Hexengold » Also das ist nun deine Heimat und hier hast du wirklich zehn Jahre lang gesessen , in diesem gottverlassenen kleinen Neste ? So schlimm habe ich mir die Sache doch nicht gedacht ! « » Gottverlassenes kleines Nest ! Das laß unsere Heilsberger hören , die so stolz sind auf ihre Stadt und deren historische Vergangenheit ! Sie thun dich in Acht und Bann , wenn ihnen derartiges zu Ohren kommt . « Die beiden Herren , die dies Gespräch führten , befanden sich in einem kleinen Stadtgarten , eng umschlossen von den hohen Giebelhäusern des altertümlichen Städtchens , der eine groß und schlank , mit dunklem Haar und Bart und ernsten dunklen Augen , der andere etwas kleiner , aber eine stattliche , kraftvolle Erscheinung , das Haar voll und blond , das Antlitz gebräunt von der Sonne . Er zuckte lachend die Achseln . » Ja , sie sind allesamt Philister , die braven Heilsberger , und der ehrengeachtete und hochwohllöbliche Herr Notar Raimar – so lautet ja wohl dein voller Titel ? – der ist leider auch einer geworden . « Raimar lächelte flüchtig , es lag eine gewisse Müdigkeit in seinen Zügen und seiner ganzen Haltung , auch die Stimme hatte einen müden , halb verschleierten Klang , als er erwiderte : » Spotte nur , Arnold , du hast ja recht . Ein Notar von Heilsberg nimmt allerdings keine weltbewegende Stellung ein , aber wie findest du die Lage unserer Stadt ? « » Recht hübsch , recht idyllisch , « gestand Arnold zu . » Aber wenn ich jahrelang immer nur diese Idylle anschauen müßte und dazu diese stillen , sonnenbeschienenen Straßen und ringsherum die biederen Heilsberger – ich glaube , ich würde verrückt ! « » Das habe ich im Anfang auch geglaubt , « sagte Raimar gelassen . » Aber man gewöhnt sich schließlich an alles . « » Das ist ja eben das Unglück , daß du dich daran gewöhnt hast , « brauste der andere auf . » Ernst , was ist aus dir geworden ! Wenn ich denke , was du einst gewesen bist , damals , als wir uns kennen lernten , wie du da mit vollen Segeln hinaussteuertest in das Leben – und hier bist du gelandet ! « » Gescheitert meinst du , « ergänzte Ernst . » Ja , es macht nicht jeder Karriere , wie Herr Major Hartmut , der mir jetzt so nachdrücklich den Text liest . « » Zum Kuckuck , du hattest aber das Zeug dazu , « fiel der Major ein . » Ich war ja dabei , als du deine erste Probe bestandest , eigentlich noch blutjung als Verteidiger , aber du warst der geborene Redner . Und welch ein Erfolg bei diesem ersten öffentlichen Auftreten ! « » Es war auch mein letztes , « sagte Raimar mit schwerer Betonung . » Gleich darauf brach die Katastrophe herein . Du weißt es ja , was mich aus meiner Laufbahn gerissen hat . « » Ja , ich weiß , der Bankrott deines Vaters . « Das Gesicht Hartmuts wurde plötzlich ernst . » Das war allerdings eine schlimme Geschichte , aber du hättest die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen sollen . Du mußtest dableiben , standhalten und die Zähne zusammenbeißen . Leicht wäre es ja nicht gewesen , aber es galt deine ganze Zukunft . « » Die war ohnehin vernichtet ! Dem jähen Glückswechsel hätte ich standgehalten , aber der Schande – « » Ach was Schande ! du warst doch schuldlos , das wußte jeder . Du warst nicht einmal Kaufmann , sondern Jurist und standest dem Bankgeschäft deines Vaters ganz fern . « » Aber ich trug seinen Namen , und der war fortan verfemt . Meinst du , ich hätte die Stirn gehabt , wieder hinzutreten und das Recht und die Ehre anderer zu verteidigen , wenn mir jeder in das Gesicht schleudern konnte , daß meine eigene Ehre befleckt , daß mein Vater ein Dieb sei ? – das war vorbei , für immer ! « » Ja , das Unglück war , daß die sämtlichen Depots fehlten , « sagte der Major halblaut . » Ein Bankrott ist ja