Glück auf ! Von E. Werner , Verfasser von „ Ein Held der Feder “ und „ Am Altar “ . Die Hauptkirche der Residenz war trotz der späten Nachmittagsstunde noch dicht gefüllt . Die Menge der Anwesenden und der reiche Blumenschmuck des Altars drinnen , sowie die lange Reihe wartender eleganter Equipagen draußen ließen darauf schließen , daß die Trauung , welche hier vollzogen werden sollte , auch in weiteren Kreisen Interesse und Theilnahme erregte . Die Haltung der Zuhörer war die gewöhnliche bei solchem Anlaß , wo die Heiligkeit des Ortes jede lautere Aeußerung der Neugierde oder Theilnahme verbietet , eine erwartungsvolle Unruhe , ein Flüstern und Zusammenstecken der Köpfe in einzelnen Gruppen , und eine gespannte Aufmerksamkeit für alles , was in der Nähe der Sacristei vorging , endlich ein allgemeines Ah ! der Befriedigung , als die Thüren derselben geöffnet wurden und mit den ersten Tönen der Orgel , die jetzt einfielen , der Brautzug erschien . Es war eine zahlreiche und glänzende Versammlung , die sich hier um den Altar und das Brautpaar gruppirte . Reiche Uniformen , schwere Sammet- und Atlasroben , duftiges Spitzengewebe , Blumen und Diamanten , das alles schimmerte , wogte und rauschte durcheinander , in einer wahrhaft blendenden Pracht . Die Geburts- und die Geldaristokratie schienen in ihren hauptsächlichsten Vertretern anwesend zu sein , um der Ceremonie einen erhöhten Glanz zu verleihen . Zur Rechten der Braut , als der Erste unter den Gästen , stand ein hoher stattlicher Officier , dessen Uniform und dessen zahlreiche Orden auf eine längere militärische Laufbahn deuteten . Seine Haltung war einfach und würdevoll , der bevorstehenden Feierlichkeit angemessen , und doch schien es , als berge sich hinter dem Ernste dieser Züge etwas , das nicht zu dem frohen Anlaß passen wollte . Es war ein eigenthümlich düsterer Blick , der auf dem Brautpaar ruhte , und als er , sich von diesem abwendend , die dicht gefüllte Kirche streifte , da zuckte es wie unterdrückter Schmerz oder Zorn durch die stolzen Züge , und die festgeschlossenen Lippen zitterten leise . Ihm gegenüber , in unmittelbarer Nähe des Bräutigams , stand ein anderer Herr in Civiltracht , gleichfalls schon in vorgerücktem Alter , gleichfalls , wie es schien , zum nächsten Verwandtenkreise gehörig , aber weder die Brillantenverschwendung , die er in Uhr , Ringen und Tuchnadeln zur Schau trug , noch die ungeheuer selbstbewußte Haltung vermochten ihm auch nur einen Schimmer jener Vornehmheit zu geben , die sein Gegenüber in so hohem Maße besaß . Die ganze Erscheinung war entschieden gewöhnlich , um nicht zu sagen gemein , und selbst der Ausdruck unverhohlenen Triumphes , der jetzt darauf lag , war nicht im Stande , ihr ein anderes Gepräge zu geben . Es war in der That ein unendlicher Triumph , mit dem er das Brautpaar betrachtete und dann auf die glänzende Versammlung , auf die dicht besetzten Reihen der Kirchstühle schaute , eine Genugthuung , mit der man die Erreichung eines langerstrebten Zieles begrüßt und empfindet ; ihm trübte sicher kein Schatten die Freude an der bevorstehenden Festlichkeit . Diese beiden Männer schienen aber auch die einzigen zu sein , die ihr ein tieferes Interesse widmeten , das Brautpaar zum Mindesten that es nicht . Der fremdeste , unbetheiligtste der Gäste hätte keine vollendetere Gleichgültigkeit bei dem feierlichen Act zur Schau tragen können , als diese beiden Menschen , die in wenig Minuten einander für immer angehören sollten . Die etwa neunzehnjährige Braut war unleugbar ein schönes Mädchen , aber es wehte etwas wie