handelte es sich um die Verwendung des eingegangenen Geldes . Frau von Trompetta hatte damit etwas Zeitgemäßes im Sinne . Sie sprach von den im Kampfe gegen die Demokratie hier und da gebliebenen oder verwundeten Kriegern und von deren Angehörigen , fand aber bei Siegbert sowol wie beim Propste lebhaften Widerspruch . Jener erklärte eine solche Verwendung für eine politische Demonstration , die er nimmermehr unterstützen , ja gegen die er sowol wie mancher seiner Freunde , die zu dem Album beigetragen hätten , entschieden protestiren würde . Dieser konnte nicht umhin , Siegbert Recht zu geben . Er lehnte zwar jede Übereinstimmung mit Siegbert ' s politischen Motiven ab , meinte aber doch auch , daß die Zeit noch nicht reif wäre , in einer solchen Verwendung des Albums jene Harmlosigkeit zu erblicken , die denn doch von den Künstlern , die diese Idee unterstützten , vorausgesetzt wurde ... Zu diesem Streit gesellte sich in diesem Augenblicke Leidenfrost , der nach seinen Feuerwerksvorbereitungen sehen wollte . Der Propst wußte es so geschickt zu wenden , daß er mit Siegbert plötzlich abbog und die Trompetta mit Leidenfrost allein ließ , bei dem sie , da er sehr praktisch war , noch einige Winke über ihre Pläne zu gewinnen hoffte , so abgeneigt sie ihm seiner Richtung nach auch sein mußte . Man kann sich vorstellen , wie komisch diese Unterhaltung ausfiel . Leidenfrost hielt durchweg den Ton der Ironie fest , den die Trompetta , erfüllt von ihrem Gegenstande , nicht fühlte . Er rieth ihr ohne Zweifel die wunderlichsten Wege an und machte die Frau wol nur noch verwirrter , als sie schon war . Der Propst aber sprach sich so misbilligend über die Ostentation dieser Frau aus , daß Siegbert Vertrauen gewann und das ihm für seinen Nicodemus gespendete Lob nicht zurückwies . Ich habe eine Idee mit dieser Skizze , sagte der Propst . Ich wünschte wohl , daß Sie Veranlassung fänden , sie in größern Dimensionen und am liebsten al fresco auszuführen . Die Frescomalerei , sagte Siegbert , ist mir noch zu wenig geläufig . Ich habe darin Übungen gemacht , würde aber kaum wagen , sie vor Jemanden sehen zu lassen ... Und dennoch , fuhr der Propst fort , muß man Wände haben , um sich daran vervollkommnen zu können . Ich schlage Ihnen vor , Ihre Skizze in einer Kirche auszuführen , die im vorigen Jahre theilweise abbrannte und neuerdings wiederhergestellt ist . Die Gemeinde ersucht mich , ihr Vorschläge zu einigen durch Künstlerhand auszuführenden Zierrathen zu geben . Da sie reich ist , da dem Bau noch manche Summe zu Gebote steht , so schlag ' ich Ihnen vor , die Gemeinde zu besuchen und sich mit ihr über diese Idee zu verständigen . Siegbert war von dem Vorschlage sehr angenehm überrascht und fragte nach dem Namen des Ortes . Das große und reiche Dorf Schönau , auf dem Wege von hier nach Hohenberg . Siegbert lehnte das Anerbieten durchaus nicht ab . Er erklärte sogar , daß ihm nichts erwünschter sein könnte , als die ersten Proben der Technik , die er sich in der Frischmalerei erworben hätte , an einem Orte zu versuchen , wo er die allzustrenge Kritik nicht herausforderte . Das ist sehr weise gedacht ! sagte der Propst . Reisen Sie hin ! Beginnen Sie das Werk ! Sie vergessen , Herr Propst , sagte Siegbert , daß diese Unternehmung nur im warmen Sommer begonnen werden kann . Das ist wahr ! besann sich künstlich der geübte Kunstkenner . Allein man macht vorläufig seinen Überschlag , Sie prüfen die Örtlichkeit , Sie nehmen mit dem Vorstande der Gemeinde Rücksprache . Auch wüßt ' ich sogleich eine Veranlassung , sich in Schönau den Leuten