Um hohen Preis . Von E. Werner . Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten . Heller Sonnenschein lag auf der Landschaft ringsum ; der Spiegel des Sees dehnte sich weit und glänzend aus und warf das Bild der Stadt zurück , die sich in ihrer ganzen malerischen Schönheit am Ufer erhob , während das fern aufsteigende Gebirge , mit seinen zackigen Gipfeln und seinen Schneehäuptern sich in voller Klarheit zeigte . Inmitten der villen- und gartenreichen Vorstadt , die sich am Ufer hinzog , lag eine kleine Besitzung von bescheidenem Ansehen . Das einstöckige Wohnhaus bot weder viel Raum , noch schien es besonderen Luxus zu bergen . Eine offene , weinumrankte Veranda bildete fast den einzigen Schmuck desselben ; dennoch machte es mit seinen hellen Mauern und grünen Jalousien einen äußerst freundlichen Eindruck , und der nicht große , oder sorgfältig gepflegte Garten , der sich bis an den Rand des Sees erstreckte , gab dem kleinen Landsitze noch einen besonderen Reiz . In der Veranda , die vollen Schutz gegen die Sonnengluth und selbst einige Kühlung gewährte , gingen zwei Herren , im Gespräch begriffen , auf und nieder . Der Aeltere der beiden war ein Mann von etwa fünfzig Jahren , aber das Alter schien ihm früh genaht zu sein , denn die Gestalt war gebeugt und das Haar bereits vollständig ergraut . Das tief durchfurchte Gesicht verrieth , daß Kämpfe und vielleicht Leiden mancher Art darin gewühlt hatten , und der scharfe bittere Zug um die schmalen Lippen gab dem Antlitz ein beinahe feindseliges Gepräge . Nur in dem Auge blitzte noch ein Feuer , das weder Jahre noch Erfahrungen hatten dämpfen können und das einen seltsamen Contrast zu den grauen Haaren und der gebeugten Haltung bildete . Sein Gefährte war um vieles jünger , eine schlanke mittelgroße Gestalt mit keineswegs regelmäßigen , aber im höchsten Grade anziehenden Zügen und ernsten blauen Augen . Das hellbraune Haar fiel auf eine schöne klare Stirn ; die Gesichtsfarbe zeigte jene leichte Blässe , die , ohne krankhaft zu sein , doch auf angestrengte geistige Thätigkeit deutet , und der vorherrschende Ausdruck war der einer ruhigen Festigkeit , wie man sie bei einem Alter von sieben- oder achtundzwanzig Jahren nur selten ausgeprägt findet . Es konnte kaum einen schärferen Gegensatz geben als diese beiden Männergestalten . „ Also Sie wollen uns wirklich schon jetzt verlassen , Georg ? “ fragte der Aeltere im Tone des Bedauerns . Der junge Mann lächelte . „ Schon jetzt ? Ich dächte , Herr Doctor , ich hätte Ihre Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen . Meine Absicht war es nicht , wochenlang zu bleiben , aber Sie nahmen den Fremden , der nichts weiter als eine Universitätsfreundschaft mit Ihrem Sohne geltend machen konnte , so herzlich auf , wie einen nahen , lieben Verwandten . Ich werde nie – “ „ Nur keinen Dank für das , was mir eine Freude gewesen ist ! “ unterbrach ihn der Doctor . „ Ich fürchte nur , Sie werden die genossene Gastfreundschaft daheim büßen müssen . Man verzeiht dem Assessor Winterfeld schwerlich den Aufenthalt in meinem Hause . Ich habe Ihnen nie verhehlt , daß Ihr Besuch bei uns ein Wagniß ist und Ihre ganze Stellung gefährden kann . “ Der ironische Ton dieser Warnung rief eine flüchtige Röthe auf die Stirn des jungen Winterfeld und verschuldete jedenfalls die Lebhaftigkeit , mit der er antwortete : „ Ich denke Ihnen bewiesen zu haben , daß ich meine Selbständigkeit unter