Die Buchenwipfel schauerten im Morgenwind . Aus den schattigen Gründen stieg eine scharfe Kühle , ein feuchter Tauatem des jungen Gekräutes empor , und schwankend zitterten die beperlten Sträucher unter dem Sprühregen der stürzenden Wasser . Im brausenden Übermut der schneegenährten Frühlingswildheit sprang der Bergbach weißschäumend die Felsenwand hinab und übersprudelte im Grunde das glattgewaschene Gestein . Der alte Herr von Kosegarten schlug den Kragen seiner Joppe in die Höhe , nahm den Stock unter den Arm und vergrub die Hände in den Taschen , weil es ihn fror , trotzdem die Sonne über den Bergen glitzerte . Neben ihm stand der Förster , das dicke Notizbuch in der Faust , machte sich mit dem kurzen Bleistiftstummel Notizen . Aus dem Wald an der Lehne klang der Axthieb der Holzfäller . » Aufgeforstet mußte doch mal werden , « brummte der Beamte in den Schnauzbart , der ihm taugenäßt an den Mundwinkeln niederhing . » Na , also , das sag ich auch . – Warum schließlich das Lamento ? Donnerschockschwerenot , was sein muß , muß sein ! « schimpfte der alte Herr . » Hundertjährig können die Bäume freilich nicht gleich wieder werden . « » Das stimmt , « murrte der Förster verdrießlich . Die beiden Männer schritten durch die Säulenhalle der grausilbernen Stämme , von denen jeder einzelne ihnen ein guter Bekannter war . Sie alle trugen das rote Merkzeichen des Forstbeamten , das sie dem Tod weihte : die Riesen , die mächtig zur Höhe wuchsen , mit ruhiger Majestät die weitgreifenden Kronen tragend . Aus dem Walde auf eine vorgeschobene Felsenplatte tretend , stützte Herr von Kosegarten sich auf seinen Stock und starrte in das unbändige Tosen des weißen Gischtes . Mit Dröhnen und Donnern betäubte ihm der Gesang des Falles das Hirn und nahm alle die sorgenden Gedanken daraus fort , mit denen er sonst schlafen ging und wieder aufstand und aß und trank und durch seinen Wald und seine Fluren stapfte . Ein wohlig dumpfes Schauen des ewig Quellenden , ewig Strömenden , ewig sich Erneuernden und sich wieder Verschwendenden war es , das statt des bohrenden , unfruchtbaren Grübelns von seinem Geist Besitz ergriff und ihn lange in seinen großen , stillen Bann zog . Der Förster an seiner Seite sagte zuweilen gelassen : » Ja , ja , so is es ... « Aber auch diese philosophische Bemerkung verklang im Rauschen der Wasser . Auf dem Felsen stand einzeln eine Buche ; im unaufhörlichen Schwanken und Beben ihrer Zweige war sie erwachsen , lang und mühselig mußten ihre Wurzeln sich strecken , um , die Felsenplatte umwindend , zu fruchtbarem Erdreich zu gelangen . Ihr Leben war ein unerhörter Kampf gewesen . Gegen eine Unmöglichkeit , zu bestehen , hatte sie sich zähe durchgetrotzt ; nun war sie stark und stolz in junger Schöne . » Die bleibt stehen , « sagte Herr von Kosegarten und klopfte mit dem Stock gegen ihren Stamm . » Ich habe es meiner Frau versprochen . Na ja – item – « Er trat näher . Die glatte Rinde trug ein borkiges Mal , ursprünglich war es ein Herz gewesen , das zwei Buchstaben umschloß . Ein F und ein M konnte man noch ungefähr entziffern . Die Zahl darunter bedeutete einen Zeitabschnitt von elf Jahren . Der Förster steckte sein Buch in die Tasche . » Also die bleibt stehen , « wiedelholte er . » Dachte mir ' s schon . – Soll ich die Auktion noch mal im Blättchen anzeigen ? « » Ist wohl kaum nötig – die Hauptreflektanten wissen ja Bescheid . Kostet alles Geld , Schwarze – . Na , und wir