in kleinere Stücke , und arbeitete fast mit Wildheit allen andern zuvor , die sein Beispiel ermunterte ... Hubertus kam mit dem Namen : Schneid ! auf den Lippen . Wie mußte er erstaunen , als man ihm auf diesen Namen den Diener zeigte , der hoch im qualmenden Gebälk saß , die blinkende Axt in der Hand ... Unmöglich ! entgegnete er ... Doch ! Doch ! rief man ihm zu und bezeugte seine Anerkennung über die Entschlossenheit des sonst so trägen Dieners ... Im Hof war ein Gedräng und kaum zum Hindurchkommen ... Eimer , Spritzen , geborgene Geräthschaften bildeten schon einen hohen Haufen , über den die Menschen hinwegklettern mußten ... Den Mönch , den die zuweilen noch aufzuckenden blauen Flammen am wassertriefenden Gebälk in seinen allbekannten Todtenkopfzügen beleuchteten , würde man nicht geduldet haben , hätte man nicht gewußt , daß der riesenstarke Greis es liebte , in solchen Fällen sich nützlich zu machen ... Schon hatte er , immer den in der qualmenden Zerstörung sitzenden Schneid im Auge , von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten , um Wasser zu holen aus dem glücklicherweise im Thauen begriffenen Teich , der die Insel bildete ... Schon war sein unwillkürliches Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten des Landraths die Ursache , daß Hubertus mechanisch Folge leisten wollte , als ein noch einmal auf die Stätte der Zerstörung im obern Stock geworfener Blick ihm eine plötzliche Gefahr zeigte , in die der Diener des Hauses gerieth ... Sein eigener Zuruf erstickte schon in dem allgemeinen Geschrei : Er stürzt ! Eine Leiter ! Er ist verloren ! ... Der schwarzberußte Mensch , der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und Rauch sich den Weg zu bahnen suchte , wollte sich vor einem drohenden Mauersturz vom Dache retten , sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk , das unter ihm zusammenbrach , stürzte tiefer und tiefer und schwebte zuletzt mit seinen Füßen , die ohne Halt im Leeren tasteten , über einem Abgrund , in den er unfehlbar hinunterstürzen mußte , da sich seine Hände nur am glühenden Stumpf eines Balkens halten konnten ... Eine Leiter war nirgend anzulegen ... Eine Minute noch - und unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeröll und Balken mit zerschmettertem Schädel nieder ... Doch nur eine Secunde der Rathlosigkeit , wo man die Leiter anbringen sollte , die an sechszig Stufen zählte und hin- und herschwankte vor der Macht ihres Gewichts , da schon stand Hubertus und rief : Hinauf ! Wer steigt hinauf ? ... In seinen knöchernen Armen hielt er die Leiter , daß sie frei schwebend stand wie gelehnt an eine Mauer ... Klettert hinauf ! rief er wiederholt und immer dringender redete er den Ablehnenden zu ... Habt keine Furcht ! bedeutete er die , die die Leiter , so nur frei in der Luft gehalten , zu besteigen zögerten ... Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Witoborn ... Schon berührten die Füße des in der Luft Hängenden die obere Sprosse der Leiter - er würde sich nicht haben halten können ohne einen Arm , der ihn umfing ... So kletterte der Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor ... Wie eine Gerte bog sie sich , je höher er kam ... Hubertus stemmte sich aber fest wie ein Athlet und balancirte die ungeheuere Wucht ... Hülfe , die hinzukam , stieß er zurück mit dem Ruf : Gleichgewicht ! - Das - kann nur Einer ! - Mit den Zähnen knirschte er zum Zeichen seiner äußersten Anstrengung ... Der Arbeiter war jetzt oben ... Er ergriff den schon Sinkenden , dessen Hände verbrannt sein mußten ... Jetzt zog er ihn zu sich herüber auf die Leiter ... Diese , vom doppelten Gewicht überlastet , bog sich ... Ein Schrei des Entsetzens unter allen Umstehenden , von denen einige hinzusprangen , um Hubertus wiederum zu unterstützen ... Doch » Zurück « ! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee , die Arme in der fünften und sechsten Sprosse eingeschlungen , sodaß er die gewaltige Last nur wie eine vom Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt ... Der Arbeiter stieg nieder und brachte den Ohnmächtigen glücklich zu Boden ... Je näher dem Mönche Jean Picard kam , je näher ihm der Anblick des Armes möglich wurde , auf dem er das verhängnißvolle Zeichen der Erkennung suchte , desto schwächer wurde die Kraft des Bruders , dessen Kutte hie und da an den noch brennenden Trümmern schon versengte ... Nun ließ er das Hinzukommen anderer geschehen ... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterster Sprosse stand , sank die Leiter in die Hände der Uebrigen ... Hubertus holte einige Augenblicke Athem , hörte mit lächelndem Kopfnicken die bewundernden Beifallsäußerungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter , der den Bewußtlosen weg von der Brandstätte trug ... Diesem bot man jetzt Hülfe , Erquickung , ein Lager in dem andern Flügel des Schlosses ... Hubertus aber sagte zu dem Träger : Laßt das alles , Landsmann ! ... Ich trag ' ihn schon selbst weiter ! ... Mit Brandwunden weiß ich umzugehen ! ... Damit nahm er den Ohnmächtigen und trug ihn aus dem Gewühl und ganz aus dem Schloß hinaus in das inzwischen aufs neue und immer mächtiger vom Menschenstrom belebte Dunkel der Nacht ... Während jetzt schon von allen Thürmen auf Meilen umher die Feuerglocken riefen , kamen auch die Theilnehmer der Jagd an ... Terschka voraus auf einem leichten Wagen ... Thiebold ... der Onkel ... Auch von Witoborn kamen Benno und Hedemann ... Armgart machte sich Bahn durch alle ... Paula ' s hohe Entschlossenheit und muthvolle Haltung hörte erst auf , als sie in die Arme ihrer weinenden Freundin sinken konnte ... Bonaventura stand voll Rührung und sprach , als die Gefahr vorüber schien , mit zitternder - tiefahnungsbanger Stimme ein Dankgebet , in das alle Nahestehenden mit entblößten Häuptern einstimmten ... Die Thurmuhren schlugen zehn ... Jedes sagte : Wenigstens noch ein Glück , daß der Unfall so zeitig ausbrach ... Wächter wurden für die Nacht bestellt ... Allmählich wurde alles stiller ... Die Gruppen lösten sich auf ... Man zerstreute sich ... Auch die Schloßbewohner bedurften der Ruhe ... Onkel Levinus fand sich leicht in neue Thatsachen , die er gedruckt las , schwerer in solche , die er selbst erlebte ... Er hatte mehr als sonst gewohnt dem Rebensafte zugesprochen , auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstärkung genommen ... Um sich zu finden und im Nichtzuändernden zu orientiren irrte er mit einem offenen Lichte so lange im Schlosse auf und ab , bis ihn die Wächter aufmerksam machten , er könnte leicht den Brand aufs neue entzünden ... Armgart flüchtete auf ihr Zimmer wie ein verstörter Geist ... Terschka , dem man kaum die Anwesenheit des Mönchs Hubertus und dessen gewaltige That erzählt hatte , als er auch schon in seine unversehrt gebliebene Wohnung entschlüpfte , schien am längsten zu wachen ... Das Licht an seinen Fenstern erlosch erst nach Mitternacht ... Bonaventura war mit Benno , Thiebold , Hedemann und Müllenhoff zu Fuß gegangen ... Endlich breitete die stille Nacht über das Gemälde des Schreckens ihre dunkeln Schwingen ... Schauerlich ist es , wenn nach solchen Begebnissen auf einsamem Lager der Schlummerlose das Krähen des Hahnes so laut und hell und wohlgemuth hört , wie zu aller Zeit , und doch sich sagen muß : Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in seiner ganzen folgenschweren Größe ... 