werthvoll und angenehm zu erweisen . Man wünscht bei der Einweihung der Kirche , die am Martinstage stattfinden soll , die Wiederherstellung einiger glücklicherweise aus dem Brande geretteter Bilder aus der altdeutschen Schule . Ich entsinne mich , bei früheren Inspektionsreisen in der Schönauer Kirche zwei vortreffliche Kranach ' s und einige Bibelscenen gesehen zu haben , die , wenn nicht von Albrecht Dürer selbst , doch aus seiner Schule sind . Zu dem neuen frischen Anblick der wiedererrichteten Kirche wünscht man diese Bilder so lebhaft und anmuthig als möglich zu restauriren . Auch dafür , hab ' ich gedacht , entschiede sich gewiß Ihre kundige Hand und Sie nähmen die Entschädigungen mit , die man Ihnen dafür bieten würde . Siegbert freute sich der wohlwollenden Versöhnlichkeit , die aus diesen Anerbietungen des Propstes zu sprechen schien und drückte ihm unverhohlen die angenehme Überraschung aus , die er über diese Anträge empfand . Bester Freund , setzte Gelbsattel mit einem eigenthümlichen kaustischen Ausdrucke hinzu , bis zu dem Tage , wo Ihnen das Obertribunal in letzter Instanz eine Million zu Füßen legt , dürfte es noch ziemlich lange hin sein . Glauben Sie nur nicht , sagte Siegbert , daß ich irgendwie die sanguinischen Hoffnungen meines Bruders theile ! Ich darf mich natürlich seinen Unternehmungen nicht entziehen und lasse Das , was eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat , ihm zu Liebe gern für Gewißheit gelten . Seh ' ich doch , daß ihn diese Angelegenheit nicht lässig , sondern im Gegentheil eifrig macht . Sie schlägt in sein Fach , sie nährt seine Studien . Und ich selbst finde wenigstens Den Gefallen an den Verhandlungen , daß ich mich des Überblickes der Zeiten erfreue , an vergangene Zustände meiner Familie zurückdenke und an den großen Widersprüchen der Verhältnisse , die unser Leben erfüllen , einen persönlichen Antheil habe . Dies Vergnügen wird Ihnen aber viel Geld kosten ! warf Gelbsattel etwas bitter hin ... Das ist wahr , sagte Siegbert , wir müssen schon jetzt Opfer bringen und haben alle Ursache , uns einzuschränken . Sie sehen mich auch deshalb nicht abgeneigt , eine Gelegenheit zu ergreifen , mir meine Kunst ergiebig zu machen . Leider fesseln mich für den Augenblick so viele Dinge ... Schütteln Sie doch diese Fesseln ab ! sagte der Propst . Ihr jungen Männer lebt in einer glücklichen Zeit ! Welche Mühe hatten wir einst , unsre Wünsche auszuführen , unsre Wirkungskreise zu verändern ! Jetzt reist Das hin und her ; im Fluge ist man unter andre Verhältnisse versetzt . Ein junger Geistlicher , Oleander , hört heute von einem Vikariat in Plessen , von der unbesetzten Stelle des einige Zeit beurlaubten Pfarrers Stromer ; morgen ist er schon unterwegs und tritt dieses Amt an , das ihm den Weg zu besseren Ämtern bahnen soll ... Oleander ? fragte Siegbert , der den Namen schon oft , auch einigemale sonderbarerweise von Louis Armand gehört hatte . Irr ' ich nicht ... Sie werden Manches von ihm gelesen haben ... Es ist der Verlobte ... Meiner ältesten Tochter ? Glauben Sie Das nicht ! Wo junge Mädchen sind , stellt sich sogleich bei jedem männlichen Besuche ein solches Vorurtheil ein . Es ist wahr , ich habe diesen Oleander gehoben . Er hat das Sabbathspredigerstipendium in der Dreieinigkeitskapelle , er genießt manchen Vortheil , der für seine Jahre und Einsicht unverhältnißmäßig ist ; da zeigt er sich auch als Einen der Undankbaren und Vermessenen , die Alles nur sich selbst danken wollen , reißt sich von den behaglichsten Verhältnissen los und übernimmt jenes elende Vikariat - Siegbert war fast im Begriff , diese Handlungsweise Oleander ' s edel und schön zu nennen , als ihr Gespräch durch eine Störung unterbrochen wurde . Sie waren dem Hause wieder näher gekommen , als Siegbert am Gitter des Gartens im Hofe einen jungen Soldaten erblickte , der schüchtern die Thür öffnete und sich nach Jemanden , den er zu suchen schien , umsah . Siegbert ging zu dem jungen Soldaten hinüber , um ihn nach seinem Anliegen zu fragen . Dieser trat mit dem schönen Anstande , der einem gebildeten Krieger eigen ist , näher , faßte an seinen Tschako und wünschte Herrn Dankmar Wildungen zu sprechen . Warten Sie einen Augenblick ! sagte Siegbert und empfahl sich dem Propste . Er wollte den Bruder im Garten suchen . Da trat ihm dieser aus einem schattigen Gange , Fräulein von Flottwitz begleitend , schon entgegen . Er erkannte sogleich den Sergeant Heinrich Sandrart , dessen sich der Major von Werdeck öfters zu Aufträgen bediente bei der nähern Beziehung , die zwischen diesem Offizier und den Brüdern seit einiger Zeit besonders durch Leidenfrost eingetreten war ... Heinrich Sandrart , der etwas leidend aussah , überreichte Dankmarn ein Billet von dem Major . Während dieser las , trat Fräulein Wilhelmine dem Sergeanten näher und fragte : Garde ? Garde ! Erstes Regiment ? Zweites Regiment ! Dritte Compagnie ? Dritte Compagnie ! Lieutnant von Aldenhoven ? Sandrart mußte alle Fragen der unterrichteten , kriegskundigen Offizierstochter fast zustimmend beantworten . Dankmar trat näher und sagte dem Sergeanten : Eine Empfehlung an den Major ! Sehr erwünscht . Wir würden die Ehre haben , ihn zu erwarten . Damit legte Sandrart die Finger an den Tschako und wollte sich entfernen zum Entzücken der Flottwitz , die sich an seiner Haltung und dem Hereinragen auch des Militairischen in dieses Fest nicht genug weiden konnte . Aber schon hatten auch Paulowna und Rurik von einem Soldaten gehört , waren herbeigesprungen und betasteten diesen Krieger , seinen Säbel , die Aufschläge seiner Uniform , die Tressen , wie den Schmuck einer Figur ... Sie sind Heinrich Sandrart ? fragte Dankmar . Zu dienen , mein Herr ! Es ist schon einige male , daß wir uns sahen ; Sie blasen die Flöte , sind fleißig , wollen Ihr Fähnrichexamen machen ? Hat Ihnen Das der Major gesagt ? Der Major hält große Stücke auf Sie ! Er verdient , daß sein Bataillon für ihn durch ' s Feuer geht . Die Flottwitz hatte etwas auf der Zunge , was sie auszusprechen durch die Kinder verhindert wurde . Olga , die das Gespräch in der Ferne beobachtet hatte , war gleich so wohlwollend gewesen , ein Glas mit Wein füllen zu lassen , es auf ein lackirtes Bret zu stellen , ein Stück Kuchen hinzuzulegen und den Kindern zum Überbringen an den hübschen Soldaten zu übergeben . Diese faßten den Teller Beide zugleich an und trugen ihn behutsam , doch nicht ohne bedeutende Schwankungen und Verschüttungen . Dankmar redete Sandrart zu , zu nehmen und wollte Olga einen freundlichen Blick zuwerfen ; doch war Olga schon wieder verschwunden ... Es trieb sie eben wie ein Irrlicht unruhig bald da- , bald dorthin , ruhelos , unstät , wie ihre dunklen Augen selbst hin und wieder gingen ... Die dritte Compagnie steht in keinem guten Rufe ; sagte die Flottwitz . Wer sagt Das ? antwortete Sandrart . Die ganze Armee ! Sandrart schwieg . Es lag außerhalb der Disciplin , hier Ansichten auszusprechen . Ein guter Soldat , fuhr die Flottwitz begeistert fort , soll treu seinem Könige dienen , treu der Fahne , auf die er geschworen hat . Sandrart aß in steifer Haltung seinen Kuchen , trank seinen Wein