Breit und hell fiel ein Strahl der Frühlingssonne durch das verstaubte Bogenfenster einer Dorfkirche . Er durchschnitt als warmer , glänzender Streifen die graue Dämmerung und verlor sich hinter weißem Gitter in den schattig-feuchten Tiefen des Pfarrstuhles , den mehrere festlich gekleidete Herren und Damen besetzt hatten . Mitten in der Lichtbahn stand die Konfirmandin vor dem Altar . Das kleine Kreuz auf ihrer Brust glühte gleich einem überirdischen Symbol , und wie ein Kranz weltlicher Herrlichkeit flimmerte , von tausend Goldfunken durchsprüht , das braune Haar über dem rosenroten , thränenbethauten , feierlichen Kindergesicht . Sie stand ganz allein an dem heiligen Orte , durchschauert von der Bedeutung des Augenblickes — bangend , das Gelübde auszusprechen , das auf ihren Lippen schwebte und sie für ein Leben der Wahrheit und der Heiligung unwiderruflich verpflichten sollte . Hinter ihr , zwischen den schmalen Holzbänken , hörte sie das Gepolter einiger niederknieender Tagelöhnerkinder , die bereits die Einsegnung empfangen hatten . Agathe wünschte plötzlich mit krankhafter Heftigkeit unter den peinlich glattgekämmten und rotgeseiften Köpfen , den ungeschickten Gestalten dort sich verbergen , sich an der Gemeinschaft mit ihnen stärken zu können . Ihr Herz wollte sein Schlagen aussetzten , eine Furcht ergriff sie , ein Schwindel , indem sie auf die Knie sank und den Kopf mit dem Gefühl neigte , es müsse in der nächsten Minute ihr Dasein , das froh empfundene Dasein gegen einen Zustand von fremder Schauerlichkeit , voll erhabener Schmerzen und beklemmender Wonnen eingetauscht werden . Über sich hörte Agathe die sanfte , ernst-feierliche Stimme des Geistlichen die Frage an sie richten : ob sie dem Teufel , der Welt und allen ihren Lüsten entsagen , ob sie Christo angehören und ihm folgen wolle . In süßer Schwermut hauchte sie “ ja , ” fühlte die Berührung der segnenden Hände auf ihrem Haupte und versuchte mit gewaltsamer Anstrengung alle ihre Sinne einzutauchen in die Anbetung der ewigen Gottheit — des Herrn , der über ihr schwebte . Aber sie vernahm das Rauschen ihres eigenen seidenen Kleides , ein gerührtes Flüstern und unterdrücktes Schluchzen drang aus dem Pfarrstuhl , wo ihre Eltern saßen , zu ihren Ohren , sie hörte ein Gesangbuch irgendwo polternd zur Erde fallen und eine gemurmelte Entschuldigung — sie lauschte auf die falschen Töne , die der Küster bei seiner leisen Orgelbegleitung griff — sie mußte an ein Buch denken , an eine anstößige Stelle , die sie verfolgte . . Thränen quollen unter ihren gesenkten Lidern hervor , krampfhaft falteten sich ihre Hände , auf den schwarzen Handschuhen sah sie die Thränentropfen nasse Flecke bilden — sie konnte nicht beten . . . Nicht in dieser Stunde ? Nicht während weniger Sekunden konnte sie Gott allein angehören ? Und sie hatte geschworen , für ihr ganzes Leben dem Irdischen abzusagen ! Sie hatte einen Meineid geleistet — eine untilgbare Sünde begangen ! Mein Gott , mein Gott , welche Angst . Versuchte der Teufel sie ? Es gab doch einen Teufel . Sie fühlte ganz deutlich , wie er in ihrer Nähe war und sich freute , daß sie nicht beten konnte . Lieber Gott , verlaß mich doch nicht ! — Vielleicht kam die Prüfung über sie , weil sie in der Beichte , die sie hatte niederschreiben und dem Geistlichen überreichen müssen , nicht aufrichtig gewesen . . Hätte sie sich so entsetzlich demütigen sollen . . das bekennen ? Nein — nein — nein — das war ganz unmöglich . Lieber in die Hölle ! Der