erwehren und willigte ein , auch am Piano das Duett zu begleiten , das die Trompetta und Wilhelmine singen wollten . Bald auch erscholl von den zwei kräftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabäus . Ein krachender Böllerschuß unterbrach diesen Gesang und die Aufmerksamkeit der um den Flügel geschaarten Zuhörer . Zu gleicher Zeit zischte unbekümmert um die Cadenzen der Trompetta eine Rakete in die Höhe . Die Musik war abgebrochen . Alles trat in Shawls und Mantillen gehüllt hinaus in den schon kühlen , jetzt völlig dunkel gewordenen Garten . Leidenfrost ' s drei Gehülfen mußten angekommen sein . Die Kinder rannten über die Beete , die Damen suchten den günstigsten Ort , um , sicher vor dem Niederschlag der abgebrannten Präparate , doch von dem Lichteffekte derselben sich nichts entgehen zu lassen . Überall her in den umliegenden Gärten wurde es lebendig . Das Feuerwerk fand Zuschauer , die draußen am Hinterzaune , der schon in ' s Feld führte , bei besonders gelungenen Effekten Beifall spendeten . Der erste Böllerschuß und die Rakete war nur ein Signal . Es folgte nach einiger Pause ein zweiter und wieder eine Rakete . Dann ein dritter und jetzt eine Leuchtkugel . Ah ! ertönte es in diesem ganzen fashionablen Quartier . Anna von Harder , die Unruhe und Eile hatte , dachte , ob wohl auch drüben die Schwester sich an ' s Fenster stellen und an dem Scherze ihre Freude haben würde ? ... Leidenfrost legte große Ehre ein . Erst spielte in ununterbrochener Folge ein kleines Geplänkel von Leuchtkugeln . Es war wie das Spiel eines Equilibristen , der Fangbälle wirft und aufgreift , ohne daß einer von der gewandten Hand verfehlt wird . Dann kam ein Pot à feu , der plötzlich einen lebendigen Blumenkorb von Schwärmern vorstellte . Das war ein Zischen , ein Züngeln , Platzen und Knallen in der Luft . Von diesem Momente hatten die Näherstehenden mehr Genuß als die Entfernteren , denen nur die Leuchtkugeln volles Vergnügen gewährten . Es kamen deren auch wieder neue , nun mit bunten Lichteffekten , die blau und roth in der Höhe sich auflösten ; andere entwickelten oben noch einen Schwärmer und ängstigten die im Felde Stehenden ; denn der züngelnde Auslaufer der gestiegenen Rakete suchte gerade sie auf . Nun brannte Leidenfrost , der mit seinen drei Gesellen und dem einz ' gen Lichtchen , das sie auf ihrem dunkeln Berge unterhielten , einen eigenthümlichen Eindruck machte ( fast wie Seeleute , die sich heimlich ducken , um einen Brander anzuzünden ) , einen Tourbillon ab , der wie eine herabfallende Fontaine gestaltet , schnurrend in die Höhe fuhr und einen Feuerregen in unzähligen blinkenden Tropfen niederrieseln ließ . Auch Feuerräder machten einen ähnlichen Effekt . Zwei Sonnen , die dicht hintereinander in Rotation kamen , ergänzten sich in ihren Strahlen , so daß sie in der Ferne den Eindruck einer einz ' gen gewaltigen Sonne machten . Zuletzt brannte das Bouquet in einer für den kleinen Raum unglaublichen Menge von Schwärmern , Raketen , Leuchtkugeln und Donnerschlägen ab . Nun gab der Böller noch drei kräftige Schläge und die Herrlichkeit war unter einem unaufhörlichen Tuschblasen der Musikanten zu Ende . Bravo ! scholl es von allen Seiten und in der That hatten sich die Feuerwerker mit Ruhm bedeckt . Leidenfrost ' s mannichfache Talente hatten sich auch hier wieder glorreich bewährt . Die Fürstin dankte ihm und ersuchte ihn , ja dafür zu sorgen , daß seine Genossen noch blieben und sich von