ein eisiger Hauch um sie her , der wenig zu dem Ort und der Stunde paßte . Das Licht der Altarkerzen spielte in den schweren Falten des weißen Atlasgewandes , es blitzte in den Diamanten des kostbaren Schmuckes , aber es fiel auf ein Antlitz , das mit der Schönheit des Marmors auch dessen ganze Kälte und Starrheit empfangen zu haben schien , wenigstens für diese Stunde , die doch sonst selbst die kälteste Ruhe zu beleben pflegt . Das Aschblond der schweren Flechten , in denen der Myrthenkranz lag , contrastirte seltsam mit den dunklen Augenbrauen und den dunklen , fast schwarzen Augen , die sie kaum ein- oder zweimal während der ganzen Ceremonie zu dem Geistlichen emporhob . Das regelmäßige , etwas bleiche Gesicht , an dessen Seiten der Brautschleier niederfloß , trug den Ausdruck jener Vornehmheit , die wohl angeboren , aber nicht anerzogen werden kann . Vornehmheit war überhaupt das vorherrschende Element in dieser Erscheinung , sie verrieth sich nicht blos in den zart und [ 2 ] edel gezeichneten Linien der Züge , auch in der Haltung , in dem ganzen Wesen prägte sie sich so deutlich aus , daß jede andere , vielleicht charakteristischere Eigenschaft davor in den Hintergrund trat . Die junge Dame schien nur geschaffen , um auf den Höhen des Lebens einherzuschweben und nie mit dem in Berührung zu kommen , was sich etwa noch von Menschen und Verhältnissen da unten regte . Und trotz alledem lag in den dunklen Augen etwas , das mehr Energie und Charakter verrieth , als man bei einer Salondame zu finden pflegt , und vielleicht forderte gerade die jetzige Stunde diese Energie und diesen Charakter in die Schranken , denn die Blicke des Herrn in Uniform zu ihrer Rechten und der drei jüngeren Officiere , die hinter ihm standen , hafteten , je weiter die Ceremonie vorschritt , desto forschender , ängstlicher auf ihrem Gesichte , das indessen so kalt und ruhig blieb , wie es vom ersten Momente an gewesen . Der Bräutigam an ihrer Seite war ein junger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren , eine jener nicht eben seltenen Gestalten , die wie eigens geschaffen scheinen für den glänzenden Rahmen der Salons , die nur auf diesem Boden ihre Bedeutung finden , ihre Triumphe feiern und ihr Leben hinbringen . Von tadelloser Eleganz in Haltung und Toilette , verrieth sein ganzes Wesen gleichwohl den Höhepunkt der Blasirtheit . Die an sich feinen und anziehenden Züge trugen den Ausdruck einer so grenzenlosen Apathie , einer so tödtlichen Gleichgültigkeit gegen Alles und Jedes , daß sie jeden Reiz für den Beobachter verloren . Da war alles so matt , so farblos , auch nicht ein Hauch von Röthe auf den Wangen , auch nicht ein Schein von Leben in dem Gesichte , das da aussah , als könne es sich weder in Freude noch in Schmerz zu der mindesten Erregung mehr aufschwingen . Er hatte seine Braut zum Altare geführt , wie man in der Gesellschaft die Damen an ihren Platz geleitet , und jetzt stand er neben ihr und hielt ihre Hand in der seinen genau in derselben apathischen Weise . Weder die Wichtigkeit des Schrittes , den er zu thun im Begriff stand , noch die Schönheit der Frau , die ihm anvermählt werden sollte , schienen auch nur den geringsten Eindruck auf ihn zu machen . Die Rede des Geistlichen war zu Ende , und er schritt zur eigentlichen Ceremonie der Trauung . Laut und klar hallte seine Stimme durch die Kirche , als er Herrn Arthur Berkow und die Baroneß Eugenie Maria Anna von Windeg-Babenau fragte , ob sie einander als Gatten angehören wollten . Wieder zuckte es durch das Antlitz des Officiers drüben , und ein Blick