allen Umständen zu wahren weiß . Meine Stellung legt mir hoffentlich nicht die Verpflichtung auf , Freundschaftsbeziehungen zu meiden , die rein privater Natur sind . “ „ Nicht ? Ich bin vom Gegentheil überzeugt . Es wird sich bei Ihrer Rückkehr ja zeigen . Vergessen Sie nicht , Georg , daß Sie unter dem Regimente eines Raven stehen ! “ „ Ich glaube nicht , daß mein Chef sich so eingehend um die Ferienreisen seiner Beamten kümmert , “ sagte Georg ruhig . „ Er ist allerdings von einer eisernen Strenge in allem , was den Dienst betrifft , macht sich aber niemals in Privatverhältnisse . Die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen , wenn ich auch sonst keineswegs zu seinen Freunden gehöre . Sie wissen ja , ich bin ein entschiedener Gegner der Richtung , die er vertritt , also auch der seinige , wenn ich als sein Untergebener auch vorläufig noch zum Schweigen und Gehorchen verurtheilt bin . “ „ Vorläufig ? “ wiederholte der Doctor in schneidendem Tone . „ Ich sage Ihnen , er wird Sie dauernd Schweigen und Gehorsam lehren , und wenn Sie sich nicht gelehrig zeigen , wird er Sie erdrücken und verderben . Das ist so seine Art , wie die all dieser verächtlichen Emporkömmlinge . “ Georg schüttelte ernst den Kopf . „ Sie gehen zu weit . Der Freiherr hat viele Feinde , und ich glaube , daß im Geheimen sehr viel Haß und Bitterkeit gegen ihn genährt wird – Verachtung aber hat ihm noch Niemand zu bieten gewagt . “ „ Nun wohl , so thue ich es , “ rief der Doctor mit ausbrechender Heftigkeit . „ Und ich habe wahrlich Grund dazu . “ Der junge Mann sah ihn schweigend an ; dann , nach einer secundenlangen Pause , legte er die Hand auf seinen Arm . „ Herr Doctor Brunnow , verzeihen Sie eine vielleicht indiscrete Frage . Was liegt eigentlich zwischen Ihnen und meinem [ 144 ] Chef ? So oft sein Name genannt wird , verrathen Sie eine Bitterkeit , die unmöglich nur der politischen Gegnerschaft entstammen kann . Sie scheinen ihn genau zu kennen . “ Brunnow ’ s Lippen zuckten . „ Wir waren einst Jugendfreunde , “ entgegnete er dumpf . „ Unmöglich ! “ rief Georg . „ Sie und – “ „ Freiherr Arno von Raven Excellenz , Gouverneur der -schen . Provinz und intimer Freund und Günstling der jetzigen Machthaber , “ vollendete der Doctor , einen scharfen , hohnvollen Nachdruck auf jedes einzelne Wort legend . „ Das befremdet Sie , nicht wahr ? “ „ Allerdings ; ich ahnte nichts von einer solchen Beziehung . “ „ Es liegt auch fast ein halbes Menschenalter dazwischen . Damals hieß er freilich noch einfach Arno Raven und war arm und unbekannt wie ich selber . Wir lernten uns in einer stürmischen , mächtig bewegten Zeit , inmitten der Partei kennen , der wir Beide angehörten . Raven mit seinen glänzenden Geistesgaben , seiner rastlosen Energie hatte sich bald genug zu unser Aller Führer aufgeworfen . Wir folgten ihm mit blindem Vertrauen , ich vor Allem , denn ich liebte ihn , wie ich nichts wieder auf der Welt geliebt habe , nicht einmal mein Weib und Kind . Ihm galt die ganze Schwärmerei meiner Jugend ; er war mein Vorbild , zu dem ich mit glühender Bewunderung aufblickte , mein Ideal , mein Alles – bis zu dem Tage , wo er mich und uns Alle verrieth und verließ , wo er die Ehre seinem Ehrgeize opferte und sich mit Leib und Seele unseren Feinden verkaufte , indem er uns dem Verderben preisgab . – Menschenfeindlich nennen mich die klugen Leute , die nie eine Enttäuschung erfahren , nie eine