hierher verirrt hat . Schmelzing sah sich um . Die Stille des Orts war in der That geheimnißvoll und Hackert bewunderte Schmelzing ' s Muth , auch nur einmal hier ausgehalten zu haben . Was sah er denn ? fragte er den Oberkommissair . Es war ihm , antwortete dieser , als hätte Einer die Thür hinter ihm aufgeschlossen . Dann hätt ' er es rascheln hören . Auch ein Lichtstrahl wär ' in der Ferne sichtbar geworden und zuletzt hätt ' er einen kleinen Mann im grauen Rocke an sich vorüber schleichen sehen . Die aufgeschlossene Thür , sagte Hackert lachend Schmelzingen in ' s Ohr , war der Wind , das Rascheln kam von den Mäusen und Ratten . Der Lichtstrahl kam aus dem Hofe von irgend einem ehrbaren Rathsküfer und das graue Männlein sah die gesteigerte Angst ... Schmelzing schüttelte mit dem Kopf und protestirte entschieden gegen diese natürliche Auslegung Seitens eines Menschen , von dem er wußte , daß auch er nicht recht geheuer war ... Er blieb dabei , es wäre Jemand in dem Gebäude mit ihm zusammen gewesen , aber er hätte ihn auch fortgehen sehen und deutlich gehört , wie er wieder zuschloß . Es wäre ein Mann mittlerer Statur gewesen . Er , Schmelzing , hätte seine eigene Laterne gleich beim ersten Rascheln ausgelöscht und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Besuchers sich überzeugen können , daß er ganz grau war . Freilich hätte er ihn nur am Ende eines Corridors gesehen . In der Nähe hätte er unfehlbar den Tod gehabt . Nun wohl ! sagte Hackert scherzend und doch grübelnd , das ist der Geist von einem alten Pfaffen der Johanniter , der keine Ruhe hat . Schmelzing , der wählt Sie am Ende , um ihn zu erlösen . Machen Sie nur keine Scherze , Hackert ! sagte der Schreiber . Was ich sah , sah ich . Ich beschwöre , daß Alles wirklich war . Genug , unterbrach Pax die Streitenden . Ich habe Eile , Schmelzing fürchtet sich allein zu sein ; auch vor Ihnen Hackert fürchtet er sich eigentlich . Aber durch wen soll ich ihn unterstützen lassen ? Mullrich und Kümmerlein waren früher handfeste Metallarbeiter , sind aber jetzt , da es ihnen gut geht , Hasenfüße . Fürchten Sie sich , Hackert , hier mit Schmelzing allein zu bleiben ? Nicht vor zehn Teufeln , sagte Hackert , fürcht ' ich mich hier . Wo sind die Kreuze , die uns beschützen werden ? Ehe ich Sie dorthin führe , bemerkte Pax , sprechen Sie mit Schmelzing Alles ab ! Denn dort an dem Fußboden dürfen Sie nichts mehr zusammen reden . Es würde zu gefährlich sein und uns die ganze Unternehmung verderben . Geben Sie Acht ! sagte Hackert , wir verständigen uns schon . Damit fing er ein sonderbares Gebehrdenspiel an , schnalzte mit den Fingern , zupfte bald am linken bald am rechten Ohre , tippte auf die Nase und machte die sonderbarsten Gestikulationen . Was treiben Sie denn für Narrenspossen ? fragte Pax . Nichts Narrenspossen ! antwortete Hackert . Ich spreche mit Schmelzing . Und Schmelzing bestätigte dem Oberkommissair , daß er sich , ehe seine Gehörkanäle polizeilich gereinigt wurden , oft der fürchterlichsten Melancholie ergeben hätte und vollkommen des Glaubens gewesen wäre , er würde einmal ganz taub werden . Da hätte ihn denn schon Hackert als guter Nachbar getröstet und ihn von den vielen tausend Künsten , die er verstünde , auch die Kunst der Zeichensprache gelehrt . So könnten sie Stundenlang zusammensitzen und sich , ohne den Mund zu öffnen , auf das Lebhafteste unterhalten . Das trifft sich vortrefflich ! fiel Pax erfreut von den Talenten seines Lieblings ein . Und wenn Sie vollends noch Wein vorräthig finden , so kann Ihnen die Zeit nicht lang werden , falls das graue Männchen die Flaschen