dem man vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei , habe man vertuscht ; man habe ihn oftmals wegen seines Hanges zum Spotte verwarnt , die Karikaturen , die er gezeichnet und in der Anstalt in Umlauf gesetzt , geflissentlich übersehen , bis man neulich ein getuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorgefunden habe , durch welches die Liebhaberei Sr. Majestät für das Theater und namentlich für das Ballet in wahrhaft empörender Weise zum Gegenstande des Spottes , zu einer Karikatur gemacht worden sei . Und was ist danach geschehen ? erkundigte sich der Graf . Die Generalin zuckte die Schultern . - Es wäre natürlich meines Sohnes Pflicht gewesen , sagte sie , betreffenden Ortes davon Anzeige zu machen , aber eben weil mein Sohn um Ihretwillen auch an dem Major Antheil nimmt , hat er davon abgestanden . Er hat den Major sofort von dem Vorfalle benachrichtigt , man hat den jungen Arten in seine Familie zurückgeschickt , und der Direktor der Anstalt hat dem Major den Rath ertheilt , den jungen Menschen so bald als möglich von hier fort und in eine andere Lebensbahn zu schaffen , da er ohnehin sehr phantastisch sein soll . Das kommt von der Mutter ! meinte der Graf , während Hildegard die Gräfin Rhoden , welche hinzugekommen war , mit einem Bedauern , dem der Ausdruck ihrer Züge völlig widersprach , von dem Geschehenen in Kenntniß setzte . Die Generalin bemerkte , der verstorbene Freiherr Franz sei auch sehr phantastisch gewesen . Der Graf fragte , was sie mit der Erinnerung sagen wolle . Die Generalin erwiderte , daß leider der Apfel selten weit vom Stamme falle . Wenn ihn der Baum getragen hat , gewiß nicht ! entgegnete der Graf ; aber an wie manchen alten Baumes Stamm findet man Früchte , die von außen hinübergeworfen worden sind und auf die das Sprüchwort also wenig paßt . Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an . Hildegard , der die schweren seidenen Kleider und die kleinen weißen Spitzentücher , die sie über ihre noch immer lang herniederfallenden , röthlich-blonden Locken zu knüpfen pflegte , ein jugendlich matronenhaftes Ansehen gaben , hob die Augen mit ihrem sanftesten Blicke bittend zu ihrem Gatten auf , und der Graf versagte es sich also , die Neugier der Generalin zu befriedigen . Aber diese gab ihre Erwartung so leichten Kaufs nicht für verloren . Nehmen Sie es mir nicht übel , rief sie , als müsse sie ihr Herz endlich einmal von einem schweren Zweifel zu befreien suchen , ist denn irgend etwas daran , daß die Vergangenheit der Baronin nicht ganz makellos ist , und ist ' s denn wirklich wahr , was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio erzählt ? Ich würde mir , darauf kennen Sie mich ja , eine solche Frage sicherlich nicht gestatten , wenn ich nicht zuverlässig hoffte , von Ihnen zu erfahren , daß man der Baronin Unrecht thue , aber - unvorsichtig bleibt es doch , daß man Emilio auch jetzt noch in des Freiherrn Hause sieht . Die Gräfin Rhoden , deren Mutterherz durch den neuen Kummer , welcher jetzt über Cäcilie wieder hereinbrach , doch bewegt ward , sagte , die Generalin irre , wenn sie glaube , daß Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle . Man empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr . Es war auch gar nicht möglich , länger ein Auge zuzudrücken , fügte Hildegard hinzu , als müsse sie diese Erklärung geben , denn Emilio trieb seine Schauspielkunst in meines Schwagers Hause so con amore , daß er , um sein Verhältniß zu der Baronin Vittoria zu verbergen , nicht übel Lust bezeigte , sich als den Verehrer meiner Schwester darzustellen . Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein , meinte die Generalin , denn die Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre schöner . Sie wird Ihnen , liebe Rhoden , seit sie voller geworden ist , nur immer ähnlicher . Die Mutter nahm das Lob der Tochter , das ihr zugleich schmeichelte , freundlich auf . Hildegard sagte , Cäcilie werde doch gar zu stark , und kaum hatte die Generalin sich entfernt , als Hildegard die Mutter fragte , ob sie nicht anspannen lassen solle und ob sie nicht gemeinsam zu Cäcilie fahren wollten , nachzuhören , was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für sie thun könne . - Cäcilie bemitleiden zu gehen , war die Gräfin Berka immer bei der Hand , und ihr Mitleid war der Schwester und dem Schwager nicht das Leichteste , das sie zu tragen hatten . Auch jetzt wieder lasteten ihre Zustände schwer auf diesen Beiden . Valerio war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn Hause . Es hatte heftige Auftritte und die unangenehmsten Verhandlungen gegeben . Cäcilie sah mit Kummer , wie die Furchen auf ihres Gatten Stirn sich mit jedem neuen Jahre vertieften , wie sein ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich krankhaft steigerte . Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn wieder sehr niedergeschlagen , während der Jüngling selber und seine Mutter das Geschehene äußerst leicht zu nehmen schienen . Vittoria sagte , sie habe immer die Ueberzeugung gehegt , ihr Sohn sei nicht dazu geschaffen , in dem geistlosen Zwange der militärischen Disciplin seine glänzende Begabung untergehen zu lassen . Ihr Blut , das Blut eines glücklicheren Volkes , lebe in seinen Adern . Die Natur habe ihn bestimmt , ein Künstler zu werden , und die Natur lasse sich nicht überwinden , sie räche sich , wenn man ihr Gewalt anthue . Auch Valerio sprach von seinem eigentlichen Berufe , von seinem inneren Müssen . Der Freiherr beachtete ihre Worte kaum . Der Gedanke , daß der Jüngling , den er in großmüthiger Liebe als seinen Bruder gelten lassen , der seinen Namen trug , daß ein Freiherr von Arten wegen einer unwürdigen Handlung aus dem Kadettenhause ausgestoßen worden sei , brannte als eine Schmach in des Freiherrn Seele , und es hatte ihn eine große Ueberwindung gekostet , sich heute zur Parade zu begeben . Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange gesprochen , aber der Major zweifelte nicht daran , daß er vielen seiner Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei . Es war gestern ein Sonntag gewesen ; die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt , in Hunderten von Familien hatte man das Ereigniß gestern fraglos mitgetheilt , und Renatus hatte es auf der Parade in den Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint , daß sie sich Gewalt anthäten , der Angelegenheit nicht zu erwähnen . Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen über seine Lippen . Er stand vom Tische auf , weil er es nicht ertragen konnte , Vittoria ' s Gleichmuth und die unverminderte Eßlust anzusehen , mit der Valerio sich Genüge that . Als man sich von der Mahlzeit erhob , folgte Cäcilie ihrem Gatten in sein Zimmer . Er bemerkte sie kaum . Gesenkten Hauptes , die Hände auf den Rücken gelegt , ging er auf und nieder . So pflegte sein Vater umherzuwandern , wenn ihn Sorgen drückten , wenn er etwas mit sich abzumachen hatte ; aber Renatus war nicht mehr , wie einst der Freiherr , in den großen Gemächern des Richtener Schlosses , in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte , und die Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit , statt sie zu mäßigen . Er kam sich wie ein Gefangener vor , er meinte , die Wände immer näher zusammenrücken zu sehen , es versetzte ihm den Athem , und sich rasch umwendend , wie Einer , der sich zur Wehre setzen muß , schellte er dem Diener . Cäcilie fragte , was er wünsche . Ich muß mit dem Burschen zu Ende kommen ! gab er ihr zur Antwort und befahl dem Diener , ihm Valerio zu rufen , der auf dem andern Flügel bei der Mutter wohnte . Ohne eine Bewegung zu verrathen , trat derselbe bei ihm ein . Er war zu einem vollendet schönen Jünglinge erwachsen . Seine Gestalt war hoch und tadellos , der Italiener war in jedem seiner Züge , in seiner ganzen Haltung , vor Allem in seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar , und selbst die steif machende