Verzweiflungsstunde durchlebt haben . Wenn ich es bin , so bin ich es an dem Tage geworden , wo ich mit dem Freunde auch den Glauben an die Menschheit verlor . “ Er wandte sich in stürmischer Bewegung ab . Man sah es , wie die Erinnerung noch jetzt das ganze Wesen des Mannes in all seinen Tiefen aufwühlte . „ Also ist doch etwas an jenen Gerüchten , die von irgend einem dunklen Punkte in der Vergangenheit des Freiherrn sprechen , “ bemerkte Georg leise . „ Ich vernahm wohl hin und wieder Andeutungen , aber Niemand wußte etwas Gewisses darüber . Die Sache ist jedenfalls nie in die Oeffentlichkeit gelangt , denn man kennt Raven nur als den energischen , rücksichtslosen Vertreter der Regierung . “ „ Die Renegaten sind immer die schlimmsten Verfolger des verlassenen Glaubens , “ sagte Brunnow finster . „ Und in Arno Raven lag von jeher ein verhängnißvolles Element , ein glühender , verzehrender Ehrgeiz . Das war die eigentliche Triebfeder seines Charakters , und das hat ihn auch schließlich zu Falle gebracht . Er träumte immer nur von Macht und Größe ; er wollte herrschen , gebieten um jeden Preis , und das ist ihm nun ja auch geworden . Seine Carriere ist geradezu beispiellos . Aus Armuth und Dunkelheit stieg er empor , von Stufe zu Stufe , von Auszeichnung zu Auszeichnung . Er wurde der Schwiegersohn des Ministers , dessen bevorzugter Günstling er stets gewesen , ließ sich in den Freiherrnstand erheben und ist jetzt der fast allmächtige Gouverneur einer der ersten Provinzen des Landes . Er steht auf der einst nur geträumten Höhe , aber ich , den er in Kerker und Verbannung gejagt , der auf ein Leben voll der herbsten Enttäuschungen zurückblickt und an der Schwelle des Greisenalters noch mit Existenzsorgen ringen muß – ich tausche nicht mit dieser Höhe . Sie hat ihm seine Ehre gekostet . “ Der Sprechende war furchtbar erregt ; er brach ab und ging einige Male auf und nieder , um seiner Erregung Herr zu werden . Endlich trat er wieder zu Georg , der schweigend vor sich niedersah . „ Ich habe seit Jahren diesen Punkt nicht berührt , “ begann er von Neuem . „ Aber Ihnen war ich Offenheit schudig . Sie sind keines von jenen blinden , gefügigen Werkzeugen , wie Raven sie braucht , wie er sie allein um sich duldet , und ich fürchte , es wird eine Stunde kommen , wo Sie gezwungen sein werden , ihm den Gehorsam zu verweigern , wenn Sie anders Ihre Ueberzeugung und Ihre Mannesehre retten wollen . Was dann aus Ihnen wird , ist freilich eine andere Frage . Stehen Sie fest , Georg ! Durch das Gefühl der Abneigung und Gegnerschaft , das Sie für ihn hegen , klingt etwas wie Bewunderung dieses Mannes , und ich begreife das nur zu gut . Er übte von jeher eine fast dämonische Macht über Alles , was mit ihm in Berührung kam . Auch Sie können sich ihr nicht ganz entziehen , und darum mußte ich Sie über diesen Raven aufklären . Sie wissen jetzt , was an ihm ist . “ „ Dachte ich es doch ; da stecken sie schon wieder mitten in der Politik oder in sonstigen unerquicklichen Debatten ! “ sagte eine Stimme hinter den Beiden . „ Ich suche Dich im ganzen Hause , Georg . – Guten , Tag , Papa ! “ Der Sprechende , der jetzt gleichfalls in die Veranda trat , war einige Jahre jünger als Georg , aber größer und stärker gebaut , eine frische , kräftige Erscheinung mit offenen Gesichtszügen , klaren Augen und dichtem , blondem Haar . Er warf einen prüfenden Blick auf das noch immer dunkel geröthete Antlitz