nicht ausgetrunken hat . Wein ? sagte Hackert erstaunt . Wir wollen sehen , bestätigte Schmelzing . Der Herr Oberkommissair gab mir das zweitemal einen Korb Wein mit , den ich in der Dunkelheit herein trug , um für öftere Besuche nicht ohne Erquickung zu sein . Ja , sagte Hackert . Schmelzing und Wein ! Nun weiß ich ! Beim ersten Glase schon haben sich ihm alle Gräber der Vorzeit geöffnet . Schmelzing schüttelte den Kopf und blieb fest dabei , daß er wirklich hier oben einen nächtlichen Besuch empfangen hätte . Der Oberkommissair bemerkte jetzt , daß es ihm besonders lieb wäre , die Äußerungen des Majors Werdeck zu hören . Er wisse aus bestimmtester Quelle , daß er mit einigen Freunden heute Abend im Rathskeller soupiren würde . Er hätte auf die elegante feinere Trinkstube Beschlag gelegt . Wer die Gäste wären , wisse er noch nicht . Aber er zweifle nicht , daß es dieselben Personen sein würden , auf die die öffentliche Sicherheitspflege schon längst ihr Augenmerk gerichtet hätte . Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwärts und bedeutete sie , leise aufzutreten . Sie kamen alle Drei jetzt auf einen steinernen Fußboden . Anfangs war es um sie her dunkel . Bald aber zeigten sich auf den steinernen Vliesen lichte Stellen . Sehen Sie da , flüsterte Pax , den Widerschein der Gasflammen ! Aber nun kein Wort mehr ! Zugleich bemerkten sie den Schwefelgeruch des Gases . Schmelzing bedeutete Hackerten , nur auf den Zehen aufzutreten . Sie waren an einem der Lichtschimmer . Es bildete sich hier ein Kreuz mit drei Kleeblättern an den vier Enden . Geisterhaft , wie aus Licht gewoben , schwebte das Kreuz im Dunkeln . Ebenso an einer andern und noch an einer dritten Stelle . Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein Hinunterblicken war nicht zu denken . Wie Irrwische schwebten die heiligen Zeichen in der Nacht auf dem großen steinernen Estrich , der eine Speisehalle gewesen zu sein schien . Indem winkte Schmelzing sehr lebhaft . Die beiden Andern schlichen näher . Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der angenehmsten Überraschung . Noch Alles da , wie es war ? fragte Hackert durch die Zeichensprache der Taubstummen . Schmelzing zog eine Flasche nach der andern in die Höhe und winkte , daß sie schwer waren . Also , flüsterte Hackert dem Oberkommissair in ' s Ohr , die Geister haben hier oben inzwischen keinen Durst gehabt . Pax bedeutete ihn ernstlich zu schweigen . Er zeigte ihm mit besonderm Nachdruck das Lichtkreuz , das in der Mitte flammte , und winkte ihm , dort am meisten Acht zu geben . Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot sich , dem Oberkommissair das Geleite zu geben , damit er hinter ihm wieder zuschließen könne . Pax nickte dazu . Schmelzing folgte ihm mit der kleinen Laterne und ließ Hackerten mit dem Bedeuten , er würde sogleich wiederkommen , im Dunkeln allein . Als sich Pax und Schmelzing entfernt hatten , warf sich Hackert in der Nähe des mittleren Kreuzes auf die Erde . Er fühlte , daß er auf etwas Weiches fiel . Schmelzing ' s Mantel schien es ihm , den er an seinem groben Tuche und einem abgeschabten Halskragen erkannte . Aha ! dachte er , der Spion hat sich hier schon ganz häuslich eingerichtet ! Und nun erst ergab er sich einem genaueren Nachdenken über die sonderbare Situation , in die er hier so plötzlich , er wußte nicht wie , versetzt worden war . Siebentes Capitel Die flammenden Kreuze Wir haben in Fritz Hackert einen Menschen des Instinktes kennen gelernt . Unbekannter Herkunft stehen uns seine Schicksale vor Augen seit der Aufnahme in das Haus des Justizrathes Schlurck und seinen