einer für sie bereit gehaltenen Collation nach so kühner Arbeit stärkten . Alle kehrten in den Saal zurück , wo sie mit Eis und einer großen silbernen Vase voll gefrornen Champagners , einer von Olga angegebenen Idee , empfangen wurden . Siegbert , der hier und da fast wie der Wirth oder der Sohn vom Hause nach dem Rechten sah , hatte sich an dem Berge verspätet und besprach mit den Arbeitern das Abbrechen der Zurüstungen und den Transport des Böllers , den Danebrand wie ein Spielzeug auf die breiten Schultern hob und erklärte , ihn so nach der Willing ' schen Maschinenfabrik zurücktragen zu wollen ... Wie ist es denn , Herr Wildungen , fragte Alberti bei dieser Gelegenheit , wann kommt denn der Franzos in unsern Verein ? Und Sie selbst und Ihr Herr Bruder ... sagte Heusrück . Wollten Sie uns denn nicht einmal einen Abend schenken ? Schon längst , antwortete Siegbert , längst wären wir gekommen , wenn uns nicht mancherlei Sorgen in Anspruch genommen hätten . Auch gestehen wir Euch , Freunde , wir haben noch mit uns selbst in Zwiespalt gestanden ... Wir waren Ihnen nicht sauber genug ... sagte Alberti ... Wo denkt Ihr hin ! fiel Siegbert ein . Unser Herz schlägt nur für die Sache des Volks . Wir hatten immer ein Ohr , um hören zu können , was in Eurer Brust für Zeugnisse über den höheren Werth der Menschen und die Möglichkeit einer Fortbildung der arbeitenden Klassen leben . Denen sollten wir nicht trauen ? Sollten feige sein und mit unserer Meinung zurückhalten ? Sie leben unter Fürsten und Fürstinnen ... ließ Heusrück schüchtern fallen . Und habt Euch doch heute überzeugen können , daß die Schranke zwischen denen und uns und Euch nicht mehr gar zu hoch ist ! Nein , Freunde , der Grund , warum Louis Armand , Dankmar und ich zögerten , ist ein anderer . Wir bezweckten ... Ihr Kohlenbrenner , geht nun zum Teufel ! unterbrach Leidenfrost in seiner polternden Art die Siegbert ' sche Ergießung und zündete sich eine Cigarre an . Da habt Ihr Jeder noch eine Cigarre - auch Ihr , Danebrand - und nun examinirt uns nicht lange ! Wir werden schon gackern und Euch rufen , wenn unsere Eier gelegt sind . Die Arbeiter lachten , nahmen die Cigarren und zündeten sie an Leidenfrost ' s brennendem Glimmstengel an . Danebrand gebehrdete sich dabei ungeschickt genug . Sie wollten gehen ... Nein , nein , sagte Siegbert , die Fürstin läßt Niemanden von Euch jetzt fort , ehe nicht der Tisch , der in einem vorderen Entréezimmer gedeckt wurde , ganz geleert ist . Das sind unerläßliche Sachen , die von Olga so vorbereitet wurden und nun auch nach ihrem Willen ausgeführt werden müssen . Sie meinen wol die Kleine mit den schwarzen gewundenen Flechten , im weißen Kleid ... Es ist die Tochter der Fürstin ... Die ist muthig , sagte Heusrück . Sie stand am nächsten , fast mitten unter den Schwärmern . Wenn sie nur nicht böse ist , ich habe sie etwas grob zurückgeschickt ... Da hat es gute Wege , sagte Siegbert . Am liebsten hätte sie wol selbst mit Hand angelegt . Aber , Freund , Ihr haltet den Böller mit einer Hand über den Schultern und raucht mit der andern die Cigarre ? Die Arbeiter lachten über Danebrand , der wirklich dies possierliche Bild eines so zu sagen die Weltkugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas darstellte . Stellt ihn herab ! Ihr bleibt und leert erst den Tisch und die Flaschen ! Na ! sagte Danebrand , stehen lassen wir den Böller hier nicht ! Artillerie ist jetzt so verlockend wie Baumobst . Die kleine