noch keine Schande , aber ein solcher Vertrauensbruch – du hast freilich nie an die Schuld deines Vaters glauben wollen . « » Nein ! « Das Wort klang dumpf , aber fest . » Er hatte große Verluste gehabt , « warf Hartmut ein . » Da verliert mancher die Besinnung . Er glaubte zweifellos , alles ersetzen zu können , und dann brach die Katastrophe so jäh herein – « » Nein , sage ich dir ! « unterbrach ihn Ernst . » Er ließ mir ja noch ein paar Zeilen zurück , ehe er in den Tod ging , und den Weg geht man nicht mit einer Lüge auf den Lippen . Ein Schuldiger hat nicht die letzte , verzweifelte Mahnung an den Sohn : › Rette mein Andenken und meine Ehre , wenn du kannst ! ‹ – ich habe es nicht gekonnt ! « Man hörte es an dem qualvoll gepreßten Ton , wie die Erinnerung noch heute den Mann erregte , jetzt richtete er sich mit einem tiefen Atemzuge empor . » Lassen wir das ruhen ! Aber siehst du , Arnold , das ist es , was mir die Schwingen gelähmt hat . Ich konnte damals keinem Menschen mehr ins Auge sehen , ich kann es noch heute nicht , aber ich mußte fort aus Berlin , fort um jeden Preis ! « » Aber warum gerade nach Heilsberg ? « rief der Major heftig . » Ich wäre an deiner Stelle in die weite Welt gegangen , meinetwegen in die afrikanische Wüste oder in die australischen Urwälder , oder in sonst eine kulturbedürftige Gegend – in die Heilsberger Kanzlei wäre ich nicht gegangen . « » Und meine Mutter ? « fragte Raimar ernst , » und Max , der damals noch ein Knabe war ? Sollte ich mich hinüberretten in ein neues Leben und sie dem Mangel preisgeben , denn das war doch ihr Los , wenn ich nicht für sie eintrat . Für mich gab es überhaupt keine Wahl , ich mußte froh sein , daß ich unser Wrack hier landen durfte . « » Sie haben es dir aber nicht einmal gedankt , deine lieben Angehörigen , « grollte Hartmut , » Deine Frau Mutter machte dir fortwährend das Leben schwer , mit ihrem Jammer über die verlorene glänzende Vergangenheit . Sie hat dir überhaupt immer den dummen Jungen , den Max , vorgezogen . Der war ihr Liebling , der sollte mit aller Gewalt ein großer Künstler werden , und du mußtest die Mittel schaffen . Sie fand es ganz in der Ordnung , daß du dich halb zu Tode arbeitetest für sie und ihren vielgeliebten Max . « » Arnold , ich bitte dich ! « unterbrach ihn der Freund . » Nun ja , es war deine Mutter – Gott hab ' sie selig ! Aber jetzt ist sie tot und dein Bruder endlich fertig mit seinen Studien . Nun wirfst du hoffentlich die ganze Jammergeschichte hier über Bord . « Ernst sah ihn befremdet an . » Was soll ich über Bord werfen ? « » Nun , deine hochwohllöbliche Kanzlei , inklusive Schreiber und Akten . Oder willst du vielleicht zeitlebens hier sitzen , um zu beurkunden , daß Hinz dem Kunz einen Acker verkauft hat , oder ähnliche welterschütternde Thatsachen ? Jetzt bist du frei , jetzt fort mit der ganzen Heilsberger Erbärmlichkeit und wieder hinaus in das Leben ! « Raimar lächelte , aber es war ein müdes , hoffnungsloses Lächeln . » Jetzt noch ? In meinem Alter ? Dazu ist es zu spät . « » Unsinn ! « sagte der Major kurz und bündig , » In deinem Alter ? Bist wohl schon ein Greis mit deinen siebenunddreißig Jahren ? Da sieh mich an ! Ich bin drei Jahr älter , aber es soll sich einer unterstehen , mich alt zu nennen ! « Er sprang auf und stellte sich mit militärischer Strammheit vor den Freund hin . Die stattliche , kraftstrotzende Gestalt zeigte in der That noch nichts vom Alter , und in das dichte blonde Haar mischte sich noch kein einziger Silberfaden , Raimar streifte ihn mit einem langen , düstern Blick . » Ja , du – das ist etwas anderes ! Du warst stets mit Leib und Seele bei deinem Beruf , du hast immer mitten im Leben und Wirken gestanden . Ich habe zehn