Theodor Storm Schweigen Es war ein niedriges , mäßig großes Zimmer , durch viele Blattpflanzen verdüstert , beschränkt durch mancherlei altes , aber sorgsam erhaltenes Möbelwerk , dem man es ansah , daß es einst für höhere Gemächer angefertigt worden , als sie die Mietwohnung hier im dritten Stock zu bieten hatte . Auch die schon ältere Dame , welche , die Hand eines vor ihr stehenden jungen Mannes haltend , einem gleichfalls alten Herrn gegenübersaß , erschien fast zu stattlich für diese Räume . Das zwischen den drei Personen herrschende Schweigen war einer längeren Beratung gefolgt , welche Mutter und Sohn soeben mit ihrem langjährigen Arzte gehalten hatten . Veranlassung zu dieser mochte der Sohn gewesen sein : denn obwohl von hohem , kräftigem Wuchse gleich der Mutter , zeigten die Linien des blassen Antlitzes eine der Jugend sonst nicht eigene Schärfe , und in den Augen war etwas von jenem verklärten Glanze , wie bei denen , welche körperlich und geistig zugleich gelitten haben . » Du gehst , Rudolf ? « sagte die Mutter , während der Zug eines rücksichtslosen Willens , der sonst ihren noch immer schönen Mund beherrschte , einer weichen Zärtlichkeit gewichen war . Der Sohn neigte sich auf ihre Hand und küßte sie ehrerbietig . » Nur meine noch immer vorgeschriebene Stunde , Mutter . « Dann grüßte er freundlich nach dem alten Herrn hinüber und verließ das Zimmer . Fast leidenschaftlich , als könne sie ihn allein nicht gehen lassen , waren die dunkeln Augen der Mutter ihm gefolgt ; schweigend starrte sie auf die wieder geschlossene Zimmertür , während ihr Ohr lauschte , bis die Schritte in dem Unterhause verhallt waren . Der alte Arzt hatte seinen Blick , in dem die Gewohnheit ruhigen Beobachtens unverkennbar war , eine Weile auf ihr ruhen lassen ; jetzt ließ er ihn durch die offene Tür eines anstoßenden Zimmers über die in Öl gemalten Bildnisse einiger stern- und bandgeschmückten Herren wandern , welche dort samt ihren geschwärzten Goldrahmen eine Unterkunft gefunden hatten . Aber ein Seufzer , der der Frauenbrust entstieg , als ob eine schwere Gedankenreihe dadurch abgeschlossen würde , wandte seinen Blick zurück . » Mein Sohn ! « murmelte die Dame schmerzlich und streckte beide Arme nach der Tür , durch welche dieser fortgegangen war . Der Arzt rückte seinen Stuhl neben ihren Sessel . » Beruhigen Sie sich , gnädige Frau « , sagte er beschwichtigend , » Sie haben ihn ja wieder . « Sie blickte ihn rasch und durchdringend an : » Ist das Ihr Ernst , Doktor ? – Habe ich ihn wirklich wieder ? Wird sie Bestand haben , diese – Heilung ? « » Ich bin nicht Spezialist , sondern nur Ihr Hausarzt « , erwiderte der alte Herr ; » aber nach dem Schreiben des dirigierenden Arztes – auch ist hier eine äußere Ursache unverkennbar : Ihr Rudolf hatte erst eben die Akademie verlassen ; die Verantwortlichkeit des Amtes war bei seiner zarten Organisation – denn die hat er trotz seines kräftigen Baues – zu unvermittelt über ihn gekommen ; ich entsinne mich ähnlicher Fälle aus meiner Praxis . « Die Frau Forstjunkerin von Schlitz – auf dieser Titelstufe hatte ihr früh verstorbener Gemahl die Dame mit ihrem einzigen Kinde zurückgelassen – blickte eine Weile vor sich hin . » Ja , ja , Doktor « , sagte sie dann , und ihr Ton war nicht ohne Bitterkeit , » des Herrn Grafen Exzellenz , dem mein Sohn so glücklich ist zu dienen – je mehr ihm Gold und Ehren zufließen , desto unersättlicher verlangt er auch