Schweiß brach ihr aus , so peinigte sie die Scham . Das konnte sie doch nicht aufschreiben . Tausendmal lieber in die Hölle ! . . . Jetzt nicht daran denken . . . Nur nicht denken . Wie war es denn anzustellen , um Macht über das Denken zu bekommen ? Sie dachte doch immer . . Alles war so geheimnißvoll schrecklich bei diesem christlichen Glaubensleben . Sie wollte es ja annehmen . . Und sie hatte ja auch gelobt — nun mußte sie — da half ihr nichts mehr ! Mit einem unerträglichen Zittern in den Knieen begab das Mädchen sich an ihren Platz zurück . Der Gesang der Gemeinde und das Spiel der Orgel schwollen stärker an , während der Geistliche die Vorbereitungen zum Abendmahl traf , aus der schöngeformten Kanne Wein in den silbernen Kelch goß und das gestickte Leinentuch von dem Teller mit den heiligen Oblaten hob . Das Licht der hohen Wachskerzen flackerte unruhig . Agathe schloß geblendet die Augen vor dem hellen Sonnenschein , der die Kirche durchströmte , und in dem Milliarden Staubatome wirbelten . War die Himmelssonne nur dazu da , alles Verborgene zu schrecklicher Klarheit zu bringen ? In stumpfem Erstaunen hörte sie neben sich zwei ihrer Mitkonfirmandinnen leise flüstern — flachsköpfige Mädchen , die einen Duft von schlechter Pomade um sich verbreiteten . “ Wiesing — wo is dien Modder ? ” “ Sei möt uns ' lütt Kalf börnen . ” “ Ju ! Hewet et ji all ? dat ' s fin ! Dat kunnst mi ok gliek vertellen ! ” “ Klock Twelf hat ' s de Bleß bracht . Wie sünd all die Nacht in ' n Stall west ! ” Wie konnte man über so etwas in der Kirche reden , dachte Agathe . Ein Zug hochmütiger Mißachtung bewegte ihre Mundwinkel . Sie wurde ruhiger , sicherer im Gefühl ihres heißen Wollens . Eine Müdigkeit — eine Art von seliger Ermattung beschlich sie bei dem Gesange jenes alten mystischen Abendmahlsliedes : Freue Dich , o liebe Seele , Laß die dunkle Sündenhöhle , Komm ans helle Licht gegangen , Fange herrlich an zu prangen . Denn der Herr voll Heil und Gnaden , Will dich jetzt zu Gaste laden , Der den Himmel kann verwalten Will jetzt Zwiesprach ' mit dir halten . Eile , wie Verlobte pflegen , Deinem Bräutigam entgegen , Der da mit dem Gnadenhammer Klopft an deines Herzens Kammer . Öffn ' ihm deines Geistes Pforten , Red ' ihn an mit süßen Worten : Komm , mein Liebster , laß dich küssen , Laß mich deiner nicht mehr missen . Nun war es nicht der erhabene Gott-Vater , der das Opfer forderte , nicht mehr der heilige Geist , der unbegreiflich-furchtbare , der mit den Gluten des ewigen Feuers seinen Beleidigern droht , der nicht vergiebt — jetzt nahte der himmlische Bräutigam mit Trost und Liebe . “ Wer da unwürdig isset und trinket , der sei verdammt ” — heißt es zwar auch hier . Aber über das Mädchen kam eine frohe Zuversicht . Vor ihr inneres Auge trat Jesus von Nazareth , wie ihn die Kunst , wie ihn Titian gebildet hat , in seiner schönen , jungen Menschlichkeit — ihn hatte sie lieb . . Ein schmachtendes Begehren nach der geheimnisvollen Vereinigung mit ihm durchzitterte die Nerven des jungen Weibes . Der starke Wein rann feurig durch ihren erschöpften Körper — ein sanftes , zärtliches und doch entsagungsvolles Glück durchbebte ihr Innerstes — sie war würdig befunden , seine Gegenwart zu fühlen . Auch Agathes Eltern , ihr Bruder , ihr Onkel und die Frau des Predigers , in dessen Hause sie seit einigen Monaten lebte , nahmen das Abendmahl , um sich in Liebe dem Kinde zu verbinden . Darum hatte der Geistliche zuerst seine ländlichen Konfirmanden und deren