Jahre lang meine Kraft vergeudet , an die erbärmlichsten Alltäglichkeiten – vergeuden müssen , da bleibt nichts mehr übrig für das Leben . « » Ernst , thu mir den Gefallen und sieh nicht so entsagungsvoll aus ! « brach Hartmut los . » Werde meinetwegen grob gegen das Schicksal und den schändlichen Streich , den es dir gespielt hat , aber diese elegische Miene kann ich nicht aushalten , die treibe ich dir aus und müßte ich mit einem Donnerwetter dreinfahren ! « Das angekündigte Donnerwetter kam glücklicherweise nicht zum Ausbruch , denn soeben trat ein junger Mann aus dem Hause und näherte sich mit einem etwas schläfrigen » Guten Morgen ! « den beiden Herren . » Guten Morgen , Max ! « sagte Raimar , sich umwendend . » Kommst du endlich zum Vorschein ? « » Ja , es ist elf Uhr , « bestätigte der Major . » So lange hat der junge Herr in den Federn gelegen . « Max Raimar zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder . Er war bedeutend jünger als der Notar und auffallend hübsch , schien sich dessen aber auch vollkommen bewußt zu sein . Die Brüder hatten eigentlich nur die dunkle Farbe des Haars gemeinsam und die dunklen Augen , die bei dem älteren nur viel tiefer und ausdrucksvoller waren , sonst bestand kaum eine Aehnlichkeit zwischen ihnen . Ernst war in seinem Aeußeren die Einfachheit selbst , aber es lag eine unbewußte Vornehmheit darin , die sich nie verleugnete . Max hatte einen gewissen genialen Anstrich , der ein klein wenig theatralisch war , ebenso wie sein , übrigens sehr sorgfältiger Anzug , aber das stand ihm sehr gut . Der junge Künstler war jedenfalls das , was man in den Salons eine interessante Erscheinung nennt . » Ich war angegriffen von der gestrigen Reise , « erwiderte er . » Die lange Eisenbahnfahrt von Berlin und dann noch drei Stunden im Wagen , von Neustadt bis hierher , da wird man ja todmüde , das halten meine Nerven nicht aus . « » Nerven hast du auch mitgebracht , Maxl ? « fragte Hartmut . » Du scheinst ja recht modern geworden zu sein . Laß dich einmal anschauen , du siehst freilich etwas abgetakelt aus . « » Herr Major ! « sagte der junge Mann mit etwas gereizter Betonung . » Ach so , du nimmst das übel ? Man darf den Herrn Künstler und angehenden Raffael wohl gar nicht mehr beim Vornamen nennen ? « Max machte eine halbe Verneigung . » Bitte , Herr Major , dem alten Freunde meines Bruders gestatte ich gern die alte Vertraulichkeit . « » Gestattest du ? Freut mich , ich werde von deiner gütigen Erlaubnis Gebrauch machen . Aber du kommst ja wie vom Himmel geschneit . Was verschafft uns denn eigentlich die ganz plötzliche Ehre deiner Gegenwart ? « » Ja , Max , das möchte ich auch fragen , « mischte sich Raimar ein , » Du kommst ganz unerwartet , ist irgend etwas vorgefallen ? « » O nein , durchaus nichts , « versicherte Max . » Ich fühlte nur , daß ich des Ausruhens , der Erholung bedurfte . Du kennst das freilich nicht , Ernst ! Danke Gott , daß du ruhig hier in deinem stillen Heilsberg sitzest und nichts siehst und hörst von dem Wogen und Treiben der Großstadt . Diese ewige , ruhelose Hetzjagd , dieser tägliche , aufreibende Kampf ums Dasein ! « » Ist der dir so schwer geworden ? « spottete der Major . » Ich dachte , das wäre bisher Sache deines Bruders gewesen . Du hast in unentwegter Tapferkeit nur immer die Geldbriefe angenommen , die er dir schickte . « » Ich werde Ernst nicht mehr lange in Anspruch nehmen , « erklärte der junge Künstler mit beleidigter Miene . » Ich hoffe , mich sehr bald schon auf eigene Füße stellen zu können . « » Es wäre auch Zeit , Max , « sagte der ältere Bruder ernst , aber ohne Vorwurf . » Ich habe seit sechs Jahren deine sämtlichen Ausgaben in Berlin bestritten , und das ist mir nicht immer leicht