Theodor Storm Renate In einiger Entfernung von meiner Vaterstadt , doch so , daß es für Lustfahrten dahin nicht zu weit ist , liegt das Dorf Schwabstedt , welcher Name nach einigen Chronisten soviel heißen soll : Suavestätte , d.i. lieblicher Ort . Hoch oberhalb des weiten wiesenreichen Treenetales , durch welches sich der Fluß in schönen Krümmungen windet , ist der alte Kirchspielskrug , dessen Wirt bis zu der neuesten , alle Traditionen aufhebenden Zeit immer Peter Behrens hieß und wo » Mutter Behrens « , je nach den Geschlechtern eine andere , aber immer eine saubere , sei es junge oder alte Frau , als eine wahre Mutter für die Leibesnotdurft ihrer Gäste sorgte . Die lange Lindenlaube mit dem » schlohweiß « gedeckten Kaffeetisch darunter , die steile granitne Treppe , die unter den alten Silberpappeln zum Fluß hinabführte , die Kahnfahrten zwischen den schwimmenden Teichrosen , diese Dinge werden bei vielen älteren Leuten ein hübsches Abseits ihres Jugendparadieses bilden . Und Schwabstedt bot noch anderes für die jugendliche Phantasie ; denn Sage und halb erloschene Geschichte flechten ihren dunkeln Efeu um diesen Ort . Freilich , wenn man sichtbare Spuren aufsuchen wollte , so mußte man genügsam sein : wo einst osten dem Dorfe ein Hafen der gefürchteten Vitalienbrüder gewesen sein sollte , sah man jetzt nur aus dem Flußtal eine Schlucht ins Land hinein ; von dem festen Hause der schleswigschen Bischöfe , welches sich einst oberhalb des Flusses hart am Dorf erhob , war nichts mehr übrig als die Vertiefungen der Burggräben und karge Mauerreste , die hie und da aus dem Rasen hervorsahen ; wenn man nicht etwa die Zähne von Wildschweinen hinzurechnen will , deren wir Knaben einmal eine Menge unter der Grasnarbe hervorwühlten , so daß wir das Zeugnis des großen Wild- und Waldreichtums , der einst hier geherrscht haben sollte , leibhaftig in den Händen hielten . Aber mehr noch als durch diese Örtlichkeiten wurde meine Neugier durch ein sichtlich dem Verfalle preisgegebenes Gehöft erregt , das seitwärts von der Bischofshöhe lag , fast versteckt unter uralten hohen Eichbäumen . Das Haus , das schon durch seine zwei Stockwerke sich von den übrigen Bauernhäusern unterschied , gewann allmählich eine geheimnisvolle Anziehungskraft für mich , aber die Blödigkeit der Jugend hinderte mich , näher heranzugehen . Ich mochte schon ein hoch aufgeschossener Junge sein , als ich dieses Wagstück ausführte ; ich entsinne mich dessen noch mit allen Umständen . Während ich zögernd auf der einsamen Hofstätte umherging und bald auf die blinden Fenster des Hauses blickte , bald hinauf in das Gezweig der alten Bäume , wo ein paar Elstern aus ihrem Neste schrien , kam ein altes Weib um die Ecke , die von dem herabgefallenen Astholz in ihre Schürze sammelte . Als ich ihr unter den groben Strohhut guckte , erkannte ich das braune scharfe Gesicht der allbekannten » Mutter Pottsacksch « , welche je nach der Jahreszeit mit Maililien und Waldmeisterkränzen oder Nüssen und Moosbeeren in der Stadt hausieren ging . » Mutter Pottsacksch ! « rief ich , » wohnt Sie hier in dem großen Hause ? « » Je , junge Herr « , erwiderte in ihrem Platt die Alte ; » ick hol de Kram hier man wat uprecht ! « Und auf weitere Fragen erfuhr ich , daß einst ein großes Bauerngut bei diesem Hause gewesen , daß aber schon vor hundert Jahren das Land davongekommen sei und in nächster Zeit auch der Hof – denn so werde das Haus noch jetzt genannt – auf Abbruch verkauft und die Bäume niedergeschlagen werden sollten . Mich dauerten die armen Elstern , die droben so mühsam sich ihr Nest gebaut hatten ; dann aber fragte ich : » Und vor hundert Jahren , wer hat denn damals hier gewohnt ? « » Dotomal ? « rief die Alte und stemmte die freie Hand in ihre Seite . » Dotomal hätt de Hex hier wahnt ! « » De Hex ? « wiederholte ich . » Hat ' s denn Hexen hier bei Euch gegeben ? « Die Alte winkte mit der Hand . » Oha ! Lat de Herr dat man betämen ! « Womit sie sagen wollte , ich solle das nur sachte angehen lassen , es sei damit auch heut noch nicht geheuer . Als ich frug , ob jene Hexe denn verbrannt sei , schüttelte sie heftig ihren alten Kopf . » Oha , Oha ! « rief sie wieder und gab dann zu verstehen , der Amtmann und der Landvogt hätten nur nicht heran wollen ; denn – na , ich verstünde wohl – – ; und nun machte sie unter bedeutsamem Kopfnicken die Gebärde des Geldzählens . Die Zerstückelung des Gutes sei nämlich erst nach dem Tode der Hexe vor sich gegangen , sie selber habe noch ihre Wirtschaft streng betrieben und sei eine gewaltige Bäuerin gewesen . Was diese Hexe denn aber eigentlich gehext habe , davon schien Mutter Pottsacksch nichts zu wissen . » Düwelswark , Herr ! « sagte sie . » Wat so ' n Slag bedrivt ! « Soviel jedoch sei sicher : Sonntags , wenn andre Christenmenschen in der Kirche gesessen hätten , um Gottes Wort zu hören , dann habe sie sich auf ein Pferd gesetzt und sei nach Norden zu in Heide und Moor hinausgeritten ; was sie dort betrieben habe , davon sei wohl übel Nachricht einzuholen . Plötzlich aber habe dieses aufgehört , und seitdem habe sie sonntags ihr großes düsteres Zimmer nicht mehr verlassen ; noch Mutter Pottsackschs Urgroßmutter habe das blasse Gesicht mit den großen brennenden Augen hinter den kleinen Fensterscheiben sitzen sehen . Mehr vermochte ich von der Alten nicht herauszubringen . » Und war das Pferd , worauf sie ritt , denn schwarz ? « fragte ich endlich , um mein schnell geschaffenes Phantasiebild doch in etwas zu vervollständigen . » Swart ? « schrie Mutter Pottsacksch , wie entrüstet über eine so überflüssige Frage . » Gnidderswart ! Dat mag de Herr wull löwen ( glauben ) ! « Noch lange mußte ich an die Schwabstedter Hexe denken ; auch tat ich nach verschiedenen Seiten hin noch manche Fragen nach ihrem näheren Geschick ; allein was Mutter Pottsacksch nicht erzählt hatte , das konnten auch andere nicht erzählen . Mir ahnte freilich nicht , daß ich die Antwort in nächster Nähe , daß ich sie auf dem Boden meines elterlichen Hauses hätte suchen sollen . Viele Jahre nachher , da ich diese Dinge längst vergessen hatte , saß ich vor einer dort beiseite gestellten Schatulle aus meines Großvaters Hausrat und kramte in ihren Schubfächern nach dessen Bräutigamsbriefen an meine Großmutter . Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein Heft in augenscheinlich noch viel älterer Schrift in die Hände , welches ich , nachdem später noch ein demnächst zu erwähnender Fund hinzugekommen , nunmehr in Nachstehendem mitteile . An der Schreib- und Vortragsweise habe ich soviel geändert , als zur lebendigeren Darstellung des Inhalts nötig erschien ; an einzelnen Stellen für manche Leser vielleicht kaum genug ; an dem Inhalte selbst ist nicht von mir gerührt worden . Und somit möge der Schreiber jenes alten Aufsatzes selbst das Wort nehmen . * 1700 . Um diese Zeit war mein lieber nun in Gott ruhender Vater