pries die Bibel , nannte sie das Buch aller Bücher , rühmte die Thätigkeit der Bibelgesellschaften , gab statistische Angaben über die Zahl der von England herübergekommenen und vertheilten Exemplare ... Das war aber Alles nichts . Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte dadurch den etwas unwirschen und verdrießlichen Rudhard heraus zu der Äußerung : Meine gnädige Frau ! Die Bibel ist ein herrliches Buch ! Sie ist gar kein Buch , sondern ein Stück von der Geschichte selbst ! Sie ist das Leben selbst und wol von Gott eingegeben , wie alle Zeugnisse seiner Größe , seiner Allmacht , wie alle Wunder , wo man die Züge seines Athems zu hören glaubt . Allein , beste gnädige Frau , die Bibel will gelesen , will verstanden sein . Ich bin dieser Tage einmal in den Fall gekommen , einem Menschen , der mich fragte , ob er die Bibel lesen solle , zu sagen : Guter Freund , hier habt Ihr ein Buch ! Les ' t darin ! Es ist nicht die Bibel , aber besser für Euch ! Es war der Don Quixote . Großer Gott ! schrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fühlte sich doch wie von einer kalten Hand ergriffen . Die Bibel und der Don Quixote ! rief man entsetzt . Alle Töchter des Propstes waren vor Erstaunen sprachlos . Das ist ganz einfach , sagte Rudhard sehr gelassen . Unser Kutscher verfiel kürzlich in eine Art Trübsinn und fing in sonderbarster Weise an , über Leben und Sterben zu sprechen . Den Namen Gottes führte er selbst beim Striegeln seiner Pferde im Munde und unterließ alle die herzhaften Flüche , die früher die Thiere von ihm gehört hatten und an die sie schon gewöhnt waren . Sie zogen nun auch viel schlechter . Peters , fragte ich ihn eines Tages , du bist so trübsinnig , was fehlt dir ? Herr Pfarrer , antwortete er , schon lange wollt ' ich einmal mit Ihnen sprechen und mein Gemüth stärken . Was hast du , Peters ? fragt ' ich . Er erzählte mir dann eine traurige Geschichte von seinen häuslichen Leiden . Seine Frau wäre weltlich gesinnt , lebte unter Spöttern und Ehebrechern und es verlange ihn recht die Bibel zu lesen . Warum willst du die Bibel lesen ? fragte ich . Um mich vorzubereiten , mich von meiner Frau scheiden zu lassen , sagte er ... Anna von Harder fand diesen Zug , Rudhard unterbrechend , sehr bedeutungsvoll und nannte eine solche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit , da man gerade jetzt auf die leichtsinnigste Art sich verbände und wieder trennte . Gut , sagte Rudhard , ich hätte auch nichts gegen eine solche Vorbereitung einzuwenden gehabt . Ich erkundigte mich aber genauer nach den Verhältnissen des Mannes , dem Charakter und der gegenwärtigen Handthierung seiner Frau , und da merkt ' ich wohl , daß unser guter Peters nur ein Hypochonder war , die unschuldigsten Dinge schwarz sah und auf seinem Kutscherbock Grillen fing . Unter solchen Umständen hielt ich es für besser , ihm statt der Bibel eine heitere Lektüre anzurathen . Wir kauften ihm eine hübsche Ausgabe des Don Quixote mit schönen Bildern . Er hat sich nun in die Heldenthaten des sinnreichen Junkers von La Mancha so verlesen und lacht auf dem Bocke noch hinterher , wenn ihm plötzlich einfällt , was er Abends in seiner Stallkammer in sich aufgenommen hat , so lustig , daß die Pferde jetzt viel besser ziehen , und ich meine , Das ist ein Resultat , wie wir es durch die Bibel nie gewonnen hätten . Rudhard endete damit eine Erzählung , die die Unbefangenen , besonders Siegbert befriedigte , nur vorzugsweise Frau von Trompetta nicht . Sie schüttelte den Kopf und fand hier etwas , was nicht nach dem landesüblichen Systeme war . Der Blick nach dem Kutscher und die Erwähnung des Stallkämmerchens hatte die Augen auf den Eingang des Gartens gelenkt , durch den jetzt eben Dankmar Wildungen eintrat . Dankmar kam in großer Erregung . Das Erscheinen des anziehenden jungen Mannes , der von Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Männlichkeit gewann , erregte das allgemeinste Interesse . Man fühlte , daß der Kreis erst jetzt vollständig wurde . Die Damen grüßten ihn durch eine leichte Erhebung ; die Männer standen auf , um ihm die Hand zu reichen , selbst Propst Gelbsattel übte einen Akt der antiken Heroenzeit ; er ehrte sich selbst in seinem Gegner und machte die nähere Bekanntschaft desselben gleichsam so , daß er die Waffen erst zu seiner Begrüßung senkte . Er erwähnte sogleich den Vater der Brüder , die alte Zeltkameradschaft von Schulpforte und spielte nekkend auf das zukünftige Glück der Söhne seines alten » Freundes « an , ohne jedoch die Mutter zu erwähnen , weil ihn dies Thema in Gegenwart seiner Familie zu weit geführt hätte . Die meiste Achtung zollte Dankmar der Fürstin , die ihn gar freundlich begrüßte und ihn der neben ihr sitzenden Anna von Harder vorstellte . So sah denn Dankmar endlich auch diese vielbesprochene und ihm selbst so werthvolle Frau zum ersten male in der Nähe ! Anna betrachtete den jungen , für unternehmend und charakterfest bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wol begreifen , daß die Flottwitz über und über erröthete , als ein kurzer , flüchtiger , aber sonderbar herausfordernder Blick aus Dankmar ' s blitzendem Auge statt aller Begrüßung zu ihr hinüberstreifte . Die Trompetta fragte , ob er sich erst so spät von seinem Freunde , dem Prinzen Egon , losgerissen hätte ? Ich komme soeben , antwortete Dankmar , den Kaffee , den ihm der Bediente bot , rasch niederschlürfend , von Hause , vor zwei Stunden aber aus der Kammer . Was ist vorgefallen ? fragte man gespannt . Eine eigentliche Herausstellung der Parteien , antwortete Dankmar , wird sich erst heute Abend in der Berathung eines Paragraphen zur Geschäftsordnung ergeben . Also eine Abendsitzung ? schaltete die Trompetta ein und überlegte , ob sie einen Versuch machen sollte , sich ihrerseits an das constitutionelle Leben zu gewöhnen und ob sie den Abend frei hatte ... Man will das Beispiel einer großen Beflissenheit geben , fuhr Dankmar fort . Man will Abendsitzungen halten und Niemand trug auf Zeitersparniß und Fleiß eifriger an als der Fürst von Hohenberg . Im Stillen dachte die Fürstin Wäsämskoi etwas spöttisch : Arme Helene ! Die Gruppen , fuhr Dankmar fort , werden sich erst scheiden bei dem Antrage der Regierung , daß die Minister das Recht haben sollen , zu jeder Stunde , auch nach schon geschlossener Debatte , in der Kammer das Wort zu ergreifen . Es wird sich dabei herausstellen , auf welche Majorität das Ministerium überhaupt rechnen kann . Einstweilen hat die Bildung der Ausschüsse die Thätigkeit der Kammer allein in Anspruch genommen und bei dieser Gelegenheit war es , daß Egon heut ' eine Rede hielt , die einen Sturm von Beifall , die Bewunderung des ganzen Saales , den Jubel aller Tribünen und die höchste Spannung selbst des Ministertisches hervorrief . Erzählen Sie davon ! hieß es . Dankmar , voll innigster Theilnahme , rasch und feurig bewegt , fuhr fort : Der Fürst war in den industriellen Ausschuß gewählt und trug darauf an , ihn aufzulösen und neuzuwählen . Man opponirte . Er sagte : Ich bin der Berichterstatter des Ausschusses : meine