Erstes Kapitel . Die Nebelschleier , die so lange und schwer auf den Bergen gelegen hatten , begannen sich zu lichten . Das feuchte Wolkenmeer , das die Landschaft ringsum einhüllte , geriet in Bewegung . Es gab ein unruhiges Wogen und Wallen , ein Kämpfen und Ringen , und endlich brach sich die Sonne siegreich Bahn durch Nebel und Wolken . Sie versanken in den Schluchten , zerflatterten auf den Höhen , und der so lang ersehnte Sonnentag stieg in vollster Klarheit über dem Hochgebirge empor . Auf einer kleinen Wiese , die rings von dunklen Tannen umgeben , inmitten des Bergwaldes lag , stand ein noch junger Mann in der Tracht der Gebirgsbewohner . Es war eine hohe , fast riesige Gestalt , der man es ansah , daß eine eiserne Kraft in ihren Muskeln und Sehnen wohnte . Das energische , ausdrucksvolle Antlitz hatte ein eigentümliches Gepräge , das zugleich anzog und abstieß . Der Ausdruck kecken Trotzes in den sonnenverbrannten Zügen paßte zwar zu der ganzen Erscheinung , die selbst in ihrer Haltung etwas Herausforderndes hatte , aber es lag zugleich etwas Finsteres , Unstetes in dem Gesicht , das nicht sympathisch berührte , und in dem Aufblitzen der dunklen Augen verriet sich eine Leidenschaftlichkeit , die wohl leicht zur Wildheit werden konnte . Der Mann stand unbeweglich , den Stutzen auf der Schulter , den Hut mit der Spielhahnfeder auf das dunkle Kraushaar gedrückt , und war offenbar stolz darauf , daß er dem städtisch gekleideten Herrn , der zeichnend vor ihm saß , als Modell diente . Der Fremde , der am Rande des Waldes auf den bemoosten Wurzeln einer Tanne Platz genommen hatte , mochte ungefähr in dem gleichen Alter sein , etwa sechs- bis siebenundzwanzig Jahre , sonst aber stand sein Äußeres im schärfsten Gegensatz zu der kraftvollen Erscheinung des Gebirgssohnes . Auf dem nicht eigentlich schönen , aber sehr anziehenden Gesicht , mit den weichen , beinahe zarten Linien , lag eine tiefe Blässe , und der Ausdruck von Müdigkeit und Abspannung darin entsprach nur zu sehr dieser krankhaften Farbe . Unter dem blonden Haar , das tief in die Stirn fiel , blickte ein Paar schöner , tiefdunkler Augen träumerisch hervor . Das Haar war feucht von den Tropfen , welche die Äste des Baumes noch zahlreich niedersandten , aber der junge Mann achtete nicht darauf , sondern zeichnete eifrig und schweigsam weiter . Diese Schweigsamkeit und das ungewohnte Stillstehen schienen den andern zu langweilen ; in seiner Stimme verriet sich einige Ungeduld , als er fragte : » Wird ' s noch lange währen mit dem Bild ? « » Ich bin sogleich fertig , « versetzte der Zeichnende mit einem letzten , flüchtigen Aufblick . » Halten Sie nur noch eine Minute aus , Adrian , dann gebe ich Sie frei . « Er vollendete mit einigen raschen Strichen die Zeichnung und ließ dann den Stift sinken . » So ! Jetzt sagen Sie mir , ob Sie sich auf dem Blatt wiedererkennen . « Adrian kam der Aufforderung nach ; er trat heran und betrachtete das vorgehaltene Blatt . » Das ist grad ' , als wenn ich in den Spiegel schau ' , « sagte er bewundernd . » Das haben Sie schön gemacht , Herr Siegbert , sehr schön ! « Siegbert schüttelte leise den Kopf , indem er auf seine Zeichnung niederblickte . » Ähnlich ist es ! Aber es fehlt etwas in dem Gesicht , ein Zug , der ihm erst das charakteristische Gepräge gibt . Ich sehe ihn ganz deutlich , aber ich kann ihn nicht