den Gütern , deren Ertrag nach dem Abgange von Adam Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so tief heruntergekommen war , daß er die Bedürfnisse der Herren von Arten nicht mehr deckte , fanden jetzt drei Familien ein reichliches Auskommen und ein immer wachsendes Gedeihen , weil sie selber schufen und erwarben , was sie brauchten , weil sie ihre Bedürfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und weil ihre eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um sie her zu einem Antriebe und zu einer Ermuthigung gereichten , die den Gutsbesitzern ebenfalls zu Nutze kamen . Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rothenfelder Amtshause niedergelassen hatte , war Seba in der Mitte des Sommers in ihre heimathliche Provinz zurückgekehrt , um ihr altes Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf seinem Gute zu besuchen , und Eleonore hatte sie dabei begleitet . Seit die Gräfin in das Tremann ' sche Haus gezogen und gleichsam ein Mitglied seiner Familie geworden war , trennte sie sich von Seba nicht . Sie waren einander in tiefem Verständniß nahe getreten . Du hast so Viele gepflegt und gehegt , sagte die Gräfin bisweilen , daß es nur in der Ordnung ist , wenn sich endlich Jemand findet , der Dich nun hegt und pflegt . Davide hat ihren Mann , hat ihre Kinder ; ich habe Niemanden als Dich , und es kommt Dir zu , daß ein Wesen um Dich ist , über welches Du ganz verfügen kannst . Wo Du bist , da bin ich , wo Du hingehst , gehe ich mit Dir ! Seba wollte das nicht gelten lassen , denn sie wünschte , Eleonore in einer ihr angemessenen Ehe glücklich zu sehen ; aber es war , als hätte das Gemüth der Gräfin noch ein Ruhen nöthig , nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war , sich mit Hülfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen , in denen der Abbé sie gehalten hatte ; und Paul bestärkte sie in ihrer Hingebung an Seba . Laßt sie ungestört gewähren , rieth er , wenn Davide in ihrem Glücke Heirathsplane für die Freundin machte . Für eine Eleonore kommt gewiß der Tag , an welchem die Freundschaft ihr nicht mehr allein genügt ; laßt uns ihn erwarten . Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene große Reisen gemacht , sie waren auch einen Sommer in Haughton Castle gewesen . Aber Eleonore hatte in England nur ihre nächsten Anverwandten aufgesucht , und obschon von ihnen jetzt wieder bereitwillig empfangen , hatte sie sich doch nach Deutschland und in das Haus zurückgesehnt , in dem ihr zuerst selbstlose Liebe begegnet war und in dem sie es erlernt hatte , sich im Anschlusse an ihre Umgebung , im engverbundenen Zusammenhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern , durch Unterordnung zu erheben . Man dachte nicht daran , sie besonders aufzuklären , sie zu erziehen . Die Luft macht eigen und die Luft befreit . Man ließ das Leben walten . Freilich wunderten die Leute , vor Allen Renatus und die Seinigen sich darüber , daß die Gräfin Haughton der Aufforderung ihres Gesandten , sich bei Hofe vorstellen zu lassen , nicht nachkam , daß sie noch immer in Deutschland , noch immer als eine Genossin des Tremann ' schen Hauses lebte ; man fand sich jedoch endlich damit ab , es ihr für eine ihrer englischen Grillen auszulegen , und des Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der Art , ihm eine besondere Theilnahme an den Seelenzuständen der Personen einzuflößen , die nicht im nächsten Zusammenhange mit ihm lebten . Renatus mochte es ansehen , wie er wollte , das Glück wendete sich ihm nicht wieder zu . Während in Paul ' s Hause eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und Gesundheit heranwuchsen , war das einzige Töchterchen , welches Cäcilie ihrem Manne geboren hatte , ein schwächliches Kind gewesen , das bald gestorben war , und er hatte bisher vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft , der seinen Namen erben und in die Zukunft tragen sollte . Die Aussicht , daß Valerio , daß der seinem Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten , schönen Namens derer von Arten werden könne , widerstand dem Freiherrn bei der eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen mit jedem Jahre mehr , und etwas , woran er sich recht von Herzen freuen konnte , hatte Renatus nirgend . Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche ; aber Vittoria war eine schwere Last für ihn und seine Frau , und auch seine Dienstverhältnisse gestalteten sich nicht so günstig , als er es erwartet hatte . Er wurde trotz der größten Pflichttreue nicht befördert , das Avancement im Frieden war sehr langsam , und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren , daß ein unbekanntes Etwas , daß ein heimliches Uebelwollen ihm , wohin er sich auch wende , hindernd im Wege stehe . Dazu kam er auch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht , wie er es gehofft , in die Ordnung . Der Pächter hatte nicht den Muth , seine erarbeiteten Capitalien in das fremde Gut zu stecken , und der Freiherr keine Capitalien , mit denen er selber auf dem Gute etwas hätte unternehmen lassen können . Das Pachtgeld , welches regelmäßig genug einging , blieb immer nicht lange in des Freiherrn Händen , weil er gleich bei seiner Verheirathung eine Summe aufgenommen , die er zu verzinsen hatte ; und es fanden sich , da die gesellschaftlichen Beziehungen des Freiherrn sich mit jedem Jahre ausdehnten und das Leben in der Residenz mit dem wachsenden Reichthume ihrer Bewohner auch glänzender und üppiger wurde , mit jedem Jahre irgend welche neue Ausgaben , denen man sich anstandshalber nicht zu entziehen vermochte und die ein Abzahlen des gemachten Anlehens hinderten . Hier und da , wenn Cäcilie es sah , daß Renatus sich in Geldverlegenheit befand , wenn es sie drückte , daß man die eingehenden Rechnungen nicht gleich bezahlen konnte , wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld angehen mußte , hatte sie den Vorschlag gemacht , Renatus solle sich von der Garde zu einem der Linien-Regimenter versetzen lassen . Wenn man indessen von der Hauptstadt fortging , wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes entfernte , so gab man damit alle die Vortheile auf , welche in monarchischen Staaten dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn gelegentlich erwachsen können , und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben bemüht gewesen war . Eine Versetzung von der Garde zur Linie , eine Uebersiedelung in eine Provinzialstadt ließ sich aber , ganz abgesehen davon , daß sie dem Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wäre , ohne einen namhaften Geldaufwand auch nicht bewerkstelligen , den man denn , wie die beiden Gatten meinten , doch besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerthen konnte . Man blieb also beständig in einem Zustande des Wollens , des Erwägens , des Hoffens und des Sichtröstens , wenn wieder einmal , wie das mehrmals geschah , eine günstige Aussicht , auf deren Erfüllung man zuversichtlich gerechnet hatte , fehlgeschlagen war . Renatus mochte es Cäcilien nicht empfinden lassen , daß er Sorgen hatte ; Cäcilie bemühte sich , ihm ihr Unbehagen zu verbergen , und mit ihren gegenseitigen Ermuthigungen täuschten sie sich selber und einander . Cäcilie hätte sich ein Gewissen daraus gemacht , der Mutter oder gar der Schwester , die sie ohnehin beide nur selten sah , einen Einblick in ihre Lage zu gestatten , und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht darum . Sie waren zufrieden , daß Renatus und Cäcilie sich innerhalb ihrer Mittel mit Anstand zu erhalten schienen , daß die Hülfe und die mannigfachen Förderungen , welche die Gunst der Prinzessin Hildegarden gewährte , es dieser möglich machten , in jedem Jahre die Badereise zu unternehmen , ohne welche sie bei ihren Nervenleiden nicht mehr bestehen zu können glaubte ; und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch ein Gutes finden läßt , so fügte es sich , wie Hildegard sagte , doch sehr glücklich , daß sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Badeorte zu besuchen hatten . Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den Gebrauch der Bäder nicht sonderlich gefördert worden . Die Lähmung seiner Glieder nahm im Gegentheile , wenn auch nur sehr allmählich , zu , und obschon er sich vortrefflich zu befinden behauptete , schüttelten seine Aerzte doch die Köpfe . Seine Zeitgenossen meinten , er sei kein junger Mann mehr und er habe viel mitgemacht ; diejenigen indessen , welche ihn erst in den letzten Jahren hatten kennen lernen oder die im Stande waren , einem Manne um seiner Liebenswürdigkeit willen seine unwürdige Vergangenheit zu vergessen , sagten , Graf Gerhard sei wie alter Wein , der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde , und in der That schien er an Lebhaftigkeit des Geistes zu gewinnen , was er an körperlicher Beweglichkeit verlor . Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte , daß er ohne Hülfe sich nur mühsam aufrecht halten und bewegen konnte , ging er wenig aus . An jedem Mittage fuhr er eine Stunde in das Freie , gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte ab , sendete der einen Dame ein Buch hinauf , schickte der andern ein Billet mit einer Anfrage zu , und da es in jeder großen Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl von Müßigen gibt , die froh sind , ein Stelldichein zu haben , an dem sie eine ihrer leeren Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsam unterbringen können , so ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen von Besuchern selten leer . In dem Plaudern und Schwatzen erfuhr er , was ihm mitgetheilt zu haben man sich kaum bewußt war , und es währte gar nicht lange , bis sich der Glaube festgestellt hatte , daß Graf Gerhard einer der am besten unterrichteten Männer des Hofes sei , bei dem man nicht nur sichere Auskunft über alles , was im Augenblicke geschehe , sondern auch sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemeinen erhalten könne . Es ward Mode , mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn zu besuchen , und da die fromme Mildthätigkeit der Prinzessin unter den ihrem Hofstaate angehörenden Frauen auch die Barmherzigkeit zum guten Tone stempelte , so fand man es schön und lobenswerth , als die Gräfin Hildegard , auf eine größere Geselligkeit fast ganz verzichtend , sich freiwillig zur Gesellschafterin ihres alten Freundes machte , der einst bestimmt gewesen war , ihr als Oheim noch näher verbunden zu werden . Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem Onkel , wie sie ihn jetzt beständig nannte , zu . Sie machte seine Vorleserin , sie besorgte seinen Briefwechsel , wenn er sich einmal ermüdet fühlte , und einander stützend , tragend und lobpreisend , wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten , gelangten sie dahin , sich ein Ansehen und eine Geltung , sich eine Anerkennung für ihr gegenseitiges Verhältniß zu erwerben , welche keiner von ihnen für sich allein jemals gewonnen haben würde , ganz abgesehen davon , daß der Gräfin durch ihre täglichen Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung erwuchs , die sie heimlich doch in Anschlag brachte . Es war früher einmal die Rede davon gewesen , dem Grafen , welchen seine Sprachkenntnisse und seine feinen Umgangsformen sehr wohl zu einem solchen Amte befähigten , zum Kammerherrn der Prinzessin zu ernennen ; seine Krankheit hatte aber die Ausführung dieser Absicht verhindert , während dieser Krankheitszustand doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein vermehrtes Einkommen für ihn wünschenswerth machte . Der Graf besaß allerdings ein mütterliches Vermögen , das ihm spät genug zugefallen war , um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu Rathe gehalten zu werden ; indeß als jüngerer Sohn war er doch nichts weniger als reich , denn die Berka ' schen Güter waren Majorate . Er hatte es also doppelt hoch zu schätzen , daß ihm durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Präbenden verliehen wurde , welche über die Zeiten der Reformation hinaus zu Gunsten