Gesprengte Fesseln . Von E. Werner . Der Vorhang sank unter dem Beifallssturme des ganzen Hauses . Logen , Parterre und Galerien verlangten einstimmig das Wiedererscheinen der Sängerin , die in dem Finale des soeben beendigten Actes Alles zur Begeisterung fortgerissen hatte . Das ganze Parquet gerieth in Aufruhr , und man ruhte nicht , bis die Gefeierte sich endlich zeigte , um , begrüßt von dem mit neuer Macht hervorbrechenden Beifall , von Blumen , Kränzen und Huldigungen aller Art , dem Publicum zu danken . „ Das ist ja heut ’ ein echt italienischer Theaterabend , “ sagte ein älterer Herr , in eine der Logen des ersten Ranges tretend . „ Signora Biancona scheint die Kunst zu verstehen , das sonst so ruhig und gesetzt fließende Patricierblut unserer edlen Hansastadt mit dem südlichen Feuer ihrer Heimath zu erfüllen . Die Begeisterung für sie fängt nachgerade an , epidemisch zu werden . Wenn das noch weiter um sich greift , so erleben wir , daß die Börse ihr einen Fackelzug votirt , und der Senat der freien Reichsstadt in corpore bei ihr erscheint , um ihr die Huldigung derselben zu Füßen zu legen . An Ihrer Stelle , Herr Consul , würde ich beiden hohen Körperschaften diesen Vorschlag unterbreiten . Ich bin überzeugt , daß er eine enthusiastische Aufnahme findet . “ Der Herr , an den diese Worte gerichtet waren , und der an der Seite einer Dame , augenscheinlich seiner Gattin , im Vordergrunde der Loge saß , schien sich der soeben verspotteten allgemeinen Begeisterung gleichfalls nicht entziehen zu können . Er hatte das Klatschen mit einer Ausdauer und Energie betrieben , die einer besseren Sache würdig war , und wandte sich jetzt halb lachend , halb ärgerlich um . „ Dachte ich es doch , daß die Kritik sich wieder in Opposition zu der allgemeinen Stimme setzen würde ! Freilich , Doctor , Sie schonen in Ihrem entsetzlichen Morgenblatte ja weder Börse noch Senat ; wie sollte da Signora Biancona Gnade finden ? “ Der Doctor lächelte ein wenig malitiös und trat an den Sessel der Dame , als ein junger Mann , der hinter demselben seinen Sitz hatte , sich artig erhob , um ihm Platz zu machen . „ Herr Almbach , “ sagte die Dame vorstellend , „ Herr Doctor Welding , der Redacteur unseres Morgenblattes , dessen Feder – “ „ Um Gotteswillen , gnädige Frau , “ unterbrach sie Welding , „ discreditiren Sie mich nicht gleich von vornherein in den Augen dieses Herrn . Man braucht einem jungen Künstler nur als Kritiker vorgestellt zu werden , um sofort seiner vollsten Antipathie sicher zu sein . “ „ Möglich ! “ lachte der Consul , „ aber diesmal hat Sie Ihr Scharfblick doch getäuscht . Herr Almbach wird , Gott sei Dank ! nie in den Fall kommen , vor Ihrem Richterstuhle zu erscheinen . Er ist Kaufmann “ „ Kaufmann ? “ Ein Blick der Verwunderung streifte die Gestalt des jungen Mannes . „ Dann bitte ich allerdings um Verzeihung wegen meines Irrthums . Ich hätte Sie für einen Künstler gehalten . “ „ Sehen Sie , lieber Almbach , da spielen Ihnen Ihre Stirn und Augen schon wieder den schlimmen Streich ! “ scherzte der Consul . „ Was würden die Ihrigen daheim zu dieser Verwechselung sagen ? Ich fürchte beinahe , sie nähmen das als eine Art von Beleidigung . “ „ Vielleicht ! Ich nehme es als keine solche , “ sagte Almbach sich leicht gegen Welding verneigend . Die Worte sollten wohl den angeschlagenen Ton des Scherzes fortsetzen , aber es lag in ihnen eine halb verborgene Bitterkeit , die dem Doctor nicht entging . Sein Auge heftete sich forschend auf