bannen und festhalten . « Er schlug plötzlich die Augen auf und heftete sie voll und unverwandt auf den vor ihm Stehenden . Adrian schien das jedoch unbequem zu finden , denn er wandte den Kopf zur Seite . » Was haben Sie denn ? « fragte Siegbert unbefangen . » Ich kann ' s nicht leiden , wenn mir einer so starr in die Augen schaut , « gab Adrian halb trotzig , halb entschuldigend zur Antwort , und setzte dann rasch hinzu : » Sie wollen also ein Bild , ein wirkliches , großes Bild aus dem Blatt da machen ? « » Vielleicht ! « Es klang etwas wie trüber Zweifel in dem Tone . » Wenn ich dazu komme , es auszuführen . « » Und ich soll auf dem Bilde sein , leibhaftig , so wie ich da stehe ? « » Nein , Adrian , nicht wie Sie da stehen . Eine Figur , wie die Ihrige , setzt man nicht so ohne weiteres in eine Berglandschaft hinein . Solche Gestalten kommen nur in irgendeinem leidenschaftlichen Vorgänge zur Geltung , in einem Kampfe zum Beispiel , in einem Ringen auf Leben und Tod – « Er hielt inne , betroffen von dem jähen Auffahren Adrians . Dieser hatte mit beiden Händen den Griff seines Stutzens gefaßt , und in seinem Auge blitzte es wild und drohend auf , als er mit rauher Stimme hervorstieß : » Was soll das ? Wer hat Ihnen das gesagt ? « » Mir ? « fragte der junge Mann mit äußerster Befremdung . » Was denn ? Mir hat niemand etwas gesagt . « » Ich wollt ' es auch keinem raten ! « grollte Adrian , noch immer mit finsterer Drohung . » Aber , was meinen Sie denn eigentlich ? Welchen Sinn legen Sie meinen Worten unter ? Sie waren ganz harmlos gemeint . « Die Hände Adrians lösten sich langsam von der Waffe , und sein Blick sank zu Boden . » Nichts , gar nichts ! Ich meinte nur , Ihnen wäre das dumme Gered ' zu Ohren gekommen , das – nichts für ungut , Herr Siegbert ! Ich glaub ' es Ihnen , daß Sie mich nicht haben kränken wollen , Ihnen glaub ' ich ' s , wenn Sie es mir sagen , denn Sie lügen nicht . « Über Siegberts Antlitz zog ein flüchtiges Lächeln bei den letzten , mit fast leidenschaftlicher Wärme gesprochenen Worten . » Sie scheinen überhaupt eine sehr hohe Meinung von mir zu haben . Gegen alle anderen sind Sie schroff und unzugänglich , nur mit mir allein machen Sie eine Ausnahme . Was ist es denn eigentlich , das mir Ihr Vertrauen gewann ? « » Weiß ich ' s ? « sagte Adrian mit einem langen Blick in die ernsten , dunklen Augen des Fragenden . » Vielleicht kommt ' s daher , daß Sie mir die Hand drückten , das erstemal , wo wir zusammentrafen , und ich hatte doch wenig genug getan . Sie waren im Nebel auf die Klippen geraten , und ich brachte sie wieder auf den Weg zurück . Ein anderer hätte mir ein Geldstück gegeben und mich laufen lassen . Sie dankten mir , wie ich ' s noch selten gehört habe , und sahen mich dazu an , wie eben jetzt – in Ihren Augen liegt es , daß ich Sie leiden mochte , gleich vom ersten Tage an . « » Und doch wollen Sie diesen Augen nicht standhalten ? « scherzte der junge Maler . » Sie sind ein seltsamer Mensch , Adrian ! Ich möchte Sie beneiden um Ihre kraftvolle Natur , um den kühnen Trotz , mit dem Sie alle Welt herausfordern , wenn nur nicht dies Unstete , Unheimliche in Ihrem Wesen läge , das mich immer wieder zurückstößt . Was war das wieder für eine Wildheit , die vorhin ohne jede Veranlassung hervorbrach ! Je länger ich mit Ihnen verkehre , desto rätselhafter werden Sie mir . « Adrian gab keine Antwort ; er wollte offenbar dies Gespräch nicht fortsetzen , so schwieg auch Siegbert , und sein Blick verlor sich träumend in den Himmel , der sich zum erstenmal seit Wochen wieder klar und wolkenlos über den Bergen wölbte . Von dem Gebirge war freilich hier nicht viel zu sehen , denn der Wald verbarg die Aussicht . Nur ein einzelner riesiger Berg blickte mit seinen grünen Matten gerade herein in die stille Waldwiese , und über diesem sonnigen Grün erhob sich eine mächtige Felswand , die , jäh und schroff ansteigend , in tausend Klüfte und Zacken zerrissen , den Gipfel des Berges krönte . Auf ihren Spitzen lag noch der Schnee , den die Wolken dort zurückgelassen hatten , er hob sich leuchtend ab von dem blauen Himmelsgewölbe . Dort oben schwebte ein dunkler Punkt , der zuerst unbeweglich schien , dann aber in weiten , regelmäßigen Bahnen die sonnige Luft durchschnitt . Es war ein Adler , der langsam und majestätisch dort über der Felswand seine Kreise zog . Anfangs in unerreichbarer Hohe , kaum dem Auge sichtbar , senkte er sich allmählich immer tiefer herab . Jetzt umkreiste er mit mächtigem Flügelschlage die schneeigen Spitzen , und auf einmal schoß er jäh herab und verschwand zwischen den Felsen . Siegberts Augen hatten sich wie gebannt an jenen Flug geheftet ; er schien vollständig vergessen zu haben , daß er nicht allein war , und fuhr wie aus einem Traume erwachend empor , als Adrian plötzlich sagte : » Wenn ich den Burschen da nur einmal zum Schuß bekommen könnte ! « » Wen ? Den Adler ? Sie wollen das prachtvolle Tier niederschießen ? « » Ja , was denn sonst ? « Die Frage klang sehr verwundert . Siegbert besann sich und fuhr mit der Hand über die Stirn . » Freilich , Ihnen ist der Adler nur eine Jagdbeute und nichts weiter . Ich – dachte an etwas anderes bei seinem Fluge . « » Ich habe ihn schon längst aufs Korn genommen , « meinte Adrian gleichmütig , » aber ich treffe ihn nie schußgerecht . Er hat sein Nest da oben an der Egidienwand , und es ist auch ein Junges darin , aber dem Vogel wie dem Neste ist nicht beizukommen . « » Das glaube ich ! « Siegbert folgte der bezeichneten Richtung und maß die schwindelnde Höhe , wo der Blick nichts unterschied als wild zerklüftetes Gestein . » Dort also , unter den höchsten Zacken der Egidienwand ? Da hinauf tragen freilich nur Flügel . « » Nur Flügel ? « wiederholte Adrian mit einem kurzen Auflachen . » Nun , ich käme zur Not auch noch hinauf ohne Flügel , und ich hätt ' es auch schon längst versucht , wenn nicht – « er brach plötzlich ab und verstummte . » Sie werden doch nicht eine solche Tollkühnheit begehen ! « rief der junge Maler unwillig . » Und warum ? Um einer bloßen Prahlerei willen ! « Adrian warf trotzig den Kopf zurück . » Warum ? Nun , weil es sonst keiner wagt , gerade darum hätt ' ich Lust , es zu probieren . Aber seien Sie ruhig , Herr Siegbert , ich geh nicht hinauf . Da hinauf nicht , und ein anderer wagt es sicher nicht , das Nest auszunehmen . « » Das hieße auch mehr als das Leben wagen , « sagte Siegbert ernst . » Das hieße den Absturz geradezu herausfordern – und die Egidienwand ist schon einem verhängnisvoll geworden , wie das Kreuz da oben zeigt . « Er wies hinauf ; auf dem hellen Grün der Matte erhob sich in der Tat ernst und dunkel ein Kreuz , das wohl von bedeutender Größe sein mußte , da es selbst hier unten