fast des Hasses sprühte nach der andern Seite hinüber – in der nächsten Minute schon war das zweifache Ja gesprochen , mit dem einer der ältesten , stolzesten Namen der Aristokratie gegen das einfach bürgerliche Berkow umgetauscht wurde . Kaum war die Trauung zu Ende und das letzte Wort des Segens gesprochen , als der brillantengeschmückte Herr sich eilig vordrängte , augenscheinlich in der Absicht , die Neuvermählte mit großer Ostentation zu umarmen ; doch noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte , stand bereits der Officier da . Ruhig , aber mit einer Miene , als nehme er ein unabweisbares Recht in Anspruch , trat er zwischen Beide und schloß , als der Erste , die junge Frau in seine Arme ; doch die Lippen , welche ihre Stirn berührten , waren kalt , und sein Antlitz , das , zu ihr niedergebeugt , einige Secunden lang allen Uebrigen entzogen blieb , trug einen ganz andern Ausdruck als vorhin in seiner ruhigen stolzen Würde . „ Muth , mein Vater , es mußte sein ! “ Die Worte , ihm nur allein verständlich , streiften leise , fast unhörbar an seinem Ohre hin ; aber sie gaben ihm die Fassung wieder . Noch einmal preßte er die Tochter an sich ; es lag fast etwas wie Abbitte in der Zärtlichkeit dieser Bewegung ; dann ließ er sie frei und gab sie der nun unvermeidlichen Umarmung des andern Herrn preis , der bisher mit sichtlicher Ungeduld gewartet hatte und es sich nun nicht nehmen ließ , seine „ theure Schwiegertochter “ zu begrüßen . Diese machte allerdings keinen Versuch , sich ihm zu entziehen , denn die Augen der ganzen Kirche waren auf sie gerichtet . Sie stand unbeweglich , kein Zug des schönen Gesichtes veränderte sich , nur das Auge hatte sie emporgehoben , aber es lag in diesem Blicke ein unnahbarer Stolz , eine so eisige Zurückweisung dessen , was sie nicht verweigern durfte , daß sie selbst hier verstanden wurde . Etwas aus der Fassung gebracht , änderte der Schwiegervater seine stürmische Zärtlichkeit sofort in respectvolle Artigkeit um , und als in der nächsten Minute die Umarmung nun wirklich erfolgte , da war sie in der That nicht viel mehr als eine Form , bei der seine Arme eben nur die duftigen Wogen des Brautschleiers streiften . Das ganze wahrlich nicht geringe Selbstbewußtsein des neuen Verwandten hatte doch vor diesem Blicke nicht Stand gehalten . Der junge Berkow machte seinem Schwiegervater die Sache nicht so schwer . Etwas , das wie ein Händedruck aussah und bei dem in Wirklichkeit kaum seine weißen Handschuhe mit denen des Barons in Berührung kamen , wurde zwischen ihnen gewechselt ; es schien Beiden vollkommen zu genügen ; dann reichte er seiner jungen Gattin den Arm , um sie hinauszuführen . Die Atlasschleppe der Braut rauschte über die Marmorstufen , hinter den Voranschreitenden schloß sich die schimmernde Woge der Gäste , die dem Paare folgten , und bald darauf hörte man auch die Equipagen draußen eine nach der andern fortrollen . Auch die Kirche entleerte sich rasch ; theils drängte man nach den Thüren , um die Einsteigenden noch einmal zu sehen ; theils eilte man , draußen all den unendlich wichtigen Bemerkungen und Beobachtungen über Toilette , Haltung und Aussehen des Brautpaares und der zunächst Betheiligten Luft zu machen . In weniger als zehn Minuten war der weite Raum vollkommen leer und öde ; nur das Abendroth blickte durch die hohen Fenster und überfluthete den Altar und das Altargemälde mit seinem rothen Lichte , so daß die Gestalten auf dem alten Goldgrunde zu leben schienen . Von einem Luftzuge bewegt , wehten die Flammen der Kerzen hin und her , und am Boden