die Züge des jungen Fremden , aber gerade in diesem Augenblicke wandte sich die Dame zu ihm und nahm das vorhin berührte Thema wieder auf . „ Sie werden doch zugeben , Herr Doctor , daß die Biancona heute ganz hinreißend war . Dieses junge , eben erst auftauchende Talent ist in der That ein neuer Stern an unserem Theaterhimmel – “ „ Der einst zur strahlenden Sonne werden wird , wenn er hält , was er uns heute verspricht – gewiß , gnädige Frau , das leugne ich auch keineswegs , wenn diese künftige Sonne auch gegenwärtig noch einige Flecken und Unvollkommenheiten zeigt , die einem so begeisterten Publicum natürlich entgehen . “ „ Nun , dann rathe ich Ihnen , diese Unvollkommenheiten nicht gar zu stark zu betonen , “ sagte der Consul , in das Parquet zeigend . „ Dort unten sitzt eine Schaar von begeisterten Rittern der Signora . Nehmen Sie sich in Acht , Doctor , sonst erhalten Sie mindestens sechs Herausforderungen . “ Das malitiöse Lächeln spielte wieder um Welding ’ s Lippen , während er mit einem ironischen Blicke den jungen Almbach streifte , der schweigend , aber mit finster gerunzelter Stirn dem Gespräche gefolgt war . „ Und vielleicht die siebente noch dazu ! Herr Almbach zum Beispiel scheint meine eben geäußerte Ansicht als eine Art von Hochverrath zu betrachten . “ „ Ich bedaure , Herr Doctor , im Punkte der Kritik noch sehr weit zurück zu sein “ entgegnete der Angeredete kühl . „ Ich , “ hier flammte es fast leidenschaftlich auf in seinem Auge , „ ich pflege den Genius unbedingt zu bewundern . “ „ Eine höchst poetische Art der Kritik , “ spottete Welding . „ Wenn Sie das unserer schönen Signora persönlich und in diesem Tonfalle wiederholen , so kann ich Sie im Voraus ihrer vollsten Gnade versichern . Uebrigens bin auch ich diesmal in der angenehmen Lage , ihr in dem morgen erscheinenden Artikel sagen zu können , daß sie in der That ein Talent ersten Ranges ist , daß ihre Fehler und Mängel nur die der Anfängerin sind , und daß es allein in ihrer Hand liegt , dereinst eine musikalische Größe zu werden . Für den Augenblick ist sie es noch nicht . “ „ Nun , das ist vorläufig genug des Lobes in Ihrem Munde , “ sagte der Consul . „ Aber ich denke , wir brechen jetzt auf . Die Glanzpartie der Biancona ist zu Ende ; der letzte Act bietet ihrer Rolle fast gar nichts , kaum daß sie noch einmal auf der Bühne erscheint , und uns ruft die Pflicht der Wirthe an unserem heutigen Empfangsabende . Darf ich Ihnen einen Platz in unserem Wagen anbieten , Doctor ? Ihre kritische Pflicht ist ja wohl gleichfalls zu Ende , und Sie , lieber Almbach , begleiten Sie uns auch , oder wollen Sie den Schluß abwarten ? “ Der junge Mann hatte sich ebenfalls erhoben . „ Wenn Sie und die gnädige Frau es gestatten – die Oper ist mir noch fremd , ich würde gern – “ „ Nun , dann bleiben Sie ohne Umstände ! “ unterbrach ihn Jener freundlich . „ Aber sein Sie pünktlich heute Abend ! Wir rechnen bestimmt aus Ihr Kommen . “ Er reichte seiner Frau den Arm , um sie hinauszuführen . Doctor Welding begleitete die Beiden . „ Wie können Sie nur glauben , “ spottete er draußen auf dem Corridore , „ Ihr junger Gast würde vom Platze weichen , so lange die Biancona noch einen Ton zu singen hat , oder er würde es sich nehmen lassen , mit unserer übrigen Herrenwelt an ihrem Wagen Spalier zu bilden ! Die schönen Augen der Signora haben schon manches Unheil angerichtet – der hat Feuer gefangen , ärger als alle Uebrigen . “ „ Das wollen wir doch nicht hoffen , “ sagte die Dame