seines Vaters und fuhr dann fort : „ Du solltest Dich beim Gespräche nicht so aufregen , Papa . Du weißt doch , wie nachtheilig das stets aus Dich wirkt , und überdies hast Du heute schon angestrengt gearbeitet , wie ich sehe . “ Damit trat er zu einem mit Büchern und Papieren bedeckten Tische , der in der Veranda stand , und begann in den Schriften zu blättern . „ Laß das liegen , Max ! “ sagte der Doctor ungeduldig . „ Du bringst mir Unordnung in die Manuscripte , und Du giebst Dich ja doch nicht mit tieferen wissenschaftlichen Studien ab . “ „ Weil mir die Zeit dazu fehlt , “ erwiderte Max , die Papiere ruhig wieder hinlegend . „ Ein junger Assistenzarzt im Hospital kann nicht tagelang über den Büchern sitzen . Du weißt ja , daß ich alle Hände voll zu thun habe . “ „ Die Zeit würde sich schon finden , “ warf Brunnow ein . „ Was Dir fehlt , ist die Lust . “ „ Meinetwegen auch die List ! Mein Studium ist die Praxis , und ich denke damit ebenso weit zu kommen . “ „ So weit Dein Ehrgeiz reicht , allerdings , “ in dem Tone des Vaters verrieth sich eine unverkennbare Geringschätzung . „ Du wirst Dir jedenfalls eine ausgebreitete Praxis gründen und Deinen Beruf als ein einträgliches Handwerk betrachten . Ich zweifle durchaus nicht daran . “ Max kämpfte augenscheinlich mit einer aufsteigenden Gereiztheit ; dennoch entgegnete er mit ziemlicher Ruhe : „ Ich werde mir allerdings so bald wie möglich eine eigene Praxis gründen . Du hättest das schon vor zwanzig Jahren gekonnt , zogst es aber vor , medicinische Werke zu schreiben , die Dir neben dem geringen Honorare höchstens die Anerkennung einzelner Fachgenossen eintragen . Der Geschmack ist verschieden . “ „ So verschieden wie unsere Auffassung des Lebens überhaupt . Du weißt freilich nicht , was es heißt , für die Wissenschaft zu leben und sich ihr zu opfern . “ „ Ich opfere mich für Niemand , “ sagte Max trotzig . „ Ich fülle meinen Platz im Leben gewissenhaft aus und denke damit genug zu thun . Du liebst die nutzlosen Aufopferungen , Papa – ich nicht . “ „ Lassen Sie doch den unverbesserlichen Realisten , Herr Doctor ! “ mischte sich Georg ein , den der gereizte Ton der Beiden eine Scene fürchten ließ , wie sie zwischen Vater und Sohn nicht eben selten war . „ Ich habe es längst aufgegeben , ihn zu bekehren . Jetzt aber wollen wir Beide Sie nicht länger stören . Max versprach mir schon heute Morgen , mich nach seiner Rückkehr auf einem Spaziergange nach dem Wäldchen zu begleiten . “ „ Jetzt um die Mittagsstunde ? “ fragte der Doctor befremdend . „ Weshalb nicht später ? “ In dem Gesichte des jungen Winterfeld zeigte sich eine leichte Verlegenheit , die er jedoch rasch bemeisterte . „ Ich habe später noch mit den Vorbereitungen zur Abreise zu thun und möchte gern noch einmal den Blick auf den See und die Berge genießen . Das Scheiden wird mir schwer genug . “ „ Das glaube ich , “ sagte Max mit einer eigenthümlichen , fast boshaften Betonung , brach aber ab , als er dem halb unwilligen , halb bittenden Blicken seines Freundes begegnete . Brunnow schien der Sache keine Wichtigkeit weiter beizulegen ; er winkte einen flüchtigen Abschiedsgruß und trat wieder an seinen Arbeitstisch , während die beiden jungen Männer durch den Garten schritten und , nachdem Max die Gitterthür desselben geöffnet hatte , einen Fußweg einschlugen , der dicht am See endlang führte . Eine Zeitlang schritten sie schweigend vorwärts . [ 145 ] Georg