wollen wir , halb aus Courtoisie , halb aus Überzeugung annehmen – ein Besseres an die Stelle trat . Wie die Dinge liegen , wird zwar auch jetzt noch gelegentlich der Versuch gemacht , es mit der Gotik und ihren Dependenzien zu wagen ; aber diese Versuche scheitern jedesmal , wenigsten für das Auge dessen , der die Originale oder auch nur da kennt , was mit immer wachsendem Verständnis unsere westdeutschen Neugotiker danach bildeten . Auch das Herrenhaus zu Petzow ist ein solcher gescheiterte Versuch . Was daran anmutend wirkt , ist , wie schon angedeutet , das malerische Element : nicht seine Architektur . Diese soweit man überhaupt von einer Architektur sprechen kann datiert aus dem Anfang der zwanziger Jahre , ist also kaum fünfzig Jahre alt . Dies gilt auch besonders von den angebauten Flügeln . Und doch , als wir diese näher besichtigten , nahmen wir an den Fenstern des Erdgeschosses kunstvoll geschmiedete Eisengitter wahr , die sich unschwer auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückführen ließen . Dies verwirrte uns . Das Rätsel sollte sich indes in Kürze lösen . Diese Gitterfenster wurden nämlich in Potsdam bei einem Häuserabbruch erstanden und hierher verpflanzt . Hier prangen nun die einhundertfünfzigjährigen an einer erst fünfzigjährigen Front . Wie erzählen das lediglich zu dem Behuf , um zu zeigen , wie man durch Beurteilung von Einzeldingen , von denen man dann Schlüsse aufs Ganze zieht , erheblich irregeleitet werden kann Nichts war verzeihlicher hier als ein Rechenfehler von hundert Jahren . Der Park ist eine Schöpfung Lennés . An einem Hügelabhang gelegen wie Sanssouci , hat er mit diesem den Terrassencharakter gemein . In großen Stufen geht es abwärts . Wenn aber Sanssouci bei all seiner Schönheit einfach eine große Waldterrasse mit Garten und Wiesengründen bietet , so erblickt man von dem Hügelrücken des Petzower Parkes aus eine imposante Wasserterrasse , und unser Auge , zunächst ausruhend auf dem in Mittelhöhe gelegenen , erlenumstandenen Parksee , steigt nunmehr erst auf die unterste Treppenstufe nieder – auf die breite Wasserfläche des Schwielow . Der Park umschloß früher auch die Kirche des Dorfes . Alt , baufällig , unschön wie sie war , gab man sie auf und auf einem weiter zurückgelegenen Hügel wurde 1841 eine neue Kirche aufgeführt . König Friedrich Wilhelm IV. , das Patronat ist bei der Landesherrschaft , ordnete an , daß der Neubau im romanischen Stile erfolgen solle . Stüler entwarf die Zeichnungen ; die Ausführung folgte rasch . So reihte sich denn die Petzower Kirche in den Kreis jener neuen schönen Gotteshäuser ein , mit denen der kirchliche und zugleich der feine landschaftliche Sinn des verstorbenen Königs Potsdam und die Havelufer umstellte . Wir nennen nur : Bornstädt , Sakrow , Kaputh , Werder , Glindow . Ihre Zahl ist um vieles größer . Der Gottesdienst , die Gemeinde , vor allem die Szenerie , gewannen durch diese Neubauten ; aber die Lokalgeschichte erlitt erhebliche Einbuße , weil alles Historische , was sich an den alten Kirchen vorfand , meist als Gerümpel beseitigt und fast nie in den Neubau mit hinübergenommen wurde . Unter allen Künstlern – diese Bemerkung mag hier gestattet sein – sind die Architekten die pietätslosesten , zum Teil weil sie nicht anders können . Maler , Skulptoren treffen mit ihrem Vorgänger meist wie auf breiter Straße zusammen ; sie haben Raum nebeneinander ; die Lebenden und die Toten , sie können sich dulden , wenn sie wollen . Nicht so der Baumeister . In den meisten Fällen soll das neue Haus , die neue Kirche an der Stelle der alten stehen . Er hat keine Wahl . Und es sei . Wir