oder sonst wer geneigt , einen Philosophen zu heirathen , so hoff ' ich , die trüben Bilder , die du von der Zukunft hast , zu verscheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu können , was , wenn ich unvermählt sterbe , leider meiner Familie gehört . Eine Vernunft- , eine Geldheirath ! fuhr Rudhard , da Adele stockte , mit fester Stimme fort . Sie wissen , in dem Falle , daß wir vor den Thorheiten der d ' Azimont geschützt bleiben , in dem Falle , daß Ihre Kinder einst die Erben Ihrer Tante werden , daß sich die zerrütteten Vermögensverhältnisse des Hauses Wäsämskoi auch ohne eine Verbindung mit dem Baron Dystra wiederherstellen können . Sie glauben , daß Helene von dem Prinzen Egon lassen , durch eine Scheidung von d ' Azimont , die schon im Werke sein soll , uns die Hoffnung auf ihre Reichthümer nicht nehmen wird ? Ha ! Ha ! Ich zweifle sehr daran , sagte Rudhard fest , ich zweifle , daß Egon , der sich täglich mehr wiederfindet , täglich sein Inneres kräftiger entwickelt und einen Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Thorheiten aufrichtet , sich jemals zu solchen excentrischen Schritten , wie eine Heirath zwischen ihm und Helene sein würde , herbeiläßt ... In diesem Falle hätten wir Aussichten ... Gut ! Aber sie reichen weit hinaus ! So weit , Adele , wie der Fürst selbst sah . Ihre und die Jugend-Existenz Ihrer Kinder ist gesichert . Sie werden niemals glänzend leben können , das ist wahr . Sie haben es aber nicht nöthig , da Sie nicht glänzend erzogen wurden . Was Sie zur Unterhaltung Ihrer Würde , zur Ehre Ihres Standes bedürfen , das besitzen Sie . Der Fürst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses , seinen Namen , das spätere Loos seiner Kinder gesichert sehen . Er war nie reich . Die Familie verarmte vollends und fühlte nur zu tief , wie mislich es ist , von den Launen des Kaisers abzuhängen und von den Wechselfällen des Geschickes . Er wollte in jenem alten russischen Bojaren-Stolze der Selbstständigkeit seiner Familie eine Stütze geben und hoffte auf zwei Möglichkeiten , entweder die Erbschaft von der reichen Gräfin d ' Azimont oder die Verheirathung seiner Kinder . Baron Otto von Dystra ist sein Freund gewesen . Ein unruhiger Charakter , der zweimal die Welt umschiffte und von der Regierung zu ihren großen überseeischen Missionen benutzt wurde . Es ist wahr , er soll Schätze besitzen , die er längst schon dem Fürsten zur Verfügung stellte . Der Fürst schlug sie für sich aus , nahm aber die mir immer nur frivol erscheinenden Anerbietungen des Barons , sein unruhiges wechselvolles Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und wär ' s mit Olga oder Paulowna beschließen zu dürfen , erst eben so scherzend , eben so frivol entgegen , bis aus ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in der That unterwegs ist , sein leichtsinnig verpfändetes Wort zu lösen . Dieser Brief , den ich heute aus London empfing , kündigt seine Ankunft so plötzlich an , daß wir ihn binnen drei Tagen erwarten dürfen . Olga fühlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz . Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen , lobte die weise Sorgfalt des Fürsten , pries die Umstände Dystra ' s , nannte ihn , trotz seiner barocken Gestalt , einen Philosophen , ohne angeben zu können , worin seine Philosophie bestände , behauptete , daß der Fürst nur Ehrenmänner zu Freunden gehabt haben könne und schloß damit , daß auf diese Art Olga ' s Zukunft ja vortrefflich bestimmt wäre und es keiner Böswilligkeit ferner einfallen könne , sich in die innern Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen . Und Alles , Alles Das , Adele , weil ... rief Rudhard , seinen Zorn unterbrechend . Sein Gefühl , die Rücksicht übermannte ihn . Weil ? fragte die Fürstin mit einer Sicherheit , die ihm verrieth , daß ihr Charakter jetzt erst , in ihrem vierunddreißigsten Jahre , in seine Entwickelung getreten war . Weil Sie selbst es sind , brach Rudhard hervor , Sie selbst , die Wildungen lieben und in Olga die glücklichere Nebenbuhlerin fürchten ! Rudhard glaubte in der Fürstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen , irgend den Ausbruch eines gewaltigen Zornes , eines längst gegen seine Bevormundung verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben . Nichts von alledem . Die Fürstin rümpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene : Wie zart und rücksichtsvoll Sie sind ! Sag ' ich etwa die Unwahrheit ? fuhr Rudhard , durch diese Antwort sich steigernd fort . Muß ich mir nicht die bittersten Vorwürfe machen , daß ich in blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder , einen theilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einführte , der , ohne selbst die geringste Veranlassung zu geben , in die jungen Gefühle eines Kindes den ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten Funken zur Flamme entzündet . Diese Worte entrüsteten die Fürstin . Es ist genug ! rief sie sich erhebend . Es ist genug , Rudhard . Ich habe das Joch Ihrer Weisheit so lange getragen , daß ich selber dumm darüber wurde ! Ich habe Sie denken lassen und gethan , Jahre lang gethan , was Sie mir als gut und recht zu thun anempfahlen . Aber ich fühle , daß ich gegen Andere zurückgeblieben bin , daß ich verkürzt wurde um meine Freiheit , um mein wahres Lebensglück . Diese Zeit ist aus . Von der Botmäßigkeit , in der ich unter Ihnen stand , jetzt in eine Sklaverei kommen zu sollen , bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen würde , Das ist zu viel , Das vermag ich nicht zu ertragen . Ich würde gehen , sagte Rudhard , wenn ich dem Fürsten nicht geschworen hätte , über die Kinder zu wachen , bis mein Auge bricht . Quält Ihr mich , rief Adele , foltert Ihr mich , so wähl ' ich den äußersten Fall - Fürstin ! So bleiben Sie und ich gehe ! Die Mutter von ihren Kindern ? ... Adele ! Rudhard ' s Stimme zitterte . Er mußte einen Sitz suchen , um sich aufrecht zu erhalten . Adele aber fuhr fort : Versteh ' ich denn jetzt , was meine Schwester bestimmen konnte , entehrende Fesseln zu brechen ? Fass ' ich ' s denn jetzt , was es heißt , das Leben hingehen lassen , ohne seine Blüten zu brechen , ohne seine Früchte zu genießen ? Du kalter Mann , du schiltst das Herz , daß es liebt ? Hab ' ich denn je geliebt ? Hab ' ich denn je die Wonne empfunden , in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnsucht , in seiner Nähe vom Schauer der zärtlichsten Freundschaft ergriffen zu werden ? Ich habe den Fürsten geheirathet , weil es so beschlossen wurde . Ich achtete ihn , ich verehrte ihn . Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre . Mein Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe . Ich ahnte eine schöne Welt , ich fand sie in den mütterlichen Pflichten . Ich habe mich nie gesträubt sie zu vollziehen . Ich lebte ihnen bis diese Stunde . Aber wenn sich ein Kind in das eigene Herz der Mutter krallt , wenn es über uns hinweghüpfen , über uns hinwegtändeln , über uns hinweglachen , lieben will und die Jugend wie ein trotziges Vorrecht übt , dann komm ' ich mir vor wie ein Mensch , den man lebendig begraben will , und ich schüttle mich , ich springe auf , ich lasse mich nicht in die Erde werfen , ich sage : Ich liebe ! Ich liebe Siegbert Wildungen und das Schicksal ist gütig , Gott ist liebevoll wie unser Herz , ich weiß es , ich werde durch ihn nicht unglücklich sein . Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Fürstin . Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeöffneten Vorhange Olga stehen , wie wahnsinnig , mit geisterhaftem Blicke . Du hier ? Was willst du ? herrschte die Mutter zornentbrannt . Mutter ! rief das Mädchen halb ohnmächtig mit schmelzendem Ausdruck und wollte sich in die Arme der Fürstin werfen . Hinweg ! schrie diese im höchsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes . Olga , so zurückgewiesen , blieb stehen , sah die Mutter mit zitternden Lippen , funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an , dann lachte sie plötzlich , klatschte in die Hände und rief : Gute Nacht ! Gute Nacht ! lachte wieder und stürzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefühle schluchzend , aber auch triumphirend hinter dem Vorhange davon . Die Fürstin folgte ihr , sah , daß das Cabinet auf den Corridor hin nicht verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmächtig und erschöpft auf ihr Kanapé . Rudhard nahm die Briefe und kämpfte einen Augenblick mit sich , ob er dem Starrkrampf , in den die Fürstin gefallen schien , eine mildere Lösung geben sollte . Er war aber zu entrüstet , zu streng dazu . Auch überwältigte ihn die Trauer , daß alle Erziehung , alle Lehre nicht ausreicht , in gewissen äußersten Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrücken . Er sagte nichts , als ein einfaches : Sammeln Sie sich , Adele ! Prüfen Sie ernst , was Sie bewegt . Tödten Sie Ihr Kind nicht ! Es gibt einen moralischen Tod , den ich bei Olga mehr fürchte , als den physischen . Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse . Das weiß ich , Das hoff ' ich . Damit ging Rudhard und überlegte , als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg , ernstlich , was nun zu thun sei . Als der Sensenmann an seiner Uhr zehnmal anschlug , stand es ihm nach längerer Prüfung fest , daß hier nur Siegbert Wildungen selber helfen konnte . Er war überzeugt , daß es nur einer kurzen Aufforderung bedürfen würde , um diesen edlen jungen Mann zu bewegen , sich auf einige Zeit nicht nur von diesem Hause , sondern auch aus der Stadt und ihrem nächsten Umkreise ganz zu entfernen . Adele aber überlegte , wie viel von Dem , was Olga möglicherweise belauscht hatte , hinreichen würde , ihre Wünsche zu erleichtern oder zu erschweren . Goethe ' s Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor . Sie sah durch ihr Fenster hinüber in die dunklen Gärten . Im Hause der Geheimräthin von Harder war es hell und belebt . Sie mochte nicht länger hinsehen ; es war ihr Alles peinlich , Alles zu eng , um sich zu klein ! Erst in den heftigen Vorwürfen , mit denen sie ihr Kammermädchen wegen der nicht geschlossenen Thür überschüttete , fand sie sich zurecht und warf sich erschöpft , in verdrießlichster Misstimmung von der Welt , schmerzzerrissen , auf ihr einsames Lager . Diese Nacht , einer uns werthen Familie so ernst und bedeutsam , sollte auch dem Kreise der Freunde , deren Schicksalen wir folgen , mit verhängnißvollen Sternen aufgehen . Versetzen wir uns in das innerste Gewühl der großen Stadt , an die Stelle ihrer reichsten historischen Erinnerungen . Da , wo die alte Johanniskirche und die Propstei , wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte Johanniterkomthurei und das Rathhaus liegen , befindet