brauchen die Leute nicht noch aufmerksam zu machen , wenn ich von meinem Wald was runterschlagen lasse . « » Dann guten Morgen , Herr von Kosegarten ! « » Morgen , Schwarze ! « Kosegarten faßte mit der Hand an die Mütze . Der Förster blieb zögernd stehen . » Haben Herr von Kosegarten schon die Geschichte von Debberitzen gehört ? « » Debberitz ? Welcher Debberitz ? – Das Luder , das ich damals fortgejagt habe ? « » Nee , der nich . Der soll tot sein . Der Sohn ist es . Thete ... Herr von Kosegarten müssen ihn doch noch kennen . Er strolchte doch immer mit dem Herrn Fritz herum . « » Natürlich – nun besinne ich mich . Thete ! So ' n strohköpfiger , rotznasiger Bengel . Was is denn mit dem ? « » Soll zu Gelde gekommen sein . Die Leute reden , er will sich hier ankaufen . « » Nee , Schwarze , was Sie sagen ? ... Will sich hier ankaufen ? Is ja woll nich möglich ! « Der Förster spuckte aus als Zeichen seines Mißvergnügens . » Ich hörte gestern , er wäre in Schäfers Gasthof abgestiegen . Tritt mächtig großspurig auf , traktiert seine alten Schulfreunde mit Bier und Zigarren . Was weiß ich , ich bin nicht dabei gewesen . « » So – so – der will sich hier ankaufen – na ja . Schwarze , erstaunen tut mich nichts mehr . Das Leben ist nun mal putzwunderlich . « » Ja , Herr von Kosegarten , das is es . Das is es wahrhaftig . So en Kerl – so en Schindluder – und macht sich hier mausig . – Wenn dem sein Vater nicht ins Zuchthaus kam , hat er ' s doch nur Ihrer Güte zu verdanken . Morgen , Herr von Rosegarten ! « Der Förster stieg hinauf zu den Arbeitern . Kosegarten stand in Gedanken . ... Debberitz , Thete Debberitz – und will sich ankaufen ! Er sah in seiner Erinnerung den breitschultrigen Bengel und den pfiffigen Blick seiner kleinen , grauen Augen , und neben ihm sah er einen gertenschlanken Jungen mit blitzschneller Beweglichkeit der feinen Glieder und des hübschen Kopfes ... Ein Stöhnen ging aus der Brust des alten Herrn . Er näherte sich wieder dem unförmig und borkig gewordenen Liebeszeichen an der Buche und strich mit dem Finger langsam , scheu liebkosend um das Herz . Hier hatte sein Sohn vor elf Jahren von Glück und Jugend Abschied genommen . – Elf Jahre Sorgen , elf Jahre nutzlose Arbeit – alle Opfer umsonst gebracht – – Hätte man klüger sein sollen und sich den Opfern entziehen wie so mancher andere ? Wer kannte sich noch aus in dem , was man gesollt und nicht gesollt hätte ! – Der alte Mann blickte verworrenen Sinnes in die tosenden Wasser . Gleich einem Kind wurde er überfallen von der Sehnsucht nach pflegender Liebe , nach kleinen Aufmerksamkeiten , nach all dem Freundlichen , das ihn dort unten im Schloß empfangen sollte . Sein Auge wurde heller , er nahm sich in acht , einen Blick noch auf die Buche zu werfen . Was da hinten lag , mochte in der Vergangenheit bleiben . Er stieg energischer den schmalen , steilen Weg unter den taurieselnden Ebereschen und Hainbuchen am Wasserfall nieder und kam bald , dem Lauf des wilden Baches folgend , hinaus auf die sonnige Wiese . Ein Herr ging an ihm vorüber und zog den Hut . Herr von Kosegarten dankte , leicht an die Jagdmütze greifend , wie er es gewohnt war in dieser Gegend , wo ihn jeder kannte und grüßte . Er hatte den ihm Entgegenkommenden nicht weiter angeschaut . Dann drehte er sich plötzlich um , blickte ihm nach , und in dem gleichen Augenblick wendete sich auch der andere und kam zögernd auf ihn zu . Eine breite , plumpe