Angehörige absolviert und dann die Tochter des Regierungsrates und ihre Familie zum Tisch des Herrn treten lassen . So stand denn Agathe umgeben von all denen , die ihr die nächsten waren auf dieser Welt . Gleichgültig sahen die mürrischen alten Bauern , die schläfrigen Knechte , voll Neugier aber die Pächter- und Taglöhnerfrauen dem Gebaren der Fremden zu . Der stattliche Herr mit dem Orden , der den hohen Hut im Arm trug , konnte eine Bewegung in seinen Zügen trotz der würdevollen Haltung nicht verbergen . Er wandte seinen Kopf zur Seite , um mit der Fingerspitze eine leichte Feuchtigkeit von den Wimpern zu entfernen . Das vermerkten die Frauen mit Genugthuung . Und dann weckte das schwarze Atlaskleid und der Spitzenumhang der Mutter leise geraunte Bewunderung . Die Regierungsrätin selbst jedoch hatte die Empfindung , ihr Kleid wirkte aufdringlich in dieser bescheidenen Umgebung , und als sie zum Altar trat , hielt sie die Schleppe ängstlich und verlegen an sich gedrückt , dabei weinte sie und seufzte von Zeit zu Zeit tief und schmerzlich . Als die Gemeinde den letzten Vers sang , stahlen sich ihre Finger nach Agathes Hand und drückten sie krampfhaft . Kaum war der Gottesdienst zu Ende , so umarmte Frau Heidling ihre Tochter mit einer Art von kummervoller Leidenschaft , die wenig für die Gelegenheit zu passen schien , und murmelte mehrere Mal unter Thränen : mein Kind , mein süßes , geliebtes Kind ! — ohne mit ihrem Segenswunsch zu Ende gelangen zu können . Doch die bewegte Mutter durfte das Kind nicht an ihrem Herzen behalten . Der Vater verlangte nach ihr , Onkel Gustav , Bruder Walter , Frau Pastor Kandler — alle wollten ihre Glückwünsche darbringen . Ein jeder gab dabei noch in der Kirchthür dem Mädchen ein wenig Anleitung , wie sie sich dem kommenden Leben gegenüber als erwachsener Mensch zu verhalten habe . Sie hörte mit verklärtem Lächeln auf dem verweinten Gesichtchen alle die goldenen Worte der Liebe , der älteren Weisheit . So schwach fühlte sie sich , so hilfsbedürftig und so bereit , jedermann zu Willen zu sein , alles zu beglücken , was in ihre Nähe kam . Sie war ja selbst jetzt so glücklich ! Ihr Bruder , der Abiturient , lief aufmerksam nochmals in die Kirche zurück , ihr vergessenes Bouquet zu holen , während alle anderen sich auf den Weg zum Pfarrhaus begaben . Agathe wartete auf ihn , sah ihn dankbar an und legte den Arm in den seinen . So folgten sie den Eltern . “ Verzeihe mir auch alle meine Ungefälligkeiten , ” murmelte Agathe demütig dem Abiturienten zu . Walter errötete und brummte etwas Unverständliches , indem er sich vor Verlegenheit von der Schwester losriß . “ Na Jochen , — was macht der Braune ? ” schrie er dem Pastorskutscher zu , setzte mit Anlauf und geschicktem Turnersprung über einen auf dem sonnenbeglänzten Hof stehenden Pflug hinweg und verschwand mit Jochen in der Stallthür . Agathe ging allein ins Haus . Es waren einige Pakete für sie gekommen , die man ihr vorenthalten hatte , um sie am Morgen vor der heiligen Handlung nicht zu zerstreuen . Nur das schöne Kreuz an feiner goldener Kette hatte Papa ihr beim Frühstück um den Hals gelegt . Jetzt durfte sie sich wohl schon ein wenig der Neugier auf die Geschenke von Verwandten und Freundinnen hingeben . In der niedrigen , an diesem Frühlingstage noch etwas kellerig-kühlen guten Stube des Pfarrhauses erquickten sich die Erwachsenen an Wein und kleinen Butterbrötchen . Agathe verspürte keinen Hunger . Sie setzte sich eifrig mit ihren Paketen auf den