dufteten die Blumen , die man in verschwenderischer Fülle dorthin gestreut hatte . Die Schleppen der Damen waren darüber hingerauscht , der Fuß der Herren hatte sie zertreten . Zu was sollten die armen Blumen auch weiter dienen inmitten all der so reich entfalteten Diamantenpracht bei jenem Feste , mit dem die Verbindung zwischen der Tochter eines alten reichsfreiherrlichen Adelsgeschlechtes und dem Sohne eines der Millionäre der Residenz gefeiert wurde ! Vor dem Windeg ’ schen Hause fuhren bereits die Wagen an , und drinnen in den festlich erleuchteten Räumen begann es lebendig zu werden . Im Empfangssaale , vom hellsten Kerzenglanze umflossen , stand die junge Frau am Arme ihres Gatten , so schön , so stolz und so eisig , wie sie eine Stunde zuvor am Altare gestanden hatte , und nahm die Glückwünsche der sie umdrängenden Gesellschaft entgegen . Ob es wirklich ein Glück war , was sie soeben mit ihrem Ja besiegelt – der düstere Schatten , der noch immer auf der stolzen Stirn ihres Vaters ruhte , gab vielleicht die Antwort darauf . „ Nun Gott sei Dank , jetzt endlich wären wir in Ordnung ! Es war aber auch die höchste Zeit , in einer Viertelstunde können sie hier sein . Ich habe die Leute oben auf dem Hügel genau instruirt ; sobald der Wagen auf der Höhe sichtbar wird , kracht der erste Böllerschuß . “ „ Aber , Herr Director , Sie sind ja heute ganz Eifer und Aufgeregtheit ! “ „ Sparen Sie doch Ihre Kräfte für den wichtigen Moment des Empfanges ! “ „ In Ihrer heutigen Stellung freilich , als Ceremonienmeister und Oberhofmarschall – – ! “ „ Sparen Sie Ihre Witzeleien , meine Herren ! “ unterbrach der Director ärgerlich die Spöttelnden . „ Ich wollte , man hätte Einen von Ihnen mit diesem verwünschten Posten beehrt . Ich habe genug daran ! “ Das ganze sehr zahlreiche Beamtenpersonal der großen Berkow ’ schen Gruben und Bergwerke war in vollster Gala am Fuße der Terrasse des Wohngebäudes versammelt . Das schloßartige , im modernsten und elegantesten Villenstile erbaute Landhaus mit seiner reichen Façade , seinen hohen Spiegelfenstern und dem prachtvollen Eingangsportale machte schon an sich einen großartigen Eindruck , der durch die weiten geschmackvollen Gartenanlagen , welche es von allen Seiten umgaben , noch mehr gehoben wurde , zumal heute , wo Alles im Festgewande erschien . Man hatte augenscheinlich die sämmtlichen Treibhäuser entleert , um Treppenflure , Balcons und Terrassen mit dem reichsten Blumenflore zu schmücken . Die kostbarsten und seltensten Gewächse , die sonst schwerlich mit der freien Luft in Berührung kamen , entfalteten hier ihre Farbenpracht und ihren Blüthenduft . Auf den [ 3 ] weiten Rasenplätzen warfen die Fontainen ihren schimmernden Strahl hoch in die Lüfte , umgeben von dem ganzen sorgfältig gepflegten Schmucke des heimischen Frühlings in seinem ersten Erwachen , und vorn am Eingange öffnete eine riesige Ehrenpforte , mit Guirlanden und Fahnen verschwenderisch decorirt , ihr blumengeschmücktes Thor . „ Ich habe genug daran ! “ wiederholte der Director , indem er in den Kreis der übrigen Herren trat . „ Da verlangt Herr Berkow einen möglichst glänzenden Empfang und glaubt Alles gethan zu haben , wenn er uns einen unbeschränkten Credit auf die Casse anweist , mit dem guten Willen der Leute rechnet er nie . Ja , wenn wir noch die Arbeiter von vor zwanzig Jahren hätten ! Wenn es da einmal einen freien Tag gab , eine Festlichkeit und Abends Tanz , da brauchte man wegen des Vivatrufens nicht in Sorge zu sein , aber jetzt – passive Gleichgültigkeit auf der einen , offene Widersetzlichkeit