. Als der Kaffee kam , holte ich mir selbst eine frisch gestopfte Pfeife , – Friedrich mußte immer an die dreißig wohlgereinigt und gestopft im Gange erhalten . Meusebach ergötzte sich sehr , daß ich schon so gut Bescheid wußte . Wir begannen von neuem die Bücherschau . Es wurde Licht angezündet , wir setzten uns . Jetzt kamen die Liederbücher und die Fischartiana an die Reihe . Meine Freude steigerte sich . Der Tee wurde gebracht . Frau von Meusebach kam mit ihren Kindern . Das störte uns weiter nicht . Wir unterhielten uns und besahen Bücher ; Tee und Essen war Nebensache . Die Kinder gingen wieder fort , Frau von Meusebach folgte bald nach , wir waren wieder allein . Eine frische Pfeife wurde angebrannt . Es war bereits spät . Ich wollte nach Haus , mußte aber bleiben . Es wurde zwölf , es wurde eins . Immer noch kein Ende . Da kam Meusebach auf meine › Liederhandschrift ‹ , die ich das Glück gehabt hatte auf einem Trödel in Bonn zu entdecken , zu sprechen und meinte , es wäre hübsch , wenn er das Buch mal sehen könnte . Das › Sehen ‹ verstand ich recht gut und beschloß bei mir , es ihm zu Weihnachten zu verehren . Endlich um halb zwei schieden wir und waren nach fünfzehntehalb Stunden erster Bekanntschaft beide recht frisch und vergnügt . Ich mußte versprechen , meinen Besuch bald zu wiederholen , und es fiel mir denn auch nicht im geringsten schwer , recht bald Wort zu halten . « Gegen Ende seines Lebens hin empfand Meusebach immer tiefer das Bedürfnis , ungestört seinen Studien leben zu können . Er gab seine hohe richterliche Stellung auf ( 1842 ) und zog sich nun nach Alt-Geltow zurück . Mit ihm ging seine Bibliothek . Aber nicht lange mehr hatte er sich dieser Muße zu freuen . Er starb am 22. August 1847 . Seine Bibliothek , ein Schatz , wurde 1849 seitens der preußischen Regierung erstanden und der Berliner Bibliothek einverleibt . Hatte der Vater der stillen Welt seiner Bücher angehört , so gehörte der Sohn ( seiner äußeren Stellung nach ebenfalls Jurist ) um so voller der Außenwelt , dem Markt des Lebens an . Er war in eminentem Sinne ein » Lebemann « , geistreich , schlagfertig , eine feine und spitze Zunge zugleich . Die Märzereignisse zogen ihn in die Politik ; sein berühmter Ausspruch : » ich rieche Leichen « , womit er in den Oktobertagen desselben Jahres auf die Tribüne trat , ist unvergessen geblieben und ein geflügeltes Wort geworden . Die fünfziger Jahre sahen ihn im diplomatischen Dienst , erst als Generalkonsul in den Donaufürstentümern , dann als Gesandten in Brasilien . Seine Wunderlichkeiten wuchsen . 1854 in Giurgewo war er im türkischen Kugelregen nicht nur spazierengegangen , sondern hatte seinen Rattenfänger auf das Apportieren von Sprengstücken abgerichtet ; acht Jahre später in Rio verfiel er dem Wahnsinn . Seine Lebensweise hatte die angeborene Exzentrizität unterstützt . » Champagner in Eis « war sein steter Begleiter und seine oft abgegebene Versicherung , » daß er seines Vaters Bibliothek in den Keller getragen habe « , war nur allzu richtig . So konnte die Katastrophe kaum ausbleiben . Eine reich angelegte Natur ging in ihm zugrunde . Daß ich Gräbern wie diesen auf dem Geltower Kirchhofe begegnen würde , der Gedanke hat mir fern gelegen . Ich las die einfachen Inschriften , nahm ein Efeublatt vom Grabe des Vaters und stand noch immer wie im Bann dieser Stätte . Unser Führer endlich löste ihn . » Da drüben ist noch ein Grab , das Sie sehen