Pfefferbüchse könnte mir über den Zaun gestohlen werden . Danebrand , sagte Leidenfrost , nehmt die Büchse mit zum Tisch und was Ihr nicht essen könnt , stopft in den Böller hinein und nehmt die wohlschmeckende Ladung für morgen mit in die Fabrik ! Topp ! Darauf gingen die Arbeiter ein und sagten , sie würden sogleich kommen . Siegbert wandte sich nach vorn . Wie er rasch dahin sprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hängeweiden vorüber mußte , sah er an einer derselben Olga ganz allein an den Stamm gelehnt . Es war ein kleines Rund , fast abgeschlossen . Die Zweige der Weiden hingen so dicht und tief , daß sie fast um die Stämme herum eine Laube , einen Versteck bildeten . So halb eingehüllt stand Olga an einem Baume , lehnte den Kopf träumerisch auf den Arm und den Arm an den Stamm . Siegbert erkannte sie nur an dem weißen Kleide . Vorübereilen , sie in diesem ihn rührenden Bedürfniß nach Einsamkeit allein stehen lassen , vermochte er nicht . Er hielt seinen eilenden Schritt an , wandte sich zu dem still nachdenklichen Mädchen und sprach mit einem so weichen Tone , wie er nur von seinem gerührten Herzen und von seinen Lippen kommen konnte : Olga ! Das träumende Mädchen hatte ihn nicht erwartet und hätte überrascht sein sollen . Sie war es aber nicht . Sie gab ihm die linke Hand hinüber , während der rechte Arm als Stütze des unverwandt ruhenden , vom Sternenlichte milderhellten Hauptes , am Stamme liegen blieb . Olga ! Es ist kalt ! Gehen Sie nicht zur Gesellschaft ? Man musicirt wieder . In diesem Augenblick änderte das Mädchen ihre Stellung , wandte ihr Antlitz ab und Siegberten war es , als hörte er sie schluchzen . Er ergriff ihre Hand . Olga , was ist Ihnen ? fragte er sanft . Olga wandte sich und sah ihn mit großen , thränenerfüllten Augen an . Sie erkälten sich in der Abendluft , Olga ! Kommen Sie ! Olga schüttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hängeweide . War das Fest nicht nach Ihrem Wunsch ? Es ging Alles so heiter , so wohlgeordnet ! Warum sind Sie nicht zufrieden ? Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war so von dem Abende angeregt , daß er Olga leise an seine Brust zog und ihr in ' s Auge sehen wollte , um ihr Muth zuzusprechen und Freude , Heiterkeit , Theilnahme . Wie sie aber seinem Herzen so nahe sich fühlte , schlug Olga die Arme um ihn und legte sich so in die seinigen , daß er sie halten mußte , wenn sie nicht zur Erde gleiten sollte . Unwillkürlich kam es Siegbert über die Lippen , in sanftem , zärtlichem Tone zu sagen : Olga ! Was thust du ? Liebst du mich ? fragte Olga zu ihm aufblickend . Olga ! Olga ! Laß uns gehen ! rief Siegbert durchrieselt von Wonne und Schrecken ... Nein , ich mag keinen Menschen mehr in der Welt sehen , außer dir ! Man wird uns vermissen ! Olga , komm ! Sie sollen mich in deinen Armen sehen . Laß mich ! Laß mich ! Dabei hielt sie sich so fest an Siegbert ' s Halse , daß dieser , von innerster Empfindung durchbebt , kaum noch wußte , wie er sich ihrer und seiner wehren sollte . Er war zärtlich , er mußte es sein , er streichelte ihr Haar und drückte einen Kuß auf ihre Stirn , nur um sie zu beruhigen , sie abzulehnen , zur Besinnung zu führen . Aber kaum fühlte Olga die warmen Lippen des angebeteten Freundes auf ihrer kalten Stirn , als sie ihm mit erneuter Wonne in ' s Auge blickte und durch ihre Zärtlichkeit , durch ihr Verlangen nach einer Versicherung auch seiner Liebe ihn verlockte , auch ihre