jugendlichen Verirrungen mit Melanie bis zu dem Augenblick , wo wir ihn am Schlusse des Fortunaballes in einem erneuerten Anfall seiner Krankheit verließen . In dem ersten Momente , wo uns Hackert persönlich bekannt wurde , in Tempelheide , wo er im Kornfelde lag und den Becher Weins mit Siegbert theilte , erkannten wir in ihm eine nicht ungewöhnliche Natur , die aber damals völlig zerfahren , mit sich selbst zerfallen war , innerlich und äußerlich verdüstert und heruntergekommen . Später fielen uns lichtere Momente auf sein widerspruchsvolles Wesen und wir werden uns wol gesagt haben , daß dies Individuum durch Krankheit , geringe äußere und meist durch sich selbst gewonnene Erziehung , endlich durch sein angeborenes Naturell dem Urstoff des Menschen näher stand als die meisten andern Menschen , die man eher vermittelte Naturen nennen möchte . In Hackert lag noch unmittelbar das ganze Chaos des Guten und Bösen , wie es aus der Hand des Schöpfers in uns so geheimnißvoll gepflanzt scheint . Wohin seine Entwickelung ihn führen wird , ob zum Schlimmen oder zum Guten , wird uns schwer werden , schon vorauszusagen . Wir sahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Sensualismus , der nur durch den üppigen Ton des Schlurck ' schen Hauses und die epikuräische Weltauffassung des Justizraths entschuldigt werden kann . Melanie war ihm wol so ziemlich gleichartig , nur daß sie die Vorzüge einer gefälligeren Bildung vor dem früh verwahrlosten und durch die Farbe seines Haares entstellten Spielgenossen voraus hatte . Einen Beweis für ihre wirkliche aus dem Herzen fließende Güte ist uns Melanie noch schuldig geblieben . Was sie uns an freundlichen Gesinnungen und wohlwollenden Gedanken offenbarte , floß aus ihrer Leidenschaft , aber auch diese kam nicht rein aus dem Herzen , sondern aus der Eitelkeit und dem Drange nach Auszeichnung ... In Hackert schlummerte der Ehrgeiz . Zu seinem Glücke unbewußt . Hätte ihn der Gedanke des Ruhms , der Auszeichnung erfaßt , er hätte nur auf schlimme Bahnen gerathen können , auf solche Bahnen , an deren Beginn wir ihn eben jetzt erblicken . Muth und Zaghaftigkeit waren in diesem Naturmenschen auf eigene Art gemischt . Wenn wir sagen , daß etwas Weibliches in ihm lag , eine große Empfänglichkeit und das Bedürfniß einer Liebe , wie sie ihm nach seinem bessern Sinne selten zu Theil wurde , so wird man sich der Lösung des psychologischen Räthsels , das er darbietet , schon eher nähern . Ein Mannweib , wenn es denkbar wäre , brächte wol ähnliche Mischungen , die an Thierisches erinnern , an den Muth und die Furcht des Löwen zugleich , zum Vorschein . Hackert hatte oft großartige Regungen und verfiel sogleich wieder , bei der geringsten Verletzung , in die niedrigsten . Wir haben gesehen , wie er der Rache fähig war ! Man hatte ihn furchtbar entwürdigt , hatte ihn durch jene Züchtigung wie ein Thier mit Füßen getreten , aber statt offen seinem Gegner gegenüber zu treten , tödtete er ihm durch die raffinirteste Grausamkeit sein Eigenthum . Ihn zu verdammen steht Jedem frei . Wer wird ihn beschönigen wollen ? Aber wer wird auch so weichlich gestimmt sein , nur Die Menschen menschlich zu finden , die nach den Regeln des Katechismus entweder gut oder böse sind , für den Himmel oder die Hölle passen , nur Liebe oder Abscheu erregen ? Wir Menschen sind nicht so kurz zu nehmen , wie wir in einem polizeilichen Signalement oder in lebensunwahrer Dichtkunst angegeben werden . Die Mehrzahl der Lebenden sind Hackerte , Individuen , schwierig unterzuordnen unsrer Liebe und doch auch nicht hassenswerth . Die reine geläuterte Vortrefflichkeit