geworden , denn du hast sehr viel gebraucht . Ich wollte dir aber die Möglichkeit geben , dich frei zu entwickeln , wollte dir die volle Unabhängigkeit sichern bei deinen Studien . Jetzt ist die Bahn offen , nun zeige , was du kannst . « » Ja , wenn das Fach nur nicht so überfüllt wäre ! « versetzte Max in einem höchst prosaischen Tone . » Alles drängt ja jetzt zur Kunst , es ist gar kein Raum da für den einzelnen und sein Talent . Und dann dieser Neid , diese Eifersucht bei jedem Erfolge und vor allem diese boshafte Kritik mit ihren ewigen Nergeleien – es ist ein jämmerliches Dasein ! « Ernst zog die Brauen zusammen . » Ist das deine ganze Begeisterung für deinen Beruf ? « » Begeisterung ! « Max nahm eine tragische Miene an . » O , die verlernt man bald genug . Die Kunst , der Ruhm , das sind doch im Grunde auch nur Chimären . Es ist furchtbar dies Erkennen , aber es ist unausbleiblich . Ich habe überhaupt keine Ideale mehr ! Das Leben verzehrt sie alle . Mir ist oft zu Mute , als wäre ich ein ausgebrannter Krater . « Der Major hatte sich zurückgelehnt und blickte höchst belustigt auf den jungen Herrn , der sich offenbar sehr interessant vorkam bei diesen pessimistischen Geständnissen . » Sehr schön gesagt ! « bemerkte er . » Ausgebrannter Krater ist gut , es fragt sich nur , ob da etwas zu verbrennen war . Ernst , was sagst du denn eigentlich zu deinem Herrn Bruder mit der Kraterseele ? « » Ich und Max , wir verstehen uns schon längst nicht mehr , « sagte Raimar kalt . » Ich möchte nur wissen , wie er mit solchen Ansichten die geplante Selbständigkeit durchsetzen will . « » Das wird sich ja finden , « erklärte Max mit einem vielsagenden Lächeln . » Ich bin noch nicht ganz im reinen mit meinen Zukunftsplänen , aber das klärt sich hoffentlich bald . Du hast doch nichts dagegen , wenn ich einige Wochen hier bleibe ? « » Die Heimat steht dir immer offen , das weißt du , aber was willst du denn wochenlang in Heilsberg ? Sonst hast du jeden Besuch hier als ein Opfer betrachtet und ihn möglichst abgekürzt . « » Ich suche ja diesmal nur Erholung , « erklärte der junge Künstler . » Und dann hoffe ich auch Bekannte hier zu treffen , du verkehrst ja wohl in Gernsbach , bei Frau von Maiendorf ? « » Bisweilen und meist nur geschäftlich , « lautete die kühle Antwort . » Ich bin ihr Rechtsvertreter . « » Gleichviel , wir müssen in den nächsten Tagen hinüberfahren . Ich habe die Dame in Berlin kennen gelernt , im Hause ihrer Verwandten , die sie jetzt zum Besuch erwartet , Herrn Marlow nebst Tochter . « Den Notar schien diese Nachricht nicht im mindesten zu interessieren , Hartmut aber wiederholte nachsinnend : » Marlow ? Etwa den Chef des Bankhauses in Berlin ? « » Jawohl – ein Millionär ! « Max sprach das Wort mit einer gewissen Feierlichkeit aus . » Eine alte , sehr solide Firma und sehr angesehen in den Finanzkreisen . Ich verkehre viel im Marlowschen Hause , der Sohn ist vor einigen Jahren gestorben , jetzt ist nur noch eine einzige Tochter da . Ein sehr schönes Mädchen , und natürlich von allen Seiten umschwärmt und umworben , da sie dereinst Alleinerbin ist – eine brillante Partie ! « Raimar stutzte und richtete einen forschenden Blick auf den Bruder . » Du scheinst ja sehr genau unterrichtet – « hob er an , doch der Major unterbrach ihn mit einem lauten Auflachen . » Aber Ernst , merkst du denn nicht , was der geniale Maxl da ausgeheckt hat ? Heiraten will er die Erbin und den Kampf ums Dasein als Millionär fortsetzen . Darum ist er dir wie eine Bombe ins Haus gefallen – und das nennt er , sich auf eigene Füße stellen ! « Ernst antwortete nicht , er blickte noch fragend auf Max , der jetzt mit einer halb beleidigten , halb selbstbewußten Miene den Kopf hob . » Ich wüßte