Lippen mit dem warmen , weichen Munde zu berühren . Wie ihm Das so geschehen war , besann er sich und hielt mit plötzlich erwachender männlicher Kraft das liebekranke Mädchen von sich zurück . Olga , rief er , was thun wir - sehen Sie die Mutter ! Er zeigte auf die Thür des Saales , die geöffnet war . Geblendet von dem Lichte eines Armleuchters , den sie in der Hand hielt , stand die Fürstin und suchte im Dunkeln Siegbert oder Olga , vielleicht Beide ... Olga , wie von einer bacchantischen Lust und einer jubelnden Schadenfreude ergriffen , lachte laut , schlang den Arm um Siegbert , zog ihn mit sich und behielt dabei seine rechte Hand , küßte sie und rief : Du bist mein ! Siegbert ! Dich lieb ' ich ! Siegbert , der sonst so Rücksichtsvolle , sonst sich so Beherrschende , hatte die Besinnung verloren . Er wollte widerstehen und konnte nicht . Er drückte Olga an sein Herz , schlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend : Meine Olga ! So standen sie , geschützt vom Dunkel , eine Weile . Dann riß sich Olga los und rannte zu dem hellen Hause hin , wie ein flatternder Nachtvogel . Siegbert folgte langsam und sprach vor sich hin : Verhieß dir Das damals die weiße Rose ? Sechstes Capitel Eine ernste Nacht Als Siegbert Wildungen wieder bei der Gesellschaft war , sprach er zur eifersüchtig forschenden Fürstin Worte , die er nicht bedachte und erwiderte eine Anrede der Trompetta , ohne sie verstanden zu haben . Er aß von dem gefrornen Champagner , ohne zu wissen , was man ihm bot . Er bereute schmerzlich , was geschehen war ; umsomehr , als er die Wirkung entdeckte , die diese Scene auf die wie umgewandelte Olga hervorbrachte . Olga trällerte , hüpfte , schlug das Piano zu einem Tanze an , sie sang ein kurzes , rasches Volkslied aus der Ukraine , ein Kriegslied der Tscherkessen , sie umschlang Anna von Harder und bestellte hundert Grüße an die Perlhühner und türkischen Enten , an die Tauben und die Mäuse sogar und Kaninchen , die zu Tempelheide zusammen in einem Käfig hausten . Ja , als die Gesellschaft aufbrach , als die Wagen vorfuhren , der Propst sich empfahl , die Pröpstin knixte , die Töchter für den übergenußreichen Abend dankten , als die Trompetta mit Umständlichkeit nach ihrem Shawl rief , die Flottwitz noch zerstreutgefesselt mit Dankmar plauderte , war sie bei Allem behend zugegen , half , schwatzte , lachte , sodaß die Mutter mit strengem Blicke ihr verbot , so ausgelassen die Honneurs zu machen und sie in den Schatten zu stellen suchte . Leidenfrost , der inzwischen auch noch , wie er ' s nannte , von dem » gefrorenen Zeuge « etwas gekostet hatte , erntete noch manchen Lobspruch . Dankmar schüttelte Rudhard ' s Hand und warf im Vorübergehen noch der Flottwitz die Worte hin : Also , wir zürnen uns doch ? Die junge Freundin der Trompetta konnte aber im Augenblick gerade nicht antworten , denn die Trompetta dominirte jedesmal , wenn es die Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens , das Zusammensuchen ihrer Garderobe galt . Siegbert gab dem Propst die Versicherung , er würde sich seine gefälligen Vorschläge ernstlich überlegen und mit ihm darüber genauere Rücksprache nehmen . Als er Rudhard die Hand bot , war dieser etwas verstimmt oder wenigstens nachdenklich . Die Fürstin aber trat ihm einen Schritt näher und sagte mit klagendem Nachdruck und in langgezogenem Ton : Sie gehen auch schon ? Gute Nacht ! Gute Nacht ! unterbrach Olga heiter und mit einer fast triumphirenden Sicherheit , gradezu die Frage der Mutter abschneidend . Gute Nacht ! Gute Nacht ! Was ist denn ? Was soll Das ? wandte sich die Mutter streng zu der Tochter . Gute Nacht ! Gute Nacht ! rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden hinaus , noch ehe er der Fürstin auf ihren Wunsch , daß er bliebe , Rede stehen konnte ... Endlich waren Alle verschwunden . Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter vorüber schritten Leidenfrost , Dankmar , Siegbert , hinter ihnen die drei Willing ' schen Arbeiter . Danebrand trug den Böller hoch auf den Schultern ... Olga begleitete die sich entfernenden und die Hüte ziehenden Freunde noch das Gitter entlang bis zu der kleinen Estrade , wo einst Rudhard den vorübergehenden Siegbert angehalten hatte . Eine Rose konnte sie dem Freunde nicht nachwerfen . Die Zeit der Rosen war im Garten vorüber ; aber in ihrem Herzen war es ein ganzer Frühling , der ihm folgte . Da brachen alle Knospen auf ! Da duftete es wie von einem Walde voller Blüten ! Als Olga zurückkam , fand sie die Mutter in der gereiztesten Stimmung . Ist es schon an und für sich eine eigenthümliche Leere , die sich meist nach allen Festen , wo es ganz ohne Zwang und künstliche Anregung doch niemals abläuft , einzustellen pflegt , so war die Fürstin vollends unbefriedigt von sich , von den Andern , von Olga , von Rudhard , von Jedem . Daß Siegbert gehen konnte , sie allein zurücklassend in dem wüsten Gefühlschaos , der Folge solcher künstlichen Aufregungen , verletzte , ja erbitterte sie . Zuerst mußten die Kinder entfernt und zu Bett gebracht werden . Sie gingen übermüdet und von Allem , was ihnen als Vergnügen geboten war , eher erdrückt als gehoben . Olga ' s Geschäftigkeit , ihr Aufräumen , ihre Kritik der Personen und Gespräche erklärte die Fürstin für nervenangreifend . Rudhard sprach gar nichts , was ihr ebenso drückend erschien . Obgleich es erst acht Uhr schlug , wollte sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen und früh zu Bett gehen . Sie gab Olga nicht undeutlich zu verstehen , daß es ihr lieber wäre , wenn sie allein bleiben könnte . Olga griff diese Gelegenheit , sich das eben Vergangene noch einmal zurückzurufen und noch einmal in seiner ganzen berauschenden Seligkeit durchzukosten , mit Freuden auf . Hatte sie doch nichts Heiligeres vor , als noch einmal in den Garten zu schlüpfen , noch einmal jene Stelle aufzusuchen , wo sie an Siegbert ' s Herzen ruhen , das Haupt auf seine Schulter lehnen durfte und den Kuß seines Mundes fühlte . An der Hängeweide hätte sie die ganze Nacht durchwachen mögen . Adele Wäsämskoi , die Fürstin , ging auf ihr Zimmer . Es war bescheiden eingerichtet , wie die ganze Wohnung , die nirgends einen ursprünglichen Luxus und nirgends auch die Spur verrieth , Das aus eigenen Mitteln hinzuzufügen , was zum Comfort dieser gemietheten Einrichtung schon von vornherein fehlte . Adele warf sich auf ein Kanapé , das an einer dünnen Wand stand , die dies Zimmer von dem nebenan befindlichen Schlafkabinet der Fürstin trennte . Eine große Öffnung dieser Wand war mit einer Portière versehen , die eben aufstand . Verdrießlich ließ die Fürstin die Portière fallen , streckte sich ermüdet auf das Kanapé und ergriff , indem sie eine ihr nachgetragene Lampe sich näher rückte , eins von den Büchern , die neben ihr auf dem Tische lagen . Es waren dies Bücher , die Rudhard zu wählen pflegte . Seit Jahren hatte sie Das gelesen , was er empfahl ; größtentheils