Gründe haben ihn bestimmt , selbst eine Auflösung zu erbitten . Ich referire für ihn . Die Partei der Linken hatte aber das Übergewicht in diesem Ausschusse gehabt und widersetzte sich der Neubildung . Darüber nahm denn Egon Veranlassung , von dem Parteigeiste überhaupt und von der Zerrissenheit der staatsrechtlichen Principien , gegenüber den wahren Bedürfnissen der Völker , in so ergreifender Weise zu sprechen , daß der Ausschuß neu gebildet und durchaus nur von Männern , die über diese Gegenstände kompetent sind , zusammengesetzt werden wird . Brav , rief Rudhard . Ich gebe die Versicherung , daß Egon der Begründer einer neuen Politik , der der Unparteilichkeit und alleinigen Geltendmachung des wahren Volkswohls sein wird . Das wäre eine echte Errungenschaft ! rief innigst Antheil nehmend Anna , die in einer solchen vermittelnden Politik eine Bürgschaft des Friedens und der Liebe sah . Aber die Trompetta , Flottwitz , Gelbsattel verlangten doch noch näheren Aufschluß über die Parteifarbe und wollten ohne Parteifarbe in der gegenwärtigen Zeit nichts gelten lassen . Auch Siegbert blickte den Bruder gespannt an und wollte von ihm hören , wie sich Egon , auf den die jungen Männer so viel Hoffnungen setzten , » gemacht « hätte . Ich kann , sagte Dankmar , nur berichten , daß Egon sehr gewandt , sehr anziehend sprach . Er vermied jede Verletzung irgend einer Partei . Er bat die Parteien , höhere Gesichtspunkte zu gewinnen . Die Rede floß ihm so gefällig , so gewandt vom Munde , man sah ihm so die lange Beobachtung eines vorzugsweise rednerischen Volks , der Franzosen , an , daß es mir manchmal war , als dächte er Das , was er deutsch sprach , erst französisch . Gewisse Schlagworte , gewisse Antithesen brachte er so wohlangelegt vor , daß sie ihm stürmische Unterbrechungen seiner Rede zu Wege brachten . Daß ich Das versäumte ! meinte die Trompetta mit Melancholie und stiller Gewöhnung an die Neuzeit . Man kann sich denken , bemerkte die Fürstin etwas verstimmt über diese lange Apotheose des Freundes ihrer Schwester ; man kann sich denken , wie pikant es der Galerie sein muß , sich zu sagen : Dieser Redner trug in Frankreich die Blouse und führte den Hobel eines Tischlers ! Man lächelte über diese Bemerkung ; aber Dankmar nahm sie im Ernste auf und äußerte : Ja , Durchlaucht , Das ist es auch ! Als Egon auftrat , murmelte der ganze Saal vor Spannung . Es war als hörte man , wie Jeder den Andern anstieß und flüsterte : Das ist der entartete Sohn des berühmten Kriegers ! Das ist der junge Hohenberg , der in Lyon Communist war und als Handwerker auf der Landstraße » fechten « ging . Denn natürlich ! Das Gerücht übertreibt sogleich . Ein einziger abenteuerlicher Zug wird sogleich die Veranlassung eines Märchens . Die unglückliche Amanda ! schaltete Anna ein ; wenn sie Das sähe ! Wenn sie für soviel grausame Schläge , die das Schicksal nach ihrem Herzen führte , diese Mutterfreude erlebt hätte ! Propst Gelbsattel , der wiederum voll Unmuth sah , daß doch so außerordentlich viel in der Welt jetzt geschah , ohne sein Zuthun , ohne eine Anfrage bei ihm , ohne ein Gutachten , wie es sonst in den heterogensten Dingen von ihm gefodert wurde , Gelbsattel wünschte etwas von Dem zu hören , was Egon geäußert , besonders über die Gewerbe geäußert hätte . Dankmar sagte , daß Dies die Zeitungen heute Abend ausführlich berichten würden . Egon hätte in der Gewerbspflege seine Vermehrung der Reichthümer einer Nation nachgewiesen ; denn die Arbeit schaffe Werthe und Werthe der Arbeit wären Dasselbe , was Werthe des Besitzes , ja moralisch genommen , wären sie noch kostbarer . Die Pflege der Gewerbe könne nur erblühen in einem freien , in einem mächtigen Staate . Wenn unsre Monarchie in Deutschland erstarke , so könnte der Wettkampf mit England gewagt werden - ich meine , rief er , jener unblutige Krieg der Arbeit mit der Arbeit , des Fleißes mit dem Fleiße , des Menschenberufes mit dem Menschenberufe - eine Stelle , die großen Beifall hervorrief . Anna unterbrach Dankmar mit den fast wehmüthigen Worten : Sie ist auch schön ! Ich gestehe , daß der Gedanke , wie in diesem jungen Manne die edle Natur seiner Mutter so hervorbricht , mich unendlich rührt . Von der Verfassung der Gewerbe , fuhr Dankmar fort , sagte Egon , daß man sie durchaus schützen müsse , ohne die veraltete Form dieses Schutzes beizubehalten . Bei Aufhebung des Zunftzwanges , rief er , hat sich der Zeitgeist , der es liebt , sich zu überstürzen ... Sagte er Das ? fragte schnell die Flottwitz angenehm überrascht . Ja , mein Fräulein , antwortete Dankmar bitter , aber doch mit einer Art schalkhafter Galanterie , er sagte Das , kurz vor einem Angriff auf Vermehrung der Armee ... Halten Sie Das für mein einziges Princip ? fragte das junge Mädchen den Kopf mit Grazie erhebend , daß die Locken in ein angenehmes Schaukeln geriethen . Das nicht , sagte Dankmar , aber ich kann Sie versichern , daß er auch dem Reubund einen recht schneidenden Seitenstich versetzte . Hören Sie nur ! Bei Aufhebung des Zunftzwanges , sagte Egon , hat sich der Zeitgeist , der es liebt , sich zu überstürzen , darin geirrt , daß er das Kind gleich mit dem Bade verschüttete . Das Gute am Zunftzwange hätte schon bleiben sollen . Allein unser damaliger Staat , der Militairstaat , rief er , wie tief stand er ! Wie oberflächlich waren seine Neuerungen ! Wie verbrecherisch seine Bestrebungen , sich auf Kosten der innern Kraft äußerlich auszudehnen ! Er gab die Gewerbe frei , nicht um der Gewerbe willen , sondern um seiner Armee willen ! Er sagte : Ruinirt Euch , wenn Ihr mit dem gescheiterten Versuche , glücklich zu werden , mir nur die Patente , die Freiheiten des Gewerbes bezahlt ! Dieser schlechte Staat von damals , rief er , derselbe Staat , den die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will ... Ah , rief die Trompetta . War Das die Stelle ? Das war die Stelle , gnädige Frau ! sagte Dankmar . Aus dem Munde des Sohnes - Eines Generalfeldmarschalls ! griff Dankmar die zweite Rüge , die vom Fräulein von Flottwitz kam , auf . Die Galerieen waren außer sich darüber , nicht etwa vor Zorn , sondern vor Jubel . Der Präsident mußte die Glocke ziehen und den Zuhörern alle Zeichen des Antheils und der Misbilligung untersagen - Ah ! Das war seine Schuldigkeit ! bemerkte die Trompetta , die sich constitutionell zu bilden anfing . Aber , wie weiter ? Dieser schlechte Staat , fuhr Dankmar fort Egon ' s Worte zu wiederholen , den jetzt die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will , hatte zur Förderung einer unverhältnißmäßigen Kriegsmacht nur die üppige , wuchernde Fortpflanzung der Bevölkerung zum Ziele . Dieser Staat vernichtete die Gewerbe , indem er sie der Willkür preisgab . Er erleichterte das Recht des Ansiedelns , des Meisterwerdens , der Heirathen . Er wollte nur Menschen und raschgewonnene Einnahmen für den Fiskus . Kurz , Egon schilderte die Nothwendigkeit der ernstesten Erwägungen dieser Verhältnisse mit so lebhaften Farben , daß man auf seinen Wunsch einging und den Gewerbeausschuß aus den Elementen der Kammer