deutlich sichtbar war . Adrian warf nicht einen einzigen Blick hinauf ; er hatte seinen Stutzen von der Schulter genommen und untersuchte den Lauf desselben . » Das Kreuz ist ein Wahrzeichen des Berges . Es steht schon an dreißig Jahr und länger , der Bauer , dem die Alm gehört , hat es aufrichten lassen – sonst ist nichts dahinter . « » Es ist aber doch jemand an dieser Stelle herabgestürzt ; ich erinnere mich ganz deutlich , es gehört zu haben . « » Kann schon sein , « sagte Adrian lakonisch . Siegbert sah ihn befremdet an . » Nun , Sie müssen das doch wissen ! Es soll ja erst vor einigen Jahren passiert sein . Ich habe allerdings nur flüchtig von der Sache gehört . Wer war denn der Unglückliche ? « » Wer wird es gewesen sein , « meinte Adrian kalt , » ein Wilddieb ! « » Dort oben ? « fragte Siegbert zweifelnd . » In solcher Höhe ? « » Warum nicht ? Der Wald geht bis zur Alm . und bei der Alm fangt die Egidienschlucht an . Wer da in der Hast und Dunkelheit den Weg verfehlt , der liegt drunten ! – Aber Sie sind wohl fertig mit Ihrer Zeichnung , Herr Siegbert , und brauchen mich jetzt nimmer . « » Nein , « sagte der junge Mann freundlich . » Ich danke Ihnen , Adrian . « » So muß ich fort . Behüt ' Gott ! « Damit warf Adrian den Stutzen wieder über die Schulter , lüftete den Hut zum Gruß und verschwand gleich darauf zwischen den Bäumen . Siegbert blieb allein zurück . Er lehnte den Kopf an den Stamm des Baumes und schloß die Augen , als blende ihn das Sonnenlicht , das so goldig über die Wiese hinflutete . Die tiefe Stille ringsum schien so recht zum Träumen einzuladen , aber es waren keine süßen Träumereien , denen sich der junge Mann hingab . In seinem Gesichte stand ein schmerzlich bitterer Zug , und die Lippen preßten sich so fest aufeinander , als müßten sie ein geheimes Weh verschließen . Plötzlich wurde die Waldesruhe gestört durch lautes Sprechen und Rufen , das sich in unmittelbarer Nähe vernehmen ließ . Siegbert zuckte zusammen ; mit einer raschen Bewegung schloß er die Skizzenmappe , die noch geöffnet neben ihm lag , und erhob sich . Die Sprechenden waren inzwischen drüben aus dem Walde hervorgetreten . Ein kleiner , wohlbeleibter Herr , dem das moderne Touristenkostüm etwas sonderbar stand , kam eiligen Schrittes über die Wiese ; ihm folgte eine kleine , hagere Dame , die einen Regenschirm von riesigen Dimensionen aufgespannt hielt , wahrscheinlich zum Schutz gegen die noch immer tropfenden Baume , und ein junges Mädchen in eleganter Stadttoilette schloß den Zug . Der Herr hatte jetzt den einsamen Träumer erreicht ; er blieb vor ihm stehen und schlug entrüstet die Hände zusammen . » Siegbert , ist es denn möglich , du bist wirklich hier im Walde ? In dieser Nässe ? Und was soll das heißen , daß du heimlich davon läufst , ohne uns ein Wort davon zu sagen ? Wir haben dich eine volle Stunde lang gesucht . « » Und da auf dem feuchten Moose hast du gesessen ? « fiel die Dame entsetzt ein . » Kann man dich denn nie aus den Augen lassen ? Du wirst dir das Fieber , den Tod holen , mit dieser Unvorsichtigkeit . « Siegbert versuchte sich zu verteidigen , aber er kam nicht zu Worte , denn jetzt brach von beiden Seiten ein Strom von Vorwürfen auf ihn ein , der gar nicht zu hemmen war . Er machte auch keinen Versuch mehr dazu , er mochte aus Erfahrung wissen , daß es vergebens war , aber der müde , gequälte