Capellan oder Diaconus im Dorfe Schwesen , allwo er seine dürftige Einkünfte , als mehrentheils an Butter , Korn und Fleisch , von Haus zu Hause einsammeln und überdieß zu seinem Predigtdienst auch noch die Schule halten mußte . Da aber meine lieben Eltern sich alles an ihrem Munde absparten und anderseits wohlgesinnte Leute mir mittags einen Platz an ihrem Tische gönneten , so kam ich auf die Lateinische Schule zu Husum , welcher derzeit der treffliche Nicolaus Rudlof als Rector vorstund , und hatte bei einer frommen Schneiderswitwen mein Quartier . War auch mit Gottes Hülfe schon in die Secunda aufgerücket , als mir eine Leibesgefahr widerfuhr , welche gar leicht allen Studien eine plötzliche Endschaft hätte bereiten können . So war es am Nachmittage letzten Sonntages Octobris , daß ich nach der gewöhnten Sonnabendseinkehr unter mein elterlich Dach von unserem Dorfe wieder nach der Stadt zurückwanderte ! Ich hatte mich jedoch zuvor schon müd gelaufen ; denn da die Gemeinde einen Schweinehirten , wie mein Vater selig zu sagen pflegte , einen Gergesener , in den letzten Jahren nicht mehr dulden wollen , so waren unsere Ferkel von dem grünen Weideplane äußerst des Dorfes ausgerissen , also daß wir an diesem letzten heißen Tage des Jahres eine gar tolle Jagd hatten anstellen müssen . Schritt aber des unerachtet auch itzt , da es über solchem Beginnen spät geworden und schon die sinkende Sonne einen rothen Dunst über die Heide warf , mit eilenden Schritten fürbaß ; streifete nämlich nach dem erst jüngst verglichenen Kriege mit dem Könige von Dännemark allerlei loses Volk umher und verübte Raub und Einbruch ; auch sollten drüben nach dem Holze zu , wo die alten Weiber die Moosbeeren holen , in voriger Nacht die Irrwisch gar arg getanzet haben , dessen Anblick in alle Wege besser zu umgehen . Da ich endlich in die Stadt und nach dem Markt hinunterkam , stunden schon die Giebel der Häuser dunkel gegen den Abendhimmel , und war ob des Sonntages eine große Stille auf der Gassen ; nur aus der alten Kirche hinter den Lindenbäumen tönete ein sanftes Orgelspiel . Ich wußte wohl , es sei der Organiste Georg Bruhn , des noch berühmteren Nicolaus Bruhn Bruder und successor , der es liebte , in den Schummerstunden nur für sich und seinen Gott seine meisterliche Kunst zu üben ; und da ich inne ward , daß die Kirchthür unter den sogenannten Mutterlinden offen stund , so ging ich hinein und setzete mich in der Nordseite still in eines der alten Mönchsgestühlte . Es war aber , wenn gleich die Bäume draußen schon die meisten Blätter abgeworfen hatten , hier innen eine Dämmerung , daß ich die Bilder und Figuren an den Epitaphien , so diese gewaltige Kirche zieren , nur kaum erkennen mochte . Gleichwohl spielte da droben der unvergleichliche Meister noch immerzu ; und wie ich so in meiner Ecken saß , ganz allein hier unten , und von dem Dunkel immer mehr umhüllet ward , in das hinein die lieblichen Tongänge der Flöten und Oboen gleich sanften Lichtern spielten , da war mir , als wenn die beiden Engel drüben von dem Crucifix des Altarbildes zu mir herabflögen und mich mit ihren güldenen Flügeln deckten . Wie lange ich in solcher Huth geruhet , ist mir unbewußt ; schreckte aber itzt davon empor , daß der Schlag der Thurmuhr dröhnend in den weiten Raum hinunterhallte . Durch die nahezu kahlen Bäume schien der Mond in die hohen Fenster ; insonders war das mächtige Reiterstandbild des St. Jürgen mit dem Drachen , so