aber auch sein mochte , Valerio war in dem Kadettenhause eben so schnell der Liebling seiner Mitschüler geworden , als seine Mutter die Gesellschaft für sich gewonnen hatte . Seine auffallende fremdartige Schönheit , die Leichtigkeit , mit welcher er neben dem Deutschen das Französische und das Italienische sprach , die Bereitwilligkeit , mit der er Jedem zeichnete , was man von ihm verlangte , und seine erfinderische Phantasie , die ihn immer neue Spiele und neuen Zeitvertreib ersinnen ließ , führten ihm die Herzen seiner Altersgenossen zu , während seine ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten belustigte . In der Einsamkeit seines heimathlichen Schlosses hatte er , Dank der Achtlosigkeit seiner Mutter , mehr von dem Leben erfahren , als es Knaben seines Alters sonst geschieht , und der freie Gebrauch , den er bis zu der Rückkunft seines Bruders von des verstorbenen Freiherrn reicher Büchersammlung machen dürfen , hatte die romantische und abenteuerliche Geistesrichtung Valerio ' s noch erhöht . Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge des Hauses , Valerio erzählen zu machen , sei es , daß er von seinem Leben auf dem Lande oder von seinen gegenwärtigen Besuchen in seines Bruders Hause und bei seiner Mutter plauderte . Sein lebhaftes Mienenspiel , seine Beobachtungs- und Nachahmungsgabe , die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen Leuten einen heitern Zeitvertreib . Sie hielten vor ihm auch nicht , wie vor den andern Knaben zurück . Mit Cherubin , dem schönen Pagen , wie sie ihn hießen , brauchte man sich auch nicht in Acht zu nehmen . Er wußte , was er sagen und wovon er schweigen sollte ; er hatte das in Richten zwischen den beiden feindlichen Haushaltungen früh erlernt , und er hörte es gern , wenn man ihn den Pagen hieß . Er hatte schon in der Heimath seinen Figaro gelesen , er hatte das Pagenlied stets vor allem Andern geliebt ; und nun vollends , seit er mit der Mutter Mozart ' s Figaro auf der Bühne gesehen und gehört hatte , seit die Mutter und Emilio es rühmten , wie genau er das Mozart ' sche Pagenlied behalten habe , ließ er sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen . Vittoria selber nannte ihn bald nicht anders , und ihren Cherubino Sonntags , wenn sie Leute bei sich hatte , das » Voi che sapete « zum Flügel singen , ihren Cherubino von der Gesellschaft bewundern zu lassen , das war , wenn Renatus es nicht hinderte , ein Genuß , den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte . Siebentes Capitel Die Aurikeln blühten schon , und die großen Dolden der Fliederbüsche strömten ihren Duft über die weiten Rasenplätze des alten Gartens von Tante Esther aus , als Seba eines Tages auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und langsam , des schönen , warmen Frühlingswetters froh , durch die breiten Wege nach dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging . Die Gräfin Eleonore war an ihrer Seite . Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wiedergewonnen , aber das Leben war doch wieder mächtig in ihr , und sie bedurfte des stützenden Armes ihrer Freundin nicht mehr . Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her , nur ihr Auge war nicht mehr so strahlend , als in den Tagen , in welchen Renatus sie hatte kennen lernen , und auch die stolze Zuversicht jener Zeit war nicht mehr in ihr . Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen , dann , als sie sich schon dem Zelte genähert hatten , unter welchem Davide saß , die ihr Töchterchen nährte , während der Knabe mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem großen Garten , recht nach Menschenart , seinen eigenen Garten zu machen strebte , wendete Eleonore sich in einen der Seitenwege , und Seba ' s Arm in den ihren legend , führte sie sie mit sich fort . Kommen Sie , meine Freundin , sagte sie , ein wenig will ich Sie noch für mich besitzen . Sind Sie erst wieder in dem Zelte , dann gehören Sie mir nicht mehr allein , dann gehören Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln - Eleonore bezeichnete Tremann und die Seinen gegen Seba stets mit diesem Namen - und nicht nur Adel , wie es das französische Sprüchwort sagt , legt uns Verpflichtungen auf : auch Güte verpflichtet . Sie müssen gütig zu mir sein , weil Sie so gut gegen mich gewesen sind . Seba drückte ihr mit freundlichem Worte die Hand , und Eleonore meinte nach einer kurzen Pause : Ich kann Ihnen gar nicht sagen , wie tröstlich es mir ist , wenn ich Sie an jedem Tage mit derselben Herzenstreue das gleiche Liebeswerk verrichten und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe . Anfangs ging ich dazu mit , weil ich eben bei Ihnen bleiben , Sie begleiten wollte . Jetzt denke ich schon , wenn ich zu Ihnen komme , daß wir die Blumen pflücken und nach dem Denkmal tragen müssen , und ich glaube , wären Sie nicht hier , ich thäte , ohne Ihre Todten hier gekannt zu haben , ganz dasselbe . Es ist etwas Schönes um ein alltäglich Thun , es verbindet jeden unserer Tage mit der Vergangenheit und Zukunft , es gibt jedem Tage einen Mittelpunkt . Wenn ich - - ihre Stimme wurde weich - wenn ich fern von Ihnen sein werde , liebe Seba , werde ich zu Ihrem und der Ihren Angedenken an jedem Tage auch einen solchen Herzenskultus üben , und wie Sie unter den Lebenden der Todten denken , werde ich in meiner Einsamkeit mit noch größerer Liebe - ach , und mit welcher Sehnsucht ! - an Sie Alle , die ich hier verlasse , denken . Sie waren während dieser Worte nach der Seite des Gartens gekommen , an welcher Paul ' s Arbeitszimmer lagen , und dieser , der eben sein Tagewerk beendet hatte , trat , als er sie gewahrte , zu ihnen in den Garten hinaus . Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um , erkundigte sich dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall , daß sie eben da sei , da er einen Brief für sie erhalten habe . Sie fragte , woher derselbe sei . Er ist uns durch einen unserer römischen Geschäftsfreunde vor einer halben Stunde zugekommen , und ich hoffe , daß man ihn noch nicht zu Ihnen in das Hôtel geschickt hat , gab er ihr zur Antwort , während er hineinging , sich nach dem Briefe umzusehen . Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden , und die Bewegung , mit welcher sie das Schreiben aus Paul ' s Hand empfing , ließ ihre Freunde nicht darüber im Ungewissen , von wem es ihr kam . Auch wollten beide sich entfernen , ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben ; aber wie ein Kind , das sich vor dem Alleinsein fürchtet , langte die Gräfin unwillkürlich nach der älteren Freundin Hand , und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend , bat sie leise : Bleiben Sie ! Es war ein langer Brief . Die Gräfin hatte ihn gelesen und noch einmal gelesen , dann ließ sie die Hand , mit der sie ihn hielt , auf ihre Kniee niedersinken und sah sinnend vor sich hin . Seba saß schweigend an ihrer Seite . Sie kannte die Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch diese selbst , und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus ihnen zu machen gewünscht , wennschon sie den Beiden nicht direkt davon gesprochen hatte . Nur von dem Religionswechsel und von ihren religiösen Zweifeln war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen , und er hatte es ihr nie verborgen , wie er über das blinde , unbedingte Glauben , wie er über den Glauben an positive Religion , wie er über den Gottglauben überhaupt denke und was er von jener Anschauung halte , die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu können wähne . Aber er hatte diese Gespräche nie geflissentlich gesucht . Denn gerade weil Eleonore durch augenblickliche Entschlüsse , durch gewaltsame Eindrücke und durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu einem Abfalle von ihrer wahren Ueberzeugung und zu einem Handeln gegen die eigentlichen Bedingungen ihrer Natur verleitet worden war , meinte er , daß , wenn überhaupt eine Hülfe für sie möglich sei , ihr diese nur auf dem Wege der eigenen Einsicht und der ruhigen , sie zur Erkenntniß langsam führenden Erfahrung mit Erfolg bereitet werden könne . So ließ denn auch Seba ihr eine Weile Zeit , sich zu sammeln , und erst als sie bemerkte , daß Eleonore es schwer finde , in diesem Augenblicke von sich zu sprechen , sagte sie : Sie haben einen Brief von dem Abbé erhalten ? Eleonore bejahte es , und was sie nie zuvor gethan hatte , sie reichte der Freundin das Schreiben hin . » Ich komme von einer Reise zurück , « also hob es an , » die ich im Auftrage meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze Frühjahr in den Geschäften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat . Von den Ufern des Nil , an den heiligen Wassern des Jordan , von der Schädelstätte und an des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen , und ich habe für Sie gebetet , Eleonore , gebetet , daß auch Ihnen der Friede kommen möge , mit dem ich an Sie denke ; daß Ihre endliche Bekehrung zu der einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben möge , wie sie mich hinaushebt über mich selbst und über all mein menschliches Verlangen und Begehren . Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster nach Trinità di Monte gesendet . Zurückgekehrt nach Rom , bin ich gegangen , Sie in den heiligen Mauern aufzusuchen , in denen ich Sie zu finden glauben mußte . Aber Sie waren nicht dort , und erst auf Umwegen habe ich erfahren , wo Sie weilen und daß Sie krank gewesen sind . Weßhalb schrieben Sie mir nicht , weßhalb riefen Sie mich nicht ? Ein Wort von Ihnen , das mich hätte ahnen lassen , Sie bedürften meines Trostes , hätte mich zu Ihnen geführt . Streng , wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen über uns walten , würde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben , Ihnen , deren Seele ich dem Lichte gewonnen , in den Stunden der Krankheit und der möglichen Entmuthigung meinen Beistand leisten zu dürfen , und Sie zu ihm und auf ihn hinzuweisen , der unser Stab und unsere Leuchte , unser ewiges Heilmittel und der Weg zu unserem ewigen Leben ist . Sie waren dem Tode nahe , Sie sind genesen und Sie haben , ich weiß es , nicht einmal danach verlangt , Sich durch den Genuß des heiligen Abendmahles , Sich durch das erlösende Sakrament , der Gemeinschaft anzuschließen , der Sie angehören , Sich der Gnade und Vergebung zu versichern , die uns den Weg durch dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt . Was soll ich davon denken ? Was bedeutet das ? Wäre es möglich , daß Ihre Seele wankend geworden ist ? Wäre es möglich , daß Du sie vergessen könntest , die Schwüre , mit denen Du Dich mir und meinem Glauben zugeschworen ? Daß Du sie vergessen könntest , die gesegnete Stunde , in der meine blutigen Thränen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und mich neugeboren haben zu dem ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in Gott ? Solltest Du abfallen , untreu werden können mir , Dir selbst und ihm , dem Du gelobt hast , Dein Leben ausschließlich seiner Anbetung zu weihen ? Meine Seele erbebt vor dem Gedanken ! Ich liege auf meinen Knieen , und meine starke , feurige Liebe für Dich ersehnt und erfleht von dem Höchsten Deine Treue für ihn . Ich zähle die Stunden , bis mir Kunde kommen wird von Dir , die Stunden , bis ich , an das Gitter des frommen Hauses tretend , mir werde sagen dürfen : es birgt wie ein goldener Heiligenschrein den Schatz , den du der heiligen Gemeinschaft zugeführt , es umschließt das edle Herz , das du der Kirche zu gewinnen durch Gottes Gnade würdig befunden bist , und es erwächst in dieser gesegneten Mauern stiller Huth eine jener Frauenseelen für das Herrscheramt innerhalb der Kirche , der die Starken sich mit Anbetung und Wonne neigen . Komm , meine Schwester ! Komm , Du Ersehnte meiner Seele , laß mich die Stunde nicht mehr lange erwarten , in welcher unsere Seelen sich als zwei reine Flammen in der glühenden Begeisterung Eines Liebens , Eines Glaubens , Eines Hoffens zu Gott erheben . Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glücke ! - Komm , denn ich erwarte Dich ! « Seba faltete , ohne ein Wort zu sprechen , den Brief zusammen , und eben so lautlos warf Eleonore sich mit beiden Armen der Freundin um den Hals und weinte bitterlich . Seba drückte sie an sich und hielt sie sanft umfaßt . Es war sehr still in dem Garten , Davide hatte sich entfernt , um das Kind , das an ihrem Busen eingeschlafen war , zur Ruhe zu bringen , der Knabe war ihr gefolgt , und Paul saß , die französischen Zeitungen lesend , in dem Schatten der großen , vor dem Gartensaale stehenden Bäume . Kein Lüftchen regte sich . Man hörte die Bienen leise summen , ehe sie sich in die Kelche der Blumen niedersenkten , in dem dichten Buschwerke sang und lockte die Nachtigall . Richten Sie Sich auf , Eleonore , sagte Seba endlich . Es ist gut , daß dieser Brief gekommen ist . Sie hatten ihn erwartet ; ich fühlte es Ihnen immer an . Was denken Sie zu antworten ? Was wollen Sie thun ? Weiß ich ' s denn selbst ? entgegnete die Gräfin , und nachdem sie noch einmal in ihr schwermüthiges Sinnen versunken war , sagte sie plötzlich : Es ist mir wie einem Träumenden zu Muthe . Was ich am deutlichsten wissen glaubte , was mich das Lebendigste , das Nothwendigste dünkte , Alles , worauf ich mich stützen zu können wähnte , zerrinnt mir wie Nebel , wenn ich mein Auge darauf richte , und es thut sich mir hinter demselben eine Ferne , eine Weite auf , die mir fremd ist und in der ich mich nicht zurecht zu finden weiß . Ich möchte , wenn es möglich wäre - sie zögerte und schwieg . Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können ! fiel ihr Seba in die Rede , um ihr zu Hülfe zu kommen . Ja ! rief Eleonore , als habe Seba mit dem bloßen Aussprechen dieses Wortes eine Fessel von ihr genommen , ja ! Ich wünschte , ich hätte mein ganzes Leben nicht gelebt ! So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres , ein neues ! Kann man das ? fragte Eleonore . Kann man es sich selber vergessen machen , was man empfunden hat ? Seba nahm sie bei der Hand . Sehen Sie , Eleonore , sprach sie sanft , seit mehr als zwanzig Jahren schaue ich dem Leben jener Bäume zu , die da drüben , jenseit des Flusses , in dem Garten stehen . Als ich zum ersten Male im Herbste ihr Laub erbleichen und zu Boden fallen sah , war ich jung wie Sie , und unglücklich , weit unglücklicher , als Sie , denn ich hatte mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem Manne zugewendet , den ich verachten mußte , ich hatte durch meine Schuld mich selbst verloren ; und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten Bäume hin und dachte : sie sind dein Bild , dein und ihr Frühling , deine und ihre Blüthenzeit sind hin , es ist Winter geworden und Alles ist todt und öde , todt und öde für immer ! Sie hielt inne , die Gräfin küßte ihr die Hand . Da glitt ein melancholisches Lächeln über Seba ' s Antlitz , und ihr Haupt mit seinen schönen Augen zu ihrer jungen Freundin wendend , sagte sie mit einem Tone , welcher dieser tief in ' s Herz drang : Und nun blicken Sie hinüber , ob ich mich nicht irrte ? Ob das Leben nicht viel mächtiger , die Welt in ihrem ewig waltenden Werden nicht viel wunderthätiger ist , als unser armes Herz in seinem kleinmüthigen Verzagen es für möglich hält ? Jener Winter ist entschwunden , und mancher andere nach ihm , und jeder neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und neues Blühen gebracht , und in allem ihrem Blühen und