Gestalt war es , doch in einer Kleidung , die nicht auf einen Landbewohner schließen ließ . In dem Schnitt von Rock und Hose verriet sich die Meisterschaft eines denkenden großstädtischen Schneiders . Das derbe Gesicht des Mannes bekam durch den aufgedrehten starken Schnurrbart etwas Unternehmendes , aus den Augen glitzerten Pfiffigkeit und eine vergnügte Zufriedenheit mit dieser angenehmen Welt . Er hob den Hut noch einmal , so daß die Glatze sichtbar wurde , und sagte höflich : » Herr von Kosegarten kennen mich wohl nicht wieder ? « » Wüßte nicht , « brummte Kosegarten , dem der Mann mißgefiel und den überdies nach seinem Frühstück verlangte . » Dann erlauben Sie mir wohl , daß ich mich vorstelle : Theodor Debberitz ! ... Nun werden sich Herr von Kosegarten schon erinnern ? « Der alte Herr sah die pompöse Erscheinung verblüfft an und brach in ein lautes Gelächter aus . » Potzdonnerschockschwerenot ! « rief er , sich auf den Schenkel schlagend , » da soll doch dieser und jener die Kränke kriegen – . Ja , was hab ich denn vorhin gehört ! Sie treten hier als Volksbeglücker auf ! Na , alle Achtung ! Sie scheinen es ja zu was gebracht zu haben . « Der Mann lächelte , und dieses Lächeln ließ in seiner beleidigenden Überlegenheit die gute Laune des alten Gutsbesitzers so schnell wieder versiegen , wie sie gekommen war . » Ich kann mich nicht beklagen , Herr von Kosegarten . Na ja , ein Stück Arbeit steckt auch dahinter ... Das hätten Sie wohl nicht gedacht , als ich die Ehre hatte , mit Ihrem Herrn Sohn auf dem Gutshof spielen zu dürfen ... « Herr von Kosegarten reckte sich in die Höhe . Was unterstand sich der Kerl ! » Also – wünsche Ihnen ferner Glück zu Ihren Unternehmungen . Bin jetzt eilig . « Er wandte sich zum Gehen . Der prächtige Mann schien die Verabschiedung nicht zu bemerken und blieb an Herrn von Kosegartens Seite . » Sie lassen den Wald über dem Wasserfall schlagen ? « fragte er ruhig . » Wenn Sie gestatten , lasse ich den Wald an dem Wasserfall schlagen , « antwortete Kosegarten in gereiztem Ton . » Tun Sie das doch lieber nicht , « sagte der Pompöse gelassen . Herr von Kosegarten blieb stehen und stieß ein kurzes erbittertes Gelächter aus . » Sind Sie etwa Holzhändler ? Oder was geht es Sie sonst an , ob ich in meinem Wald Holz schlagen lasse oder nicht ? « » Scheinbar geht mich das gar nichts an – gebe ich zu . Könnte mich aber später was angehen . Der Rauschenfall ist sozusagen die Perle der Gegend . Wird in jedem Reisehandbuch erwähnt . Mit Sternchen . Na , die Leute sind ja jetzt kolossal hinter so was her ... Naturschönheiten – was weiß ich ... Muß man in seine Spekulationen mit aufnehmen ! « Kosegarten blieb stehen . Über seine Stirn jagte dunkelrot das Blut des aufsteigenden Jähzorns . » Kerl , was wollen Sie eigentlich ? Suchen Sie sich jemand anders für Ihre Späße . « » Herr von Kosegarten , ich erlaube mir zu bemerken , daß ich mich Ihnen einfach als einen zahlungsfähigen Käufer für Rauschenrode vorstelle . Im ersten Moment sind Sie davon vielleicht verblüfft . Aber Sie werden schon auf die Chose zurückkommen . Sie können sich in Berlin nach mir erkundigen : Theodor Debberitz & Komp . , bekannte Firma für Käufe und Verkäufe in Grund und Boden . « » So – Sie betreiben Vermittlungen von Käufen ? « fragte Kosegarten ein wenig sanfter und aufmerksamer . » Wer steht da hinter Ihnen ? « » In diesem Fall niemand . Rauschenrode will ich als einen Ruheplatz für meine