mit einem leisen Anfluge von Besorgniß in ihrer Stimme . „ Was würden dazu die Schwiegereltern und vor Allem die junge Frau sagen ? “ „ Ist Herr Almbach bereits verheirathet ? “ fragte Welding überrascht . „ Schon seit zwei Jahren , “ bestätigte der Consul . „ Er ist der Neffe und Schwiegersohn meines Geschäftsfreundes . Die Firma ist Almbach und Compagnie , kein sehr bedeutendes Haus , aber höchst solid und respectabel . Uebrigens thun Sie dem jungen Manne doch wohl Unrecht mit Ihrem Verdachte . In solchen Jahren ist man leicht hingerissen , besonders wenn einem der Kunstgenuß so selten zu Theil wird , wie es gerade hier der Fall ist . Unter uns gesagt , Almbach hegt in solchen Dingen etwas spießbürgerliche Ansichten und hat seinen Schwiegersohn scharf im Zügel . Er wird schon dafür sorgen , daß das Unheil , das jene Augen etwa anrichten könnten , seinem Hause fern bleibt ; darauf kenne ich ihn . “ „ Um so besser für ihn ! “ sagte der Doctor lakonisch , während er neben dem Ehepaare im Wagen Platz nahm , der die Richtung nach dem Hafen einschlug , wo die Paläste der reichen Handelsherren liegen . Eine Stunde darauf war in den Salons des Kaufmannes eine zahlreiche Gesellschaft versammelt . Consul Erlau gehörte zu den reichsten und angesehensten Handelsherren der reichen Handelsstadt , und wenn schon dieser Umstand hinreichend war , ihm dort eine unbestrittene Bedeutung zu sichern , so setzte er andererseits eine Ehre darein , sein glänzendes und gastfreies Haus als das erste in H. genannt zu sehen . Seine Empfangsabende vereinigten gewöhnlich Alles , was die Stadt an Capacitäten überhaupt zu bieten hatte . Es gab nicht leicht eine Berühmtheit , die sich nicht wenigstens einige Male dort zeigte , und auch der Stern der gegenwärtigen Saison , die Primadonna der augenblicklich hier gastirenden italienischen Operngesellschaft , Signora Biancona , hatte der an sie ergangenen Einladung Folge geleistet , und war nach Beendigung der Oper erschienen . Die junge Künstlerin bildete nach ihrem heutigen Triumphe im Theater natürlich den Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft . Von den Herren mit Huldigungen aller Art bestürmt , von den Damen mit Artigkeiten überhäuft , von dem Wirthe und seiner Gattin mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit ausgezeichnet , vermochte sie sich kaum zu retten vor dem Strome der Bewunderung , der ihr von allen Seiten entgegenfluthete und der vielleicht in ebenso hohem Maße der Schönheit als der Kunst galt . Hier fand sich freilich beides vereinigt . Auch ohne ihr so hoch gefeiertes Talent wäre Signora Biancona schwerlich in den Fall gekommen , irgendwo übersehen zu werden . Sie war eine von jenen Frauen , die überall , wo sie nur erscheinen , Auge und Sinn zu fesseln und in einer oft gefährlichen Weise festzuhalten wissen , deren bestrickender Reiz nicht allein in ihrer Schönheit liegt , sondern weit mehr noch in dem seltsamen , fast dämonischen Zauber , den gewisse Naturen ausüben , ohne daß man sich Rechenschaft zu geben vermag , woher er stammt . Es lag wie ein Hauch des glühenden farbenreichen Südens über dieser Erscheinung , die sich mit ihrem dunklen Haar und Teint , mit den großen tiefschwarzen Augen , aus denen ein so volles heißes Leben strahlte , fremdartig genug ausnahm in dieser nordischen Umgebung . Ihre Art zu sprechen , sich zu bewegen , war vielleicht lebhafter und zwangloser , als es die strengen Formen der Convenienz verlangten , aber das Feuer eines südlichen