und schwieg . Die Ehre des Kriegers , fuhr das geröthete , jetzt flammende Mädchen fort , ist der Gehorsam . Wenn sich die Bande der Disciplin lockern , wird die Kraft eines Heeres gelähmt . Das unsrige hat seine Schlachten nicht dadurch gewonnen , daß ein Jeder dazwischen redet und vom Volke fabelt , sondern dadurch , daß es für seinen König Blut und Leben dahingab und seinem Vorgesetzten selbst dann gehorchte , wenn eine Armee auch nur unter den Waffen steht und zusehen muß , was die Weisheit seines Fürsten so oder so beschließt . Sandrart schwieg . Krieger , fuhr das seltene Mädchen , die in der That den Namen einer neuen Jungfrau von Orleans verdiente , fort , Krieger , die sich von der Demokratie irre machen lassen in ihrer Pflicht , verdienen den Namen der Tapfern nicht . Sie schänden die glorreiche Uniform , die sie tragen . Sie verletzen ihren Eid , den sie dem Fürsten geschworen , und ein Eid ist heilig , heilig wie das Evangelium . Sagen Sie Das der dritten Compagnie , die eine Fahne trägt , die von Kugeln zerfetzt ist in zwanzig Schlachten , eine Fahne , die eine Ahnin des königlichen Hauses selbst gestickt hat ! Sandrart wischte sich den Mund , trat einen Schritt zurück und machte seine Honneurs , um zu gehen . Die Kinder gaben ihm bis auf die Straße das Geleite . Der junge Soldat hatte nichts erwidert , nichts politisirt ... er schwieg . Dankmar aber mußte , als er mit dem Fräulein allein war , in ein lautes Lachen ausbrechen . Bestes Fräulein , sagte er ; in Ihrer Rede war für meinen verlorenen unglücklichen Standpunkt jedes Wort ein Lustspiel , aber auch für den tragischen Standpunkt dieses jungen Mannes keine Tragödie ! Wie so ? fragte Wilhelmine mit einer Mäßigung , die im Widerspruche zu ihrer aufwallenden Mahnung an die berüchtigte dritte Compagnie des zweiten Garderegimentes stand . Sie gingen wieder allein , Beide dem dunkeln Gange zu . Dies Paar war heute zum ersten male in eine persönliche , durch Gespräch verbundene Beziehung gekommen und wunderbar rasch , wie zwei chemische Stoffe , die sich vereinigen , um zu explodiren , hatten sie sich während des Festes gesucht und gefunden . Es gibt Begegnungen , die gleich bei der ersten Begrüßung das Facit längst angelegter Beziehungen sind . Dankmar und Fräulein von Flottwitz kannten sich , ohne sich gesprochen zu haben . Sie gewannen sogleich eine Vertraulichkeit , die schnell über die ersten Vorbereitungen einer Verständigung hinausging . Da das junge Mädchen etwas vorstellte und bedeutete , da sie ein Ziel und Streben hatte , so mußte sie dem jungen Manne von Interesse sein . Nichts kürzt ja die Verlegenheiten , die man der unbestimmten Gefühlswelt und der geheimnißvollen Existenz eines Frauenherzens gegenüber empfindet , so sehr ab , als wenn ein weibliches Wesen doch auch einmal ein wenig mehr ist als nur eine bloße Tabula rasa , die erst die Liebe , die künftige Begegnung mit dem Manne , der sie wählt , mit Charakteren beschreibt . Anders wenigstens ist es kaum zu erklären , wie sich Dankmar und Friederike Wilhelmine so schnell in eine gewisse , Allen auffallende Vertraulichkeit fanden ... Sie haben , sagte Dankmar , diesen jungen Soldaten wie eine Puppe von Holz behandelt und ich kann Ihnen die Versicherung geben , daß das trotz seines Schweigens ein sehr gebildeter Mensch ist . Er bläst die Flöte , liebt die Empfindsamkeit , denkt schwärmerisch , macht leidliche Verse , hat Kenntnisse in allen Fächern und ist der Erbe eines sehr bedeutenden Vermögens . Er nahm den Wein und Kuchen mit einem Anstand , den Sie müssen gewürdigt haben . Er hätte