Ausdruck in seinem Gesicht trat deutlicher als je hervor , während er den Kopf senkte und schweigend alles über sich ergehen ließ . Das junge Mädchen hatte sich inzwischen der Skizzenmappe bemächtigt und rief jetzt , darin blätternd , im Tone der Überraschung : » Das ist ja der Adrian Tuchner ! « Der Redestrom der beiden andern verstummte , sie wendeten sich um und machten Anstalt , die Zeichnung zu beaugenscheinigen und zu kritisieren , aber die Kritik fiel sehr ungünstig aus . » Wahrhaftig , Adrian Tuchner ! « sagte der kleine Herr . » Nun , das muß man sagen , du zeigst einen recht gewählten Geschmack , wenn du solche Galgenphysiognomien auf das Papier bringst ! Willst du diese Banditengestalt für eines deiner Bilder verwenden ? Das würde etwas Schönes werden ! « » Und du bist mit dem verrufenen Menschen allein hier im tiefen Walde gewesen ? « rief die Dame . » Gott im Himmel ! Ich stehe schon Todesangst aus bei dem bloßen Gedanken daran . Freilich , du hast ja eine förmliche Vorliebe für diesen Tuchner , und er folgt dir auf Schritt und Tritt . Da werden wir noch etwas Schreckliches erleben ! Er wird dich eines Tages überfallen – totschlagen – verscharren – « » Aber , liebe Mama , « unterbrach der junge Mann diese düsteren Prophezeiungen , » was hätte denn Adrian davon , mich zu überfallen ? Er weiß ja , daß ich nichts Wertvolles bei mir trage , und überdies ist er kein abenteuernder Vagabund , sondern überall bekannt und sogar ansässig hier . « » Aber er wird von aller Welt gemieden und geflohen , wie der Böse selbst . Irgend etwas Schlimmes ist mit dem Burschen , daran ist gar nicht zu zweifeln . Die Leute wollen nur nicht mit der Sprache heraus , uns Fremden gegenüber . Ein für allemal , Siegbert – ich verbitte mir deine Intimität mit solchem Gesindel . Suche dir deine Modelle in unsern Kreisen , da wird es dir an würdigen Vorbildern nicht fehlen . « Der kleine Herr richtete sich bei diesen Worten zu seiner ganzen , allerdings sehr unbedeutenden Höhe auf , und seine selbstbewußte Miene , wie sein Blick , der über die beiden Damen hinglitt , verrieten , daß der junge Maler diese » würdigen Vorbilder « nicht weit zu suchen habe . » Siegbert hat neulich erst erklärt , daß es in unseren Kreisen keine interessanten Gestalten gäbe , « ließ sich jetzt das junge Mädchen in sehr gereiztem Tone vernehmen . » Er langweilt sich ja überhaupt bei uns und ergreift jede Gelegenheit , sich fortzustehlen . Laß ihm doch seine Lieblingsstudien , Papa . Wenn sie ihn zu solchen Bekanntschaften führen – um so schlimmer für ihn ! « » Fränzchen hat recht , « sagte der Papa mit feierlichem Nachdruck . » Ich habe es schon seit einiger Zeit bemerkt , daß dein Talent eine höchst bedenkliche Richtung nimmt . Du entfernst dich von den Idealen , und das ist der erste Schritt zum Verderben . Du wirst dich dem krassen Realismus der Gegenwart zuwenden , du wirft darin versinken , untergehen . « – Es war jedenfalls eine ganz grauenvolle Perspektive , die dem jungen Künstler eröffnet wurde . Zum Glück wurde die weitere Ausmalung derselben unterbrochen , denn in diesem Augenblick trat eine andere Gesellschaft aus dem Walde hervor . Es war ein alter Herr , von vornehmem Äußeren , der eine junge Dame am Arme führte , während ein anderer Herr an ihrer Seite ging . Der letztere , ein noch ziemlich junger Mann , mit hochblondem Haar und