Naturells , das bei jeder Regung unwillkürlich hervorbrach , war von hinreißender Grazie . Der leichte idealische Anzug schloß sich wenig der herrschenden Mode an , aber er schien wie eigens erfunden , um die Vorzüge dieser Gestalt in das hellste Licht zu setzen , und behauptete sich siegreich neben der ringsum entfalteten Toilettenpracht der übrigen Damen . Die junge Italienerin war eben ein Wesen , das über all den Schranken und Formen des Alltagslebens zu stehen schien , und es gab wohl Keinen in der Gesellschaft , der ihr diese Ausnahme nicht bereitwillig zugestand . Auch Almbach hatte sich nach dem Schlusse des Theaters eingefunden , aber er war völlig fremd in diesem Kreise und schien es auch zu bleiben , trotz der wohlgemeinten Versuche des Consuls , ihn mit Diesem oder Jenem bekannt zu machen . Sie scheiterten , theils an der fast düsteren Schweigsamkeit des jungen Mannes , theils an dem Benehmen der Herren , denen er vorgestellt wurde , und die , fast durchweg den höheren Börsen- oder Finanzkreisen angehörig , es nicht der Mühe werth hielten , mit dem Vertreter eines kleinen Geschäftshauses viel Umstände zu machen . Augenblicklich stand er ganz isolirt am unteren Ende des Saales und blickte scheinbar gleichgültig auf das glänzende Gewühl , aber die Augen kehrten immer wieder zu dem einen Punkte zurück , der heute Abend der Magnet für die gesammte Herrenwelt zu sein schien . „ Nun , Herr Almbach , Sie machen ja gar keinen Versuch , sich dem eigentlichen Sonnenkreise des Salons zu nähern , “ sagte Doctor Welding , an ihn herantretend . „ Soll ich Sie dort einführen ? “ Eine leichte Röthe der Verlegenheit darüber , daß man seinen geheimen Wunsch errieth , färbte das Antlitz des jungen Mannes . „ Signora Biancona wird von allen Seiten so in Anspruch genommen , daß ich es nicht wagte , sie auch noch zu belästigen . “ Welding lachte . „ Ja , die Herren scheinen sich sämmtlich Ihrer kritischen Methode anzuschließen und gleichfalls ‚ den Genius unbedingt zu bewundern ‘ . Nun , die Kunst hat ja das Vorrecht , Jedem Begeisterung einzuflößen . Kommen Sie ! Ich werde Sie der Signora vorstellen . “ Sie schritten nach der anderen Seite des Saales , wo sich die junge Italienerin befand , aber es kostete ihnen wirklich einige Mühe , den Kreis der Bewunderer zu durchbrechen , der den gefeierten Gast umgab , und sich diesem zu nähern . Der Doctor übernahm die Vorstellung ; er nannte seinen Begleiter , der heute zum ersten Male das Glück gehabt habe , Signora auf der Bühne bewundern zu dürfen , und überließ es ihm dann , sich allein im „ Sonnenkreise “ zurecht zu finden . Die Bezeichnung war nicht so übel gewählt ; es lag wirklich etwas von der sengenden Gluth dieses Gestirns auf seiner Mittagshöhe in dem Blicke , der sich jetzt auf Almbach richtete . „ Also auch Sie waren heute Abend im Theater ? “ fragte die Sängerin leicht . „ Ja , Signora . “ Die Antwort klang kurz und düster . Kein Wort weiter , keins von jenen Complimenten , deren die Künstlerin heute bereits so viele gehört hatte – aber der Blick des jungen Mannes mußte die einsilbige Antwort wohl wieder gut machen . Zwar begegnete er nur einen Moment lang dem der Signora Biancona , aber das Aufleuchten darin war gesehen und verstanden worden ; es sagte unendlich mehr als alle die Schmeicheleien . Die übrigen Herren mochten keinen hohen Begriff von den gesellschaftlichen Talenten des neuen Ankömmlings erhalten , der es nicht einmal verstand , einer schönen Frau irgend eine Artigkeit