... Am frühen Morgen , als sie in die Messe gehen wollte , hatte sie eine Entdeckung gemacht , die sie mit eisigem Schrecken überlief ... Am Posthof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten ... Da stand ein Eilwagen , der soeben bespannt wurde ... In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen , mit Handtaschen , Fußsäcken , sechs bis acht Passagiere harren ... Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie , wie sie sogleich sah , diesem Reisenden selbst auf ... Kaum hatte sie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrünen Flausrock , mit einem rothen Comfortable um den Hals , geworfen , als sich derselbe auch sofort abwandte und die Hände schnell aus den Rocktaschen zog , in die er ruhig sie gesteckt hielt ... Sie sagte sich : Das ist ja Bickert ! ... Darüber konnte kein Zweifel sein ... Wuchs , Gesichtszüge waren unverkennbar , nur das Haupthaar ein anderes ... Sonst roth , war es jetzt dunkelschwarz und lockig ... Sie mußte stehen bleiben und wandte sich , um den Verbrecher näher in Augenschein zu nehmen ... Jetzt , sah sie , entdeckte er , daß auch sie ihn erkannt hatte , und immer mehr vermied er nun , ihr ins Angesicht zu sehen ... Einen Augenblick that sie , als entfernte sie sich ; doch nur um wieder zurückkehren zu können und sich vor die auf den Thüren befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen ... Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht ... Sie hörte : » Nach Witoborn ! « ... Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglücklichen anreden , der ihr seine Nichtentdeckung , dem aber auch sie kürzlich eine große Hülfe und Rettung ihrer Ehre verdankte , ihn , der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen , wie sie wenigstens glaubte , zur ewigen Herrin über Bonaventura ' s Schicksal gemacht hatte ? ... Sollte sie ihn fragen , ob er es wäre , der nach Witoborn reiste ? ... Da fiel ihr seine Mittheilung über Hammaker ' s Anträge , sein Wort vom » rothen Hahn auf ein Schloß « ein , sein : Sapristi ! als sie in dem unterirdischen Gang selbst von Westerhof , selbst von Nück begonnen hatte ... Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen , in das sich nun Nück doch noch einließ , noch wogte die Furcht , hier so länger stehen zu bleiben , als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden ... Der , der ihr Jean Picard schien , stieg mit der Bezeichnung : » Herr Dionysius Schneid « in den Wagen ... Sie hatte sich ' s wohlgemerkt ; der Name wurde zweimal gerufen ... Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem Eingang der Post drückte er sich in eine Ecke , um nicht beim Vorüberfahren ganz aus nächster Nähe beobachtet zu werden ... In erster Aufregung flog Lucinde zu Nück , um aus seinem Benehmen zu erkennen , ob sie sich wirklich ihn , ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise denken mußte - im Postbureau wurde ihr bestätigt , daß Herr Dionysius Schneid aus Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte - Dann sagte sie sich : Nein , wie kannst du Nück an Dinge erinnern , die von seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flüchtig und scherzhaft hingeworfen wurden ? ... Sie wußte , um was es sich in jenem zu Nück ' s tiefstem Verdrusse verlorenen Proceß handelte , jenem Proceß , der Paula ' s Lebensschicksal entschied . Sie wußte , daß mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt , aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellte Ansinnen , sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu vermählen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Süßeres geboten werden als dieser schadenfrohe Hinblick auf - Bonaventura ' s Schmerz , und dennoch - zu mächtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge für ihn in ihrem für alles Uebrige abgestorbenen Herzen , um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken , daß um den grausamen , sie » mit Füßen tretenden « Mann soviel Wildes sich begeben könnte , oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels , der leicht dem Scheitern ausgesetzt sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren stürzte ... Schon war wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius ' schen Briefe genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfüllen ? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausführung geheimer Thaten auf die Bahn des Verbrechens hinübergeführt , ihrer Bekanntschaft mit Bickert überwiesen , um ihrer Erlebnisse auf dem Profeßhause willen wol gar dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden ? ... Sie wünschte die Folgen der That mit heißester Begier , zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie die ihr eigene namenlose Angst , die sie immer hatte vor jeder Katastrophe , ehe sie da war . Flügel hätte sie sich geben mögen , den Verbrecher einzuholen , ihm nicht von der Seite zu weichen , ihn von seinem Vorhaben zurückzuhalten ... Noch einmal ging sie zu Nück , fand ihn aber wieder nicht ... Die Ruhe des Nück ' schen Hauses , die Ordnung des Geschäfts , der Reichthum , dem sie auf Tritt und Schritt begegnete , sagten ihr wol : Thörin , Thörin , wessen hältst du einen Nück für fähig ! Für wahnsinnig würd ' er dich halten , sprächst du davon ! ... Und bin ich ' s vielleicht nicht selbst ? ... Seh ' ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot , seh ' ich mich da nicht mit meinen Brüdern , mit Oskar Binder , mit meiner Hauptmännin - alles so , wie ich ' s so oft träume ! ... Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchsten Gewissensangst kam über die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele ... Und um nur etwas zu thun , was den Augenblick festhielt , betrieb sie ihre Reise , schützte Gründe der Eile vor , ließ alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen ... Sie glaubte wenigstens darin das Beste zu thun , daß sie , selbst wenn keine Verständigung mit Nück möglich war , doch in die Nähe des Verbrechers zu kommen suchte , um seinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen : Die ewigen Mächte ziehen mich durch dich noch nicht rettungslos hinunter ! Das » Hessenmädchen « - die halbe Bäuerin - das war sie geworden ! ... Geworden durch Schönheit , Ehrgeiz , Geist und - » Unglück ! « ... Sie sah Nück in ihrem kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde ... Ihm aber erschien sie bei alledem eine Zauberin ; nur die rothen Kleider , die phantastischen Zeichen fehlten um ihre Schultern , der goldene Stab in ihren Händen ; er hätte sie zur Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht ... Schon sprach er , mit heißen Seufzern sich ihr nähernd : Sie sind krank ! Lucinde ! Sie fuhr zurück , als vergiftete sie sein Athem ... Sich sammelnd bat er sie , sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu dürfen ... Seine Augenbrauen zuckten hin und her ... Er öffnete das Fenster , sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab ... Lucinde ließ nun alles geschehen ... Kommen Sie ! Was haben Sie ? Sprechen Sie aufrichtig mit mir ! Ich kann alles hören ! begann er ... Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend , daß sie , als glücklicherweise die Thür aufging und die Commerzienräthin , Johanna , die Hausfreunde herbeigeeilt kamen und staunend von dem veränderten Reiseplan sprachen , einwilligte zu bleiben , zustimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen für den Augenblick beschwichtigte ... Nück folgte mit Ingrimm ... Er war gestört worden in einer längst ersehnten Stunde ... Doch scherzte er alles hinweg und sagte , daß er es so weit zu bringen nie geglaubt hätte , sich wieder an Thee zu gewöhnen ... Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmlosigkeit des schreckhaften Mannes in einem Zustand scheinbarer Beruhigung oder der Abspannung ... ... Monika von Hülleshoven machte Condolenzbesuch und nahm Abschied , um ebenfalls auf Witoborn zu reisen ... Lucinde hätte sich der Hand dieser kleinen freundlichen und mit Rührung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern und rufen mögen : Nimm mich mit ! ... Doch Monika ' s Blick war ihr kalt und streng und es schien , als wollte auch sie schon nach seither öfter erfolgter Begegnung sagen - wie fast alle Frauen - : Wir gehören nicht zusammen ! Ihre Furcht erwachte aufs neue ... Zu schreiben an Nück wagte sie nicht ... Täglich hatte Nück das Princip wiederholt , das sie schon bei der ersten Unterhaltung von ihm gehört : Nicht schreiben ! ... Schon nach drei Tagen war ihr Zustand völlig rathlos ... Als sie gerade in den obern , schon von Delring verlassenen Zimmern des zweiten Stockes etwas räumte , kam ihr eines Morgens Nück entgegen . Es war wie zufällig . Hier , in den schallenden Zimmern , ohne Tisch und Stuhl , hier wagte er , nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbestätte , auf der sie standen , eine Scene herbeizuführen , wie die erste gewesen an jenem Piter ' schen Festabend und wie sie neulich ihm gestört worden war ... Lucinde unterbrach ihn aber und sagte : Wollen Sie mich wieder auffordern , das auszuführen , wofür Hammaker Bickert gedungen hat , der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist , Ihren Proceß durch Mord brennerei zu entscheiden ? Nück sah sie mit seinen weit aufgerissenen weißen Augen an ... Schon ertrug sie diese Augen , die ihr früher so entsetzlich gewesen ... In - diesem - Augenblick - ? Was reden Sie da ? sprach er ... Lucinde wiederholte ihre Frage ... Hammaker ? Wer ist - Sie kennen - was - wer ist - Bickert ? Diese Frage war eine heuchlerische . Die ersten Reden jedoch , die Nück in unterbrochenen Sätzen ausgestoßen hatte , schienen in der That unverstellt gewesen zu sein ... Bickert , sagte Lucinde , jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend , Bickert ist jener Kirchhofräuber des Dorfes Sanct-Wolfgang ... Ich entdeckte ihn hier bei jener Gefahr im Profeßhause , von der ich Ihnen noch nicht alles erzählt habe ... Aber Sie , Sie hat er mir genannt als den Mann , der ihm die Mittel geben würde , für immer nach Amerika zu entfliehen , wenn er - staunen Sie nur ! - zuvor auf einem Schlosse - Feuer angelegt und bei dieser Gelegenheit eine falsche Urkunde - Himmel ! unterbrach sie Nück ... Die Wände haben ja Ohren - ! Was sprechen Sie da ? .. Sprachen Sie nicht einst selbst so zu mir ? Ich ? ... Zu Ihnen ? ... Wann ? Nück stand besinnungslos ... In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist ? fuhr Lucinde mit überlegener Ruhe fort ... Dionysius - Schneid - ? Wer - ist - das ? Nück zeigte eine unverstellte Befremdung , war aber zugleich in eine Aufregung versetzt , die ihm , dem Kalten , Ruhigen , Allem gleichgültig Zuwartenden den Schweiß auf die Stirne trieb ... Kein Stuhl war im Zimmer , auf den er sich hätte niederlassen können ... Er taumelte zum Fenster hin , um sich dort zu halten ; zufällig ergriff er eine noch zurückgebliebene Vorhangschnur und ließ diese sofort aus den Händen gleiten , stöhnend : Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zurück ! ... Ich fange an - zu - ahnen - ! Jesus Maria ! ... Ja , ja ! ... Sie müssen fort , fort , sogleich ! ... Wär ' es denn möglich ! Ich sah nichts , nichts als Ihre Liebe zum Domherrn ... Sogar die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid ' ich noch - ! Fort ! fort ! In diesem Augenblick ! Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieser Angst des sonst so muthigen Mannes ... Wenn ich an jenem Abend , fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort , über - die Urkunde - scherzte ; wenn ich - die Urkunde nannte , die zu Ihrer Freude Paula zur Gräfin von Salem-Camphausen - machen könnte , so geschah ' s im Taumel der Freude , Sie allein zu sehen , Sie in Ihren Geheimnissen zu überraschen , Sie zu sehen an einem so berauschenden Abend in Ihrem Glanz , in Ihrer Schönheit ... Können Sie glauben , daß ich in meinem Haß so , so weit gehen konnte - ? Aber ja , Sie haben Recht ... Ich Wahnsinniger , ich habe einst zu einem solchen Plane gelacht ... Ich habe drei verzweiflungsvolle Monate meines Lebens über dies Lachen hingebracht ... Drei Monate , wo Hammaker unter den Verhören der Richter stand ... Damals kam kein Schlaf über meine Augen ... Ich irrte umher , scherzte und - lachte , aber unterm Damoklesschwert ... Hammaker war - muß ich es doch zugestehen ! - ein Höllenbrand ... Für seine verlorene Ehre , für die Bildung , die er besaß , rächte er sich am Menschengeschlecht ... Wie er mich auf dem Gewissen hat , darüber beicht ' ich Ihnen , Lucinde , Ihnen - doch nur - wenn wir beide in Rom sind ... Lassen Sie mir dies Bild - in der Wüste meines Lebens ! ... Hammakern ließ ich - schon seit lange - für sich - gewähren und suchte nur von ihm loszukommen ... Merkte er diese Absicht , dann konnt ' ich sicher sein , einen neuen Anschlag von ihm zu gewärtigen ... Er war der dunkle Schatten meines Lebens - Und so unzertrennlich blieb er von mir , daß ich ihn sogar vor Gericht noch vertheidigen mußte ! ... Die unglückselige Dose ! ... Daß ich sie auch gerade ziehen mußte und ihm in sie den Griff verweigern ! ... Eine Hölle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick ... Ich sehe - sie ist jetzt losgelassen ... Nück mußte sich halten ... Er war zu erschüttert - Lucinde dachte an Serlo , der einen Abend hatte zubringen können , zu rathen , wen wol Goethe in seinem » Clavigo « im Sinne gehabt , als er Carlos sagen läßt : » Ich , der ich dabei war , als dem Ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen « - ? Lucinde hätte unter den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberführter oder unerwartet vom Schicksal Geäffter , die Serlo aus seinem Leben nennen konnte , jetzt den Oberprocurator Nück anführen können ... Eines Tages , fuhr Nück in stammelnder Rede und so , als würde schon durch seine Erzählung der Moment des Handelns versäumt , fort - eines Tages , als ich über die fehlende Urkunde in dem großen Processe klagte , sagte Hammaker , der ein Jurist war , seltene Kenntnisse besaß : Nück ! Spielen wir doch - ein bischen Pseudo-Isidor ! Sie verstehen das nicht ... Doch ! sagte Lucinde . Der heilige Isidorus von Sevilla hat die Regeln aufgeschrieben , nach denen sich allmählich euer kirchliches Recht bildete ! Ein Geistlicher in Mainz , Benedictus Levita , gab hierauf diese noch einmal heraus , gefälscht aber durch Zusätze , die der Macht der Bischöfe über den Klerus günstig waren . Um nun wieder die Bischöfe sicher zu stellen vor den Folgen jener Verfälschung , ließen diese durch neue Fälschungen dem ersten Bischof in Rom die höchsten Ehren . Ohne diese Lügengewebe des falschen Isidorus von Sevilla gäb ' es keinen Papst in Rom , keine dreifache Krone , die die Welt beherrscht , auch keinen Orden vom goldenen Sporen - - Nück reichte gezwungen lächelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn hinauf , als wollte er sagen : Werth bist du selbst eine Krone zu tragen ! ... Mit einem Gemisch von Huldigung , von gemachter Frömmigkeit und Ironie warf er die Worte hin : Bei alledem sind Sie eine große Ketzerin ! ... Dann fuhr er fort : Ja ! Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor , der allerdings Rom groß gemacht hat und Rom gedeihe doch ! Gedeihe durch eine Lüge ! sagte der Schurke . Ich lächelte - lächelte ohne Arg ... Ich beschwöre Ihnen dies ! Ich beschwör ' es - bei - Ihrer - Liebe zum Domherrn - denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht ! Hammaker veranstaltete alles , was ich - zwar nur so obenhin , aber doch schon von Entsetzen ergriffen - plötzlich zu ahnen begann ... Immer hatte er etwas , was bald zu meinem Glück , bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte ... ... Alle Kenntnisse besaß er , die dazu gehörten , eine falsche Urkunde