militärische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen nicht zu unterdrücken vermocht . Du hast mich rufen lassen , Bruder ? fragte er , als er bei Renatus eintrat . Dieser hatte sich niedergesetzt , als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen , und langsamer sprechend , als er sonst pflegte , sagte er : Ich habe Dich kommen lassen , um von Dir selber zu erfahren , welche Vorstellung Du Dir von Deiner Zukunft machst . Daß Du fort mußt , weißt Du , daß Du kein Vermögen hast , auf welches Du Dich irgend stützen dürftest , habe ich Dir gesagt , als ich Dir den Rath ertheilte , in das Heer einzutreten , und als die Gnade unseres Königs Dir die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte . Er hielt inne . Valerio regte sich nicht . Er hatte den Arm auf einen kleinen Schrank gestützt , der dem Spiegel gegenüberstand , und Cäcilie , die besorgt der Unterredung folgte , konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß Valerio auch in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Stellung , als mit den Worten seines Bruders beschäftigt sei . Ich spreche nicht davon , hob der Freiherr , da Valerio schwieg , auf ' s Neue an , ich spreche nicht davon , wie Du Sr. Majestät dem Könige die Gnade gedankt hast , die er Dir angedeihen lassen ; das würde , wie Du Dich erwiesen hast , eine vergebene Mühe sein . Laß uns also kurz zur Sache kommen ! Was soll aus Dir werden ? Was denkst Du mit Dir anzufangen ? Valerio änderte seine Stellung nicht ; aber er hob den Kopf , den er bis dahin gesenkt gehalten hatte , in die Höhe und sagte : Fragst Du mich das im Ernste , Bruder ? Mich dünkt , entgegnete der Freiherr bitter , Deine Lage ist nicht dazu angethan , mir Lust zum Scherzen einzuflößen ! Nun denn , rief Valerio , wenn es Dein Ernst ist , wenn Du mir jetzt wirklich endlich die Freiheit geben willst , über mich selber eine Meinung zu haben und über mich zu verfügen , so will ich Dir sagen , was ich wünsche ! - Er zögerte , als habe er ein Bedenken , es auszusprechen ; dann aber faßte er sich ein Herz , zog mit rascher Bewegung einen Sessel heran , und sich seinem Bruder gegenüber niederlassend , sagte er : Du bist immer gut gegen mich gewesen , und ich habe Dich immer lieb gehabt , Renatus ; aber Du hast meine Natur nicht verstanden , hast mich nie aufkommen lassen .... Du machst Vorwürfe , wo Du Dich entschuldigen solltest , fiel der Freiherr ihm in die Rede ; die Taktik ist nicht neu , aber sie ist hier nicht angebracht . Ich habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen , nicht mit Betrachtungen über die Vergangenheit zu thun , die jetzt zu nichts mehr führen . Beantworte mir rund und nackt die Frage : Was soll aus Dir werden ? Da hob der junge Mann seinen vollen Blick auf den Freiherrn und meinte : Wenn Du auf mich geachtet hättest , brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen ! Ich werde zur Bühne gehen ! Valerio ! rief der Freiherr , als traue er seinen Ohren nicht , und plötzlich die stolze Oberlippe aufwerfend , daß seine Miene , so wenig seine Züge dem Vater glichen , dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten äußerst ähnlich wurde , sprach er mit schneidender Kälte : Aber freilich , Du bist kein Arten ! Er wurde blaß , als das Wort seinem Munde entflohen war . Er hätte viel darum gegeben , es nicht ausgesprochen zu haben , sehr viel ! Denn er erschrak vor dem wilden Blicke des jungen Mannes , der ihm gegenübersaß , vor dem unheimlichen Zucken seines schönen Mundes . Sie schwiegen beide ; Cäcilie klopfte das Herz , daß sie wähnte , die Andern müßten es hören können . So entschwanden ein paar Minuten . Renatus konnte zu keinem Entschlusse kommen . Einmal stand er auf dem Punkte , seinen Ausspruch als eine bildliche Redeform auszugeben , dann wieder meinte er mit der Enthüllung dieses Geheimnisses einen Zügel gewonnen zu haben , durch den er den unruhig phantastischen Sinn des jungen Mannes wirksam lenken könnte ; aber Valerio ' s heißes Blut trieb ihn zu