Am Altar . Von E. Werner , Verfasser des „ Helden der Feder “ . Der Herbstmorgen war grau und trübe . Der Nebel lagerte noch feucht und dicht auf der Erde , er hing in schweren Tropfen an den dunklen Tannenzweigen und deckte als leichter weißer Reif den Boden der kleinen Waldlichtung , die inmitten der umfangreichen S. ’ schen Forsten lag . Am Rande der Lichtung stand ein junger Bursche von vielleicht sechszehn oder siebzehn Jahren in der groben Uniform , wie sie die Leute des königlichen Försters gewöhnlich trugen , eine gedrungene kräftige Gestalt , die Jagdtasche an der Seite , das Gewehr auf der Schulter . Er schien augenblicklich jedoch keine Jagdzwecke zu verfolgen , sondern stand ruhig an einen Baum gelehnt und blickte mit gleichgültiger Miene in den Wald hinaus , als ein fernes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte . Es klang wie der Galopp von Pferden , der immer näher kam und in einiger Entfernung von der Wiese plötzlich aufhörte ; [ 2 ] statt dessen vernahm man Fußtritte , gedämpfte Stimmen wurden laut , Sporen klirrten ; gleich darauf rauschten die Gebüsche und mehrere Officiere traten auf den freien Platz . „ Wir sind die Ersten , scheint es ! “ sagte der eine von ihnen , ein schöner hochgewachsener Mann in der Uniform eines Cavallerierittmeisters , indem er flüchtig den Ort musterte . Einer seiner Begleiter zog die Uhr . „ Erst drei Viertel auf Acht ! Wir sind zu scharf geritten ; vor Acht werden sie schwerlich hier sein . Ihr hättet übrigens keinen schlechtern Morgen wählen können ; der verdammte Nebel hindert ja überall ! “ Der Rittmeister zuckte leicht die Achseln . „ Bah ! Auf unsere Distance sieht man klar genug . Wer von Euch hat die Pistolen ? “ „ Halt ! “ rief plötzlich einer der jüngeren Officiere . „ Wir sind nicht allein ! Wer steht dort ? “ Er wies auf den jungen Jäger am andern Ende der Wiese , der die Ankommenden mit einem raschen scharfen Blick gemustert hatte , aber , ohne sich weiter um sie zu kümmern , stehen geblieben war . „ Irgend ein Jägerbursche , “ sagte der Rittmeister gleichgültig hinübersehend . „ Indessen , er scheint hier Posto gefaßt zu haben . Saalfeld , sieh zu , daß Du den Menschen wegbringst ; er könnte uns stören . “ Der Angeredete folgte der Weisung , indem er über die Wiese schritt und die Unterhandlung mit dem Betreffenden einzuleiten begann ; diese schien aber nicht das gewünschte Resultat zu haben , denn nach Verlauf von fünf Minuten kehrte der Lieutenant aufgeregt und hochroth im ganzen Gesicht zu seinen Cameraden zurück . „ Nun ? Was giebt es ? “ trat ihm der Rittmeister entgegen . „ Der Mensch will nicht fort ! “ rief Saalfeld heftig . „ Er ist widerspenstig und unverschämt im höchsten Grade ; wir werden ihn zwingen müssen ! “ „ Damit er Lärm macht , uns seine Cameraden oder gar den Förster auf den Hals hetzt und dadurch vielleicht das ganze Recontre in Frage stellt , nicht wahr ? Mit Zwang ist hier nichts auszurichten ; Du wirst den Burschen mit Deiner brüsken Manier gereizt und uns wieder unnöthige Schwierigkeiten bereitet haben . Ich werde selbst mit ihm sprechen . “ Damit schritt der Rittmeister , von den übrigen Officieren gefolgt , auf den Jäger zu und redete ihn leutselig an . „ Hast Du hier an dem Orte irgend etwas zu thun , mein Junge ? “ „ Nein ! “ lautete die sehr lakonische Antwort . „ Oder wartest Du vielleicht auf den Förster oder auf sonst Jemand ? “ „ Nein ! “ „ Nun , dann wirst Du uns