stumm und mit niedergeschlagenen Blicken die ehrerbietige Begrüßung des Offiziers erwiederte ; indeß die fremde Dame mit dem gemessenen zurückhaltenden Wesen , das den vornehmen Engländerinnen eigen ist , Beide beobachtete . Hätte der Vicomte Zeit oder Lust gehabt , dieselbe näher zu betrachten , so würde er gefunden haben , daß auch auf ihrem Gesicht sich Unruhe und Besorgniß häufig zeigten . » Ich würde es nicht gewagt haben , die Zurückgezogenheit unserer großmüthigen Retterin zu stören , « sagte der Vicomte , nachdem er auf den Wink der Dame Platz auf einem Fauteuil genommen hatte , » so sehr ich auch wünschte , ihr besonders meinen Dank abzustatten , - Ihre Erlaubniß muß mich daher entschuldigen . « Die Fürstin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . » Wir haben keine Zeit zu Einleitungen , noch zu Formen der Höflichkeit , Herr Vicomte , « sagte sie . » Der Krieg unserer Monarchen kann uns wenigstens die früheren freundlichen persönlichen Erinnerungen nicht vergessen machen ; Iwanowna grüßt Sie wie damals , als sie Ihnen an jenem unglücklichen Tage ihre Hand zum Dank für das Opfer reichte , das Sie ihrer Schwesterliche gebracht . Iwanowna Oczakoff , mein Herr , trägt das Gedächtniß an jene Stunde noch unverändert in ihrem Herzen . « » Fürstin - « er beugte sich verwirrt , betäubt von dem süßen Geständniß über die Hand , die sie ihm reichte und bedeckte diese mit Küssen . » Still , mein Freund - jene Dame dort darf wohl hören , daß die Tochter der wilden Steppen des Ostens offen und frei die Liebe zu dem Edlen und Würdigen gesteht , aber sie muß auch sehen , daß die Russin die Pflicht für ihr Vaterland kennt und für den Feind desselben nur die Erinnerung des Herzens hat . Diese allein gehört uns - für das Uebrige hat das Schicksal , dem wir uns beugen müssen , Meere von Blut und Unglück zwischen uns gedrängt . « Er senkte das blitzende Auge und ließ langsam und traurig die schöne Hand los , die ihn willkommen geheißen . » Sie haben den Grafen Wassilkowitsch erkannt , gestern bei jener furchtbaren Scene ? « Er bejahte . » Er haßt Sie - noch bitterer , wie damals , als er das unselige Mißverständniß zwischen Ihnen und meinem Bruder hervorrief . Vieles ist mir deutlich geworden erst seit Kurzem . Sie wissen , « - eine dunkle Röthe überzog ihr schönes Gesicht - » warum er Sie haßt , und Sie wurden jetzt , wie mein Bruder mir erzählt , noch sein Sieger bei Silistria , was eine Bitterkeit vermehrt . « » Ich kümmere mich wenig darum , Fürstin ! « » Fürchten Sie Alles von ihm . Leider reicht wahrscheinlich schon morgen meine Macht nicht mehr hin , Sie zu schützen . Er ist zum Befehlshaber an dieser Küste ernannt und jeden Augenbild können die kommandirten Abtheilungen unserer Truppen eintreffen . « » Dann müssen wir ausführen , was wir beschlossen haben . Ihre Großmuth , Fürstin , hat es verweigert , uns als Kriegsgefangene anzusehen . Wir sind demnach durch Nichts gebunden . Wir sind sechsundfünfzig rüstige Männer und wollen versuchen , zu Lande Balaclawa zu erreichen . « » Es ist unmöglich - lesen Sie ! Deshalb eben ließ ich Sie holen , denn die Lady hier hatte mir gleichfalls Ihre Absichten mitgetheilt . « Sie reichte ihm das Blatt , das ihre Hand bei seinem Eintritt gehalten . » Es ist von einer Landsmännin , einer französischen Dame , geschrieben , « sagte sie mit einer leichten Verlegenheit , » die , so viel ich weiß , einen Verwandten des Obersten geheirathet und nach jenes Tode oder Verbannung von Bukarest ihn hierher begleitet hat . « Der Offizier las ; das flüchtig mit Bleistift geschriebene Billet lautete : » Meine Fürstin ! Ihre Freundlichkeit durch eine Warnung zu vergelten , ist mir Pflicht . Auch bin ich Französin und kann unmöglich meine Landsleute mit kaltem Blute morden sehen . Finstere Pläne gegen die Schiffbrüchigen sind im Werk - ich weiß nur so viel , daß Boten abgegangen , um die Ueberkunft der Truppen zu beschleunigen . Das Landvolk der Gegend , voll Erbitterung gegen die Alliirten , ist aufgeboten und ein Haufe Gesindel , mehr als Zweihundert , bewacht die Wege vom Schloß , um Ihre Schützlinge zu verhindern , zu dem französischen Streifcorps zu gelangen , das kaum drei Stunden von hier im Gebirge diesen Morgen sich gezeigt hat . Aber ich fürchte , man hat Schlimmeres noch mit den Unglücklichen vor , als sie gefangen zu nehmen ; der Graf hat ihr Verderben geschworen . Ich hoffe , einen der Diener zu bestechen , daß er diese Zeilen Ihnen bringt und flehe , vollenden Sie das begonnene Werk der Rettung . C. « Einige Augenblicke sann er stillschweigend nach , dann sagte er aufblickend : » Es bleibt uns demnach nur übrig , den gefaßten Plan festzuhalten und uns durchzuschlagen , wenn wir Waffen bekommen können . Vielleicht finden sich deren genug hier im Schloß ? « » Es wird an ihnen nicht fehlen , wenn es die Vertheidigung meiner Gäste gilt , « erwiederte die Fürstin streng , » nie aber werde ich Ihnen Waffen geben , um Russen , meine Landsleute , anzugreifen . « Er schwieg . » Hören Sie mich an , mein Freund . Der Haß des Oberst Wassilkowitsch richtet sich vorzüglich gegen Sie . Sind Sie entfernt und gerettet , so werden Ihre Kameraden Nichts zu fürchten haben und man wird sie in ehrenvoller Gefangenschaft halten , wie die Mannschaft , die in Odessa in unsere Hände fiel . Sie müssen fliehen , Vicomte , Sie allein . « » Das ist unmöglich ! « » Ich habe die Mittel in Händen , Sie unentdeckt aus diesem Schlosse zu bringen . Pferde harren zwei Werst von hier in einem Versteck am Ufer der See ; ein sicherer , mir ergebener Mann ist dabei und kann Sie geleiten . Verkleidet werden Sie leicht durch das Land und bis zu einem Posten der Ihren kommen , während eine größere Zahl entdeckt und angegriffen werden würde . Sie werden diese Flucht noch diese Nacht antreten und morgen gerettet sein . « Er schüttelte den Kopf . - » Ich danke Ihnen , Iwanowna , aber ich wiederhole Ihnen , es ist unmöglich . Ich darf meine Kameraden im Unglück nicht feig verlassen , um mich selbst zu retten , und Sie täuschen sich , wenn Sie glauben , Graf Wassilkowitsch würde an ihnen nicht mein Entkommen desto grausamer rächen . Ich theile unter allen Umständen ihr Schicksal . « Die Fürstin wußte ihm Nichts zu erwiedern , denn sie fühlte die Richtigkeit seiner Bemerkung und kannte die Grausamkeit des Volkes , wo seine Leidenschaft geweckt und kein stärkerer Wille da war , der sie zügelte . Sie preßte unruhig die Hände an die pochenden Schläfe . » Aber ich kann , ich darf Sie nicht der Gefahr , dem sichern Verderben überlassen . « » Vielleicht