zusammensetzte , die über die Interessen der Arbeit kompetent sind . Es ergab sich zwar nunmehr , daß die linke Seite bei der Zusammensetzung dieses Ausschusses im Nachtheile war , sie verlor drei Stimmen und hatte die Majorität nicht mehr , aber man beachtete kaum dies Resultat , so wirkte der Zauber der Persönlichkeit des Prinzen und seiner aus der unmittelbaren Anschauung des Volkslebens gewonnenen Überzeugung nach . Die Trompetta , Fräulein Wilhelmine , die drei Gelbsattels , selbst Rudhard waren nur froh , daß die linke Seite in der Minorität geblieben war und bezweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes . Siegbert sah Dankmarn bedenklich an . Dankmar flüsterte ihm zu : Ich habe viel mit dir zu reden . Ich verlange entschieden , daß wir Beide um acht Uhr heute frei sind ... Siegbert nickte ihm zu , daß er sich darauf verlassen könne ... Die Fürstin erhob sich und bat die Gesellschaft , ihr behülflich zu sein , nun die Trauben vom Stock zu lösen . Einer der Bedienten präsentirte die Körbchen mit den Messern . Die Damen fanden die Idee allerliebst und Alles folgte der Fürstin , um das Werk zu beginnen und dem Dienste des Bacchus in holdesten Grenzen zu opfern . In der Ferne ertönte auf ein von Leidenfrost , der sich wieder genähert hatte , gegebenes Zeichen eine sanfte Musik , die irgendwo in einem hintersten Winkel des Gartens versteckt sein mußte . Die Fürstin war davon auf ' s Angenehmste überrascht und als es sich herausstellte , daß dies eine Idee von Leidenfrost selbst war , söhnte man sich mit dem wunderlichen Manne , der sie Alle durch seine Äußerungen verletzt hatte , im Geiste leidlich wieder aus und ging wohlgemuth , unter den sanften Accorden , scherzend und neckend an die spielende Arbeit . Die Näscherei Paulowna ' s und Rurik ' s hatte nun freilich schon früher dafür gesorgt , daß diese » Weinlese « keine zu lange Zeitdauer in Anspruch nahm . Unter mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der » Ernte « fertig und überließ den Kindern , den helfenden Dienern und Mägden , hie und da die Beeren , die noch versteckt oder schwer zu erreichen waren , vom Stamme zu lösen . Man sollte nun die gefüllten Körbe bei sich behalten , ihren Inhalt entweder selbst verzehren oder mit sich nehmen . Das war die Antwort , die die Fürstin Jedem gab , der einen Ort zu wissen wünschte , wo er seine Beute niederlegen sollte . Die Fräuleins Gelbsattel , die sehr lang waren , kamen dabei gut fort . Sie hatten reichlich gesammelt . Die Trompetta , die Lebhafteste , hatte nur geringe Ausbeute . Sie war zu klein , um mit ihrem Messer besonders hoch zu langen und das Anerbieten von Stühlen , Schemeln und Leitern , die die Diener in Bereitschaft hielten , schien ihr bei ihrem corpulenten Wuchse zu halsbrechend und gefährlich . Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend , daß man ihr Alles vorweggeschnitten hätte . Wo ist denn noch eine Traube ? Wo ? Wo ? rief sie . Kinder ! Ich sehe nichts ! Wilhelmine ! Wilhelmine ! ... Aber Fräulein Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite . Sie war fortwährend mit Dankmar in neckendes Gespräch verwickelt ... Die Fürstin nahm die Lese sehr umständlich und ernst , fast pedantisch . Siegbert mußte ihr den Korb , die Hand , den Schemel halten . Rudhard und Gelbsattel erzählten sich von einer Weinlese bei Naumburg , die sie einst in lateinischer Sprache hätten mitmachen müssen und lächelten über die Erinnerung , wie die Portenser , wenn Einer eben sagte : O quam dulcis haec uva est ! und eine Traube in den