wohl auch ohne Schwierigkeit den Platz räumen . Wir beabsichtigen hier Schußwaffen zu probiren und wünschen dabei ungestört zu sein . Hier ist ein Trinkgeld für Deine Gefälligkeit ; geh jetzt und laß uns allein ! “ Die Worte wurden mit ruhiger , freundlicher Herablassung , aber doch in einem Tone gesprochen , der keinen Widerspruch zuließ , und die ganze Art und Weise hatte etwas so Imponirendes , daß das Gehorchen sich von selbst zu verstehen schien ; aber ob der Jägerbursche nun zu Denen gehörte , die sich nicht imponiren ließen , oder ob die brüske Art des Lieutenant Saalfeld , der im Tone des Befehls seine Entfernung verlangt , ihn in der That gereizt hatte , – er kümmerte sich durchaus nicht um den dargebotenen Thaler , sondern entgegnete trocken : „ Danke , Herr Officier ! Ich bleibe hier ! “ „ Aber ich sage Dir doch , daß wir hier Schießübungen vornehmen wollen ! “ In der Stimme des Rittmeisters verrieth sich bereits einige Ungeduld . „ Meinetwegen ! “ war die kaltblütige Antwort . „ Mich hindert das nicht . “ „ Aber uns ! “ rief der Officier , nun auch gereizt werdend . „ Wir wünschen überhaupt keinen Zuschauer , Du hörst es ja ! “ Der junge Jäger lehnte sich ruhig wieder an seinen Baum . „ Ja , das höre ich . Ich bleibe aber nun einmal hier . Wenn also durchaus Einer von uns gehen muß , so – “ „ Unverschämter Bursche ! “ brauste Lieutenant Saalfeld auf und legte die Hand an seinen Degen . Der junge Mensch trat einen Schritt zurück , sah ihn von oben bis unten an , nahm dann langsam sein Gewehr von der Schulter und untersuchte den Hahn desselben . So ruhig und kaltblütig diese Bewegung auch ausgeführt wurde , den Officieren trat doch das Herausfordernde derselben vor Augen ; sie nahmen eine drohende Haltung an , und der Widerspenstige hätte seinen Trotz vielleicht arg büßen müssen , wäre der Rittmeister nicht dazwischen getreten ; auch er war offenbar heftig gereizt , aber er beherrschte sich . „ Keine Gewaltthätigkeiten ! “ sagte er leise , doch in sehr entschiedenem Tone . „ Das Forsthaus ist nicht allzu weit entfernt und Ihr wißt , daß wir allen Grund haben , Aufsehen zu vermeiden . Wenn der Bursche durchaus nicht fortzuschaffen ist , so bleibt uns nichts anderes übrig als das Terrain zu wechseln . Seht zu , daß Ihr einen andern geeigneten Platz im Walde ausfindig macht , während ich unsere Gegner hier erwarte . “ Die Officiere zeigten indeß sehr wenig Lust , sich dieser Anordnung zu fügen , sie waren im höchsten Grade aufgebracht und es bedurfte des ganzen Ansehens ihres Cameraden , sie von Gewaltschritten gegen den unwillkommenen Störer abzuhalten , der vollkommen gleichgültig und unbewegt dreinschaute , als ginge ihn die Sache nicht im mindesten an . Es gab ein heftiges Hin- und Herreden , das erst durch die Ankunft dreier anderer Herren unterbrochen wurde . Sie blieben befremdet stehen , als sie den Wortwechsel auf der Wiese vernahmen , und blickten fragend auf die Officiere . Lieutenant Saalfeld trat sogleich höflich auf sie zu . „ Ich bedaure , meine Herren , Sie von einem sehr unangenehmen Zwischenfall in Kenntniß setzen zu müssen . Wir fanden bei unserer Ankunft hier diesen Menschen vor , der sich starrköpfig weigert , den Platz zu räumen , und auf keine Weise fortzuschaffen ist . Es wäre ein Leichtes , ihn mit Gewalt wegzubringen , aber Sie begreifen – der Lärm , den der Bursche erheben würde – es ist empörend ! “ „ Allerdings sehr unangenehm ! “ stimmte