die letzte Kraft des Menschen , und seine Forstbeamten – Wege- und Brückenbauen ist noch das mindeste , was sie außer ihrem Fach verstehen sollen . Aber – die ähnlichen Fälle , deren Sie erwähnten , wie wurde es damit ? « » Es wurde dann nichts weiter « , erwiderte der Arzt ; » sie waren beide nur vorübergehend . « » Und die Verhältnisse waren ähnlich ? « » Ganz ähnlich ; nur daß dort nicht ein Amt , sondern in beiden Fällen ein verwickeltes Kaufgeschäft auf junge , ungeübte Schultern fiel . Eines freilich , was ich nicht gering anschlagen möchte , ja was wohl erst die Heilung sicherstellte , war dort anders . « » Und was war dieses eine ? « unterbrach die Dame , die ihm die Worte von den Lippen las . » Es ist nicht eben unerreichbar « , sagte der alte Herr lächelnd ; » von meinen dermaligen Patienten war der eine eben verheiratet , der andere heiratete gleich darauf . « » Verheiratet ! « – fast wie eine Enttäuschung klang dieser Ausruf – » Sie sagen das so leichthin , Herr Doktor ; aber ich habe bei meinem Sohne kaum jemals eine Neigung noch entdecken können ; – freilich einmal in den Ferien bei ihrem Liebhabertheater – Sie entsinnen sich wohl der schlanken , schwarzäugigen Baronesse ? Sie hatte ihn einmal , da er in der Probe steckenblieb , so boshaft ausgelacht ! « Der Doktor streckte abwehrend beide Hände aus : » Nein , nein , Frau Forstjunker ; solche Damen , erste Liebhaberinnen auf der Bühne , Amazonen zu Pferde , die sind hier nicht verwendbar . Ein deutsches Hausfrauchen , heiter und verständig ; nur keine Heroine ! « Frau von Schlitz schwieg . Während der Doktor dieses Thema eingehender behandelte , stand die Gestalt eines blonden Mädchens vor ihrem inneren Auge : aus der geißblattumrankten Gartenpforte eines ländlichen Pfarrhauses war sie ihr entgegengetreten ; so hoch fast wie sie selber , und doch als ob sie mit den vertrauenden Augen zu der älteren Frau empor blicke ; dann wieder sah sie das Mädchen in der engen , aber sauber gehaltenen Kammer , wie sie mit ihren kleinen , festen Händen neben dem eigenen Bette ein halb gelähmtes Brüderchen in die Kissen packte und nach fröhlichem Gutenachtkuß gleich wieder helfend zu der Mutter in die Küche eilte ; und wiederum – vor einen Kinderwagen hatte das schlanke Mädchen sich gespannt ; der Wagen war voll besetzt , und es ging durch den tiefen Sand eines Feldweges ; mitunter entfuhr ein lachendes » Oha ! « den frischen Lippen , und sie mußte stillehalten ; die gelösten Haare aus dem geröteten Antlitz schüttelnd , kniete sie plaudernd zu der kleinen Fahrgesellschaft nieder ; aber überall mit ihr waren die schönen , gläubigen Augen und ihre reine , heitere Stimme . Der Doktor wollte sich zum Gehen rüsten ; doch die Frau vom Hause , die eben aus ihrem Sinnen aufsah , legte die Hand auf seinen Arm . » Nur noch eine Frage , lieber Freund ; aber antworten Sie mit Bedacht ! – Würden Sie einem so Geheilten Ihre Tochter zur Ehe geben ? « Der Doktor stutzte einen Augenblick . » Der Fall , gnädige Frau « , sagte er dann , » müßte wenigstens möglich sein , um Ihnen hierauf antworten zu können ; Sie wissen , daß ich keine Tochter habe . « Die Dame richtete sich mit einer entschlossenen Bewegung in ihrer ganzen Gestalt vom Sessel auf . » N ' importe ! « rief sie , die geballte Hand gegen die Tischplatte stemmend . » Ich habe nur den Sohn und sonst nichts auf der Welt ! « Der Arzt blickte sie fragend an , aber nur einen Augenblick ; jene Worte lagen jenseit der Grenze seiner Pflicht ; er empfahl nur noch , die letzten Wochen des dem Sohne gewährten Urlaubs zu einer Herbstfrische auf dem Lande zu benutzen . Frau von Schlitz nickte . » Ich dachte eben daran « , sagte sie leichthin . Kaum aber hatte hinter dem Fortgehenden sich die Tür geschlossen , als sie schon in dem anstoßenden Zimmer an ihrem Schreibtische saß , über dem das Bildnis ihres Vaters in der roten Kammerherrnuniform auf sie herabsah . » Meine gute Margarete « ... diese Worte waren mit fliegender Feder aufs Papier geworfen ; denn jenes blonde Mädchen war kein bloßes Phantasiebild : es war die Tochter einer Jugendbekanntschaft , der Gattin eines Landpfarrers , in dessen Hause sie auf dem Wege nach Rudolfs amtlichem Wohnorte im Frühling eingekehrt und aufs dringendste zu längerer Wiederholung ihres Besuches nebst ihrem Sohne eingeladen war . Aber der rasch geschriebenen Anrede folgte zunächst nichts Weiteres ; war es der Schreiberin doch , als habe plötzlich die Hand der hübschen Baroneß sich auf die ihrige gelegt . Langsam lehnte sie sich zu rück ; ein Strom erwünschter Bilder und Gedanken zog an ihr vorüber ; gewiß , das übermütige , nur noch kurze Zeit von einem Vormunde abhängige Kind würde gar gern ihr Freifrauenkrönchen gegen den schlichteren Namen einer Frau von Schlitz vertauschen . Rudolf und dieses Mädchen ! Sie hob sich unwillkürlich von ihrem Sessel ; ihr war , als würden vor einem kerzenhellen Saal die Flügeltüren aufgerissen und sie schreite als Mutter neben dem prächtigen Paare hindurch . – Aber – der Doktor ! Die stolze Frau sank düster in sich zusammen ; der Doktor hatte ja nur ausgesprochen , was sie in ihren eigenen Gedanken längst auf und ab erwogen hatte . Ja , wenn das Letzte nicht gewesen wäre ! Eine Angst vor der Zukunft , eine furchtbare Vorstellung überfiel sie . » Mein Sohn ! Mein Kind ! « Es kam wie ein lauter Aufschrei aus ihrer Brust ; und als habe sie sich selbst aus einem Traum erweckt , blickte sie unsicher und mit großen Augen um sich : » Gott sei gelobt ; er selber weiß es nicht , an welchem Abgrund er gestanden hat . « Bald hatte sie sich gefaßt ; es mußte sein , es mußte gleich geschehen . Flüchtig streiften ihre Augen über das kalte Antlitz , das im Bilde auf sie herabsah ; dann schrieb sie in kräftigen Zügen und mit Bedacht den Brief an die Frau Pastorin zu Ende . Seit drei Wochen waren Mutter und Sohn nun auf dem Dorfe ; ein eigenes Quartier zwar hatten sie in der Küsterwohnung gefunden , im übrigen aber gehörten sie bei den gastfreien Pfarrersleuten fast wie zur Hausfamilie . Rudolf war sichtbar gekräftigt ; seine Wangen hatten sich gebräunt , Aug und Ohr begannen wieder ein heiteres Begegnen mit allem , was er in Haus und Feld auf seinem Wege traf . Dazu hatte nicht nur die Gegenwart der anmutigen Pfarrerstochter , sondern fast nicht weniger das tüchtige Wesen des Pfarrers selbst geholfen , der es meisterlich verstand , was er » ein Schwachgefühl « zu nennen liebte , mit schelmischen Worten aus den geheimsten Winkeln aufzujagen . So war denn auch in den hell getünchten Zimmern des Pfarrhauses wenig davon zurückgeblieben ; nur die Frau Pastorin mochte sich wohl einmal , vielleicht zur Erholung von all der Kinder- und Küchenwirtschaft , eine sentimentale Anwandlung zu Gemüte führen , wobei sie dann ihren Redeschmuck den zwei einzigen Opern , welche sie in ihrem Leben gesehen hatte , dem » Freischütz « und