nicht , Herr Major , was daran so Merkwürdiges wäre . Ich verkehre , wie gesagt , sehr viel bei den Marlows und werde demnächst die junge Dame malen , auf ihren ausdrücklichen Wunsch . Ich glaube ihr nicht gleichgültig zu sein , aber in Berlin sind immer so viel andere in ihrer Nähe , mit den vornehmsten Namen und Titeln , da kann man sich nie zur Geltung bringen . In Gernsbach , auf dem Lande , ist das leichter , da steht man allein im Vordergrunde . « » Nun , mein Geschmack wärst du nicht , Maxl , so hübsch du auch bist , « sagte der Major trocken . » Aber der Geschmack ist verschieden und die Millionärin kann ja in ihren sonstigen Ansprüchen bescheiden sein . « Max hielt es unter seiner Würde , den Ausfall zu bemerken , er wandte sich zu seinem Bruder , der noch kein Wort gesprochen hatte . » Dir gegenüber brauche ich ja kein Geheimnis aus meinen Wünschen und Hoffnungen zu machen , aber das bleibt natürlich unter uns . Ich habe vorläufig noch gar keine Gewißheit , aber ich glaube hoffen zu dürfen . Dann brauchte ich dich allerdings nicht länger in Anspruch zu nehmen , du hast Opfer genug gebracht für mich – « » Für deine künstlerische Zukunft habe ich sie gebracht ! « unterbrach ihn Raimar . » Damit scheint es jetzt vorbei zu sein . Nach deinen Aeußerungen von vorhin wirst du der Kunst einfach den Rücken kehren , wenn du eine Million heiratest . « Der junge Mann geriet einen Augenblick in Verlegenheit bei diesen mit voller Schärfe gesprochenen Worten , die durchaus das Richtige zu treffen schienen , dann aber zuckte er mit überlegener Miene die Achseln . » Ich glaube , du willst mir einen Vorwurf daraus machen , daß ich das Glück nehme , wo ich es finde . Nimm es mir nicht übel , Ernst , aber du sitzest seit zehn Jahren in Heilsberg , und was weiß man denn hier , in dem abgelegenen kleinen Orte von der Welt und ihren Anforderungen ! Du kennst sie überhaupt nur in der Vergangenheit , wo sie vielleicht noch einen romantischen Schimmer hatte , aber wir Kinder der Gegenwart haben keine Illusionen mehr . Wir sehen Welt und Leben , wie sie wirklich sind , und rechnen damit , deshalb gehört uns die Zukunft . – Du hast mit der deinigen ja eigentlich schon abgeschlossen . « Damit stand er auf und trat in einer Haltung , die schon sehr an den künftigen Millionär erinnerte , zu einem der Blumenbeete , wo er eine Knospe abpflückte und sie in das Knopfloch steckte . » Höre , Ernst , « der Major sprach halblaut , aber es grollte bedenklich in seiner Stimme . » Läßt du dir von dem dummen Jungen den Text so weiter lesen und dich als eine Art Urahn aus der Vorzeit behandeln , dann sage ich ihm die Wahrheit ! « Raimar machte nur eine abwehrende Bewegung , dann erhob er sich gleichfalls . » Max ! « Der Gerufene wendete sich etwas erstaunt um , der Bruder stand ihm ruhig gegenüber , aber in seiner Stimme klang die tiefste Bitterkeit und Verachtung . » Ich wünsche dir Glück zu deinen Zukunftsplänen , aber mich , laß aus dem Spiele dabei , und vor allem verschone mich mit deinen weisen Belehrungen . Es ist das erste Mal , daß du dir einen derartigen Ton erlaubst , und ich wünsche , daß es auch das letzte Mal ist , denn ich dulde ihn nicht , solange du in meinem Hause bist ! « » Aber , Ernst , ich bitte dich – « Max war offenbar eingeschüchtert durch diese strenge Zurechtweisung , die er bei dem allzeit nachsichtigen Bruder gar nicht gewohnt war , und wollte einlenken , doch Ernst schnitt ihm das Wort ab . » Du hast wohl ganz vergessen , was mich in Heilsberg festgekettet hat ! Ich wollte dich und die Mutter vor Not bewahren , ich wollte dir eine große Laufbahn öffnen , die sich mir verschloß , und jetzt , wo du am Eingange stehst , machst du nur Jagd auf eine reiche Frau , für