eigentlich dem Gasthaus angehörte , zur Zeit aber hier neben dem Altar aufgestellet war , in einer so hellen Beleuchtung , daß ich das grimme Antlitz des Ritters und unter den Hufen des bäumenden Hengstes gleicherweise den aufgesperrten Schlund des Drachen von meinem Sitze aus gar wohl erkennen mochte . Aber das Tonspiel droben von der Orgel hatte aufgehört , und drüben an dem Altarbilde schwebten wieder die Engel zur Seiten des Gekreuzigten . Es war eine große Stille um mich her ; nur da ich , um hinauszugehen , die Thür des Gestühltes öffnete , scholl es von meinen Tritten weithin durch das Schiff der Kirchen . Eilends rannte ich , erst an die Norder- , dann an die Thurm- , dann an die Süderthür , fand aber alle fest geschlossen , und alles Klopfen , so ich mit meinen Fäusten itzt vollführete , schien an keines Menschen Ohr zu reichen . Da ich mich dann rathlos umwandte , fielen meine Blicke auf das große Epitaphium , das sich gegenüber an dem Pfeiler zeigt , bei dessen Fuße der alte Bürgermeister Ägidius Herfort begraben lieget . Man hatte aber an selbigem vorgestellet , daß der Tod , als ein natürliches Gerippe ganz aus Holz geschnitzt , gleich einer ungeheueren Spinnen an dem Conterfey des seligen Mannes heraufkriechet . Solches wollte mir anitzt nicht eben wohl gefallen ; denn durch die Schatten der vor den Fenstern wankenden Gezweige , so mit den Mondlichtern ihr Spiel darüber trieben , wollte mich fast bedünken , als ob das grimmig Unwesen mit dem Kopfe rucke und die spitzen Knochenfinger an des Seligen Gesicht hinaufstrecke . Da fuhr es mir gar noch durch den Sinn , selbiges könne auch wohl einmal abwärts an dem Pfeiler hinunterklettern oder sich gar umwenden und auf das nächste Gestühlte zuspringen . Wußte zwar , es sei das nur ein thörichtes Phantasma , drückte mich aber doch längs dem Steige nach dem großen Reiterbilde des Heiligen , fast unwillens wähnend , daß ich bei selbigem Schutz und Hülfe finden müsse . Freilich fiel mir bei , daß dieß papistische Gedanken und das hölzern Standbild nur gleichsam als ein Symbolum zu betrachten sei , legte aber doch meine Hand um den gespornten Fuß des Ritters . Da vernahm ich , wie drüben in der Vorderthür der große Schlüssel rasselte , und wollte schon dem Ausgange zustürzen , als ich die schwere Thür sich aufthun , aber in selbigem Augenblick sich wieder schließen sahe . Darauf vermochte ich hier innen weder etwas zu sehen noch eines Menschen Tritte zu vernehmen . Däuchte mir aber gleichwohl , daß etwas mit mir in der Kirchen sei , und itzo , da ich mit beklommenem Odem lauschte , hörte ich es deutlich schnaufen und drunten durch den Quergang trotten . Zitternd setzte ich meinen Fuß auf den des Reiterbildes , um solcher Weise mich auf das hölzern Roß hinaufzuschwingen . Es mochte dabei einiges Geräusch erfolget sein ; denn mit selbigem erscholl ein furchtbar dröhnend Geheul , und in weiten Sprüngen sahe ich einen schwarzen gar gewaltigen Hund gegen mich daherrennen . Aber schon stund ich oben auf dem Bug des Pferdes ; die eine Hand hatte ich um des Ritters Hals geleget , mit der andern nach des barmherzigen Gottes Eingebung dessen Lanze herausgerissen , so nur lose durch den Handschuh steckte . Da gab es einen Kampf zwischen einem vierzehnjährigen Buben und einer gar grimmigen und starken bestia . Mit funkelnden Augen sprang das Unthier an mir auf , mit seinen Tatzen riß es an meinem Schuhzeug , und ich sahe in den offenen Rachen