gibt es ebensowenig , wie es eine abstrakte Schlechtigkeit nicht so nackt gibt , wie man ihr in den Kriminalgefängnissen zu begegnen glaubt . Wir sprechen immer von Menschen , die wir lieben und achten , und immer von Menschen , die wir hassen . Aber zwischen Beiden gibt es Millionen , die sich aus unsrer Liebe und unsrem Hasse sehr wenig machen , die so sein wollen wie sie sind , und die man gelten lassen muß , weil ihnen die Welt so gut gehört wie uns . Unsre Maßstäbe von Verstand , Herz , Gemüth passen in den seltensten Fällen auf die Menschen . Dieser Hackert konnte demüthig werden bis zum Kleinmüthigen , ja bis zum Überschlag in eine weiche und klagende Hingebung , und der geringste Erfolg , wie wir an dem Abend gesehen haben , als er Melanie in ihrem Wagen überfiel , schnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und zur widerlichsten Prahlerei empor . In jener Nacht , als er den Brüdern Wildungen ihre üblichen moralischen Voraussetzungen über den Haufen stieß , strafte ihn freilich das Geschick . Eben noch jubelnd von Lust , drohte ihm zum zweiten male ein Überfall , eine noch schimpflichere Mishandlung . Damals gerettet durch die sorgsame Liebe des jungen Mädchens , dem sein zerrissenes Gemüth , seine Bizarrerie imponirte , flüchtete er sich in einen Versteck und verfiel vor Zorn und Jammer über sein Loos in Krämpfe , Zuckungen und ein stilles Schluchzen , das erst aufhörte , als er , vom genossenen Weine übermannt , halb und halb entschlief . Und in diesem Halbschlafe trieb ihn sein unruhiger kranker Geist empor und führte ihn als Schlafwandler in den Tanzsaal zum allgemeinen Entsetzen . Damals kam ihm die Ideenverbindung der regen Phantasie von selbst auf Louise Eisold , die neben ihm war und ihn stützte . Er sah die Kinder im Geist . Er lehnte sich über ihre Lagerstätten , um ihnen : Gute Nacht ! zu sagen . Er sah den Alten , griff nach ihm und fühlte ihn kalt . Er sah , daß er starb . Die Uhr schlug in dem Augenblicke vier . Er erwachte und sank in die Arme jenes seltsamen Mädchens , das in ihm gerade den kranken Genius liebte . Wie Hackert damals von Sandrart , Louisen und Fränzchen nach Hause geführt wurde , in der Frühe noch zu Bett ging , dann aufstand , sich auf Alles besann und tief , tief über sich schauderte , da hatte er gedacht : Du mußt dich in ein festes Lebensjoch schmieden ! Du mußt irgend etwas beginnen , was diese bösen Geister deines Innern , diesen ewigen Aufruhr deines Dämons zur Ruhe bringt ! Mit Gewalt zwang er sich , den Vorschlägen des Oberkommissairs Pax Gehör zu geben . Und ohne zu prüfen , was doch wol Alles dieser neue Beruf ihm auferlegen konnte , ohne irgend zu überdenken , welches die Bedeutung seiner neuen Thätigkeit werden müßte , schleuderte er sich mit Gewalt in diesen Beruf , nur um von dem gefahrvollen wilden Vegetiren freizukommen . Er hatte Melanie versprochen , wenn sie bei Lasally die Einstellung seiner Klage gegen ihn durchsetzen würde , sie und Alle in Ruhe zu lassen . Zu Louise Eisold zog ihn nur Wehmuth , nur Schmerz , nur Reue . Er wurde feig , unmännlich , wenn er sich die Möglichkeit dachte , ein so edles , tugendhaftes Mädchen zu lieben , er floh sie wie die Tugend . Und weil er auch schon längst das grobe Laster verabscheute , so warf er sich nun zum ersten male wieder in die Arbeit . Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder . Bei Schlurck war er außerordentlich geschäftskundig geworden , hatte eine Schlauheit , Pfiffigkeit , eine Gewandtheit im Auffassen , einen Reichthum von Detailkenntnissen sich erworben , die der Oberkommissair Pax sehr zu schätzen wußte und gern darauf einging , für gröbere Arbeiten eher den Schreiber Schmelzing zu beschäftigen . So hatte Hackert seither hingebrütet in Büreauthätigkeit . Er hatte die Genugthuung , daß ihm diese Lebensweise für die Beruhigung seiner Nerven besser gedieh als das planlose Umherdämmern in Busch und Feld , auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen seiner leidenschaftlichen Eingebungen . Bald dachte er früher : Du mußt sparen ! Es kommt eine Zeit , wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmst ! Es kommt eine Zeit , wo du verhungern kannst ! Da wurde er geizig , schmuzig geizig . Dann warf er wieder das Geld fort , das er ohnehin in baarem Metall nicht leiden mochte , weil er , wie er sagte , physische Schmerzen davon hätte . Da geschah es ihm wol , daß er so frech war , einen Fünfthalerschein als Fidibus zu einer Cigarre zu verbrennen . In solchen Krisen war er krank und stand in der Nacht auf , unruhig , gequält und erschreckte die Menschen durch sein Nervenleiden , das ihn zum Nachtwandler machte . Seitdem er bei Pax arbeitete , in der einzigen Thätigkeit , die ihm zuletzt doch nur allein möglich machte , sich einen Beruf zu bilden , war sein Wesen ruhiger geworden . Er schlenderte so hin und schlief ruhig . Er dämpfte seine Überreizung ab und sah nicht mehr rechts , nicht mehr links und war auf dem Wege , ein consequenter Menschenhasser zu werden , ein Peiniger , ein Tyrann aller Lebendigen . Heute zum ersten male kam ihm nun eine Zumuthung , wie sie ihm der Oberkommissair noch nicht gestellt hatte . Anfangs zog ihn die Art , wie er in diese Situation gerieth , an . Das kam so eigenthümlich , so geheimnißvoll . Die Erinnerungen an die Kinderzeit thaten ihm wohl . Der Spott über Schmelzing , der Scherz über den Spuk , das Alles stimmte ihn anfangs launig . Wie er nun aber hier auf dem Estrich hingestreckt so allein kauerte , wie da drei gespenstische Kreuze , flimmernd und flackernd , so auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten , wie er sich sagte : Was sollst du hier ? Horchen ? Lauschen ? Da überfiel ihn die Überlegung und sie stimmte eigentlich nicht mit Dem , was ihm genehm war . So Manches war schon vorgekommen , was ihm der Oberkommissair übertragen hatte und was ihm bedenklich schien . Er hatte sich Dem unterzogen , ohne lange zu prüfen . Diese Horcherrolle aber machte ihm Kopfschütteln ; dennoch hatte sich sein Menschenhaß schon so entwickelt , daß ihm etwa eine Verhinderung der Pax ' schen Absichten nicht im geringsten einfiel . So lag Hackert eine Weile und horchte , ob nicht Schmelzing zurückkäme . Er hatte das Aufschließen der Thür und das Zuschließen gehört , aber Schmelzing kam nicht wieder . Wie ? fuhr er auf , hat man dich eingeschlossen und dir das Geschäft des Lauschers allein übertragen ? Noch eine Weile geduldete er sich . In dem Augenblicke glaubte er etwas knistern zu hören . Er lag ganz im Dunkeln und hätte kaum den Rückweg finden können . Zornig sprang er auf . Wie seine Natur war , hatte er sogleich die schlimmste Vorstellung . Er sah sich gefangen , betrogen , irgendwie verrathen . Die verzerrtesten Möglichkeiten tanzten vor seiner im Nu entzündeten Phantasie . Er wollte Lärm machen , durch die Kreuze hindurch um Hülfe rufen . Jetzt zaghaft und sogleich kleinmüthig , gab er nicht nur sich , sondern sogleich auch Die , die ihm vertraut hatten , auf . Da hörte er etwas in der Ferne knarren . Es mußte die Thür sein , die aufgeschlossen wurde . Die Erzählung von dem grauen Manne kam zur Mehrung seiner Aufregung noch hinzu . Er horchte . Er glaubte Tritte zu vernehmen . Ein Lichtschimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der Vorhalle . Er hielt den Athem an und rüstete sich auf jede Gefahr . Da kamen die Fußtritte näher , der Lichtstrahl beleuchtete die Wände . Hackert stand auf dem Sprunge , dem verdächtigen Ankömmling jedenfalls sogleich die Laterne zu entreißen ... Es war aber Schmelzing , der in der einen Hand mit der Laterne , in der andern mit einem großen Papiere , in das etwas eingewickelt schien , näher schlich . Seine Phantasie hatte ihn von der Möglichkeit , daß der harthörige College wiederkam , ganz entfernt gehabt . Schmelzing kam und nickte Hackerten zu , ihm das Papier abzunehmen . Es war Brot und Fleisch . Schmelzing war noch auf die Straße gegangen und hatte Vorräthe eingekauft , wofür ihn Hackert loben mußte . Behaglich kauerten sie sich nun zur Erde nieder an dem mittleren Gasflammenkreuz , zogen Messer hervor und zerschnitten sich den reichlichen Proviant . Leider hatte Schmelzing vergessen , für ein Glas zu sorgen . Da zog er ein hölzernes Pennal aus der Tasche , nahm die Federn und Bleistifte heraus und verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher , einen großen und einen kleinen . Den kleinen nahm Schmelzing , der nicht viel vertragen konnte , den größeren Hackert . Mit der Fingersprache sagte Hackert , so hätten die Humpen der alten Ritter ausgesehen , nur wären sie größer gewesen . Die beiden Schreiber stießen mit ihren Trinkpennalen an und unterhielten sich , obgleich stumm , auf die heiterste Art. Endlich hörten sie Geräusch . Die Thür der Trinkstube unter ihnen ging auf . Männer traten ein , ein lautes Gespräch begann , jedes Wort schallte in der Wölbung so wieder , wie es unten gesprochen wurde . Die beiden lauschenden Schreiber spitzten die Ohren ... Unsre Freunde aber , Dankmar , Siegbert und Leidenfrost hatten , als sie von dem Feste der Weinlese bei der Fürstin Wäsämskoi kamen , am Thore sich von den Arbeitern getrennt , die an der Stadtmauer entlang in die Willing ' sche Fabrik zurückkehren wollten . Sie schritten , die kleinen Einzelheiten des Nachmittags wiederholend und Manches , was ihnen , den stillbewegten Siegbert ausgenommen , spaßhaft erschienen war , belachend , dem alterthümlichen Viertel der Stadt zu . Am Rathskeller wollte sie Louis Armand erwarten . Daß auch Major Werdeck kommen würde , war der Inhalt des von Sandrart überbrachten Billets gewesen . Der Major hatte hinzugefügt , daß er zur Erörterung der längstersehnten Wünsche ganz für den Rathskeller wäre , dessen kleine abgeschlossenen vielgesuchten Zellen der gemüthlichen Unterhaltung sehr entgegen kämen : er hätte schon die beste , in der selbst General Voland von der Hahnenfeder , der Alterthümler , nicht verschmähe , sich zuweilen einen Trunk Lacrimä Christi zu gönnen , für sie mit Beschlag belegt . Die Freunde hatten diesen Abend bestimmt , um sich über die große Aufgabe der Zeit , die sie Alle beschäftigte , in ihrem Sinne gründlich auszusprechen und diejenige Rolle zu bezeichnen , die sie entschlossen sein wollten , in dem allgemeinen Kampfe der Interessen und Ideen zu übernehmen . Werdeck war durch Leidenfrost mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden . Schon öfters waren sie hie und da zusammengetroffen und hatten wechselseitiges Vertrauen gewonnen . Zwar lag in Werdeck ' s scharfhervortretenden Zügen Manches , was beim ersten Begegnen einschüchtern konnte , doch überwanden die sich Annähernden die erste Scheu ; hatte doch auch Dankmar lange damit zu thun gehabt , sich mit Leidenfrost zu befreunden , der von der Malerei immer mehr abkam und in neuester Zeit sogar angefangen hatte , sich auf Strategie zu legen . Es war in der That kein Scherz , wenn Siegbert erzählte , daß Leidenfrost auf einer bescheidenen Erkerstube , die er bewohnte , eine Menge strategischer Werke , die ihm Werdeck geliehen , aufgeschlagen vor sich liegen hatte und auf einem Tische mit kleingeschnittenen Schwefelhölzchen den großen und kleinen Krieg studirte . Er fand ihn oft in die Stellungen seiner Schwefelhölzer so versunken und machte mit ihm die berühmtesten Schlachten Alexander ' s des Großen , Cäsar ' s , Eugen ' s von Savoyen und Friedrich ' s des Großen so tapfer durch , daß man die Entzündung der Hölzer befürchten konnte . Die Schwefelhölzer waren je nach ihrer Nationalität und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet . Leidenfrost konnte sich in seinen taktischen Studien so verlieren , daß er unter seinen Tausenden von Schwefelhölzern wie ein Schachspieler saß und irgend einen neuen unbekannten Sprung erfinden zu wollen schien . Er hatte Siegbert ersucht , ihn nicht wegen dieses Unsinns dem Major zu verrathen . Der Zunftgeist , sagte er , ist überall derselbe und wie wir Niemanden einräumen wollen , daß man Maler sein könne ohne Hände , so begreift auch ein Taktiker nicht , wie man ohne Epaulettes sich über Kriegführung orientiren kann , was doch nachgerade eine unerläßliche Bedingung eines jedes gebildeten Mannes unsrer Zeit werden und bald so nothwendig für die Erziehung sein wird wie das Turnen . Etwas besorgt waren die Freunde über den Eindruck , den Werdeck und Louis Armand gegenseitig auf sich machen würden . An dem Stande dieses in der ganzen Residenz schon bekannten und durch seine Beziehung zum Prinzen Egon wohlgewürdigten französischen Kunsttischlers nahm der Major keinen Anstoß . Er hatte , einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefaßt , sich die ungeheure Abweichung von seiner vorgeschriebenen Lebensweise zu Schulden kommen lassen , seinen Kriegerstand zu vergessen und erst durch die Ideen sich mit den Menschen zu vermitteln . So lag ihm auch nun nichts mehr an einer solchen Begegnung mit einem wirklichen Manne aus dem Volke . Bedenklicher hätte es ihm freilich scheinen können , daß der neue Genosse der schon mehrfach angeknüpften Unterhaltungen ein Franzose war . Werdeck besaß aber nicht die Nationalvorurtheile , die uns von unsern Erziehern mitgegeben werden und in unser Blut übergegangen sind . Seine Frau hatte ihn früh über diese Voraussetzungen hinweggebracht . Eine starke , leidenschaftliche , vom Hasse getragene Seele , wie sie war , lebte sie nicht in der Welt , die ihres Gatten nächste Lebensbedingung war . Religiöse und nationale Elemente führten sie in jene eigenthümliche Schwärmerei hinüber , die sich aus der Schule Adam Mickiewicz ' s in Paris mit Flügeln emporschwang , die ihr die Märtyrerschaft als das schönste Ziel der Tugend zu erstreben lehrte . In der Minorität zu leben , mit dieser zu dulden , mit dieser zu hoffen , war dieser Frau eine Geistes-Seligkeit , und wenn auch Werdeck auf ' s entschiedenste die nationale Berechtigung der Polen verwarf , seiner Frau ihre katholischen Träumereien ließ , ohne aufzuhören , sie sogar deshalb zu belächeln , den Hauch der neuen Zeit hatte er in jeder andern Beziehung in seinem Gemüthe alles Starre und Eisige aufthauen lassen und sah mit Ruhe einer ihm drohenden Katastrophe entgegen . Louis Armand sagte dagegen , die Militairs würden doch nie die wahre Freiheit der Völker befördern . Sie wollten nur steigen , nur herrschen , glänzen . Louis behauptete von Werdeck gehört zu haben , daß er hypochondrisch , verstimmt , längst mit seinen Standesgenossen