der Weiglschen » Schweizerfamilie « , zu entlehnen pflegte . Wenn aber der Pfarrer nach einer Weile ruhigen Gewährenlassens wie in gutherziger Teilnahme sich ihrer Hand bemächtigte : » Mutter , ist heut wohl Emmelinentag ? « , dann flog freilich ein Wölkchen leichten Mißbehagens über ihr braves Angesicht , bald aber mußte sie doch selber lachen und war wieder daheim in der Luft ihres werktätigen Hauses . Auch Rudolf mußte sich bald diese freundliche Überwachung gefallen lassen . Eines Nachmittags , als eben die Septembersonne ihr letztes Abendgold über die Wände des gemeinsamen Wohnzimmers warf , hatte er das alte Klavier zurückgeklappt und ließ nun eine der schwermütigen Notturnoklagen des von ihm vielgeliebten und – studierten Chopin in den sinkenden Tag hinausklingen . Der Pastor , durch das meisterhafte Spiel aus seiner Studierstube hervorgelockt , hatte sich leise hinter seinen Stuhl gestellt und verharrte so in aufmerksamem Lauschen bis ans Ende ; dann aber legte er schweigend die Haydnsche G-Dur-Sonate mit dem Allegretto innocente aufs Pulpet , die er schon bei seinem Eintritt in der Hand gehalten hatte . Rudolf blickte auf und um , und da er den Pastor erkannte , nickte er gehorsam , schüttelte wie zur Ermunterung noch ein paarmal seine geschickten Hände , und bald erklangen die heiteren Fiorituren des unsterblichen Meisters und füllten das Zimmer wie mit Vogelsang und Sommerspiel der Lüfte . » Bravo , junger Freund ! « rief der Pfarrer , der wie alle andern , die Frau Forstjunkerin nicht ausgeschlossen , mit entzücktem Angesicht gelauscht hatte ; » das hat rote Wangen ; wir haben kaum gemerkt , wie Sie uns durch die Dämmerung hindurchgespielt haben . Nun aber Licht ! Die Schneiderstunde ist zu Ende ! « Die zehnjährige Käthe lief hinaus ; Anna aber , als wollte sie sich zu ihm emporstrecken , hatte sich dicht an die Schulter des kräftigen Vaters gestellt und blickte mit aufmerkendem Lächeln zu ihm auf ; es war recht sichtbar , daß die beiden eines Blutes waren . Ein freundlicher Verkehr , dem es bald an einer verschwiegenen Innigkeit nicht fehlte , hatte zwischen Rudolf und dem blonden Mädchen schon vom ersten Tage an begonnen , wo noch das blasse Antlitz des Genesenden die Schonung der Gesunden anzusprechen schien ; durch die scheue Jungfräulichkeit des Mädchens war wie aus der Knospe etwas von jener Mütterlichkeit hervorgebrochen , in deren Obhut auch der Mann am sichersten von Leid und Wunden ausruht . Wenn aus der überwundenen Nacht noch ein Schatten ihn bedrängen wollte , wenn vor der nächsten Zukunft eine Scheu ihn anfiel , dann suchte er unwillkürlich ihre Nähe , und wo er sie immer antreffen mochte , im Garten oder in der Küche , die Welt erschien ihm heller , wenn er auch nur das Regen ihrer fleißigen Hände sehen konnte . Oft aber , wenn sie eben beisammen waren , hatten schon die ahnenden Augen des Mädchens ihn gestreift , und bald mit stillen , bald mit neckenden Worten ließ sie ihm keine Ruhe , bis er im frischen Tageslichte vor ihr stand . Frau von Schlitz hatte anfangs beobachtet ; dann hatte sie die jungen Leute sich selber überlassen . Gewiß , wenn irgend eine , so war dies die Frau , wie sie der Doktor ihrem Sohn verordnet hatte ! Übrigens war Rudolf nicht der einzige junge Mann , welcher sich eines Verkehres mit dem Mädchen zu erfreuen hatte : ein entfernter Vetter , ein hübscher Mann mit treuherzigen braunen Augen , der hier im Hause » Bernhard « genannt wurde und sich mit Anna duzte , kam an den Sonntagnachmittagen von seinem nicht allzu fernen Hof herübergeritten . Die beiden jungen Männer hatten sich bald als Schulkameraden aus den unteren Klassen des Gymnasiums erkannt , und Rudolf fand , je kräftiger er wurde , an Bernhards frischem Wesen immer mehr Gefallen . Desto geringeres Glück machte dieser bei Rudolfs Mutter , die ihn sichtlich , freilich ohne ihn dadurch zu beirren , von oben herab behandelte ; denn nur ihrem Auge war es nicht entgangen , daß auch der junge Hofbesitzer der blonden Pfarrerstochter eine ebenso stille als geflissentliche Verehrung widmete . Eines Nachmittags war Bernhard zu Wagen und selbander angelangt ; seine Schwester Julie , die ihm den Haushalt führte , saß an seiner Seite . » Das freut mich ! « rief der Pastor , als er das frische Mädchen gleich darauf der Frau von Schlitz entgegenführte ; » dieses Prachtkind mußten Sie noch kennenlernen ! « Aber die Dame blickte mit ziemlich kühlen Augen auf das » Prachtkind « , deren Antlitz nur zu sehr die Züge ihres Bruders zeigte ; und die stürmische Begrüßung der von Anna herbeigeholten Kinder kam zur rechten Zeit . Eine Stunde später , da sie mit der Pastorin am Fenster saß , sah Frau von Schlitz die beiden jungen Paare , Bernhard mit Anna und hinter diesen Rudolf mit der braunen Julie , auf einem Feldwege dem nahen Walde zuschreiten . Die Pfarrfrau , die sich heute ihre Freischützphantasien gönnte , hatte den noch einmal rückschauenden Mädchen lebhaft zugenickt . » Nicht wahr , Fernande « , wandte sie sich jetzt an ihre Jugendfreundin , » ich sage immer : › Ännchen und Agathe ‹ . Nun hat das Ännchen gar einen Max zur Seite , um ihm die Grillen wegzuplaudern ! « Die Angeredete nickte nur , ohne die Augen von der Gruppe draußen abzuwenden , welche jetzt durch eine Biegung des Weges ihrem Blick entzogen wurde ; sie wußte selbst nicht , war es Zorn oder ein Gefühl der Demütigung , das sie bedrängte ; aber – gewiß , die Schwester war heute nicht ohne Absicht von dem Bruder mitgenommen worden ! – – Es kam doch anders , als ihr Scharfsinn , vielleicht auch , als Bernhard selber es gedacht hatte . Zum ersten Male sah Rudolf sich in Annas Gegenwart zu einer anderen gezwungen , und wiederum , als ob sich das von selbst verstehe , hatte sich zu ihr ein junger Mann gesellt , der nicht er selber war . Schweigend folgte er dem andern Paare an der Seite seiner hübschen redseligen Partnerin ; seine Augen hingen an der schlanken Gestalt der Voranschreitenden , an der anmutigen Biegung ihres Nackens , über dem im Herbsthauche die goldblonden Härchen wehten , während ihr Antlitz sich in freundlicher Wechselrede dem jungen Landmann zuwandte . Eine brennende Sehnsucht ergriff ihn ; ja , er konnte sich nicht verhehlen , ein Groll war in ihm aufgestiegen , er wußte nicht , ob nur gegen Bernhard oder ob auch gegen sie , die Schöne , Ungetreue selber . » Was denken Sie doch einmal , Herr von Schlitz ? « sagte plötzlich das muntere Mädchen , das an seiner Seite schritt . » Sollte nicht auch ein Bröcklein für mich dazwischen sein ? « Er sah sie flüchtig an . » Vielleicht « , erwiderte er langsam , » daß man Ihnen , Fräulein Julie , keine Brocken bieten dürfe . « Sie lachte ; sie hatte es längst heraus , daß sie ihm nicht die Rechte sei , und das Gespräch wandte sich in zierlich spitzen Reden weiter , die bald lebhaft hin und wider flogen . Als aber Anna jetzt den Kopf