auf der andern Seite ; es fehlte nicht viel , so hätte man der jungen Herrschaft jeden Empfang überhaupt verweigert . Wenn Sie morgen nach der Residenz zurückkehren , Herr Schäffer , so könnte es nicht schaden , wenn Sie bei dem Bericht über unsere Festlichkeit gelegentlich einen Wink fallen ließen über das , was man dort nicht weiß oder nicht wissen will . “ „ Ich werde mich hüten ! “ entgegnete der Angeredete trocken . „ Haben Sie etwa Lust , die Höflichkeiten unseres verehrten Chefs auszuhalten , wenn er etwas ihm Mißliebiges erfährt ? Ich ziehe in solchem Falle eine möglichst weite Entfernung von seiner Person vor . “ Die übrigen Herren lachten ; es schien gerade nicht , als erfreue sich der abwesende Chef einer besonderen Ehrerbietung in ihrem Kreise . „ Also hat er die vornehme Heirath doch wirklich durchgesetzt ! “ nahm der Ober-Ingenieur das Wort . „ Mühe genug hat er sich darum gegeben , und es ist doch wenigstens ein Ersatz für das Adelsdiplom , das man ihm bisher immer noch hartnäckig verweigerte , und worauf doch sein ganzes Dichten und Trachten gerichtet ist . Zum Mindesten hat er den Triumph zu sehen , daß der alte Adel keinen Anstoß mehr an seinem Bürgerthum nimmt ; die Windegs verschwägern sich ja mit ihm . “ Herr Schäffer zuckte die Achseln . „ Denen blieb wohl überhaupt keine Wahl mehr ! Die derangirten Verhältnisse der Familie sind kein Geheimniß in der Residenz . Ob es dem stolzen Baron gerade leicht geworden ist , seine Tochter zu einer solchen Speculation herzugeben , bezweifle ich : die Windegs gehörten von jeher nicht blos zur ältesten , sondern auch zur hochmüthigsten Aristokratie . Nun schließlich beugt sich auch das einmal der bitteren Nothwendigkeit . “ „ So viel steht fest , uns wird diese vornehme Verwandtschaft ein rasendes Geld kosten ! “ sagte der Director kopfschüttelnd . „ Der Baron hat jedenfalls seine Bedingungen gestellt . Uebrigens kann ich durchaus nicht den Zweck all dieser Opfer einsehen . Ja , wenn es noch eine Tochter wäre , der man Rang und Namen damit erkaufte , Herr Arthur aber bleibt nach wie vor bürgerlich , trotz des uralten Stammbaumes seiner Gemahlin . “ „ Glauben Sie ? Ich möchte für das Gegentheil bürgen . Solche Verwandtschaft thut früher oder später immer ihre Wirkung . Dem Gemahl der Baroneß Windeg-Babenau , dem Schwiegersohn des Barons wird man schließlich doch den Adel nicht versagen , den der Vater bisher vergebens erstrebte , und was diesen betrifft , so wird man es auch nicht hindern können , daß er im Salon seiner Schwiegertochter mit den Kreisen in Berührung kommt , die bis jetzt noch immer entschieden Front gegen ihn gemacht haben . Lehren Sie mich unsern Chef kennen ! Er weiß sehr genau , was diese Heirath ihm einbringt , und deshalb kann er es sich auch etwas kosten lassen . “ Einer von den Verwaltungsbeamten , ein junger , sehr blonder Mann , mit etwas engem Frack und tadellos sitzenden Glacéhandschuhen , hielt es für passend , jetzt gleichfalls eine Bemerkung laut werden zu lassen . „ Ich begreife nur nicht , warum die Neuvermählten ihre Hochzeitsreise hierher in unsere Einsamkeit richten , und nicht nach dem Lande der Poesie , nach Italien – “ Der Ober-Ingenieur lachte laut auf . „ Ich bitte Sie , Wilberg ! Poesie bei dieser Heirath zwischen Geld und Name ! Uebrigens sind die Hochzeitsreisen nach Italien jetzt so Mode geworden , daß sie Herrn Berkow wahrscheinlich auch schon zu bürgerlich erscheinen . Die Aristokratie geht in solchem Falle ‚ auf ihre Güter ‘ , und man will doch nun vor allen Dingen aristokratisch und nur aristokratisch sein . “ „ Ich fürchte , die Sache hat einen ernsteren Grund , “ sagte der Director . „ Man argwöhnt , der junge Herr könnte es in Rom oder Neapel ebenso treiben , wie er es während der letzten Jahre in der Residenz getrieben hat , und der Wirthschaft ein Ende zu machen , war doch wohl die höchste Zeit . Die Verschwendung ging ja zuletzt in die Hunderttausende ! Man kann einen Brunnen ausschöpfen , und Herr Arthur war auf dem besten Wege , seinem Vater dies Experiment vorzumachen . “ Die schmalen Lippen Schäffer ’ s verzogen sich sarkastisch . „ Der Vater hat ihn ja von jeher dazu angehalten , er erntet nur , was er selbst gesäet ! Uebrigens können Sie Recht haben , hier in der Einsamkeit lernt man vielleicht eher dem Zügel einer jungen Frau gehorchen . Ich fürchte nur , sie faßt ihre allerdings wenig beneidenswerthe Aufgabe mit sehr geringem Enthusiasmus auf . “ „ Sie glauben , daß man sie gezwungen hat ? “ fragte Wilberg eifrig . „ Warum nicht gar , gezwungen ! So tragisch geht die Sache in unseren Tagen nicht mehr zu . Sie wird einfach vernünftigem Zureden und einem klaren Einblick in die Verhältnisse nachgegeben haben , und ich bin überzeugt , diese Convenienzehe wird wahrscheinlich eine ganz erträgliche werden , wie in den meisten derartigen Fällen . “ Der blonde Herr Wilberg , der augenscheinlich eine Leidenschaft für das Tragische hatte , schüttelte melancholisch den Kopf . „ Vielleicht auch nicht ! Wenn nun später in dem Herzen der jungen Frau die wahre Liebe erwacht , wenn ein Anderer – mein Gott , Hartmann , können Sie Ihren Zug denn nicht drüben entlang führen ? Sie hüllen uns ja in eine förmliche Staubwolke mit Ihrer Colonne ! “ Der junge Bergmann , an den diese Worte gerichtet waren , und der so eben an der Spitze von etwa fünfzig seiner Cameraden vorüberkam , warf einen ziemlich verächtlichen Blick auf den feinen Gesellschaftsanzug des Sprechenden , und dann einen zweiten auf den sandigen Fahrweg , wo die plumpen Schuhe der Bergleute allerdings einigen Staub aufwirbelten . „ Nach rechts hinüber ! “ commandirte er , und mit einer fast militärischen Pünktlichkeit schwenkte die Schaar ab und schlug die angegebene Richtung ein . „ Ein Bär , dieser Hartmann ! “ sagte Wilberg , sich mit dem Taschentuch den Staub vom Frack fächelnd . „ Hat er wohl ein Wort der Entschuldigung für seine Ungeschicklichkeit ? ‚ Nach rechts hinüber ! ‘ Mit einem Commandotone , als wenn ein General seinen Truppen befiehlt . Und was er sich überhaupt alles herausnimmt ! Hätte sich sein Vater nicht in ’ s Mittel gelegt , er hätte der Martha Ewas verboten , mein Gedicht zum Empfange der jungen gnädigen Frau herzusagen , mein Gedicht , das ich – “ „ Nun bereits aller Welt vorgelesen habe ! “ ergänzte der Ober-Ingenieur halblaut zum Director gewandt . „ Wenn es nur etwas kürzer wäre ! Uebrigens hat er Recht , es war eine Unverschämtheit von Hartmann , das verbieten zu wollen . Sie hätten ihn mit seinen Leuten auch nicht grade hier postiren sollen ; von denen ist kein Empfang zu erwarten , es sind die widerspenstigsten Bursche der ganzen Werke . “ Der Director zuckte die Achseln . „ Aber auch die stattlichsten ! All ’ die Uebrigen habe ich im Dorfe und auf dem Wege hierher aufgestellt , die Elite unserer Knappschaft gehört an die Ehrenpforte . Man will bei solcher Gelegenheit doch wenigstens Staat machen mit seinen Leuten . “ Der junge Bergmann , von dem soeben die Rede war , hatte inzwischen seine Cameraden rings um die Ehrenpforte postirt und sich an ihre Spitze gestellt . Der Director hatte Recht , es waren stattliche Bursche , aber sie