einer der neuen Ankömmlinge bei . „ Könnte man nicht – aber ich vergesse , die Herren einander vorzustellen . Herr Doctor Ried , der die Güte haben wird , uns seinen ärztlichen Beistand zu leihen – Herr Baron von Saalfeld , der Secundant des Grafen Rhaneck . “ Die Herren verneigten sich und der Arzt warf einen Blick hinüber nach dem Störenfried . „ Der da ? “ sagte er kopfschüttelnd . „ Da geben Sie nur die Hoffnung auf , ihn mit Güte oder Gewalt fortzubringen , Herr Baron . Ich kenne den Burschen , es ist der Sohn des Unterförsters Günther . Der läßt sich zur Noth todtschlagen , wenn es nicht anders geht , aber wegbringen von dem Platze , auf dem er sich einmal vorgenommen hat , stehen zu bleiben , läßt er sich nicht , das ist vergebene Mühe . “ Saalfeld unterdrückte einen halblauten Fluch . „ Graf Rhaneck schlug allerdings vor , das Terrain zu wechseln , aber es wäre doch unerhört , müßten wir der Unverschämtheit eines solchen Menschen weichen – “ „ Das ist nicht nöthig ! “ nahm jetzt der jüngste der zuletzt Gekommenen , der bisher schweigend zugehört , das Wort . „ Lassen Sie ihn hier , wenn er durchaus nicht fortzubringen ist . Herr Doctor , da Sie den jungen Menschen kennen , so haben Sie wohl die Güte , ihn unter Ihre Obhut zu nehmen , damit er uns nicht etwa stört oder verräth . In einer Viertelstunde ist unsere Angelegenheit abgethan , verborgen kann der Ausgang doch nicht bleiben , und – jetzt keinen Aufschub weiter , ich bitte dringend darum . “ Saalfeld vernahm mit augenscheinlicher Befremdung den Vorschlag , der so sehr gegen das Herkommen stritt , dennoch ging er , ihn seinem Freunde mitzutheilen . Wider Erwarten willigte der Rittmeister sofort ein . „ Er hat Recht ! “ sagte er hastig . „ Nur jetzt keinen Aufschub , der neue Störung bringen könnte . Der Doctor mag für den Burschen einstehen . Triff Deine Vorbereitungen , Saalfeld . “ Der Arzt war inzwischen zu dem jungen Günther getreten und blieb dicht vor ihm stehen . „ Guten Morgen , Bernhard ! “ „ Guten Morgen , Herr Doctor ! “ erwiderte der Angeredete , höflicher als man es , seinem früheren Benehmen nach , ihm hätte zutrauen sollen . „ Warum in aller Welt willst Du den Platz hier durchaus nicht räumen ? “ examinirte der Arzt , indem er mit einem halb zornigen , halb verwunderten Blick den sechszehnjährigen Burschen maß , der allein den fünf Officieren die Spitze bot . [ 3 ] „ Ich will nicht ! “ war die gleichgültige Antwort , in der doch zugleich ein störrischer Trotz lag . „ So ? Höre , Bernhard , es ist ein Glück , daß du nächstes Jahr in die Stadt und zum Militär kommst . Man wird Dir Dein ‚ Ich will nicht ! ‘ mit der Disciplin wohl etwas austreiben , und gnade Dir Gott , wenn einer von den Officieren dort Dein Vorgesetzter wird , Du würdest den Trotz arg zu büßen haben , wie Du ihn jetzt schon büßen müßtest , hätten die Herren nicht allen Grund – ja so , das brauchst Du nicht zu wissen . Nun aber sei einmal vernünftig ! Das Hierbleiben hast Du durchgesetzt , jetzt bleibst Du aber ruhig hier an meiner Seite stehen und rührst Dich für ’ s Erste nicht . Hast Du mich verstanden ? “ Die leise , aber nachdrückliche Strafpredigt , so ernstlich sie auch gemeint sein mochte , wurde doch in einem so väterlichen Tone , mit so unverkennbarem Wohlwollen gehalten , daß sie ihre Wirkung auf den jungen Starrkopf keineswegs verfehlte . Ihm genügte es augenscheinlich , daß er den Officieren gegenüber seinen Platz behauptet