zurückwandte , da traf sie ein so leidenschaftlicher Blick aus Rudolfs Augen , daß ein helles Rot ihr über Stirn und Wangen schoß . Verwirrt , das Haar sich langsam von der Stirne streichend , blickte sie ihn an . » Ihnen ist doch wohl , Herr Rudolf ? « frug sie stockend ; die offenen Lippen schienen kaum zu wissen , was sie sprachen . Auch war die Frage , wenn nicht ohne Grund , doch jedenfalls zu früh gestellt ; denn erst jetzt , wie von innerer Erschütterung , erblaßte das Gesicht des jungen Mannes . Als aber statt seiner die muntere Freundin der Vorangehenden zurief : » Wen meinst du , Anna ? Doch nicht Herrn von Schlitz ? Dem ist sehr wohl ; er mag nur seine Schätze nicht verschwenden ! « , da hatte Rudolf es gewagt , sich nur noch tiefer in die blauen Augen zu versenken . » Sehr wohl ! « sagte dann auch er , die beiden Worte leis betonend ; und das jungfräuliche Antlitz , das wie gebannt ihm stillgehalten hatte , lächelte und wandte sich zurück , und Rudolf sah noch einmal die tiefe Purpurglut es überströmen . In träumerischer Hingebung lauschte er jetzt dem reinen Klange ihrer Stimme , wenn sie auf Bernhards Fragen über die soeben erreichte Holzung diesem jede Auskunft zu erteilen wußte . Freilich wurde dieser Stimmung bald ein Dämpfer aufgesetzt ; denn seine Hoffnung , auf dem Rückwege nun an Annas Seite zu gehen , wurde nicht erfüllt ; geflissentlich , wie ihm nicht entgehen konnte , hatte sie sich zu Bernhards Schwester gesellt ; ja , die beiden Mädchen enteilten ihnen bald völlig , wie sie angaben , um den gestrengen Herren die Abendmahlzeit anzurichten . Einsilbig folgten diese ; beide schienen ganz den eigenen Gedanken nachzuhängen ; um der Mahlzeit willen hätten die Mädchen nicht zu eilen brauchen . – – Nach dem Abendessen waren die auswärtigen Gäste fortgefahren , und auch Rudolf und seine Mutter , von Anna und dem Pfarrer vor die Haustür geleitet , nahmen Abschied und schritten durch die kühle Herbstnacht ihrer Wohnung zu . Schon hatten sie den kleinen Vorgarten des Küsterhauses betreten , als es der Mutter einfiel , daß sie eine notwendige Bestellung an die Frau Pastorin vergessen habe ; aber vielleicht war es ja noch nicht zu spät , und Rudolf machte sich auf den Rückweg , um wo möglich das Versäumte nachzuholen . Unter den Strohdächern der Bauernhäuser , welche an der Dorfstraße lagen , war schon alles dunkel , manche verschwanden ganz in dem Schatten ihrer alten Bäume ; nichts regte sich als oben in der Höhe das stumme Blitzen des nächtlichen Septemberhimmels , und fernher , von drüben aus der Holzung , klang das Schreien eines Hirsches . So hatte Rudolf es in den Nächten nach seinem Amtsantritte in seiner einsam belegenen Försterwohnung auch gehört ; nun war er lange fern gewesen ; aber bald , schon in den nächsten Tagen , mußte er dahin zurück . Da es abermals vom Wald herüberscholl , schritt er rascher , als ob er dem entgehen wolle , in das Dorf hinab . Als er den Hof des Pfarrhauses betrat , sah er , daß auch dort schon alle Fenster dunkel waren ; nur Anna stand noch auf der Schwelle vor der Haustür , auf derselben Stelle , von welcher sie vorhin den Fortgehenden nachgeblickt hatte . Er konnte sie bei dem hellen Sternenschimmer leicht erkennen ; auch daß ihre Augen gesenkt waren und daß ihr blondes Haupt sich wie zur Stütze an den Pfosten des Türgerüstes lehnte . Beklommen blieb er stehen , das Glück war wie ein Schrecken über ihn gekommen : nur