Reisebeschreibungen , leichte geschichtliche Werke , populaire Denkübungen , Schriften , die der Phantasie keinen Schwung gaben . Sie hatte Goethe ' s Wilhelm Meister heute nennen hören . Sie kannte dies Buch gar nicht . Sie besaß es in der kleinen Bibliothek , die zu der Einrichtung des gemietheten Hauses gehörte . Es standen da Goethe ' s sämmtliche Werke in einer kleinen unschönen Ausgabe in einem Glasschranke des Zimmers , den sie noch nicht einmal geöffnet hatte . Sie that dies heute zum ersten male und suchte von Goethe ' s Werken den Theil heraus , der Wilhelm Meister ' s Lehrjahre enthielt . Sie wollte sie kennen lernen . Es quälte , es drückte sie , daß sie in so vielen Dingen nicht au niveau eines gebildeten Gespräches stand und durch ihre gesellschaftliche Würde , durch das Vorschützen der Mutterpflichten die Lücken verdecken mußte , die sie in sich selber fühlte . Sie begann die Blätter des ungelesenen Buches , die noch zusammenklebten , aufzuschlagen und durchflog sie . Aber auch zum Lesen gehört Virtuosität . Adele besaß nichts davon . Ein Schriftsteller mußte sie sogleich auf der ersten Seite ergreifen , anders konnte sie ihm nicht folgen . Erst ihn gewähren lassen , erst lauschen , wohin er uns wol führen würde , Das ermüdete sogleich ihre Spannung , und die Erzählungen über Puppenspiele , mit denen jenes so situationsreiche Werk beginnt , widerstanden ihr sogleich . Sie nannte sie , wie einst Lasally auf Hohenberg , kindisch . Sie besaß nichts von jener Naivetät , die das Kennzeichen des Genies oder der Bildung ist . Sie hatte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt , als es klopfte . Sie gab keine Antwort ; denn sie glaubte , einer der Bedienten käme und brächte vielleicht Briefe oder Zeitungen . Ein flüchtiger Blick auf Egon ' s so viel gerühmte Rede würde ihrem gedrückten Geiste etwas Spannung geben , hoffte sie . Aber es klopfte wieder . Sie rief : Wer ist da ? Und Rudhard war es , der draußen fragte , ob er eintreten dürfe ? Kommen Sie doch ! Was gibt es denn ? sagte sie , erschrocken , daß ihrer vielleicht etwas Unangenehmes harrte . Rudhard trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein , mit Papieren in der Hand . Meine liebe Adele , sagte er mit so viel Milde , als ihm zu Gebote stand . Ich muß Sie noch heute Abend stören . Ich habe mit Ihnen zu sprechen . Was ist ? Worüber ? Nur nichts , was mich aufregt ! Bis morgen ! Nein , nein , sagte Rudhard und nahm sich ohne Weiteres einen Stuhl , am Abend faßt man Entschlüsse , beschläft sie des Nachts , prüft sie morgens und führt sie den Tag über aus . Was haben Sie denn ? Wegen der Kinder ? Ich möchte Ihnen , meine gute Adele , sagte Rudhard ruhig und gemessen , ich möchte Ihnen vorschlagen , daß wir den längeren Aufenthalt in dieser Stadt abbrechen und uns , ehe noch der Winter da ist , beeilen , nach einer südlichen Stadt zu ziehen . Adele sah ihren alten Erzieher erstaunt an . Wie kommen Sie darauf ? fragte sie . Ich stand früher mit Frau von Osteggen , mit dem Fürsten Wäsämskoi und seiner Gemahlin so , daß , wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Familie mit einer gewissen innern Überzeugung von seiner Nothwendigkeit aussprach , dieser nicht erst lange geprüft , sondern wirklich ausgeführt wurde . Lassen Sie uns reisen , Fürstin ! Morgen lieber als jeden andern Tag ! Ich bitte Sie darum . Adele richtete sich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem väterlichen Freunde ihr