hatte , und er fügte sich jetzt der ihm gewordenen Anweisung , ohne eine Miene zu verziehen . „ Nun ? “ fragte der Begleiter des Arztes herantretend . „ Ich nehme den Störenfried auf mich , er wird uns nicht hindern . Wenn es also durchaus sein muß – “ Der Andere unterdrückte einen Seufzer . „ Sie wissen wohl , daß es hier keine Wahl giebt . Also auf Ihre Verantwortung – darf ich bitten , Herr von Saalfeld ? “ Die Secundanten maßen die Schritte ab und luden die Waffen . Was die beiden Parteien hier auf den Kampfplatz geführt , war sicher nicht eine gewöhnliche , vielleicht in der Hitze oder Uebereilung gefallene Beleidigung und die Nothwendigkeit einer Genugthuung dafür . Man sah es an dem furchtbaren Ernst auf all den Gesichtern ringsum , an dem entsetzlich kleinen Raum , auf dem die Kugeln gewechselt werden sollten , vor Allem an der Haltung der beiden Gegner , daß es sich hier um Leben und Tod handelte . Sie standen abgewendet von einander , noch hatte Keiner dem Anderen einen Blick gegönnt , selbst die alte Sitte des Grußes vor dem Zweikampfe war unterblieben , die Verneigung hatte nur den beiderseitigen Begleitern gegolten . Der Rittmeister stand mit verschränkten Armen und folgte schweigend den Vorbereitungen , aber selbst diese ruhige Haltung vermochte nicht die Erregung zu verbergen , in der er sich sichtlich befand . Die Stirn war dunkelroth , die Lippen zuckten bisweilen leise , und doch bedurfte es nur eines Blickes in das Gesicht des Mannes , um zu wissen , daß die bevorstehende Gefahr keinen Antheil an dieser Erregung hatte . Der Muth , den schon sein Stand ihm zur Pflicht machte , sprach zu deutlich aus diesen kühnblitzenden Augen , aus diesem schönen lebensvollen Antlitz , das nur durch Eins entstellt ward , durch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen , die erst dort stand , seit der Gegner den Kampfplatz betreten , und sich mit jeder Minute tiefer in die Stirn grub , der sie ein eigenthümlich hartes und feindseliges Gepräge lieh . Sein Gegner in bürgerlichem Anzug war bedeutend jünger als er , eine hohe schlanke Gestalt , ein blasses ernstes Gesicht , mit tiefschwarzem Haar und tiefen dunklen Augen . Die Züge redeten von angestrengter geistiger Arbeit , von Nachtwachen und dumpfer Stubenluft , vielleicht auch von Sorgen und Entbehrungen , sonst mochten sie wohl leidenschaftlich aufflammen können , jetzt lag eine starre finstere Ruhe darauf , die eisig Alles gefangen hielt , was sich vielleicht früher darunter geregt und gezuckt hatte . Er schenkte den Vorbereitungen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit ; an den Stamm der großen Eiche gelehnt , die inmitten des Platzes stand , blickte er unbeweglich hinaus in den verschleierten Wald . Schon kämpfte die Sonne mit dem Nebel , aber noch vermochte sie nicht , ihn zu durchdringen , es lagerte noch ringsum schwer und grau wie Todesschatten . Der Morgenwind strich mit leisem Wehen über das braune Haidekraut und flüsterte in dem Wipfel der Eiche , von der die welken Blätter niedersanken ; eins davon streifte feucht und kalt die Stirn des unten Stehenden . Er blickte schweigend nieder auf das fallende Laub und dann wieder hinein in den Nebel , der vor ihm wogte . Die Vorbereitungen waren geendigt , die Gegner empfingen die Waffen und nahmen ihre Plätze ein . Zum ersten Male begegneten sich jetzt ihre Augen und vorbei war es mit der finsteren Ruhe des Jüngeren , vorbei mit all der mühsam