mit der rothen dampfenden Zunge ; nur einer Spannen Weite brauchte es , so hatten die weißen Zähne , so gegen mich gefletschet waren , mich gefaßt und auf den Grund gerissen . Aber ich wehrte mich meines Leibes und stach dem Unthier mit meiner Lanzen in sein zottig Fell , daß es mehrmals heulend auf die Seite flog . Mir ist nicht bewußt , daß ich in solcher Noth der Menschen Hülfe angerufen , nur ein stumm und heiß Gebet zu Gott und seinen Engeln stieg aus meiner Brust ; auch meiner lieben Eltern gedachte ich , wenn sie mich hier an Gottes Altar so elendiglich zerrissen finden sollten . Denn da das Thier unter heiserem Geschnaufe allzeit aufs neue gegen mich sprang , so sahe ich wohl , daß ich aufs letzt ihm doch zur Beute wer den mußte . Schon begunnten die Sinne mir zu schwinden , und war mir , als sei es nun nicht mehr der Hund , sondern der Tod selber sei von dem Epitaphio herabgeklommen und von einem der Gestühlte auf mich zu gesprungen . Schon packten die knöchern Hände meine Lanze , da vernahm ich drunten in der Kirchen ein Rufen und Getöse , und wurde mir allzugleich , als flöge oben von dem Crucifix der eine Engel wiederum zu mir herab und risse mit seinen Armen den grimmen Tod von meinem jungen Leibe . » Türk , Türk , du Mordshund ! « hörte ich eine kleine tapfere Stimme unter mir , und als ich schwindelnd niederblickte , sah ich hart an dem rauhen Kopf des Unthiers ein gar lieblich Angesicht , das mit zwei dunkeln Augen angstvoll zu mir emporstarrete . Wohl strebte das Unthier noch mit Gewinsel zu mir auf ; aber zwei braune Ärmchen hatten sich um seinen Hals geklammert und ließen es nicht los ; auch leckte des Thieres Zunge ein paarmal wie liebkosend nach dem schönen Antlitz hin . Das alles gewahrte ich gleichsam mit einem Blick , da der Mond noch hell durch die Kirchenfenster leuchtete . Noch hörte ich eine Männerstimme rufen : » Ein Kind , ein Knabe , des Pastors Sohn aus Schwesen ! « , dann vergingen mir die Sinne , und ich stürzte von dem hölzern Roß herab . – – Da ich meiner wieder mächtig worden , fand ich mich in meinem Logement in meiner Bettstatt liegend und sahe meine alte Schneiderswitwen neben mir auf dem Stuhle , ihr grünes Fläschchen mit den Herztropfen auf dem Schoße . Ich that aber gleichwohl , als ob ich noch in Ohnmacht läge ; denn das Gesichtlein neben dem Kopf des grimmen Thieres stand mir gar lieblich vor , sobald ich nur die Augen schloß ; erwog auch bei mir selber , wenn es ein Engel möge gewesen sein , so hab es doch das Haar unter ein goldglitzernd Käpplein zurückgestrichen gehabt , wie es am Sonntag hierherum die Dirnen auf den Dörfern tragen ; ja , überkam mich fast die Lust , noch einmal auf St. Jürgens Gaul hinaufzuklettern . Erst als das gute Mütterchen mit der qualmenden Lampe mir unter die Nase fuhr , richtete ich mich auf in meinen Kissen . Da rief sie einmal über das andere ein großes Lobe-Gott ; dann zapfte sie mir aus ihrer grünen Flaschen und sagte : » Es ist gut , Josias , daß du heut morgen bei deinem Vater Gottes Wort gehört ; denn unter dem Thurm bei dem alten Taufstein soll unterweilen itzt der Teufel sitzen und bös Ding sein , mit weltlichen Gedanken ihm vorbeizukommen . « Ich aber frug gar ängstlich , ob sie mich denn dort hinausgetragen . » Freilich , Josias « , entgegnete sie ; » ' s war ja der Küster ; wer im Beruf gehet , der braucht sich nicht zu fürchten . « Da freuete ich mich , daß ich meiner Sinne ganz un mächtig gewesen ; denn ob meine Engelgedanken , die ich aus der Kirchen mitgenommen , geistlich oder aber weltlich seien , das wollte mir allganz nicht deutlich werden . Im übrigen fiel mir bei , daß der grausame Quadrupede , mit welchem ich gekämpfet , des Küsters Albert Carstens seiner müsse gewesen sein ; er hatte , wie ich wußte , einem dänischen Capitän gehört , der bei letzterem in Quartier gelegen , bei der Berennung der Finkenhausschanze aber sein Leben hatte lassen müssen . Und erzählete mir auch das gute Mütterlein , daß der vielen Einbrüch wegen sie den Hund zur Wache hätten in die Kirchen eingelassen . Woher aber der Engel kommen , der mich vor ihm bewahret , das wurde mir nicht kund ; mochte auch späterhin , aus weß Ursach war mir selber nicht bewußt , bei andern Leuten mich nicht darum befragen . Und ist mir in meiner noch übrigen Schulzeit , so viel ich an den Markttagen danach spähete , das lieblich Antlitz mit dem glitzernden Käpplein niemalen mehr begegnet . Anno Dom . 1705 . Es gab zwar zu Zeiten des Administratoris , Hochfürstlichen Durchlaucht Christian August , mit denen geistlichen Ämtern sonderbaren Umgang ; hatte doch der gewaltige Rath von Goertz das Pastorat zu Böel in Angeln auf der Hamburger Börsen an den Meistbietenden verkaufen lassen ; an einen Schlemmer und Spielbruder , dem man , da es hernach mit ihm zum Sterben ging , die Karten vorgehalten , ob er daran die Farben noch erkennen möge . Gleichwohl glückete es meinem lieben Vater , daß er aus seinem elendigen Diaconate zu Schwesen in das einträglichere Pastorat zu Schwabstätte gelangte und darin bestätiget wurde . Da ich bereits auf der Universität zu Kiel inscribiret war , so machten mich die von meinen lieben Eltern nun viel reichlicher fließende Subsidien für eine Weile gar übermüthig ; denn ich stolzirte in hohen Stiefeln und einem rothen Rockelor mit einem Degen an der Seiten ; ja , hatte gar einmal einen Ehrenhandel mit einem aus dem Adel , maßen selbiger meines Hauswirths ehrbare Tochter , so mich aber sonsten nichts anging , vor eine Studentenmetze proclamiret hatte . Im übrigen blieb ich nicht dahinter , weder in theologicis noch in philosophicis ; hielt mich in ersteren aber meist zu denen älteren professoribus , denn insonders unter den magistris legentibus waren derer , so entgegen der Lehre Pauli und unseres Dr. Martini die Macht des Teufels zu verkleinern und sein Reich bei den Kindern dieser Welt aufzuheben trachteten . Solches aber war nicht in meinem und meines lieben Vaters Sinne . Weil nun aber nach dem alten Spruche die Repetition die Mutter der Studien ist , so wurde nach absolvirtem biennio unter uns beschlossen , daß ich zu solchem Zwecke den Sommer des obbezeichneten Jahres im elterlichen Hause verleben , sodann aber zu weiterer Erudition für eine Zeitlang noch die berühmte Universität zu Halle beziehen solle . Langte also eines Nachmittages mit guter Gelegenheit in Husum an und bedienete mich für die noch übrige zwo Meilen der Beförderung der heiligen Apostel . Ich war freilich bislang in Schwabstätte noch nicht gewesen und des Weges unbekannt ; es führete selbiger aber zuerst durch die Marsch , wo er auf dem Lagedeiche geradehin läuft ; und wo es aufwärts dann in Sand und Heide ging , zeigte sich wohl hie und da eine Kathe , so daß ich mich leichtlich weiter fragen mochte . Plötzlich , da der Weg sich zu einer Anhöhe hinauf gewunden und schon der Abend seine Schatten warf , sahe ich unter mir