18. Frau Schmeling , jenes Mütterchen , durch das , wie wir wissen , eine ganze Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte , wußte ihre Nächte zu schätzen ... Der himmlische Vater läßt seine Kinder öfter bei Nacht in dies Freuden- und Jammerthal einschlüpfen als bei Tage ... Selbst eine so große Begebenheit , wie der Brand auf Schloß Westerhof , brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistöckigen , stattlichen Häuschen , das nur ein klein , klein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag , zugänglich ihrer Stadt-und Landpraxis , umgeben von einer gewissen geheimnißvollen Verschwiegenheit , die das Zutrauen zu ihr seit nahezu vierzig Jahren nicht wenig gemehrt hatte ... Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht ... Schon war sie zur Ruhe gegangen , als ihr einziger Hausbewohner , eine alte Magd , sie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Westerhof brachte ... Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Müllenhoff zu Sanct-Libori , der ihr auf ihr fünfzigjähriges Jubiläum noch mit dem Kirchenbann hatte drohen und sie des Teufels Großmutter nennen können , daß sie geradezu herausbrummte : Ob ' s denn auch wirklich auf dem Schloß wäre ? Und doch nicht etwa - in Sanct-Libori ? ... Ein leises Kichern dabei , das hörte die Magd nicht einmal ... hörte nicht die still für sich ins Bettkissen , ja in einen kleinen grauen Bart gebrummten Worte : Kindtaufe ! Kindtaufe ! Hihi ! Er läßt vielleicht schon illuminiren ... Ne , ne ! sagte die Magd , dat muot en groot Füer sin ! und zeigte durchaus nach Westerhof ... Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling , so wolle sie denn up stahn und wenigstens Licht maken ... Inzwischen unterhielt sie ' s , den großartigen Lärm zu hören , der sich auf der Landstraße entwickelte ... Ihr Häuschen lag in einem Hohlweg , der sich von der Landstraße abwärts senkte den Gärten zu , die zur großen Besitzung der Frau von Sicking gehörten ... Im Sommer war das hier alles gar grün ringsum ... Lämmlein und - Schweine genug weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Bäume , die hinterm Gärtchen des Hauses lagen , hatten sogar Ruf und Anziehungskraft durch die ihnen angehefteten Bildchen und frommen Sprüche und besonders durch eine erquickliche Aussicht und eine Bank , wo mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne unter nächtlichem Sternenglanz in ernst bedeutsamem Gespräch mit der Alten verweilen und über Manches seufzen konnten ... Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk von Witoborn , obgleich es nachher noch Strecken von Wiesen und von Kirchhöfen gab , bis man die Mauern der alten souveränen Bischofsstadt erreichte ... Jetzt jagten die Spritzen mit Fackeln nach Westerhof ... Gensdarmen sprengten dahin , zuletzt ein Piket Husaren ... Und die Menschen liefen und - lachten sogar , denn » Feuer ist eine Bürgerfreude ! « sagt ein frankfurter Sprichwort ... Daß aber die junge Gräfin das Feuer nicht beschwören kann ! meinte die Magd , die , wenn ' s verlangt wurde , an Hexen glaubte ... Dummer Schnack ! antwortete Mutter Schmeling , die in diesem Gebiet bewanderter war . Eine weise Frau - sie verstand darunter eine Zauberin , keine sage femme - eine weise Frau kann wol andern Gutes thun , aber