schien sehr ernst und nachdenklich , und der junge Arzt war offenbar übler Laune , an der das eben geführte Gespräch mit dem Vater und die nahe Abreise des Freundes gleichen Antheil haben mochten . „ Das wäre nun also der letzte Tag Deines Hierseins , “ begann er endlich , „ und was habe ich eigentlich davon , wie überhaupt von Deinem Besuche hier ? Den halben Tag lang declamirst Du mit meinem Papa gegen die Zustände in unserm geliebten Vaterlande im Allgemeinen und gegen die Raven ’ sche Dictatorwirthschaft im Besonderen , und wenn ich Dich endlich glücklich von der Politik entfernt habe , mißbrauchst Du meine Freundschaft in der unverantwortlichsten Weise , indem Du mich bei vierundzwanzig Grad Réaumur in der Mittagsstunde Schildwach ’ stehen läßt . Ein höchst angenehmer Posten ! “ „ Welch ein Ausdruck ! “ sagte Georg unwillig . „ Ich habe Dich nur gebeten – “ „ Dafür zu sorgen , daß Du bei Deinem , natürlich ganz zufälligen Zusammentreffen mit Fräulein von Harder ungestört bleibst . Man nennt das auf Deutsch ‚ Schildwache stehen ‘ . Wie viele solcher Zufälligkeiten habt Ihr eigentlich schon mit oder ohne meine Statistenmitwirkung in Scene gesetzt ? Nehmt Euch in Acht , daß die Frau Mama nicht hinter diese gemeinsamen Spaziergänge kommt ! “ „ Du weißt ja , daß mein Urlaub zu Ende ist und daß ich morgen fort muß , “ war die etwas kurze Antwort . Max seufzte leise vor sich hin . „ Und deshalb wird es vermuthlich heut ’ sehr lange dauern . Nimm es mir nicht übel , Georg – für Euch mag es sehr interessant sein , wenn Ihr Euch bei Sonne , Mond und Sternen ewige Treue schwört , aber für den Unbetheiligten ist das äußerst langweilig , noch dazu bei einer Temperatur wie die heutige . Es ist das heißeste Freundschaftsstück , das ich je einem Menschen geleistet habe . “ Sie hatten inzwischen das nahgelegene „ Wäldchen “ erreicht , eine Gruppe von Kastanienbäumen , die einen Wiesengrund am Ufer des Sees beschattete . Es war ein vielbesuchter und beliebter Spaziergang der Stadtbewohner , denn man genoß von hier aus eine prachtvolle Rundsicht , bei der sich der See und das Gebirge in ihrer ganzen Schönheit zeigten . Jetzt , um die Mittagsstunde , war der Ort freilich ganz einsam und verlassen . Georg , der vorausgeeilt war , blieb stehen und spähte erwartungsvoll , aber vergebens , umher . Max schlenderte langsam nach , und da er gleichfalls Niemand gewahrte , ließ er sich unter einem der mächtigen Kastanienbäume nieder , wo eine Rasenbank gerade an dem schönsten Aussichtspunkte einen natürlichen Ruhesitz bildete . Er lehnte sich in bequemster Stellung zurück und beobachtete mit einem Gemisch von Spott und Mitleiden seinen Freund , dessen fieberhafte Unruhe sich deutlich verrieth . „ Sag ’ einmal , Georg , was soll denn nun eigentlich aus Deinem Liebesroman werden ? “ begann er nach längerem Schweigen von Neuem . Der Gefragte runzelte die Stirn . „ Ich habe Dich schon öfter gebeten , nicht in solchem Tone davon zu sprechen . “ „ Ist das etwa nicht zart genug ausgedrückt ? Ich dächte , Romantik genug wäre in Deiner Liebe . Ein junger bürgerlicher Beamter ohne Vermögen – und eine hochgeborene Baroneß und dereinstige Erbin – heimliche Zusammenkünfte – voraussichtlicher Widerstand der ganzen Familie – Kämpfe und Aufregungen ohne Ende – ich gratulire Dir zu all den schönen Dingen . Mir wäre die Geschichte viel zu unbequem . “ „ Das glaube ich , “ sagte Georg mit leisem Spott . „ Aber , lieber Max , in solchen Dingen fehlt Dir wirklich die Berechtigung , mitzusprechen . “ „ Weil ich eine durch und durch prosaische Natur bin , “ ergänzte Max in größter Gemüthsruhe . „ Das ist mir nun gerade nichts Neues mehr . Mein Vater läßt mich oft genug anhören , daß mir die ‚ ideale Richtung ‘ fehlt . Er hat sich von jeher die redlichste Mühe gegeben , mir den Idealismus beizubringen , es ging aber leider nicht . Ich gehöre nun einmal nicht zu den ‚ höher organisirten Naturen ‘ , wie Du zum Beispiel . Du bist weit mehr nach Papas Geschmack , und ich glaube , er würde sich nicht einen Augenblick bedenken , Dich als Sohn einzutauschen . “ Georg lächelte flüchtig . „ Wenn Du damit einverstanden bist – ich hätte nichts dagegen . “ „ Probire es erst einmal ! “ sagte Max trocken . „ Gegen Dich ist Papa allerdings ausnahmsweise liebenswürdig , weil er eine ganz besondere Vorliebe für Dich gefaßt hat , im Uebrigen fehlt ihm aber nicht viel zum Menschenfeinde . Nichts genügt ihm ; Alles faßt er mit der Gereiztheit und Verbitterung auf , die er für unbefriedigten Idealismus hält , und das ist der Grund zum ewigen Kriege zwischen uns . Er vergiebt es mir nicht , daß ich mich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz wohl befinde , während er nie damit fertig werden kann . Unser Verhältniß zu einander wird von Tag zu Tage unleidlicher . “ „ Du thust Deinem Vater Unrecht . “ begütigte Georg . „ Wer wie er Heimath , Lebensstellung und Freiheit dem geopfert hat , was ihm Ideal hieß , der hat auch das Recht , einen höheren Maßstab an Welt und Menschen zu legen . “ „ Ich bin aber für diesen höheren Maßstab zu kurz gerathen , “ erklärte der junge Arzt ärgerlich . „ Du entsprichst ihm weit eher ; das hat Papa auch schleunigst herausgefunden ; er hat Dich ganz für sich in Beschlag genommen . Du würdest freilich bedeutend in seiner Achtung sinken , wenn er ahnte , daß Du gleich in den ersten Tagen Deines Hierseins den grenzenlosen Unsinn begangen hast , Dich zu verlieben . “ „ Max , ich bitte Dich , “ unterbrach ihn der Freund in gereiztem Tone , aber Max war einmal im Zuge mit seinem Aerger , und ließ sich durchaus nicht darin stören . „ Ich bleibe dabei , es ist ein Unsinn , “ sagte er kurz und bündig . „ Du mit Deinen tiefernsten Lebensansichten . Deinem rastlosen Arbeiten . Deinen idealen Zielen – im Grunde höchst überflüssige Dinge , aber Du hast sie doch nun einmal – und diese verwöhnte , übermütige Gabriele von Harder , in Reichthum und Ueberfluß aufgewachsen , in allen nur möglichen aristokratischen Vorurtheilen erzogen ! Glaubst Du denn wirklich , daß sie jemals auch nur das leiseste Verständniß für Deine Interessen haben wird ? Ich sage Dir , sie giebt Dich auf , sobald der Ernst dieser Reiseidylle an sie herantritt und der Einfluß der Familie sich geltend macht . Du wirst Dein Alles an diese Liebe setzen und Deine besten Kräfte im Kampfe mit den Verwandten verschwenden , um schließlich irgend einem Grafen oder Baron geopfert zu werden , der eine standesgemäße Partie für die junge Baroneß ist . “ „ Nein , nein ! “ rief Georg mit aufwallender Heftigkeit . „ Du kennst Gabriele ja kaum ; Du hast sie stets nur flüchtig gesehen , ich dagegen – “ er hielt plötzlich inne und seine Stimme sank , als er fortfuhr : „ Ich weiß es ja , daß noch eine ganz andere Kluft zwischen uns liegt , als die der äußeren Verhältnisse , aber sie ist noch so jung , das Leben hat ihr