zu sagen . Sie ignorirten ihn vollständig . Die Unterhaltung , an der sich jetzt auch der Consul betheiligte , wurde allgemeiner ; man sprach von der Musik , von einem bekannten Componisten und einem gerade epochemachenden Werke desselben , über dessen Auffassung Signora Biancona und Doctor Welding in Meinungsdifferenz geriethen . Erstere begeisterte sich dafür , während der Letztere ihm gar keinen höhern Werth beimaß . Die Signora vertheidigte ihre Ansicht mit südlicher Lebhaftigkeit und wurde dabei von sämmtlichen Herren unterstützt , die von vornherein ihre Partei nahmen ; der Doctor beharrte kühl auf der seinigen . Der Streit wurde hartnäckiger , bis sich endlich die Sängerin unmuthig und etwas gereizt von ihrem Widersacher abwandte . „ Ich bedaure sehr , daß unser Capellmeister verhindert war , die heutige Einladung anzunehmen . Er spielt gerade diese Composition meisterhaft , und ich fürchte , es bedarf eines Vortrages , um die Gesellschaft zum Richter darüber zu machen , wer von uns Beiden Recht hat . “ Die Gesellschaft war auch dieser Meinung und vermißte den Herrn Capellmeister sehr schmerzlich ; zum Ersatz erbot sich Niemand . Die sehr zur Schau getragene Begeisterung für die Musik schien bei Keinem mit der Ausübung derselben gleichen Schritt zu halten , bis auf einmal Almbach vortrat und ruhig sagte : „ Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung , Signora . “ Diese wendete sich rasch und mit sichtlicher Genugthuung zu ihm . „ Sie sind musikalisch , Signor ? “ „ Wenn Sie und die Gesellschaft mit dem Versuche eines Dilettanten vorlieb nehmen wollen – “ er machte eine fragende Bewegung nach dem Herrn des Hauses hin , und als dieser eifrig beistimmte , trat er an den Flügel . Die in Rede stehende Composition , ein modernes Paradestück im vollsten Sinne des Wortes , verdankte ihre allgemeine Beliebtheit wohl weniger ihrem innern Gehalte – sie besaß in der That nicht allzu viel davon – als der enormen Schwierigkeit der Ausführung . Schon die bloße Möglichkeit , sie zu spielen , erforderte eine Meisterschaft in der Beherrschung des Flügels . Man war gewohnt , diesen Vortrag nur von Virtuosen ersten Ranges zu hören , und blickte daher halb überrascht , halb spöttisch auf den jungen Mann , der sich ohne Weiteres dazu erbot . Er hatte sich freilich mit seinem Dilettantismus entschuldigt , aber es war doch immerhin eine Keckheit , diesen im Salon des Consuls Erlau zu probiren , wo man schon das Spiel so mancher Berühmtheit gehört und bewundert hatte . Um so erstaunter war daher die Gesellschaft , als Almbach sich all diesen Schwierigkeiten vollkommen gewachsen zeigte , als er , ohne auch nur eine Note vor sich zu haben , sie gleichsam spielend überwand , mit einer Leichtigkeit und Sicherheit , die einem Künstler von Fach Ehre gemacht hätte . Zugleich aber wußte er in seinen Vortrag ein Feuer zu legen , das selbst die älteren und anspruchsvolleren Zuhörer mit fortriß . Das Musikstück schien unter seinen Händen eine ganz andere Gestalt anzunehmen ; er lieh ihm eine Bedeutung , die bisher noch Niemand , vielleicht der Componist selbst am wenigsten , hineingelegt hatte , und besonders der in etwas stürmischem Tempo vorgetragene Schluß trug ihm von allen Seiten den reichsten Beifall ein . „ Bravo , bravissimo , Herr Almbach ! “ rief der Consul , der zuerst hervortrat und ihm herzlich die Hand schüttelte . „ Wir müssen wirklich der Signora und dem Doctor dankbar sein , daß ihr musikalischer Streit uns zur Entdeckung eines