alten Tage erwerben . Ja , Herr von Kosegarten , man hat doch so ne Art von Anhänglichkeit an seine alte Heimat ... Wo man die Tage der Jugend verlebte ... wie der Dichter singt ... « » Na , nu hören Sie aber auf ! « » Herr von Kosegarten , ich habe mich in Ihrem Haus immer wohl gefühlt – die schönen Stunden mit Fritzen ... « Eine Nachdenklichkeit kam über Kosegarten – eine müde Schwäche . So viel Geld hatte dieser Kerl erworben , daß er Rauschenrode kaufen wollte – mir nichts , dir nichts kaufen – wie man sich ein belegtes Butterbrot auf dem Bahnhof kauft , wenn man Hunger hat . Und Fritz ? ... Der alte Schmerz quoll wieder auf , wurde gewaltig , jäh – betäubend – raubte ihm jeden klaren Gedanken . Debberitz beobachtete aus kleinen , scharfen Augen den leeren , dumpfergebenen Blick des andern . » Wann darf ich vorsprechen , Herr von Kosegarten ? « sagte er milde , in der Gewöhnung , bei solchem Geschäft alle Register von Stimmen und Tönen spielen zu lassen . » Sie können sich ja mal die Chose überlegen . Ich bin in Schäfers Gasthof abgestiegen . Empfehle mich , Herr von Kosegarten ! « Durch die offenen Glastüren fluteten Ströme von Morgensonnengold und frischer , herber Gebirgsluft . Die bunten Frühlingsblumen in den Korbtischen vor den Fenstern , an denen leichte , weiße Mullgardinen niederhingen , waren ganz durchleuchtet von all dem Licht und schimmerten in einer kostbaren Pracht der Farben . Die vergoldeten Tassen auf dem Frühstückstisch glitzerten und gleißten mit ihrem altmodischen Bilderprunk . Die Schale mit Honig erschien gefüllt von einem unerhört herrlichen Goldtopas . Die Kristalle des Kronleuchters funkelten in tiefem Blau , in zarten Rosenröten , in Grün und strahlendem Gelb . Sogar an den defekten Perlenstickereien der Kissen in den Lehnstühlen am Kamin ging der Triumphzug des Lichtes nicht vorüber , ohne Tausende von kleinen schimmernden Prismen aus ihrer schon längst verblaßten Pracht zu wecken . Wenn Hilde Kosegartens Kopf sich zu den Frühlingsblumen beugte , indem ihre Hand das Gießkännchen über die Töpfe führte , dann leuchtete auch ihr Haar in reichen Tönen von Braun und Gold . Bewegte die Tante in der Sofaecke ihre Stricknadeln , so sprang jedesmal ein flinker Blitz von einem der stählernen Stäbchen zum andern . » Bitte , Hilde , zieh die Gardine zu , es ist unmöglich zu lesen in diesem Sonnenschein , « sagte August und hielt schützend ein Journal mit technischen Abbildungen vor die Augen . Gehorsam zog Hilde die Markise nieder . Ein stiller , ruhiger Schatten senkte sich plötzlich über die Seite des großen Saals , auf der der Frühstückstisch stand , mit seiner kleinen Teemaschine , mit geschnittenen und bereits butterbestrichenen Brotscheiben des säumigen Hausherrn wartend . Die Anwesenden hatten ihre Mahlzeit längst beendet . » Weißt du , Hilde , « begann Frau von Kosegarten , nachdem sie an ihrer groben Wollstrickerei die Maschen gezählt hatte , » ich habe Onkel gebeten , die Buche stehen zu lassen , die einzelne am Wasserfall . « – Frau von Kosegarten wendete sich mit ihren Herzensergießungen stets an ihre Nichte . Männer pflegen selten die Geduld zu haben , Dinge , die sie bewegen , in weitläufigen Gesprächen so lange um und um zu wenden , bis alter Kummer ein neues und interessantes Gesicht bekommt . Hilde verstand es so gut , alles wichtig zu nehmen , was die Tante wichtig nahm , und sie niemals mit eignen Angelegenheiten zu unterbrechen . » Der