die du offenbar gar keine Neigung hast . Jetzt willst du dein Talent , die Kunst , deine ganze Zukunft über Bord werfen , um dir mit dem Gelde dieser Frau das zu erkaufen , was du Lebensgenuß nennst . Ein Leben ohne Arbeit , ohne Zweck und Ziel , ein träges Prassen im Schoße des Reichtums , den andere erworben haben . Ich sage dir gerade heraus , daß ich deine klugen Berechnungen erbärmlich finde , durch und durch , erbärmlich – und dich dazu ! « » Amen ! Schäm dich , Maxl ! « sagte Major Hartmut , dann folgte er dem Freunde , der seinem Bruder den Rücken gewandt hatte und in das Haus getreten war . Maxl stand da und sah ganz verblüfft den beiden nach . Er begriff gar nicht , weshalb er sich schämen sollte , aber allmählich kam es ihm doch zum Bewußtsein , daß man ihn , der gar keine Illusionen mehr hatte und auf der Höhe der modernen Anschauungen stand , wie einen Schuljungen behandelt und ausgescholten hatte . Er war natürlich empört darüber , aber an das Fortgehen dachte er trotzdem nicht . Der Aufenthalt in Heilsberg war notwendig , um sich bei der besagten Millionärin in den Vordergrund zu stellen , da mußte man sich notgedrungen fügen . Aber es war wirklich Zeit , daß man loskam von dieser Kette der Abhängigkeit von dem Bruder , die allerhöchste Zeit ! Inzwischen machte Major Hartmut im Hausflur , wo er seinen Freund eingeholt hatte , seinem Herzen Luft , in sehr nachdrücklicher Weise . » Der Maxl ist ja ein recht nettes Gewächs geworden ! Das hast du davon , daß du ihn nach Berlin geschickt hast , während du hier sitzen bliebst , um für ihn und die Frau Mama zu arbeiten . Der Junge hat ja all die modernen Schlagworte auswendig gelernt und plappert sie nach wie ein Starmatz , verstehen thut er natürlich nichts davon . Du scheinst ihn auch heut erst in seiner ganzen Pracht kennen gelernt zu haben , sonst hättest du ihm hoffentlich schon früher die Wechsel entzogen . « Ernst zuckte die Achseln , der bittere , verächtliche Ausdruck von vorhin lag noch in seinen Zügen , als er erwiderte : » Max ist immer nur selten und flüchtig hier gewesen , und da war er klug genug , sich die nötige Rücksicht aufzuerlegen – solange er mich brauchte . Jetzt scheint er das überflüssig zu finden . « » Ja , die Million , die er noch gar nicht hat , ist ihm zu Kopfe gestiegen , « spottete Hartmut . » Schade , daß der Bengel so bildhübsch ist ! Eine Millionärin zeichnet sich gewöhnlich nicht durch hohe Geistesgaben aus , und da hat er mit dem Gesicht und der Geniekomödie möglicherweise Aussichten , da wird seine sonstige Dummheit mit in den Kauf genommen . Uebrigens warst du noch viel zu zahm in deiner Predigt , ich hätte ihn ganz anders ins Gebet genommen . Wenn er mir einmal kommt mit der › eigentlich schon abgeschlossenen Zukunft ‹ , dann gnade ihm Gott ! « Raimar wollte antworten , da wurde die Hausthür geöffnet , und ein alter Herr trat herein , so eilig , daß er sich kaum Zeit nahm , zu grüßen . » Aber , Ernst , was soll das heißen ? « rief er vorwurfsvoll . » Maxl ist hier , die halbe Stadt weiß es schon , und ich erfahre es eben erst durch den Bürgermeister , der hat es von der Frau Doktor , und die weiß es von dem Apotheker , der den Maxl vorbeifahren sah . Warum hast du denn nicht zu mir geschickt ? « » Max kam gestern spät abends und ganz unerwartet , « sagte Ernst . » Er wäre heut jedenfalls zu dir gekommen , Onkel Treumann . « Herr Notar Treumann , der bereits in der Mitte der Sechzig stand , war ein kleines , bewegliches Männchen , mit grauen Haaren und scharfen grauen Augen , noch sehr rüstig und lebhaft für seine Jahre . Er wandte sich jetzt erst an den Freund seines Neffen , den er bereits kennen gelernt hatte . » Ihr Diener , Herr Major ! Nun , wie gefällt Ihnen