Teppich , riß an den Siegeln , schlug sich mit den Packpapieren herum . Ihre Wangen brannten glühendrot , die Finger zitterten ihr . “ Aber Agathe , zerschneide doch nicht all die guten Bindfaden , ” mahnte ihre Mutter . “ Wie Du immer heftig bist ! ” “ Wenn ein Mädchen geduldig Knoten lösen kann , so bekommt sie einen guten Mann , ” ergänzte die Pastorin aus dem Nebenzimmer , wo der Eßtisch gedeckt wurde . “ Ach , ich will gar keinen Mann ! ” rief Agathe lustig , und ritsch — ratsch flogen die Hüllen herunter . “ Na — verschwör ' s nicht , Mädel , ” sagte der dicke Onkel Gustav und guckte mit listigem Lächeln hinter seinem Gläschen Marsala hervor . “ Von heute ab mußt Du ernstlich an solche Sachen denken . ” “ Das wollt ' ich mir verbeten haben , ” fiel die Regierungsrätin ihm ins Wort ; den Ton durchklang das Siegesbewußtsein , welches die Mütter sehr junger Töchter erfüllt : Kommt nur , ihr Freier ihr . . . heiraten soll mein Kind schon — aber wer von Euch ist eigentlich gut genug für sie ? “ Rückerts Liebesfrühling ! ” schrie Agathe da plötzlich laut auf und schwenkte ein kleines rotes Büchelchen so entzückt in der Luft , daß alles um sie her in Gelächter ausbrach . “ Zur Konfirmation ? Etwas früh ! ” bemerkte Papa verwundernd und tadelnd . “ Gewiß von Eugenie ? ” fragte die Regierungsrätin ; sie antwortete sich selbst : “ Natürlich — das ist ganz wie Eugenie . ” Inzwischen kam der Inhalt eines zweiten Paketes zu Tage . “ Geroks Palmblätter — von der guten Tante Malvine , ” berichtete Agathe diesmal ruhiger mit andächtiger Pietät . “ Ach — das wonnige Armband ! Gerade solches hab ' ich mir gewünscht ! Eine Perle in der Mitte . Nicht wahr , Mama , das ist doch echt Gold ? ” Sie legte es gleich um ihr Handgelenk . Knips ! sprang das Schlößchen zu . “ — Und hier wieder ein Buch ! Der prachtvolle Einband ! Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau , Gattin und Mutter . . . Von wem denn nur ? Frau Präsident Dürnheim . Wie freundlich ! — Nein , aber wie freundlich ! Sieh doch nur , Mama ! Das Weib als Jungfrau , Gattin und Mutter mit Illustrationen von Paul Thumann und anderen deutschen Künstlern ! ” “ Nein — nein — wie ich mich aber freue ! ” Agathe sprang mit einem Satz vom Teppich auf und tanzte vor ausgelassenem Glück in der Stube zwischen den gelben und braunen Papieren herum ; die losen Löckchen auf ihrer Stirn , die Kette und das Kreuz auf ihrer Brust , der Liebesfrühling und das Weib als Jungfrau , Gattin und Mutter , das sie beides zärtlich an sich drückte — alles hüpfte und tanzte mit . Die erwachsenen Leute auf dem Sofa und in den Lehnstühlen lächelten wieder . Wie reizend sie war ! Ach ja — die Jugend ist etwas Schönes ! Endlich fiel Agathe ganz außer Atem bei ihrer Mutter nieder , warf ihr all ihre Schätze in den Schoß und rieb wie ein vergnügtes Hündchen den braunen Kopf an ihrem Kleide . “ Ach — ich bin ganz toll , ” sagte sie beschämt , als Mama leise ihr Haupt schüttelte . Agathe fühlte ein schlechtes Gewissen , weil Pastor Kandler gerade jetzt eintrat . Er hatte den Talar abgelegt und trug seinen gewöhnlichen Hut in der Hand . “ Du gehst noch aus ? ” fragte seine Frau erschrocken . “ Ja — wartet nicht auf mich mit dem Essen . Ich muß doch bei Groterjahns gratulieren — ich höre , daß ihre Familie durch ein Kälblein vemehret worden ist , ” sagte er mit der gutmütigen Ironie des resignierten Landgeistlichen , der längst erfahren hat , daß die Dorfleute nur durch sein persönliches Interesse für ihre