des Adels erhalten worden sind und deren geistlichen Titel Niemand mit mehr Anstand und mit besserer Laune zu tragen sich getrauen durfte , als Graf Gerhard Berka . Man war schon wieder mitten im Sommer , und der Graf hatte eben eine jener kleinen Mittagsgesellschaften um sich versammelt gehabt , die er , seit er Domherr geworden war , scherzend nur noch seine Capitel nannte , als man ihm einen der russischen Gesandtschaftsräthe meldete , der ihn persönlich zu sprechen wünsche . Der Graf kannte den Legationsrath , aber er hatte kein persönliches Umgangsverhältniß mit ihm . Ein Besuch desselben zu so ungewohnter Stunde mußte also irgend eine besondere Veranlassung haben , und der Legationsrath ließ den Grafen darüber auch nicht lange im Ungewissen . Es ist uns heute , sagte er nach einigen einleitenden Begrüßungsworten , mit dem Petersburger Courier eine Privatmission zugegangen , die der hiesigen Gesandtschaft ganz ausdrücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist . Es handelt sich um eine Todesnachricht , um den Brief eines Verstorbenen an eine Dame der hiesigen Aristokratie , die , wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß , Ihnen befreundet ist , mit Einem Worte , um einen Brief an die Gräfin Hildegard von Rhoden . Wissen Sie zufällig , ob die Gräfin irgend eine nähere Beziehung zu einem Herrn von Kabeniew gehabt hat , der zur Zeit des ersten Feldzuges Major gewesen ist , und der danach eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat ? Der Graf besann sich eine Weile , dann sagte er : Ich habe den Namen von der Gräfin nennen hören , dünkt mich . Und Sie wissen nicht , ob Herr von Kabeniew ihr nahe gestanden hat , ob man befürchten müßte , ihr mit der Nachricht seines Todes eine Erinnerung zu erwecken , die , ihr von fremder Hand nahe gebracht , vielleicht peinlich für sie sein könnte ? Der Graf hatte dem Legationsrathe mit jener verbindlichen Achtsamkeit zugehört , welche ein Zeichen guter Erziehung ist . Jetzt wurde seine Miene plötzlich ernst und kalt , und mit dem Tone bestimmtester Abwehr sagte er : Ich meine mich zu erinnern , daß die Gräfin gegen mich hier und da eines Majors Kabeniew erwähnte , den sie in einem unserer Hospitäler durch eine lange Zeit gepflegt hat ; aber wo oder wie sie den Gestorbenen auch kennen gelernt hat , so wird sie sicher das Andenken an ihn nicht zu scheuen haben ; dessen dürfen Sie versichert sein , mein Herr ! Der Legationsrath machte eine zustimmende Verbeugung . Ich war dessen selbst gewiß , Herr Graf , betheuerte er . Aber , was wollen Sie - es waren aufgeregte Zeiten , die Bewegung der Gemüther war eine gewaltige , und - er lächelte - nun , wir waren Alle jung , jünger vielleicht als unsere Jahre ! Wo eine Welt in Flammen steht , faßt auch der Einzelne leicht Feuer , und es hat dann bisweilen doch sein Schmerzliches , auf eine solche alte Brandstätte zurückgeführt zu werden ! - Gerade die außerordentliche Verehrung aber , deren die Gräfin genießt , machte es den Gesandten wünschen , sie wo möglich vor jeder Erschütterung zu bewahren , und die Auskunft , die ich von Ihnen , mein Herr Graf , zu erhalten die Ehre habe , bestätigt nur eine Vermuthung , die wir selber hegten . Herr von Kabeniew , ich darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen , der unvermählt und ohne nahe Verwandte gestorben ist , hat der Gräfin Rhoden sein ganzes , äußerst beträchtliches Baarvermögen hinterlassen , das , falls sie etwa nicht mehr am Leben gewesen wäre , den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte . Ich will mich also beeilen , noch heute mich des Auftrages meines Gesandten bei der Gräfin zu entledigen . Er erhob sich ; man wechselte noch einige Worte , welche sich zum Theil um die edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten , und der Legationsrath hatte sich kaum empfohlen , kaum das Haus verlassen , als um die gewohnte Stunde die Gräfin und Hildegard sich bei dem Grafen einstellten . Sie fanden ihn erhitzt und aufgeregt . Sein Auge glänzte , seine Hände waren kalt und selbst der Ton seiner Stimme schien seinen Freundinnen ein veränderter zu sein . Sie fragten , was ihm widerfahren sei . Er wich der Antwort aus , erkundigte sich nach ihrem Ergehen , nach den Vorkommnissen des Tages ; aber Hildegard sowohl als ihre Mutter fühlten ihm an , daß er zerstreut , daß er nicht bei der Unterhaltung sei , und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht , mit welchem man sich schon seit mehreren Abenden beschäftigt hatte . Indeß auch dieses Auskunftsmittel wollte heute nicht verschlagen . So oft Hildegard , welche die Vorleserin machte , ihr Auge von dem Buche aufhob , fand sie den Blick des Grafen in einer Weise auf sich gerichtet , die sie beunruhigte , und als sie einmal ihre Linke auf dem Tische ruhen ließ , so daß der Graf sie von seinem Platze aus erreichen konnte , ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen . Das war sonst auch geschehen , und doch lag heute etwas Besonderes in des Grafen Thun , etwas Besonderes in dem Seufzer , mit dem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und seine Augen mit seiner feinen , durchsichtig gewordenen Hand bedeckte . Hildegard konnte nicht weiter lesen . Sie legte das Buch nieder , und sich über den Tisch zu dem Grafen neigend , sprach sie : Es ist etwas geschehen , lieber Onkel , etwas , das Sie betrübt , das also auch uns nicht gleichgültig sein kann . Ich fühle es unwiderleglich , ich empfinde es wie eine Ahnung und es ängstigt mich ! Sagen Sie es , sprechen Sie es aus , geliebter Onkel , was haben Sie , was ist vorgefallen ? Der Graf stützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt , und es leise und traurig wiegend , sagte er : Wir werden nicht mehr oft beisammen sitzen ! Was soll das heißen ? riefen Mutter und Tochter wie aus Einem Munde . Aber statt ihnen zu antworten , entgegnete der Graf : Wie durfte ich darauf auch rechnen ? Wie konnte ich nur wähnen , daß so viel Anmuth , Geist und Güte allein dazu geschaffen wären , den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu verschönen ! Und Hildegarden ' s Hände ergreifend , zog er sie näher an sich heran und nöthigte sie damit unmerklich , sich von ihrem Platze zu erheben . Sie begriff nicht , was der ganze Vorgang bedeuten konnte , indeß sie war stets geneigt , bei irgend einer Gefühlsergießung mitzuwirken , und sich auf das Polster niederlassend , das zu des Grafen Füßen lag , sagte sie , die Mutter anblickend : Mama , frage Du den Onkel , womit Deine Hildegard es verschuldet hat , daß er ihr mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft heut ' so wehe thut ! Nein , rief der Graf , schweigen Sie , schweigen Sie , meine Freundin , damit ich mich fassen , mich überwinden kann ! Ihre Ankunft überraschte mich und ließ mir nicht die Zeit , mich zu sammeln . Sie wissen es ja , ich bin ein Egoist , ich kann nicht , kann nicht selbstlos lieben , wie Sie beide , wie die theure Hildegard . So eigensüchtig , so ganz auf dieses lieben Wesens Nähe ist mein Sinn und meine Zuversicht gestellt , daß selbst sein Glück mich nicht mit dem Gedanken aussöhnt , es künftig , es vielleicht bald entbehren zu müssen . Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer räthselhafter , aber seine Erregtheit theilte sich ihnen mit , und die Gräfin , welcher der Vorgang doch bedenklich scheinen mußte , verlangte endlich eine bestimmte Erklärung desselben . Der Graf gewährte ihnen dieselbe nur auf seine Weise . Er fragte , ob er sich irre , wenn er glaube , von Hildegard den Namen eines Majors von Kabeniew gehört zu haben . Ob er sich täusche , wenn er meine , daß der Major ihr seine Hand angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus ausgeschlagen habe . Nein , nein , rief Hildegard , Sie irren nicht ! Aber was ist ' s mit dem Major ? Da legte der Graf seine Hand auf Hildegard ' s Schulter und sagte : Was es mit ihm ist ? - Er entreißt mir meines Lebens einziges , wahres Glück ! Er ist gestorben - und Sie , Hildegard - Sie sind seine Erbin . Sein