rechten zudem mit keiner Zeit darüber , daß sie sich für die klügste und beste hält . Aber darin geht die jedesmalig modernste ( die unsrige kennt wenigstens Ausnahmen ) zu weit , daß sie auch das zerstört , was unbeschadet des eignen Lebens weiter leben könnte , daß sie sozusagen unschuldigen Existenzen , von denen sie persönlich nichts zu befahren hätte , ein Ende macht . Der moderne Basilika-Erbauer mag ein gotisches Gewölbe niederreißen , das nun einmal schlechterdings in die gestellte Aufgabe nicht paßt ; aber das halbverblaßte Freskobild , die Inschrifttafel , der Grabstein mit der Plattenrüstung , – ihnen hätte er auch in dem Neubau ein Plätzchen gönnen können . Er versagt dies Plätzchen ohne Not , er versagt es , und daran knüpfen wir unsern Vorwurf . Die historische Pietät ist fast noch seltener als die künstlerische . So entstehen denn entzauberte Kirchen , die helle Fenster und gute Plätze haben , die aber den Sinn kalt lassen , weil mit der Vergangenheit gebrochen wurde . Ein » gefälliger Punkt in der Landschaft « ist gewonnen , eine vielversprechende Schale , aber , in den meisten Fällen , eine Schale ohne Kern . Zu diesen in historischer Beziehung » tauben Nüssen « gehört auch die Petzower Kirche . Aber so leer und kahl sie ist , und so verstimmend diese Kahlheit wirkt , so gewiß ist es doch auch , daß man im Hinaustreten auf das Flachdach des Turmes diese Verstimmung plötzlich und wie auf Zauberschlag von sich abfallen fühlt . Sie geht unter in dem Panorama , das sich hier bietet . Die » Grelle « , eine tiefe Flußbucht , liegt uns zu Füßen ; unmittelbar neben ihr der Glindower See . Die Havel und der Schwielow , durch Landzungen und Verschiebungen in zahlreiche blaue Flächen zerschnitten , tauchen in der Nähe und Ferne auf und dehnen sich bis an den Horizont , wo sie mit dem Blau des Himmels zusammenfließen . Dazwischen Kirchen , Dörfer , Brücken , – alles , nach zwei Seiten hin , umrahmt von den Höhenzügen des Havellandes und der Zauche . Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil ; nicht von relativer Schönheit , sondern absolut . Man darf hier getrost hinaustreten , ohne sich des Vergleichssinnes zu entschlagen . Eine Viertelstunde später , und wir schritten dorfan , um der » Grelle « und ihren Anwohnern einen Besuch zu machen . Der Weg dahin führt durch eine Akazienallee und demnächst an einer ganzen Plantage von Akazien vorbei . Schon vorher war mir der besondere Reichtum des Dorfes an dieser Baumart aufgefallen . Man begegnet der Akazie überhaupt häufig in den Havelgegenden , aber vielleicht nirgends häufiger als hier . Es ist ein dankbarer Baum , mit jedem Boden zufrieden , und in seiner arabischen Heimat nicht verwöhnt , scheint er sich auf märkischem Sande mit einer Art Vorliebe eingelebt zu haben . Alle Akazien in Spree- und Havelland rühren mittelbar von Sanssouci her , wo der Ur-Akazienbaum , der Stammvater vieler tausend Enkel und Urenkel an der Bornstädter Straße , gegenüber dem Triumphbogen steht . Die Akazie , ursprünglich als Zier- und Parkbaum gehegt , hat übrigens längst aufgehört eine exzeptionelle Stelle einzunehmen ; sie ist , wie das ihrer anspruchslosen Natur entspricht , Nutzholz geworden und bildet einen nicht unerheblichen Handelsartikel dieser Gegenden . Ich erfuhr darüber folgendes : Zu bestimmten Zeiten kommen Händler aus den Nordseehäfen , aus Hamburg , Stade , Bremerhaven , auch von der Jade her , bereisen die Akaziengegenden , kaufen an und markieren die Bäume , die zunächst gefällt werden sollen . Ein Hauptpunkt für diese Händler ist Petzow . Einige Wochen später erscheint ein Elbkahn von Hamburg oder