das Dorf mit seinen rauchenden Dächern , wie es zwischen Busch und Bäumen längs dem Ufer des lieblichen Treeneflusses hingestrecket lag . Da klopfte mir das Herz , daß ich zu meinen lieben Eltern käme , und warf nur kaum noch einen Blick auf den Thurm des alten Bischofshauses , der im Abendgeleucht wie gülden an der Wasserseite aufragete , sondern schwang meinen Stab und sang gar lustig : Hier oben von der Höhe Da kommt der Herr Student ! Herr Vater , o Frau Mutter , Nun schüttelt mir die Händ ! Mit solchem war ich auch schon unten , und die Dorfshunde fuhren bellend nach meinen Stiefeln , die Weiber , so vor den Thüren stunden , glotzeten nach meinem rothen Rocke und stießen sich mit den Ellenbogen . Da ich aber durch die kleinen Häuser in das Dorf hineinschritt , erblickte ich hinter denselben , nach dem Flusse zu , ein groß und zweistöckig Gebäu , das lag wie in Einsamkeit und nahezu versteckt unter gewaltigen Bäumen ; war auch kein lebend Wesen dort zu sehen , weder am Hause noch an der Scheune , so dahinter lag ; nur oben aus den Baumkronen erhub sich groß Gevögel und flog dazwischen hin und wider . Da frug ich einen Alten : » Wer wohnet denn dort unten ? « – » Das wisset Ihr nicht ? « » Nein ; ich frage Euch eben derohalben . « – » Dort wohnet der Hofbauer « , entgegnete er , strich mit der Hand um seinen Stoppelbart und ging in seine Kathen . Schritt also mit solchem Bescheide fürbaß ; wandte aber , unwillens fast , wiederholentlich den Kopf und sehe rückwärts nach den Fenstern , die dorten so schwarz und heimlich unter den düsteren Bäumen glitzerten . Da , wie ich so eine Weile fast in Gedanken fortgegangen , hörete ich plötzlich » Josias , Josias ! « wie aus der Luft zu mir herabgerufen . Und war es mein lieb Mütterlein , die stund oberhalb des Kirchhofes auf der Höhe , darauf sie das Glockenhaus gebaut , und hatte durch den Abend nach mir ausgesehen . Da war ich flugs an ihrer Seiten und hielt sie an meiner Brust und frug alsbald , wo unsere Heimstätte itzo denn belegen sei ; und da sie nur über den Weg hinüber auf ein freundlich Haus und Garten zeigte , hub ich die fein und handlich Frau auf meine Arme und trug sie den Berg hinab . Und wiederum , aber solches Mal vom Hause her , rief es : » Josias , Josias ! « und unter herzlichem Lachen : » Aber gehet man so mit seiner Mutter um ? « Das war mein lieber Vater ; der war vor die Thür getreten und nahm sich nun die Mutter aus des Sohnes Armen ; denn er war von denen , welche wohl wissen , was ein Scherz bedeute , der aus reiner Herzensfreud quillet . Da aber mein Mütterlein nach ihrer lebhaften Art ihn drängte , ihren stattlichen Sohn gleich ihr mit Worten zu bewundern , entgegnete er fürsichtig : » Ja , ja , Mutter ; ich sehe , der Bruder studiosus ist gar wohl gerathen ; wollen sehen , ob der theologus darum nicht schlechter sei . « Dann führten die Eltern mich in meine Kammer ; die lag anmuthig nach dem Wald hinaus , und hat selbiger mich dorten oftmals nach meinem Nachtgebete sanft in Schlaf gerauschet . Zwar war der Fußboden nur mit Backsteinen ausgelegt ; aber mein Mütterlein hatte eine Decken übergebreitet , wie solche von den kleinen Leuten hier aus den Flußbinsen angefertigt werden . Bald stellete ich meine Bücher und die wohlgebundenen Collegienhefte auf den großen Tisch und saß zu meines lieben Vaters Freude mit großem Eifer über meiner Arbeit . Meine Mutter aber störete mich dann wohl , suchte mich ins Freie