. Stadt und Kirche . » Christus als Apotheker « Es möchte sich niederneigen In die spiegelklare Flut , Es möchte streben und steigen In der Abendwolken Glut . Uhland * I do remember an apothecary And here about he dwells ; ... green earthen pots Where thinly scatter ' d to make up a show . Shakespeare Der Reisende , den von Berlin aus sein Weg nach Westen führt , sei es um angesichts des Kölner oder auch schon des Magdeburger Domes zu landen , hat – wie immer ablehnend er sich gegen die Schönheiten der Mark Brandenburg verhalten möge – wenigstens zu Beginn seiner Fahrt , solange die grünen Hänge von Potsdam ihm zur Seite bleiben , einige Partien zu durchfliegen , die er nicht Anstand nehmen wird , als Oasen gelten zu lassen . Wenn aber all die lachenden Bilder zwischen Schloß Babelsberg und dem Pfingstberg , zwischen der Pirschheide und dem Golmer Bruch ihn unbekehrt gelassen hätten , so würde doch das prächtige See- und Flußpanorama ihn entzücken müssen , das die große Havelbrücke eine Meile westwärts von Potsdam vor ihm auftut , und das ihm nach rechts hin eine meilenbreite , segelbedeckte Fläche , nach links hin eine giebelreiche , rot und weiß gemusterte , in dem klaren Havelwasser sich spiegelnde gotische Kirche zeigt . Um sie herum ein dichter Häuserkranz : Stadt Werder . Stadt Werder , wie ihr Chronist Ferdinand Ludwig Schönemann in einem 1784 erschienenen Buche erzählt , liegt auf einer » gänzlichen Insel « . Diese umfaßt sechsundvierzig Morgen . » Zur Sommerzeit , wenn das Wasser zurückgetreten ist , kann man die Insel in einer Stunde umschreiten ; sie aber zu umfahren , sei es in einem Kahn oder einer Schute , dazu sind zwei Stunden erforderlich . Ein solches Umfahren der Insel an schönen Sommerabenden gewährt ein besonderes Vergnügen , zumal wenn des Echos halber die Fahrt von einem Waldhornisten begleitet wird . « Der Chronist hat hier eine romantische Anwandlung , die wir hervorgehoben haben wollen , weil sie in seinem Buche die einzige ist . Der Boden der Insel ist fruchtbar , größtenteils fett und schwarz ; nur ein geringer Strich , von sehr unpoetischem Namen , ist morastig . Was die Entstehung der Stadt angeht , so heißt es , daß sich die Bewohner eines benachbarten Wendendorfes , nach dessen Zerstörung durch die Deutschen , vom Festlande auf die Insel zurückgezogen und hier eine Fischerkolonie gegründet hätten . » Doch beruht – wie Schönemann sinnig hervorhebt – die Gewißheit dieser Meinung bloß auf einer unsicheren Überlieferung . « Unsicher vielleicht , aber nicht unwahrscheinlich . Das umliegende Land wurde deutsch , die Havelinsel blieb wendisch . Die Gunst der Lage machte aus dem ursprünglichen Fischerdorfe alsbald einen Flecken ( als solchen nennt es bereits eine Urkunde aus dem Jahre 1317 ) und abermals hundert Jahre später war aus dem Flecken ein Städtchen geworden , dem Kurfürst Friedrich II. bereits zwei Jahrmärkte bewilligte . So blieb es in allmählichem Wachsen und seine Insellage wurde Ursache , daß keine Rückschläge erfolgten und Stadt Werder durch allen Zeitenwirrwarr hindurchgehen konnte , ohne die Kriegsrute zu empfinden , die für das umliegende Land , wie für alle übrigen Teile von Mark Brandenburg oft so hart gebunden war . Der Dreißigjährige Krieg zog wie ein Gewitter , » das nicht über den Fluß kann « an Werder vorüber ; die Brücke war weislich abgebrochen , jedes Fahrzeug geborgen und versteckt , und wenn der scharf eintretende Winterfrost die im Sommer gewahrte Sicherheit zu gefährden drohte , so ließen sich ' s die Werderaner nicht verdrießen , durch beständiges Aufeisen der Havel ihre insulare Lage wieder