den andern genannten Plätzen und hat eine kleine Armee von Holzfällern und Holzspaltern an Bord . Es sind Geschwisterkinder der Schindelmacher . Wie diese haben sie es zu einer Virtuosität gebracht ; sie fällen , zersägen , spalten ; während der Schindler aber ein Flachholz herstellt , stellt dieser nordische Holzspalter ein zylinderförmiges Langstück her , das später , als beste Sorte Schiffsnägel , auf den Werften der Seestädte eine Rolle spielt . Wenn der Kahn mit diesen Schiffsnägeln gefüllt ist , wird die Rückfahrt angetreten und die Petzower Akazien schwimmen ein Jahr später auf allen Meeren und halten die Planken der deutschen Flotte zusammen . – Wir hatten inzwischen » die Grelle « und damit zugleich den großen Ziegelofen erreicht , der sich hier am Ufer der tief einschneidenden Havelbucht erhebt . Dieser Ziegelofen ist weit bekannt in Havelland und Zauche ; er ist der ältesten einer , und schon im vorigen Jahrhundert umgab ihn eine Kolonie von Ziegelstreichern und Ziegelbrennern , die sich hier in Hütten und Häusern angesiedelt hatten . Diese übertrugen den Namen , den sie hier vorfanden , alsbald auf die ganze Anlage , so daß mit dem Worte » Grelle « nunmehr ebenso oft das Etablissement wie die seeartige Einbuchtung bezeichnet wird . Der alte historische Ziegelofen modernisierte sich im Laufe der Jahre , vielleicht auch die Häuser , die ihn umstanden , aber sie blieben immerhin kümmerlich genug . Auf eins derselben , dem man ersichtlich vor kurzem erst ein neues Stockwerk aufgesetzt hatte , schritten wir jetzt zu . Der Eingang war vom Hofe her . Ein alter knorriger Birnbaum , der ziemlich unwirsch aussah , legte sein Gezweig nach links hin auf das niedrige Hausdach , nach rechts hin über ein Konglomerat unsagbarer Örtlichkeiten : Verschläge , Ställe , Kofen . Zwischen ihnen das gemeinschaftliche Gestade eines Sumpfes . Alles ärmlich , unsauber ; selbst das Weinlaub , dem man dürftig und kunstlos ein Spalier zusammengenagelt hatte , spann sich verdrießlich an der Hinterwand des Hauses aus . Ein unpoetischer , selbst ein unmalerischer Ort ! Aber aus dem Weinlaub hervor schimmerte eine weiße Tafel mit der Inschrift : » Hier ward Zelter geboren am II. Dec . 1758 . « Beuth , wenn mir recht berichtet , hat seinem Freunde Zelter diese Tafel errichten lassen . Der Schüler und zweite Nachfolger des berühmten » Sohnes der Grelle « aber war – Grell . Auch der Zufall liebt es , gelegentlich mit Wort und Namen zu spielen . Baumgartenbrück Baumgartenbrück And thus an acry point he won , Where , gleaming with the setting sun , One burnished sheet of living gold , Loch-Katrine lay beneath him roll ' d. Lady of the Lake Die Havel , als sie nach Süden hin den Schwielowsee bildete , um sich innerhalb dieses weiten Bassins zu ergehen , mußte doch schließlich aus dieser Sackgasse wieder heraus , und die Frage war nur : wo ? In der Regel behalten die durchbrechenden Wogen die einmal eingeschlagene Richtung bei und ruhen nicht eher , als bis sie , dem Durchbrechungspunkte gegenüber , einen Ausgang gefunden oder gewühlt und gebohrt haben . Nicht so hier . Die Havel schoß eben nicht wie ein Pfeil von Nord nach Süd durch das Moor- und Sumpfbecken hindurch , in welchem sie während dieser Stunden den Schwielow schuf , sie erging sich vielmehr innerhalb desselben , entschlug sich jeder vorgefaßten Richtung und nahm endlich ihren Abfluß halbrückwärts , keine zweitausend Schritt von der Stelle entfernt , wo sie kurz vorher den Damm durchbrochen hatte . An dieser Abflußstelle , wo also die Havel nach ihrer Schwielowpromenade sich wieder verengt , um nordwestwärts weiter zu fließen , liegt