materiellen Sorgen fügsam zur Anhörung der christlichen Heilslehre macht . “ Ich bestelle also Wiesing zu heut Abend herauf — , Du wolltest doch wohl selbst mit ihr sprechen , liebe Cousine ? ” fragte er die Regierungsrätin . “ Ja — wenn das Mädchen Lust hätte , in die Stadt zu ziehen , möchte ich es schon einmal mit ihr versuchen , ” antwortete diese . Agathe saß bei Tisch vor einem Teller , der mit gelben Schlüsselblumen umkränzt war , zwischen Vater und Mutter . Der Konfirmandin gegenüber hatte Pastor Kandler seinen Platz , neben ihm leuchtete Onkel Gustavs rosiges Gesicht aus den blonden Bartkoteletten über der weißen vorgesteckten Serviette . Die Pastorin war von dem Regierungsrat geführt worden . Unten , zwischen der Jugend , saß eine alte Näherin , die stets das Osterfest im Pfarrhause zuzubringen pflegte . Nach jedem Gang zog sie ihr Messer zwischen den Lippen hindurch , um nichts von den prächtigen Speisen und der nahrhaften Sauce zu verlieren . Walter fühlte sich in seiner Abiturientenwürde sehr gekränkt , weil man ihm die zahnlückige Person als Nachbarin gegeben hatte , und es war ihm fatal , daß er nicht recht wußte , ob es schicklicher von ihm sein würde , sie anzureden oder ihre Gegenwart einfach zu übersehen . Die Regierungsrätin warf gleichfalls unbehagliche Blicke auf die alte Flickerin , denn sie dachte , ihr Mann möchte vielleicht an deren Gegenwart Anstoß nehmen . Aber auf den Regierungsrat Heidling wirkte sie nur sanft belustigend . Er war ja ganz im Klaren darüber , daß er sich unter naiven , weltfremden Leutchen befand . Mit wohlüberlegter Absicht hatte er seine Tochter nicht im Kreise ihrer Freundinnen bei dem Modeprediger in M. konfirmieren lassen , sondern bei dem bescheidenen Vetter seiner Gattin . Er schätzte eine positive Frömmigkeit an dem weiblichen Geschlecht . Für den deutschen Mann die Pflicht — für die deutsche Frau der Glaube und die Treue . Daß der Fonds von Religion , den er Agathe durch die Erziehung mitgegeben , niemals aufdringlich in den Vordergrund des Lebens treten durfte , verstand sich bei seiner Stellung und in den Verhältnissen der Stadt ebenso von selbst , wie das Tischgebet und die alte Flickerin hier in dem pommerschen Dörfchen an ihrem Platz sein mochten . “ Luise ” von Voß fiel ihm ein — in jungen Jahren hatte er das Buch einmal durchgeblättert . Es that seiner Tochter gut , diese Idylle genossen zu haben . Agathe war frisch und stark und rosig geworden in dem stillen Winter , bei den Schlittenfahrten über die beschneiten Felder , in der klaren , herben Landluft . Sein Kind hatte ihm nicht gefallen , als es aus der Pension kam . Etwas Zerfahrenes , Eitles , Schwatzhaftes war ihm damals an ihr aufgefallen . Nur das nicht ! Er stellte ideale Forderungen an die Frau . Unwillkürlich formten sich ihm die Gedanken zu rednerischen Phrasen . Er schwieg bei den Gesprächsversuchen der Pastorin und spielte mit der gepflegten Hand an dem graublonden Bart. Inzwischen schlug schon Pastor Kandler an sein Glas . Die Regierungsrätin zog aus Vorsicht , sobald er sich räusperte , ihr feuchtes Battisttuch — es war ihr Brauttaschentuch — hervor . Und das war gut , denn unaufhörlich tropften ihr bei seinen Worten die Thränen über das verblühte matte Antlitz , dessen Wangen eine fliegende , nervöse Röte angenommen hatten . Er sprach so ergreifend ! Er rührte ihr an so vieles ! Die Grundlage der Rede bildete das Bibelwort : Alles ist euer — ihr aber seid Christi . Pastor Kandler suchte in seiner Phantasie