alte Baum ist mir solch liebe Erinnerung . « Hilde lächelte ein wenig , aber sie schwieg . » Fritz muß Mimi doch sehr liebgehabt haben , « sagte Frau von Kosegarten wehmütig . » So rührend , daß er sie in seinem letzten Brief wieder grüßen läßt . « » Den Gruß finde ich geradezu unverschämt , « brauste August auf und warf das Journal , in dem er gelesen hatte , heftig auf den Tisch . » Ich verstehe auch nicht , Mama , wie du Mimi den Gruß bestellen konntest . Fritz ist wahrhaftig keine Persönlichkeit mehr , von der es angenehm wäre , Grüße zu empfangen . « » August , wie kannst du so hart von deinem Bruder reden ! « begann Frau von Kosegarten bekümmert . » Du tust ja , als sei es ehrlos , kein Glück in der Welt gehabt zu haben . « » Er scheint mir im Gegenteil viel zu viel vom Glücksritter zu besitzen , der edle Bruder Fritz , « sagte August , und sein ruhiges , blondbärtiges Gesicht bekam einen verdrossenen Ausdruck . » Das ist wohl von hier aus schwer zu beurteilen , « bemerkte Hilde . Ihre Augen blickten nachdenksam ins Weite . » Solch ein fremdes Leben – wo man hart sein muß und listig , kühn und leichtsinnig zu gleicher Zeit , um den Vorteil des Augenblicks zu ergreifen und zu wahren ... « » Nun , das › wahren ‹ scheint er wenig verstanden zu haben , sonst wäre er wohl nicht wieder so tief drin im Elend . Ich muß gestehen – mich ekelt diese ganze Geschichte – ja , Mama , mich ekelt sie . Ich bin froh , daß ich wenigstens zu rechter Zeit energisch war und dich und Papa verhindert habe , den Abenteurer zurückkommen zu lassen ! Ihr ... wahrhaftig in eurer törichten Gutmütigkeit wäret ihr dazu imstande gewesen ... « » Ach , August , « klagte die Mutter , » wenn einer aber doch solche Sehnsucht hat ! « » So soll er sie bezwingen . Jeder von uns hat sich zu bezwingen und liebe Wünsche der Pflicht zu opfern . Es war Ehrensache , für Fritzens Schulden aufzukommen . Selbstverständlich ... Aber jetzt , wo sich ' s auch um meine Existenz handelt – wo ich den Leuten Vertrauen einflößen muß – da kann ich keinen verunglückten Abenteurer neben mir brauchen . Das darf mir niemand zumuten – am wenigsten meine Eltern ! « Frau von Kosegarten senkte den Kopf über ihre Arbeit , » Wir haben es dir ja auch nicht zugemutet , « sagte sie ergeben . Mehr als irgend jemand in der Familie außer Hilde auch nur ahnte , lebte sie in der Erinnerung und in sehnsüchtiger Liebe zu ihrem Ältesten , der vor so vielen Jahren , ein blutjunger , leichtherziger Gesell , vor seinen Gläubigern über den Ozean geflüchtet war . Nicht Augusts geordnetes Dasein , das ihrer eingreifenden Fürsorge kaum bedurfte , sondern die spärlichen Briefe , die flüchtige Kunde brachten von einer unsicheren , überseeischen Existenz , bildeten den Hauptinhalt ihrer Phantasien und Träume . Wenig genug mochte die Frau , die niemals aus der friedlichen Enge der Harzberge herausgekommen war , die fürchterlichen und wilden Gefahren jener Untiefen , Klippen und Wirbelstürme , zwischen denen der Sohn umherschiffte , in diesen Träumen ermessen . Dennoch trug sie den unzerstörbaren Mutterglauben in sich , daß ihr Junge wie die guten Helden von Ritterbüchern und Indianergeschichten am Ende allen Schrecklichkeiten glücklich entrissen und als der gleiche liebe , unschuldige , lachende Knabe , wie sie sein Bild im Herzen hegte , dereinst zu ihr zurückkehren würde . Vielleicht ist das blinde Vertrauen auf einen sehr stark im einzelnen Schicksal