erkämpften und bis hierher behaupteten Selbstbeherrschung . Was jetzt in seinem Antlitz aufflammte , das war eine so furchtbare Drohung , ein so wilder tödtlicher Haß , daß man wohl sah , hier galt es Tödten oder Fallen , es gab kein Drittes , aber die furchtbare Erregung drohte verhängnißvoll für ihn zu werden , die Waffe bebte in seiner Hand . Ihm gegenüber stand der Officier . Nicht die Kugel , das Auge des Gegners war es , was er gefürchtet , und unter diesem Auge stieg langsam eine flammende Röthe in seinem Gesicht auf , wo eine tödtliche Scham mit verhaltenem Ingrimm kämpfte , aber zugleich trat jener grausame Zug auf der Stirn schärfer und deutlicher hervor und die Waffe hatte fest und sicher die tödtliche Richtung , als das Zeichen gegeben ward . Der jüngere schoß zuerst , die Kugel flog dicht an dem Haupte des Officiers vorüber und riß ihm die Epaulette von der linken Schulter , er selbst stand unverletzt , in der nächsten Secunde krachte auch sein Schuß – ein halb erstickter Schrei , ein Niederstürzen , ein hervorquellender Blutstrom – das Duell war zu Ende . Der Arzt und der Secundant waren zu dem Gefallenen geeilt und Ersterer untersuchte die Wunde , auch die Officiere waren näher getreten und warteten schweigend das Resultat der Untersuchung ab ; nach einigen Minuten blickte der Arzt auf und zuckte ohne zu sprechen die Achseln . „ Tödtlich ? “ fragte der Rittmeister halblaut . „ Ja ! “ Da schlug der Verwundete noch einmal das Auge auf und heftete es auf den Fragenden . Es war nur ein einziger Blick , der brechende Blick eines Sterbenden , aber es mußte etwas Furchtbares darin stehen , der Officier zuckte zusammen , er war todtenbleich geworden und wendete sich hastig ab . „ Meine Herren , ich lasse den Verwundeten in Ihrer Obhut ! Wenn meine Cameraden Ihnen in irgend einer Weise Beistand leisten können – “ Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung . „ Was hier noch zu thun ist , dazu reichen wir Beide allein aus . Gehen Sie , meine Herren , und überlassen Sie das Weitere uns . “ „ Dürfen wir Ihnen vielleicht unseren Wagen – ? “ fragte Saalfeld . „ Ich danke , wir haben den unsrigen gleichfalls in der Nähe . Sorgen Sie nicht , das hier noch Mögliche wird geschehen ! “ Die Officiere grüßten schweigend und entfernten sich , die Sporen klirrten , die Gebüsche rauschten , dann vernahm man den Hufschlag der Pferde , der sich weiter und weiter entfernte , endlich ward es still . Und still war es jetzt auch auf der Wiese , der Sterbende lag bewußtlos mit geschlossenen Augen , sein Secundant kniete neben ihm , mit den Armen seinen Kopf stützend , der Arzt stand an der anderen Seite und zählte die Pulsschläge , die nur seine geübte Hand noch zu finden vermochte , auf einmal fühlte er leise seinen Arm berührt , der junge Günther stand neben ihm . „ Unser Haus ist nicht weit , “ flüsterte er , „ wenn Sie vielleicht – “ ein Blick auf den Verwundeten vollendete den Satz . „ Danke , mein Junge ! “ gab der Arzt in demselben Tone zurück , „ aber es ist zu spät , hier kann nichts mehr helfen . “ Der Secundant blickte auf . „ Aber , Doctor , wollen wir ihn denn hier auf dem feuchten Waldboden sterben lassen ? Wir könnten ihn doch wenigstens in ’ s Forsthaus tragen . “ „ Nein ! “ sagte der Arzt bestimmt . „ Er hält den Transport nicht aus , die erste Bewegung hat den Tod zur Folge , und übrigens stirbt es sich grade so leicht oder so schwer unter freiem Himmel , als