bisher nur seine Sonnenseite gezeigt – und ich liebe sie grenzenlos . “ Max zuckte die Achseln mit einem Ausdrucke , der deutlich verrieth , daß dieser letzte Grund ihm höchst ungenügend erschien . „ Jeder Mensch hat sein Vergnügen . “ sagte er phlegmatisch , „ das meinige wäre diese grenzenlose Liebe nun gerade nicht , und es kommt auch gar nichts dabei heraus . Uebrigens , “ er stand auf , „ ist es nun wohl Zeit , daß ich meinen Wachposten beziehe , denn ich sehe da hinter den Fliederhecken ein helles Kleid auftauchen und Dich aufflammen , als ob alle sieben Himmel sich vor Dir öffneten . – Georg . thu ’ mir den einzigen Gefallen und vergiß nicht ganz , daß es so etwas wie eine Mittagsstunde in der Welt giebt , und daß gewöhnliche Menschen alsdann zu essen pflegen ! Eine höchst unpraktische Idee , dies Rendezvous gerade auf die Mittagszeit zu verlegen ! Ich hoffe , Du wirst mich zum Danke für meine aufopfernde Freundschaft nicht ganz hungern lassen . “ Damit zog sich Max Brunnow zurück . Der junge Winterfeld hörte kaum auf ihn ; seine ganze Aufmerksamkeit war der hellen , schlanken Gestalt zugewendet , die jetzt am Ausgange des Wäldchens erschien . Sie flog leicht und graziös über den Rasen hin und stand nach wenigen Minuten an seiner Seite . „ Da bin ich , Georg . Hast Du lange gewartet ? Es war heute gar nicht möglich , unbemerkt fort zu kommen , und beinahe hätte ich es ganz aufgegeben . Aber es wäre doch gar zu grausam gewesen , meinen Ritter umsonst harren zu lassen . Ich glaube , Du würdest es mir nun und nimmermehr verzeihen , wenn ich Dich ohne feierlichen Abschied abreisen ließe . “ Georg hielt die kleine Hand fest , die sich nach flüchtigem [ 146 ] Drucke ihm wieder entziehen wollte , und in seiner Stimme lag ein leiser Vorwurf , als er sagte : „ So leicht wird Dir die Trennung , Gabriele ? Hast Du kein anderes Lebewohl für mich , als Scherze und Neckereien ? “ Die junge Dame blickte ein wenig erstaunt auf . „ Trennung ? Aber wir sehen uns ja in vier Wochen wieder . “ „ In vier Wochen ! Scheint Dir das eine so kurze Zeit ? “ Gabriele lachte . „ Es sind gerade viermal sieben Tage . Du wirst sie wohl ertragen müssen . Dann aber kommen wir gleichfalls nach R. Du verkehrst doch öfter mit meinem Vormunde ? “ „ Mit dem Freiherrn von Raven ? Allerdings . Ich gehöre , wie Du weißt , zu seiner Kanzlei und habe ihm bisweilen Vortrag zu halten . “ „ Ich kenne ihn kaum , “ sagte Gabriele gleichgültig . „ Ich sah ihn immer nur sehr flüchtig , wenn er auf kurze Zeit nach der Residenz kam , das letzte Mal vor drei Jahren . Damals geruhten Excellenz noch gar keine Notiz von mir zu nehmen , und mich noch ganz und gar als Kind zu behandeln , obgleich ich schon volle vierzehn Jahr alt war . Ich war durchaus nicht entzückt von der Aussicht , künftig in seinem Hause zu leben , bis ich , “ sie lächelte schelmisch , „ einen gewissen Georg Winterfeld kennen lernte und von ihm erfuhr , daß er das Glück habe , einer der Beamten meines Herrn Vormundes zu sein . “ Ueber Georg ’ s Züge glitt ein Ausdruck , als sei er über dieses „ Glück “ anderer Meinung . „ Du täuschest Dich , wenn Du daran irgend eine Hoffnung knüpfst , “ entgegnete er ernst . „ Ich verkehre nur amtlich mit meinem Chef , und er versteht es , seinen Untergebenen die Grenzen des Verkehrs möglichst eng zu ziehen ; im Uebrigen stehe ich ihm vollständig fern . Ein junger , bürgerlicher Beamter in vorläufig noch untergeordneter