hinauszutreiben und sprach : » Was sollten doch die Leute denken , so dir in deiner Mutter Pflege die frischen Wangen einfielen ! « Und eines Abends , da es eben neun vom Glockenthurm geschlagen hatte , rief sie gar : » Da sitzest du noch , Josias , und weißt doch , daß des Kirchenältesten Tochter Hochzeit hält ! Da will es sich schicken , daß auch des Pastors Sohn mit der Braut ein Tänzchen mache ! « Dann hub sie meinen Rock vom Nagel , bürstete ihn säuberlich und steckte mir einen Hochzeitsthaler in die Taschen . Und itzt vernahm ich auch von fern das Fiedeln und Trompetten , und währete es nicht lang , so war ich mitten in der Hochzeit . Es sind aber nach altsächsischer Art die Häuser hier gebaut , also daß das Vieh , welches , wie dazumal im Sommer , auf den Koppeln oder Fennen weidet , zur Winterszeit zu beiden Seiten der großen Diele seinen Stand hat , die Stuben für den Bauern und seine Leute aber , was sie » Döns « benennen , der Thorfahrt gegen über zu unterst an der Dielen liegen . Da ich nun von draußen aus der sommerlichen Abendstille eintrat , war mir erstan , als sähe ich ein seltsam und beweglich Schattenspiel ; denn die Unschlittkerzen an den Ständern warfen nur karge rothe Lichter über die Köpfe derer , die hier sich durch einander drängten oder zu Paaren ihren Zweitritt tanzten und mit Juchzen und Gestampf den Musikanten Hülfe gaben . Und da der große Raum mit Gästen fast gefüllt war , so dauerte es eine Weile , ehe ich die Flitterkrone der Braut daraus emportauchen sahe ; machte dann meine Reverenz und drehte mich , obschon in dem Gedrang eine eigene Baurenkunst dazu gehörte , ein Dutzend Male mit selbiger hindurch . Hienach aber setzete ich mich zu einem Krämer aus der Stadt , so von der Schulzeit mir bekannt war , oder zu dem und jenen von denen älteren Bauren , die unter den Tonnen der Musikanten oder drinnen in der Döns an ihrem Bierkrug saßen . Es mochte solcher Weise die Zeit bis Mitternacht verflossen sein , da sahe ich auf dem Tritt zur Oberstuben eine Dirne stehen , abseits von den andern , als zieme ihr nicht , sich in den Haufen zu verlieren ; und da ich ihr im Rücken näher trat , gewahrete ich , daß sie zwar in Baurentracht gekleidet , ihr Röcklein aber von schwarzem Seidentaffet und : das Käppchen auf ihrem braunen Haar von rothem Sammet und gar reich mit Gold gesticket war . Mit dem , da itzt die Musikanten auf einen neuen Tanz anhuben , war ein junger Knecht zu ihr herangetreten ; der stieß einen Juchzer aus und winkte ihr , daß sie mit ihm in die Reihe träte . Aber sie wandte nur leichthin den Kopf , als sähe sie ihn kaum , und rührte sich nicht von ihrem Platze . Da stampfte der Bursche gar grimmig und mit einem Fluche auf den Boden ; und dauerte es nicht lang , so sahe ich ihn mit einer andern im Gedrang verschwinden . Die zierliche Dirn aber stund noch an dem Thürgerüste ; und hatte ich , da sie vorhin den Kopf gewandt , bemerket , daß sie die Kinderschuh noch nicht gar lang verworfen habe , denn ihre bräunlichen Wangen waren noch wie von zartem Pfirsichflaum bedecket . » Saget mir « , frug ich ein altes Weib , so eben mit einem Fäßchen Bier an mir vorüber wollte , » wer ist die feine Dirne dort ? « » Die , Jungherr ? Das ist die Renate vom Hof . « – » Vom Hof ? Da norden vor dem Dorf ? « » Ja , ja , Herr ! Oh , die ist stolz ! Wollen immer was Bessers sein , die vom Hof ; sind aber auch nur Bauern , sind sie ! « – » Und wer war « , frug ich wieder , » der