schnelleren Entscheidungen , als Renatus sie zu fassen gewohnt war , und sich hoch aufrichtend wie ein tragischer Held , denn bei seiner Künstlernatur war er sich selbst in diesem Augenblicke noch ein Gegenstand der Darstellung , sagte er : Ich hoffe , meines Vaters Namen wirst Du mir wohl lassen müssen , da er diesen nicht , wie seinen Besitz , ausschließlich nur auf Dich vererben konnte ! Meinen Namen wenigstens danke ich doch Deiner brüderlichen Gnade nicht ! Nicht ? rief Renatus , der jetzt seiner selbst nicht länger Herr war , nicht ? - Und er hätte in seiner zornigen Empörung Tausende hinzuwerfen vermocht , hätte er die Beweise von Vittoria ' s Untreue , von Valerio ' s unrechtmäßiger Geburt dem Jünglinge unter die Augen halten können , der ihm zu trotzen wagte , nachdem er Unehre auf den alten Namen seines Hauses gebracht hatte . - Frage Deine Mutter , ob Du ein Arten bist ! Frage Deine Mutter , ob sie und Du nicht meinem Schweigen , meiner Ehrfurcht vor dem Namen meines theuren Vaters die Stellung verdanken , die ihr einnehmt ! Ein Wort von mir .... Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen . So weit hatte man ihn gebracht , so weit war er von sich selber und von den Ehrbegriffen seines Hauses abgefallen , daß er dem Leichtsinne eines Jünglings wie Valerio das Geheimniß anvertraute , welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes zu hüten gegeben hatte ! So weit hatte er sich vergessen , daß er Vittoria , die Freundin seiner Kindheit und Jugend , daß er die Mutter bloßstellte vor dem Urtheile ihres Sohnes - eines jungen Menschen , dessen Keckheit vor keinem Aeußersten zurückschrak ! Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine Grenzen , er schämte sich vor seinem eigenen Weibe ; und wie konnte er jetzt noch darauf hoffen , ein irgend erträgliches Verhältniß zwischen Vittoria und Cäcilien aufrecht zu erhalten , da er selber Vittoria als eine Ehebrecherin angeklagt , da er es Cäcilien jetzt verrathen , was er auch ihr bisher mit ängstlicher Geflissenheit verborgen und fern gehalten hatte ! Wie ein Wetterstrahl war das unglückselige Wort zwischen sie Alle niedergefahren , Alles zerstörend , Alle lähmend . Renatus rang nach Fassung ; aber es war Valerio , der sich zuerst bezwang , der sie zuerst erlangte . Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen , seine Stimme klang weich , und in einer Weise , welche seine große Erschütterung verrieth , sagte er : Du hast ein Wort ausgesprochen , über das ich in ' s Klare kommen muß ! Es zwingt mich , Dir eine Frage vorzulegen : War es nur der Zorn , der Dich jene Worte brauchen ließ , oder sagtest Du die Wahrheit ? Bin ich des Freiherrn Sohn , oder bin ich ' s nicht ? - Ist ' s deßhalb , daß ich fast ohne Antheil an unseres Vaters Erbe blieb , obschon unsere Güter nicht Majorate sind ? - Ist ' s deßhalb , daß meine Mutter in einer Weise von Deinem guten Willen abhängt , die für die Wittwe unseres Vaters mir schon seit lange unbegreiflich erschienen ist ? Bin ich Dein Bruder , bin ich ' s nicht ? - Und wieder in seinen Trotz zurückfallend , rief er heftig : Ich muß doch wissen , wer ich bin ! Dies wenigstens , diese Wahrheit habe ich von Dir zu fordern ! Der Freiherr maß ihn vom Wirbel bis zur Sohle . Das Pathetische in des Jünglings Erscheinung , das ihm immer mißfällig gewesen war , reizte ihn jetzt doppelt . Alles , was er seit Jahren und Jahren Lästiges und Schweres um Vittoria ' s wegen auf sich genommen , alle die Opfer , die er für sie und auch für Valerio gebracht , die quälenden Eindrücke , welche er seit gestern um des Letzteren willen durchzumachen gehabt hatte und mit denen er noch nicht zu Ende war , belasteten den Freiherrn wie ein einziger , gewaltiger Druck . Sein ganzes Leben war von Rücksichten auf seines Vaters Willen , auf die Ehre seines Hauses und Namens geleitet und bestimmt worden , und was hatte er damit erreicht ? Es war genug der Opfer , der Rücksichten auf Andere ! Nur an sich selber , an seine persönlichen