könnte man sich in diesem Schloß halten , bis unsere Truppen , die so nahe sein sollen , uns entsetzen , « sagte Mistreß Duberly die mit Aufmerksamkeit bisher dem Gespräch zugehört hatte , ohne sich einzumischen . » Sie haben Recht , Mylady - dies wäre der einzige Weg . Wir müssen auf Hilfe von Außen bauen . Wenn die französischen Streifcorps nur drei Stunden von hier entfernt sind , so können sie benachrichtigt werden . « » Aber ich darf unmöglich Feinde gegen meine Landsleute zu Hilfe rufen ! « » Ich verbürge mich mit meiner Ehre , Fürstin , daß - wer auch die französischen Truppen kommandirt , - keine Waffe wider unsere Gegner erhoben werden soll , wenn man uns nicht zur Nothwehr zwingt . Es handelt sich blos um eine Diversion bis in die Nähe dieses Schlosses , unter deren Schutz wir frei abziehen können . Graf Wassilkowitsch hat noch keine Truppen hier und das Gesindel , das mordlustig uns belagert , wird bei dem Erscheinen französischer Soldaten von selbst das Feld räumen . « Die Fürstin sann einige Augenblicke nach . » Sie könnten sich verbürgen , daß kein Angriff von Seiten Ihrer Truppen erfolgt , und daß kein feindlicher Versuch gegen uns bei dieser Gelegenheit gemacht wird ? Man hat bereits früher mehrere unbeschützte Orte der Küste geplündert und Gefangene weggeführt . « » Das thaten die Engländer , Fürstin . Unsere Rettung beim Schiffbruch ist Ihr Werk und jeder Franzose wird diese That der Menschenfreundlichkeit ehren und die Waffen nicht gegen unsere Retterin kehren . Aber was geschehen soll , müßte rasch geschehen , um jedes Zusammentreffen mit russischen Truppen zu vermeiden . « » Wer soll versuchen , Ihre Freunde herbeizuholen - Sie selbst Vicomte ? « Der Colonel lächelte über die neue Bemühung , ihn zu entfernen . » Meine Ehre gebietet mir , zu bleiben . Aber freilich müßte es Jemand sein , der französisch spricht , und außer dem Arzt , der Depuis nicht verlassen kann , wüßte ich Keinen unter meinen Unglücksgefährten - « » Vergessen Sie mich ? - ich bin bereit zu dem Abenteuer . « » Sie , Mylady ? « » Warum nicht ? Wenn die Fürstin mich mit den nothwendigen Erfordernissen versehen kann , - ich bin eine ziemlich gute Reiterin , wie ich Ihnen beim nächsten Wettrennen im Lager zu beweisen hoffe , und außerdem gelingt es vielleicht einer Frau , desto eher durchzukommen . « » Das ist wahr - aber dies Wetter - es dunkelt bereits . « » Ah bah ! ich bin die Frau eines Soldaten , und war auf Strapazen und Gefahren aller Art gefaßt , als ich hierher kam . Wie könnte ich mir besser die Erlaubniß des Lords zum Bleiben erkaufen , als mit diesem Abenteuer ? Hätte ich nur Bob , mein Lieblingspferd , bei mir2 , alle Ihre Kosacken sollten mich nicht einholen . « Die Fürstin hatte sich entschlossen . » Was Sie thun wollen , Mylady , ist allerdings nicht ohne Gefahr , indeß der Mann , dem ich Sie übergeben würde , treu und zuverlässig « » Wann soll ich aufbrechen ? « » Je eher - je besser - sogleich ! die Dämmerung begünstigt uns jetzt . « » Ich bin bereit - aber - « sie wies auf die Kleider , die sie von der Fürstin erhalten . » Sie finden Alles hier - selbst das nöthige Reitzeug . Wollen Sie uns auf eine Viertelstunde verlassen , mein Freund ? Sie finden in dem vordern Zimmer Schreibzeug , wenn Sie einige Worte für