blieben doch sämmtlich zurück hinter der Erscheinung ihres Führers , der sie alle fast um Kopfeslänge überragte . Es war eine mächtige , kraftvolle Gestalt , dieser Hartmann , der sich in der dunklen Bergmannstracht äußerst vortheilhaft ausnahm . Das Gesicht war nicht eigentlich schön zu nennen , wenn man die strengen Regeln der Schönheit darauf in Anwendung brachte , die Stirn erschien vielleicht etwas zu niedrig , die Lippen waren zu voll , die Linien nicht edel genug , aber sicher waren diese scharf und fest gezeichneten Züge nicht gewöhnlich . Das blonde Kraushaar legte sich dicht um die breite , wuchtige Stirn , während ein blonder , gleichfalls gekräuselter Bart den unteren [ 4 ] Theil des Gesichtes umgab , dessen kräftige , männlich braune Farbe nicht verrieth , daß es die Luft und den Sonnenschein so oft entbehren mußte . Die Lippen waren trotzig aufgeworfen und in den blauen , ziemlich finster blickenden Augen lag jenes Etwas , das sich nicht beschreiben läßt , das aber von gewöhnlichen Naturen sofort als Ueberlegenheit herausgefühlt und respectirt wird . Die ganze Erscheinung des Mannes war die verkörperte Energie , und so wenig Sympathie sie in ihrer starren Haltung auch erwecken mochte , so entschieden erzwang sie sich Bedeutung gleich beim ersten Anblick . Ein älterer Mann , der , obgleich auch er die Bergmannskleidung trug , doch nicht zu den Arbeitern zu gehören schien , näherte sich jetzt in Begleitung eines jungen Mädchens und blieb dicht vor der Gruppe stehen . „ Glück auf ! Da wären wir jetzt auch ! Wie steht ’ s , Ulrich , seid Ihr in Ordnung ? “ Ulrich bejahte kurz , während die Uebrigen den Gruß des Alten mit einem kräftigen „ Glück auf , Herr Schichtmeister ! “ beantworteten und die Blicke der Meisten sich auf dessen junge Begleiterin wandten . Das etwa zwanzigjährige Mädchen konnte nun allerdings für sehr hübsch gelten und die dort übliche festliche Landestracht stand ihr ganz reizend . Eher klein als groß , reichte ihr Scheitel kaum bis zur Schulter des riesigen Hartmann , dichte dunkle Flechten umgaben ein frisches jugendliches Gesicht , leicht gebräunt von der Sonne , mit blühenden Wangen , klaren blauen Augen und kräftigen , aber dennoch anmuthigen Formen . Sie hatte eine Bewegung gemacht , wie um dem jungen Bergmanne die Hand zu reichen , als dieser aber mit verschränkten Armen stehen blieb , sank auch der ihrige schnell wieder herab ; der Schichtmeister bemerke es und heftete einen scharfen Blick auf Beide . „ Wir sind wohl übler Laune , weil wir unseren Willen diesmal nicht durchgesetzt haben ? “ fragte er . „ Tröste Dich , Ulrich , es kommt selten genug vor , aber wenn Du es zu arg treibst , muß der Vater auch einmal ein Machtwort sprechen . “ „ Wenn ich etwas über die Martha zu sagen hätte , dann hätte ich ’ s gesprochen ! “ erklärte Ulrich entschieden , und ein finsterer Blick glitt über den prachtvollen , jedenfalls dem Treibhause entstammenden Blumenstrauß , den das Mädchen in der Hand hielt . „ Glaube ich Dir ! “ sagte der Alte gleichmüthig , „ sieht Dir ganz und gar ähnlich ! Vorläufig ist sie mein Schwesterkind und hat sich nach mir zu richten . Aber was ist denn das mit Eurer Ehrenpforte da oben ? Die große Flaggenstange hat sich ja gesenkt ! Bindet sie wieder fest oder die ganze Kranzgeschichte fällt herunter . “ Ulrich , an den diese Mahnung hauptsächlich gerichtet war , warf einen gleichgültigen Blick hinauf zu den bedrohten Kränzen , machte aber keine Anstalt , ihnen zu Hülfe zu kommen . „ Hörst Du nicht ? “ wiederholte der Vater ungeduldig . „ Ich dächte , ich stände