sich auch der sogenannte Rathskeller , einer der beliebtesten Besuchsörter , ein von der gewähltesten Gesellschaft gepflegtes , alterthümliches Local . Dicht an dem Rathhause selbst gelegen , waren seine oberen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der Zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen durch einen Hof mit dem ehrwürdigen alten Rathhause selbst in nächster Verbindung . Das untere Geschoß hatte seit den ältesten Tagen der Rathskellermeister in Besitz . Es waren dies große , feuerfeste Gewölbe , zu denen man durch eine niederwärts gehende Treppe von der Straße herabstieg und die nach jenem Verbindungshofe mit dem Rathhause wieder ihren Ausgang hatten . Der Rathskeller war immer nur den tüchtigsten und empfohlensten Küfern anvertraut worden . Es war eine Pachtung , die man vom Rathe nicht meistbietend , sondern nach einer Prüfung erstand . Die gewaltigen Vorräthe aus alter Zeit , die man mehr der Curiosität als der Nutznießung wegen gesammelt hatte , standen unter der Pflege dieses Rathskellermeisters , während der übrige Theil seines Geschäftes auf eigene Rechnung ging . Der gegenwärtige Rathskeller war eins der beliebtesten Stelldicheins der Stadt geworden . Man fand nicht nur an den vorzüglich gehaltenen Weinen seinen Gefallen , sondern auch an der außerordentlich gemüthlichen Einrichtung dieser vielen kleinen Souterrains . Wenn man von der Straße etwa acht Stufen niedergestiegen war , betrat man einen langen Gang , der auch den ganzen Tag schon durch Gaslicht erleuchtet und an den Wänden nicht ohne Geschmack in Fresko bemalt war . Links und rechts gingen schwere eichene , größtentheils neue Thüren zu kleinen , fensterlosen , grünangestrichenen Cabineten , die alle von einer Gasflamme erhellt waren . Diese durch dicke Grundmauern getrennten Cabinete waren groß und klein , je nachdem man möglichst allein oder in größerer Gesellschaft sein wollte . Klingeln führten auf den Gang hinaus und setzten jeden noch so isolirten Besucher mit den Kellnern , die im Schurzfelle als Küfer auftraten , in Verbindung . Mit der Kellerei war eine sehr gut unterhaltene Speisewirthschaft verbunden . Dieser Rathskeller war eins der ältesten Gebäude der Stadt . Man setzte es auf die Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts zurück und mancher Alterthümler betrachtete voll Theilnahme seinen Giebel oder ließ sich den innern Bau zeigen , der verfallen war , unwegsam durch die hier aufgeschichteten Papiervorräthe , alten Schränke , Pulte , Stühle , aber durch seine Bauart und die Behandlung des Balkengefuges noch mannichfaches Interesse bot . Ursprünglich gehörte dies Haus denselben Templern , die in Tempelheide einen Hof hielten . Es war das Profeßhaus des Ordens gewesen , der in Deutschland sich länger erhielt als irgendwo und , wie wir wissen , auf Befehl des Papstes in den St.-Johanniterorden , ohne weitere Anfechtungen zu bestehen , überging . Bis zur Reformation gehörte dies Profeßhaus den Johannitern , und nach ihr , als diese norddeutschen geistlichen Ritter protestantisch wurden , rechnete man es gleichfalls zu jenen Besitzungen , die bei der Theilung der unglaublich ausgedehnten Güter des Ordens dem Ritter Hugo von Wildungen überwiesen wurden . Noch jetzt sah man das alte dreiblätterige Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am höchsten Giebel des Rathskellers und fand es auch sonst auf sinnige Weise hier und da so zu architektonischer Verzierung benutzt , daß der kreuzliebende Don Eusebio in Calderon ' s Andacht zum Kreuze darüber seine freudigsten Schauer würde empfunden