Mund herablassen wollten , sie immer vom Andern geraubt bekamen , wobei sie auf Wildungen übergingen , der zu Denen gehörte , denen man nur zu oft den Genuß verdarb , wenn er eben sagen wollte : O quam dulcis haec uva est ! Die eigenthümlichste Erregung unter Allen zeigte Olga . Sie hatte den Trieb , gleichsam die Ehre des ganzen Festes zu vertreten , war hier und dort , sprach mit Dem und Jenem , half überall nach und befahl in der Stille , was die Mutter ihr zu laut zu befehlen schien oder wol gar ganz vergessen hatte . Und bei alledem zog sie sich von Jedem zurück , blieb allein , hüpfte bald da- , bald dorthin und schien nur von Einem Gedanken beseelt , dem , ihren geliebten Freund Siegbert nur einen kleinen Moment für sich allein zu besitzen . Die Mutter , die Flottwitz , die Fräuleins Gelbsattel , Alle machten ihr den Verdruß , daß sie auch an Siegbert zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur für sich behielten , während sie nicht ein Wort von ihm erhaschen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick , der sie mehr verwundete als erfreute , denn in diesem Blicke lag Das nicht , was sie in seiner Seele suchte . So kam es , daß sie von einer quälenden Unruhe hin- und hergetrieben wurde und nur bei Leidenfrost zuweilen Stand hielt , mit dem sie wenigstens lachen , über Alle spotten konnte . Sie ging mit dem kleinen , unschönen Mann in den hintersten Theil des Gartens , wo ein Hügel zum Feuerwerk hergerichtet war . In der Mitte stand der Böller . Ringsherum waren Stakete festgepflanzt , an welchen schon am Morgen Leidenfrost seine pulvergefüllten Papiere befestigt hatte . Am Fuße des Berges , in einer Laube saßen fünf Musikanten , die von Blaseinstrumenten eine weiche , für Gartenräume zweckmäßige Musik aufführten . Olga sorgte dafür , daß diese Leute Erfrischungen bekamen . Die Mutter achtete nicht solcher Dinge , die ihr kaum einfielen und die , wenn man sie daran erinnerte , immer Veranlassung gaben zum Streit . Denn sie hatte dann immer dieselbe Sache längst bedacht , aber natürlich ganz anders und viel besser ausführen wollen . Die Gesellschaft wandelte im Garten auf und ab , bald vereint , bald zerstreut . Olga galt für ein Kind , man nahm wol Notiz von ihr , aber scheute sich nicht , ein Gespräch abzubrechen , wenn sie sich nahte . Sie streifte an den Beeten entlang und schloß sich Niemanden an . Rudhard verbot ihr diese Isolirung und sagte ihr im Vorübergehen , sie müsse sich an die Mutter halten . Wird sie mich denn wollen ? fragte sie und warf die großen Augen sicher und fest auf Rudhard , der ihr keine weitere Antwort darauf gab ; denn er blieb im Vorübergehen mit der Pröpstin nicht stehen , wie sie . Sie sah ihm eine Weile nach und wandte sich dann , gedankenlos hin- und herirrend und Manchem , der mit ihr sprechen wollte , nicht einmal Rede stehend , wieder zu den Musikern . Unter diesen war ein alter Mann mit weißem Barte . Er blies das Waldhorn ... Wäre Das ein Harfner , sagte eine Stimme hinter ihr , als sie an der Laube stand und die Notenblätter der Leute musterte , so würde man an Mignon und den Alten erinnert werden . Es war Dankmar , der diese Ähnlichkeit fand , und alle Damen stimmten ein ... Was wußte Olga vom Harfner und von Mignon ! Was hatte sie von dem Gespräch , das die weiterwandelnde Gesellschaft über Goethe und Wilhelm Meister und die Bekenntnisse einer schönen Seele begann ! Sie folgte dem Zuge der Lustwandelnden , kaum theilnehmend am Äußerlichen , noch weniger an dem Gegenstand des Streites , der sich sogleich zwischen