Bart , zeigte in seinem Äußeren unverkennbar den englischen Typus und wäre eine ganz angenehme Erscheinung gewesen , wenn nicht eine gewisse Kälte und Gemessenheit ihm etwas Steifes und Hochmütiges verliehen hätte , das entschieden unangenehm berührte . Die Ankunft der Fremden machte der Familienszene auf der Wiese ein Ende , die Strafpredigt verstummte , und das Ehepaar und Fränzchen beeilten sich , die neuen Ankömmlinge mit der größten Liebenswürdigkeit zu begrüßen , während Siegbert mit einem kalten , stummen Gruße beiseite trat . Zweites Kapitel . » Ah , Herr Präsident von Landeck ! – Guten Morgen , Exzellenz . – Guten Morgen , gnädiges Fräulein ! – Haben Sie schon einen Spaziergang gemacht und Sir Conway gleichfalls ? « so tönte und schwirrte es durcheinander . Sir Conway fand es kaum der Mühe wert , die Begrüßung zu erwidern , der Präsident dagegen tat dies höflich , aber doch mit einer gewissen kühlen Zurückhaltung . » Wir waren im Walde , « entgegnete er . » Meine Tochter wollte den ersten schönen Morgen nach so langer Zeit genießen . Sie scheinen in dem gleichen Fall zu sein , Herr Bürgermeister , Sie sind ja auch mit den Ihrigen unterwegs . « » Wir haben nur unseren Siegbert aufgesucht , « erklärte der Bürgermeister . » Er war auf einmal verschwunden , und wir hatten keine Ahnung , wo er geblieben sein könnte . Zum Glück hatte jemand gesehen , wie er den Waldweg einschlug , und da – « » Sind Sie mit Ihrer ganzen Familie natürlich nachgegangen , « vollendete der Präsident , um dessen Lippen ein leichtes , ironisches Lächeln spielte . » Natürlich , Exzellenz , auf der Stelle ! Und wo finden wir ihn ? Hier im Walde , auf der nassen Wiese , wo er den ganzen Morgennebel ausgehalten hat , während der Arzt ihm so dringend Vorsicht und Schonung anempfahl . Ja , man hat seine Not mit den Söhnen , Exzellenz , wenn sie erwachsen sind , und mein Sohn hat nun vollends immer seinen Kopf für sich . « » Herr Holm ist ja wohl Ihr Pflegesohn ? « warf die junge Dame ein , während ihr Blick Siegbert streifte , der noch immer abseits stand , ohne sich mit einer Silbe an dem Gespräche zu beteiligen . » Allerdings , gnädiges Fräulein , aber ich habe ihn stets als meinen wirklichen Sohn betrachtet . Von dem Augenblicke an , wo ich ihn als arme Waise in mein Haus aufnahm , hat er die gleichen Rechte genossen , wie mein eigenes Kind . Ich darf mich wohl rühmen , daß ich zuerst sein Talent entdeckt und zur Anerkennung gebracht habe . Er wäre nicht das erste Genie gewesen , das an der Beschränktheit und Armseligkeit seiner Verhältnisse zugrunde ging , aber ich entriß ihn diesen Verhältnissen . Ich habe nichts gespart bei seiner Ausbildung , er ist zwei Jahre lang in der Residenz gewesen und hat den Unterricht eines unserer berühmtesten Künstler genossen . Jetzt allerdings ist er selbst ein Künstler geworden , der eine glänzende Zukunft vor sich hat . « » Papa , ich bitte dich ! « fiel Siegbert ein . Sein vorhin so bleiches Gesicht war jetzt von einer flammenden Röte bedeckt , und das nervöse Zucken seiner Lippen galt vielleicht ebensosehr der taktlosen Erwähnung seiner Armut , als den nicht minder taktlosen Lobsprüchen seines Pflegevaters . » Unterbrich mich nicht ! « sagte dieser würdevoll . » Du bist ein Künstler , du hast eine bedeutende Zukunft vor dir , aber du hast keinen Mut , kein Selbstvertrauen . Werden deine