sie und er , wie in der Einsamkeit des ersten Menschenpaares ! Doch auch als er dann tief aufatmend näher trat , blieb die Gestalt des Mädchens unbeweglich . » Fräulein Anna ! « sagte er bittend und legte seine Hand auf ihre Hände , die gefaltet über ihren Schoß herabhingen . Sie duldete es , als habe sie ihn hier erwartet , als ob sein Kommen sich von selbst verstehe ; aber nur ein Zittern fühlte er durch ihre Glieder rinnen ; ihre Augen , nach deren Blick er dürstete , erhob sie nicht . » Ich bin es ; Rudolf ! « sagte er wieder . » Oder wollten Sie mir zürnen , Anna ? « Da hob sie das Haupt , es leise schüttelnd , von dem harten Pfosten und blickte mit unsäglichem Vertrauen zu ihm auf . Und wie es dann geschehen , ob noch ein Laut von ihren Lippen oder nur der Nachthauch in den Gartenbäumen , nur das stumme Sternenfunkeln über ihnen seiner jungen Liebesscheu zu Hülfe kam , das haben sie später selbst nicht scheiden können ; aber der Augenblick war da , wo er das Weib und sie den Mann in ihren Armen hielt . Und als auch der vorüber , da sprachen auch sie jenes schöne törichte Wort , womit die Jugend den Sturz des Lebens aufzuhalten meint . » Ewig ! « hauchte eins dem andern zu ; dann gingen sie mit glänzenden Augen auseinander , Anna zu dem verkrüppelten Bruder in die Kammer , Rudolf unter dem blitzenden Sternenhimmel in die Nacht hinaus , als wollte er empfinden , wie er mit seinem Glücke frei in alle Ferne schweifen könne . Als er endlich in das Küsterhaus zurückgekommen war , das wie die meisten Bauernhäuser hier auch während der Nacht unverschlossen blieb , vernahm er schon beim Eintritt in die Kammer die Stimme seiner Mutter aus dem anstoßenden Zimmer : » Ich habe nicht schlafen können , Rudolf ; wo bist du denn so lang gewesen ? « Und da stand die notwendige Bestellung wieder vor ihm ; er hatte ganz darum vergessen . » Ist denn wenigstens alles in Ordnung ? « rief die Mutter wieder . » Es mußte notwendig vor morgen früh bestellt sein . « » In Ordnung , Mutter ? « Und wie ein Jubel lachte es aus ihm heraus . » Ja , Mutter , schlaf nur , es ist alles jetzt in Ordnung ! « – – Am andern Morgen freilich , wo der Sohn mit seinem übervollen Herzen die Mutter am Frühstückstisch erwartet hatte , blieb dieser der Zusammenhang nicht mehr verborgen . Der Zweck des so entschlossen ausgeführten Besuches war somit erreicht , aber es schien fast , als habe er dadurch an seinem Werte eingebüßt ; Frau von Schlitz saß da , als ob sie einen inneren Widerstreit zu schlichten habe . » Nun , Rudolf « , sagte sie endlich , da der Sohn wie bittend ihre beiden Hände faßte , » du hättest freilich andere Ansprüche machen dürfen ; aber wir Frauen sind dankbarer als ihr Männer , und so wollen wir denn hoffen , das Mädchen werde sich dir um so mehr verpflichtet fühlen . « Was Rudolf außer der mütterlichen Zustimmung aus diesen Worten hörte , konnte kaum nach seinem Sinne sein ; aber er war zu glücklich , um dawider jetzt zu streiten . Und so gingen sie denn , als der Vormittag weiter heraufgerückt war , miteinander nach dem Pfarrhause ; der Sohn mit beklommenem Atemholen , wie wer die Pforte seines Glückes noch erst öffnen geht , Frau von Schlitz mit einem Lächeln der Befriedigung das frohe Staunen der guten Pastorsleute vorgenießend . Auch wurde bei Annas Mutter ihre Erwartung nicht so ganz getäuscht ; aber immerhin war bei dieser doch wesentlich das romantische Forsthaus aus dem » Freischütz « , das