Dankmar und der Trompetta ergab über Goethe , über Wilhelm Meister , über die Bekenntnisse einer schönen Seele , über Alles durcheinander ... Anna von Harder faßte Olga ' s Arm und ließ sich von ihr führen . Was verstand noch Olga , stillträumend wie ein unerschloßner Blumenkelch , von den Worten , die eben die sanfte Frau zu Dankmar ' s Freude sprach : Liebe Trompetta , sagte Anna von Harder . Verurtheilen Sie den großen Dichter seiner Unchristlichkeit wegen nicht ! Sagen Sie auch nicht , er wäre unwürdig gewesen , durch die ohne Zweifel von ihm wörtlich aufgenommenen Geständnisse des Fräuleins von Klettenberg sein schlimmes und wie Sie es nennen , frivoles und unsittliches Buch zu schmücken . Daß Goethe diese glaubensstarke Natur in seine Dicht- und Denkweise eintreten ließ , ganz unverbunden , ganz unzusammenhängend mit dem Werke , das er uns geboten hat , beweist nur , wie er doch wol einen tiefen Blick für alles Ursprüngliche im Menschen hatte und uns in den krausen und wilden Erlebnissen des jungen Meister nur das Leben selber geben wollte in seiner Rückwirkung auf die große Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere . Da ließ er denn auch jenes Fräulein gelten , nicht um der Frömmigkeit , sondern um ihrer Eigenheit willen . Ich fühle , daß man jenem Buche vom Standpunkte der Erfindung aus viel Schlimmes nachsagen kann , aber Menschen sind es doch , die da durcheinandergehen , Situationen sind es doch des wirklichen Lebens . Man sieht Das ordentlich und erlebt es mit . So paßte auch das fromme Fräulein ganz hier herein , diese wunderliche Seele , der ich eigentlich nicht einmal recht zugethan bin . Was ? rief die Trompetta , Sie tadeln die schöne Seele ? Das Kleinod aller nach innengewandten Herzen seit einem halben Jahrhundert ? Tadeln ? sagte Anna sehr ermuthigt , welch ' hartes Wort ! Ich sage nur , daß ich sie nicht von Herzen lieben kann . Nun , Das ist wunderbar ! erstaunte die Trompetta und bat um Aufklärung , indem sie fast die Hände faltete . Alle waren gespannt . Ich finde , sagte Anna gesammelt und ruhig , daß dies Fräulein eigentlich recht eigenwillig ist . Sie nimmt sich das so vor , einmal in Gott ihren einzigen Freund zu suchen und weist , fast kalt , fast gleichgültig , alle Zweifel , alle Sorge , alle Lehre der Menschen zurück . Sie bricht mit ihrem Verlobten , wie er mit ihr bricht . Sie sagt ihm : Magst du mich , so mag ich dich . Magst du mich nicht , so mag ich dich auch nicht . Ich gestehe Ihnen , daß eine solche Ergebenheit in die Wege des Schicksals bis an ' s Fahrlässige grenzt . Und weil ich doch aus ihrer Erzählung herausfühle , daß sie keineswegs in andern Dingen fahrlässig , sondern eifrig , emsig ist , so kann ich mich nicht erwehren , sie sogar für ein ganz klein wenig trotzig zu halten und ich glaube , ihr alter Onkel schickt ihr seine kleinen Nichtchen deshalb so selten auf ihr einsamgelegenes Schlößchen , nicht weil er fürchtet , daß die kleinen Mädchen bei ihr herrnhutherisch werden , sondern weil sie ein reizbares und recht apartes altes Jüngferchen ist . Die Männer billigten diese eigenthümlich vorgetragene , fast wie zwischen Zerbrechlichem mit verbundenen Augen behutsam auftretende Auffassung vollkommen und Rudhard wollte sogar noch weiter gehen und wieder von seiner beliebten Muckerei anfangen ... Nein , nein , sagte Anna mit freundlicher Drohung , weiter nicht ! Sie sollen auch gar nicht loben , Herr Pfarrer ; ich bin Ihnen doch noch etwas bös mit Ihrem Don-Quixote ! Dankmar bekam von den Andern die Aufklärung über