Vergehen sind sie gewachsen und gewachsen , und der Abfall ihrer Blätter selbst hat dem Boden , der sie erzeugte , noch Wärme und noch neue Kraft verliehen ! Und Sie wollten dem Leben entsagen , weil Sie einmal irrten ? Sie wollten Sich gebunden glauben durch den Eid , den Sie in einer geflissentlich durch fremden Willen in Ihnen erregten leidenschaftlichen Ueberspannung geleistet haben ? Wie dürfen Sie nur daran denken , einen unfreiwilligen Irrthum Ihres Verstandes , eine Uebereilung Ihres Herzens zu einer bewußten Lüge zu machen ? Nimmermehr , Eleonore ! Das darf , das kann nicht geschehen ! - Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener Stimme gesprochen , so daß Paul und Davide , die herangekommen waren , sie vernommen hatten , und Paul die Frage aufwarf , wovon die Rede sei . Seba gab ihm eine andeutende Antwort , aber Eleonore sagte sehr bestimmt : Wir sprachen von einem traurigen Gegenstande , von mir und meiner Zukunft , und es ist gut , daß Sie , meine Freunde , jetzt dazugekommen sind , denn ich fühle mich halt- und rathlos ! Ich habe Stunden , in denen ich mich in Lebenslust an das Dasein klammern , und Tage , an denen ich aus Widerwillen gegen mich selbst , mich vor der Welt verbergen und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte , das ... - Sie brach plötzlich ab , und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend , rief sie : Wenn Sie es wüßten , wie man mich umworben hat , wenn Sie wüßten , wie ich in dem Glauben an eine große , reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe , von den Spielen des Herzens , in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und genügt ! Rein und ganz in meinem Empfinden , so hatte ich mich und alles , was ich habe und bin , mit meiner Liebe einst dem Manne hinzugeben gehofft , der mich zu seiner Gattin nehmen würde ! Und sich jetzt sagen zu müssen , daß ich dies alles , daß ich diese große , diese umfassende Liebe , daß ich die tiefste Verehrung meines Herzens einem Manne entgegenbrachte , der mit kaltem Auge auf mich herniedersah , dem ich nichts , nichts gewesen bin , als der Gegenstand einer Berechnung , und der , als ich in Liebe zu seinen Füßen niedersank , es vielleicht bedachte , was mein Besitz dem Orden werth sei , in dessen Dienste er sich meiner zu bemächtigen wünschte ... - Sie brach noch einmal ab und sagte dann nach einer Pause wie im Selbstgespräche : Das denkt keines Menschen Seele aus ! Doch , rief Paul , der ihr achtsam zuhörend gefolgt war , doch ! Und Seba ' s Hand ergreifend und schüttelnd , sagte er : Fragen Sie Seba , ob sie es nicht nachzudenken vermag , ob sie nicht Gleiches , ob sie nicht Schwereres erduldet hat ! Und sie hat sich aufgerichtet in sich selbst , daß sie die Stütze und die Zuflucht aller derer geworden ist , die einer starken und geduldigen Liebe für sich nöthig haben ! Was ist Ihnen denn geschehen , was haben Sie denn erlitten und erlebt ? Die Gräfin sah ihn betroffen , ja , mit Erstaunen an . Es ist wahr , fuhr er fort , Sie haben ein großes , ein schönes Capital von Liebe falsch angelegt , das ist aber auch Alles ! Sie haben Sich in dem Manne betrogen , dem Sie es anvertrauten , und nur Sie , nicht er , tragen die Schuld davon ! Sie sahen das Kleid , das er trug , Sie kannten die Grundsätze der Gemeinschaft , der er angehört ! Wer hieß Sie der eiteln Verlockung nach Herrschaft nachgeben , mit der er zuerst verführend an Sie herantrat ? Nicht er , Ihr Stolz hat Sie verleitet , die Freiheit , deren Sie nach allen Seiten hin genossen , gegen die Unfreiheit zu vertauschen , die Ihnen Herrschaft über Andere und die blinde Unterordnung Anderer als ein Glück vorspiegelte ! Nicht Ihre Liebe für den Abbé allein , Ihr Haß gegen Ihre Tante , ja , die ganze müßige , selbstsüchtige Abgeschlossenheit , in der Sie , wie Sie es mir geschildert haben , lebten , haben Sie dem Abbé