vor dem entzückten Mutterauge stand : konnte es denn eine schönere Agathe als ihre blonde Anna geben ? – Der Pastor selbst war abwesend , er hatte auf einem der entlegensten Dörfer seines Kirchspiels eine Taufe zu vollziehen . Als er abends , da schon die Kinder in den Betten waren , heimkam , wurde auch bei ihm die Werbung angebracht ; aber Rudolfs Mutter mußte es erleben , daß auf die bescheidenen Worte ihres Sohnes nur ein ernstes Schweigen des sonst so heiteren Mannes folgte . Vielleicht mochte es sich diesem wieder vor die Seele stellen , daß dem jugendlichen Bewerber , wie er es wohl scherzend schon für sich bezeichnet hatte , von der langen Weibererziehung noch etwas zwischen seinen braunen Locken klebe ; vielleicht , daß er seine » königliche Tochter « , wie er sie in seinem Herzen nannte , einer sichereren Hand als dieser hätte anvertrauen mögen ; am Ende mochte es gar Bernhard sein , den er dabei im Sinne hatte . Auch Frau von Schlitz kam der Gedanke , und sie spürte schon den Antrieb , mit einigem Geräusche aufzustehen und ihrerseits die Unterhandlung kurzweg abzubrechen . Zum Glück begann der Pfarrer jetzt zu sprechen : es lag nicht in seiner Absicht , Hindernisse gegen Rudolfs Antrag aufzusuchen ; er hatte sich nur sammeln müssen und tat jetzt ruhig eine und die andere Frage , welche nicht wohl unbeachtet bleiben konnten . Dann wurde Anna hereingerufen , und der Vater legte sein Kind an die Brust des ihm vor wenig Wochen noch völlig fremden Mannes ; Frau von Schlitz aber ging an diesem Abend mit einem Unbehagen schlafen , über dessen verschiedene Ursachen sie vor sich selber jede Rechenschaft vermied . Am Morgen , der dann folgte , erschien Rudolf nicht zum Frühstück ; als die Mutter in seine Kammer ging , fand sie das Bett leer und augenscheinlich seit lange schon verlassen ; erst nach einer weiteren Stunde trat er zu ihr in das Zimmer . Es war ihr nicht entgangen , daß seine Bewegungen hastig , daß ein unstetes Feuer in seinen Augen war ; aber sie bezwang sich . » Du kommst wohl von einem weiten Spaziergange ? « frug sie scheinbar ruhig . » Ja , ja ; ich bin recht weit umhergelaufen . « » Aber dir ist nicht wohl ! Du hast dich überanstrengt . « » Du irrst , Mutter , ich bin kräftig wie je zuvor . « » So sprich , was ist dir denn ? Und laß mich nicht in solcher Angst ! « Rudolf war auf und ab gegangen ; jetzt hielt er inne . » Mutter « , sagte er düster , » ich habe gestern übereilt gehandelt . « Er wollte weitersprechen , aber die Mutter unterbrach ihn : » Du , Rudolf , übereilt ? Das war nie deine Art ! Und , gestern , sagst du ? Gestern ? « Er nickte schweigend ; sie aber ergriff leidenschaftlich beide Hände ihres Sohnes : » Bereust du , Rudolf ? Hat nur die Gegenwart des anderen Bewerbers dich so weit hingerissen ? Wer weiß , du hättest vielleicht nur ein paar Tage noch zu warten brauchen ; und auch jetzt noch – – « » Mutter ! « rief er heftig , und dann : » Ich weiß von keinem anderen Bewerber . « Frau von Schlitz besann sich . » Nun wohl « , entgegnete sie trocken , wie durch den ungewohnten Ton gekränkt , » was willst du denn von deiner Mutter ? « » Sag mir nur eines « , begann er zögernd ; » weiß man hier von meiner Krankheit , von meinem Aufenthalte in der Anstalt ? Hat Anna davon gewußt ? « Frau von Schlitz atmete tief auf : » Sei ruhig , mein Sohn ; auch für sie , wie für alle Welt , war es – und es war ja auch in Wirklichkeit nichts anderes – nur