solchen Talentes verhalf . Da kündigen Sie uns ganz bescheiden einen Versuch an und geben uns eine Leistung , deren sich der vollendetste Künstler nicht zu schämen hätte . Sie haben unserer Signora zu einem glänzenden Siege verholfen ; sie hat Recht , unbedingt Recht , und der Doctor bleibt diesmal mit seinem Angriffe entschieden in der Minorität . “ Die Sängerin war gleichfalls vor den Flügel getreten . „ Auch ich bin Ihnen dankbar , daß Sie meinem Wunsche so ritterlich nachkamen , “ sagte sie lächelnd ; „ aber “ – hier senkte sie die Stimme – „ aber nehmen Sie sich in Acht ! Ich fürchte , mein kritischer Gegner wird noch mit Ihnen rechten über die Art , wie Sie meiner Ansicht Geltung verschafften . War das Spiel und vor Allem der Schluß so ganz correct ? “ Eine verrätherische Gluth flog über das Antlitz des jungen Mannes , aber er lächelte gleichfalls . „ Er entsprach Ihrer Auffassung und fand Ihren Beifall , Signora – das ist für mich genug . “ „ Wir sprechen noch darüber , “ flüsterte die Sängerin schnell , denn jetzt trat die Dame des Hauses heran , um ihrem jungen Gaste gleichfalls einige Artigkeiten zu sagen , und der größte Theil der Gesellschaft folgte ihrem Beispiele . Ein Strom von Redensarten und Complimenten rauschte auf Almbach ein ; man war entzückt von seinem Spiele , seiner Auffassung ; man wollte wissen , wo er seine musikalischen Studien gemacht ; je weniger man ihn früher beachtet hatte , je unbekannter er den Meisten war , desto mehr überraschte sein plötzliches Hervortreten , und dazu die Bescheidenheit des jungen Mannes , die ihm kaum erlaubte , auf all die an ihn gerichteten Fragen zu antworten ; ein Jeder aus der Gesellschaft fühlte augenblicklich etwas vom Kunstmäcen in sich und war bereit , diesem jungen Talente seine volle Protection angedeihen zu lassen . Ob es wirklich nur Bescheidenheit war , was Almbach ’ s Lippen schloß ? Es blitzte bisweilen wie eine Art von Spott in seinem Auge , wenn man immer und immer wieder seine geniale Auffassung hervorhob und behauptete , die Composition noch nie in dieser Vollendung gehört zu haben . Er benutzte die erste Gelegenheit , sich der auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit zu entziehen , und ward bei diesem Versuche von Doctor Welding in Beschlag genommen . „ Kann man endlich auch einmal zu Ihnen gelangen ? Man läuft ja förmlich Sturm auf Sie mit Complimenten . Nur ein Wort , Herr Almbach ! Wollen wir hier eintreten ? “ Er wies in ein Nebenzimmer , das Beide kaum betreten hatten , als der Doctor in ziemlich scharfem Tone fortfuhr : „ Signora Biancona hat Recht behalten , das heißt in Folge Ihres Vortrages . Mein Angriff richtete sich gegen die Composition , wie sie im Original existirt . Darf ich fragen , wo Sie diese sehr eigenthümliche Bearbeitung aufgefunden haben ? Mir war sie bis zu dieser Stunde völlig unbekannt . “ „ Wie meinen Sie , Herr Doctor ? “ fragte der junge Mann kühl . „ Ich kenne das Musikstück nur in dieser Gestalt . “ Welding sah ihn von oben bis unten an ; in seinem Gesichte stritt ein ärgerlicher Ausdruck mit einem unverhohlenen Interesse , als er entgegnete : „ Sie scheinen die Musikkenntniß der Gesellschaft ganz richtig zu taxiren , da Sie ihr dergleichen zu bieten wagen . Man hört das bekannte Thema heraus und ist zufrieden ; aber es giebt doch zuweilen Ausnahmen . Mich zum Beispiel würde es sehr interessiren , zu wissen , von wem gewisse Variationen stammen , die den Charakter des Ganzen total verändern , und was