müssen . « – Zugleich brach er auf und gab uns dadurch das Zeichen , ihm zu folgen . Ein dichtes Fliedergestrüpp hatte uns wie eine Kulisse von dem eigentlichen Kirchhof , der jetzt , wie erwähnt , seine zweite Bestellzeit hat , getrennt , und wir standen nunmehr , nachdem wir das Gestrüpp glücklich durchbrochen , vor einer kleinen Gräberreihe , die das so lange brach gelegene Feld neu zu durchziehen begann . Eines der Gräber war besonders gehegt und gepflegt : ein Gartenbeet mit Rosen und Nelken , mit Levkojen und Heliotrop dicht überwachsen . Zu Häupten des Grabes stand ein Kreuz , dahinter hohe Malven . Die Inschrift lautete : » Hier ruhet in Gott Johann Schupke , geboren den I. Februar 1822 , gestorben den 30. November 1865 . Jesaias Cap . 57 V. 2 : Und die richtig vor sich gewandelt haben , kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern . « Die Sonne war am Untergehen ; die schönste Zeit des Tages zumal für eine märkische Landschaft . Wir ließen deshalb die Gräber , unterbrachen unser Gespräch und stiegen die Kirchturmtreppe hinauf , um uns , nachdem wir die Luken geöffnet , der im Golde daliegenden Schwielowufer zu freuen . Wie schön ! Hier oben erst erneute sich das Gespräch . » Ja , von unserm Schupke wollt ' ich erzählen « , so hob unser Führer an . Ich nickte zustimmend . » Gott hab ' ihn selig , das war ein Mann und durch schwere Schulen war er gegangen ! Wen Gott lieb hat , den züchtigt er . Und das muß ich sagen : wenn der Himmel je einen preußischen Förster lieb gehabt hat , dann hat er Schupken lieb gehabt . « » War er ein Alt-Geltower ? « fragte ich , um wenigstens etwas von Teilnahme auszudrücken . » Da seh ich , daß Sie ihn nicht gekannt haben . Er war ein Schlesier , aus dem Riesengebirge oder so herum , und sprach das Rübezahl-Deutsch bis an sein seliges Ende . Nie ist ein reines a über seine Lippen gekommen . « » Wie kam er denn in diese Gegenden ? « » Wie so viele andere hierherkommen . Er wurde nicht lange gefragt . Sie hoben ihn aus , und ein schmucker Junge , wie er war , nahmen sie ihn zur Garde . Er stand bei den Jägern . « » Und durch schwere Schulen ist er gegangen , sagten Sie ? « » Das will ich meinen ! Lassen Sie sich erzählen . Der grüne Jägerrock sticht in die Augen ; grün geht noch über blau ; kurz und gut , Schupke wurde ein glücklicher Liebhaber . Der Himmel hing ihm voller Geigen . Ob er das Mädchen heiraten wollte , weiß ich nicht , aber sie hielt zu ihm , und eines Tages , der Böse hatte sein Spiel , schenkte sie ihm Uhr und Kette . Eine goldene Uhr . Es sei ein Erbstück ; ein Onkel von ihr sei gestorben . Das hätte nun unsern Schupke wohl stutzig machen sollen ; aber der Mensch ist eitel , und wenn er hübsch ist und erst zweiundzwanzig Jahr , dann ist er ' s doppelt , kurzum Schupke nahm die Uhr und freute sich dran ; die kleine goldene Kette paradierte zwischen dem dritten und sechsten Knopf , und wenn ihm ein Gedanke durch den Kopf ging , so dachte er : › Es sterben so viele ; warum soll er nicht gestorben sein ? ‹ Es sterben so viele Onkel , aber ihr Onkel , des Mädchens Onkel war nicht gestorben und schon am andern Tage hieß es : des alten Wolffenstein goldene Uhr wird vermißt , Uhr und Kette ; und eine Stunde später hieß es : man weiß , wer sie hat ; sie hat es gestanden . Das ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt ; es kam auch in die Jägerkaserne . Schupke wurde leichenblaß . Ein unbescholtener Mann , makellos , aller Leute Liebling , – und nun entehrt . › Ich hab es nicht gewußt ‹ ; aber wer hätt ' es geglaubt ? Der Schein war gegen ihn . Es schüttelte ihn am ganzen Leibe ; er riß das Fenster auf , um wieder frei zu atmen ; es half nichts ; ein furchtbares Anklagewort gellte ihm vor den Ohren ; er hörte das Ticken der unglückseligen Uhr auf seiner Brust ; er tat sie weg – es tickte noch . Es mußte sein ; er nahm seine Büchse und ging hinaus . Aber das Leben ist süß . Er irrte draußen umher , erst an der Havel hin , dann links in den Forst hinein . › Jetzt ! ‹ Er riß seinen Rock auf . Nein , noch nicht . So vergingen Stunden . Wo ist Schupke ? hieß es derweilen in der Kaserne . Man öffnete seinen Schrank . Da lagen Uhr und Kette . Man sah auf den Büchsenstand . Eine Büchse fehlte ; Schupkes . Alles war klar . Der Hauptmann seiner Kompanie , Graf Schlieffen , warf sich aufs Pferd . Der Weg war wie vorgeschrieben . Er sagte sich : ein Jäger ist in den Wald gegangen . Fünfhundert Schritt hinterm Schützenhause begegnete ihm ein Mann , der Reisig auf seiner Karre heimkarrte . › Guten Tag , Papa , habt Ihr nicht einen Gardejäger hier herum gesehen ? ‹ › Woll , den hebb ick sehn . Reitens man to , Herr Hauptmann . Mit den Jäger is et nich richtig . Ich kaek upp ' n Kirchhof . Da läg he an een von de Gräbers up sine Knie , un ick hürte , wie he lies ' beden und spreeken deih . Un denn legt he sinen Kopp up det Grab , immer deeper int Gras . Mit den Jäger is et nich richtig . Reitens man to , Herr Hauptmann . ‹ Also doch . Graf Schlieffen jagte vor . In einer Minute hielt er an dem halb angelehnten Torflügel . Da lag der Gardejäger noch auf seinen Knien , wie der Reisigsammler erzählt hatte , und betete . Schupke ! rief der Graf . Schupke sprang auf und griff nach seiner Büchse . Er sah wie gestört aus ; dann winkte er mit der Hand , wie um anzudeuten : der Graf solle ihn nicht stören . Der aber ritt näher . Schupke winkte noch einmal . Als der Graf auch jetzt noch weiter vorritt , legte Schupke die Büchse an die Schulter : Zurück , Herr Hauptmann , oder ich schieße ! Der Graf hielt ; – ein Gardejäger trifft seinen Mann . So war Zeit gewonnen . Im nächsten Augenblick aber fiel ein Schuß . Schupke hatte sich in die Brust geschossen . Auf einer Bahre trugen sie ihn heim . Er schien ein Sterbender . Aber die Jugend war stärker als der Tod . Drei Jahre lang lag er im Lazarett , die Kugel hatte ihm ein Stück Tragband mit in die Lunge gejagt ; dann stand er auf und war ein genesener Mann . Kein Mensch in Potsdam sprach von dem , was vorhergegangen war ; in Mitleid war jede andere Betrachtung untergegangen ; jeder hatte ein tiefes Mitgefühl für den Mann von Ehre , der die leise Schuld , die ihn traf , mit seinem Blute bezahlt hatte . Er verließ das Lazarett und wurde Förster in der Pirschheide . Hier , wo die Lichtung ist , dort stand sein Haus . Das Trauerspiel war aus ; das Idyll begann . Er schloß eine glückliche Ehe , und ehe zehn Jahre ins Land gegangen waren , war er eine › Figur ‹ in Havelland und Zauche . Er trat wie ein Sonnenschein in jeden Kreis ; jedes Gesicht wurde heiterer , die Kinder liefen ihm entgegen und reichten ihm die Hand . Er hatte die glücklichste Mischung : einen festen Sinn und ein freundliches Herz . So lebte er in unserer Mitte , unseres Dorfes Stolz , sich und andern zur Freude . Aber er sollte nicht zu hohen Jahren kommen . Eines Morgens – alle Dächer