herzustellen . So brachen nicht Schweden , nicht Kaiserliche in ihren Frieden ein und es ist selbst fraglich , ob der » schwarze Tod « , der damals über das märkische Land ging , einen Kahn fand , um vom Festland nach der Insel überzusetzen . Das war der Segen , den die Insellage schuf , aber sie hatte auch Nachteile im Geleit und ließ den von Anfang an vorhanden gewesenen Hang , sich abzuschließen , in bedenklichem Grade wachsen . Man wurde eng , hart , selbstsüchtig ; Werder gestaltete sich zu einer Welt für sich , und der Zug wurde immer größer , sich um die Menschheit draußen nur insoweit zu kümmern , als man Nutzen aus ihr ziehen konnte . Diese Exklusivität hatte schon in den Jahren , die dem Dreißigjährigen Kriege vorausgingen oder mit ihm zusammenfielen , einen hohen Grad erreicht . In Aufzeichnungen aus jener Zeit finden wir folgendes . » Die Menschen hier sind zum Umgange wenig geschickt und gar nicht aufgelegt , vertrauliche Freundschaften zu unterhalten . Sie hassen alle Fremden , die sich unter ihnen niederlassen , und suchen sie gern zu verdrängen . Vor den Augen stellen sie sich treuherzig , hinterm Rücken sind sie hinterlistig und falsch . Von außen gleißen sie zwar , aber von inwendig sind sie reißende Wölfe . Sie sind sehr abergläubisch , im Gespenstersehen besonders erfahren , haben eine kauderwelsche Sprache , üble Kinderzucht , schlechte Sitte und halten nicht viel auf Künste und Wissenschaften . Arbeitsamkeit und sparsames Leben aber ist ihnen nicht abzusprechen . Sie werden selten krank und bei ihrer Lebensart sehr alt . « War dies das Zeugnis , das ihnen um 1620 oder 1630 ein unter ihnen lebender » Stadtrichter « , also eine beglaubigte Person , ausstellen mußte , so konnten einhundertundfünfzig Jahre weiterer Exklusivität in Gutem wie Bösem keinen wesentlichen Wandel schaffen , und in der Tat , unser mehr zitierter Chronist bestätigt um 1784 nur einfach alles das , was Stadtrichter Irmisch ( dies war der Name des 1620 zu Gericht sitzenden ) so lange Zeit vor ihm bereits niedergeschrieben hatte . Die Übereinstimmung ist so groß , daß darin ein eigentümliches Interesse liegt . » Die Bewohner von Werder « , so bestätigt Schönemann , » suchen sich durch Verbindungen untereinander zu vermehren und nehmen Fremde nur ungern unter sich auf . Sie sind stark , nervig , abgehärtet , sehr beweglich . Sie stehen bei früher Tageszeit auf und gehen im Sommer schon um zwei Uhr an die Arbeit ; sie erreichen siebzig , achtzig und mehrere Jahre und bleiben bei guten Kräften . Ihre Kinder gewöhnen sie zu harter Lebensart ; im frühesten Alter werden sie mit in die Weinberge genommen , um ihnen die Liebe zur Arbeit mit der Muttermilch einzuflößen . Die Kinder werden bis zum achten oder neunten Jahre in die Schule geschickt , lernen etwas lesen , wenig schreiben und noch weniger rechnen . Die meisten bleiben ungesittet ; das kommt aber nicht in Betracht , weil ihnen an dem zeitlichen Gewinn gelegen ist . Viele natürliche Fähigkeiten sind bei ihnen nicht anzutreffen und sie halten fest am Alten . Sie lieben einen springenden Tanz , und machen Aufwand bei ihren Gastmählern . Im übrigen aber leben sie kärglich und sparsam und suchen sich durch Fleiß und Mühe ein Vermögen zu erwerben . « Welche Stabilität durch anderthalb Jahrhunderte ! Im übrigen , wenn man festhält , wie tief der Egoismus in aller Menschennatur überhaupt steckt und daß es zu alledem zwei » Fremde « , zwei » Zugezogene « waren , die den Werderanern die vorstehenden , gewiß nicht allzu günstig gefärbten Zeugnisse ausstellten , so kann man kaum behaupten , daß die Schilderung ein besonders