Erstaunen zu erkennen , was ihn zu diesem Entschluß veranlassen könnte . Bekommt Ihnen das Klima nicht ? Bekommt es mir , den Kindern nicht ? sagte sie . Und als Rudhard schwieg , fuhr sie fort : Sind die Unterrichtsanstalten nicht vorzüglich ? Hab ' ich nicht guten Umgang ? Oder soll ich der Möglichkeit ausweichen , mit Helenen in Berührung zu kommen ? Als Rudhard alle diese Fragen verneinte , sagte Adele , sich wieder legend : Dann bleib ' ich auch da und reise nicht mehr . Rudhard nahm darauf eins von den Papieren , die er in der Hand hielt , und überreichte es , ohne ein Wort zu sprechen , der erstaunten Fürstin . Diese las in französischer Sprache : » Mein Herr , es ist unverantwortlich , wie Sie der öffentlichen Meinung die Blöße geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralität der Ihrer Obhut anvertrauten Familie verdächtigen können . Es ist das Gespräch aller Cirkel , daß in Ihrem Hause Mutter und Tochter in der Leidenschaft für jene genannte Persönlichkeit wetteifern . Erkennen Sie hierin die Warnung eines Freundes ! « Wer hat Das geschrieben ? fragte Adele und erhob sich mit leidenschaftlicher Gebehrde . Eine Person , sagte Rudhard in aller Ruhe , seine Aufregung unterdrückend , eine Person , die in der Lage ist , ihre erbärmliche Insinuation durch Motive zu heiligen , die leider auf unwiderruflichen Thatsachen beruhen . Wie ? rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes , dessen phlegmatische Naturen in äußersten Fällen fähig sind . Wie ? auf diese jämmerliche Anonymität hin wollen Sie mich aus meinem Frieden , meiner Ruhe stören ? Erkennen Sie nicht die Bosheit Helenen ' s aus diesen Zeilen ? Von wem können sie anders kommen ? Mein gutes Kind , sagte Rudhard , der die alten eingeräumten Rechte seiner Vormundschaft nicht aufgab ; mein gutes Kind , es ist eine Eigenheit des menschlichen Charakters , daß wir Alles , was uns zu thun oder zu lassen unangenehm ist , dadurch in seiner mahnenden Nothwendigkeit herabstimmen wollen , daß wir die Motive Derer , die uns zum Guten auffordern , verdächtigen . Lassen Sie , liebe Adele , die Worte kommen , von wem sie wollen . Lassen Sie einen Teufel oder einen Engel diesen Brief geschrieben haben , er soll uns mahnen an die Wahrheit . Die Wahrheit ist darum nicht verschleiert , wenn es hier auch ihr Verkündiger ist . Handeln wir nun so , daß wir uns selbst überwinden und eine besonnene , uns ehrende Entschließung fassen . Wahrheit , sagen Sie ? rief Adele . Warum sagen Sie mir Dinge , Rudhard , die mich empören müssen ? Wahrheit wäre dieses abscheuliche Wort von der Mutter und Tochter ? Wie könnte Olga wagen - Olga ? Auf keine andere Thatsache werd ' ich Rede stehen . Wird Wildungen von Olga geliebt ? Haben Sie dafür Beweise ? Ich rede von Olga nicht .... Nicht von Olga ? Sie könnten kommen , nur mich zu quälen ? Sie könnten sagen , wir müssen reisen , und denken nicht an die Gefahren , denen höchstens meine Kinder ausgesetzt sind ? Rudhard schwieg . Das war eine so kühne Parade der gereizten jungen Frau , daß ihm seine Waffe fast aus der Hand flog und er anfangs nichts erwidern konnte , als ein kopfschüttelndes : Hm ! hm ! hm ! Machen Sie Vorschläge , Olga in ein Institut , in eine Pension zu geben ! sagte Adele , ohne ihre gewaltigen , fast hörbaren Herzschläge bekämpfen zu können . Rudhard stand auf . Sein ganzer innerer Mensch war ergriffen , erschüttert . Er sah eine Mutter , so beherrscht von Leidenschaft , daß sie ihr