nun vollends den Schluß betrifft – war diese kühne Improvisation vielleicht auch der ‚ Versuch eines Dilettanten ‘ ? “ Almbach hob ein wenig trotzig den Kopf . „ Und wenn sie es nun wäre , was würden Sie dazu sagen ? “ „ Daß es ein arger Mißgriff der Ihrigen war , Sie zum – Kaufmann zu machen . “ „ Herr Doctor , wir sind im Hause eines Kaufmanns . “ „ Gewiß , “ sagte Welding ruhig , „ und ich bin der Letzte , diesen Stand gering zu schützen , zumal wenn er , wie bei unserm Wirthe , mit tüchtiger rastloser Arbeit beginnt und mit dem Ausruhen auf Millionen endigt ; aber er paßt eben nicht für Jeden . Es gehört vor allen Dingen ein klarer kühler Kopf dazu , und der Ihrige scheint mir gerade nicht dazu geschaffen , sich einzig mit dem nüchternen Soll und Haben abzugeben . Verzeihen Sie , Herr Almbach ! Das ist nur so meine unmaßgebliche Meinung ; im Uebrigen tadele ich Sie gar nicht wegen Ihrer Keckheit . Was thut man nicht , um dem Eigensinne einer schönen Frau Recht zu geben ! In diesem Falle war das Manöver sogar äußerst genial ; ein Anderer hätte das mit dem besten Willen nicht fertig gebracht . Ich gratulire Ihnen dazu . “ Er machte eine halb ironische Verbeugung und verließ das Gemach . Es lag zwar dicht neben dem Saale , aber die halb geschlossenen Portièren schieden es von demselben , und völlig einsam und matt erleuchtet , bot es wenigstens ein minutenlanges Alleinsein Dem , der danach verlangte . Der junge Mann hatte sich in einen Sessel geworfen und schaute träumend vor sich hin . Woran er dachte , das wagte er sich vielleicht selbst nicht zu gestehen , und doch verrieth es sein jähes Auffahren beim Klange einer Stimme , die im Tone leichter Ueberraschung sagte : „ Ah Signor Almbach , Sie hier ? “ Es war Signora Biancona ; ob sie beim Eintritte den bereits Anwesenden wirklich nicht bemerkt hatte , ließ sich nicht entscheiden , denn sie fuhr mit voller Unbefangenheit fort : „ Ich suchte auf einen Augenblick Erholung von der Hitze und dem Gewühle des Salons . Auch Sie haben sich der Gesellschaft so kurz nach Ihrem Triumphe entzogen ? “ Almbach hatte sich schnell erhoben . „ Wenn von Triumphen die Rede ist , so bleibt wohl kein Zweifel , wer sie heute feiert . Meine improvisirte Leistung vermag sich nicht entfernt mit dem zu messen , was Sie dem Publicum gaben “ Die Sängerin lächelte . „ Ich gab ihm auch nur Töne , wie Sie , aber ich gestehe Ihnen offen , daß es mich überrascht hat , erst heute und hier von einem Künstler zu hören , der gewiß schon längst – “ „ Verzeihung , Signora , “ unterbrach sie der junge Mann kalt . „ Ich habe bereits im Salon erklärt , daß ich nur auf Dilettantismus Anspruch machen darf . Ich gehöre dem Kaufmannsstande an . “ Derselbe Blick der Verwunderung , den er bei Welding im Theater gesehen , streifte hier zum zweiten Male das Gesicht Almbach ’ s. „ Unmöglich ! Sie scherzen ! “ „ Weshalb unmöglich , Signora ? Weil ich ein schwieriges Bravourstück geläufig vorzutragen vermochte ? “ „ Weil Sie es so vorzutragen vermochten und weil – “ sie sah ihn eine Secunde lang fest an und setzte dann mit voller Bestimmtheit hinzu : „ weil Ihr Antlitz den Stempel zeigt , den , wie man sich immer einbildet , das Genie an der Stirne tragen muß . “ „ Sie sehen , wie sehr der Schein bisweilen trügt . “ Signora Biancona schien dieser Ansicht nicht beizustimmen ; sie ließ sich auf den Divan nieder ; das helle Gewand legte sich leicht und luftig wie eine Wolke auf den dunklen Sammet . „ Ich bewundere Sie , “ begann sie