sich nicht selbst ... Nach so tiefsinniger Aeußerung überlegte sie , ob wol im Bereich des Schlosses Jemand wäre , den Mutterhoffnungen demnächst auf ihre Hülfe anwiesen . Es kamen Fälle vor , wo gerade solche Schreckensaugenblicke Geburten beschleunigten , andere vereitelten ... Sie zählte an den Fingern , wie weit es noch mit der Moorbäuerin und Frau Leyendeckerin hin war ... Endlich bog Niemand vom Weg in ihren Hohlweg ab ... Sie verbrannte nur unnütz Oel ... Die Wand , wo sie schlief , faßte sich noch kalt an ... Sie wollte sich wieder zur Ruhe legen ... Eine Stunde mochte sie vergebens den Schlaf gesucht haben - Der Lärm der Glocken , das Blasen und Trommeln in Witoborn , das Rasseln auf der Landstraße förderten die Ruhe nicht - als sie heftig an ihre Hausthür pochen hörte ... Die Magd , die sich nicht nehmen ließ oben auf dem Dache nach Westerhof zu die malerische Aussicht zu genießen , kam erschreckt in die Stube zur ebenen Erde mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flüsterte der Alten , die aufhorchte : Wat soll dat ? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menschen her - huckepack - Die Hebamme wußte , wer der alte Bettelpfaff war ... So ? sagte sie ruhig und erhob sich , trotz des Pochens noch zweifelnd ... Einen Mann trägt er - ich sah ihn über die Lehmgrube kommen und dachte erst : Wer sucht nur da was ? Nun kommt er gerade über ' n Wall - und das da draußen , das sind sie - Wieder pochte es stärker und stärker ... Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben ... Ein Rock war bald übergeworfen ... Mach mal auf ! sagte sie ... Einer Gefahr glaubte sie in keiner Weise gewärtig zu sein ... Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Bürde ein , die er von Schloß Westerhof bis hieher getragen hatte . Er hatte Umwege gemacht , um die Landstraße zu vermeiden . Jetzt verließ ihn allmählich die Kraft . Welche Anstrengungen hatten aber auch die Erlebnisse dieses Tages von Beginn der Jagd an ihm schon zugemuthet ! Er ließ den noch immer Bewußtlosen in dem Zimmer , dessen Eingang sogleich zur Rechten lag , auf einen alten Lehnstuhl sinken , rückte sofort zwei Stühle herbei , legte darauf die Füße der über und über geschwärzten abschreckenden Gestalt im gestreiften Kittel und sank selbst , anfangs sogar sprachlos , auf einen Stuhl , den ihm die alte Frau mit Erstaunen hinschob , während die Magd schon nach der Küche lief , um Torf für den kaltgewordenen Ofen zu holen ... Heiliger Lazarus , was ist denn das - für ein Schornsteinfeger - ? Der ist wol verunglückt - auf dem Schloß ? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwärmen der Stube auch schon in Betracht ihrer selbst ... Hubertus machte sich , allmählich wie zu Kräften kommend , mit der Bequemlichkeit seines in Erschöpfung Liegenden zu schaffen und trat mit dem Verlangen hervor , Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen Hause ihre obern Zimmer für diesen allerdings beim Brande Verunglückten öffnen , den er anfangs nach Witoborn ins Spital hätte tragen wollen , nun aber lieber selbst verpflegen wolle ... es wäre ein Mensch übrigens , vollkommen reich genug , sie zu bezahlen ... Ein Wagen würde den Kranken jetzt zu sehr erschüttert haben ... Deshalb hätt ' er lieber ihn selbst getragen ... Ne , dat geiht nicht ! Da oben ? Bruder , dat geiht nicht ! Warum nicht ... ? Ihr wißt , ich habe Euch immer gern gedient , schon - als Ihr noch weltlich wart ! Aber - dat geiht nicht ! Der Mann ist brav , seine Wunden schmerzen ihn - und die Kosten - Das ist ' s nicht - Oben ist ' s bewohnt ! schaltete jetzt die Magd ein ... Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte : Bewohnt oder nicht ... Wat snakt sie ? ... Aber ... Ja ! Ich erwarte - Wieder so eine - Prinzessin - ? Ja - ja ... Was bringt ' s Euch denn ein ? Ich selbst habe nichts ! Der Mann da aber ist reich - Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmählich Erholenden , der die Augen aufschlug , wieder sinken ließ und sich an die von einem spärlichen Lampenlicht erhellte kleine , nicht unfreundliche Stube erst allmählich gewöhnte ... Die Nähe eines Mönchs mußte ihn annehmen lassen , er wäre im Spital - Die weitere Verhandlung über seine im obern Stock zu bewerkstelligende Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung , die der Gerettete mit Aufhebung einer seiner blutig rothen und an andern Stellen schwarzen Hände zu begehren schien ... Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen für Wasser oder Thee ab und zog aus seiner Kutte eine Korbflasche , die er dem Verschmachtenden an den Mund setzte ... Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Mönches an , trank ein angenehm duftendes gebranntes Wasser und athmete gestärkter auf ... Frau Schmeling ! Nehmen Sie den Mann nur auf ! begann Hubertus aufs neue . Er ist wohlhabend ! Ein Diener vom Schloß zwar nur , aber in guten Verhältnissen ! Ich habe sein Geld zu mir gesteckt ! Sehen Sie da , zehn Thaler ! Ihr Bett und alle Ungelegenheiten , die er Ihnen macht , sollen vergütet werden ! Wo kann er auch besser gepflegt werden , als bei Ihnen ? Nur einen Tag ! Dann sorgen wir ja schon weiter ! Er will zu seinen Angehörigen ! Das ist drei Meilen von hier und dahin fährt er morgen oder - übermorgen ! So lange wird ' s doch gehen ? ... Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger sinnend hinter dem rechten Ohr hin und her , während Schneid den Mönch anstarrte , nicht begreifend , was er da alles zu vernehmen bekam ... Für einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und lehnte die hohe Bezahlung ab ... Ich erwarte nur Besuch - sagte sie ... Ja , ja ! Ich weiß schon ! scherzte jetzt hocherfreut Hubertus . Dann werden die Gardinen zugezogen ! Bei Sanct-Franz ! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu lange hier liegen lassen , weil hier nächstens der Kirchenbann anklopft ... Darüber lachte zwar erst Frau Schmeling hellauf , zankte dann aber doch über derlei Reden ... Nun , nun ! beruhigte Hubertus ... Wir Mönche beten dann desto mehr für Sie ! ... Schneid sah nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein : Diable ! nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken vor jedem Aussprechen ... Frau Schmeling wetterte über den Pfarrer Müllenhoff , öffnete die Thür , leuchtete voran und schloß eine zweite Thür auf , die zur Treppe in den ersten Stock führte ... Man konnte diesem auch durch eine Hühnersteige und eine geöffnete Fallthür von der Küche aus beikommen ... Hubertus bestellte heißes Wasser , einen Napf mit so viel Speiseöl , als nur im Hause vorräthig wäre und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf ... Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens , wenn Hubertus bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der Erkennung zuflüstern würde , war er gefaßt ... Soyez tranquille , Jean Picard ! flüsterte er ihm mitten auf der Treppe ins Ohr ... Auf das durch dies Wort wie von einem galvanischen Schlage getroffene mächtige Aufzucken , Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelähmten hielt ihn Hubertus , wie man einen Epileptischen bändigt , Glied an Glied ... Oben empfing sie Frau Schmeling ... Starr , mit aufgerissenen Augenlidern , sah Bickert in die festen Augen des Mönchs ... Es war ein Bild , wie auf der Guillotine sich ein Opfer niederwerfen mag , um nicht erst mit den Armen festgebunden zu werden ... Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag sogleich wieder auf Hubertus ' Lippen ... Bickert ließ sich jetzt behandeln wie ein Kind ... Wie eine Geistesverwirrung mußte es über ihn kommen , als der Mönch fortfuhr : Waschen Sie ihm doch auch das Gesicht , Frau ! Ei , ei , ei ! Allerdings ! Ihr sauberes , sauberes Bett ! Für wen ist ' s denn diesmal bestimmt ? ... Das ist ja gerade wie dazumal bei unserer armen Hedwig ! Wissen Sie noch ? Ziehen Sie nur gleich die Ueberzüge herunter ! ... Aber ich will ihn doch erst ein bischen sauberer machen ... Seinen Rock hab ' ich nicht mitgebracht , aber all sein Geld ... ja all sein Geld ... Nur heißes Wasser jetzt und das Oel ... Ich mach ' s so gut , wie im Spital ... Bis dahin war ' s mir denn doch für die Last zu weit ... Es war ein geräumiges Schlafzimmer , einfach , aber sauber gehalten , wo Hubertus den aus seinen Schmerzen nicht mehr Aufstöhnenden , nur vor Furcht und Schrecken in einem starren Schweigen Beharrenden auf eine Strohmatratze legte , die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte ... Dann nahm er das inzwischen heraufgebrachte Oel , verlangte Leinzeug , an dem im Hause kein Mangel war , und bestrich damit die verbrannten Hände , die er dann in die leinenen Streifen einschlug , den Einschlag mit Bändern befestigend ... Bickert sah bei alledem bald ihn , bald die Frauen starr an und wagte keine Frage , erwartungsvoll , was in dieser Lage ihm noch werden sollte ... Hubertus plauderte immer fort , schilderte das Feuer , lobte die Aufopferung des Geretteten , sprach harmlose Vermuthungen über den Grund des Brandes aus und endete , wie nur so ganz gelegentlich , mit den Worten : Im Feuer - ja da bin ich auch groß geworden , wenigstens in vierzig Grad Hitze - und schon früh hab ' ich meine Haut zum Braten hergeben müssen ! Einmal - ei schon als Junge - nein , ich konnte doch schon von den neuen Tabackstengeln rauchen , die die Spanier dazumal unter Napoleon mitbrachten - als ich zwei Stock hoch aus einem Brand hinuntersprang , zwei Schlingel im Arm , Jantje der eine und der andere - Wenzel hieß er ... So elektrisch getroffen fährt im Käfig ein Panther auf , wenn er die Nähe seines Wärters spürt , streckt den Kopf , reckt die Ohren und starrt erwartungsvoll ins Leere , wie jetzt Bickert ... Der Mönch drückte wieder ihn mit nervigem Arme , aber scheinbar ganz harmlos , nieder ... Ruhig , ruhig ! sagte er . Jetzt kommen wir ja an die Sonntagswäsche ! Brav , Jungfer ! brav ! Nur her mit dem Schwamm ! ... Schade wär ' s freilich um eure Betten ! Und um eure Prinzessin ! Eure weiße Unschuld ! Richtig - Jantje ! Von dem sprach ich ... Na , dem wäre schon damals besser gewesen , er hätte das Zeitliche gesegnet ! Verstand hatte er ohnehin nur halbwegs ! Manchmal - da kam ein bischen guter Wille zum Vorschein ! Sonst - Hier her , Frau Schmeling ! Gelt , Landsmann , der Schwamm thut gut ? ... Ja , Mutterchen , könnten wir Pfaffen doch überall so die Sünden und Brandmale wegtilgen - - besonders die an uns selbst ! ... Während Frau Schmeling die Bemühungen der Pfaffen um solche Seelenwäsche nach ihren neuesten Erfahrungen als höchst problematisch schilderte und namentlich die neueste hierländische Seife als viel zu beizend verwarf , wusch Hubertus die