Verhältnisse , an die Aufrechterhaltung seines Namens und seiner Ehre hatte er noch zu denken ; es war Zeit , seine Rechnung mit denen abzuschließen , die ihm dies erschwerten . In ihm , dessen war er sich bewußt , lebte der wahre Sinn seines Geschlechtes , er mußte sich und für sich die Möglichkeit des Fortbestehens zu erhalten suchen . Wollte er nicht untergehen zusammt dem Weibe , das sich ihm in Liebe anvertraut , so mußte er , wie bei einem Schiffbruche , endlich Alles von sich stoßen , was sich hemmend an ihn klammerte , was sich wider ihn zu erheben drohte , und finster , wie der Geist , der über dieser Stunde waltete , sagte er : Was fragst Du mich ? Lege diese Frage Deiner Mutter vor ! Valerio erhob sich , sein Antlitz war todtenblaß geworden ; auch der Freiherr war aufgestanden . Wo willst Du hin ? fragte er , da Jener sich zur Thür wendete . Ich gehe , meiner Mutter die Frage vorzulegen , die .... er hielt inne und sagte dann sehr fest : mir Freiheit schaffen soll ! Halt , rief der Freiherr , vergiß es nicht , daß Du unseren Namen trägst und daß ich Dein Vormund , daß ich für Dich verantwortlich bin ! Besorgen Sie nichts , Herr von Arten ! entgegnete der Jüngling mit einer Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone des Spottes , der ihn für Renatus und Cäcilie völlig zu einem Fremden machte - besorgen Sie nichts ! Aber zum Dienen bin ich nicht geschaffen ! Wäre es mir nicht gelungen , mich durch jene Zeichnung von diesem Rocke - er riß die Uniform vom Leibe und trat sie in wild aufwallender Heftigkeit unter die Füße - von diesem Rocke und von der Sklaverei , zu der er mich verdammte , zu befreien , so hätte ich mir durch die Flucht geholfen ; denn mich des Namens zu entäußern , der mir nichts werth ist in der Laufbahn , die ich einzuschlagen denke , war ich ohnehin entschlossen ! - Ich begehre Ihres Namens nicht ! Renatus trat in rascher Bewegung auf ihn zu , seine Hand erhob sich - - aber wie im Entsetzen über sich selber blieb er mitten im Zimmer stehen . Geh ! sagte er so tonlos , daß er seine eigene Stimme nicht erkannte . Valerio hörte es nicht mehr . Er hatte das Gemach bereits verlassen , seine Uniform blieb auf dem Boden liegen . Eilftes Capitel Als die Gräfin Berka fast um dieselbe Stunde bei der Schwester vorfuhr , wurde ihr Besuch nicht angenommen , und Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der Mutter mit dem Zusatze , daß sowohl Cäcilie als Vittoria zu Hause gewesen wären , denn in ihren beiden Zimmern habe sie Licht gesehen . Ich habe das Meine gethan , ihnen meine schwesterliche Theilnahme zu beweisen , sagte sie ; man muß jetzt abwarten , bis sie kommen . Indeß der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen von Cäcilie , in denen sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern aussprach , daß es ihr gestern unmöglich gewesen sei , sie zu empfangen . Eine unangenehme Angelegenheit , die ihr und ihrem Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei , habe sie hingenommen und gebe ihnen eben in diesen nächsten Tagen mancherlei zu bedenken und zu ordnen . Sei das geschehen , so würden Hildegard und die Mutter die Ersten sein , zu denen sie eile , um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben , die sie und Renatus für sich zu machen beschlossen hätten . Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuß jener ganz äußerlichen Rücksicht und Höflichkeit gekommen , hinter denen die völlige Entfremdung sich verbirgt . Hildegard lächelte , als sie dem Grafen das Billet der Schwester hinhielt . Die Mutter aber hatte Mitleid mit Cäcilien . Sie fuhr am Nachmittage zu ihr . An dem Zimmer Vittoria ' s vorübergehend , bemerkte sie , wie man in demselben einen Koffer packte , und sie war kaum bei ihrer Tochter eingetreten , als sich Renatus zu ihnen gesellte . Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte , sah er es doch seit lange nicht mehr gern , wenn sie mit einem der Ihrigen allein beisammen war . Er wußte das Gemüth seiner Frau mannigfach belastet und bedrückt ; und er besorgte , die Macht der Gewohnheit und der alten Zusammengehörigkeit möchte ihr der Mutter oder der Schwester gegenüber doch einmal Geständnisse oder Klagen über ihre Lage entlocken , die er laut werden zu lassen nicht wünschen konnte . Noch ehe die Mutter eine Frage gethan hatte , dankte der Freiherr ihr dafür , daß sie gekommen sei , und sagte , sie kenne ja von seinem Vater her die alte Arten ' sche Maxime , Verdrießlichkeiten mit sich selber abzumachen , und sie werde sich also deßhalb gestern nicht gewundert haben , daß er seine Frau abgehalten , den Besuch der Schwester anzunehmen . Sie wissen , liebe Mutter , Cäcilie ist sehr weich , es faßt sie daher Alles mehr als nöthig an , namentlich , wenn sie mich ergriffen sieht , und ich war das gestern in der That ! Wir haben große Unannehmlichkeiten mit Valerio ! Die Gräfin gab sich das Ansehen , als wisse sie noch nicht , was vorgegangen sei . Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit feinem Takte die Freiheit lassen , ihr in der ihm zusagendsten Weise zu berichten , was er eben für angemessen hielt . Dem Freiherrn war das sehr willkommen . In leicht hingeworfener Weise erzählte er , wie wenig ernsthaft Valerio seine Studien betrieben , wie schwer er sich in die militärische Zucht gefunden und wie nachtheilig die an und für sich edle und schöne Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe . Er erinnerte die Gräfin daran , wie Valerio habe Maler werden wollen , nun , seit Emilio und Vittoria es ihm in den Kopf gesetzt hätten , daß er eine der seltensten Stimmen besitze , sei er auf noch viel verkehrtere Plane gekommen . Er habe nichts als seine thörichten Liebhabereien betrieben , habe sich in der Anstalt unmöglich gemacht , und nach längeren Berathungen sei man denn gestern dahin übereingekommen , ihn auf eine süddeutsche landwirthschaftliche Akademie zu senden . Valerio verlange durchaus nach einer größeren Freiheit ; man wolle also versuchen , ob er Neigung für die Landwirthschaft gewinnen könne , und müsse dann zusehen , wie man später für ihn ein Fortkommen ermögliche , mit dem es nicht so dränge , als man es ihm darstelle , denn er sei im Grunde doch erst achtzehn Jahre alt . Die Gräfin nahm das ganz so auf , wie Renatus es aufgenommen zu sehen wünschte . Sie sagte , er thue wohl daran , wenn er die Sache nicht so schwer als Cäcilie auffasse . Valerio sei ja nicht der erste junge Mensch , der den Seinen einmal Sorge mache ; man möge bedenken , daß seine Erziehung früher verabsäumt worden sei , daß sie und Hildegard schon lange vor des Freiherrn Heimkehr darauf gedrungen hätten , den lebhaften Knaben einer männlichen Aufsicht zu übergeben und ihn von der Mutter fortzunehmen . Sie und Hildegard hätten sich auch stets darüber gewundert , und Graf Gerhard - sie könne das jetzt wohl sagen - habe es nie gebilligt , daß Renatus es Vittoria erlaubt , den Sohn in alle Opern und Concerte mitzunehmen und ihn in ihren Soiréen singen zu lassen ... Sie war bei aller Milde und bei allem Mitleid dennoch auf dem besten Wege , es der Tochter und dem Schwiegersohne zu beweisen , daß ihnen nur geschehe , was sie verdienten und verschuldet hätten , und weil Cäcilie fürchtete , ihr Gatte könne darauf in seinem Unmuthe eine die Gräfin verletzende Entgegnung machen , bemerkte sie , natürlich trage Vittoria ' s große Schwäche an dem ganzen Unheil Schuld , und die Mutter sei es auch , die ihnen gestern die meisten Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte . Ihre Eigenwilligkeit , ihre Launen werden wirklich immer störender für uns , unser bester Wille , meine größte Nachgiebigkeit vermögen ihr nicht genug zu thun , und , Cäcilie konnte ihr Empfinden nicht mehr beherrschen , und Herr muß Renatus in seinem Hause zuletzt doch bleiben ! fuhr sie unwillkürlich auf . Dem Freiherrn kam die plötzliche Aufwallung seiner Frau nicht ungelegen , denn sie gab ihm Anlaß , mit der Thatsache herauszurücken , die man der Gräfin vor allen Dingen mitzutheilen hatte . Ruhig , ruhig , mein Kind , sagte er , Du weißt , daß Du von Vittoria ' s Grillen nicht lange mehr zu leiden haben wirst . Die Gräfin sah ihn , sah die Tochter fragend an . Renatus bemerkte das . Ich muß eine Aenderung machen , sagte er . Cäcilie kommt wirklich neben Vittoria nicht zur Ruhe . Ich habe daher meiner Stiefmutter gestern den Vorschlag gemacht , sich selbständig einzurichten . Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung gefunden haben wird , verläßt sie unser Haus . Gottlob ! rief die Gräfin , die in der That sich dieses Entschlusses um der Tochter willen freute ; aber Renatus hörte darin nur einen Vorwurf , den ihm die Mutter machte , und , wie alle schwachen und eben deßhalb eitlen Menschen , stets geneigt , von einer zu der anderen Meinung überzugehen , wenn sie ihr eigenes Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu müssen glauben , erklärte er plötzlich , daß die Trennung von seiner Stiefmutter natürlich nicht heute und nicht morgen vor sich gehen könne und werde . Er sagte , daß er Vittoria , wie sich das von selbst verstehe , nicht drängen , daß er ihr Zeit lassen wolle , Alles nach ihrem Belieben einzurichten , und daß leicht möglich , da eben jetzt , inmitten des Vierteljahres , die Zahl der freistehenden Wohnungen eine beschränkte sei , der Winter darüber verstreichen könne . Die Gräfin nahm das auf , wie es ihr von ihrem Schwiegersohne dargestellt wurde ; sie überlegte jedoch innerlich , daß Renatus vielleicht eben jetzt die Ausgaben für einen solchen Umzug und für Vittoria ' s besondere Einrichtung zu machen scheue , da die bürgerliche Ausstattung und die Reise Valerio ' s schon Kosten verursachen mußten , und nach Mittheilungen und Fragen , von deren Oberflächlichkeit und innerer Unwahrheit beide Theile überzeugt waren , fuhr die Gräfin wieder fort , ohne sich die völlige Zerstörtheit in dem Wesen ihres Schwiegersohnes recht erklären zu können . Der Vorfall mit Valerio war freilich arg genug ; aber je mehr die Gräfin darüber nachsann , um so weniger hieß sie es gut , wenn durch dieses Ereigniß ein öffentlicher Bruch in dem Arten ' schen Familienleben herbeigeführt werden sollte . Es war nach ihrer Meinung eine Sache , die man möglichst im Stillen abthun , um derentwillen man nicht an die große Glocke schlagen mußte . Zu Hause wieder angekommen , beklagte sie es , daß Renatus und Cäcilie , trotz mancher gar vortrefflichen Eigenschaften , so wenig Takt besäßen , und sie bedauerte es , daß man nicht wagen dürfe , ihnen einen unumwundenen Rath zu ertheilen , weil man leider nicht mehr wissen könne , in wie weit sie ihm nachzukommen im Stande wären . Hildegard bemerkte darauf , sie danke Gott täglich dafür , daß er ihr so schöne , so einfache Lebensverhältnisse zubereitet habe und daß sie hier in ihrem Hause mit ihrem Gatten und mit der Mutter ein so klares , ruhiges Dasein hätten . Eben darum , bat die Gräfin , müsse man nachsichtig gegen die arme Cäcilie sein . Man müsse die Hände liebevoll über sie breiten , denn sie trage an ihrem Leben schrecklich schwer . Der Graf meinte , wem nicht zu rathen sei , dem sei auch nicht zu helfen . Renatus habe ihm nicht folgen wollen , als er ihn vor Jahren darauf hingewiesen , daß er wohl daran thun würde , sich von der Sorge für Vittoria und Valerio möglichst zu befreien . Nun trage er die Folgen seines falschen Handelns , und es sei keine von seines Neffen kleinsten Thorheiten , den völlig mittellosen Sohn Vittoria ' s jetzt auf eine landwirthschaftliche Akademie zu senden . Es ist geradezu unbegreiflich , rief der Graf , denn ich möchte wissen , wessen Güter Valerio einst verwalten soll ! Während man aber noch in dieser Weise mit den Vorgängen in der Arten ' schen Familie beschäftigt war , ließ sich durch einen seiner Comptoir-Beamten bei Tremann ein junger Mann melden , der ihn zu sprechen wünsche , und gleichzeitig mit dem Diener , welcher die Lampe auf den Schreibtisch seines Herrn