schlechtes Licht auf die Inselbewohner würfe . Hart , zäh , fleißig , sparsam , abgeschlossen , allem Fremden und Neuen abgeneigt , das Irdische über das Überirdische setzend – das gibt zwar kein Idealbild , aber doch das Bild eines tüchtigen Stammes , und das sind sie durchaus und unverändert bis diesen Tag . Wir haben uns bis hierher ausschließlich mit den Bewohnern beschäftigt ; es erübrigt uns noch , in die Stadt selbst einzutreten und , soweit wir es vermögen , ein Bild ihres Wachstums , dann ihrer gegenwärtigen Erscheinung zu geben . Der nur auf das Praktische gerichtete Sinn , der nichts Höheres als den Erwerb kannte , dazu eine Abgeschlossenheit , die alles Lernen fast mit Geflissentlichkeit vermied , all diese Züge , wie wir sie aus doppelter Schilderung kennengelernt haben , waren begreiflicherweise nicht imstande , aus Werder einen Prachtbau zu schaffen . Es hatte seine Lage und seine Kirche , beide schön , aber die Lage hatte ihnen Gott und die Kirche hatten ihnen die Lehniner Mönche gegeben . An beiden waren die Werderschen unschuldig . Was aus ihnen selbst heraus entstanden , was ihr eigenstes war , das ließ allen Bürgersinn vermissen , und erinnerte an den Lehmkatenbau der umliegenden Dörfer . Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bestanden die Häuser aus Holz , Lehm und gestakten Wänden , die hölzernen Schornsteine zeigten einen riesigen Umfang und die Giebelfronten waren derart , daß immer eine Etage vorspringend über die andere hing . Die Häuser waren groß , aber setzten sich zu wesentlichstem Teile aus Winkeln , Kammern und großen Böden , selbst aus unausgebauten Stockwerken zusammen , so daß die Familie meist in einer einzigen Stube hauste , die freilich groß genug war , um dreißig Personen bequem zu fassen . Im Einklang damit war alles übrige : die Brücke baufällig , die Straßen ungepflastert , so daß , in den Regenwochen des Herbstes und Frühjahrs , die Stadt unpassierbar war und der Verkehr von Haus zu Haus auf Stelzen oder noch allgemeiner auf Kähnen unterhalten werden mußte . In allem diesem schaffte endlich das Jahr 1736 Wandel . – Dieselben beiden Faktoren : » das Königtum und die Armee « , die überall hierzulande aus dem kümmerlich Gegebenen erst etwas machten , waren es auch hier , die das Alte abtaten und etwas Neues an die Stelle setzten . Die Armee , wie unbequem sie dem einen oder andern sein mochte , damals wie heute , sie sicherte , sie bildete , sie baute auf . So auch in Werder . Es war im Spätsommer genannten Jahres ( 1736 ) , als das eben damals in Brandenburg garnisonierende 3. Bataillon Leibgarde Befehl erhielt , zur Revue nach Potsdam zu marschieren , und zwar über Werder . Der Befehl lautete so bestimmt wie möglich ; so blieb nichts anderes übrig , als dem Könige rund und nett zu erklären , daß die Brücke zu Werder unfähig sei , das 3. Bataillon Leibgarde zu tragen . Die Gardemänner aber , etwa im Gänsemarsch , einzeln in die Stadt einrücken zu lassen , dieser Vorschlag wurde gar nicht gewagt ; Friedrich Wilhelm I. würde ihn als einen Affront geahndet haben . So gab es denn nur einen Ausweg , eine – neue Brücke . Der König ließ sie aus Schatullengeldern in kürzester Frist herstellen . Eine neue Brücke war nun da ; aber auch in der Stadt selber sollte es anders werden . Ein Kommando des Leibregiments , aus Gründen , die nicht ersichtlich , war in Werder geblieben und im Spätherbst erschien Se . Majestät in der Inselstadt , um über seine einhundertundfünfzig Blauen eine Spezialrevue abzuhalten . Es war die unglücklichste Jahreszeit : die Karosse des Königs blieb mitten auf dem Markt im Moraste stecken , ein Parademarsch wurde zu einem Unding und die Ungnade des Königs , wenn dergleichen nicht wieder vorkommen sollte , wandelte sich von selbst in eine Gnade um : Werder wurde gepflastert . Die Kirche » Zum heiligen Geist « , auf der höchsten Stelle der Insel malerisch gelegen , war schon zwei Jahre vorher einem Neubau unterzogen worden ; ob sie schönheitlich dadurch gewonnen hatte , wird zu bezweifeln sein ; die Lehniner Mönche verstanden sich besser auf Kirchenbau als der Soldatenkönig . Jedenfalls verbietet sich jetzt noch eine Entscheidung in dieser Frage , da die Renovation von 1734 längst wieder einem neuen Umbau gewichen ist , einer wiederhergestellten , spitzenreichen Gotik , die , in der Nähe vielleicht mannigfach zu beanstanden , als Landschaftsdekoration aber , wie eingangs dieses Kapitels bereits hervorgehoben wurde , von seltener Schönheit ist . Dieser letzte Umbau , und wir treten damit in die Gegenwart ein , hat die Kirche erweitert , gelichtet , geschmückt ; jene königliche Munifizenz Friedrich Wilhelms IV. , die hier überall , an der Havel und den Havelseen hin , neue Kirchen entstehen , die alten wiederherstellen ließ , hat auch für Werder ein Mannigfaches getan . Dennoch , wie immer in solchen Fällen , hat das geschichtliche Leben Einbuße erfahren , und Bilder , Grabsteine , Erinnerungsstücke haben das Feld räumen müssen , um viel sauberern , aber viel uninteressanteren Dingen Platz zu machen . Zum Glück hat man für das » historische Gerümpel « , als das man es angesehen zu haben scheint , wenigstens eine » Rumpelkammer « übriggelassen , wenn es gestattet ist , eine Sakristeiparzelle mit diesem wenig ehrerbietigen Namen zu bezeichnen . Hier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges Altargemälde , das in Werder den überraschenden , aber sehr bezeichnenden Namen führt : » Christus als Apotheker « . Es ist so abnorm , so einzig in seiner Art , daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels gestattet sein möge . Christus , in rotem Gewande , wenn wir nicht irren , steht an einem Dispensiertisch , eine Apothekerwaage in der Hand . Vor ihm , wohlgeordnet , stehen acht Büchsen , die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen : Gnade , Hilfe , Liebe , Geduld , Friede , Beständigkeit , Hoffnung , Glauben . Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte ; in jeder einzelnen steckt ein Löffel . In Front der Büchsen , als die eigentliche Hauptsache , liegt ein geöffneter Sack mit Kreuzwurz . Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen , um die Waage , in deren einer Schale die Schuld liegt , wieder in Balance zu bringen . Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte : » Die Starken bedürfen des Arztes nicht , sondern die Kranken . Ich bin kommen , die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen . ( Matthäi 9 , Vers 12. ) « Die Werderaner , wohl auf Schönemann gestützt , haben dies Bild bis in die katholische Zeit zurückdatieren wollen . Sehr mit Unrecht . Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt . In diesen Spielereien erging man sich , unter dem nachwirkenden Einfluß der zweiten Schlesischen Dichterschule , der Lohensteins und Hofmannswaldaus , zu Anfang des vorigen Jahrhunderts , wo es Mode wurde , einen Gedanken , ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen . Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel sein , so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen . 1734 , in demselben Jahre , in dem die alte Zisterzienser Kirche renoviert wurde , erhielt Werder auch eine Apotheke . Es ist höchst wahrscheinlich , daß der glückliche Besitzer derselben sich zum Donator machte und das Bildkuriosum , das wir geschildert , dankbar und – hoffnungsvoll stiftete . Im nächsten Kapitel einiges über die » Werderschen « . Die Werderschen » Die Werdersche « . Ein Intermezzo » Die Werdersche « . Ein Intermezzo All Großes , wie bekannt , wirft seinen Schatten ; Und ehe dich , o Bayrische , wir hatten , Erschien , ankündigend , in braunem Schaum Die Werdersche . Ihr Leben war ein Traum . Unter einem Geplauder , das im wesentlichen uns die Notizen an die Hand gab , die wir vorstehend wiedererzählt , waren wir bis an eine Stelle gekommen , wo die große Straße nach links hin abbiegt und in ihrer Verlängerung auf die Brücke und demnächst auf die Insel führt . Genau an dem Kniepunkt erhob sich ein ausgedehntes Etablissement mit Betriebsgebäuden , hohen Schornsteinen und Kellerräumen , und der eben herüberwehende Malzduft ließ keinen Zweifel darüber , daß wir vor einer der großen Brauereien ständen , die der Stadt Werder auch nach dieser Seite hin eine Bedeutung gegeben haben . Es sind eben zwei Größen , die wir an dieser Stelle zu verzeichnen haben : in erster Reihe die » Werderschen « , in zweiter Reihe » die Werdersche « . Eine Welt von Unterschied legt sich in diesen einen Buchstaben n. Wie Wasser und Feuer im Schoße der Erde friedlich nebeneinander wohnen , solange ihr Wohnen eben ein Nebeneinander ist , aber in Erdbeben und Explosionen unerbittlich sich Luft machen , sobald ihr Nebeneinander ein Durcheinander wird , so auch hier . Den Erfahrenen schaudert . Die Einheitlichkeit unserer Darstellung zu wahren , hätten wir vielleicht die Pflicht gehabt , die » Werdersche « zu unterschlagen und den » Werderschen « allein das Feld und den Sieg zu lassen , aber das Wort : die » Werdersche « ist einmal gefallen und so verbietet sich ein Rückzug . Ein Bierkapitel schiebt sich verlegen in das Obstkapitel ein . Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück , wo die » Weiße « , oder um ihr Symbol zu nennen die » Stange « , unsere gesellschaftlichen Zustände wie ein Dynastengeschlecht beherrschte . Es war eine weit verzweigte Sippe , die , in den verschiedenen Stadtteilen , besserer Unterscheidung halber , unter verschiedenen Namen sich geltend machte : die Weiße von Volpi , die Weiße von Clausing , oder ( vielleicht die stolzeste Abzweigung ) einfach das Bier von Bier . Ihre Beziehungen untereinander ließen zu Zeiten viel zu wünschen übrig , aber alle hatten sie denselben Familienstolz und nach außen hin waren sie einig . Sie waren das herrschende Geschlecht . So gingen die Dinge seit unvordenklichen Zeiten ; das alte Europa brach zusammen , Throne schwankten , die » Weiße « blieb . Sie blieb während der Franzosenzeit , sie blieb während der Befreiungsjahre , sie schien fester als irgendeine etablierte Macht . Aber schon lauerte das Verderben . In jenen stillen Jahren , die der großen Aufregung folgten , wo man ' s gehen ließ , wo die Wachsamkeit lullte , da geschah ' s. Eines Tages , wie aus dem Boden aufgestiegen , waren zwei Konkurrenzmächte da : die Grünthaler und die Jostysche . Jetzt , wo sich ein freierer Überblick über ein halbes Jahrhundert ermöglicht , ist die Gelegenheit gegeben , auch ihnen gerecht zu werden . Es ist jetzt die Möglichkeit da , die Dinge aus dem Zusammenhange zu erklären , das Zurückliegende aus dem Gegenwärtigen zu verstehen . Beide Neugetränke hatten einen ausgesprochenen Heroldscharakter , sie waren Vorläufer , sie kündigten an . Man kann sagen : Berlin war für die Bayersche noch nicht reif , aber das Seidel wurde bereits geahnt . Die Grünthaler , die Jostysche , sie waren eine Kulmbacher von der milderen Observanz ; die Jostysche , in ihrem Hange nach Milde , bis zum Coriander niedersteigend . Beide waren , was sie sein konnten . Darin lag ihr Verdienst , aber doch auch ihre Schwäche . Ihr Wesen war und blieb – die Halbheit . Und die Halbheit hat noch nie die Welt erobert , am wenigsten Berlin . So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter . Aber nicht auf lange . Die Notwendigkeit einer Wandlung hatte sich zu fühlbar herausgestellt , als daß es hätte bleiben können wie es war . Die Welt , wenn auch nach weiter nichts , sehnte sich wenigstens nach Durchbrechung des Monopols , und siehe da , was den beiden Vorläufern des Seidels nicht hatte glücken wollen , das glückte nunmehr , in eben diesen Interregnumstagen , einer dritten Macht , die , an das Alte sich klug und weise anlehnend , ziemlich gleichzeitig mit jenen beiden ins Dasein sprang . Diese dritte Macht ( der Leser ahnt bereits , welche ) hatte von vornherein den Vorzug , alles Fremdartigen entkleidet , auf unserem Boden aufzutreten ; – märkisch national , ein Ding für sich , so erschien die Werdersche . Sie war dem Landesgeschmack geschickt adaptiert , sie stellte sich einerseits in Gegensatz gegen die Weiße und hatte doch wiederum so viel von ihr an sich , daß sie wie zwei Schwestern waren , dasselbe Temperament , dasselbe prickelnde Wesen , im übrigen reine Geschmackssache : blond oder braun . In Kruken auftretend , und über dreimal gebrauchten Korken eine blasse , längst ausgelaugte Strippe zu leichtem Knoten schürzend , war sie , die Werdersche , in ihrer äußerlichen Erscheinung schon , der ausgesprochene und bald auch der glückliche Konkurrent der älteren Schwester , und die bekannten Kellerschilder , diese glücklich realistische Mischung von Stilleben und Genre , bequemten sich mehr und mehr neben der blonden Weißen die braune Werdersche ebenbürtig einzurangieren . Die Verhältnisse , ohne daß ein Plan dahin geleitet hätte , führten über Nacht zu einer Teilung der Herrschaft . Die Werdersche hielt mehr und mehr ihren Einzug über die Hintertreppe ; in den Regionen der Küche und Kinderstube erwuchs ihr das süße Gefühl , eine Mission gefunden und erfüllt zu haben ; sie wurde Nährbier in des Wortes verwegenster Bedeutung und das gegenwärtige Geschlecht , wenn auch aus zweiter Hand erst , hat Kraft und Leben gesogen aus der » Werderschen « . Dessen seien wir gedenk . Das Leben mag uns losreißen von unserer Amme ; aber ein Undankbarer , der sie nicht kennen will , oder bei ihrem Anblick sich schämt . – Sieh nur , sieh ! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt , Wie der Fluß , in Breit ' und Länge , So manchen lustigen Nachen bewegt , Und , bis zum Sinken überladen , Entfernt sich dieser letzte Kahn . Faust So viel über die » Werdersche « . Wir kehren zu den » Werderschen « zurück . Vom Knie bis zur Stadt ist nur noch eine kurze Strecke . Wir schritten auf die Brücke zu , die zugleich die Werft , der Hafen- und Stapelplatz von Werder ist . Hier wird aus- und eingeladen , und die Bilder , die diesen Doppelverkehr begleiten , gehen dieser Stelle ihren Wert und ihre Eigentümlichkeit . Der gesamte Hafenverkehr beschränkt sich auf die Nachmittagsstunden ; zwischen fünf und sechs , in einer Art Kreislauftätigkeit , leeren sich die Räume des aus der Hauptstadt zurückkehrenden Dampfers und seines Beikahns wie im Fluge , aber sie leeren sich nur , um sich unverzüglich wieder mit Töpfen und Tienen zu füllen . Es ist jetzt fünf Uhr . Der Dampfer legt an ; die Entfrachtung nimmt ihren Anfang . Über das Laufbrett hin , auf und zurück , in