Bilder nicht überall gelobt und bewundert in Wiesenheim ? Schickst du sie nicht sogar zur Ausstellung in die Residenz ? Und wenn sie dort noch nicht die gebührende Anerkennung finden , so ist eben der Neid , die Mißgunst deiner Kollegen daran schuld , die kein jüngeres Talent aufkommen lassen wollen . « » Herr Holm hat in der Tat ein recht hübsches Talent , « sagte der Präsident , aber es war augenscheinlich , daß ihm nur das Mitleid mit dem jungen Manne , der so sichtlich eine Folter ausstand , zu diesem kühlen Lobe veranlaßte . » Ein großes Talent , Exzellenz , ein großes ! « verbesserte die Frau Bürgermeisterin . » Unser Siegbert galt schon als Knabe für ein Wunderkind . Sie hüben ja seine Skizzen und Studien gesehen ! Allerdings sind wir nicht durchweg damit einverstanden . Da hat er zum Beispiel den Adrian Tuchner gezeichnet , diesen unheimlichen Menschen – « » Adrian Tuchner ? « fiel die junge Dame lebhaft ein . » Das ist in der Tat ein interessanter Kopf ! Darf ich das Blatt sehen ? « Der Herr Bürgermeister und seine Frau Gemahlin sahen etwas betroffen aus , als die » Galgenphysiognomie « interessant genannt wurde . Fränzchen aber kam mit großer Bereitwilligkeit dem Wunsche nach , indem sie selbst die Skizzenmappe herbeibrachte und öffnete . Erst jetzt , wo sie unmittelbar neben der Tochter des Präsidenten stand , sah man es , wie unbedeutend ihre ganze Erscheinung war . Klein wie ihr Vater , mit einem frischen , runden Gesicht , mit hellen Haaren und Augen , konnte sie immerhin für ein hübsches Mädchen gelten , aber trotzdem und trotz ihrer sehr eleganten Toilette verlor sie doch ungemein neben jener hohen , schlanken Gestalt im einfachen Reisekleide . Der leichte Strohhut , der auf den dunklen Flechten saß , beschattete ein Antlitz , das in seiner streng regelmäßigen Schönheit vielleicht kalt erschienen wäre , wenn nicht die großen , strahlenden Augen ihm Leben und Ausdruck verliehen hätten , und die ganze Haltung zeigte jene vornehme Sicherheit , die das Leben in der großen Welt gibt , während Fränzchen in jedem Zuge die Kleinstädterin verriet . In dem Wesen des Fräuleins von Landeck lag gleichfalls etwas von der kühlen Zurückhaltung ihres Vaters den Reisegefährten gegenüber , aber es schwand vollständig in dem Augenblick , da sie mit unverkennbarem Interesse die Zeichnung betrachtete . » Das ist ja vorzüglich getroffen ! Ich glaubte nicht , daß es möglich wäre , so viel Leben in eine bloße Skizze zu legen . Sieh nur , Papa ! « Siegbert sah auf , nur einen Moment lang , dann senkte er den Blick wieder zu Boden , aber man sah es , daß er trotzdem mit atemloser Spannung dem weiteren Gespräch folgte . » In der Tat , frappant , « sagte der Präsident , indem er einen ziemlich gleichgültigen Blick auf die Zeichnung warf . Sir Conway , der bisher gar nicht an dem Gespräche teilgenommen hatte , und dessen Miene deutlich zeigte , wie sehr es ihn langweilte , ließ sich jetzt herab , gleichfalls einen flüchtigen Blick auf das Blatt zu richten , das die junge Dame ihm hinhielt , während sie fragte : » Finden Sie nicht auch , daß es das Beste von allem ist , was Herr Holm hier gezeichnet hat ? « Sir Conway erinnerte sich schwerlich mehr der übrigen Leistungen des Herrn Holm , deren Betrachtung der zärtliche Pflegevater ihm gleichfalls aufgedrungen hatte ; aus Rücksicht auf die Fragende aber stimmte er mit