zwischen vier engen Wänden . In wenig Minuten ist ohnedies alles vorüber . “ Die Unterredung war im leisen Flüstertone geführt worden , jetzt trat eine Pause ein , keiner der drei Männer sprach , schweigend erwarteten sie das Nahen des Todes . Man vernahm nichts als die immer schwächer und schwächer werdenden Athemzüge des Sterbenden , dann noch ein letztes tiefes Aufathmen , ein Aufzucken , ein erneutes Hervorbrechen des Blutstromes – es war vorüber . Der Secundant ließ langsam den Kopf seines Freundes niedergleiten , er hatte den Todeskampf mit keiner Bewegung gestört ; jetzt , wo nichts mehr zu schonen war , brach die Fassung des jungen Mannes zusammen ; der Arzt ehrte seinen Schmerz , er winkte dem jungen Günther , sich mit ihm zurückzuziehen , erst in einiger Entfernung von der Gruppe blieben sie stehen . [ 4 ]  „ Nun , Bernhard , “ die sonst so freundliche Stimme des Doctors hatte einen Klang tiefer Bitterkeit , „ also Du hast es mit Deinem Starrkopf wirklich durchgesetzt , ein Duell mit anzusehen . Bist Du nun zufrieden ? Bernhard blickte ihn alt , sein vorhin so ruhiges Gesicht war bleich , die Gleichgültigkeit , die er während des ganzen Streites mit den Officieren bewahrt hatte , war jetzt völlig geschwunden . „ Das war ja – ein Mord ! “ sagte er langsam . „ So ? Meinst Du ? Nun , dann sahest Du wenigstens , daß er in vollster Ordnung , mit aller gegenseitigen Höflichkeit und Einwilligung vor sich ging , und daß wir Anderen dabei standen , ohne auch nur die Hand zur Rettung zu rühren . Die Herren in der Stadt haben ein Privilegium auf diese Art Mord , mein Sohn ! “ „ Aber weshalb schossen sie beide ? “ fragte Bernhard , das Auge noch immer unverwandt auf den Todten gerichtet . „ Hm , das ist schwer zu erklären , wenigstens Dir gegenüber . Es handelte sich um eine tiefe , eine tödtliche Beleidigung , die mit Blut gesühnt werden sollte . Wie sie gesühnt ward , das hast Du ja soeben gesehen ! Der Beleidigte wußte nicht mit Pistolen umzugehen , deshalb fehlte er , und der Beleidiger war ein trefflicher Schütze , deshalb schoß er den Gegner nieder – man nennt das auf deutsch ‚ seiner Ehre genug thun ‘ , merke Dir das ! “ Mit diesen in schneidendem Tone gesprochenen Worten wandte der Arzt sich von ihm und trat wieder zu der Gruppe . Der Secundant hatte sich inzwischen etwas gefaßt , er stand auf . „ Wir werden ihn jetzt wohl in den Wagen tragen müssen , Doctor ! Wollen Sie mich auf einem schweren Gange begleiten ? Sie wissen , wohin ich mit der Leiche fahre ; ich habe nicht den Muth , allein hinzutreten mit einer solchen Nachricht ! “ Der Arzt reichte ihm die Hand . „ Ich komme mit Ihnen ! Freilich ist ’ s ein schwerer Gang , noch dazu hier , wo mit dem einen Leben Alles zusammenbricht . Wollte Gott , wir hätten die Stunde erst hinter uns ! “ Sie hoben den Todten empor , Bernhard legte unaufgefordert mit Hand an und Niemand wehrte ihm ; langsam traten die Männer mit ihrer Last den Rückweg an und schlugen die Richtung nach dem in einiger Entfernung wartenden Wagen ein . – Still und einsam lag die kleine Waldwiese , wo sich vor kurzem noch so viel Leben geregt , wo eins davon sich verblutet hatte . War es der letzte Act eines längst begonnenen Drama ’ s , was sie soeben gesehen , oder der erste eines eben beginnenden – wer konnte Auskunft darüber geben ? Die Sonne kämpfte sich allmählich durch den Nebel , er wallte und wogte hin und her und verschwebte endlich als blauer Duft