gern gesagt : Ich bin kein Bettler , kein Bote , ich bin ein freier Mann und ich schweige auch zu den Ermahnungen des Fräuleins nur , weil sie wunderschöne blonde Locken , einen reizenden Teint , sprechende dunkelblaue Augen , kirschrothe Lippen und Zähne wie von Elfenbein hat ! Spotten Sie , rief Wilhelmine fast erbebend und warf einen ihrer in der That schmelzenden Blicke ernst und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar , den sie ohne Zweifel in Folge der Gesetze von der Polarität seit der Begegnung an der Terrasse von Solitüde fast zu lieben schien ... Ich spotte nicht , Fräulein ! sagte Dankmar mit seinem gewohnten feinen Lächeln . Ich kann mir keine reizendere Form der Bellona denken . Sie haben etwas von einer Hohenpriesterin Ihrer Überzeugung ! Und aufrichtig gestanden , ich gönne unsern Lieutenants , wie sie so kommen und gehen und das Trottoir der Residenz beherrschen , nicht die Poesie , die in Ihrer enthusiastischen Vertheidigung der reactionairen Staatsprincipien liegt ! Es geht mir mit Ihnen fast ebenso , sagte das junge Mädchen beklommen , schüchtern und hocherröthend . Ich gönne den Demokraten nicht , daß Sie zu ihnen gehören . Dankmar warf die Augen flüchtig in die Runde , ergriff ihre linke Hand , küßte sie rasch und erwiderte : Bekehren Sie mich , Fräulein ! Wilhelmine zuckte zusammen . Sie ließ die Hand in Dankmar ' s Rechten ; er mußte fühlen , daß sie zitterte ... Ihr Bruder , sagte sie nach einer Weile sich sammelnd und die Hand wieder zurückziehend , Ihr Bruder schwärmt über die Gesellschaft und verfolgt bunte Träume , die sich nie verwirklichen werden . Sie aber sind viel schlimmer . Sie haben Ihren Geist wie ein Arsenal mit lauter feindseligen Waffen gegen das Bestehende ausgerüstet . In Ihrem Kopfe leben nur Mordgewehre , Dolche , Barrikaden . Jedes Wort , das Sie über öffentliche Dinge sprechen , klingt mir wie Hohn in ' s innerste Herz . Es ist die Trommel des Aufruhrs , die Sie rühren , und mich schmerzt es , daß Sie vielleicht in Verbindungen stehen , die Ihnen gefährlich werden können . Was haben Sie mit diesem unglücklichen Werdeck zu thun ? Wir treiben zusammen Schädellehre , sagte Dankmar . Er hat einen prächtigen Kopf , der mich physiognomisch unterhält und ihn unterhält wieder mein Kopf . So befühlen wir uns gegenseitig und sagen uns phrenologische Schmeicheleien . Weichen Sie mir nicht aus ! Ich weiß sehr wohl , wie Sie mit Werdeck bekannt geworden sind . Wie denn , mein Fräulein ? Sie ritten mit Lasally , Aldenhoven und einigen Offizieren vor mehren Wochen nach Burgheim . Nicht wahr ? Sehr oft thun wir Das . Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck ... Sehr oft begegnet er uns ... Er schloß sich Ihnen an . Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien . Sie und Werdeck bildeten die Minorität . Es entstand Bekanntschaft , Verständigung , Freundschaft ... Und zuletzt eine Verschwörung ? Nicht wahr ? Bewahre Sie der Himmel davor ! Ich warne Sie vor Werdeck . Erschraken Sie nie vor seinem unheimlichen Auge ? Oder fesselt Sie doch nicht die wilde Leidenschaftlichkeit seiner Frau ? Ah ! Ich hätte nie geglaubt , daß die Inquisition so schöne Dienerinnen hat , wie Sie , Fräulein Wilhelmine ... Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebungen gehört , als ich Ihnen wiederholen möchte ... Was wissen Sie von mir und jener Frau ? Der Majorin von Werdeck ? Ich hoffe , Sie wissen , daß ich sie noch in meinem Leben nicht gesprochen habe . Mein Bruder malte ihr Bild und aß zuweilen bei den Werdeck ' s polnische Pirotkis . Und Leidenfrost ? Dieser Aufwiegler der Werkstätten , dieser Führer der Handwerker , dieser cynische Robespierre ... Steht in einer geheimnißvollen , mir dunkeln Beziehung zu jener Familie , das ist wahr . Aber ich glaube nicht , daß dabei die Politik eine Rolle spielt ... Die gefährlichste ! Die Verbindung mit Polen soll in jenem Hause unausgesetzt unterhalten werden . Der leidenschaftliche Katholicismus der Majorin ist der Deckmantel ihrer wahren Gesinnung . Man weiß , daß sie Seelenmessen für Menschen lesen läßt , die in Sibirien gestorben sind . Durch Klosterverbindungen verständigt man sich mit Denen , die in Krakau und Warschau nur auf den Augenblick harren , um - doch wovon unterhalt ' ich Sie ! Ich staune , Fräulein ! rief Dankmar , dem alle diese Äußerungen übertrieben und verleumderischen Entstellungen nacherzählt vorkamen . Welche Chronik ! Trennen Sie sich von diesen Umgebungen ! sagte das Fräulein drängend und mit großer Innigkeit . Über Allen , die mit Werdeck verkehren , zieht sich eine mächtige dunkle Wolke zusammen ... Ihr Proceß , Herr Wildungen- wüßten Sie nur , was man davon spricht ! Ich lausche mit Spannung ... Wolle der Himmel verhüten , daß Sie jemals diese großen Reichthümer gewännen ! Sie würden sie nur dazu anwenden , die Revolutionen aller Staaten zu unterstützen . Ah so ! Nein , mein Fräulein ! Ich würde sie nur dazu anwenden , einmal irgend ein Wesen , das ich liebe , mit allen Reizen des Glückes zu umzaubern . Ich baute diesem Wesen Villen , hängende Gärten , Paläste ... Aber im Ernst , Fräulein , sind diese Gesinnungen der Loyalität , die Ihre schöne Stirn mit einem Heiligenschein umgeben haben , wirklich Ihre innersten Überzeugungen ? Ich weiß es , ich frage fast so dreist , wie man eine Prophetin fragen würde , ob sie wirklich an den Gott glaube , von dem sie sich ergriffen erklärt ? Aber wir haben denn doch die Bücher der Geschichte aufgeschlagen vor uns liegen . Sie sind doch auch den Frauen zugänglich und ich weiß es , die Bildung ist Ihnen , mein Fräulein , ein theures Wort . Sagen Sie mir nur um ' s Himmelswillen , kennen Sie denn Das nicht , was wir Männer Kritik nennen ? Es ist Ihnen also unmöglich , die Zeit im Großen und Ganzen aufzufassen und zu fühlen , daß Ihr und Ihrer Genossen Wirken und Denken eine reine Selbsttäuschung ist ? Fräulein Wilhelmine bat Dankmar , auf einer Bank , die ziemlich am Ende des Gartens unter dem Weinlaubdache stand , Platz zu nehmen . Sie setzten sich ... Sie sagen , begann sie gesammelt und mit einem Sonnenschirme spielend , daß Ihnen etwas an uns unbegreiflich ist und wir sind in dem gleichen Falle über Sie und die Ihrigen . Kann man gemeinschaftliche Sache mit Menschen machen , die die Fackel der Empörung anzündend nur Verwirrung wollen , um sich zu bereichern oder zu Ehrenstellen aufzuschwingen ! Wie schonungslos hat man zerstört ! Forschen Sie den Tonangebern nach ! Es sind meist nur ruinirte , zweideutige Mitglieder der Gesellschaft . Kann man Freiheit da finden , wo nur die Rohheit und Sittenlosigkeit das Recht bekommt , glänzende Gewänder um sich zu werfen ! Sehen Sie die kecken Gebehrden der verworfensten Individuen , die es jetzt wagen , der Sitte und dem Anstande Hohn zu sprechen . Kann man wünschen , daß je die Gesellschaft diesem Pöbel preisgegeben wird , diesem Pöbel , der in meinen Augen auch unter den Menschen steckt , die äußerlich anständig gehen . Man wühlt nur , um seiner jämmerlichen , ehrgeizigen und habsüchtigen Leidenschaften willen . Die Musik spielte in der Ferne . Die Kinder jagten sich . Die Paare wandelten auf und ab . Man mied das von