zerfallen wäre und sich nur darin gefiele , den Hof durch liberale Gesinnungen zu ärgern . Dennoch fügte er hinzu , hätte er von Heinrich Sandrart , dem Sergeanten , der dann und wann noch zu den alten Märtens käme , erfahren , die dritte Compagnie wenigstens ließe ihr Leben für den Major und daraus ließe sich die Macht einer bedeutenden und gemüthvollen Persönlichkeit doch schon theilweise erkennen . Wenn ich ihm kein Anstoß bin , hatte Louis erklärt , so komm ' ich gern und bin gewiß , von einem so ausgezeichneten Manne viel lernen zu können . Louis harrte schon in der Nähe des Rathskellers . Die Freunde schüttelten ihm die Hand . Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen , als bisher . Louis war nach all ' den Ansprüchen , die Egon ' s Freundschaft auf ihn gemacht hatte , jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte Talente entwickelt , die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen . Mit Genugthuung sah man , wie unausgesetzt theilnehmend er dem öffentlichen Leben seines neuen Aufenthaltsortes folgte , wie gespannt er die Entwickelung Egon ' s überwachte und jeden Einfluß , den ihm dieser nur gestattete , darauf verwandte , ihn seinen früheren Gesinnungen treu zu erhalten . Freilich hatte er den Freunden eingestehen müssen , daß seit einiger Zeit mit Egon eine Veränderung vor sich gegangen war . Er hatte ihnen genau den Tag , die Stunde bezeichnet , seitdem ihm vorkäme , als hätte Egon ein neues , fremdes Element in sich aufgenommen . Es war dies jener Abend , an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon ' s gefolgt waren , ihm in einer gewagten , aber von seiner wildesten Erregung für nothwendig erklärten Unternehmung beizustehen . Rudhard hatte dem jungen Fürsten die Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden , er hatte von Pax , von Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren , was mit dem Bilde vor sich gegangen war . Daß Pauline von Harder die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda besaß , stand ihnen Allen fest . Wozu sich neuen Unterschlagungen , einer völligen Vernichtung derselben aussetzen ? Nein , hatte Egon gerufen , die Nacht birgt uns in ihr schützendes Dunkel ! Wohlan , ich gehe zu jener Elenden , ich verlasse nicht ihr Haus , nicht ihr geheimstes Zimmer , bis diese Umtriebe entlarvt , die entwandten Schätze zurückerobert sind . Louis und die Brüder Wildungen sollten Egon sein kühnes Werk auszuführen unterstützen . Rudhard widerrieth , aber die jungen Leute fühlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt . Sie folgten Egon und standen schon in Begriff , gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefährlichen Frau das geraubte Gut zu entwinden , als sich der uns bekannte mildere Ausweg gefunden hatte . Aber Egon ' s seither mannichfach geändertes Wesen konnte nicht geleugnet werden . Man hatte vermuthet , daß die aristokratische Gesinnung der Gräfin d ' Azimont sicher versuchen würde , Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen . Dies hatte Louis in Abrede gestellt . Eher gestand er zu , daß Rudhard ' s politische Ansichten , die den ihrigen völlig entgegengesetzt waren , wohl einmal einen bedenklichen Einfluß auf Egon gewinnen könnten . In der Hauptsache aber gestand er dabei , daß seit dem September-Sonntage eine auffallende Veränderung mit dem Fürsten vorgegangen wäre . Er hätte ihn damals an diesem regnerischen Sonntage , selbst verstimmt , besucht , um sich aufzuheitern , hätte Egon aber in eine Trauer , eine Abwesenheit versunken gesehen , die ihn wahrhaft erschreckt hätte . Auf genauere Fragen hätt ' er nicht