Baumgartenbrück . Dies Baumgartenbrück wird schon frühe genannt und bereits im 13. Jahrhundert findet sich eine Burg Bomgarde oder Bomgard verzeichnet , ein sonderbares Wort , in dem unsere Slawophilen , nach Analogie von Stargard , Belgard , eine halbwendische Bezeichnung haben erkennen wollen . Was es nun aber auch mit dieser Bomgarde auf sich haben möge , ob sie wendisch oder deutsch , so viel verbleibt ihr , daß sie seit historischen Tagen und namentlich seitdem ein Bomgarden-Brück daraus geworden , immer ein Punkt von Bedeutung war , ein Punkt , dessen Wichtigkeit gleichen Schritt hielt mit dem industriellen Aufblühen der Schwielow- und Havelufer . Die Einnahmen verzehnfachten sich und wenn früher hier ein einfacher , altmodischer Zoll gezahlt worden war , um die Landreisenden trocken von einem Ufer zum andern zu bringen , so kamen nun die viel einträglicheren Tage , wo , neben dem Brückenzoll für Pferd und Wagen , vor allem auch ein Brücken-Aufzugzoll für alle durchpassierenden Schiffe gezahlt werden mußte . Der Kulturstaat etablierte hier eine seiner Doppelpressen ; zu Land oder zu Wasser – gezahlt mußte werden , und Baumgartenbrück wurde für Brückengeld-Einnehmer allmählich das , was die Charlottenburger Chausseehäuser für Chausseegeld-Einnehmer waren . Und so ist es noch . Aber die lachenden Tage von Baumgartenbrück brachen doch erst an , als , vor etwa vierzig Jahren , aus dem hier stehenden Brückenwärterhaus ein Gasthaus wurde , ein Vergnügungsort für die Potsdamer schöne Welt , die mehr und mehr anfing , ihren Brauhausberg und ihren Pfingstberg den Berlinern abzutreten und sich eine stille Stelle für sich selber zu suchen . Sie verfuhren dabei kurz und sinnig wie die Schweizer , die ihre Allerwelts-Schönheitspunkte : den Genfer-und den Vierwaldstätter See den Fremden überlassen , um an irgendeiner abgelegenen Stelle der Glarner Alpen » ihre Schweiz für sich « zu haben . Die Potsdamer wählten zu diesem Behufe Baumgartenbrück . Und es war eine vorzügliche Wahl ! Es vereinigt sich hier alles , was einem Besuchsorte zur Zierde und Empfehlung gereichen kann : Stille und Leben , Abgeschlossenheit und Weitblick , ein landschaftliches Bild ersten Ranges und eine vorzügliche Verpflegung . Hier unter den Laubgängen zu sitzen , nach einem tüchtigen Marsch oder einer Fahrt über den See , ist ein Genuß , der alle Sinne gefangennimmt ; nur muß man freilich die Eigenart des Platzes kennen und beispielsweise wissen , daß hier nur eines getrunken werden darf : eine Werdersche . Mit der Werderschen , und wir treten damit in eine bukolische Betrachtung ein , ist es nämlich ein eigen Ding . Sie ist entweder zu jung , oder zu alt , entweder so phlegmatisch , daß sie sich nicht rührt , oder so hitzig , daß sie an die Decke fährt ; in Baumgartenbrück aber steht sie im glücklichen Mittelpunkt ihres Lebens ; gereift und durchgeistigt , ist sie gleich weit entfernt von schaler Jugend , wie von überschäumendem Alter . Die Werdersche hier hat einen festen , drei Finger breiten Schaum ; feinfarbig , leicht gebräunt , liegt er auf der dunkeln und doch klaren Flut . Der erste Brauer von Werder ist Stammgast in Baumgartenbrück ; er trinkt die Werdersche , die er selber ins Leben rief , am besten an dieser Stelle . Er ist wie ein Vater , der seinen früh aus dem Hause gegebenen Sohn am Tisch eines Pädagogen wohlerzogen wiederfindet . Baumgartenbrück , trotz des Verkehrs , der an ihm vorübergleitet , ist ganz ausgesprochen ein stiller , lauschiger Platz ; vor allem kein Platz prätentiöser Konzerte . Kein Podium mit Spitzbogenfassade und japanischem Dach stellt sich hier , wie eine