nach einer naturwahren Beschreibung der Freuden , die das Leben einer modernen jungen Dame der feinen bürgerlichen Gesellschaft ihr zu bieten habe : in der Familie , im Verkehr mit Altersgenossinnen , durch Natur , Kunstbestrebungen und Lektüre . Er deutete auch andere Glückseligkeiten an , die ihrer warteten — denn es war nun einmal der Lauf der Welt — hold , unschuldig , wie sie da vor ihm saß , das liebe Kind , in ihrem schwarzseidenen Kleidchen , die braunen Augen aus dem weichen , hellen Gesichtchen andächtig auf ihn gerichtet — wie bald konnte sie Braut sein . Alles ist Euer ! Aber wie soll dieses “ Alles ” benutzt werden ? Besitzet als besäßet ihr nicht — genießet als genösset Ihr nicht ! — Auch der Tanz — auch das Theater sind erlaubt , aber der Tanz geschehe in Ehren , das Vergnügen an der Kunst beschränke sich auf die reine , gottgeweihte Kunst . Bildung ist nicht zu verachten — doch hüte Dich , mein Kind , vor der modernen Wissenschaft , die zu Zweifeln , zum Unglauben führt . Zügle Deine Phantasie , daß sie Dir nicht unzüchtige Bilder vorspiegele ! Liebe — Liebe — Liebe sei Dein ganzes Leben — aber die Liebe bleibe frei von Selbstsucht , begehre nicht das ihre . Du darfst nach Glück verlangen — Du darfst auch glücklich sein — aber in berechtigter Weise . . . . denn Du bist Christi Nachfolgerin , und Christus starb am Kreuz ! Nur wer das Irdische ganz überwunden hat , wird durch die dornenumsäumte Pforte eingehen zur ewigen Freude — zur Hochzeit des Lammes ! Agathe mußte wieder sehr weinen . Aufs Neue erfaßte sie das ängstigende Bewußtsein , welches sie durch alle Konfirmandenstunden begleitete , ohne daß sie es ihrem Seelsorger zu gestehen wagte : sie begriff durchaus nicht , wie sie es anzustellen habe , um zu genießen , als genösse sie nicht . Oft schon hatte sie sich Mühe gegeben , dem Worte zu folgen . Wenn sie sich mit den Pastorsjungen im Garten schneeballte , versuchte sie , dabei an Jesum zu denken . Aber bedrängten die Jungen sie ordentlich , und sie mußte sich nach allen Seiten wehren , und die Luft wurde so recht toll — dann vergaß sie den Heiland ganz und gar . — Schmeckte ihr das Essen recht gut — und sie hatte jetzt immer einen ausgezeichneten Appetit — sollte sie da thun , als ob es ihr nicht schmeckte ? Aber das wäre ja eine Lüge gewesen . Wahrscheinlich hatte sie das Geheimnis des Spruches noch gar nicht verstanden . Ach — sie fühlte sich der Gemeinschaft gereifter Christen recht unwürdig ! Aber es war doch wunderhübsch , nun konfirmiert zu sein — und es war auch an der Zeit , sie wurde doch schon siebzehn Jahre alt . Hatte der Pastor dem Kinde seine Verantwortung als Himmelsbürgerin klar zu machen gesucht , so begann der Vater Agathe nun die Pflichten der Staatsbürgerin vorzuhalten . Denn das Weib , die Mutter künftiger Geschlechter , die Gründerin der Familie , ist ein wichtiges Glied der Gesellschaft , wenn sie sich ihrer Stellung als unscheinbarer , verborgener Wurzel recht bewußt bleibt . Der Regierungsrat Heidling stellte gern allgemeine , große Gesichtspunkte auf . Sein Gleichnis gefiel ihm . “ Die Wurzel , die stumme , geduldige , unbewegliche , welche kein eigenes Leben zu haben scheint und doch den Baum der Menschheit trägt . . . “ In diesem Augenblick wurde noch ein Geschenk für Agathe abgegeben . der Landbriefträger hatte es als Dank für das am Morgen erhaltene reichliche Trinkgeld trotz des Feiertages von der kleinen Bahnstation herübergebracht . “ Ach nein ! — Das schickt Mani ! ” sagte Agathe