immer schnellerem Tempo , bewegen sich die Bootsleute , magere , aber nervige Figuren , deren Beschäftigung zwischen Landdienst und Seedienst eine glückliche Mitte hält . Wenn ich ihnen eine gewisse Matrosengrazie zuschriebe , so wäre das nicht genug . Sie nähern sich vielmehr dem Akrobatentum , den Vorstadtrappos , die sechs Stühle übereinander türmen und , den ganzen Turmbau aufs Kinn oder die flache Hand gestellt , über ein Seil hin ihre doppelte Balancierkunst üben : der Bau darf nicht fallen und sie selber auch nicht . So hier . Einen Turmbau in Händen , der sich aus lauter ineinander gestülpten Tienen zusammensetzt und halbmannshoch über ihren eigenen Kopf hinauswächst , so laufen sie über das schwanke Brett und stellen die Tienentürme in langen Reihen am Ufer auf . Im ersten Augenblick scheint dabei eine Willkür oder ein Zufall zu walten ; ein schärferes Aufmerken aber läßt uns in dem scheinbaren Chaos bald die minutiöseste Ordnung erkennen und die Tienen stehen da , militärisch gruppiert und geordnet , für den Laien eine große , unterschiedslose Masse , aber für den Eingeweihten ein Bataillon , ein Regiment , an Achselklappe , Knopf und Troddel aufs Bestimmteste erkennbar . So viele Gärtner und Obstpächter , so viele Kompanien . Zunächst unterscheiden sich die Tienen nach der Farbe und zwar derart , daß die untere Hälfte au naturel auftritt , während die obere , mehr sichtbare Hälfte , in rot oder grün , in blau oder weiß sich präsentiert . Aber nicht genug damit . Auf diesem breiten Farbenrande befinden sich , zu weiterer Unterscheidung , entweder die Namen der Besitzer , oder noch häufiger ihre Wappenzeichen : Kreuze , stehend oder liegend , Sterne , Kreise und Sonnen , eingegraben und eingebrannt . Man kann hier von einer völligen Heraldik sprechen . Die alten » Geschlechter « aber , die diese Wappen tragen und pflegen , sind die Lendels , die Mays , die Kühls , die Schnetters , und unmittelbar nach ihnen die Rietz , die Kuhlmeys , die Dehnickes . Als altwendisch gelten die Lendels und die Rietz , vielleicht auch die Kuhlmeys . Ist nun aber das Landen der leeren Tienen , wie wir es eben geschildert haben , eine heitere und malerische Szene , so kann diese doch nicht bestehen neben dem konkurrierenden Schauspiel des Einladens , des an Bord Schaffens , das schon beginnt , bevor das Ausladen zur Hälfte beendet ist . Etwa von fünfeinhalb Uhr ab , und nun rapide wachsend bis zum Moment der Abfahrt , kommen die Obstwagen der Werderaner heran , kleine , grüngestrichene Fuhrwerke , mit Tienen hochbepackt und mit zwei Zughunden an der Deichsel , während die Besitzer , durch Stoß von hinten , die Lokomotion unterstützen . Ein Wettfahren beginnt , alle Kräfte konzentrieren sich , von links her rollt es und donnert es über die Brückenbohlen , von rechts her , auf der chaussierten Vorstadtstraße , wirbelt der Staub , und im Näherkommen an das ersehnte Ziel heulen die Hunde immer toller in die Luft hinein , wie verstimmte Posthörner beim Einfahren in die Stadt . Immer mächtiger wird die Wagenburg , immer lauter das Gebläff , immer quicker der Laufschritt derer , die die Tienen über das Brett hin in den am Landungsdamm liegenden Kahn hineintragen . Jetzt setzt der Zeiger ein , von der Werderschen Kirche herüber tönen langsam die sechs Schläge , derer letzter in einem Signalschuß verklingt . Weithin an den hohen Ufern des Schwielow weckt er das Echo . Im selben Augenblick folgt Stille der allgemeinen Bewegung und nur noch das Schaufeln des Raddampfers wird vernommen , der , eine Kurve beschreibend , das lange Schlepptau dem Havelkahne zuwirft , und rasch