unser Heilsberg ? Interessant , nicht wahr , hochinteressant ! Und die Hauptsachen haben Sie noch gar nicht gesehen . Sie müssen nach dem Rathaus kommen , da haben wir eine historische Sammlung , Urkunden , Waffen , Marterinstrumente aus den Hexenprozessen , wir haben eine ganze Folterkammer zusammengestellt , die müssen Sie sehen ! « » Danke , ich inkliniere nicht für Folterkammern , « sagte der Major trocken . » Wenn Sie einen historischen Burg- oder Klosterkeller hätten – mit Inhalt natürlich – das wäre eher mein Fall . « » Bedaure , den haben wir nicht , « gestand der alte Herr , » aber im › goldenen Löwen ‹ finden Sie auch einen guten Tropfen . Dort haben wir heute abend Zusammenkunft , Sitzung des historischen Vereins . – Du bringst deinen Freund natürlich mit , Ernst . « » Du wirst uns wohl entschuldigen müssen , Onkel , « warf Ernst ein . » Arnold ist erst seit vorgestern hier , und da möchten wir doch – « » Was , du willst wieder nicht kommen ? « unterbrach ihn der Onkel entrüstet , » Zwei Sitzungen hast du schon versäumt , heute werden wir wohl endlich auf die Ehre deiner Gegenwart rechnen dürfen . Freilich , du interessierst dich ja weder für das Historische noch für Heilsberg überhaupt , da hat der Maxl mehr Herz für seine Heimat . Denken Sie nur ! « wandte er sich triumphierend an den Major . » Er hat seine Heilsberger Studien in Berlin im Kunstverein ausgestellt , alle Welt hat sie gesehen , die Zeitungen haben sie besprochen . Ja , unser Maxl , das ist ein Talent ! Der wird die Familie noch zu Ehren bringen und Heilsberg berühmt machen mit seinem Genie . Aber wo ist er denn ? « » Das Familiengenie sitzt im Garten , « sagte der Major . » Wir haben es schon gebührend bewundert . « » So , da will ich doch gleich zu ihm . Also heut abend um sieben Uhr , im goldenen Löwen ! Sitzung – Vorträge und dann ein gemütliches Zusammensein . Da bringen wir dem Maxl eine Ovation für seine Heilsberger Studien , habe ich schon abgemacht mit dem Bürgermeister , alles abgemacht ! « Damit schoß der Herr Notar davon und in den Garten , um das Familiengenie gleichfalls zu bewundern . Hartmut sah ihm ärgerlich nach . » Der Herr Onkel scheint das Geschäft deiner Frau Mama fortzusetzen , « bemerkte er . » Die ging auch ganz auf in der Anbetung ihres genialen Maxl . « » Ja , er steht sehr in Gunst bei dem Onkel , « sagte Ernst . » Was gibt es denn ? « Die letzten Worte waren an den Schreiber gerichtet , der eben aus der Kanzlei trat und eintönig meldete : » Herr Notar , Anton Lechner und Johann Obermaier sind da und wollen einen Vergleich schließen wegen des Feldheimer Ackers – und vom Herrn Bürgermeister ist auch Bescheid gekommen wegen Verpachtung der Viehweide auf dem Gemeindeanger – und um zwölf Uhr kommt der Herr Apotheker wegen seiner Erbschaftssache – « » Es ist gut , ich weiß schon , « sagte Raimar müde . » Auf Wiedersehen , Arnold ! « Er ging in seine Kanzlei und der Major stieg die Treppe hinauf , aber dabei brummte er wütend . » Und das hält er nun Tag für Tag aus ! Bauernacker und Viehweide auf dem Gemeindeanger und apothekerliche Erbschaft – eigentlich ist es ein Wunder , daß Ernst nicht verrückt geworden ist dabei . Ich wäre es längst schon ! « Inzwischen saß Notar Raimar in seiner Kanzlei und hörte zu , wie Anton Lechner und Johann Obermaier ihm weitschweifig auseinandersetzten , daß sie sich jetzt wegen des Feldheimer Ackers , um den sie so lange gestritten , vergleichen wollten . Dabei gerieten sie aber aufs neue in Hader und Zank und kamen beinahe bis zu Thätlichkeiten . Dann wurde die Verpachtung des Gemeindeangers erledigt , und zum Schluß erschien der Herr Apotheker , von dessen Erbschaft die ganze Stadt seit vier Wochen sprach , feierlich , im schwarzen