und wurde rot . “ Er hatte es versprochen , aber ich dachte , er würde es vergessen . ” “ Dein Vetter Martin , von dem Du so viel erzählst ? ” erkundigte sich die Pastorin neugierig . Agathe nickte , in glücklichen Erinnerungen verstummend . Herweghs Gedichte — — Und die Sommerferien bei Onkel August in Bornau — der sonnenbeschienene Rasen , auf dem sie gelegen und für die glühenden Verse geschwärmt hatte , die Martin so prachtvoll deklamieren konnte . . . Wie sie sich mit ihm begeisterte für Freiheit und Barrikadenkämpfe und rote Mützen — für Danton und Robert Blum . . . . Agathe schwärmte dazwischen auch für Barbarossa und sein endliches Erwachen . . . Sie hatte Martin seitdem noch nicht wiedergesehen . Er diente jetzt sein Jahr . Ach , der gute , liebe Junge . Agathe war zu beschäftigt , das Buch aufzuschlagen und ihre Lieblingsstellen nachzulesen , um zu bemerken , daß eine peinliche Stille am Tische entstanden war . Als sie emporsah , begegnete ihr Blick dem von verhaltenem Lachen ins Breite gezogenen Gesicht von Onkel Gustav , der sich eifrig mit dem Öffnen einer Champagnerflasche beschäftigte . Pastor Kandler stand auf , ging schweigend um den Tisch herum und nahm ihr den Herwegh aus der Hand . Er trat zu dem Regierungsrat und zeigte ihm hier und da eine Stelle . Beide Herren machten ernste Mienen . Es lag etwas Unangenehmes in der Luft . “ Daß der Bengel noch so dumm wäre , hätte ich ihm doch nicht zugetraut , ” brach der Regierungsrat ärgerlich los . “ Mein liebes Kind , ” sagte Pastor Kandler beschwichtigend zu Agathe , “ ich denke , wir heben Dir das Buch auf und bitten Vetter Martin , es gegen ein anderes umzutauschen . Es giebt ja so viele schöne Lieder , die für junge Mädchen geeigneter sind und Dir besser gefallen werden . ” Agathe war ganz blaß geworden . “ Ich hatte mir Herweghs Gedichte gewünscht , ” stieß sie ehrlich heraus . “ Du kanntest wohl das Buch nicht ? ” fragte ihr Vater mit derselben beängstigenden Milde , die des Pastors Vorschlag begleitete . Man wollte sie an ihrem Konfirmationstage schonen , aber es war sicher — sie hatte etwas Schreckliches gethan ! “ Doch ! ” sagte sie eilig und leise und setzte noch schüchterner hinzu : “ Ich fand sie schön ! ” “ Du wirst einige gekannt haben , ” entschuldigte Pastor Kandler . Sein Blick haftete eindringlich auf ihr . Sollte das sanfte Kind ihn mit ihrer innigen Hingabe an das Christentum getäuscht haben ? Woher plötzlich dieser Geist des Aufruhrs ? “ Was gefiel Dir denn besonders an diesen Gedichten ? ” prüfte er vorsichtig . “ Die Sprache ist so wunderschön , ” flüsterte das Mädchen verlegen . “ Hast Du Dir nie klar gemacht , daß diese Verse mit manchem , was ich Dich zu lehren versuchte , in Widerspruch stehen ? ” “ Nein — ich dachte , man sollte für seine Überzeugung kämpfen und sterben ! ” “ Gewiß , mein Kind , für eine gute Überzeugung . Aber für eine thörichte , verderbliche Überzeugung soll man doch wohl nicht kämpfen ? ” Agathe schwieg verwirrt . Vater und Seelsorger sprachen mit einander . “ Das sind doch besorgliche Symptome , ” sagte der Regierungsrat . “ Ich verstehe meinen Neffen absolut nicht ! In des Königs Rock ! Geradezu unerhört ! ” “ Ich glaube , wir brauchen die Sache nicht so ernst zu nehmen , ” meinte Pastor Kandler mit seinem stillen , ironischen Lächeln den Regierungsrat betrachtend . “ Die Jugend hat ja schwache Stunden , wo ein berauschendes Gift wohl eine Wirkung thut , die bei gesunder Veranlagung schnell vorübergeht . Das wissen