flußaufwärts seinen Kurs nehmend , das eigentliche Frachtboot vom Ufer löst , um es geräuschlos in das eigene Fahrwasser hineinzuzwingen . Von der Brücke aus gibt dies ein reizendes Bild . Auf dem großen Havelkahn , wie die wilden Männer in Wappen , stehen zwei Bootsleute mit ihren mächtigen Rudern im Arm , während auf dem Dampfer in langer Reihe die » Werderschen « sitzen , ein Nähzeug oder Strickzeug in den Händen , und nichts vor sich als den Schornstein und seinen Eisenkasten , auf dessen heißer Platte einige dreißig Bunzlauer Kaffeekannen stehen . Denn die Nächte sind kühl und der Weg ist weit . Eine Viertelstunde noch und Dampfer und Havelkahn verschwinden in dem Defilee bei Baumgartenbrück ; der Schwielow nimmt sie auf und durch das » Gemünde « hin , an dem schönen und langgestreckten Kaputh vorbei , geht die Fahrt auf Potsdam zu , an den Schwänen vorüber , die schon die Köpfe eingezogen hatten und nun unmutig hinblicken auf den Schnaufer , der ihren Wasserschlaf gestört . Bei Dunkelwerden Potsdam , um Mitternacht Spandau , bei Dämmerung Berlin . Und eh ' der erste Sonnenschein um den Marienkirchturm blitzt , lachen in langer Reihe , zwischen den Brücken hin , die roten Knupper der Werderschen . Glindow Glindow Hier nährten früh und spat den Brand Die Knechte mit geschäft ' ger Hand , Der Funke sprüht , die Bälge blasen , Als gält ' es , Felsen zu verglasen . Schiller Was Werder für den Obstkonsum der Hauptstadt ist , das ist Glindow für den Ziegelkonsum . In Werder wird gegraben , gepflanzt , gepflückt , – in Glindow wird gegraben , geformt , gebrannt ; an dem einen Ort eine wachsende Kultur , an dem andern eine wachsende Industrie , an beiden ( in Glindow freilich auch mit dem Revers der Medaille ) ein wachsender Wohlstand . Dazu steht das eine wie das andere nicht bloß für sich selber da , sondern ist seinerseits wiederum eine » Metropole « , ein Mittelpunkt gleichgearteter und zugleich widerstrebender Distrikte , die es fast geboten erscheinen lassen , nach Analogie einiger Schweizer Kantone , von Werder-Stadt und Werder-Land , oder von Glindow-Dorf und Glindow-Bezirk zu sprechen . Bei Werder haben wir diesen Unterschied übergangen ; bei Glindow wird es dann und wann unvermeidlich sein , auf ihn Bezug zu nehmen . Deshalb an dieser Stelle schon folgendes : Distrikt Glindow ist etwa zwei Quadratmeilen groß ( vier Meilen lang und eine halbe Meile breit ) und zerfällt in ein Innen- und Außenrevier , in einen Bezirk diesseit und jenseit der Havel . Das Innenrevier » diesseit der Havel « ist alles Lehm- und Tonland und umfaßt die gesamten Territorien am Schwielow- , am Glindow- und Plessowsee ; das Außenrevier oder das Revier » jenseit der Havel « ist neuentdecktes Land und dehnt sich vorzugsweise auf der Strecke zwischen Ketzin und Tremmen aus . Dies Außenland , abweichend und eigenartig , behauptet zugleich eine gewisse Selbständigkeit und zeigt eine unverkennbare Tendenz , sich loszureißen und Ketzin zu einer eigenen Hauptstadt zu machen . Vielleicht daß es glückt . Vorläufig aber ist die Einheit noch da und ob der Tag siegreicher Sezession näher oder ferner sein möge , noch ist Glindow 42 Metropole und herrscht über Innen- und Außenrevier . Die Bodenbeschaffenheit , das Auftreten des Lehms ist diesseit und jenseit der Havel grundverschieden . Im Innenrevier tritt der Lehm in Bergen auf , als Berglehm , und wenn wir uns speziell auf die wichtige Feldmark Glindow beschränken , so unterscheiden wir hier folgende Lehmberge : den Köllnischen , zwei Brandenburgische ( Altstadt , Neustadt ) , den Kaputhschen , den Schönebeckschen , den Invalidenberg ,