beständige Drohung , in die Mitte der Versammlung hinein und keine Riesenplakate erzählen dem arglos Eingetretenen , daß er gezwungen sei , zu Nutz und Frommen eines Abgebrannten oder Überschwemmten zwei Stunden lang sich ruhig zu verhalten . Diese Ungemütlichkeiten haben keine Stätte unter den Bäumen von Baumgartenbrück . Hier ist nur der böhmische Musikant zu Hause , der des Weges zieht und mit dem Notenblatt sammelt . Eben treten wieder ihrer sieben ein , stellen sich schüchtern seitwärts , und wohl wissend , wie gefährlich jedes Zaudern für sie ist , beginnen sie sofort . Il Baccio eröffnet den Reigen . Wohl ist es hart . Die Posaune , mit beinah künstlerischem Festhalten eines Tones , erinnert an das Nachtwächterhorn alter Tage ; die Trompete kreischt , der Triangel bimmelt erbärmlich . Wie immer auch , seid mir gegrüßt ! – Wenn ich dieser alten Gestalten mit den schadhaften Bärten und den verbogenen Käppis ansichtig werde , lacht mir immer das Herz . Nicht aus Sentimentalität , nicht weil sie mich an Jugendtage erinnern , sondern weil sie so bequem , so harmlos sind , während der moderne Künstler , nach eigner Neigung und vor allem auch durch die feierliche Gutheißung des Publikums , sich mehr und mehr zu einem Tyrannen der Gesellschaft aufgeschwungen hat . Du bist irgendwo in ein Gespräch verwickelt , nehmen wir an in das unbedeutendste von der Welt , über Drainierung , oder Spargelzucht , oder luftdichte Ofentüren ; niemand verliert etwas , der von diesem Gespräche nichts hört , aber dir und deinem Nachbar gefällt es , euch beiden ist es lieb und wert , und ihr treibt behaglich auf der Woge der Unterhaltung . In diesem Augenblick stillen , harmlosen Glücks gibt irgendein dicker oder dünner primus inter pares mit seiner silbernen Klappentrompete ein Zeichen und verurteilt dich ohne weiteres zum Schweigen . Willst du nicht darauf achten , so wirst du gesellschaftlich in den Bann getan : du mußt zuhören , du mußt die » lustigen Weiber von Windsor « sich zum zehnten Male zanken , oder gar die Prinzessin Isabella zum hundertsten Male um » Gnade « rufen hören . Nichts hilft dagegen . Wie anders diese echten und unechten Bergmannsvirtuosen ! Sie blasen drauf los , alle Kinder sind entzückt , du selber folgst lachend den stolpernden Dissonanzen und hast dabei das süße Gefühl bewahrter persönlicher Freiheit . Die allgemein anerkannte künstlerische Unvollkommenheit wird zum rettenden Engel . Baumgartenbrück ist noch ein Platz dieser Freiheit . Aber was dauernd hier fesselt , weit über das beste Bier und die bescheidenste Musik hinaus , das sind doch die Gaben der Natur , das ist – wir deuteten es schon an – die seltene Schönheit des Platzes . Es ist eine » Brühlsche Terrasse « am Schwielowsee . Bastionartig springt ein mit Linden und Kastanien dicht bestandener Uferwall in den See hinein , und so viele Bäume , so viele Umrahmungen eines von Baum zu Baum wechselnden Panoramas . Welche Reihenfolge entzückender Bilder ! Man sitzt wie auf dem Balkon eines Hauses , das an der Schmalseite eines langen Squares gelegen ist , und während das Auge über die weite Fläche des oblongen Platzes hingleitet , zieht unmittelbar unter dem Balkon das Treiben einer belebten Straße fort . Der Platz ist der Schwielowsee , die belebte Straße ist die Havel , deren Fahrwasser an dem Quai vorüber und durch die unmittelbar zur Rechten gelegene Brücke führt . Ist es hier schön zu allen Tageszeiten , so waltet hier ein besonderer Zauber um die sechste Stunde ; dann schwimmen , kommend und gehend , aus dem Schwielow hinaus und in den Schwielow hinein , aber alle von der Abendsonne beschienen , die