seinen Früchten befreite Weinlaubdach ... Dankmar , dem diese Unterhaltung von psychologischem Interesse war und dem die Situation einer Verständigung zwischen zwei so verzweifelten Gegensätzen , wie sie von ihm und diesem Fräulein vertreten wurden , fesselnd erschien , erwiderte : Sie sind in diesem Augenblicke viel aufrichtiger gegen mich , als Sie es gegen die Welt sind . Wie so ? fragte Wilhelmine . Der Welt gegenüber stellen Sie die Hingebung an den Thron und die Interessen der absoluten Monarchie wie etwas Ursprüngliches dar , wie eine Art Religion ; während Sie doch eben verriethen , daß dies System , wie ich es nennen möchte , nur die Folge einer sehr klug angestellten Reflexion ist . Welcher Reflexion ? Sie fühlen , daß mit der Demokratie in der Art , wie sie Ihnen erschienen , nicht gut zu leben ist und verwerfen sie deshalb ohne Weiteres , indem Sie eine Anbetung der Monarchie , eine Vergötterung der Hebel derselben befördern , die das Übel , das Sie bekämpfen wollen , nur ärger machen wird . Man muß dem Throne Kraft geben , den Arm der Fürsten stärken , die Bürgschaften der Ordnung befestigen ! Alles Politik ! Alles Reflexion ! Durchaus keine Religion , durchaus keine Andacht ! rief Dankmar und rückte seiner Gegnerin näher , indem er einige welke Weinblätter , die auf ihren Nacken gefallen waren , weglas ... Nennen Sie es Tugend , wenn man sich dahin stellt , wo man die Gefahren der Gesellschaft abgewendet sieht ! antwortete das Mädchen bestimmt und von Dankmar ' s Spiel durchrieselt . O nein , Das nenn ' ich Instinkt , Selbsterhaltungstrieb , erwiderte Dankmar und nahm ihr wie spielend den Sonnenschirm aus der Hand . Mein bestes Fräulein , Sie vertheidigen sich nicht gut . Sie müssen so , wie Sie einmal sind , sagen : Ein Demokrat ist das nicht relativ , sondern absolut Verwerflichste , und die Liebe , die ich zum Könige , zu den Prinzen , zu den guten Ministern , zu dem Adel , zur Armee habe , die ist etwas Unerklärliches , die entspringt aus dem Gefühle , das einst die Christen trieb , das Kreuz zu nehmen und in ' s gelobte Land zu ziehen . Sie zerstören mir ja durch Ihre Theorie den ganzen Heiligenschein , den ich um Ihre schönen Locken erblickte . Wilhelmine sah gedankenvoll empor . Es durchbebte sie etwas von einem Gefühle , von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wußte . Sie ahnte fast , daß Dankmar für sich Recht hatte . Sie konnte ihm nur nicht sagen , daß es eins der schmerzlichsten Gefühle , das die Seelen unserer Zeit zerreißt , genannt werden muß , Menschen , die man liebt und verehrt , in Ansichten gefangen zu sehen , die man selbst nicht theilen kann . Sie hatte sich im Stillen auf Dankmar ' s Standpunkt gestellt , mit ihm verhandeln , ihn in ihre Gedankensphäre hinüber ziehen wollen und nur deshalb für etwas , was allerdings auch in ihr rein ursprünglich , wie eine visionäre Anschauung lag , äußere Gründe des Verstandes gesucht . Sie sagte : Darf ich denn wagen , mich Ihnen so zu geben , wie ich bin , ohne von dem stärkeren Geiste verspottet zu werden ? Ich sehe , Ihre Menschenkenntniß fühlt mir vollkommen die Empfindungen nach , die meine wahren sind . Sagen Sie mir aber Das : Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefühl , Ihren König geehrt und mächtig zu sehen , seinen Herrscherblick vielleicht auf Sie selbst niederzulenken , die Fahnen unserer Krieger stolz entfaltet zu schauen , von unsern Schlachten zu lesen und sich gläubig , nichtig , ergeben zu fühlen in dem großen , gefeierten , heiligen , aber von Andern geleiteten Ganzen , das man den Staat nennt ? Das will ich Ihnen sagen , mein Fräulein ! antwortete Dankmar ernst und voll Antheil . Die Geschichte und das Leben haben mich gelehrt , daß die großen Ideen nur an der Wiege , als sie geboren wurden , unschuldig und heilig waren . Das Christenthum war unschuldig und heilig , als es in Galiläa gepredigt wurde . Als es heranwuchs , gedieh , erstarkte , mußte sich der Denker schon wieder von ihm abwenden . So kann ich in politischen Dingen auch nur die Vasallentreue eines Bayard unschuldig und heilig nennen , und für die Dichtkunst haben die Empfindungen , die in Ihnen , mein Fräulein , leben , einen großen , auch mir sehr bedeutenden Werth . Anders aber ist es auch hier mit der erstarkten Idee der Loyalität , wenn auf ihr Institutionen wurzeln , Systeme . Da seh ' ich , daß zuviel Lüge , zuviel Egoismus von jenen Institutionen in Schutz genommen wird . Ich sehe , daß sich böser Wille , Unterdrückung , Anmaßung zu gut bei jenen Systemen unterbringen läßt und muß deshalb auch das Gute , das ihnen zum Grunde liegen mag , leider zerstören , der Schlupfwinkel wegen , die das Böse hier im Guten findet . Ich bin nicht blind für die Fehler der Revolution . Auch sie war an ihrer Wiege in Rousseau ' s Schriften ein reiner keuscher Gedanke . Man kann nicht reiner und unschuldiger über den Staat denken , als damals gedacht wurde , als im Enthusiasmus für Freiheit und Gleichheit aller Menschen die Adeligen Frankreichs ihre Privilegien selbst auf den Altar des Vaterlandes legten . Aber auch die Revolution ist entartet , degenerirt . Nun kann der Denker nur in der Mitte stehen und da seine Hand bieten , wo noch der meiste Rest von der Wiegenunschuld der Ideen übriggeblieben ist und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen , daß das Zeitalter der Revolution jünger als Bayard ist . Die Pflicht der Menschen soll sich an das Gute der Revolutionen anschließen , von Nichts aber , bei aller Nothwendigkeit der Mäßigung , des langsamen Fortschreitens , des Abwägens der Übergänge , von Nichts sich entfernter halten , als von dieser rein vegetativen , alles Denken verbannenden , instinktmäßigen Verehrung der Institutionen , die das neue Zeitalter anzweifelt . Man kann diese Institutionen noch eine Weile stützen , man soll es ; aber man versündigt sich an Gott , wenn man sie anbetet und z.B. mit einem Soldaten so spricht , wie Sie es eben mit diesem Heinrich Sandrart gethan haben . Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und schwieg . Dann sagte sie rasch und aufseufzend : Wir verständigen uns nicht ! Sie erhob sich gerade noch zur rechten Zeit , ehe die ganze Gesellschaft sie Beide in dieser Situation auf der einsamen Bank überraschte ... Es war nun fast sieben Uhr und schon ziemlich dunkel . Jeden Augenblick erwartete Leidenfrost seine Unterstützung zum Lösen des Böllers und zum Steigenlassen der Raketen . Die Musiker , die unermüdet fortfuhren , sanfte Harmonieen durch die Büsche hin aus der Laube zu entsenden , hatten schon Licht . Auch in dem Salon , in den unmittelbar eine Thür des Hauses vom Garten führte , brannten Kerzen . Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Musikstück auf dem Klavier . Die Schwester Paulinen ' s hatte aber ihre Freude meist nur mit den Kindern und dachte daran , heimzukehren nach Tempelheide . Selbst Siegberten , der ihr so sympathisch war , mochte sie in seinem Verkehr mit den jüngern weiblichen Anwesenden nicht stören . Man bat , man drängte in sie noch zu bleiben , zu singen , zu spielen , wenigstens jedenfalls die Raketen abzuwarten . Sie konnte sich denn der Bitten nicht