eigenes Kind aus Eifersucht von sich entfernen wollte . Heftig schritt er auf das Fenster zu , als fürchtete er , daß es offen stünde . Er lüftete die Portière und sagte : Adele , hier die Eingangsthür Ihres Schlafkabinets ist wol nicht verschlossen ? Es ist Alles verschlossen , lassen Sie , lassen Sie ! antwortete Adele ungeduldig . Wenn man uns hörte , belauschte , wenn Olga - Welche Schonung ? fuhr Adele mit gesteigerter Ungeduld fort . Ich werd ' es ihr in ' s Gesicht sagen , daß sie die schlechteste französische Aussprache von der Welt hat , daß man englisch lernen muß , daß es in Brüssel Institute gibt , in denen die Töchter eines Reichskanzlers noch Fortschritte machen können ... Adele ! Adele ! rief Rudhard und hielt ihr den andern Brief entgegen . Olga ist sechszehn Jahre , reif für das Leben , reif für jede Zukunft , die Frauen nur erwarten können , und hier ist ein Brief des Barons Otto von Dystra ! Verheirathen Sie Ihr Kind , aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die kleinen Gesträuche . Adele nahm den Brief jenes Otto von Dystra , den Rudhard erwähnt hatte , und durchflog ihn . Wenn Rudhard nicht in unruhigster Bewegung auf- und abgeschritten wäre , hätte er ein Geräusch hinter dem Vorhange hören müssen . Es war Olga , die in einem Drange , den sie früher nie gekannt hatte , heute , wo ihr das unaussprechlichste Glück vom Himmel gespendet war , nicht ohne einen Nachtgruß von der Mutter scheiden wollte . Sie wußte selbst nicht , war es Neckerei , Übermuth oder Großmuth , was sie trieb , an das auf den Corridor gehende Pförtchen des Schlafkabinets zu klopfen . Sie hatte den Drücker erfaßt und die Thür offen gefunden . Da sie Gespräch hörte , wollte sie sich zurückziehen . Wie sie aber ihren Namen nennen hörte , den ihr oft genannten und von Odessa her noch in ihr Ohr tönenden Namen Otto von Dystra vernahm , hielt sie den Athem an und blieb stehen . Da es , während die Mutter den Brief las , wieder ruhig wurde , wäre sie fast durch den Vorhang geradezu eingetreten . Nur Rudhard ' s heftiges Auf- und Abgehen sagte ihr , daß sie doch wol stören würde . Die Mutter begann jetzt : Nun gut ! Nun gut ! So ist es ja in der Ordnung ! Der Plan ist ja alt und hat immer meine vollste Billigung gehabt . Der Fürst hatte nur unser Bestes im Auge . Die merkwürdigsten Umstände vereinigten sich , Olga ' s Hand einst für den Baron von Dystra zu bestimmen . Er wird von Amerika kommen . Sie ist entwickelt genug , um sich ihm zu verloben . Ich war wenig älter , als ich dem Fürsten nach Odessa folgte . Rudhard blieb stehen . Olga lauschte mit Herzschlägen , die ihr eigenes Ohr vernahm . Finden Sie diese Partie so unangenehm ? fragte Adele , als Rudhard unentschlossen blieb . Otto von Dystra ist ein merkwürdiger seltener Mensch , aber den Funfzigen nahe ; verwachsen , ein Sonderling ... sagte Rudhard . Sie kennen ihn nicht persönlich , antwortete die Mutter . Es ist der Mann der ewigen Jugend . Reich , ein Jugendfreund des Fürsten , treu , ausharrend , edel . Die Verbindung mit unserer Familie war ein Lieblingswunsch meines Mannes . Wäsämskoi starb beruhigt , als in seinen letzten Augenblicken ein Brief aus Washington kam und ihm Dystra schrieb : Freund , meine Fahrten zur See und zu Lande sind zu Ende , ich lege meine Stelle als Botschafter des Kaisers bei den Vereinigten Staaten nieder , ich komme nach Europa und biete den Deinen an , was ich besitze . Ist deine Schwester oder irgend eine alte Tante