diese Erwähnung des Don-Quixote ... Daß ich Recht habe , gnädige Frau , sagte Rudhard , bestätige Ihnen der Anblick da oben ! Die Gesellschaft war nämlich wieder an den Anfang des Gartens gekommen , dem zur Seite der Hof mit einem Wirthschaftsgebäude , einer Remise und dem Stalle lag . Über dem Stalle war ein kleines , zwar längliches , aber niedriges Mansardenfenster . Es war offen . Ein Mann in weißer Piquéjacke saß an dem Fensterbret und las mit aufgestütztem Kopfe tief in einem Buche verloren ... Alle lachten ; denn sie waren überzeugt , daß dies Peters war , der eben den Don-Quixote las ... Nun , rief Dankmar hinauf , hat Saul den Esel seines Vaters gefunden ? Peters , der die Anspielung auf seine Bibel und die Begegnung im Park von Solitüde nicht verstand , fuhr erschrocken auf und wollte sich zurückziehen ... Ei , so bleibt doch , Peters ! sagte Rudhard hinauf zu dem in größter Verlegenheit nach dem Kopf greifenden Peters , der nicht wußte , wie man ohne Mütze oder Hut grüßen sollte . Mit wem hat es denn jetzt der tolle Junker ? Peters lachte nur mit verklärtem , abwesendem Angesicht . Dankmar wollte etwas von der Kathrine hören ... Ich wette , sagte Siegbert , als Peters nicht antwortete , er besinnt sich , ob Kathrine eine von den Mägden ist , die dem Junker Don-Quixote für Edelfräulein gelten ... Kennt Ihr uns denn nicht ? sagte Dankmar . Nun erst besann sich Peters und kam grüßend aus seiner Lektüre wieder in den Zusammenhang mit der Welt . Alle lachten und mußten dem Pfarrer bestätigen , daß er ein vortreffliches Mittel gefunden hatte , einen eifersüchtigen Mann von seinen Grillen abzubringen . Man kehrte auf das Parquet zurück und folgte der Aufforderung , von dem Fruchttische zu genießen , den man nicht genug bewundern konnte . Olga entzog sich verschämt allen Lobeserhebungen über Das , was Rudhard heute für ihre Idee und ihre Schöpfung erklärte . Man fand das eigene Mädchen allgemein schön , liebenswürdig und sagte , als sie sich entfernt hatte , der Mutter mannichfache Artigkeiten über ein Kind , das sich seit der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit so auffallend entwickelt hatte . Die Fürstin nahm diese Freundlichkeiten mit jenem Takte hin , der dem Gebildeten unter allen Umständen eigen ist und ihn immer Das treffen läßt , was sich nach den allgemeinen Gesetzen in solchen Fällen geziemt oder am Platze ist . Rudhard sah schon tiefer und blickte voll Unmuth zur Erde . Er beschäftigte sich mit den Kleinen ; denn die Gesellschaft zerstreute sich theilweise im Garten und fing an , sich in gleichgestimmte Paare aufzulösen , während die Fürstin und die Gelbsattel ' s auf dem Parquet blieben ... Der Propst und die Trompetta schienen es auf Siegbert abgesehen zu haben . Sie nahmen ihn bei Seite und begannen vom Gethsemane . Der Propst rühmte die ausgezeichneten Blätter dieses Albums , vorzugsweise aber die Farbenskizze Siegbert ' s. Einen Vorschlag , den er an sein Lob anknüpfen wollte , unterbrach die Trompetta mit dem Jammer über das Unglück , das ihr eine Laune des Hofes bereitet hätte . Sie wollte von den Männern Vorschläge hören , wie sie ihre Sammlung zum Besten eines wohlthätigen Zweckes veräußern könnte . Es blieb nichts übrig , als ihr eine Lotterie anzurathen . Sie schlug den Werth des Albums auf den Betrag von tausend Thalern an und zweifelte durchaus nicht , tausend Loose , jedes zu einem Thaler , absetzen zu können . Das Album sollte zu dem Zwecke einer Einladung und Ermunterung in den Sälen des Kunstvereins aufgelegt werden . Nun aber