einem steifen Kopfnicken bei . » Wirklich ? « fragte der Bürgermeister gedehnt . » Nun , Siegbert , du kannst stolz sein auf das Lob aus solchem Munde . Wer selbst eine so bedeutende Künstlerin ist , wie Fräulein von Landeck – « » Ich bin nur Dilettantin « , unterbrach ihn die junge Dame , das Kompliment ruhig ablehnend . » Ich führe den Zeichenstift nur zu meinem eigenen Vergnügen und bin mit meinen Versuchen niemals in die Öffentlichkeit getreten . « » Alexandrine hat sich von jeher die Grenzen ihres Talents klar gemacht « , sagte der Präsident mit einiger Schärfe . » Es wäre gut , wenn das ein jeder täte . Wir hätten dann nicht so viel mittelmäßige Talente mit unmäßigen Ansprüchen . « Die Röte schlug wieder flammend auf in Siegberts Antlitz bei diesen Worten . Der Bürgermeister und seine Gattin aber , die nicht entfernt ahnten , daß sie ihrem » genialen « Pflegesohn gelten könnten , stimmten eifrig bei . Alexandrine hielt die Zeichnung noch immer in der Hand , und es lag ein gewisses Zögern in ihrer Stimme , als sie jetzt zu dem jungen Maler gewendet sagte : » Sie wollen die Skizze jedenfalls für ein Gemälde benutzen , Herr Holm ? – Das Blatt an sich ist freilich schon interessant genug . « So flüchtig die Äußerung auch hingeworfen wurde , es lag doch etwas wie ein halb ausgesprochener Wunsch darin . Sir Conway erriet das , und mit einer bei ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit sagte er in geläufigem Deutsch , wenn auch mit englischem Akzent : » Herr Holm legt wohl keinen Wert auf die flüchtige Zeichnung , die er ja sofort wieder ersetzen kann . Wenn er sie mir überlassen wollte , so würde ich mit Vergnügen – « » Ich bedaure , Sir Conway « , unterbrach ihn Siegbert , dessen sonst so weiche Stimme in diesem Moment beinahe schneidend klang . » Es ist eine Studie , die ich notwendig brauche . Ich kann sie unmöglich aus den Händen geben . « Der Engländer nahm diese Weigerung offenbar sehr übel , er streifte mit einem unglaublich hochmütigen und verächtlichen Blick den jungen Mann und zuckte kaum merklich die Achseln . Aber auch Alexandrine preßte die seinen Lippen zusammen : sie legte rasch das Blatt wieder zu den übrigen , gab die Mappe Fränzchen zurück und wandte sich dann zu ihrem Vater . » Wir werden uns beeilen müssen , Papa , wenn wir zu rechter Zeit an der Bahnstation sein und den Professor selbst empfangen wollen . « Der Präsident sah nach der Uhr . » Es ist allerdings Zeit . Wir erwarten einen Freund aus der Residenz , der uns hier in den Bergen aufsucht , und der heute eintrifft . Auf Wiedersehen , meine Herrschaften ! « Er grüßte ebenso höflich und ebenso kühl wie vorhin , reichte seiner Tochter den Arm und schlug mit ihr den Waldpfad ein , während Sir Conway sich ihnen anschloß . Kaum waren sie außer Gehörweite , so brach ein wahres Ungewitter über Siegbert los . » Ich weiß nicht , was ich von dir denken soll ? « eiferte der Bürgermeister . » Hast du denn gar keinen Takt , gar keine Lebensart ? Sahst du denn nicht , daß Fräulein von Landeck das Blatt zu haben wünschte , und daß Sir Conway sich einzig deshalb darum bemühte ? « Siegbert schien nicht zu hören , er hatte regungslos den sich Entfernenden nachgeblickt , jetzt aber wandte er sich um und entgegnete wie in aufflammendem Trotze : » Ja , das sah ich – aber ich wollte meine Zeichnung nicht in seinen Händen wissen . « »