haben . Es war nach sieben Uhr und schon dunkel , als in dem Verbindungshofe des Rathhauses und des Rathskellergebäudes zwei Männer standen , die einen Dritten zu erwarten schienen . Der Eine war eine hohe stattliche Gestalt mit dickem Backenbart und einem tief über die Stirn gedrückten Hute . Der Andere klein und schmächtig und wie von Hektik gebeugt , kurzathmend und klapperdürr . Zum Henker mit Ihrer Schwerhörigkeit , sagte der Starke und Stattliche zu dem Schmächtigen , der ihn schon einige Dutzendmale mit seinem Wie ? Wie sagten Sie ? geplagt hatte . Und sich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend , rief er hinein : Haben Sie ihm punkt Sieben gesagt ? Punkt Sieben , Herr Oberkommissair ! Der Oberkommissair Pax zog seine Uhr und ließ sie repetiren . Es war sieben Uhr . Der Erwartete kam noch immer nicht . Ungeduldig ging der Harrende auf und ab . Hier lagen alte Balken , da standen Tonnen , die zur Kellerei gehörten . In mancher Ecke hing noch eine eiserne Kette oder ein Ring , der früher zu den in den Rathhaushöfen üblichen Executionen benutzt wurde . Der Oberkommissair spielte ungeduldig mit einem dieser Ringe und sah zu den Fenstern des Rathhauses hinauf , die nach dieser Seite hin vergittert waren . Ein menschliches Wesen ließ sich sonst nicht blicken . Abgelegen und still lag dieser Hof , nur zugänglich den Leuten des Rathskellermeisters und den Subalternen des Rathhauses , wenn sie in den Fall kamen , aus den Verschlägen des alten Profeßhauses Akten oder zu feierlichen großen Sitzungen Stühle und Tische holen zu müssen . Eine andere Thür zu dem alten Gebäude als die , zu der man auf einer halben Leiter hinaufstieg , war nicht sichtbar . Ohne Zweifel hatte hier früher eine größere Steintreppe gestanden , war baufällig geworden , abgerissen und nun durch eine hölzerne Nothtreppe ersetzt , die in der That mehr den Namen einer Leiter verdiente . Kommen Sie , Schmelzing , rief der Oberkommissair , wir bleiben einstweilen beim Rathsdiener Spieß oder wir schließen auf und gehen immer hinein . Der zu einem Rathe in diesem Falle Aufgeforderte war in der That der ehemalige Schreiber Schmelzing , der schon lange in mancherlei Relationen zur Polizei gestanden hatte , seitdem aber Hackert ' s Talente von Pax erkannt und für die öffentliche Sicherheit gewonnen waren , sich gleichfalls dem Oberkommissair offener zur freien Verfügung gestellt hatte . Er war mannichfach zu verwenden . Schrieb er auch nicht so kunstvoll wie Hackert , der in der Kalligraphie ein Künstler war , so war seine Feder doch rascher , sein Auge geübter im Enträthseln schwieriger Handschriften und seine Kenntniß des Kanzleistyles zuverlässiger als bei Hackert , dem oft einfiel , seine eigenen Wege zu gehen und in die von dem Oberkommissair verlangten Berichte seine eigenen Ideen einfließen zu lassen . Die heutige Expedition war eine von denen , denen Schmelzing sich gern unterzog , da sie besonders gut bezahlt wurden und ohne ein besonderes Vertrauen der Behörde nicht gut ausgeführt werden konnten . Leider störte ihn seine Harthörigkeit , die wir schon von Nr. 87 her in der Brandgasse Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er keine andere Antwort , als daß er äußerte : Frau Rathsdienerin Spieß ? Eine schöne Frau ! Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem großen Schlüssel , den er aus der Brusttasche zog , sich an die Treppe begeben und auf ihr die Thür des alten Profeßhauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert , nach ihm einzutreten , als man eilende Fußtritte hörte . Pax hielt die Thür noch zu und sah sich um . Es war der Erwartete . Sie kommen so spät , Hackert ! Haben Sie ' s nicht finden können ? Da bin ich jetzt , sagte Hackert . Was soll ' s nun ? ... Die Fässer hier kenn ' ich ... auch die Ratten , die sich hier im Hofe jagen , sind alte Freunde ... Finden Sie sich hier zurecht ? fragte Pax voll Antheil für seinen Schützling , der in gewählter Kleidung , leicht , heiter und sorglos schien . Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu thun hatte , sagte Hackert , sprang ' ich kleiner Bursch ' hier auf dem Hof herum , zupfte das Gras aus und band alte Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum , bis die Rathsdiener kamen und mir Ruhe geboten . Hier hab ' ich leider zu früh Wein trinken lernen . Als zehnjähriger Junge hab ' ich da in der Ecke oft betäubt gelegen und schlief meine ersten Räuschchen aus , die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen , als ... Sie waren von jeher ein Taugenichts , unterbrach Pax lachend . Machen Sie sich nicht besser wie Sie sind ! Hackert schüttelte den Kopf . O ich saß hier oft ganz allein im Hofe , fuhr er , sich umsehend , fort , und freute mich über die Schwalben , die da oben in den alten rothbraunen Fenstern nisteten . Sehen Sie nur da , Fratzen von Füchsen , Wölfen , Kranichen , die die alten Steinmetzen hinein gehauen haben . Die schienen mir alle lebendig zu werden , auch ohne Rausch . Da kam denn manchmal der alte Rathskellermeister heraus und kannte mich als Schlurck ' s Pflegesohn und Schreiberjungen . Da hieß es denn : Fritz komm ! Willst einmal Wein kosten ? Ich schmunzelte blos und sagte gar nichts . Aber der Alte ging und kam mit einem grünen Römer angewackelt voll vom ältesten Niersteiner . Ich hatte bei Schlurck ' s früh Wein getrunken , aber der Niersteiner aus dem Rathskeller brachte mich gleich fertig . Dem Alten quollen die Augen über vor Lachen , wenn er sah , daß ich das Glas hinuntergoß und gleich darauf Augen machte wie ein angestochenes Kalb . Er wollte , ich sollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch , und wurde so verwirrt , daß ich umfiel . Da lachte er aus Leibeskräften und ging in den Keller zurück . Noch ist ' s mir , als hört ' ich das alte Schurzfell rascheln , wenn er so klatsch ! klatsch ! klatsch ! wieder in die Verließe hinunter stieg . Er ist nun todt . Seitdem bin ich nicht wieder da gewesen . Und was soll ' s nun hier ? Die drei Diener der öffentlichen Sicherheit waren während dieser Unterhaltungen in dem innern Raum des alten Profeßhauses angekommen . Aufgeschreckte Ratten huschten an ihnen im Dunkeln vorüber . Pax zog eine kleine Handleuchte aus der Tasche , zündete sie durch ein Streichhölzchen an , das er behutsam auslöschte und der vielen Papiere wegen , die hier schon herum lagen , nicht etwa hinter sich fortwarf . Schmelzing war hier bereits bekannt . Hackert kam zum ersten male . Das sieht da aus ! rief er , hier war ich nie ! Er erblickte zunächst eine große gewölbte Halle , die jedoch ihre Wirkung durch die vielen Schränke und Repositorien verlor , die hier aufgerichtet standen . Schrank an Schrank , Kiste an Kiste , angefüllt mit Papieren . Dazwischen waren Tische , Stühle , Leitern zusammengeschichtet . Beim weitern Fortschreiten sah man eine steinerne Wendeltreppe , die aufwärts ging und auf allen ihren Stufen dieselbe Unordnung verrieth . Links und rechts standen Thüren auf , die in Gemächer führten , die seit langer Zeit ohne irgend eine Bestimmung schienen . Es kam nun ein Treppchen , das aufwärts und sogleich eins , das wieder niederwärts führte . Endlich