im Geschmack alter Zeit aufzusetzen , sie aufs zierlichste zu copiren , sie mit chemischen Mitteln wie wurmstichig zu machen , sie mit Kaffeesatz zu bräunen ... Nur durch einen Act der List oder Gewalt konnte diese Urkunde in die Archive kommen ... Ich ahnte ein Vorhaben dieser Art , das mich ewig zu seinem Sklaven machen mußte ... Das wollte er denn auch ... Indessen - ich beruhigte mich - ich sah ja sein nahes Ende ... Im Gefängniß wär ' ich gern einmal auf meine Furcht zurückgekommen , nur hatt ' ich immer Feuer an den Sohlen , so oft ich mit ihm reden mußte ... Noch jetzt - sehen Sie - Nur an ihn zu denken und nicht schon handeln ist gefährlich - Sie müssen reisen , Lucinde ... heute , heute noch ! ... Lucinde stand mit klopfendem Herzen , ein Bild zwar des Schreckens , aber doch schon gefaßter , da sie die Mitfurcht eines so mächtigen Dritten hatte ... Vielleicht irr ' ich mich in den Voraussetzungen über die Verkleidung jenes Picard ... sagte sie ... Nein , nein ! Hammaker hat mir diesen Dank fürs Leben hinterlassen wollen ! Nun weiß ich es für gewiß ! Folge mir auch du ! riefen die Teufel in seiner Brust , als er aufs Schaffot mußte ... In meinen Gefängnißgesprächen mit ihm deutete ich auf jene frühern Aeußerungen über den falschen Isidorus hin ... Da fuhr er auf und sagte höhnisch , daß ich ihm denn doch auch zu viel Devotion für meine Interessen zutraute ... Für - meine Interessen ? fragte ich forschend , mußte aber schweigen und sehen Sie da , wie ich mit ihm stand - jedesmal daß ich bei ihm war , hatte ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten ... Einmal machte ich davon eine Andeutung ... Da sprang er auf mich zu und erschlug mich fast mit der Handschelle ... Ich entfloh , die Wache kam herein ... Ich hörte die nichtswürdigsten Worte hinter mir hergerufen ... Er glaubte nicht an seine Hinrichtung - er wollte die Buschbeck nur im Ringen , nur im Vertheidigungsstand gegen eine Wüthende erwürgt haben ... Voll Rache , auch gegen mich und meine scheiternde Vertheidigung , bestieg er das Schaffot . Seitdem athmete ich auf und ahnte nicht , daß er mich nach sich zieht ... Neulich merkt ' ich etwas davon zum ersten male ... Ein Mensch kommt zu mir und stellt sich mir vor als ein von Hammaker Gedungener - Den - Den mein ' ich ! ... bestätigte Lucinde ... Als ein Mensch , der von mir tausend Thaler bekommen würde , wenn er auf Schloß Westerhof bei Witoborn im dortigen Archiv Feuer anlegte ... Bei dem dann entstehenden Tumult sollte er eine Urkunde , die er wohlverwahrt bei sich zu Hause hätte , in das Archiv bringen ... Ich stand erstarrt ... Mich endlich ermannend fuhr ich dem wüsten Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen ... Darüber wieder entsank mir der Muth ... Ein Verdacht , ein Flecken würde immer geblieben sein ... So redete ich dem stumpfsinnigen , der deutschen Sprache kaum mächtigen Menschen zu , bat ihn vernünftig zu sein , solche Nichtswürdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszusprechen und gab ihm hundert Thaler zur sofortigen Abreise ... Wie bereu ' ich die geringe Summe , die ich gegeben ! Auch die Drohungen , die ich ihm nachrief ! Ich fahre sofort auf das Polizeiamt ! sprach ich ihm die Thür weisend ; ich werde Sie anzeigen und beobachten lassen ! ... Da erst besann ich mich : Hammaker wird ihm gesagt haben : Gelingt es oder nicht , so sind tausend Thaler mehr oder weniger für Nück ' s Furcht eine Bagatelle ! Ewig kannst du auf die Art von ihm ziehen ! Jedenfalls mehr , als wenn du in Westerhof uns , heute oder morgen , beide angäbest und zum Dank - dann doch auch mit ans Eisen müßtest ! ... Ich höre alles das ! ... Lucinde , wir erleben eine große Demüthigung ... Nück brach fast zusammen . Er kam zu keiner Besinnung mehr , steckte mit seiner Furcht aufs neue Lucinden an , die an manche Beruhigung sich halten wollte , drängte in sie , abzureisen , Bickert aufzusuchen und durch ihre Beredsamkeit , natürlich auch durch so viel Geld , als sie nur mitnehmen wollte , den Verbrecher von seiner That zurückzuhalten ... So reiste sie noch am selben Abend ab und kam nach Witoborn in der leidenschaftlichsten Erregung ... Nur zu bald erfuhr sie hier , wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand ... Schon auf Westerhof ! ... Schon am Ziel seiner gewinnsüchtigen und frevlerischen Absichten ! ... Wie aber näherst du dich ihm ? Wie rettest du dich vor Schimpf und Schande ... Im Geist sah sie sich durch alle diese Vorgänge auf der Bank vor den Assisen ... Willenlos hatte sie sich heute schmücken lassen ... Willenlos war sie nach Münnichhof gefahren ... Paula hatte schon eine Vision von einer Feuersbrunst gehabt ! ... Das hörte sie dann ... Sie sah in Püttmeyer ' s Bildern immer nur Brand und Brand ... Sie mußte sich selbst wie schon aus den Flammen losreißen ... Brütend , wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte , saß sie in dem dunkeln Zimmer , zum Tod vernichtet ... Entsetzt fuhr sie zusammen , als ein Bedienter den Kopf durch die Thür steckte und sie nach ihrem Namen fragte ... Vor ihren Blicken standen gleich Häscher und Richter ... Der Bediente sagte , ein Mönch , ein Laienbruder hätte bei einigen Dienern , die von Witoborn mit gekommen wären , nach dem Fräulein gefragt und zu seinem Erstaunen gehört , daß sie selbst hier anwesend wäre ... Ob er sie sprechen dürfte ? ... Wer ? fragte sie halb ablehnend , halb nicht begreifend ... Ein Bruder Hubertus ! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloster Himmelpfort drüben ... Hubertus ? ... Den Namen kannte sie ja ... Aus Serlo ' s Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich , den Hubertus einst gerichtet hatte ... Sie wußte auch , Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmännin ... Der » Bruder Abtödter « war ' s , der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte ... Naht sich schon wieder die Kette , die dich ewig an das Vergangene schmiedet ? rief es verzweifelnd in ihrem Innern ... Sie wollte den Mönch abweisen ... Doch , noch ehe sie erwidert hatte , öffnete sich die Thür und ein dunkler Schatten huschte herein . 16. Vor der Unschönheit des Anblicks , der sich ihren Augen darbot , ergriff Lucinden ein Schauder ... Das waren keine Züge , die dem Leben angehörten ... Jene Chinesenköpfe , die sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen , traten ihr entgegen ... So lächeln Mumien ... Was wünschen Sie ? fragte sie indessen mit sich sammelnder , ablehnender und hoffärtiger Kälte ... Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch weniger zur Freundlichkeit stimmen ... Mein geehrtes Fräulein - begann Hubertus mit seinem im wunderlichen Tonfall gesprochenen fremdartigen Dialekt und unterbrach sich dann schon selbst , um sich erst zu versichern , ob seine Rede unbelauscht blieb ... Lucindens Schrecken mehrte sich ... Was wollen Sie ? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf ... Dunkler und dunkler war es geworden ... In einem Kamin , sah Lucinde erst jetzt , leuchteten noch halbglimmende Kohlen ... Mein Fräulein , begann der Mönch aufs neue und mit Milderung seiner auffallenden Hast , Sie wohnen ja wol bei Frau von Sicking - ? Ja ! Warum ? ... Sie heißen Lucinde - Schwarz - was fragen Sie danach ? Ich möchte wissen , ob Ihnen der Name - eines gewissen - Jean Picard bekannt ist ? ... Lucinde mußte sich am Rand des Kamins halten ... Da war das tödliche Wort gefallen ... Das Geheimniß ihres Innersten ausgesprochen ... Die Welt wußte schon alles ! ... Der Alte sah die Vermuthung des Briefes bestätigt ... Allmählich zog er aus der innern Tasche seiner Kutte das Papier ... Vor Aufregung lächelte er selbst ... Konnte eine so schöne , junge Dame mit Verbrechern bekannt sein ? ... Bei seinem Lächeln gingen ihm die Winkel seines Mundes fast bis zum Ohr ... Es war nicht zu unterscheiden , ob der schreckliche Mönch ihr Vorwurf oder Theilnahme bezeigte ... Lucinde stöhnte mit schwerem Athem : Jean Picard ? ... Den Namen hab ' ich - einmal nennen hören ... Ja ! ... Was soll es mit ihm ? ... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen ... Der ... Der ! Ganz recht ! ... ergänzte der Mönch , entfaltete den Brief und prüfte Lucindens Benehmen , das sich vergebens zu fassen suchte ... Wissen Sie , wo er ist ? Sie würden den Behörden - mit der Angabe - einen Gefallen thun ! sagte sie kleinlaut ... Hubertus legte die Hand an den Knochen , der sein Kinn war , und betrachtete von unten her , forschend und mistrauisch , die kalte Ruhe , die sich ihm gegenüber so als völlig sorglos zu geben suchte ... Ob diese Ruhe gemacht war , unterschied er nicht ... Der gute Bruder hatte ein edles Herz , hatte viel erlebt , doch seine Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten ... Fräulein , sprach er , als Lucinde so erwartungsvoll fragend stand ... Hier ist ein Brief an die Behörden in Witoborn ... Der Regierungsrath von Enckefuß wünscht , daß Sie - ja Sie , Fräulein - von seinem Vater , dem Landrath , um Ihre Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden ... Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen . Dieser hieß : Droht dir eine Gefahr , und du weißt es und sie naht endlich , dann denke dir nur immer gleich die ganze Fülle des Elends ! Laß nichts von beschönigenden Mittelstufen , von möglichen bessern Erwartungen aus ! Sage gleich : Alles ist verloren ! Und bricht dann doch nicht alles so herein , wie du fürchtetest , so hast du ja gleich eine kleine Abschlagzahlung wieder auf das Glück ! ... So sah sie sich jetzt , wo schon die Sicherheitsbehörden ihr Geheimniß wußten , geradezu bereits in Ketten und Banden ... Sie sagte sich : So wandelst du hin ! So wird dein Loos sich erfüllen ! Das wird aus einem Weibe , wenn - » es die Liebe nicht findet « ... ! So war dir ' s , als du auf der Bühne scheitertest ! ... So war dir ' s , als dir in der Dechanei gekündigt wurde ! ... Nun sieh nur zu , was kommt ! ... Der Mönch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Mädchen voll Staunen und Mitleid ... Kreidebleich , wie der Rand des Kamins , stand sie und bemerkte nicht , daß ihr der Alte mit seiner knöchernen Hand den Brief selbst zu lesen gab ... Die Augen gingen ihr tief innenwärts ... Lesen Sie ' s nur selbst , sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend ... Zu dunkel ist ' s ! antwortete sie , wollte lesen und konnte nicht ... Sie wandte sich , weil ihre Hände zitterten und hauchte : Sagen Sie doch selbst , was darinnen steht ! Hubertus theilte ihr den Inhalt des Briefs im kurzen Zusammenfassen mit ... Lucinde hörte ihr Todesurtheil ... Sie sah Flammen um sich her und konnte nicht entfliehen ... Sie hörte Sturm läuten von den Thürmen und rannte sinnlos mit den andern ... Grützmacher , der Wachtmeister aus Kocher am Fall , stand vor ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein : Na Paschol , Mamsell ! ... Eine Emissärin hieß sie den Behörden schon lange ... So stand sie wie eine Statue ... Bei alledem sagte sie : Dummheit ! Ich sehe da die ganze - blonde - blauäugige - Weisheit des - Herrn von Enckefuß ! ... Wie kommen denn Sie - Sie , ein Klosterbruder , dazu , von diesen Menschen - in - Criminalsachen gebraucht zu werden ? Der Landrath kennt diesen Brief noch nicht ! sagte Hubertus . Auch soll er seinen Inhalt nicht erfahren - Darauf geb ' ich Ihnen mein Wort - falls Sie mir sagen , Fräulein , wo ich - Jean Picard finde ! Lucinde wandte staunend ihr Antlitz ... Und was geschah ? Da lag das Papier schon auf dem halb im Verkohlen begriffenen Feuer des Kamins ... Der Mönch hatte es eben hingeworfen und das plötzliche Wehen des Kleides , das entstanden war , als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zurückfuhr , brachte den Zugwind , an dem sich das Papier entzündete und langsam zu verbrennen anfing ... Ich begreife Sie nicht - ! flüsterte