Havelkähne in ganzen Geschwadern heran und zwischen ihnen hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene Dampfer . Die Zugbrücke steigt und fällt in beständigem Wechsel , bis mit dem Niedergehen der Sonne auch der Verkehr zu Ende geht . Nun dunkelt es . In den Lindenlauben werden die Lichter angezündet und spiegeln im See . Noch hallt dann und wann ein Ruf herüber , oder ein Büchsenschuß aus dem Fercher Forst her rollt im Echo über den See ; – dann alles still . Die Lichter löschen aus , wie die Glühpunkte in einem niedergebrannten Papier . Ein Huschen noch hierhin , dorthin ; nun verblitzt das letzte . Nacht liegt über Baumgartenbrück und dem Schwielow . Alt-Geltow Alt-Geltow I do not set my life at a pin ' s fee ; By heaven , I ' ll make a ghost of him that hinders me : I say , away ! Hamlet Etwa tausend Schritt hinter Baumgartenbrück , und zwar landeinwärts , liegt Alt-Geltow . Wenn es auch bezweifelt werden mag , daß die » alte Bomgarde « , die dem heutigen Baumgartenbrück den Namen gab , wenigstens soweit das Sprachliche in Betracht kommt , bis in die slawische Zeit hinauf zu verfolgen ist , so haben wir dagegen in Alt-Geltow ein unbestritten wendisches Dorf . Die ältesten Urkunden tun seiner bereits Erwähnung und es nimmt seinen Platz ein unter den sieben alten Wendendörfern der Insel Potsdam : Bornim , Bornstädt , Eiche , Golm , Grube , Nedlitz und Gelte . Diese letztere Schreibweise , ursprünglich Geliti , ist die richtigere . Geltow indes ist der übliche Name geworden . Die Geschichte des Dorfes geht weit zurück ; aber die schon erwähnten Urkunden , von denen die älteste aus dem Jahre 933 stammt , sind dürftigen Inhalts und lassen uns , von kleinen Streitigkeiten abgesehen , nur das eine erkennen , daß erst die Familie Hellings von Gelt , dann die Gröbens , dann die Hakes ihren Besitz hier hatten . 1660 gingen Dorf und Heide an den Großen Kurfürsten über und gehörten seitdem zu den vielen Besitzungen des kurfürstlichen , beziehungsweise königlichen Hauses in der Umgegend von Potsdam . 1842 wurde die Heide zur Erweiterung des Wildparks benutzt . Geltow war immer arm ; dieser Charakter verblieb ihm durch alle Zeiten hin , und die schlichten Wände seiner Kirche , deren wir eben ansichtig werden , mahnen nur zu deutlich daran , daß die Pfarre , um die Mitte des vorigen Jahrhunderts , zweihundert Taler trug . Wir schreiten zunächst über einen Grabacker hin , der seit zwanzig oder dreißig Jahren brach liegt und eben wieder anfängt , aufs neue bestellt zu werden . Zwischen den eingesunkenen Hügeln wachsen frische auf ; diese stehen in Blumen , während wilde Gerste über die alten wächst . Es ist spät Nachmittag ; der Holunder blüht ; kleine blaue Schmetterlinge fliegen um die Gräber ; ein leises Bienensummen ist in der Luft ; aber man sieht nicht , woher es kommt . Die Kirchtür ist angelehnt ; wir treten ein und halten Umschau in dem schlichten Raume : weiße Wände , eine mit Holz verschlagene Decke und hart an der Giebelwand eine ängstlich hohe Kanzel , zu der eine steile , gradlinige Seitenstiege führt . Und doch das Ganze nicht ohne stillen Reiz . Krone neben Krone ; gestickte Bänder , deren Farben halb oder auch ganz verblaßten ; dazwischen Myrten- und Immortellenkränze im bunten Gemisch . Das Ganze ein getreues Abbild stillen dörflichen Lebens : er ward geboren , nahm ein Weib und starb . Es ist jetzt Sitte geworden , die Kirchen dieses Schmuckes zu berauben . » Es sind Staubfänger « , so heißt es , » es stört die Sauberkeit « . Richtig vielleicht und doch grundfalsch . Man nimmt den Dorfkirchen oft das Beste damit , was sie haben , vielfach auch