lagen in Reif und die Sonne stand wie eine rote Kugel über den Bäumen , – da lief es von Haus zu Haus : Schupke ist tot . Es war nur allzu wahr . Er hatte einen eigenen Tod gehabt . Einen etwas engen Stiefel mit Gewalt anziehend , war eines der vernarbten Blutgefäße wieder geplatzt und der Erguß in die Lunge hatte seinem Leben ein Ziel gesetzt . Drei Tage später haben wir ihn begraben . Keiner fehlte . Es waren herzliche Tränen , die auf sein Grab fielen . Die Pirschheide hatte keinen bessern Mann gesehen . « So erzählte unser Führer . Die Sonne war inzwischen untergegangen ; wir gaben unsern Lukenplatz auf und stiegen hinunter . Ein weißer , kaum fußhoher Nebel zog über den Kirchhof hin und hüllte die Gräber ein ; aber die Kreuze ragten hell darüber hinaus und auf der goldenen Inschrift des einen lag es wie ein letzter Schimmer . Neu-Geltow Neu-Geltow Seit drei Menschenaltern schöpft ihr Aus dem Meere dieser Weisheit ; Habt ihr keinen Tropfen , laßt mich Wissen trinken , denn mich dürstet . Scherenberg ( Der letzte Maurenkönig ) Es dämmerte und die ersten Sterne zogen blaß herauf , als wir unsern Heimweg antraten . Unser Spezialführer auf dem Alt-Geltower Kirchhof blieb zurück . Welche Gegensätze hatten eben zu uns gesprochen ! Ein gelehrter , bienenfleißiger Sammler ; ein Lebemann , » der die Bibliothek seines Vaters in den Keller trug « , und als Dritter ein Parkhüter , der in den Bäumen seines Wildparks so gut Bescheid wußte , wie sein Nachbar in seinen Büchern . Ein schlichtes Dasein , diese Parkhüterexistenz , und doch war der blutige Ernst des Lebens erschütternder an sie herangetreten , als an das Leben dessen , der im Granatregen von Giurgewo spazierengegangen war und dreizehn Duelle als Gesandter in Rio auf einmal kontrahiert hatte . So plauderten mein Gefährte und ich , bis die wechselnde Szenerie unserm Gespräch eine andere Richtung gab . Wir hielten immer noch die Dorfstraße inne ; aber das Dorf selbst schien ein anderes geworden , und in der Tat waren wir aus Alt-Geltow in Neu- Geltow hineingeraten . Der Unterschied war so groß , daß er sich uns aufdrängen mußte . Der dörfische Charakter hatte aufgehört , Sommerhäuser waren an seine Stelle getreten ; klein , einstöckig , aber von großer Sauberkeit , und überall da , wo ein Vorgarten war oder wo sich Caprifolium- und Rosenbüsche um Tür und Fenster zogen , voll Anmut und malerischem Reiz . In Front der Häuschen standen gedeckte Tische : Kabaretts , Fruchtschalen mit Erd- und Himbeeren gefüllt , Milchsatten und geriebenes Schwarzbrot , während in der Mitte der dichtbesetzten Tafel ein Teeapparat und eine Milchglaslampe aufragte , deren Flamme ohne jegliches Flackern brannte . Denn kein Luftzug ging . Dies Bild wiederholte sich von Haus zu Haus , und ihre Gesamtheit erinnerte mich lebhaft an kleine Ostseebadeörter , wo an Juliabenden die Binnenländischen von Spree und Havel in Front der Schiffer- und Lotsenhäuser sitzen und sich an Blaubeeren mit Milch erlaben , während irgendeine Flagge oder ein roter Wimpel von dem Frontgiebel des Hauses niederhängt . Die Szenerie dieselbe , aber nicht die Menschen . Während in jenen Badeörtern das Weibliche prävaliert und die scharf akzentuierten Laute , die jetzt Agathen und Elisen , jetzt Helenen und Klementinen zur Ordnung rufen , schon auf dreißig Schritt keinen Zweifel darüber lassen , daß hier eine Residenzmutter sich niedergelassen hat , – wir sagen , während das Weibliche , die Glucke mit den Küchlein , die Signatur jener baltischen Badeplätze ist , herrscht hier das Männliche bis zu einem Grade vor , daß man Neu-Geltow als ein ausgebautes Mönchskloster bezeichnen könnte , als eine Benediktiner-Genossenschaft , deren Zellen in Gestalt kleiner Häuschen nebeneinander gestellt worden sind . Ich habe diese Auswahl unter den Mönchsorden mit gutem Vorsatz getroffen , denn die Benediktiner sind die Studiermönche und was hier in diesen Neu-Geltower Zellen haust und wohnt , das sind in der Tat Wissenschaftsbeflissene , das sind junge Männer , die sich an dieser stillen , abgelegenen Stelle » Studierens halber « aufhalten . Es hat damit folgende Bewandtnis . In Preußen ( wie in China ) ist nichts ohne Examen ! Alle Examina sind Klippengrund , besonders die juristischen . Aber wenn schon das Examen des Gerichtsassessors den gefürchteten » Needles « entspricht , in deren Umkreis die Schiffe zu Hunderten liegen , so entspricht das Examen des Regierungsassessors den Goodwin-Sands , wo die Mastspitzen der Verlorengegangenen so dicht aufragen , wie die Kreuze auf einem großstädtischen Kirchhof . Solche und ähnliche Betrachtungen mochten es sein , die vor etwa zwanzig Jahren einen Dr. Förstermann anspornten , der bedrängten Menschheit zu Hilfe zu eilen . Dem Plan folgte die Ausführung . In das schöne , beinah schloßartig gelegene Haus des alten Meusebach zog der junge Doktor ein ; die Bibliothekzimmer wurden zu Klassen und Auditorien , und ein Institut entstand , das sich , » einem tiefgefühlten Bedürfnis entsprechend « , rasch emporarbeitete und die Zahlen und Tabellen der Schiffbruchstatistik erheblich reduzierte , während Neu-Geltow mehr und mehr jenen Klostercharakter annahm , den wir vorstehend bezeichnet haben . Auch ein Gelübde hatten die Eintretenden zu leisten ; keins der drei großen , am wenigsten das der Armut , wohl aber das eine : jede der beim Examen an sie gerichteten Fragen gewissenhaft zu notieren und mitzuteilen . Diese Fragen , nunmehr Eigentum des Instituts , wurden in das goldene Buch des Hauses eingetragen und was in Upsala der Codex argenteus , oder in London die Tischendorffsche Bibel ist , das wurde im Förstermannschen Institut dieser Codex aureus . An ihm hing alles ; er wog alles andere auf . Es war der Koran des Omar . » Wenn in anderen Büchern dasselbe steht , so sind sie überflüssig ; wenn in ihnen etwas anderes steht , so sind sie unbrauchbar , gefährlich . « Wie die Welt auf der Schildkröte ruht , so ruhte das Institut auf diesem Buch . Und doch kam es anders , als Dr. Förstermann gedacht hatte . Die Zeit schritt vorwärts , Preußen mit , und mit ihm – seine Steuern . Ruhm war nie billig . An Dr. Förstermanns Tür klopfte die » Einschätzungskommission « , klopfte häufiger und immer stärker , und müde der drohenden Schraube ohne Ende , schloß er das Institut . Die Studiermönche von Neu-Geltow waren haupt- und führerlos . Der Orden schien seiner Auflösung nahe . Aber er schien es nur . Ein junger begnadeter Referendarius , der noch nicht lange genug da war , um den Wald vor Bäumen nicht zu sehen , trat in den Kreis der bemoosten Häupter und sprach wie folgt : » Brüder ! Ein Blitz aus heiterm Himmel hat unsern Orden getroffen . Wir sind wie gelähmt . Aber verloren ist nur , was sich selber verloren gibt . Ich schlage vor : geben wir uns nicht verloren . ( Beifall . Ironisches Lächeln . ) Ich wiederhole : geben wir uns nicht verloren . Kommilitonen , wir haben das goldene Buch . ( Nein , nein ! ja , ja ! ) Wir haben das goldene Buch . Wir haben nicht den toten Einband ( gut , gut ! ) , aber wir haben alles , was lebendig an diesem Buche ist , wir haben – die Fragen . Wir kennen sie , sie sind uns gegenwärtig . Was soll uns die Aufzeichnung ? Was soll uns das Geschriebene ? Wir haben die Tradition . Wir sind führerlos , führen wir uns selbst . Der Staat , unser Staat über alles . L ' état c ' est nous ! « Eine außerordentliche Bewegung hatte sich aller bemächtigt . » Das Ei des Kolumbus ! « riefen einige der Bemoosten . Man schüttelte sich die Hände , es war eine Szene wie auf der Rütliwiese ; alte Gelübde wurden erneuert und was mehr ist , man hielt sie . Neu-Geltow blieb . Die villenartigen Häuschen , die , wenn der Exodus Referendariorum eine Wirklichkeit geworden wäre , längst ihr zierliches Blütengerank mit Kürbis und Stangenbohnen vertauscht haben würden , verblieben in ihrem Rosen- und Geißblattschmuck , und nichts war geschehen als – die Verfassung war geändert . Die monarchische Spitze war abgebrochen , errungen war eine freie Schweiz . Während wir über dies und ähnliches sprachen , hatten wir die letzten Häuser von Neu-Geltow erreicht , und müde vom Marschieren , dazu trocken in der Kehle , setzten wir uns auf eine am Ackerland liegende Walze , um hier aus freier Hand ein etwas verspätetes Vesperbrot einzunehmen . Ich richtete dabei allerhand Fragen an meinen Gefährten , der , wie sich der Leser aus früheren Kapiteln freundlich erinnern wird , diese Territorien zwischen Havel und Schwielowsee wie seine zweite Heimat kannte , und ließ mir unter immer wachsendem Interesse von den sozialen Zuständen dieser Kolonie erzählen , von Parteien und Gegensätzen , von Krieg und Frieden , von Reunions und Festlichkeiten und von den delikaten Beziehungen zwischen Wirten und Mietern . » Diese Beziehungen « , so nahm der Gefährte eingehender das Wort , » sind sehr gut , wie Sie sich denken können ; es wird hier studiert , aber es wird doch auch gelebt , und überraschlich ist mir immer nur das eine erschienen , daß , bei aller persönlichen Hinneigung zu der unter ihnen weilenden jungen Rechts- und Regierungswelt , die Hauswirte und Villenbesitzer , die Autochthonen von Neu-Geltow , eine entschiedene Vorliebe für höchst unjuristische Aushilfen an den Tag legen . Ob die in den Zimmern ihrer Mieter aufgehäuften Wälzer und Pandektenstöße die Frage in ihnen angeregt haben : › wer soll da Recht finden ? ‹ – gleichviel , es ist eine Tatsache , daß sie eine Art Passion für das aide toi même und für ein › abgekürztes Gerichtsverfahren ‹ haben . Sehen sie hier drüben das Haus neben dem Eiskeller ? « fuhr mein Reisegefährte fort . Ich nickte . » Nun gut ; in dem zweiten Hause dahinter , mit den Jalousien und der kleinen Veranda , wohnen zwei Brüder , Kaufleute ihres Zeichens , die sich aus den Geschäften wohl oder übel zurückgezogen haben und als Zimmervermieter und Hoteliers kleineren Stils in der frischen Luft von Neu-Geltow das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden trachten . Sie heißen Robertson , erzählen von einem rätselhaften Urgroßvater , der aus Schottland hierher verschlagen wurde , und haben ihre Sofas mit Tartan in den Clanfarben der Robertsons überzogen . Ihre Vornamen sind Wilhelm und Robert , wobei jener , wenn es sich darum handelt › to do the honours for all Scotland ‹ , im Vorteil ist , indem er sich beliebig aus einem Wilhelm in einen William umwandeln kann , während der jüngere durch eine Art Sprachtücke unter allen Umständen ein Robert bleibt . Er hat dafür den Vorzug der Alliteration und eines gewissen Skandinavismus : Robert Robertson . Sie müssen diese Abschweifung meiner Erzählung verzeihen . Aber die beiden Brüder sind eben die Helden meiner Geschichte , und wenn es auch eine bekannte Sache ist , daß man seine Lieblingsfiguren am besten durch Tatsachen schildert , so werden Sie doch eine kurze Charakterisierung gelten lassen . Robert , zu der Zeit , wo meine Geschichte spielt , hatte die linke , Wilhelm die rechte Seite des Hauses inne . Sie können deutlich die Giebelfenster des letzteren sehen . Es war an einem frischen Oktobermorgen , die Sonne war noch nicht heraus , als Robert an die Jalousien von seines Bruders Schlafzimmer pochte . Dieser ließ nicht lange auf sich warten und öffnete : › Wilhelm , sie sind bei dir eingebrochen . ‹ Das war ein Donnerwort . Aber über Wilhelm kam jetzt der alte Geist seiner Heimat ; die Schotten sind scharf in Mein- und Dein-Fragen ; er sprang in die Kleider , dann in den Hof . Wer ihn gesehen hätte , hätte ausrufen müssen : jeder Zoll ein William . Der Einbruch war rasch konstatiert : der Dieb war mit Hilfe einer Feuerleiter in das oberste Giebelfenster , da wo Sie jetzt das Licht sehen , eingestiegen , hatte dem nachbarlichen Rauchfang drei Schinken und sieben Würste , einer auf dem Boden stehenden Truhe ein Bettenbündel entführt und war dann auf demselben Wege verschwunden , auf dem er gekommen war . Die Feuerleiter wieder an ihren Platz zu bringen , hatte er nicht für nötig befunden . Einen Augenblick schien guter Rat teuer , als Robert , ohne eine Ahnung von der Wichtigkeit seiner Bemerkung zu haben , vor sich hinmurmelte : › und der Kinderwagen ist auch weg . Der ältere Bruder richtete sein Auge nach der Schuppenecke , wo sonst der Wagen zu stehen pflegte ; die Stelle war leer , er stieß die linke Faust triumphierend in die Höh ' und schrie : › Jetzt kriegen wir ihn . ‹ Es war ersichtlich , daß der Dieb sich des Wagens bemächtigt hatte , um seine Beute rascher und bequemer fortschaffen zu können ; dem Bestohlenen aber stand es auf einen Schlag vor der Seele , daß er an der Apartheit der Räderspur eines Kinderwagens , die Spur des Feindes und endlich ihn selber finden würde . › Sollen wir Anzeige machen ? ‹ unterbrach Robert . › Ei , was , Anzeige . Das wissen wir in Neu-Geltow besser . Damit sprang er ins Haus zurück , stülpte sich eine Filzkappe auf und stand im nächsten Moment mit zwei Dornstöcken wieder auf dem Hof . › Da nimm . ‹ › Willst du nicht lieber die Pistolen ... ‹ › Nein , ein Knüttel geht immer los . ‹ Damit trat er auf die nach Potsdam führende Chaussee . Der Bruder folgte . Nun begann ein Suchen , wie es seit den Tagen des › letzter Mohikaners ‹ nicht mehr erlebt worden ist . Alle Künste , die Falkenauge in seinen besten Momenten geübt , alle Instinkte die den Unkas und Chingachgook jemals siegreich geleitet wenn sie aus einem abgebrochenen Tannenzweig oder aus dem Tritt des Mokassins die Spur zu entdecken und die schon verlorene wieder aufzufinden wußten , alle diese Künste und Instinkte sie wurden überboten von dem , was jetzt William Robertson in dieser frühen Oktoberstunde leistete . Das Terrain war das schwierigste von der Welt . Es hatte in der Nacht geregnet , und der Staub , der