hielt der Oberkommissair an , setzte seine kleine Handlaterne auf einen Sims und bedeutete seine Begleiter , ihr Ohr näher zu halten , da er leise sprechen müsse . Hackert , sagte er , ich habe Sie deshalb herbestellt , damit Sie Schmelzing unterstützen . Worin ? Im Hören ! sagte Pax .. Ich habe ihm schon alle seine verdammten Gehörgänge untersuchen lassen . Sie waren zwar seit Jahren nicht ausgefegt worden , wie alte Schornsteine ; aber schreien muß man doch , wenn er etwas authentisch in seinen Hirnkasten aufnehmen soll . Was gibt ' s denn hier in der Dunkelheit zu hören ? fragte Hackert erstaunt . Die Regierung , sagte Pax , ist einer Menge gefährlicher Umtriebe auf die Spur gekommen . Fremde Emissaire sind von Paris und Amerika eingetroffen . Man hat die genauesten Anzeichen einer sich ausbildenden neuen revolutionairen Bewegung . Die Nothwendigkeit , wachsam zu sein , liegt auf der Hand und unsere Kräfte reichen kaum aus , überall aufzumerken und aufmerken zu lassen , was im Stillen angesponnen wird ... hier nun befinden wir uns - Über dem Rathskeller ! unterbrach ihn Hackert . Einer Lokalität , setzte Pax hinzu , die ihrer eigenthümlichen Bauart wegen von einer gewissen feineren Revolutionspartei sehr gesucht ist . Es herrscht hier das Zellensystem ! sagte Hackert trocken . Pax lächelte über diese Anspielung auf die pennsylvanischen Gefängnisse . Allerdings , bemerkte er , hat diese Lokalität das Einladende , daß sich kleine Gesellschaften hier völlig abschließen und berathen können ... Dicke Eichenthüren , Mauern so breit wie Kirchenfundamente - da soll Schmelzing etwas hören ? Herr Oberkommissair , die Posaunen von Jericho muß er sich an ' s Ohr setzen , um durch solche Wände eine Verschwörung zu entdecken . Sie verstehen sich auf Akustik , seh ' ich , sagte Pax . Erfahren Sie denn , daß hier drei der gesuchtesten Trinkstuben unter uns mit einer Vorrichtung für Schwerhörende versehen sind . Hackert erstaunte und Schmelzing , der ahnte , wovon die Rede war , bestätigte , was der Oberkommissair ihm eben gesagt zu haben schien . Ist in die Decke unter uns ein Schallrohr eingemauert ? fragte Hackert ungläubig . Das nicht , sagte Pax verschmitzt . Aber diese alten Baumeister waren nicht dumm . Jene drei Zellen sind der Art , daß man hier im ersten Stock jedes darin gesprochene Wort hören kann . Das ist ein Wunder ! Wie wäre Das ? fragte Hackert . Ich kann es Ihnen nicht an Ort und Stelle beschreiben , sagte Pax , denn dort , wo das Wunder stattfindet , müssen wir schweigen . Die Einrichtung ist sehr eigenthümlich . Die in jenen Zellen Sitzenden glauben von dichten Wänden und Eichenthüren verschlossen und geschützt zu sein und sind es auch ... Also keine Hohlwände ? Keine Hohlwände ! Wohl aber wölbt sich die Decke in Bogen der Art empor , daß sie oben sich in der Figur eines Kreuzes vereinigen . Dies Kreuz , an den Ecken in Form eines dreiblättrigen Kleeblattes , ist eine Öffnung , die unfehlbar keinen andern Zweck als zum Luftzuge hatte ... Sagen Sie Das nicht , fiel Hackert ein . Die geistlichen Ritter , die hier hausten , waren halbe Pfaffen , aber sie verstanden Künste , wie die ganzen Pfaffen . Das waren Gefängnisse oder Bußestuben , durch das Kreuz sprachen die Engel mit den Gefangenen und Büßenden oder die Profoßmeister , wie es gerade kam . Ich entsinne mich , mein alter Rathskellermeister hat mir Mordgeschichten von seinen Trinkstuben erzählt . Der mußt ' es wissen . Ich sag ' Ihnen , in seinem Schurzfell und der sehwarzen Sammetkappe sah der Alte aus , als wenn er den geistlichen Rittern hier schon