von Neuem , „ daß Sie im Stande sind , mit solchen künstlerischen Anlagen sich einem Alltagsberufe zu widmen . Mir wäre das unmöglich . Ich bin in der Welt der Klänge und Töne aufgewachsen und vermag nicht zu begreifen , wie sich in ihr noch Raum finden kann für andere Pflichten . “ Es lag eine diesmal unverhohlene Bitterkeit in der Stimme des jungen Mannes , als er entgegnete : „ Ihre Heimath ist auch Italien , die meine – eine norddeutsche Handelsstadt . In unserem Alltagsleben ist die Poesie nur ein seltener , flüchtiger Gast , dem oft genug die Stätte versagt wird . Die Arbeit , das Mühen um den Erwerb steht immer und ewig im Vordergrunde . “ „ Auch bei Ihnen , Signor ? “ „ Es sollte wenigstens dort stehen ; daß es nicht immer der Fall ist , hat Ihnen wohl mein musikalischer Versuch gezeigt . “ Die Sängerin schüttelte zweifelnd das Haupt . „ Ihr Versuch ? Ich möchte darauf hin Ihre Meisterschaft kennen lernen . Aber es kann doch unmöglich Ihre Absicht sein , dieses Talent der Oeffentlichkeit ganz zu entziehen und es nur im Kreise der Ihrigen zu üben ? “ „ Im Kreise der Meinigen ? “ wiederholte Almbach mit eigenthümlicher Betonung . „ Ich pflege dort keine Taste anzurühren , am wenigsten in Gegenwart meiner Frau . “ „ Sie sind bereits vermählt ? “ fragte die Italienerin rasch , während eine momentane Blässe ihr Antlitz überflog . „ Ja , Signora . “ Es klang schwer und kalt dieses Ja , und der halb spöttische Ausdruck , der einen Augenblick lang um die Lippen der Sängerin spielte , als sie den kaum vierundzwanzigjährigen Mann betrachtete , verschwand vor diesem Tone . „ Man vermählt sich , wie es scheint , sehr früh in Deutschland , “ bemerkte sie ruhig . „ Bisweilen . “ Die junge Italienerin schien die Pause , welche diesen Worten folgte , etwas peinlich zu finden ; sie ging rasch zu einem anderen Thema über . „ Ich fürchte , Sie haben bereits das Examen bestehen müssen , vor dem ich Sie vorhin warnte . Die Gesellschaft war nichtsdestoweniger entzückt von Ihrem Vortrage . “ „ Vielleicht ! “ sagte der junge Mann halb verächtlich . „ Und doch war er sicher nicht für die Gesellschaft bestimmt . “ „ Nicht ? Und wem galt er denn ? “ fragte Signora Biancona den Blick fest auf ihn richtend . Auch er sah sie an ; es lag etwas Verwandtes in den beiden Augenpaaren , die jetzt einander begegneten , beide groß , dunkel und räthselhaft . Auch in dem Blicke Almbach ’ s leuchtete der gleiche Strahl , wie in dem der Künstlerin ; auch dort flammte eine heiße leidenschaftliche Seele ; auch dort schlummerte in der Tiefe der dämonische Funke , der so oft das Erbtheil genialer Naturen ist und ihnen zum Fluche wird , wenn keine schützende Hand ihn mehr behütet , wenn er zur Flamme angefacht wird , die dann nicht mehr Licht , sondern nur noch Verberben bringt . Er trat einen Schritt näher und dämpfte die Stimme , aber die tiefe Erregung darin verrieth sich doch . „ Nur der Einen , die mir und uns Allen vor wenig Stunden die höchste Schönheit und die höchste Poesie verkörperte , getragen von den Tönen eines unsterblichen Meisterwerkes . Man hat Ihnen heute tausendfach gehuldigt , Signora ! Was die Begeisterung nur zu erfinden vermochte , das legte man zu Ihren Füßen . Der Fremde , Unbekannte wollte Ihnen doch auch sagen , wie sehr er Sie bewundert , und da that er es denn in der Sprache , die Ihrer allein würdig ist . Ganz fremd ist sie auch mir nicht geblieben . “ In der Huldigung lag etwas , was sie über jede Schmeichelei erhob , der Ton echter ,