waltenden Vater im Himmel , der besonders für ferne Söhne eine Menge von umsichtigen Schutzengeln bereithält , von allen Menschen den Müttern am nötigsten . Selten mit der Lebenserfahrung ausgerüstet , die sie befähigen würde , sich einen deutlichen Begriff von der Existenz eines jungen Mannes schaffen zu können , fühlen sie diesen ins Unbegreifliche hinausstrebenden Jüngling doch so oft noch als ein Stück ihres eigenen Leibes und Herzens . Wie sollten sie die Qual , das Geliebteste im Dunkeln , Rätselvollen sich verlieren zu sehen , ohne es auch nur mit wertvollen Ratschlägen begleiten zu können , ertragen ? Aber wenn sie ihm ein für allemal einen weisen Führer , als der das göttliche Wesen dem an abstrakten Begriffen schwer haftenden Frauengeist sich leicht verkörpert , übergeben , dann haben sie zugleich sich jemand geschaffen , mit dem sie sich fortwährend innerlich wie mit einem Freund unterhalten können . Auch scheint es ihnen , daß sich dieser Mittler , obwohl erfahrener und klüger als sie selbst , doch ihren freundlichen Vorstellungen und mütterlichen Wünschen nicht immer unzugänglich erweist . So war Marie von Kosegartens Verhältnis zu ihrem Gott . Er war ein Mann ; darum tat er oft unbegreifliche Dinge , die Männer nun einmal zu tun pflegen . Darein hatte man sich zu fügen . Wie gegen Augusts Bestimmungen wagte Frau von Kosegarten aber auch gegen die des lieben Gottes ganz heimlich in ihren Gedanken ein wenig zu rebellieren . Das hatte erstens den Reiz der Sünde , und zweitens konnte man auch nicht wissen , ob der Herr sich doch nicht endlich zugunsten ihrer Wünsche beeinflussen ließe , wenn er sah , daß man unzufrieden mit ihm war . Und nun hatte der Herrgott ihr etwas angetan , darüber konnte und konnte sie nicht einig werden mit ihm . Daß er die Menschen prüft , hart prüft , das gehörte ja wohl einmal zu seinem Regiment . Wie sollte man auch auf anderm Weg die nötige Läuterung empfangen ? – So hatte sie sich auch allmählich hineingefunden , daß Fritz des Königs Rock , der ihm so gut stand , ablegen mußte , daß er niemals mehr zu Weihnachten oder zu Ostern auf Urlaub kommen konnte , daß das Haus still geworden war – denn weder August noch Hilde lachten wie er – , und daß er dort drüben mit seinen hübschen wohlgepflegten Händen , von denen sie sich so gern hatte streicheln und liebkosen lassen , arbeiten mußte wie ein Knecht , ihr verwöhnter schlanker Herzensjunge ! Nun , er nahm ja wenigstens das schreckliche Leben mit seinem gewohnten Humor . Manchmal konnte man über seine Schilderungen von Land und Leuten geradezu Tränen lachen . Weil er so drollig schrieb , befestigte sich die Anschauung bei ihr , es müsse ihm doch nicht allzu schlecht gehen . Er verdiente auf eine rätselhafte Weise sogar sehr viel Geld . Eigentlich klang es ja wie ein Spaß und war kaum zu glauben . Er hatte nämlich eine merkwürdige Art von Lederstrippchen mit verschiedenen verstellbaren Haken erfunden , an dem die Gold- und Kupfergräber im Westen ihre Werkzeuge am Gürtel tragen konnten . Seitdem er dieses Strippchen erfunden , hatte rr das Graben aufgegeben . Seine Briefe wurden nun wie eine von köstlichen Freudenschätzen schimmernde Mine : er war auf dem Weg , ein reicher Mann zu werden – er kaufte Häuser – er baute Straßen – er richtete Fabriken ein – er fuhr im Auto durch seine Besitzungen ... Endlich wollte er auch seine Absicht ausführen und einmal hinüberflitzen , die Eltern zu besuchen , um dem Vater seine Schulden abzutragen und mit August wegen seiner Zukunft zu sprechen . Hinter allen Geldsorgen , die sie in ihrem Rauschenrode plagten , stand diese am Horizont ihres Lebens glänzende Hoffnung . Da wurde der liebe Gott grausam ... Ja , Frau von Kosegarten konnte es nicht anders bezeichnen : Er wurde grausam . Fritz schrieb nach einer beängstigend langen Pause aufs neue : sein lange gehegter Plan solle nun zur Tat werden . er wolle heimkehren ins alte Vaterhaus . Aber sie sollten sich keine Illusionen machen , er sei kein reicher Mann mehr . Was er so jäh gewonnen , sei alles wieder verloren . Sein Sozius habe ihn fürchterlich betrogen . Er wolle nicht klagen , er trage selbst einen Teil Schuld an dem Zusammenbruch , und die Wahrheit zu sagen , stehe er nackt und bloß wie am Tag seiner Ankunft in Neuyork dem Schicksal gegenüber . Und nun sei es wunderlich , seine Nerven müßten wohl durch die geschäftlichen Mißgeschicke etwas angegriffen sein , kurz , er fühle sich sonderbar weichmütig ums Herz und habe ein blödsinniges Verlangen , sie alle wiederzusehen . Da er ja doch im Augenblick nichts in Amerika versäume , bitte er den Vater , ihm das Reisegeld zu einem Besuch in Deutschland zu schicken , vielleicht könne er ihm auch mit der geschäftlichen Erfahrung , die er inzwischen gewonnen habe , beratend zur Seite stehen . Dieser letzte Satz weckte nur ein lautes , unfrohes Gelächter bei August und bei ihrem Mann . Sie empfanden es wie eine Beleidigung , die Fritz ihnen angetan hatte , indem er das Gewonnene wieder verlor . Aber Frau von Kosegartens Verstand kam , trotzdem sie den Brief ihres Sohnes mit reichlichen Tränen netzte , kaum dazu , das über ihn hereingebrochene Unglück recht zu fassen . War es nicht der Grund , der Fritz bewog , endlich ernstlich an die Heimkehr zu denken ? In der betäubenden Freude , ihn bald sehen zu dürfen , versank alles andere wie nebensächliche Kleinigleiten . – Doch es folgten peinvolle Verhandlungen zwischen August und dem alten Herrn . Beide Männer entschieden , daß Fritzens Besuch unter diesen Umständen in keiner Weise erwünscht sei . Frau von Kosegarten hielt noch eine kleine , letzte Hoffnung im Hinterhalt . Tante Trinette hatte für die nächste Zeit ihren Frühlingsbesuch angesagt . Und Tante Trinette hatte ja so sündhaft viel Geld , sie konnte ihr schon den Jungen kommen lassen . Aber Trinette von Kosegarten war immer für alle Einrichtungen begeistert , die ihr gestatteten , ihr Portemonnaie in der Tasche zu behalten . Sie machte ihrer Schwägerin begreiflich , daß es ein törichter Übermut des Herzens wäre , wenn sie es unter den jetzigen bedrückten Verhältnissen der Familie gestatten wollte , Fritz mit Reisegeld zu versehen . So bedrängte man Frau Marie von allen Seiten mit Vernunftgründen , bis sie selbst an Fritz den Brief schreiben mußte , der ihm die Rückkehr im Namen seines Vaters untersagte . Tag und Nacht stellte sie sich nun jenen Augenblick vor , in dem er das Schreiben empfangen und das Kuwert öffnen würde , und wie die Ablehnung seiner Bitte auf ihn wirken mußte . Die Mutter faßte einen heimlichen Groll gegen ihren Mann , gegen August , gegen Trinette , aber vor allem gegen ihren Herrgott , der es hatte zulassen können , daß sie mit eigener Hand diesen abscheulichen Brief schreiben mußte . Ihr Sohn würde sie nun hassen , und niemals wieder würde sie von ihm hören ! Das Gekläff der Hunde kündigte den Herrn an . Frau