sonst auf der Chaussee liegt , war weggespült worden . Aber wenn die harte Steinstraße keine Spur herausgab , so zeigte sie sich dafür allemal da wo der Kinderwagen momentan in den sogenannten Sommerweg eingebogen war , wie in eine Form gegossen . Die Brüder sprachen kein Wort , aber in solchem Augenblick begrüßten sich ihre Blicke . So hatten sie die Spur bis zum Tore verfolgt ; hier mußte sich ' s entscheiden . War er ein Potsdamer und hier in die Stadt hineingefahren , so waren alle Mühen umsonst gewesen ; war er aber ein Berliner ( und allerhand Zeichen hatten schon dafür gesprochen ) , war er statt in die Stadt , um diese herum und auf die Berliner Chaussee gebogen , so mußte er eingeholt werden . Richtig ; da war die Spur . Der Sieg gestaltete sich mutmaßlich nur noch zu einer Frage der Zeit . Also weiter . Es war jetzt schon um die neunte Stunde . Als sie eben die große Glienicker Brücke passiert hatten , sahen sie eine Schwadron Gardehusaren des Weges kommen . › Habt ihr nicht einen Mann und einen Kinderwagen gesehen ? ‹ › Jawohl ; er muß jetzt hinter Drei-Linden sein , auf Neu-Zehlendorf zu . ‹ Die Hoffnung sank wieder . Der Vorsprung war zu groß . Die Kräfte ließen nach . In diesem kritischen Moment indessen kam von einem der Etablissements her eine Morgendroschke gefahren , die nach Potsdam zurück wollte . › Halt ! Zwanzig Silbergroschen bis Neu-Zehlendorf . ‹ Der Kutscher rührte sich nicht . › Einen Taler ‹ . Er nickte . › Noch ein Trinkgeld , Kutscher , aber nun laßt euren Wettrenner laufen . ‹ Was soll ich die Katastrophe länger hinausschieben ! Sie erraten ohnehin den Ausgang . In einem Chausseegraben zwischen Drei-Linden und Zehlendorf , hart zur Linken des Weges , saß der Gegenstand dieser energischen Suche und frühstückte , eine der geraubten Speckseiten neben sich , mit der ganzen Ruhe eines guten Gewissens , während der Kinderwagen mit seinem Bettenbündel wie das Junge eines Frachtwagens mitten auf der Chaussee stand . Dieser letztere Umstand sollte dem arglosen Frühstücker besonders verhängnisvoll werden , denn die gestörte Straßenkommunikation ließ nunmehr ein Ausbiegen nach links hin oder das › Gewinnen der inneren Linie ‹ , wie die Strategen sagen würden , völlig unverfänglich erscheinen . So gelang ein totaler Überfall . Im Moment des Vorbeifahrens stürzten sich die beiden Brüder aus der schon vorher leise geöffneten Droschkentür auf ihr Opfer , entrissen ihm , unter Geltendmachung ihrer › immer losgehenden Waffe ‹ , das Klappmesser , das der Überraschte einen Augenblick Miene machte à deux mains zu gebrauchen , und luden ihn dann ein , den Mittelplatz in ihrer Droschke einzunehmen . › Er werde wohl müde sein ‹ . Der Kinderwagen wurde angehakt und so ging es im Triumph rückwärts , über die Glienicker Brücke . › Jetzt wollen wir Anzeige machen ‹ , rief William seinem Bruder zu . › Wer die Doktors kennt , kuriert sich erst selber . ‹ Da haben Sie meine Geschichte . Sie mag Ihnen den Satz illustrieren , womit ich anfing , die Neigung zum › abgekürzten Verfahren . ‹ « Unser Vesperbrot war längst beendet ; wir erhoben uns von unsrer Walze und schritten munter in den Forst hinein . Es dunkelte stark , trotzdem die Sterne jetzt heller schienen . Wo eine Lichtung war und ein mäßig heller Schein auf den Weg fiel , musterte ich unwillkürlich die Gleise , ob nicht eine Kinderwagenspur sie durchschnitt oder begleitete . Werder Werder Die Insel und ihre Bevölkerung