Testament liegt auf der russischen Gesandtschaft ; man hat sich bei mir erkundigt , ob man ' s Ihnen unvorbereitet übermachen dürfe . Morgen schon wird es in Ihren Händen sein , morgen sind Sie eine reiche Erbin ! - Und was werde ich Ihnen dann noch sein ? - Was kann mein mäßiges Vermögen , das einst das Ihrige werden sollte , Ihnen dann noch bedeuten ? Es entstand eine lange Pause , denn man geht aus großer Beschränkung nicht zu großer Lebensfreiheit über , ohne eine Wandlung , eine Erschütterung in sich zu spüren . Hildegard hatte den Reichthum stets ersehnt und ihre verhältnißmäßige Armuth war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnung auf ihre Verheirathung doppelt drückend gewesen . Sie wußte , daß Herr von Kabeniew sehr reich gewesen war , und die Aussicht , jetzt plötzlich zu einem bedeutenden Vermögen zu gelangen und vor allen Dingen dadurch unabhängiger , reicher , freier zu werden als Renatus , als Cäcilie , schwellte ihre Brust mit einer nie gekannten Freude . Nicht nur ihr Glück genoß sie , sie genoß im voraus auch bereits das Erstaunen und wo möglich die Demüthigung der beiden Menschen , die sie tödtlich haßte , denn sie gehörte zu den verbitterten Naturen , deren Freude der Unterlage eines fremden Schmerzes nöthig hat , um voll und ganz zu sein . Kein Wort , nur ein laut aufgeschrieenes Ach ! entrang sich ihrer Brust , und beide Arme um der Mutter Nacken werfend , weinte sie , als solle es ihr das Herz zersprengen . Die Gräfin weinte ihre Freudenthränen mit ihr . Auch ihr fiel eine schwere Last vom Herzen . Graf Gerhard saß in seinem Sessel und wendete sein Auge nicht von ihnen . Endlich , als er meinte , daß die Frauen sich mit ihren Gefühlsergüssen genug gethan hätten , richtete er sich empor , die Schelle zu ziehen . Das lenkte Hildegard von sich selber ab . Sie eilte hinzu , ihm die Mühe zu ersparen , und erkundigte sich , was er wünsche . Ich will den Diener nach einem Wagen für Sie senden , sagte er . Sollen wir Sie verlassen ? fragte Hildegard . Der Graf sah schwermüthig zu ihr empor . Sie werden zu Hause möglicher Weise schon die Dokumente finden , welche der Legationsrath Ihnen auszuliefern hatte . Es ist natürlich , daß Sie dieselben zu lesen , daß Sie Sich mit der Mutter zu besprechen wünschen , und ich habe Sie , liebe Hildegard , ja nun gesehen ! Fahren Sie nach Hause , theures Kind ! Die Gräfin und Hildegard weigerten sich dessen ; er bestand jedoch auf seinem Vorschlage . Ich habe ja Freude , sprach er , wenn ich Ihrer denke , und - an das Alleinsein werde ich mich gewöhnen müssen ! Er reichte ihr die Hand . Als sie sich zu ihm neigte , zog er sie , als könne er seiner Empfindung nicht widerstehen , auf das Polster zu seinen Füßen nieder , und ihr Haupt in seine beiden Hände fassend , küßte er ihr Haar mit leiser Lippe . Einmal , einmal nur , rief er , wie seiner selbst nicht mächtig , einmal , Du sanfter Engel , sollst Du es im Beisein Deiner edlen Mutter von mir hören , daß Du mein Erlöser gewesen bist , daß ich , der das Leben von seinen höchsten Höhen bis hinab in seine treulosen Tiefen ausgekostet zu haben wähnte und der an nichts glaubte , auf nichts vertraute , in Dir das Ideal gefunden habe , das mich bereuen , wünschen , glauben , hoffen und mich auferbauen lehrte ! Einmal muß ich es Dir sagen , daß ich Dich liebte , seit ich Dich kennen lernte , daß ich den thörichten Knaben haßte , der Dich und Deine reine Liebe nicht zu würdigen verstand , und daß ich jetzt die Stunde segne , in der er Dich von sich stieß , denn Du bist jetzt frei , und das Leben wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen ! Er brach ab und hüllte sein Gesicht in seine Hände . Hildegard hatte ihr Haupt an des Grafen Schulter gelehnt , sein Arm umfing sie ; die Gräfin stand bestürzt an ihrer Seite , aber die Verherrlichung des von ihr so vorzugsweise geliebten Kindes that ihr wohl . Hildegard erschien ihr wieder jung und schön , wie sie jetzt , von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines umflossen , vor dem Grafen knieete , dessen gehobene Stimmung den ursprünglichen Adel seiner Züge trotz seiner Jahre und seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreten ließ . Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor , und noch einen Kuß auf ihre Stirn drückend , während er ihrer Mutter die Hand hinüberreichte , sprach er : Nun ist ' s gut ! Nun geh ' , nun geh ' , Du liebes Kind , und denk ' nicht mehr an mich ! Leb ' wohl ! - Leben Sie wohl , Hildegard ! Leben auch Sie wohl , theure Mutter ! Wir sehen uns nicht wieder ! Onkel , mein Freund , mein theurer Freund , rief Hildegard , was soll das heißen ? Nehmen Sie das Wort zurück ! Er schüttelte verneinend das Haupt und gab ihr , als könne er nicht sprechen , ein Zeichen , sich zu entfernen . Hildegard blieb vor ihm stehen . - Ich komme morgen wieder ! sagte sie ! Er wendete sich von ihr ab . - Nein , das geht über meine Kraft ! Wie soll ich künftig schweigen , da das unselige Geständniß meinen Lippen nun entflohen ist ? sprach er dumpf in sich hinein . Hildegard regte sich nicht ; der Gräfin begann die Scene peinlich und bedenklich zu werden . Sie nahm die Tochter bei der Hand . - Komm , komm , mein Kind , sagte sie , der Onkel ist zu sehr ergriffen , und auch Du bist sehr erschüttert . Wir haben Alle , Alle Fassung nöthig ! - Sie wollte die Tochter mit sich fortführen . Hildegard wendete ihr Antlitz nach dem Grafen zurück ; er hatte das Haupt auf seine Arme niedersinken lassen , die auf dem Tische ruhten . Da machte sich Hildegard von der Mutter los , und noch einmal vor dem Grafen niederknieend , rief sie : So kann ich ihn doch nicht verlassen ! Und warum soll ich denn auch von ihm gehen ? - Weinen Sie nicht , weine nicht , mein Freund , ich bleibe ! Wo soll ich denn auch bleiben , als bei Dir , der mir beigestanden hat in meiner größten Noth ? Engel des Lichtes , sprich es , sprich es noch einmal aus , dieses Wort , das mich beseligt ! rief der Graf , und es war vergebens , daß die Mutter es versuchte , dem Vorgange das Gepräge einer förmlichen Verlobung zu entziehen . Hildegard lag in des Grafen Armen , er küßte ihr Haupt , ihre Hände ; sie nannte sich glücklich in dem Besitze seiner Liebe , und noch einmal genoß der fünfzigjährige und kranke Mann den Triumph , sich eines Weibes zu bemächtigen , dessen er nicht werth war , weil die unklare Herzensüberspanntheit Hildegard ' s ihm dazu die Handhabe darbot . Es dunkelte schon , als die Gräfin mit der Tochter sein Haus verließ . Er war sehr mit sich zufrieden . Es war ihm ein Meisterstreich gelungen , und er hätte nur gewünscht , ihn irgend Jemandem mittheilen zu können . Nie zuvor hatte er daran gedacht , Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen ; er hatte sich überhaupt nie mit seinem Testamente beschäftigt . Es war ihm stets zuwider gewesen , auf sein einstiges Ende hinzublicken , denn er fühlte in sich noch Lust , zu leben , und die Nachricht von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm plötzlich die Aussicht eröffnet , sich größere Lebensbequemlichkeit , sich noch größere Lebensfreiheit zu verschaffen , als bisher . Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren , als er sich sagen mußte , er sei Bräutigam , er habe sich verlobt . » Ward je in dieser Laun ' ein Weib gefreit ? Ward je in dieser Laun ' ein Weib gewonnen ? « fragte er sich selber , Shakespeare ' s Worte brauchend , den er anzuführen liebte . In seine Genugthuung mischte sich jedoch ein Schmerz . Die Anspannung seiner Kräfte hatte ihn erschöpft . Es kam wie eine Reue über ihn . Er hätte jung , er hätte noch ganz er selber sein mögen ! Aber er nannte diese rückblickende Wehmuth eine Schwäche , eben eine Folge der Anstrengung , die er sich zugemuthet hatte . Er ließ sich gegen seine Gewohnheit Wein hinstellen , trank ein Paar Gläser davon , und als er dann sein Lager aufsuchte , und das auf dem Nachttische liegende Buch aus der Hand legte , waren es philosophisch-religiöse Fragen , Fragen , mit denen sein völliger Unglaube