von Kosegarten legte ihr Strickzeug in den geräumigen Strohkorb und zündete mit ihren schönen , großen , weißen Händen das Flämmchen unter der Teemaschine an . Hilde kam näher , nahm dem Onkel Stock und Mütze ab , und während er seiner Frau die Hand küßte und August den Teckeln die Schinkenränder von seinem Teller zuwarf , rückte sie dem alten Herrn den Stuhl vom Tisch , schenkte ihm Tee ein mit viel Zucker und noch mehr Rum , wie er es liebte , wenn er frühmorgens aus dem Wald kam . Herr von Kosegarten hatte es gern , daß die Frauen seines Hauses um ihn beschäftigt waren . Je mehr , je besser . Er bedauerte oft , nicht ein halbes Dutzend Töchter zu besitzen , er hätte sie alle in Atem zu halten gewußt . Es war ihm behaglich , wenn es laut und wichtig um ihn zuging . » Ärger gehabt , Alterchen ? « fragte Frau von Kosegarten besorgt . » Die liederlichen Bengels , die Volontäre ? « Er ließ sich schwer in den großen geschnitzten Lehnstuhl fallen . » Mariechen , das Leben ist putzwunderlich . Ich versteh ' s nicht mehr – ich mache nicht mehr mit . « Die Fäuste auf den Knien saß er da , mochte nicht essen , grübelte und sah sie mit seinen blauen Augen verwirrt und hilflos an . » Du hast doch etwas Besonderes erlebt ? « fragte Mariechen ängstlich , aber Hilde nötigte ihn zum Essen , und er folgte ihr auch schweigend , langte plötzlich tüchtig zu , aß und trank gierig und ohne Behagen . Plötzlich begann er zu singen , mit einer tiefen , dröhnenden Stimme und einer Melodie , die keinen Anspruch auf musikalische Anklänge machte : » Freut euch des Lebens , weil noch das Lampchen glüht , Fresset den Schinken , so lange das Schwein noch blüht . « Und lachte dann laut über seinen eigenen Witz . Mariechen lachte mit , aber ihre Augen forschten unruhig . » Kinder , man ist runtergekommen – ich sag ' s ja immer – , auf den Hund sind wir gekommen ... « Er lehnte sich in den Stuhl zurück . » Was ich erlebt habe – nee , nee , Kinder , da ist schon das Ende von weg . Das – das ist rein , um aus der Haut zu fahren ... Wißt ihr , wer sich mir eben als Käufer für Rauschenrode angeboten hat ? « » Ein Käufer ! ? « rief Marie erregt . » Aber nein , Friedrich , das wär doch herrlich ... « » Herrlich ? Na , ich danke . Thete Debberitz , das unverschämte Aas ! « » Ja , der macht jetzt hier die Gegend unsicher , « bemerkte August , nicht so erschüttert durch die Mitteilung , wie sein Vater erwartet hatte . Bei Marie wirkte die Neuigkeit stärker . Es dauerte eine Weile , bis sie sich fassen konnte . Thete Debberitz , der Sohn ihres vor manchem Jahr nicht eben in Gnaden entlassenen Rechnungsführers , trat hier auf und wollte Rauschenrode an sich bringen ? Auch sie empfand dies einfach als eine Unverschämtheit . Wo er sein Geld erworben hatte ? In Berlin mit Terrain- und Häuserspekulationen , wußte Hilde zu berichten . Millionen sollte er besitzen , so erzählten sich die Dorfleute , die den prachtvollen Mann wie ein leibhaftiges Wunder anstarrten , seit er in Schäfers Gasthof abgestiegen war . Die Unterhaltung wurde plötzlich sehr belebt am gutsherrlichen Teetisch , seit das Thema Debberitz angeschlagen worden war . Während der alte Herr sich ereiferte , nahm August eine ernste , nachdenkliche Miene an . » Na – und ich sag euch , « rief Kosegarten , » in welchem Ton sich der Kerl nach Fritz erkundigte ... Dabei – ich seh den Bengel noch hier herumstrolchen mit nem zerrissenen Hosenboden . Habe Fritzen so