bei den Gruben in Arbeit , nicht hier bei der Ehrenpforte . Ist ’ s nicht genug , daß wir hier oben Wache halten müssen ? Wer das Ding gebaut hat , mag es auch wieder in Ordnung bringen . “ „ Kannst Du denn das alte Lied nicht einmal heute lassen ? “ fuhr der Schichtmeister ärgerlich auf . „ Nun , so steige einer von Euch Anderen hinauf ! “ Die Bergleute blickten auf Ulrich , als erwarteten sie von diesem ein Zeichen der Zustimmung , da dies aber nicht erfolgte , so rührte sich Keiner , nur Einer machte Miene , der Aufforderung Folge zu leisten ; der junge Führer wandte sich schweigend um und sah ihn an Es war nur ein einziger Blick der herrischen blauen Augen , aber er hatte die Wirkung eines Befehls , Jener trat sofort zurück , keine Hand regte sich mehr . „ Ich wollte , sie fiele Euch auf die harten Köpfe ! “ rief der Schichtmeister heftig , indem er mit jugendlicher Rüstigkeit selbst hinaufstieg und die Flaggenstange festband . „ Vielleicht lerntet Ihr dann , wie man sich bei einem Feste zu benehmen hat . Den Lorenz habt Ihr auch schon verdorben , der war bisher noch der Beste unter Euch , aber der freilich thut ja nur , was sein Herr und Meister , der Ulrich , ihm befiehlt ! “ „ Sollen wir uns vielleicht freuen , daß nun noch ein neues vornehmes Regiment hier angeht ? “ fragte Ulrich halblaut . „ Ich dächte , wir hätten an dem alten genug ! “ Der Schichtmeister , mit der Fahne beschäftigt , hörte zum Glück diese Aeußerung nicht , das junge Mädchen aber , das bisher stumm seitwärts gestanden hatte , wandte sich hastig um und warf einen besorgten Blick nach oben . „ Ulrich , ich bitte Dich ! “ Der trotzige junge Bergmann schwieg nun zwar auf diese Mahnung , aber seine Züge wurden um keinen Schein milder und nachgiebiger dabei . Das Mädchen war vor ihm stehen geblieben , es schien ihm schwer zu werden , etwas auszusprechend , das halb wie eine Frage und doch auch halb wie eine Bitte klang , endlich sagte sie leise : „ Und Du willst heute Abend wirklich nicht zum Feste kommen ? “ „ Nein “ „ Ulrich – “ „ Laß mich in Ruhe , Martha , Du weißt , ich mag Eure Tanzgeschichten nicht . “ Martha trat rasch zurück , ihre rothen Lippen warfen sich jetzt auch trotzig auf und der feuchte Schimmer in ihrem Auge war wohl mehr eine Thräne des Zornes als der Kränkung bei diesem unfreundlichen Bescheide . Ulrich bemerkte das nicht , oder achtete nicht darauf , wie er sich denn überhaupt nicht viel um sie zu kümmern schien . Ohne ein Wort weiter zu verlieren , wandte ihn das Mädchen den Rücken und ging hinüber nach der andern Seite . Die Augen des jungen Bergmannes , der vorhin bei der Fahne hatte helfen wollen , folgten ihr unverwandt , er hätte augenscheinlich viel darum gegeben , wenn die Aufforderung an ihn gerichtet gewesen wäre , er hätte sie sicher nicht so gleichgültig zurückgewiesen . Der Schichtmeister war inzwischen wieder heruntergekommen und betrachtete eben mit großer Befriedigung sein Werk , als vom Hügel drüben der erste Böllerschuß krachte , dem in kurzen Zwischenräumen ein zweiter und dritter folgte . Dies Zeichen von der endlichen Ankunft der Erwarteten rief begreiflicher Weise einige Aufregung hervor . Die Herren drüben geriethen in lebhafte Bewegung . Der Director musterte in der Eile noch einmal sämmtliche Empfangsanstalten , der Ober-Ingenieur und Herr Schäffer knöpften ihre Handschuhe zu , und Wilberg eilte zu Martha hinüber , um sie vielleicht zum zwanzigsten Male zu fragen , ob sie seiner Verse auch sicher sei und nicht etwa durch unzeitige Befangenheit seinen ganzen Dichtertriumph auf ’ s Spiel setze .