in die Arme getrieben ! Und jetzt , da Sie ihn kennen , jetzt wollen Sie aus falschem Ehrgefühl hingehen , Sich in einem Kloster zu verbergen ? Sie wollten auch jetzt noch nach jener hochmüthigen Selbstbefriedigung suchen , die Sie der Erde und Ihren Mitmenschen entfremdet ? Wie können Sie nur daran denken , noch länger ein Dasein zu führen , welches in unserer Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht mehr werth ist , daß man ' s lebt ? - Er schüttelte mißbilligend sein ernstes Haupt , und der Gräfin fest in ' s Auge schauend , sprach er : Da wär ' s besser , Sie wären nicht genesen ! Die Frauen blickten besorgt auf Eleonore hin . Sie sah schweigend vor sich nieder . Paul störte sie in ihrem Sinnen nicht . Ein paar Mal schien es , als ob sie sprechen wolle , aber sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht von den Vorstellungen loszureißen , mit denen sie sich bisher getragen hatte , und Davide , welche ihr dies nachempfand und ihr zu Hülfe kommen wollte , fragte : Aber was soll Eleonore denn jetzt thun ? Sie soll sich befreien und sich durch Selbstüberwindung selbst wieder gewinnen , wie unser Aller Vorbild , wie unsere Seba es gethan hat ! Sie soll dem Abbé und der Habsucht seines Ordens den Triumph nicht vollenden , den sie ihnen zu bereiten auf bestem Wege war ! rief Paul . Er hielt inne . Ihr fragt mich , was die Gräfin thun soll ? Erretten soll sie von dem schlecht angelegten Capitale ihrer Liebe , ihrer Freundschaft , was sie kann ! Sie soll ihr Herz tapfer in die Hand nehmen , sie soll sich muthig ihren Irrthum , ihre Verblendung eingestehen ! Sich soll sie anklagen , nicht die Andern oder gar ihr Schicksal , und sie soll lieben , ihre Mitmenschen lieben lernen ... O , rief Eleonore , und ihr Antlitz leuchtete in einer Verklärung , deren es früher nie theilhaftig geworden war , liebe ich Euch denn nicht ? Wie eine zärtliche Mutter , wie liebende Geschwister seid Ihr mir gewesen ! Mutterliebe und Geschwisterliebe und die Seligkeit , welche in der Ehe , in dem Lächeln eines Kindes liegen kann , Alles habe ich kennen und empfinden lernen hier bei Euch ! - Aber wenn ich von Euch geschieden sein werde ... Scheiden ? fiel ihr Davide in das Wort , und die Gräfin in ihre Arme schließend , rief sie : Wer denkt denn an Scheiden , Eleonore ? Du hast mich ja selbst Deine Schwester genannt ! Du bleibst bei uns , bei Seba , bei Paul , bei mir , bei unseren Kindern ! - Seba , Paul , sagt es ihr doch , daß sie nicht gehen soll , nicht gehen darf , daß sie unser , unsere Eleonore ist ! Sie konnte nicht weiter sprechen , die Gräfin hing an ihrem Halse , Seba legte ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen Häupter , selbst Paul war sehr erschüttert . Die Blumen aber dufteten ruhig fort , die Bienen tauchten tief in ihre Kelche hinein , und die Nachtigallen lockten und sangen , während in dem leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend hin und wieder bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen funkelnd durch die Blätter niedersendete . Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war , hielt sie Paul ihre Hand hin . Er schlug mit festem Schlage ein und schüttelte sie ihr wie einem Manne . Muth , Gräfin ! sprach er mit der vollen Stimme , die schon in ihrem bloßen Klange etwas Ermuthigendes hatte . Die Welt geht nicht unter , wenn ein Stein unter unseren Füßen fortrollt , auf den wir mit Sicherheit treten zu können meinten ! Irgendwo findet sich ein Ast , an dem man sich halten kann , und - er reichte ihr mit schöner , herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin - zur Noth bin ich auch noch da ! Fragen Sie Seba und Davide , ob ich loszulassen pflege , was ich in die Hand genommen habe ! Lieber , lieber Freund ! rief die Gräfin und blickte wie eine Tochter ergeben und vertrauensvoll zu ihm empor . Was soll ich thun ? Sagen Sie ' s , ich folge Ihnen unbedingt ! Paul machte eine abwehrende Bewegung . Kein blindes Gehorchen , kein unbedingtes Vertrauen , liebe Gräfin ! warnte er . Ich bin kein Priester ! Aber ich würde mich freuen , wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten , den Sie dem Abbé auf seine heutige Zuschrift senden . Was soll ich ihm sagen ? fragte sie , von dem Gedanken dieser unerläßlichen Annäherung ergriffen und erschreckt . Was soll ich ihm sagen ? Die Wahrheit ! entgegnete ihr Paul . Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben ? Wird er nicht Alles anwenden , sie uns zu entreißen ? wendete Davide ein . Gewiß ! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton Castle ! Sie ist in eines Bürgers Hause , sie hat sich ja eben freiwillig als der Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt , und wenn wir auch nicht wie sie in ihrem freieren Vaterlande von uns sagen können : » Mein Haus ist meine Burg ! « so bin ich doch Herr in meinem Hause , und sie soll , wie wir alle ruhig leben , ruhig schlafen , und sich frei bewegen unter meinem Dache und unter meinem Schutze , bis sie uns nicht mehr braucht , bis sie gelernt hat , wieder aus eigenem Antriebe ihren eigenen und , ich denke , einen schönen , neuen Weg zu gehen ! Achtes Capitel Nach großen Stürmen pflegen , wie in dem Leben der Völker , so auch in dem Leben der einzelnen Menschen , wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben , lange und tiefe Windstillen einzutreten , in denen die Wasser sich beruhigen und allmählich so sanft hingleiten , daß man es leicht vergißt , wie es eben noch anders gewesen ist und was unter der glatten Oberfläche in der Tiefe schlummert . Was man erlebte , was man erlitt , wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen , von der Gesammtheit überwunden und ausgeglichen . Man meint , es sei des Erfahrens nun genug gewesen , man hofft , der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können , man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen , und da man ohne sein besonderes Zuthun von dem allgemeinen Elende sein reichlich Theil getragen , so wird man zu der Meinung verführt , daß man auch ohne sein besonderes Zuthun des Guten theilhaftig werden müsse , das sich um uns her entfaltet hat , und daß das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensfülle zudecken müsse , was der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte . Handel und Wandel standen denn auch , nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war , wieder in voller Blüthe . Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge gekommen , von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch kaum eine Vorstellung gehabt hatte , und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast immer das mit jedem Jahre mächtiger werdende Tremann ' sche Handlungshaus . Paul war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Männer der Stadt und des Landes geworden . Sein Einfluß kam nicht nur dem eigenen Schaffen , sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu Statten . Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik- und industriellen Geschäften zurückgezogen , die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert und Herbert gemeinsam unternommen hatte , um sich gänzlich wieder dem großen Geldgeschäfte zuzuwenden ; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die Hände . Eva war , wie sie das gewünscht hatte , in dem alten , auf das beste ausgebauten Amtshause in Rothenfeld mit ihrem Herbert angesessen . Sie sah in behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen , während der junge Steinert , der seine Cousine Angelika geheirathet hatte , und Steinert ' s Schwiegersohn mit seiner Eveline , der Eine auf dem von Rothenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke , der Andere in Neudorf sich tüchtig regten . Auf