entblößten Arme , auf denen er schon längst beim Herübertragen des Bewußtlosen vom Schlosse die verhängnißvollen Zeichen erblickt hatte ... Seid Ihr denn da so kitzlich ? fragte er , als Bickert dem Aufknöpfen der Jacke und dem Aufstreifen der Aermel wehrte ... Laßt doch ! ... Franz Bosbeck , wie ich sonst hieß , ist ja keine zimpferliche Dame ! Mir gegenüber - Ei Jantje , Jantje - Seid doch nicht so verschämt ! Solche Muttermäler kenn ' ich ja ! So ! Es macht sich ... Die Frauen hörten diese Reden nicht alle ; sie gingen ab und zu , trugen das schwarze Spülicht fort , trugen die Kleider hinaus , brachten ein frisches Hemd , frisches Wasser . Ehe dann zuletzt eine Suppe kam , die Hubertus schon beim Hinaufsteigen bestellt hatte , reichte er noch einmal dem mit geöffneten Lippen ihn Anstarrenden die Korbflasche ... Bickert trank zwar , sprach aber für sich Fluch auf Fluch , wilde Worte , die er sogar - mit der Mutter Gottes bekräftigte ... Welche denn ? fragte rasch Hubertus . Doch wol die Mutter Gottes von Neus ? Eine in seinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna ... Eine andere ! sagte Bickert , drückte seine Augen zu und sank aus seinem Trotz in Erschöpfung zurück ... Mütterchen , flüsterte jetzt Hubertus , nun hilft da nichts ! Die Nacht halt ' ich hier oben Wache ! Die Matratze liegt schon da ; ein Kissen und ich schlafe wie ein Marder ! Mein Kloster soll ' s hernach schon hören und mich freisprechen , wenn ich auf Reisen war und Heiden bekehrte ... Und sie warten ja auch sonst nicht allzu lange mit dem Kartoffelsalat und mit ihrer Grütze auf mich ... Morgen , da macht Ihr mein Leibgericht ... Speckpfannkuchen mit Kartoffeln ... Während dieser Plaudereien , bei denen er oft an Lucinde , oft an den Landrath denken mußte , trug der Mönch den Verbrecher ins Bett , das aus einem Ueberfluß von Federn aufgehäuft war - dergestalt , daß immer noch davon weggenommen werden konnte und doch genug übrig blieb , den jetzt von dem heftigsten Fieberfrost Ergriffenen zu erwärmen ... Die Wirkung , die der Mönch auf den Verbrecher ausübte , war die des Magnetiseurs ... Bickert war in physische Betäubung versunken ... Machtlos starrte er ins Leere ... Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Löffel eingegeben werden ... Sein zerschundener Kopf sank ins Kopfkissen zurück und bald schien es , als wenn er entschlief ... Auch Hubertus übermannte dann die Anstrengung ... Er legte sich auf die Strohmatratze , zog ein Kissen unter den unbehaarten Kopf und in einer Viertelstunde war im Häuschen alles so ruhig , wie nur je zur Nacht die es antrafen , die Mutter Schmeling zu der geheimnißvollsten Feierstunde des Lebens abriefen ... Der Morgen brach an ... Es ist ein eigenes Düster , mit dem uns der Tag nach ereigniß- und verhängnißvollen Erlebnissen begrüßt ... Bleiern drückt dann die unabänderliche Nothwendigkeit ; jeder Athemzug , der sonst sich frisch und sorglos von der Brust gerungen hätte , ist gehemmt von Furcht und Erwägung ... Hubertus erwachte am frühesten und doch schlugen die Glocken von Witoborn schon sieben Uhr ... Die Tage brachen jetzt schon zeitiger an ... Hell genug war es , um sich schon im Hause zurecht zu finden ... Bickert schlief noch - wie eine jener Ratten , über die er in den unterirdischen Gängen des Profeßhauses sorgloser gelacht hatte , als er es heute beim Erwachen würde thun können ... Hubertus rechnete bestimmt darauf , daß sich zwei Erkundigungen durchkreuzen müßten ... Eine nach dem Befinden des Dieners , für den man vom Schloß aus Sorge tragen würde ; eine , die von einer wiederholten Anzeige an die Behörden ausgehen und in dem gestrigen Helfer vielleicht schon den Urheber des Brandes suchen würde ... Zunächst hatte er die Sorge um das Befinden des Landraths und die Auskunft , die Lucinde bei der Messe im Münster erwartete ... Der Verbrecher schlief einen Schlaf , aus dem ihn Hubertus nicht wecken mochte ... Die Brust hob sich in so regelmäßigen Zügen , daß es ein Stärkungsschlaf schien , den der völlig verthierte und doch wieder furchtsame und feige Mensch deshalb bedurfte , um die Kraft zu gewinnen für Hubertus ' weitere Pläne ... Immer noch kämpfte er mit sich , ob er einen Mordbrenner der gerechten Strafe entziehen durfte ... Schon während er die Flamme aus der Ferne auflodern sah und ihm der Gedanke kam : Das , das ist die That , zu der sich der Unglückliche hat dingen lassen ! gab er die Absicht des Schutzes auf und beflügelte nur noch um Lucindens willen seine Eile - nicht fassen konnte er , wie ein ihm durch Klingsohr so anziehend gewordenes Mädchen sich an so verbrecherischen Vorgängen betheiligt wissen konnte ... Dann sah er doch wieder den , den er suchte , als den Thätigsten bei der Rettung ... Durch diesen unerwarteten Anblick gewann er neue Gunst für den Verlorenen ... Selbst wenn er sich sagen mußte : Der Verzagende warf sich nur deshalb unter die Rettenden , um nicht den Schein der Anstiftung zu haben , die Umstände zwangen ihn , seine Rolle zu wechseln - erfüllte ihn das Räthselhafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen , erst aus Bickert ' s Munde selbst darüber aufgeklärt zu werden ... Dem Arm des Gesetzes ihn zu entziehen , konnte , nicht unter seinen Entschlüssen derjenige sein , der die Oberhand behielt ... Vorläufig jedoch wollte er ihn um Lucindens willen in Sicherheit bringen , ihn noch heute gegen Abend weiter befördern und ihm nur für den einen Fall auf den Weg nach Bremen verhelfen , daß er einen Menschen antraf , dem sich solche Hülfe noch mit gutem Gewissen gewähren ließ , und daß ihm keine durch die Brandstiftung verdeckte sonstige schwere Unthat zur Last fiel ... Um Aufklärungen über Bickert ' s Beginnen konnte er jetzt nicht drängen ... Allmählich ließen sich auch die Frauen hören und sorgten für einen erquickenden Morgentrunk ... Sollte vom Schlosse geschickt werden , sagte Hubertus , sich zum Gehen anschickend , so erzählt nur , daß ich ihn ins Spital tragen wollte , aber mit meinen Kräften nur bis hieher reichte ! Was man an Erquickungen bringt , nehmt getrost an ! Kann man ihn aber selbst schonen und von Niemanden sprechen lassen , desto besser ! Ich ließe an Euerer Statt Niemanden zu ihm ... Die Frauen versprachen zu thun , was in ihren Kräften stand ... Nur sagte die Schmeling : Wenn aber die Gensdarmen kommen - Die Gensdarmen ? ... Ich vermuthe ... Die Gensdarmen ? Warum die ? Mutter Schmeling fuhr mit dem gekrümmten Zeigefinger wieder hinter ihrem Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen , obgleich sie sich dabei entschlossen auf ihre paar noch übrigen Zähne biß ... Was habt Ihr denn nur ? - fragte der Mönch ... Mutter Schmeling stand nicht Rede , sondern lästerte über die Ordnungen der Welt . Sie stellte hundert Fragen in Aussicht , die ja bekanntlich ein Narr thun und auf Erden nicht der Weiseste beantworten könnte ... Hubertus sah , daß diese Erwartung eines Besuchs durch die Gensdarmen nicht in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Ursache des Brandes stand , forschte dann auch nicht länger und begnügte sich eingesehen zu haben , daß auf alle Fälle sein