fern im Walde . Siegreich behaupteten die Strahlen ihre Bahn , hellbeschienen standen die riesigen Föhren mit ihren rothen Stämmen und hoben die starren Häupter empor in die klare duftige Herbstluft , und goldene Lichter spielten auf dem herbstlich bunten Laub der Eiche . Die Sonne schmolz den Reif vom Boden und mit ihm die Spuren der Fußtritte , die einzigen Spuren des stattgehabten Kampfes . Nur dort , wo der Todte gelegen , zeichnete sich in schwachen Umrissen , aber noch deutlich erkennbar , ein dunkler Fleck auf dem Rasen ab ; es sah aus , als sei ein Schatten dort zurückgeblieben , der Schatten irgend eines unsichtbaren Gegenstandes , der unverrückbar und geisterhaft mitten in dem hellen Sonnenscheine lag . Ein leichter offener Jagdwagen , von zwei munteren Braunen gezogen , rollte im schärfsten Trabe den Waldweg entlang , der von der Eisenbahnstation E. hinein in das Gebirge führte . Der Herr , welcher von seinem Sitze aus das Gefährt selbst lenkte , hielt die Zügel mit so gleichgültiger Ruhe , als sei es eine Kleinigkeit für ihn , die jungen wilden Thiere zu bändigen . Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren , eine gedrungene , markige Gestalt ; schwarzes kurzgeschnittenes Haar umgab eine breite , massive Stirn , auf die Erfahrungen und Sorgen schon manche Linien gezeichnet hatten . Die Züge konnten für gewöhnlich , ja für plump gelten , und sie wurden es noch mehr durch einen Ausdruck von Phlegma , der anscheinend darauf ruhte ; wer aber länger und tiefer in dies Gesicht sah , fand bald genug heraus , daß es mehr enthielt , als es beim ersten Anblick zu versprechen schien . In dem scharfen , wachsamen Auge zumal lag entschieden nichts Gewöhnliches , es war der Blick eines Mannes , der gewohnt ist , ohne Hast , aber auch ohne Rast im Leben vorwärts zu gehen , ein Blick , der wenn er erst einmal ein Ziel in ’ s Auge faßt , es auch unverrückbar festhält und nicht wieder losläßt , bis er es erreicht hat . Was in den Zügen als Phlegma erschien , das gab sich in dem Auge als kalte überlegene Ruhe kund , die zwar erst allmählich und langsam , aber desto sicherer auf den Beobachter wirkte . Es konnte nicht leicht einen schärferen Contrast geben , als diesen Mann und das junge , kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen , das an seiner Seite saß . Diesem rosigen Antlitz war sicher noch nie der Ernst des Lebens genaht , diese klare , weiße Stirn hatte gewiß keine Sorge je berührt ; das volle Kinderglück strahlte noch aus den dunkelblauen Augen , die groß und verwundert in die fremde Welt hineinblickten , lächelte noch schelmisch unbefangen aus den kleinen Grübchen der Wangen , das ganze reizende Gesichtchen war ein Sonnenschein . Eine Fülle brauner Locken quoll lose , nur an der Stirn von einem Bande zusammengehalten , unter dem kleinen Strohhute hervor und wallte herab auf das einfache graue Reisekleid , das die feine zierliche Gestalt umschloß . Die schwindelnd schnelle Fahrt gewährte ihr augenscheinlich großes Vergnügen und es lag nicht die leiseste Spur von Besorgniß , wohl aber sehr viel jugendlicher Uebermuth in dem silberhellen Lachen , womit sie jetzt ausrief : „ O ! Wir fliegen ja förmlich ! Am Ende gehen die Pferde noch mit uns und dem Wagen durch . “ „ Wenn ich die Zügel in Händen habe , sicher nicht ! “ lautete die im ruhigsten Tone gegebene Antwort , ohne daß auch nur der geringste Versuch gemacht ward , den Lauf der Thiere zu mäßigen . Die junge Dame sah etwas enttäuscht aus , es schien fast , als habe sie sich auf das Durchgehen und das damit nothwendig verbundene Abenteuer gefreut . „ Werden wir bald in Dobra sein ? “ begann sie voll neuem , nach einem mißlungenen Versuch , durch die dichten Waldbäume hindurch irgend etwas von der Gegend zu entdecken . „ In einer halben Stunde . Nimm Dich zusammen , Lucie , ich werde Dich sogleich bei unserer Ankunft Deiner neuen Erzieherin vorstellen . “ Lucie verzog die rosigen Lippen , als gebe man ihr etwas sehr Bitteres zu kosten . „ Wenn ich nur wüßte , was ich jetzt noch mit einer Erzieherin anfangen soll ! Du weißt doch , Bernhard , daß ich bereits im vorigen Monat sechszehn Jahre geworden bin ! “ Es lag sehr viel Selbstgefühl und noch mehr Indignation in diesen Worten , leider blieben sie aber ganz und gar wirkungslos dem starren Begleiter gegenüber , auf dessen Lippen nur ein sarkastisches Lächeln erschien . „ Sechszehn Jahre ? Allerdings ein sehr ehrwürdiges Alter , nichtsdestoweniger wirst Du verzeihen , daß es mir nicht genügenden Respect einflößt , um Dich sofort zur Dame und Herrin von Dobra zu erheben , und daß ich es vielmehr vorziehe , Dich für ’ s Erste noch unter die Obhut einer Gouvernante zu stellen . Uebrigens bringt Fräulein Reich die besten Empfehlungen und alle die nöthigen Eigenschaften zu ihrem , wie mir scheint , nicht gerade leichten Amte mit . Du wirst Dich bald mit ihr befreunden . “ „ Ich mag sie gar nicht ! “ schmollte Lucie mit dem ganzen Eigensinn eines verzogenen Kindes ; „ ich weiß im Voraus , daß ich sie nie werde leiden mögen . Die Gouvernanten sind alle steif und langweilig wie Miß Gibbon , oder nervös und sentimental wie Mademoiselle Ormond , oder feierlich wie Madame Schwarz höchstselbst , die beim bevorstehenden Weltuntergange noch ihre Robe in Falten legen würde , um mit Anstand unterzugehen , oder – “ „ Ich bitte Dich , Lucie , geht das so fort , bis wir in Dobra sind ? Du hast eine eigenthümliche Art , Dich für genossene Erziehung dankbar zu erweisen . Nach dem Resultat freilich , das ich vor mir sehe , scheint die pädagogische Befähigung jener Damen auf keiner allzuhohen Stufe stehen . “ „ O , mit mir richteten sie Alle nichts aus , “ Lucie schüttelte triumphirend ihre Locken , „ trotzdem sie mindestens einmal in der Woche allesammt über mich zu Gericht saßen . Madame Schwarz hielt mir dann jedesmal vor , ich sei ein Irrwisch , der ihr ganzes Pensionat in Verwirrung bringe , und überall Revolution anstifte ; [ 6 ] Mademoiselle vergoß Thränen und erzählte , wie oft ich ihr wieder Nervenzucken verursacht , und Miß Gibbon stand dabei , schüttelte ihr weises Haupt und murmelte indignirt : ’ t is shocking – ich glaube , sie waren sämmtlich froh , als Du mich zurückfordertest und ich der Pension den Rücken kehrte . “ „ Wirklich ! Nun dann ist es allerdings nothwendig , daß Du in andere Hände kommst . Ich habe bisher nicht viel Zeit gefunden , mich um Deine Erziehung zu kümmern , Lucie , und werde sie auch in Zukunft kaum finden , aber merke Dir ein für allemal , daß , wenn die Autorität von Fräulein Reich nicht ausreichen sollte , jetzt die meinige dahinter steht , der Du Dich hoffentlich fügen wirst , und daß ich Verwirrung und Revolutionen in meinem Hause überhaupt nicht dulde , am allerwenigsten aber von einer Schwester , die mir soeben deutlich beweist , daß sie , anstatt in den Salon , noch ganz und gar in die Kinderstube