Stellung hat keinen Zutritt zu den Kreisen des Gouverneurs und darf es schwerlich wagen , eine nähere Bekanntschaft mit der Baroneß Harder geltend zu machen . Wir werden uns fern genug sein , auch wenn ich täglich das Haus betrete , in dem Du weilst . Hier , in der Freiheit des Reiselebens , durften wir uns kennen und lieben lernen – “ „ Das verdankst Du doch im Grunde nur unserem Boote , das zu rechter Zeit auf die Sandbank fuhr , “ unterbrach ihn Gabriele . „ Denkst Du noch an unsere erste Begegnung , Georg ? Mama bildet sich noch heutigen Tages ein , damals in Lebensgefahr geschwebt zu haben , und hält Dich für ihren Retter , weil Du uns glücklich durch das seichte Wasser an ’ s Land brachtest . Sonst hätte sie Dir mit Deinem einfach bürgerlichen Namen auch schwerlich die öfteren Besuche gestattet , aber der Lebensretter war natürlich eine Ausnahme . Wenn sie wüßte , daß er mir bereits eine Liebeserklärung gemacht hat ! “ Der offenbare Triumph , der in den letzten Worten lag , schien den jungen Mann zu verletzen ; seine Augen hefteten sich forschend und unruhig auf ihr Antlitz . „ Und wenn die Baronin es nun früher oder später erführe , was würdest Du thun ? “ „ Dich ihr in aller Form als meinen künftigen Herrn und Gemahl präsentiren , “ erklärte Gabriele mit komischer Feierlichkeit . „ Das würde natürlich eine Explosion geben – Thränen , Vorwürfe , Nervenzufälle – darin ist Mama besonders stark , aber es thut nichts ; sie giebt schließlich doch nach , und ich setze immer meinen Willen durch . “ Sie warf das alles lachend und muthwillig hin . Es war augenscheinlich , daß der Gedanke an eine Katastrophe , die jedes andere Mädchen erschreckt haben würde , die junge Baroneß Harder höchlich amüsirte . Sie hatte sich auf den Rasensitz niedergelassen und ihren Strohhut abgenommen . Die Sonnenstrahlen , die hier und da durch das dichte Blätterdach der Kastanien drangen , spielten auf dem reichen blonden Haar und dem rosigen Antlitze , aus dem ein Paar große braune Augen lachend und glückselig in die Welt schauten . Das Gesicht mit seinen zarten , lieblichen Formen war ohne Frage von einem bestrickenden Reiz , aber es fehlte ihm jenes Seelenvolle , das dem Menschenantlitz erst seinen höchsten Zauber leiht . Man würde sich vergebens bemüht haben , hinter all diesem neckischen Uebermuth und dieser strahlenden Heiterkeit irgend einen Zug zu entdecken , der auf ernstere , tiefere Empfindungen schließen ließ . Aber das minderte nicht den Reiz dieser jugendlichen Erscheinung , an der Alles frisches , blühendes Leben und rosige Jugend athmete . Sie erschien wie ein Abglanz der Landschaft da draußen , ebenso sonnig und licht . Georg blickte mit einem eigentümlichen Gemisch von Unwillen und Zärtlichkeit auf sie nieder . „ Gabriele , Du behandelst das alles nur wie ein Spiel und hast keine Ahnung von den Kämpfen , die uns bevorstehen , “ sagte er . „ Fürchtest Du diese Kämpfe ? “ „ Ich ? “ Die Stirn des jungen Mannes begann sich zu röthen . „ Ich bin bereit es mit Allen aufzunehmen , wenn Du mir nur fest zur Seite stehst . Aber Du bist im Irrthum , wenn Du auf die gewohnte Nachgiebigkeit Deiner Mutter rechnest , hier , wo alle ihre Vorurtheile , alle Traditionen ihrer Familie in ’ s Spiel kommen . Und wenn es Dir selbst gelänge , sie zu gewinnen – Deinen Vormund wird nichts umstimmen . Ich kenne ihn ; er wird nie seine Einwilligung geben . “ Gabriele lehnte das blonde Köpfchen