wir ja alle aus Erfahrung ! ” Er legte das anstößige Buch beiseite und ging auf seinen Platz zurück . “ Wäre den Herrschaften nicht ein Stückchen Torte gefällig ? ” fragte die Pastorin freundlich . Onkel Gustav ließ von einer Champagnerflasche , die er mit weitläufiger Feierlichkeit behandelte , weil sie seine Beisteuer zum Feste war , den Pfropfen mit einem Knall in die darüber gehaltene Gabel springen . Die beiden Pastorsjungen jauchzten über das Kunststück , der schäumende Wein floß in die Gläser , man erhob sich und stieß an . Der Schatten , den die blutdürstige Revolutionslust der Konfirmandin auf die Gesellschaft geworfen , war der alten , stillbewegten Heiterkeit gewichen . Nur in Agathes braunen Augen war noch etwas Sinnendes zurückgeblieben . Onkel Gustav klopfte dem Nichtchen begütigend die volle Wange und rief dabei mit seinem jovialen Lachen : “ Vorläufig doch mehr Blüte als Wurzel ! ” Dann flüsterte er Agathe ins Ohr : “ Dummes Ding — Geschenke von netten Vettern packt man doch nicht vor versammelter Tischgesellschaft aus ! ” Leider war Onkel Gustav selber ein Familienschatten . Er hatte keine Grundsätze und brachte es deshalb auch zu nichts Rechtem in der Welt . So heiratete er z.B. eine Frau , die allerlei Abenteuer erlebt hatte und sich schließlich von einem Grafen entführen ließ . Das mochten ihm die Verwandten nicht verzeihen . Agathe hatte ihn trotzdem lieb . Er war so gut , bot sich die Gelegenheit , einem Menschen in kleinen oder großen Dingen zu helfen , so fand man ihn gewiß bereit . Was er sagte , konnte freilich nicht sehr ins Gewicht fallen . Agathe blieb nachdenklich . “ Alles ist Euer , ” war ihr eben versichert worden , und gleich darauf nahm man ihr das Geschenk ihres liebsten Vetters fort , ohne sie auch nur zu fragen . Widerspruch wagte sie natürlich nicht . Sie hatte ja Gehorsam und demütige Unterwerfung gelobt für das ganze Leben . Später , als die Erwachsenen in allen Sofaecken des Pfarrhauses ihr Verdauungsschläfchen hielten — man war ein bißchen heiß und müde geworden von dem reichlichen Mittagsmahl und dem Champagner — ging Agathe den breiten Gartenweg hinter dem Hause auf und nieder . Die Jungen hatten Befehl erhalten , sie heute nicht zu stören und zum Spielen zu holen , wie sonst . Sie machten mit Walter einen Spaziergang . Die Pastorin half ungesehen von den Gästen , der Magd in der Küche beim Tellerwaschen ; von dorther tönte bisweilen ein Geklapper , sonst herrschte Stille in Hof und Garten . Agathe hörte mit heimlichem Vergnügen ihre seidene Schleppe über den Kies rauschen , hatte die Hände gefaltet und bat den lieben Gott , er möge ihr doch nur den Ärger aus dem Herzen nehmen . Es war doch zu schrecklich , daß sie heut , am Konfirmationstage , ihrem Pastor und ihrem Vater böse war ! Hier fing gewiß die Selbstüberwindung und die Entsagung an . Sie war doch noch recht dumm ! Ein so gefährliches Gift für schön zu halten . . . Der Anfang von Martins Lieblingsliede fiel ihr ein : “ Reißt die Kreuze aus der Erden , Alle sollen Schwerter werden — Gott im Himmel wirds verzeih ' n. ” Ja , das war schon eine fürchterliche Stelle und auf die war Onkel Kandler gewiß gerade gestoßen . Aber doch — es lag so eine Kühnheit darin — und dann wurde der liebe Gott ja doch auch besonders um Verzeihung gebeten . Das hatte Agathe immer sehr gefallen in dem Liede . Aber so war es fortwährend : was einem gefiel , dem mußte man mißtrauen . Sie blickte fragend und zweifelnd gerade in den hellblauen Frühlingshimmel