ihr – Letztes . Die buntbemalten Fenster , die großen Steinkruzifixe , die Grabsteine , die vor dem Altar lagen , die Schildereien , mit denen Liebe und Pietät die Wandpfeiler schmückte , – sie sind alle längst hinweggetan ; » sie nahmen das Licht « , oder » sie waren zu katholisch « , oder » die Fruen und Kinner verfierten sich « . Nur die Braut- und Totenkronen blieben noch . Sollen nun auch diese hinaus ? Soll alles fort , was diesen Stätten Poesie und Leben lieh ? Was hat man denn dafür zu bieten ? Diese Totenkronen , zur Erinnerung an Heimgegangene , waren namentlich dem aufs Saubere und Ordentliche gestellten Sinn Friedrich Wilhelms III. nicht recht . In den Dorfkirchen , wo er sonntags zum Gottesdienste erschien , duldete er sie nicht . Er gestattete aber Ausnahmen . Pastor Lehnert in Falkenrehde erzählt : Eine alte Kolonistenwitwe in meiner Gemeinde verlor ihren Enkel , den sie zu sich genommen und erzogen hatte , und der ihr ein und alles war . Sie ließ eine reich mit Bändern verzierte Totenkrone anfertigen und begehrte , solche neben ihrem Sitze in der Kirche aufhängen zu dürfen , » weil sie sonst keine Ruhe und keine Andacht mehr habe « . Pastor Lehnert gab nach . Der König , bei seinem nächsten Kirchenbesuche von Paretz aus , bemerkte die Krone und äußerte sich mißfällig ; als ihm aber der Hergang mitgeteilt wurde , fügte er hinzu : » Will der Frau ihre Ruhe und Andacht nicht nehmen . « – Solche Fälle , wo » Ruhe und Andacht « eines treuen und liebevollen Herzens an einem derartigen , noch dazu höchst malerischen Gegenstande hängen , sind viel häufiger , als nüchterne Verordnungen Unbeteiligter voraussetzen mögen . Die Alt-Geltower scheinen so empfunden zu haben und haben ihren besten Schmuck zu bewahren gewußt . Die Giebelwand , an der sich Kanzel und Kanzeltreppe befinden , ist ganz in Kronen und Kränze gekleidet , im ganzen zählte ich siebenzig , und dazwischen hängen jene bekannten , schwarz und weißen Tafeln , an deren Häkchen die Kriegsdenkmünzen aus der Gemeinde ihre letzte Stätte finden . Die eine Tafel erzählte von 1813 ; auf der andern las ich folgendes : » Aus diesem Kirchspiel starben im Befreiungskriege für ihre deutschen Brüder in Schleswig-Holstein : F. W. Kupfer , gef . vor Düppel am 17. März 1864 ; Carl Wilh . Lüdeke , gestorben an seinen Wunden im Lazarett zu Rinkenis am 22. März 1864 . Vergiß die treuen Toten nicht . « Das Jahr 1866 schien ohne Opferforderung an Alt-Geltow vorübergegangen zu sein . Aber jetzt ! Manch neuer Name wird sich zu den alten gesellen . In der Kirche hatte sich ein Mann aus dem Dorfe , ich weiß nicht , ob Lehrer oder Küster zu uns gefunden . » Nun müssen Sie noch die Meusebachsche Begräbnisstätte sehen « , so sagte er . Wir horchten auf , da wir von einer solchen Begräbnisstätte nie gehört hatten , folgten dann aber unserem neu gewonnenen Führer , bis wir draußen an einen Vorsprung gelangten , eine Art Bastion , wo der Kirchhofshügel steil abfällt . Hier , an höchster Stelle , die einen Überblick über das Dorf und seine Gärten gestattet , bemerkten wir nunmehr einen eingefriedigten , mit Eschen und Zypressen umstellten Platz , dessen schlichtes , mit Convolvulus und wildem Wein umranktes Gitter drei Efeugräber einschloß . In ihnen ruhten Vater , Mutter , Sohn . Die letzten ihres Namens . Das Ganze wirkte durch seine große Einfachheit . Der Vater , Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach , lange Zeit Präsident des Rheinischen Kassations- und Revisionshofes , war ein Kenner der deutschen Literatur , zugleich ein Sammler ihrer Schätze , wie kaum ein zweiter . Wir finden über ihn folgendes : » Seine bibliographischen Bestrebungen umfaßten das ganze Gebiet von Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die Gegenwart , doch so , daß er dem Volks-und geistlichen Liede , den Schriften Luthers , vor allen aber Fischarts , so wie den nach seiner Meinung zu sehr verachteten und vergessenen Schriftstellern des 17. Jahrhunderts einen gewissen Vorrang zugestand . Alle erheblich scheinenden Bücher , welche seine scharfsinnigen Untersuchungen ihn kennen gelehrt hatten , suchte er zu erwerben . So gedieh seine Bibliothek zu einer seltenen Vollständigkeit und zu einem fein gegliederten inneren Zusammenhange . « Von 1819 an lebte er in Berlin , wenn ich nicht irre in einem der Häuser , die bei dem Neuen-Museums-Bau verschwunden sind . Hier besuchte ihn anfangs der zwanziger Jahre Hoffmann von Fallersleben , der über diesen Besuch in seinen » Aufzeichnungen und Erinnerungen « berichtet . » Schon in Koblenz hatte ich viel gehört von einem Herrn von Meusebach , der von dort aus als Geheimer Rat an den Rheinischen Kassationshof in Berlin versetzt worden sei . Er besitze , so hieß es , eine große Bibliothek , reich an altdeutschen Werken , sei ein großer Kenner und immer noch ein eifriger Sammler . Ich erfuhr bald seine Wohnung : er wohnte in dem Hause der Frau Friedländer hinter der kleinen Brücke , die über den Kupfergraben auf den Museumsplatz und die Neue Friedrichstraße zuführte . Ich ging eines Morgens zwischen neun und zehn Uhr hin , ließ mich anmelden , wurde aber abgewiesen . Ich wiederholte noch zweimal meinen Besuch ; immer aber hieß es : › der Herr Geheime Rat schläft noch . ‹ Ich ließ mich nicht abschrecken und versuchte es zum vierten Male , aber erst um elf Uhr . Diesmal hatte ich sagen lassen , der Herr von Arnim habe mich ja schon angemeldet . Nach einiger Zeit kehrte der Bediente zurück : ich möchte eintreten . Herr von Meusebach war in eifrigem Gespräch begriffen mit Frau von Savigny , begrüßte mich , ließ mich stehen und setzte sein Gespräch fort . Frau von Savigny war so gesprächig , daß sich gar kein Ende absehen ließ . Endlich nach einer Viertelstunde war der Born ihrer Beredsamkeit versiegt und sie empfahl sich . Meusebach wendete sich nun an mich . Ich sprach einfach aus , was ich von ihm wünschte , nämlich seine Bücher zu sehen . Das gefiel ihm . Ehe er mir aber etwas zeigte , öffnete er die Tür zur Bibliothek und holte links aus der Ecke zwei gestopfte Pfeifen und bot mir die eine an . Als wir so recht damit im Zuge waren , schloß er eine Tapetentür auf ; in diesem unbemerkten Wandschrank wurden die Lieblingsbücher und kostbarsten und seltensten aufbewahrt . Zuerst zeigte er mir das Luthersche Gesangbuch von 1545 . › Was sagen Sie dazu ? ‹ Ich freute mich , staunte , bewunderte . Es folgte nun eine ganze Reihe derartiger Bücher , die ich alle noch nie gesehen hatte . Die Bücherschau dauerte bereits über anderthalb Stunden , da trat Friedrich der Bediente ein : › Herr Geheime Rat , es ist angerichtet . ‹ Das störte uns nicht , wir fuhren in unserem angenehmen Geschäfte fort . Friedrich kam wieder : › Herr Geheime Rat , das Essen steht schon längst auf dem Tische . ‹ › Gut . Nun kommen Sie mit . ‹ Ich hatte früher nie Sauerkraut essen können , heute schmeckte es mir vortrefflich , sowie der leichte Moselwein ( einen andern führte der Herr Geheime Rat nicht ) . Frau von Meusebach lachte , daß ich es heute so schön getroffen hätte . Die Unterhaltung war sehr heiter . Ich erzählte allerlei hübsche Geschichten so unbefangen , als ob ich in einem Kreise alter lieber Freunde mich befände . Nach Tische begaben wir uns wieder an unsern Wandschrank