vor fünfhundert Jahren Niersteiner kredenzt hätte . Genug , fuhr Pax fort , Sie werden sich überzeugen , Hackert , daß der Schall der unten gesprochenen Worte durch die Wölbung in das enge Kreuz hinauf dringt wie durch die klügste akustische Vorrichtung . Man vernimmt hier oben jedes Wort und ich kann Ihnen sagen , daß ich mich vollkommen auf Schmelzing verlassen würde , wenn er nicht zu furchtsam wäre , hier oben allein zu bleiben und freilich auch , wenn nicht gerade jetzt sich Menschen dort unten versammelten , bei denen man zwei Zeugen haben muß , um ihrer gefährlichen Verabredungen gewiß zu sein . Aber bester Herr Kommissair , begann nun Hackert , der plötzlich über eine ihm gestellte Zumuthung dieser Art , die erste in diesem Fache der praktischen Polizei , fast überrascht schien ; glauben Sie denn , daß sich da Menschen hinsetzen und dicht unter dem Schallloche verfängliche Reden führen werden ? Ich wünschte , sagte Pax , Sie hätten einmal von unten aus eine dieser Trinkstuben des Rathskellers gesehen . Sie treten ein und sind in einem kleinen abgeschlossenen Zimmer . Eine schwere mit Eisen beschlagene Eichenthür fällt hinter Ihnen zu . Die mit grüner Ölfarbe bestrichenen Wände sind gemüthlich einladend . Man sieht wohl dies Kreuz in der Decke , das mit weißem gegipsten Stukkaturrande zierlich gearbeitet ist ; aber dicht daran hin ist die Röhre der Gasbeleuchtung geleitet . Die Gasflamme , gedeckt von einem Schirme , geht gerade so empor , daß ihr Dunst durch das hohle Kreuz seinen Abzug findet . Diese Einrichtung ist so willkommen , scheint so sinnreich und unerläßlich nothwendig , daß Niemand die Ahnung hat , es könnte durch die Wölbung Das , was unten gesprochen wird , oben hinauf geleitet werden . Also sein Ohr darf Schmelzing nicht darüber halten , sonst würd ' er sich seine schönsten Haare verbrennen ? fragte Hackert lachend . Allerdings dringt genug von dem heißen Dunst herauf , erklärte Pax . Allein das Zwischengebälk des Kellers und des ersten Stockes ist doch wohl zwei Fuß auseinander . Ich entdeckte diese sinnreiche Vorrichtung , wie ich mir einmal die Trinkstuben des Rathskellers ansah . Ich fand den Ton unten so hohl , so schallend und stellte , ohne daß der jetzige Rathskellermeister eine Ahnung davon hat , Versuche an , die selbst mit dem harthörigen Schmelzing ergiebig waren . Das glaub ' ich , sagte Hackert . Diese Vorrichtung ist eine Schalltrompete . Husch ! Schmelzing erschrak . Hackert hatte sich den Scherz gemacht , ihn durch einen Schreckensausruf zu ängstigen . Lassen Sie Hackert ! sagte er ängstlich . Ich versichre Sie . Es spukt hier ! Wirklich ? antwortete Hackert , haben Sie einen alten Ritter gesehen , Schmelzing , der vielleicht mit dem Finger drohte : Will der vermaledeite Horcher da vom Fußboden weg ! Das erste Mal , flüsterte Schmelzing , schloß ich die Thür nicht zu . Da war Alles still . Ich blieb eine halbe Stunde . Es wurde nicht viel Besonderes gesprochen . Das zweite Mal schloß ich hinter mir zu , weil die Thür aufgeht , wenn man sie nicht zuschließt und einem Küfer , der zufällig in den Hof kommt , doch die offene Thür auffallen könnte . Da sah ich etwas ... Ja , sagte Pax lachend , er sah etwas und hörte nichts . Es waren gerade zwei sehr gefährliche Persönlichkeiten in der einen Trinkstube , wo ich schon Minister und Geheimräthe angetroffen habe , der bekannte Major Werdeck und noch einige Geheime , und er hörte nichts , will aber etwas gesehen haben . Ein Skelett , sagte Hackert . Sich selbst hat er irgendwo in einem Spiegel gesehen , der vielleicht vom Pfandhaus sich